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| author | Eugen Wissner <belka@caraus.de> | 2025-11-05 09:33:23 +0100 |
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Благодать! + </p> + <p> + Потом друзей мелькают лики,<br> + друзей, и вот уж больше не друзей.<br> + Одной единственной той блики<br> + другой единственной честней. + </p> + <p> + И вот лежу, и сердце ноет,<br> + и ночь за часом час бежит.<br> + Усталость мне глаза прикроет,<br> + и сон земной обворожит. + </p> +--- +И вот лежу, и вот мне скучно,\\ +плюю с презреньем в потолок.\\ +И воздух спертый, жестко, скучно.\\ +И ночь пошла на самотек. + +Как за спиною, слышу шорох:\\ +беседуют отец и мать.\\ +Зима, февраль, мороз под сорок.\\ +Собачий холод! Благодать! + +Потом друзей мелькают лики,\\ +друзей, и вот уж больше не друзей.\\ +Одной единственной той блики\\ +другой единственной честней. + +И вот лежу, и сердце ноет,\\ +и ночь за часом час бежит.\\ +Усталость мне глаза прикроет,\\ +и сон земной обворожит. diff --git a/posts/2017/03/gegenstaendliche-erkenntnis-bei-frank.tex b/posts/2017/03/gegenstaendliche-erkenntnis-bei-frank.tex new file mode 100644 index 0000000..f03d87e --- /dev/null +++ b/posts/2017/03/gegenstaendliche-erkenntnis-bei-frank.tex @@ -0,0 +1,294 @@ +--- +layout: post +date: 2017-03-15 00:00:00 +tags: Aufsatz +title: Gegenständliche Erkenntnis bei Simon L. Frank +teaser: + <p>Die so für den gemeinen Menschen merkwürdige Frage nach der Sicherheit menschlicher + Erkenntnis wurde im letzten Jahrundert nicht nur durch vielfältige philosophische Spekulationen, + sondern auch durch die modernen Naturwissenschaften noch stärker verschärft, + wobei philosophische Spekulationen in gewisser Hinsicht wichtiger sind, weil, wenn die + Naturwissenschaften mit den Sinnesdaten arbeiten und die Existenz der Außenwelt einfach voraussetzen, + der Philosoph keine solche Voraussetzungen machen darf. Er steigt eine Ebene tiefer ein und fragt, ob + es überhaupt möglich ist, solche Sinnesdaten zu gewinnen.</p> + <p>Unter den zahlreichen Versuchen, dieses erkenntnistheoretische Problem zu entschlüsseln, + verdient der Lösungsweg, den Simon L. Frank beschritten hat, eine besondere Aufmerksamkeit.</p> +--- + \section{Einleitung} + + \epigraph{ +Heiße Magister, heiße Doktor gar,\\ +Und ziehe schon an die zehen Jahr'\\ +Herauf, herab und quer und krumm\\ +Meine Schüler an der Nase herum ---\\ +Und sehe, daß wir nichts wissen können! +}{\textit{Faust I}\\Johann Wolfgang von Goethe\footcite[15]{faust}} + +In der Tat, können wir etwas wissen, etwas erkennen? +Seit der Entstehung der Menschheit wunderte man sich über die Welt, die einen umgibt. Man fragte sich, wie die Umwelt +funktioniert, was hinter den natürlichen Ereignissen steht, suchte nach Gesetzmäßigkeiten und legte auf diese Weise den +ersten Grundstein für das Gebäude der Physik. Dieses Projekt war jedoch anscheinend so komplex, dass manche Philosophen +sich wenige Jahrhunderte später die Ansicht aneigneten, dass es überhaupt keine Wahrheit, sondern nur Schein und +Täuschung gebe. Durch Grübelei und Diskutieren gelangte man schließlich zum Zentrum seines Daseins, zu seinem Selbst, +und stellte sich nun die Frage: „Was bin ich? Habe ich zumindest eine sichere Erkenntnis, dass es mich selbst +tatsächlich gibt, oder bin ich auch ein bloßer Schein, eine Selbsttäuschung?