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authorEugen Wissner <belka@caraus.de>2025-11-05 09:33:23 +0100
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@@ -0,0 +1,770 @@
+---
+layout: post
+date: 2017-10-01 00:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Was ist Technik? Eine Auseinandersetzung mit dem Technikkonzept von Ernst Kapp
+teaser:
+ <p>Im vorliegenden Artikel geht es um die Anwendung des Technikkonzepts von Ernst Kapp auf die
+ heutige Technik. Eines der Gebiete, dessen Entwicklung für die Moderne unentbehrlich ist, ist die
+ Computertechnik. Wobei ich einen breit gefächerten Computerbegriff benutzen möchte.
+ Computer werden immer universeller und können immer mehr Aufgaben ausführen, deswegen sind sie bereits
+ ein Teil vieler Bereiche unseres Daseins. Sie werden vorprogrammiert, um anhand gegebener Daten bestimmte
+ Aktionen auszuführen. In diesem Sinne ist nicht nur ein Laptop ein Computer, sondern auch ein Handy;
+ genauso ist ein Roboter ein komplexer Computer.</p>
+---
+Im vorliegenden Artikel geht es um die Anwendung des Technikkonzepts von Ernst Kapp auf die
+heutige Technik. Eines der Gebiete, dessen Entwicklung für die Moderne unentbehrlich ist, ist die
+Computertechnik. Wobei ich einen breit gefächerten Computerbegriff benutzen möchte.
+Computer werden immer universeller und können immer mehr Aufgaben ausführen, deswegen sind sie bereits
+ein Teil vieler Bereiche unseres Daseins. Sie werden vorprogrammiert, um anhand gegebener Daten bestimmte
+Aktionen auszuführen. In diesem Sinne ist nicht nur ein Laptop ein Computer, sondern auch ein Handy;
+genauso ist ein Roboter ein komplexer Computer.
+
+ \section{Datenverarbeitung. Mensch und Maschine}
+
+Ein Computer ist vor allem ein Rechner. Es kommt einem so vor, als ob die Computer ganz
+verschiedene Informationsarten verwalten, bearbeiten und speichern können: Text, Musik, Bilder.
+
+ \begin{quote}
+Trotzdem ist ein Computer ein Gerät, das Probleme durch Berechnungen löst: Er kann nur
+diejenigen Sachverhalte „verstehen“, die man in Form von Zahlen und mathematischen
+Formeln darstellen kann. Dass es sich dabei heute auch um Bilder, Töne, Animationen, 3-D-Welten
+oder Filme handeln kann, liegt einfach an der enormen Rechengeschwindigkeit und Kapazität moderner
+Rechner.\autocite[35]{kersken:fachinformatiker}
+ \end{quote}
+
+Natürlich ist das nicht die grundlegendste Ebene:
+der Arbeitsspeicher und Prozessor wissen nichts von den Zahlen und der Arithmetik, aber die Mathematik ist
+trotzdem von fundamentaler Bedeutung für die logische Funktionsweise von Programmen.
+
+ \subsection{Darstellung der Daten im Computer. Zahlensysteme und das Zählen}
+
+Wenn man einen Text, ein Musikstück oder ein Bild speichern will, werden sie als eine Zahlenfolge
+interpretiert, und nicht eine Folge von Buchstaben, Noten oder Farben, wie sie für den Menschen
+erscheinen. Ein wichtiger Unterschied zum vom Menschen eingesetzten dezimalen Zahlensystem ist, dass
+für das Programmieren der Computer ein binäres Zahlensystem verwendet wird. Für das Rechnen verwenden
+wir ein Zahlensystem mit 10 Ziffern, von 0 bis 10, daher der Name „dezimal“. Das binäre
+Zahlensystem hat nur 2 Ziffern: 0 und 1, funktioniert aber wie ein dezimales oder jedes andere
+Zahlensystem, und lässt sich in jedes andere Zahlensystem übersetzen. Beim Zählen um eine Nummer
+größer als 9 zu erzeugen, setzt man sie aus mehreren Ziffern zusammen.
+
+ \noindent\begin{tabular}{cccccccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ & \multicolumn{9}{l}{\textbf{Ziffern des Dezimalsystems}} \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace
+ \end{tabular}
+
+ \noindent\begin{tabular}{cc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ & \textbf{Ziffern des Binärsystems} \\
+ \midrule
+ 0 & 1 \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Im binären Zahlensystem ist es genauso mit dem Unterschied, dass die zusammengesetzten Nummern
+bereits nach 1 folgt, weil es keine 2 gibt, so zählt man folgendermaßen: 0, 1, 10, 11, 100, 101, 110,
+111 und so weiter. Jeder Zahl in dieser Folge kann man eine dezimale Zahl zuordnen: 0 ist 0, 1 ist 1,
+10 ist 2, 11 ist 3, 100 ist 4 und so weiter.
+
+ \noindent\begin{tabular}{lcccccccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ & \multicolumn{9}{c}{\textbf{Zuordnung}} \\
+ \midrule
+ Dezimal & 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 \\
+ \midrule
+ Binär & 0 & 1 & 10 & 11 & 100 & 101 & 110 & 111 & 1000 \\
+ \bottomrule
+ \toprule
+ Dezimal & 9 & 10 & 11 & 12 & 13 & 14 & 15 & 16 & 17 \\
+ \midrule
+ Binär & 1001 & 1010 & 1011 & 1100 & 1101 & 1110 & 1111 & 10000 & 10001 \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Das dezimale Zahlensystem ist kaum etwas
+Eingeborenes, wir hätten auch binär, oktal oder hexadezimal rechnen können, aber die Wahl des
+Zahlensystems ist auch nicht zufällig. Kapp argumentiert, dass der Wahl des Zahlensystems die Tatsache
+zugrunde liegt, dass Menschen ihre Finger zum Zählen verwendeten und auch bis heute verwenden:
+
+ \begin{quote}
+Der Ausdruck für die Menge der Maßeinheiten derselben Art, die \textit{Zahl}, wurde, wie noch heute zur
+Unterstützung des Zählens geschieht, an den fünf Fingern abgezählt. Das griechische Wort für dieses Zählen
+nach Fünfen war \textgreek{πεµπάζειν}, „fünfern“. Die zehn Finger lieferten das Dezimalsystem
+und die zehn Finger mit Zugabe der beiden Hände des Duodezimalsystem.\autocite[75]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Das heißt, man hat die Besonderheit seines Organismus verwendet, um sich das Zählen beizubringen. Beim
+Entwickeln der Computertechnik hat man auf ein gut vertrautes System zurückgegriffen und es nur
+entsprechend modifziert. Die Hardware hat keine Finger, aber dafür elektronische Schaltungen, die zwei
+Zustände haben können: „Ein“ und „Aus“, die den beiden Ziffern des binären
+Zahlensystems entsprechen. „Die grundlegenden Funktionen, die im Computer stattfinden, lassen
+sich sehr leicht als elektrische Schaltpläne darstellen.“\autocite[85]{kersken:fachinformatiker}
+
+ \vspace{2em}
+
+ \noindent\begin{minipage}{.30\linewidth}
+ \begin{tabular}{ccc}
+ \toprule
+ 1 & 2 & Oder \\
+ \midrule
+ 0 & 0 & 0 \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 1 \\
+ \midrule
+ 1 & 0 & 1 \\
+ \midrule
+ 1 & 1 & 1 \\
+ \bottomrule
+ \end{tabular}
+ \end{minipage}
+ \begin{minipage}{.65\linewidth}
+ \centering
+ \includegraphics[scale=0.5]{/assets/images/was-ist-technik/or.png}
+ \captionof{figure}[Logisches Oder durch einfache Schalter]{%
+ Logisches Oder durch einfache Schalter\autocite[86]{kersken:fachinformatiker}
+ }
+ \end{minipage}
+
+ \vspace{2em}
+
+ \noindent\begin{minipage}{.30\linewidth}
+ \begin{tabular}{ccc}
+ \toprule
+ 1 & 2 & Und \\
+ \midrule
+ 0 & 0 & 0 \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 0 \\
+ \midrule
+ 1 & 0 & 0 \\
+ \midrule
+ 1 & 1 & 1 \\
+ \bottomrule
+ \end{tabular}
+ \end{minipage}
+ \begin{minipage}{.65\linewidth}
+ \centering
+ \includegraphics[scale=0.5]{/assets/images/was-ist-technik/and.png}
+ \captionof{figure}[Logisches Und durch einfache Schalter]{%
+ Logisches Und durch einfache Schalter\autocite[86]{kersken:fachinformatiker}
+ }
+ \end{minipage}
+
+ \vspace{2em}
+
+0 und 1 lassen sich also in eine für die Hardware verständliche Sprache übersetzen. Größere Zahlen
+bekommt man, wenn man mehrere Nullen und Einsen zusammensetzt, genauso wie man es vom Dezimalsystem kennt.