“ + +Die so für den gemeinen Menschen merkwürdige Frage nach der Sicherheit menschlicher Erkenntnis wurde im letzten Jahrundert +nicht nur durch vielfältige philosophische Spekulationen, sondern auch durch die modernen Naturwissenschaften noch +stärker verschärft, wobei philosophische Spekulationen in gewisser Hinsicht wichtiger sind, weil, wenn die +Naturwissenschaften mit den Sinnesdaten arbeiten und die Existenz der Außenwelt einfach voraussetzen, der Philosoph +keine solche Voraussetzungen machen darf. Er steigt eine Ebene tiefer ein und fragt, ob es überhaupt möglich ist, +solche Sinnesdaten zu gewinnen. + +Unter den zahlreichen Versuchen, dieses erkenntnistheoretische Problem zu entschlüsseln, verdient der Lösungsweg, den +Simon L. Frank beschritten hat, eine besondere Aufmerksamkeit. Bevor ich aber zur Darlegung Franks Erkenntnistheorie +übergehe, möchte ich genauer auf die Frage eingehen: Was ist eigentlich so rätselhaft an unserer Erkenntnis? + + \section{Wie weit geht der Zweifel?} +Ren\'{e} Descartes, der nach Arthur Schopenhauer „mit Recht für den Vater der neuern +Philosophie“\footcite[11]{schopenhauer} gilt, wollte bekanntlich vor allem ein festes Fundament für seine Philosophie +legen.\footcite[23f]{discours} Als erste Regel, die ihn von Abgründen des Nichts-Wissens zu wahren Erkenntnissen +leiten sollte, war, nichts in sein Wissen aufzunehmen, „als was sich so klar und deutlich darbot, dass +ich keinen Anlass hatte, es in Zweifel zu ziehen.“\footcite[33]{discours} Die materielle Welt fiel aus dieser +Kategorie gleich aus: Es könnte ja sein, dass ich sie nur träume, dass es sie aber nicht gibt. Das ist das +problematische Moment der gegenständlichen Erkenntnis. Sie ist außer uns, aber alles, was wir haben, sind unser Gehirn und +unsere Sinnesorgane. Wenn sie uns täuschen, dann haben wir ein völlig verkehrtes Weltbild, ohne das jemals zu merken +oder merken zu können. + +Gibt es aber etwas, was nicht bezweifelt werden kann? Descartes bejaht diese Frage: +„Aber gleich darauf bemerkte ich, daß, während ich so denken wollte, alles sei falsch, es sich notwendig so verhalten müsse, +daß ich, der dies dachte, etwas war.“\footcite[57]{discours} +Nun fühlt man festen Boden unter den Füßen. Wenn ich auch an allem zweifeln kann, dann doch nicht daran, dass es +mich selbst gibt, dass ich denke und zweifle. Ferner definiert Descartes den Menschen als denkende Substanz, +\textit{res cogitans}\footcite[Vgl.][43]{geschichte17-18}, die Wladimir Solowjew seinerseits als +„einen unzweifelhaften Mischling“\footnote{\cite[40]{solowjow}. Zur Kritik Descartes denkender Substanz siehe den +kompletten ersten Aufsatz aus „Theoretische Philosophie“ im genannten Band.} +bezeichnet, weil jener dem Subjekt das zuschreibe, was ihm nicht mit Sicherheit gehöre. Alles Reden über das Ich +ist kein Reden über das Ich, sondern das Reden über \textit{Etwas}. Wenn wir über das Subjekt reden, vergegenständlichen +wir dieses, machen es zu einem Objekt, was gleichzeitig alle Probleme gegenständlicher Erkenntnis auf das Subjekt +überträgt. Descartes weist zum Beispiel darauf hin, dass die Gedankenwelt eines Traumes niemals so evident und vollständig +wie diese der Realität sei.