+Es bleibt herauszufinden, wie man andere Informationen umwandeln kann.
+
+Für einen Text ist es relativ einfach. Genauso wie in der Cäsar-Verschlüsselung kann man jedem Zeichen
+eine Zahl zuordnen. Es gibt deswegen sogenannte Kodierungen, Tabellen, die die Konvertierung zwischen
+den Zahlen und den Zeichen einer Schriftsprache ermöglichen. Eine der ältesten Kodierungen, die aber
+für die moderne Verhältnisse oft nicht mehr ausreicht, ist ASCII\@. Sie besteht aus 128 Zeichen, darunter
+sind sowohl die Buchstaben des lateinischen Alphabets (groß und klein separat), als auch Satzzeichen
+(Punkt, Komma und so weiter), als auch solche wie das Leerzeichen oder der Zeilenumbruch. Da man
+sehr bald einsehen musste, dass man vielmehr Zeichen braucht, um nicht englische Texte kodieren
+zu können, sind weitere Zeichenkodierungen entstanden wie UTF-8, UTF-16 oder UTF-32, wobei es auch
+viele anderen gibt (windows-1251, koi8-r und so weiter).
+
+ \noindent\begin{tabular}{cccccccccccccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ \multicolumn{16}{c}{\textbf{ASCII}} \\
+ \toprule
+ 97 & 98 & 99 & 100 & 101 & 102 & 103 & 104 & 105 & 106 & 107 & 108 & 109 & 110 & 111 & \dots \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & \@: & \@; & < & = & > & \dots \\
+ \bottomrule
+ \midrule
+ 65 & 66 & 67 & 68 & 69 & 70 & 71 & 72 & 73 & 74 & 75 & 76 & 77 & 78 & 79 & \dots \\
+ \midrule
+ A & B & C & D & E & F & G & H & I & J & K & L & M & N & O & \dots \\
+ \bottomrule
+ \toprule
+ 97 & 98 & 99 & 100 & 101 & 102 & 103 & 104 & 105 & 106 & 107 & 108 & 109 & 110 & 111 & \dots \\
+ \midrule
+ a & b & c & d & e & f & g & h & i & j & k & l & m & n & o & \dots \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Darstellung der Graphik ist recht ähnlich. Zunächst muss man ein Bild in die einzelnen
+„Buchstaben“ zerlegen. Im Falle der Graphik nennt man so einen „Buchstaben“
+ein \textit{Pixel}. Ein Pixel ist ein Bildpunkt. Die Pixel sind so klein, dass das menschliche
+Auge gar nicht merkt, dass ein Bild aus sehr vielen Pixeln zusammengesetzt wird, obwohl vor 30
+Jahren auf den alten Bildschirmen das noch zu sehen war. Da jedes Pixel eine eigene Farbe haben
+kann, muss jeder Farbe eine Zahl zugeordnet werden, die die jeweilige Farbe repräsentieren würde.
+Deswegen gibt es auch hier etwas etwas, was den Kodierungen der Buchstaben entpricht: Farbmodelle.
+Eines der am meistverbreiteten ist RGB (\textbf{R}ed, \textbf{G}reen, \textbf{B}lue).
+Die Farben entstehen aus Mischung der drei Grundfarben: Rot, Grün und Blau. Jeder der Grundfarben
+wird eine Zahl von 0 bis 255 zugeordnet, die der Intensivität der jeweiligen Farbe entspricht. Und
+man kann dann im Endeffekt jede Farbe als drei Zahlen jeweils von 0 bis 255 kodieren. Schwarz ist zum
+Beispiel [0, 0, 0] (alle Farben fehlen), Rot ist [255, 0, 0] (Rot hat den maximalen Wert, die anderen
+Farben sind nicht vorhanden), Gelb: [0, 255, 255] (Rot ist nicht vorhanden, Grün und Blau haben den
+maximalen Wert). Auch hier gilt es, dass es noch weitere Farbmodelle gibt, zum Beispiel
+\textit{CMYK}.
+
+ \noindent\begin{tabular}{ccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ Rot & Grün & Blau & Schwarz & Weiß \\
+ \midrule
+ (255, 0, 0) & (0, 255, 0) & (0, 0, 255) & (0, 0, 0) & (255, 255, 255) \\
+ \bottomrule
+ \toprule
+ Gelb & Pink & Dunkelgrün & Orange & Grau \\
+ \midrule
+ (0, 255, 255) & (255, 192, 203) & (0, 100, 0) & (255, 165, 0) & (190, 190, 190) \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Die Übersetzung der Informationen, Wahrnehmungen in eine für den Computer verständliche Form (in die
+digitale Form) heißt Digitalisierung. Dementsprechend, wenn man ein Ereignis mit einer Digitalkamera
+aufnimmt, wird die Aufname digitalisiert.
+
+ \begin{quote}
+In der Natur liegen alle Informationen zunächst in analoger Form vor: Das Bild, das Sie sehen,
+oder der Ton, den Sie hören, besitzt prinzipiell keine kleinste Informationseinheit oder Auflösung.
+Mit dieser Art von Informationen kann ein Computer heutiger Bauart nichts anfangen. Die besonderen
+Eigenschaften der Elektronik haben dazu geführt, dass Computer digital entworfen wurden.
+„Digital“ stammt vom englischen Wort \textit{digit} („Ziffer“); dieses Wort
+ist wiederum vom lateinischen \textit{digitus} („Finger“) abgeleitet, da die Finger von
+jeher zum Zählen eingesetzt wurden.\autocite[52]{kersken:fachinformatiker}
+ \end{quote}
+
+Es gibt mindestens einen sprachlichen Zusammenhang zwischen dem Zählen, das nach Kapp eines der Produkte
+der Organprojektion ist, und der digitalen Technik. Wenn man aus dem Fenster schaut, zählt man nicht die
+einzelnen Farben und unterteilt nicht das Gesehene in die kleinsten Bestandteile. Es ist nicht bekannt, ob
+die Natur überhaupt in die kleinsten Bausteine zerlegt werden kann. Es gibt auch eine Reihe von Emergenztheorien,
+die behaupten, dass die Natur mehr ist, als die Summe ihrer Teile.
+Von der Emergenz spricht man, wenn auf höheren Ebenen der Entwicklung Eigenschaften entstehen, die auf
+niedrigieren Ebenen nicht vorhanden waren und die nicht auf etwas noch grundlegenderes reduzierbar sind.
+
+ \begin{quote}
+Leben etwa ist eine emergente Eigenschaft der Zelle, nicht aber ihrer Moleküle; Bewusstsein ist
+eine emergente Eigenschaft von Organismen mit hoch entwickeltem Zentralnervensystem; Freiheit ist eine
+emergente Eigenschaft des menschlichen Organismus. Die einfacheren Lebensformen bilden zwar die Grundlage
+für die komplexeren; doch mit jedem Zusammenschluss zu einem neuen System entstehen auch qualitativ neue
+Eigenschaften, die es bei den vorangehenden Stufen noch nicht gab.“\autocite[93]{kather:leben}
+ \end{quote}
+
+Wir nehmen solche Systeme als eine Ganzheit wahr. Ein schöner Baum vermittelt uns kein
+ästhetisches Gefühl mehr, wenn er in Moleküle oder Atome zerlegt wird. Computer degegen, um solche
+Eindrücke verarbeiten und speichern zu können, zerlegen sie sie in Informationseinheiten. Damit das Bild
+eines Baumes auf meiner Festplatte gespeichert werden kann, muss es in möglichst kleine Punkte,
+von denen jedem eine Farbe zugeordnet wird, zerlegt werden, diese Bildpunkte oder Pixel müssen dann abgezählt
+werden und dann können sie gespeichert werden. Deswegen macht die Abstammung des Wortes
+„Digitalisierung“ vom „Finger“ als dem Organ, das beim Zählen
+Abhilfe schuf, immer noch Sinn: Bei der Digitalisierung werden die Elemente, zum Beispiel eines Bildes,
+abgezählt, weil nur eine endliche Anzahl von Elementen aufgenommen werden kann, und dann gespeichert.
+
+Andererseits, obwohl wir unsere Umwelt als eine Ganzheit wahrnehmen, besteht die Natur aus kleineren
+Bausteinen. Der menschliche Körper besteht aus Molekülen, Atomen, Elementarteilchen. Und genauso hat
+man die Welt der Informationstechnologien aufgebaut. Es gibt immer eine Informationseinheit (ein
+Buchstabe, ein Pixel), aus deren Zusammenstellung ein komplexeres Gebilde entsteht (ein Text oder ein
+Bild). Wie ein Atom aus Protonen, Neutronen und Elektronen besteht, können auch solche
+„Informationseinheiten“ weiter zerlegt werden. Der Buchstabe „A“ des lateinischen
+Alphabets hat den ASCII-Code 65. 65 ist größer als 1, ist also nicht direkt repräsentierbar. In der
+binären Darstellung enspricht der Zahl 65, die Zahl 0100 0001. 0 oder 1 in dieser Folge heißen ein
+\textit{Bit}. Eine Folge aus 8 Bits ist ein \textit{Byte}. Ein Bit ist die kleinste Einheit für den
+Computer. Man braucht also ein Byte, um 65 oder „A“ speichern zu können. Und dieses Byte ist
+in noch kleinere „Elementarteilchen“, Bits, zerlegbar. Wenn die Technik in der Tat die
+unbewusste Projektion des menschlichen Organismus sein soll, dann ist die Art, wie die Verarbeitung der
+Daten im Computer abläuft, noch ein Beleg dafür.
+
+Der Organprojektion verdankt man nach Kapp die Fähigkeit zu zählen. Diese Fähigkeit hat dem Menschen
+ermöglicht die Welt zu ermessen. Man hat gelernt Gewicht und Abstand zu messen. Mit der Einführung des
+Geldes kann man den Reichtum messen. Und heute kann man auch Informationen messen. Für das Messen
+des Abstandes wurden Einheiten eingeführt wie Millimeter, Zentimeter, Meter oder Kilometer; für diese
+des Gewichtes --- Gramme und Kilogramme. Um die Informationen digital darstellen zu können, müssen
+sie auch messbar sein. Die kleinste Informationseinheit ist ein Bit. Mit einem Bit ist nur ein 0 oder
+1 darstellbar. Eine Folge aus 8 Bits ist ein Byte. 1000 Bytes (B) sind ein Kilobyte. 1000 Kilobytes (KB)
+sind ein Megabyte (MB). Es gibt dann Gigabytes (GB), Terrabytes (TB), Petabytes (PB) und so weiter. Es
+gibt auch Masseinheiten die auf Besonderheit der Computer-Technik abgestimmt und vom binären
+Zahlensystem abgeleitet sind: 1 Kibibyte (KiB) = 1024 (2$^{10}$) Byte, 1 Mebibyte (MiB) = 1024 KiB und
+so weiter. Aber die Grundlage bleibt immer dieselbe: Man hat ein Zahlensystem, das dazu verhilft, die
+Information „abzählbar“ zu machen, damit man sie digital verarbeiten kann.
+
+ \subsection{Alte Prinzipien im Lichte der neuen Technik}
+
+Maßeinheiten, Zahlen, Zahlensysteme kannte man vor der Elektrotechnik. Mit der Entwicklung der Technik
+hat man nur gelernt, sie anders einzusetzen. Das kann einerseits rechtfertigen, dass die
+Spekulationen der Technikphilosophie nicht vergänglich sind, dass sie mit dem Fortschritt der Technik
+nicht notwendig veraltet werden. Andererseits kann es auch für die Organprojektion sprechen, weil
+der eigene Organismus dasjenige ist, was den Menschen durch seine Geschichte begleitet hat, sodass
+die Erkenntnisse, die er aus seinem Organismus gewonnen hat, bestehen bleiben und nur erweitert,
+korrigiert und neu angewendet werden.
+
+Auch von der Möglichkeit, Texte zu „digitalisieren“, konnte man sehr früh Gebrauch machen,
+und zwar im Zusammenhang mit der Kryptographie, das heißt der Verschlüsselung und Entschlüsselung von Daten.
+Den Bedarf, Nachrichten verschlüsselt zu verschicken, gibt es wohl mindestens so lange, wie es Kriege gibt.
+Eines der ältesten Verschlüsselungsverfahren wird Cäsar zugeschrieben:
+
+ \begin{quote}
+Julius Caesar is credited with perhaps the oldest known symmetric cipher algorithm. The so-called
+\textit{Caesar cipher} --- [\dots] --- assigns each letter, at random, to a number.
+This mapping of letters to numbers is the key in this simple algorithm.\autocite[30\psq]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist, dass die Kryptographie nicht nur für bestimmte Gruppen
+(wie die Militär) interessant ist. Wenn man die Website seiner Bank, ein soziales Netzwerk oder seine
+Lieblingssuchmaschine besucht, werden die eingegebenen Daten verschlüsselt vor dem Versenden und dann am
+anderen Ende, vom Empfänger (der Bank, dem sozialen Netzwerk oder der Suchmaschine), entschlüsselt.