\footcite[Vgl.][69-71]{discours} Wie kann man zu diesem Schluss +kommen? Man vergleicht das Realitätsbewusstsein mit demjenigen eines Traumes, was allerdings gar nicht in die umgekehrte Richtung +geht: Im Traum gelten andere Gesetze, die \textit{in diesem Moment} unvergleichbare Evidenz und Vollständigkeit haben. +Wenn ich also eine zweite Realität annehme und ich nur das Produkt eines Traumes eines Anderen bin, dann sind die +Gedankengänge meiner Wirklichkeit genauso lächerlich und absurd für die zweite Realität. + +Natürlich gibt es einen Kern, denn ich bin doch etwas (wenn auch nur ein Traumgebild oder ein Produkt der Natur, +das sich einbildet, etwas frei denken zu können), aber man kann diesen Kern kaum +benennen. +Solowjew unterscheidet deswegen zwischen dem reinen und empirischen Subjekt. Jenes ist sicher und +unerschütterlich, da es uns auf dem unmittelbarsten Wege gegeben ist, +aber leer (wie ein mathematischer Punkt), dieses erfüllt und bunt, weil es die ganze Persönlichkeit +enthält, dennoch wackelig und grundlos.\footcite[Vgl.][51]{solowjow} Und so verhält es sich in diesem Model mit allem +Sein überhaupt. + +Hiermit stehen dem Skeptizismus alle Türe offen, weil, wenn man das Sein radikal und bis zum Ende, als etwas, +was dem Erkennenden gegenüber steht, denkt, das Maximum, was man mit Sicherheit weiß, ist, dass man +\textit{in irgendeiner Weise} existiert. Alle anderen Erkenntnisse stehen unter Verdacht, nicht objektiv zu sein. +Die große Frage wäre also, ob man diese Kluft zwischen dem Subjekt und Objekt überbrücken kann. + + \section{Zwei Hauptaspekte der Erkenntnislehre} +Das von mir oben geschilderte Problem ist als Transzendenzproblem bekannt. Frank unterteilt es in zwei +Fragen, wovon eine relativ einfach und in verschiedenen Systemen im Prinzip gelöst, die andere dagegen +schwieriger sei und oft außer Acht gelassen werde.\footcite[Vgl.][166f]{frank:problem} Einerseits handelt es +sich darum, zu erklären, wie das Subjekt das gegenständliche Sein, also das Transzendente, wirklich erfassen kann. +Andererseits stellt sich die Frage: Was bedeutet dieses gegenständliche Sein überhaupt, woher wissen wir, dass es +etwas von unserem Bewusstsein Unabhängiges, permanent Existierendes gibt?\footcite[Vgl.][168]{frank:problem} + +Es ist kein Zufall, dass Frank im Bezug auf das Transzendenzproblem nicht nur über unser Verhältnis zum Sein spricht, +sondern auch über das Sein selbst, was streng genommen keine Aufgabe der Erkenntnistheorie ist, sondern die der +Ontologie. In seinem Aufsatz „Die Krise der modernen Philosophie“ hat Frank darauf hingewiesen, dass Kant +(und mit ihm die moderne Philosophie) jeder Ontologie eine Erkenntnistheorie vorgeordnet +sieht.\footcite[Vgl.][48]{frank:krise} Das Erkennen geht ja von uns aus. Wir haben ein gewisses Vermögen, das uns +ermöglicht, verschiedene Inhalte in uns aufzunehmen. Deswegen ist das Reflektieren über dieses Vermögen das +Grundlegendste, was es geben kann. Auch wenn wir über das Sein nachdenken, tun wir das vermittels dieses Vermögens. +Es dreht sich also alles um die Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis und die Wissenschaft, die diese Bedingung +erforscht, wenn sie tatsächlich gründlich sein will, muss selbst bedingungslos sein, das heißt sich auf keine vorgefasste +Ontologie stützen.\footcite[Vgl.][48]{frank:krise} Frank mit seinem scharfen Sinn für das +Sein (und nicht nur für die abstrakte Begrifflichkeit) tritt dieser Einstellung entgegen und dreht das Verhältnis +von Ontologie und Erkenntnistheorie um: Wird es denn nicht angenommen, dass es einerseits den Erkennenden und +andererseits das gegenständliche Sein \textit{gibt}? Die Spaltung +in Objekt und Subjekt ist somit nichts Anderes als eine ontologische Voraussetzung. Die Erkenntnistheorie muss zum +Bewusstsein kommen, dass sie selbst Ontologie ist und anders gar nicht gedacht werden kann, sie soll „eine offene und +richtige Ontologie“ sein und „sich von jenem [\dots] fehlerhaften circulus vitiosus befreien, in dem einzelne, +abgeleitete Daten eines begrenzten Seinsgebiets die logische Grundlage für die Beurteilung des seins im ganzen +waren.