+
+Bei der Cäsar-Verschlüsselung wird jeder Buchstabe eines geordneten Alphabets um mehrere Positionen nach
+rechts verschoben. „Verschieben“ heißt, einen Buchstaben mit einem anderen zu ersetzen,
+der $n$ Positionen weiter vorkommt. $n$ heißt dann \textit{Schlüssel} (\textit{key}). Zum Beispiel, wenn
+jedes Zeichen des Klartextes um 2 Positionen nach rechts verschoben werden muss, wird \textit{A}
+zu \textit{C}, \textit{B} zu \textit{D}, \textit{Z} zu \textit{B} usw. Um den Text dann wieder zu
+entschlüsseln, muss man die Anzahl der Positionen kennen, um die jedes Zeichen verschoben wurde,
+damit man das rückgängig machen kann (also um $n$ \textbf{nach links} verschieben). Dies ist
+ein \textit{symmetrischer} Algorithmus, weil für die Verschlüsselung und die Entschlüsselung derselbe
+Schlüssel $n$ verwendet wird: Bei der Verschlüsselung muss man um $n$ Positionen nach rechts verschieben,
+bei der Entschlüsselung --- um $n$ Positionen nach links.
+
+Symmetrische Kyptographie wird immer noch weit eingesetzt. Wenn auch die modernen Algorithmen (Data Encryption
+Standard, Advanced Encryption Standard u.Ä.\autocite[Vgl.][30\psqq]{davies:tls}) etwas komplexer
+sind, funktionieren sie sehr ähnlich:
+
+ \begin{quote}
+With symmetric cryptography algorithms, the same key is used both for encryption and decryption. In some
+cases, the algorithm is different, with decryption „undoing“ what encryption did. In other
+cases, the algorithm is designed so that the same set of operations, applied twice successively, cycle
+back to produce the same result: [\dots].\autocite[30]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+Das heißt die Computerindustrie hat unsere Denkweise nicht kardinal geändert. Man hat mit der Technik nicht
+eine komplett neue Welt erschaffen, sondern man hat nach Wegen gesucht, erpobte Vorgehensweisen auf die neue
+Technik anzuwenden. Für die Techniktheorien, wie die von Kapp, kann es bedeuten, dass sie nicht komplett
+von der zu jeweiliger Zeit vorhandenen Technik abhängig. Ein vor Jahrtausenden entwickeltes
+Verschlüsselungskonzept findet immer noch Anwendung unter ganz anderen Bedingungen. Natürlich kann die
+Cäsar-Verschlüsselung nicht mehr eingesetzt werden, sie ist anfällig für die sogenannten
+„Brute-Force-Angriffe“: Ausprobieren aller möglichen Kombinationen oder Schlüssel. Für einen
+deutschen Text gibt es höchstens 30 Schlüssel, die man ausprobieren soll, um einen Text zu entschlüsseln
+(wenn man annimmt, dass das deutsche Alphabet 30 Buchstaben hat). Ein moderner Rechner kann diese Aufgabe
+in Sekunden lösen. Deswegen wurden Algorithmen entwickelt, die auch von einem Computer nicht so einfach
+rückängig zu machen sind, wenn man den Geheimschlüssel nicht kennt. Sie basieren aber auf derselben Grundlage
+und auch die kann man theoretisch durch das Ausprobieren aller möglichen Schlüssel umgehen, nur dass es
+auch für leistungstärkste Rechner Jahre und Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde, dies durchzuführen.
+
+ \subsection{Eric Kandel. „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“}
+
+Wenn man eine Stufe tiefer geht und die Computertechnik auf der mechanischen Ebene betrachtet, findet
+man noch weitere Argumente für Kapps These.
+Bei einer oberflächlichen Betrachtung fällt einem sofort auf, dass die Computer komplexe Maschinen sind,
+die aus mehreren Bauteilen bestehen.
+
+ \begin{quote}
+Die Hardware besteht grundsätzlich aus Zentraleinheit und Peripherie. Zur Zentraleinheit zählen vor
+allem der Mikroprozessor, der Arbeitsspeicher (RAM), die verschiedenen Bus- und Anschlusssysteme sowie
+das BIOS\@. Zur Peripherie gehören sämtliche Bauteile, die zusätzlich an die Zentraleinheit angeschlossen
+werden; sie dienen der Ein- und Ausgabe sowie der dauerhaften Speicherung von
+Daten.\autocite[115\psq]{kersken:fachinformatiker}
+ \end{quote}
+
+Der menschliche Organismus hat auch eine „Peripherie“, zu der die „Bauteile“ gehören,
+die der „Ein- und Ausgabe“ dienen. Ein Eingabegerät eines Rechners ist zum Beispiel eine
+Tastatur oder Maus. Man tippt etwas ein, die Informationen werden an die Zentraleinheit weitergeleitet
+und dort verarbeitet. „Eingabegeräte“ des menschlichen Körpers sind seine Sinnesorgane, unter
+anderem seine Augen und Ohren. Man nimmt die Informationen aus der Außenwelt auf und sie werden zu seiner
+„Zentraleinheit“ weitergeleitet und dort verarbeitet. Zu Ausgabegeräten zählen
+der Bildschirm und die Lautsprecher. Das „Ausgabegerät“ des Menschen ist
+beispielsweise sein Mundwerk.
+
+Zur Zentraleinheit gehört der Mikroprozessor (Central Processing Unit, kurz
+CPU)\autocite[Vgl.][119]{kersken:fachinformatiker},
+„das eigentliche Herzstück des Computers, das für die Ausführung der Programme sowie für die
+zentrale Steuerung und Verwaltung der Hardware zuständig
+ist.“\autocite[119]{kersken:fachinformatiker} Das, was für die Maschine der Mikroprozessor ist, ist für
+den Menschen sein Gehirn: „[\dots] alle Zellen [haben] spezialisierte Funktionen. Leberzellen
+beispielsweise führen Verdauungsaktivitäten aus, während Gehirnzellen über bestimmte Mittel verfügen,
+Informationen zu verarbeiten und miteinander zu kommunizieren.“\autocite[74]{kandel:gedaechtnis}
+
+Der menschliche Körper besteht also aus verschiedenartigen Zellen, die für bestimmte Aufgaben zuständig
+sind. Man kann auch ein ähnliches Aufbaukonzept bei einem Rechner beobachten. Abgesehen vom Mikroprozessor
+kann er auch weitere Bestandteile wie die Grafikkarte oder Audiokarte, die zur Peripherie gehören, oder
+der Arbeitsspeicher, der ein Teil der Zentreinheit ist, haben.\autocite[Vgl.][120]{kersken:fachinformatiker}
+Und diese Bestandteile haben auch ihre spezifischen Funktionen, wie die Video- oder Audioverarbeitung.
+
+Der Mikroprozessor ist allerdings das „Gehirn“ eines Rechners. Man kann sich einen Desktop-PC
+ohne eine Grafikkarte (der also nichts auf den Bildschirm ausgeben kann) kaum vorstellen. Es gibt
+aber auch die sogenannten Server, Computer, die bestimmte Dienste anbieten. Zum Beispiel, wenn man eine
+Webseite besucht, stellt man hinter den Kulissen eine Anfrage zu einem entfernten Computer, auf dem die
+Webseiteninhalte gespeichert sind. So ein Computer ist ein Beispiel eines Servers. Und solche
+Serversysteme bedürfen oftmals keine Bildschirmausgabe, ihre Aufgabe ist schlicht, die Anfragen der
+Benutzer anzunehmen, die richtigen Inhalte entsprechend der Anfrage auszusuchen und sie an den
+Besucher der Webseite schicken, damit er sie auf \textit{seinem} Bildschirm sehen kann. Wenn ein
+menschliches Organ „defekt“ ist, seine Funktionen nicht mehr vollständig ausführen kann, dann
+führt es zu Einschränkungen der Lebensqualität. Daher gibt es blinde und taube Menschen. Wenn einige
+Teile eines Computersystems defekt oder nicht vorhanden sind, dann ist seine Funktionalität auch
+eingeschränkt, es kann zum Beispiel keinen Ton wiedergeben oder kein Bild ausgeben. Die Art der
+Einschränkung ist aber in den beiden Fällen nicht dieselbe. Kapp hat ja immer auf den Unterschied
+zwischen dem Organischen und Mechanischen hingewiesen, darauf, dass wir uns „des Andranges solcher
+Ansichten erwehren [müssen], welche den redenden, organisch gegliederten Menschen in den Räder- und
+Tastenautomat Hübners einsargen möchten“\autocite[101]{kapp:technik}. Hier tritt die Differenz
+zwischen dem Organischen und Mechanischen nochmal ans Licht. Ein Organismus ist ein Ganzes, eine Einheit,
+die nicht ohne ein Verlust zerlegt werden kann, hier ist das Ganze mehr als die Summe der Teile. Ein
+Mensch kann wunderbar ohne eine Lunge auskommen (wenn man eine Lunge im Folge einer Krebskrankheit
+verloren hat). Vielleicht muss man auf manche Sportarten in seinem
+Leben verzichten, aber wenn man sowieso keinen Sport treibt, kann es für manche Menschen irrelevant
+sein. Und trotzdem wird es als eine Einschränkung betrachtet, als etwas, was normalerweise nicht der
+Fall sein soll. Ein Mechanismus dagegen ist die Summe der Teile und nicht mehr als das. Er ist
+nach einem Plan gebaut, da gibt es nichts Unbekanntes: „Das physikalische Gesetz deckt allerdings
+vollkommen den Mechanismus, nicht aber den Organismus, den wir nur insoweit begreifen, wie wir mit
+jenem reichen“\autocite[101]{kapp:technik}. Das Fehlen einiger Komponenten in einem Serversystem,
+die in einem Desktop-PC vorhanden sind, wird nicht als eine Einschränkung betrachtet, solange der Server
+seine Aufgaben erfüllen kann. Das heißt, solange die Technik ihrem unmittelbaren Zweck dienen kann, ist
+sie durch das Fehlen einiger Komponente nicht eingeschränkt. Selbst wenn die Audiokarte meines Rechners
+kaputtgeht, ist das mehr eine Einschränkung für mich, weil ich keinen Ton habe, als für meinen Rechner.
+
+Wenn zu Kapps Zeiten die Organtransplantation und die Medizin überhaupt den heutigen Stand der Entwicklung
+gehabt hätte, würde er bestimmt noch auf Folgendes aufmerksam machen. Wenn ein technisches Gerät
+kaputtgeht, kann man es je nach der Art des Defektes reparieren. Wenn ein Kabel reißt, kann man es
+meistens löten, sodass es weiterhin seine Funktion erfüllt. Wenn ein Teil komplexer ist, ist es
+oft günstiger, dieses Teil einfach auszutauschen. Nun könnte man mit Kapp argumentieren, dass die
+Medizin ihre Entstehung dem verdankt, dass der Mensch gesehen hat, dass er von ihm erzeugte Artefakte
+reparieren kann, und daraus geschlossen hat, dass es eine Möglichkeit geben muss, auch den Menschen
+zu „reparieren“. Und diese Erkenntnis kann sehr alt sein, da sogar so etwas Einfaches wie
+ein Hammer kaputtgehen kann. Als man komplexere Maschinen reparieren musste, könnte einem
+eingefallen sein, dass man auch den Organismus durch ersetzen der Organe heilen kann. Im
+Gebrauchtwarenhandel (e.g.\ eBay) sind seit einiger Zeit Geräte „für Bastler“ zu kaufen, das heißt
+kaputte Geräte, denen man aber noch funktionierende Teile entnehmen kann, um ähnliche Modelle wieder
+beleben zu können --- die Möglichkeit, die einem Arzt durch das Vorhandensein eines Organspendeausweises
+bei einem Verstorbenen eröffnet wird.
+
+Wie aber ein Mensch nicht ohne Gehirn leben kann, kann ein Computer nicht ohne den Mikroprozessor
+funktionieren. Eric Kandel, ein Gehirnforscher unserer Zeit, und ein
+Nobelpreisträger,\autocite[Vgl.][11--15]{kandel:gedaechtnis} schreibt in seinem Buch
+„Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ über drei Prinzipien, auf denen die
+Biologie der Nervenzelle beruht:
+
+ \begin{quote}
+Die \textit{Neuronenlehre}
+(die Zelltheorie, auf das Gehirn angewandt) besagt, dass die Nervenzelle --- das Neuron --- der
+Grundbaustein und die elementare Signaleinheit des Gehirns ist. Die \textit{Ionenhypothese} betrifft
+die Informationsübertragung innerhalb der Nervenzelle. Sie beschreibt die Mechanismen, durch die einzelne
+Nervenzellen elektrische Signale, so genannte Aktionspotenziale, erzeugen, die sich innerhalb einer
+gegebenen Nervenzelle über beträchtliche Entfernungen ausbreiten können. Die \textit{chemische Theorie der
+synaptischen Übertragung} befasst sich mit der Informationsübermittlung zwischen Nervenzellen. Sie beschreibt,
+wie eine Nervenzelle mit einer anderen kommuniziert, indem sie ein chemisches Signal, einen Neurotransmitter,
+freisetzt. Die zweite Zelle erkennt das Signal und reagiert mit einem spezifischen Molekül, dem Rezeptor, an
+ihrer äußeren Membran.\autocite[75\psq]{kandel:gedaechtnis}
+ \end{quote}
+
+Bei jedem dieser drei Prinzipien handelt es sich um die Informationsübertragung. Der menschliche Körper
+ist ein komplexes System, dessen Untersysteme anhand von Signalen miteinander kommunizieren. Wenn ich etwas
+berühre, führt es zur Erregung einer Nervenzelle, die das Signal an andere Zellen und an das Gehirn
+weiterleitet. Funktional ist das derselbe Prozess, den man auch von Computern kennt: Wenn eine Taste
+der Tastatur betätigt wird, muss das über eine Kette der Signale dem Mikroprozessor mitgeteilt werden.