“\footcite[50]{frank:krise} + +Wenn man nun die scheinbare Grenzlinie zwischen dem Subjekt und Objekt aufhebt, gelangt man auch schon zur Lösung +des ersten Teils des Transzendenzproblems. Das Bewusstsein ist eben nicht etwas in sich Geschlossenes, das auf eine +unbekannte Weise affiziert wird und nur verzerrte Bilder der Wirklichkeit in sich aufnimmt, sondern es steht +immer mitten im Sein und richtet seinen Blick auf die Gegenstände. Frank vergleicht den Erkenntnisprozess mit der +Wirkung einer Lampe, die aus sich selbst „hinausgeht“ und ihr Licht auf die Dinge wirft. Das menschliche Bewusstsein +ist seinem Wesen nach ein Lichtstrahl, der seine Grenzen transzendiert und so seine Umgebung +beleuchtet.\footcite[Vgl.][167]{frank:problem} + + \section{Das Transzendente als unmittelbar Gegebenes} +Frank gibt sich mit dem Erreichten nicht zufrieden und untersucht genauer, soweit es möglich ist, die Seinsstrukturen +und das Interagieren des menschlichen Bewusstseins mit den anderen Teilaspekten des Seins. + +Am Anfang bin ich durch systematischen Zweifel, der bei der objektiven Wirklichkeit ansetzt und zum Innersten +des Subjekts führt, zum Ergebnis gelangt, dass es unbedingt etwas geben muss. Man kann nur dieses „Etwas“ nicht +als res cogitans oder mit einem anderen Begriff bezeichnen, was gleichsam Vergegenständlichung bedeuten würde. Es +entkommt jeder Definition. Es ist ein Punkt, etwas unendlich Kleines, weil es nichts Definierbares in sich enthält +und unendlich Großes, weil es nichts außer sich selbst kennt. Man kann auch nicht von Dauer sprechen. +Die Vergangenheit und die Zukunft sind uns nicht unmittelbar gegeben. Die Zukunft gibt es im Moment noch gar nicht +und seine Vergangenheit kann man rekonstruiren, auch wenn diese Rekonstruktion nicht im Geringsten der Wahrheit +entspricht, ohne dabei die Absicht zu lügen zu haben\footnote{Juristen sind so genannte +\textit{Knallzeugen} bekannt, die vor Gericht in allen Einzelheiten etwas beschreiben können, was sie gar nicht +gesehen haben, sondern erst im Moment des Ereignisses (beispielsweise eines Autounfalls) darauf aufmerksam geworden +sind. Die Widersprüchlichkeit seiner Aussagen wird so einem Zeugen nicht +bewusst. \cite[Vgl.][17]{psyche}}. Es lebt nur in diesem konkreten Moment. Es wäre ein Nichts, wenn es nicht +ein „Etwas“ wäre, „es ist ein \textit{Sein} schlechthin“\footcite[178]{frank:problem}. Es ist primär und +unmittelbar evident. Alles Andere, Denken, Bewusstsein, sind im Vergleich dazu sekundär, sie müssen ja erst +\textit{sein}, also an einem Sein teilhaben. Frank betont nochmal ausdrücklich, dass das Subjekt kein Träger vom +Sein ist, sondern, dass es das Getragene ist, es haftet selbst am Sein, dass alles in sich +vereinigt\footcite[Vgl.][178]{frank:problem}. + +Es ist also gelungen, etwas Evidentes, Unleugbares zu finden, und es annähernd zu beschreiben. Es scheint jedoch zu +sein, dass man an dieser Stelle auch bleiben muss, weil es sich nichts mehr findet, was genauso selbstevident und dem +Menschen unmittelbar gegeben wäre. Im nächsten Schritt kritisiert Frank aber die Meinung, dass die +Selbstevidenz, unmittelbare Gegebenheit und Immanenz unbedingt zusammenfallen. Es ist überhaupt ein Merkmal unseres +Denkens, dass wir ein Ding nie einzeln denken können. Was ist zum Beispiel die Gegenwart? Die Gegenwart wird als eine +Grenzlinie zwischen Vergangenheit und Zukunft vorgestellt. Genauso kann man nur auf dem Hintergrund dessen, was +die Gegenwart ist, verstehen, was die Zukunft ist. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die Vergangenheit. Alle +drei Begriffe stehen +in einer Relation zueinander und können unabhängig voneinander gar nicht gedacht werden. Wenn es keine Zukunft und +keine Vergangenheit gegeben hätte, dann hätte man auch keine Vorstellung von der Gegenwart. Wenn man genauer hinschaut, +dann erblickt man, dass es sich ähnlich auch mit allen anderen Dingen verhält, auch mit räumlichen Gegenständen. Wenn +ich einen roten Fleck sehe und sage, dass der Fleck rot ist, bringe ich ihn in Beziehung mit allen anderen Gegenständen, +die vielleicht grün, schwarz oder weiß sind. Wie hätte ich die Röte wahrnehmen können, wenn es keine anderen Farben +gegeben hätte?\footcite[Vgl.][26f]{ehlen:frank-intro} + +Zu einem Inhalt A kommt notwendig ein anderer Inhalt, non-A, hinzu, der dem A nicht immanent, sondern +transzendent ist und mit ihm in einer Verbindung steht. Nicht nur Immanentes ist uns evident und unmittelbar gegeben, +es ist nicht mal das Primäre, weil es nur im Zusammenhang mit dem Transzendenten gedacht werden kann, als Teil eines +Ganzen, das folglich auch \textit{ist}. Dieses non-A ist kein Gegenstand unserer Erkenntnis in dieser Sekunde, +weil unser Blick auf den Inhalt A gerichtet ist, non-A ist uns verborgen, +aber trotzdem als solches gegeben.\footcite[Vgl.][179ff]{frank:problem} Demzufolge kann man auch das +Sein nicht als einen nur in diesem Moment existierenden, mathematischen Punkt deuten. Dieser Moment setzt einen anderen +voraus und ein Punkt setzt eine unendliche Seinsfülle voraus, der er zugehört. + +Das ist die Antwort, die Frank auf die zweite Teilfrage des Transzendenzproblems gibt. Es gibt Sein, das nicht +gegenständlich ist, sondern das eine Einheit vom Subjekt und dem gegenständlichen Sein darstellt. Alles, was ist, +partizipiert an ihm, wodurch eine Verbindung zwischen den Teilen des Seins, zwischen Subjekt und Objekt +gewährleistet wird. + + \section{Das mitgedachte Unbekannte} +Das Moment des Unbekannten, des Verborgenen spielt auch eine große Rolle im Erkenntnisprozess. Frank untersucht ein +synthetisches Urteil der Form „S ist P“. Wenn S als eine Begriffsbestimmtheit gedacht wird, kann S nach +dem Widerspruchsprinzip kein P sein, weil S ein S ist. Wenn man „S ist P“ sagt, meint man dann wohl etwas Anderes. +„Unter S wird aber tatsächlich zweierlei zugleich gedacht: einerseits eine Begriffsbestimmtheit A, die sich eben mit +der Bestimmtheit B, die das Wesen des Prädikats ausmacht, verbindet [\dots]“.\footcite[170]{frank:problem} +Andererseits hat unsere Erkenntnis nur Sinn, wenn sie auf etwas Unbekanntes ausgerichtet ist, und es ist, wie es oben +gezeigt wurde, tatsächlich so, dass das Unbekannte immer mitgedacht wird. +„Wäre die Realität auf das jeweils Erkannte beschränkt, +würde fortschreitendes Erkennen darin bestehen, daß ein neuer Wissensinhalt den anderen ablöst. Dieser Vorgang [\dots] +würde der Dynamik des Erkenntnisvorgangs nicht entsprechen.