+
+Auch der Sprachgebrauch der Neurobiologie verweist auf die Technik:
+
+„[\dots] Nervenzellen [sind] innerhalb bestimmter Bahnen verknüpft, die er [Santiago Ram\'o y Cajal]
+neuronale Schaltkreise nannte.“\autocite[81]{kandel:gedaechtnis}
+
+„Schaltkreis“ ist ein Begriff, der aus der Elektrotechnik kommt und jetzt in der
+Neurobiologie Anwendung findet. Kapp ist auch zu seiner Zeit auf eine Reihe von Begriffen aufmerksam
+geworden, die zunächst zur Beschreibung der Artefakte verwendet wurden, dann aber für die Beschreibung des
+Organismus übernommen wurden:
+
+ \begin{quote}
+Aus der Mechanik wanderten demzufolge zum Zweck physiologischer Bestimmungen eine Anzahl von
+Werkzeugnamen nebst ihnen verwandten Bezeichnungen an ihren Ursprung zurück. Daher spielen in der Mechanik
+der Skelettbewegungen Ausdrücke wie \textit{Hebel, Scharnier, Schraube, Spirale, Achsen, Bänder,
+Schraubenspindel, Schraubenmutter} bei der Beschreibung der Gelenke eine angesehene
+Rolle.\autocite[71]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Es ist bemerkenswert, dass Kandel die elektrische Signalübertragung „die Sprache des
+Geistes“\autocite[Vgl.][90]{kandel:gedaechtnis} nennt: „ [\dots] sie ist das Mittel,
+mit dessen Hilfe sich Nervenzellen, die Bausteine des Gehirns, miteinander über große Entfernungen
+verständigen.“\autocite[90]{kandel:gedaechtnis} Das heißt, dass das, was man der
+Computertechnik zugrunde gelegt hat, hat man dann in der Gehirnforschung wiedergefunden: Die Signalübertragung der
+anhand elektrischer Signale.
+
+Hier endet allerdings die Ähnlichkeit der Funktionsweise nicht. Elektrische Signale werden bei der
+Computertechnik nicht einfach weiter, sondern auch nach Bedarf gestoppt. Zum Beispiel wird logisches
+Und mit einer Reihenschaltung mit zwei Schaltern realisiert.\autocite[Vgl.][86]{kersken:fachinformatiker}
+Wenn einer der Schalter geschlossen ist, wird das Signal gestoppt, was $0 \wedge 1 = 0$ oder
+$1 \wedge 0 = 0$ entsprechen würde. Bei den Nervenzellen kann man einen ähnlichen
+„Schaltmechanismus“ entdecken:
+
+ \begin{quote}
+[\dots] nicht alle Nerventätigkeit [ist] erregend (exzitatorisch) [\dots], dass also nicht alle
+Nervenzellen ihre präsynaptischen Endigungen dazu benutzen, die nächste Empfängerzelle in der Reihe zu
+stimulieren, damit sie die Information weiterleitet. Einige Zellen sind hemmend (inhibitorisch). Sie
+verwenden ihre Endungen dazu, die Empfängerzelle an der Weiterleitung der Information zu
+hindern.\autocite[87]{kandel:gedaechtnis}
+ \end{quote}
+
+Des Weiteren kennen auch die Nervenzellen keine „schwächere“ oder „stärkere“
+Signale:
+
+ \begin{quote}
+Adrians Aufzeichnungen in einzelnen Nervenzellen zeigten, dass Aktionspotenziale dem
+Alles-oder-Nichts-Gesetz gehorchen: Sobald die Schwelle für die Erzeugung eines Aktionspotenzial erreicht wird,
+ist das Signal stets gleich --- in der Amplitude wie in der Form\autocite[94]{kandel:gedaechtnis}
+ \end{quote}
+
+
+ \subsection{Asymmetrische kryptographische Algorithmen und die Stellung des Menschen}
+
+Manche Anwendungsbereiche profitieren immer noch sehr stark von der ursprünglichen Tätigkeit der Rechner:
+dem Rechnen. Ein solcher Bereich ist die Kryptographie. Als nächstes möchte ich einen kryptographischen Algorithmus
+darstellen, der seit einigen Jahrzehnten erfolgreich im Internet eingesetzt wird. Mein Ziel dabei wäre, zu
+untersuchen, was die „Denkweise“ einer Maschine von der Denkweise eines Menschen unterscheiden
+kann. Kapp hat zwar versucht, die
+Organprojektion stark zu machen, aber hat trotzdem geglaubt, dass der Mensch nicht vollständig in
+eine Maschine projiziert werden kann, dass er immer Anlagen hat, die in der technischen Welt nicht
+vorkommen können.
+
+Algorithmen, die mit einem Geheimwort, einem Geheimschlüssel arbeiten (sogenannte symmetrische Verschlüsselung)
+sind im Zeitalter des Internets nicht allein verwendbar. Das Problem ist, dass
+die beiden Seiten der Kommunikation einen Geheimschlüssel austauschen müssen. Wenn Sie eine E-Mail
+verschicken möchten, können Sie sie verschlüsseln, aber Sie müssen den Geheimschlüssel dem Empfänger
+mitteilen, damit er Ihre Nachricht auch entschlüsseln und lesen kann. Wenn Sie den Geheimschlüssel zusammen
+mit der Nachricht verschicken, dann geht die ganze Sicherheit verloren, weil, dann jeder, der den Zugriff
+zu Ihrer Nachricht bekommt, kann sie auch entschlüsseln. Um dieses Problem zu lösen, wurden
+„asymmetrische“ kryptographische Verfahren entwickelt. Sie operieren genauso wie
+die Cäsar-Verschlüsselung mit den Schlüsseln, aber für die Verschlüsselung und Entschlüsselung werden
+verschiedene Schlüssel verwendet (deswegen nennt man sie asymmetrisch). Deren Funktionsweise ist der
+der symmetrischen Algorithmen nicht ähnlich, weil ihnen bestimmte Eigenschaften der Zahlen zugrunde liegen.
+Streng genommen kann man mit deren Hilfe nur Zahlen verschlüsseln und die Tatsache, dass man
+viele Informationen in der Form von Zahlen darstellen kann, macht deren Verwendung überhaupt erst möglich.
+
+„By far the most common public-key algorithm is the „RSA“ algorithm, named after its
+inventors Ron \textit{Rivest}, Adi \textit{Shamir}, and Leonard
+\textit{Adleman}.“\autocite[91]{davies:tls}
+
+RSA ist relativ simpel. Dessen Sicherheit basiert nicht auf komplexen Formeln, sondern darauf, dass es
+mit sehr großen Zahlen operiert wird, sodass selbst die leistungsstärksten Rechner Jahrzehnte brauchen
+würden, um auf die richtige Antwort zu kommen, ohne den Geheimschlüssel zu kennen. Und das mit Einbeziehung
+der Tatsache, dass die Computer immer schneller werden.
+
+Also für die Verschlüsselung und Entschlüsselung werden zwei Schlüssel verwendet, einen davon nennt man
+den öffentlichen Schlüssel (\textit{public key}), den anderen --- den privaten Schlüssel (\textit{private
+key}). Der öffentliche Schlüssel heißt so, weil er öffentlich gemacht wird. Das eigentliche
+„Geheimwort“ ist der private Schlüssel. Stellen wir uns zwei Personen vor, Max und Sven, und
+Max will dem Sven eine E-Mail senden. Dafür muss Sven im Besitz der zwei oben genannten Schlüssel sein.
+Den öffentlichen Schlüssel stellt Sven dem Max und jedem anderen zur Verfügung, den privaten kennt nur er.
+Max verschlüsselt seine Nachricht mit Svens öffentlichem Schlüssel, verschickt sie, und nur der Besitzer
+des privaten Schlüssels, Sven, kann die Nachricht entschlüsseln. Der private Schlüssel wird zu keinem
+Zeitpunkt verschickt, der bleibt immer bei Sven. So verschwindet das Problem, das man mit der
+symmetrischen Kryptographie hat. Man muss nur zwei Schlüssel generieren können, die die Eigenschaft
+besitzen, dass, wenn man mit dem einen etwas verschlüsselt, allein der Besitzer des dazugehörigen
+privaten Schlüssels, es entschlüsseln kann.
+
+Was sind diese Schlüssel eigentlich? Jeder davon besteht aus je zwei Zahlen:
+
+$e$ und $n$ --- Öffentlicher Schlüssel.
+
+$d$ und $n$ --- Privater Schlüssel.
+
+Wenn $m$ die Nachicht ist, die verschüsselt werden soll, dann funktioniert es, wie folgt:
+
+\begin{equation}
+ c = m^e \bmod n
+\end{equation}
+
+$c$ ist jetzt die verschlüsselte Nachricht. $e$ und $n$ gehören, wie oben beschrieben, zu dem öffentlichen
+Schlüssel. $a \bmod b$ berechnet den Rest der Division $a$ geteilt durch $b$. Bei der Entschlüsselung
+bedient man sich derselben Formel, nur $e$ wird mit $d$ (die Komponente des privaten Schlüssels) ersetzt:
+
+\begin{equation}
+ m = c^d \bmod n
+\end{equation}
+
+ \subsubsection{Beispiel}
+
+Nehmen wir an, Max will Sven die PIN seiner Bankkarte „1234“ übermitteln. Sven hat Max
+seinen öffentlichen Schlüssel mitgeteilt (der aus 2 Zahlen besteht):
+
+\begin{gather*}
+ e = 79 \\
+ n = 3337
+\end{gather*}
+
+Der private Schlüssel von Sven (den nur er kennt, aber nicht Max) ist:
+
+\begin{gather*}
+ d = 1019 \\
+ n = 3337
+\end{gather*}
+
+Max berechnet:
+
+\begin{equation*}
+ 1234^{79} \bmod 3337 = 901
+\end{equation*}
+
+Sven bekommt $901$ und berechnet:
+
+\begin{equation*}
+ 901^{1019} \bmod 3337 = 1234
+\end{equation*}
+
+So kann Sven verschlüsselte Nachrichten empfangen, ohne seinen Geheimschlüssel jemandem mitteilen zu
+müssen.\autocite[Vgl.][114\psq]{davies:tls} Wenn wir wissen, dass alle Informationen, mit denen ein Computer
+arbeiten kann als Zahlen repräsentierbar sind, kann man diese Vorgehensweise für jede vermittels eines
+Computers geschehende Kommunikation verwenden.\footnote{Am Rande erwähnt wird die asymmetrische Kryptographie
+nicht zur Verschlüsselung der eigentlichen Nachrichten verwendet, es ist zu langsam, um große Mengen
+an Informationen zu verschlüsseln, sondern sie wird nur für das \textit{Key Exchange} verwendet.
+Die symmetrischen Algorithmen hatten das Problem, dass beide Kommunikationspartner denselben Schlüssel
+teilen müssen. Algorithmen, wie RSA, benutzt man, um den Schlüssel eines symmetrischen Algorithmus dem
+anderen Kommunikationspartner zu übermitteln. Danach wird die Kommunikation normalerweise symmetrisch
+verschlüsselt.}
+
+In dem Beispiel oben wurden sehr kleine Zahlen verwendet. Aber selbst die Berechnungen mit diesen
+Zahlen sind für einen Menschen zu komplex (Das Ergebnis von $901^{1019}$ hat über 3000 Stellen).
+
+ \begin{quote}
+The security of the system relies on the fact that even if an attacker has access to $e$ and $n$ ---
+which he does because they're public --- it's computationally infeasbile for him to compute $d$. For
+this to be true, $d$ and $n$ have to be enormous --- at least 512 bit numbers (which is on the order of
+$10^{154}$) --- but most public key cryptosystems use even larger numbers. 1,024- or even 2,048-bit numbers are
+common.\autocite[92]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+Eine 512-Bit-Zahl ist eine Zahl bis $2^{512}$, eine 1024-Bit-Zahl --- bis $2^{1024}$, 2048-Bit --- bis $2^{2048}$.
+Inzwischen wird oft empfohlen, 4096-Bit-Zahlen zu verwenden.
+
+ \subsubsection{Diskreter Logarithmus}
+
+Der Modulus $n$ ist das Produkt zweier großer Zahlen $p$ und $q$:
+
+\begin{gather}
+ n = pq
+\end{gather}
+
+Danach muss man die Exponenten $e$ und $d$ so wählen, dass gilt:
+
+\begin{equation}
+ {(m^e)}^d \bmod n = m
+\end{equation}
+
+Man schafft sich Abhilfe mit der \textit{eulerschen Funktion}:
+
+\begin{equation}
+ \phi(n) = (p - 1)(q - 1)
+\end{equation}
+
+Danach wählt man $e$ und $d$, sodass gilt:
+
+\begin{equation}
+ e \cdot d \bmod \phi(n) = 1
+\end{equation}
+
+ \begin{quote}
+The security in RSA rests in the difficulty of computing first the private exponent $d$
+from the public key $e$ and the modulus $n$ as well as the difficulty in solving the equation $m^x\%n = c$ for
+m. This is referred to as the \textit{discrete logarithm} problem. These problems are both strongly
+believed (but technically not proven) to be impossible to solve other than by enumerating all possible
+combinations.\autocite[130]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+ \subsubsection{Kreativität und Intuition}
+
+Die Tatsache, dass der Algorithmus funktioniert, verdankt also RSA nicht einer Kenntnis, sondern
+einer \textit{Unkenntnis}, einem mathematischen Problem, für das man keine Lösung hat, von dem
+man \textit{glaubt}, dass es keine Lösung hat; und im Zusammenhang mit der Sicherheit kann man vielleicht auch
+sagen, dass man \textit{hofft}, dass man keine Lösung findet.
+
+Menschliches Handeln, zumindest so, wie wir es erleben, basiert nicht nur auf Berechnungen. Der Mensch
+kann \textit{hoffen}, \textit{glauben}.
+
+Davies schreibt im Bezug auf die asymmetrische Kryptographie Folgendes: „In general, public-key cryptography
+aims to take advantage of problems that computers are inherently bad at [\dots].“\autocite[91]{davies:tls}
+Er behauptet, dass die Computer grundsätzlich schlecht im
+Lösen einiger mathematischer Probleme sind. Das stößt beim ersten Lesen auf Fragen. Eigentlich sind
+die Computer oft viel besser in der Mathematik als die Menschen. \textit{Computer Algebra Systems} (CAS)
+sind Programme, die für die Arbeit mit algebraischen Ausdrücken entwickelt sind. Sie können alle möglichen
+Berechnungen durchführen und Gleichungen lösen. Aber das Lösen der Gleichungen muss
+einem CAS zunächst „beigebracht“ werden, es muss unterstützt sein, das heißt ein gewisser Algorithmus
+muss implementiert werden, nach dem die Gleichung gelöst werden kann.