“\footcite[25]{ehlen:frank-intro} Also muss S auch +etwas Unbestimmtes enthalten, es ist das überbegriffliche Ganze, in dem wir im Urteil die Bestimmtheit B erkennen. +Frank schließt daraus, dass die eigentliche Form des Urteils \mbox{AX = B} sei\footcite[Vgl.][171]{frank:problem}. +Wobei dieses X nicht etwas an sich +Unerkennbares ist, Frank bezeichnet es mit dem Wort „Bestimmtheitskomplex“\footcite[171]{frank:problem}. Dieser +Komplex ist unabhängig von uns vorhanden und bestimmt, aber nicht von uns erkannt. Bei der Erkenntnis hat man nicht +nur mit den Erkenntnisinhalten zu tun, sondern auch mit dem Unbekannten, mit der Inhaltsfülle des Gegenstandes +selbst. Die Zweieinheit von Subjekt und Prädikat im Urteil kann nicht zufällig sein und ist nicht sekundär, +weil es dann schwer zu erklären wäre, wie es überhaupt zu dieser Kopula kommt,\footcite[Vgl.][170]{frank:problem} +muss also im Sein verankert sein und die Einheit vom Gegenstand und dem Erkenntnisinhalt widerspiegeln. + + \section{Intuitive und begriffliche Erkenntnis} +Die nächste Frage, der Frank sich widmet, ist, wie dieses Abbilden des Gegenstandes, also dieses Gewinnen des +Erkenntnisinhaltes, überhaupt möglich ist, weil man den Erkenntnisinhalt nicht mit dem Inhalt des Gegenstandes selbst +verwechseln darf. Unsere Urteile können auch falsch sein. Der Wahrheitswert unserer Erkenntnisse wird auf irgendeine +Weise am Inhalt des Gegenstandes gemessen. Um ein Abbild zu machen, muss man aber den Gegenstand bereits +besitzen, was jedoch zufolge hätte, +dass ein Abbild überflüssig wäre, und wenn man ihn nicht besitzt, dann ist es einfach nicht möglich so ein +Abbild anzufertigen, weil man das Original nicht hat.\footcite[Vgl.][193]{frank:meta} + +Als Ausgangspunkt nimmt Frank das Schlussprinzip (A $\Rightarrow$ B) und die logische Regel modus ponens +(A $\Rightarrow$ B; nun ist A, also ist auch B), weil es dem Vorgehen unserer Erkenntnis entspricht: +Aus einem bereits bekannten A wird B gefolgert. Die Überlegungen, die Frank hier anstellt, sind im Wesentlichen +ähnlich der Untersuchung des synthetischen Urteils der Form „A ist B“. A ist eben A und kann keine „Informationen“ +über B enthalten, also muss es eine primäre Einheit AB geben, die die Möglichkeit des Schlusses begründet. Die +Schlussfolgerung darf aber in diesem Fall nicht als eine Summe von A und B gedacht werden, sonst wäre es keine +wirkliche Schlussfolgerung, sondern die beiden Teile würden uns unmittelbar gegeben. Das Ganze ist in diesem Fall +viel mehr eine Potenz, sodass die Bestimmtheit A sich zunächst auskristallisiert und danach aus dem vom Ganzen +gebliebenen Rest B gebildet wird.\footcite[Vgl.][194-197]{frank:meta} + +Da es unendlich viele Bestimmtheiten gibt, muss es einen Bereich geben, der alles Gedachte und Erkennbare überhaupt +umfasst. Allerdings können die logischen Denkgesetze (Kategorie der Identität und Unterschiedes, der Satz des +ausgeschlossenen Dritten) nicht als Verbindungsglied zwischen den als fertig gegeben gedachten Bestimmtheiten +gedacht werden. Das führt zu Tautologien und Widersprüchen. Biespielsweise besagt die Identität, dass +\mbox{A = A} ist, wobei die Identität das Vorhandensein eines +zweiten A eigentlich ausschließt. Der Satz des ausgeschlossenen Dritten besagt: Alles Denkbare ist entweder A oder non-A und ein +Drittes ist nicht gegeben. „Alles Denkbare“ ist aber ein Drittes, weil es sowohl A als auch non-A enthalten +kann. Und die Möglichkeit dieses Dritten wird im Satz geleugnet. Wäre ein Drittes in der Tat ausgechlossen, wäre der +Satz gar nicht denkbar, weil „alles Denkbare“ nur eins von beidem wäre.\footcite[Vgl.][198]{frank:meta} Dagegen +sind die Denkgesetze die Möglichkeitsbedingungen, „auf Grund deren die begriffliche Bestimmtheit überhaupt (also +ein A und ein non-A) erst entsteht.“\footcite[Vgl.][198f]{frank:meta} So wird alles Denkbare zunächst als eine +Einheit gedacht (Identitätsprinzip), dann wird von allem Anderen abgehoben (Underschiedsprinzip) so, dass es sich +„eindeutig als ein »Solches«, ein genau bestimmtes, einzigartiges »Quale« +konstituiert“\footcite[199]{frank:meta} (Satz des ausgeschlossenen Dritten). + +Hier nähern wir uns einem Gebiet an, das nicht nach logischen Gesetzmäßigkeiten funktoniert, sondern sie erst +begründet. Dieses Gebiet ist deswegen \textit{metalogisch}. Frank bezeichnet darum die Beziehung zwischen der primären +Einheit und dem System der Bestimmtheiten als „metalogische Ähnlichkeit“\footcite[200]{frank:meta}, sie haben die +gleichen Inhalte, aber unterschiedliche Seinsgrade. Aus dem Vorhandensein dieser zwei Ebenen, die das Sein jeweils +auf eigene Art und Weise abbilden, leitet Frank die Existenz auch einer zweiten Erkenntnisart, ab, der +intuitiven Erkenntnis, die grundlegend für die begriffliche ist, da die erstere das Material für +die letztere aus der überbegrifflichen Alleinheit liefert.\footcite[Vgl.][201]{frank:meta} + +Die intuitive Erkenntnis hat das Erlebnis zu ihrem Ansatzpunkt. Das Erlebte ist zunächst ein X, etwas vollkommen +Unbekanntes und es wird nicht nur durch das Gehalt dieses Erlebnisses bestimmt, sondern dieses Unbekannte wird +in einem Zusammenhang mit dem Ganzen des Seins erkannt, als dessen Teilmoment, was objektive +Erkenntnis möglich macht, weil dieses Ganze keine amorphe Masse ist, sondern „konkrete Einheit der +Mannigfaltigkeit“\footcite[203]{frank:meta}. Die intuitive Erkenntnis dient nicht nur als Grundlage für die +begriffliche Erkenntnis, sondern sie ist auch dem Gegenstand selbst mehr adäquat, weil +die Teilaspekte des Seins intuitiv als ein Ganzes gefasst werden, was der Einheit des Seins mehr entspricht. Die +Entsprechung ist aber wiederum kein Original. Man könnte unsere Erkenntnis (jeder Art) mit einem malerischen Werk +vergleichen. Man kann eine Gegend sehr gut auf einem Blatt Papier darstellen, die Deminsionen können anhand bestimmter +Techniken nachgemacht werden, sie sind aber trotzdem nicht da, sondern nur in der Natur selbst. Dazu muss noch gesagt +werden, dass ein Kunstwerk natürlich zeitlos ist, ihm fehlt der Atem, der die lebendige Natur bis in die letzte Tiefe +durchdringt.\footcite[Vgl.][210f]{frank:meta} + +Im Gegensatz zur intuitiven Erkenntnisweise hat die begriffliche Erkenntnis einen +negativen Charakter, weil A durch die Verneinung alles Anderen bestimmt wird, A steht immer in einer Relation zu non-A, +welches als „der unendliche dunkle Rest“\footcite[205]{frank:meta} übrig bleibt. Eine Bestimmtheit A ist immer +eine Abspaltung, eine gewisse Verarmung im Vergleich zur primären Einheit „A + non-A“ und trotzdem verliert die +begriffliche Erkenntnis nicht an Bedeutung. Zwar ist sie relativ „tot“, sie greift Daten aus der Seinsfülle +heraus und macht sie zu einem starren System, doch ist das +menschliche Intuitionsvermögen auch nicht im Stande das Sein in seinem ganzen Umfang zu fassen. Beide +Erkenntnisarten vervollsändigen einander. Die begriffliche Erkenntnis hilft das Sein auseinanderzunehmen und +auf diese Weise es genauer zu untersuchen. Nur die Kooperation der beiden Erkenntnisarten macht es möglich die +Mannigfaltigkeit und die Einheit des Seins für den erkennenden Menschen in ein Gleichgewicht zu +bringen.\footcite[Vgl.][206]{frank:meta} + + \section{Wissendes Erleben} +Simon Frank hat uns ziemlich nah an das Sein herangeführt (genauer gesagt an die bewusste Schau des Seins). Und doch +ist dieses Sein vor unseren Augen unbeweglich, grob, blass. Frank führt das Beispiel eines Apfels an, dessen Begriff +oder das vollkommenste intuitive Erfassen uns jedoch nicht sättigen können.