+
+Der Mensch sucht aber nicht nur nach Lösungen gewisser mathematischer Probleme, sondern auch nach Problemen
+selbst. Das ist ein kreativer Vorgang. Und bei manchen Problemen bleibt einem nichts anderes übrig, als
+sich auf seine Intuition zu verlassen, wie im oben aufgeführten Problem. Man muss auch in Betracht ziehen,
+dass man in dem Fall mit RSA viel Vetrauen seiner Intuition schenkt, weil die Wichtigkeit der
+Sicherheitssysteme für eine Informationsgesellschaft nicht zu unterschätzen ist. Das heißt man muss fest
+davon überzeugt sein, dass das Problem des diskreten Logarithmus zumindest nicht sehr bald gelöst werden
+kann.
+
+Man kann im Bezug zu Maschinen nicht von der Kreativität, Intuition, einer Überzugung oder einem Glauben
+sprechen. Wir haben sie gebaut, wir wissen, wie sie funktionieren, wir wissen, dass sie nichts glauben.
+Selbst wenn wir von der Künstlichen Intelligenz sprechen, von den Maschinen, die selbst lernen, und die so
+viel gelernt haben, dass wir nicht mehr nachvollziehen können, wie sich die Maschine die einzelnen Inhalte
+beigebracht hat, so wissen wir zumindest, wie der Lernprozess selbst funktioniert, dass er nicht auf der
+Intuition, sondern auf der kalten Berechnung basiert.
+
+Nun kann es natürlich sein, dass auch der Mensch nichts weiter als ein Bioroboter ist, der nur glaubt,
+dass er etwas glauben, von etwas überzeugt sein kann. Dann kann die Maschine den Stand des Menschen
+eines Tages einholen und ihn vielleicht sogar überholen. Das ist wohl das wichtigste und das stärkste
+Argument gegen Kapps Menschenbild. Dieses Argument hat allerdings auch problematische Seiten. Es sind
+ja die Menschen, die alles mit Bedeutung füllen. Ich kann mir auch nicht sicher sein, ob mein Nachbar
+etwas fühlt, hofft oder glaubt, oder ob er nur so tut. Erst wenn ich meinen Mitmenschen als solchen
+akzeptiere, schreibe ich ihm Eigenschaften zu, die ich selbst als Mensch zu besitzen glaube. Das
+heißt, wenn ein Roboter aus der Zukunft genauso aussieht, sich verhält, spricht wie ein Mensch, ist es
+immer noch zu wenig, ihn einem Menschen gleichzusetzen, zumindest, wenn der Mensch für mich nicht auf
+die physikalischen Eigenschaften reduzierbar ist.
+
+Eine der Möglichkeiten, diesen Sachverhalt zu verdeutlichen, ist ein Gedankenexperiment, das den
+Namen „Chinesisches Zimmer“ bekommen hat, der „als Standardargument der Philosophie
+des Geistes und der Künstlichen Intelligenz betrachtet werden“ kann.\autocite[8]{dresler:KI}
+Man stellt sich ein Computersystem, das chinesisch verstehen kann, es könnte beispielsweise Fragen
+auf Chinesisch beantworten, auf Aufforderungen reagieren und so weiter. So ein Programm würde chinesisch
+verstehen ohne es zu verstehen.\autocite[Vgl.][8]{dresler:KI} Und das zweite „Verstehen“ ist
+eben in dem Sinne jenes Erlebnisses, das wir als Verstehen kennen, gemeint.
+
+Ich behaupte hiermit nicht, dass dieses Argument den Status des Menschen als eines einzigartigen
+Wesens rettet; ich will viel mehr zeigen, dass die Frage nach dem Menschsein nicht durch die Entwicklung
+der Technik gelöst oder aufgehoben werden kann.
+
+ \section{Würdigung}
+
+Kapps Theorie der Organprojektion ist umstritten. Sie hat ihre Schwächen. Diese Schwächen sind
+aber nicht dadurch entstanden, dass die Theorie zu alt für die moderne Technik ist, dass sie überholt
+ist. Genauso wie zu Kapps Zeiten stößt sie auch heute auf Kritik. Man kann sie genauso in der heutigen
+Zeit vertreten mit Einbeziehung neuer Entwicklungen, neuer Beispiele. In gewisser Hinsicht wird die
+Organprojektionstheorie durch den Umstand gestärkt, dass sie nicht auf die Zeit ihrer Entstehung
+beschränkt geblieben ist, sondern dass immer neue Tatsachen aufgetaucht sind, die ihrer Unterstützung
+dienen können.
+
+Die Mechanisierung schreitet fort. Immer noch ist der Streit laut zwischen denen, die glauben, dass
+der Mensch eine Maschine ist, die künstlich nachgebaut werden kann, und denen, die das menschliche
+Schaffen dem Schaffen der Natur unterordnen. Wobei die Teilung auf diese zwei Lager ist nicht
+so eindeutig. Vielleicht wird man tatsächlich eines Tages im Stande sein, einen Roboter zu bauen,
+der sich äußerlich und in dem, wie er handelt, vom Menschen nicht unterscheidet. Aber ist er
+deswegen mit einem Menschen gleichzusetzen? Hat der Mensch nicht etwas Immaterielles in sich?
+Einen Geist oder eine Seele? Die Antwort auf diese Frage kann unterschiedlich ausfallen. Für
+Kapp war der Mensch und die Natur etwas, was von der Technik nie nachgeholt werden kann. Die
+Entwicklung der Robotertechnik macht schwieriger zu vertreten. Und trotzdem dünkt es mich, dass man
+ihn nie als „nicht aktuell“ abtun kann. Schließlich hat die Frage nach dem Status des
+Menschen einiges gemeinsam mit der Gottesfrage. Wenn man als Beispiel das Christentum nimmt, ist es
+irrelevant, wie viel von der Natur man physikalisch erklären kann, Gott bleibt jenseits der Natur.
+Genauso kann es geglaubt werden, dass ein Teil des Menschen immer jenseits der physikalischen
+Welt liegt, oder dass der Körper sogar der „Kerker der Seele“ ist, der das Eigentliche
+im Menschen festhält, wie es bei Platon auftaucht\autocite[Vgl.][21]{platon:kratylos}. Die
+Entwicklung der Technik beeinflusst die Anthropologie, aber es ist schwierig sich vorzustellen, dass
+jene diese überflüssig machen kann.
+
+Die ersten Werkzeuge hatten viele Ähnlichkeiten mit den menschlichen Organen. Komplexere Maschinen
+waren immer weniger ähnlich, aber haben den Anfang ihrer Entstehungsgeschichte in den einfachen
+Werkzeugen. Es ist aufregend zu sehen, wie die äußerliche Ähnlichkeit jetzt zurückkehrt. Man
+baut Roboter, die Hände, Beine, die Struktur eines menschlichen Organismus haben, und die ähnlich
+wie Menschen lernfähig sind. Der Unterschied ist, dass laut Kapp der Mensch am Anfang seiner Geschichte
+sich unbewusst in seine Werkzeuge projiziert hat. Die Entwicklung der Roboter und der
+Künstlichen Intelligenz ist hingegen voll bewusst. Man schaut, wie der Mensch sich entwickelt,
+wie er lernt, wie er aufgebaut ist, und versucht das technisch zu reproduzieren. Aber das Streben selbst,
+auf diese Weise die Natur zu erklären, sie besser zu verstehen, ist bemerkenswert. Kapp hätte auch
+hundert Jahre später kaum weniger Argumente gehabt, um seine Theorie zu verteidigen.