\footcite[Vgl.][210]{frank:meta} Der +Unterschied zwischen einem Apfel als Gegenstand und einem Begriff ist die „Idealität“, die Frank mit der +Zeitlosigkeit, die ich bereits kurz angesprochen habe, gleichsetzt. Hier kehren wir wieder zum Anfang, da wo ich +im Zusammenhang mit dem Zweifel geschrieben habe, dass alles, was zum \textit{Gegenstand} menschliches Denkens (oder +auch intuitives Anschauens) werden kann, wird vergegenständlicht, „[a]us dem zeitlichen Geschehen wird dadurch +\textit{eine ewig-unbewegliche Wahrheit}“\footcite[211]{frank:meta}. Das gilt sowohl für abstraktes Denken als auch +für normales Geschehen. Dieses Zeitlose kann nicht das Primäre sein aus dem einfachen Grund, dass das Zeitlose immer +in einer Relation mit dem Zeitlichen steht. Das wahre Absolute ist nicht relativ zu etwas, es schließt Relatives ein, +ohne es aufzulösen. Es kann auch nicht zeitlos sein, sondern überzeitlich. Erst aus dem Überzeitlichen entwickeln sich +diese zwei Gegensätze: Zeitloses und Zeitliches.\footcite[Vgl.][213]{frank:meta} + +Gibt es eine Möglichkeit den „Apfel des Seins“ nicht nur begrifflich zu erkennen und intutiv anzuschauen, sondern ihn +auch zu kosten? Jede gegenständliche Erkenntnis ist nur ein Abbild, das deswegen nicht dem Gegenstand selbst +adäquat ist, sondern höchstens etwas über ihn sagt. Frank wählt für diesen Fall den Begriff +„cognitio \textit{circa rem}“ anstatt von „cognitio \mbox{\textit{rei}\hspace{0.02cm}“\footcite[217]{frank:meta}.} +Wenn ein Lebewesen in sich tatsächlich geschlossen wäre, wäre eine wahre Erkenntnis in der Tat nicht möglich, weil man +sich dann nur mit Abbildungen der Wirklichkeit begnügen sollte. Es wurde jedoch gezeigt, dass der Mensch auf diese +Weise nicht denkbar ist. Er ist vielmehr --- wie alles andere Seiende auch --- vom Sein durchdrungen. Der Mensch +geht über sich hinaus, weil in ihm sich das manifistiert, was weit über die Grenzen seines eigenen menschlichen Wesens +fließt und die ganze Realität mit sich füllt. Die Erfahrung der Manifestation des Seins in uns macht man im Erleben, +das immer ein wissendes Erleben ist. Frank macht an dieser Stelle eine strenge Unterscheidung zwsichen der dunklen +Irrationalität des unmittelbaren Lebens und der \textit{über}rationalen Fülle der Lebensintuition, die „helles inneres +Erleuchten“\footcite[Vgl.][219]{frank:meta} ist. + +In ihm, im Erleben, in dem das Sein sich selbst uns offenbart, +wurzelt die intuitive Erkenntnis und allein dadurch wird die gegenständliche Erkenntnis möglich. + +\section{Literaturverzeichnis} diff --git a/posts/2017/04/herausforderungen-der-technikphilosophie.tex b/posts/2017/04/herausforderungen-der-technikphilosophie.tex new file mode 100644 index 0000000..5f1f8be --- /dev/null +++ b/posts/2017/04/herausforderungen-der-technikphilosophie.tex @@ -0,0 +1,223 @@ +--- +layout: post +date: 2017-04-12 00:00:00 +tags: Aufsatz +title: Herausforderungen der Technikphilosophie +teaser: + <p>Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres + alltäglichen Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. + Doch, was jene Technisierung kennzeichnet, ist nicht so sehr die Technik selbst, sondern + die rasche Entwicklung derjenigen. Als solche ist die Technik nichts Neues, wenn auch + die Technik des letzten Jahrhunderts ganz anderer Art, als das, was man vorher kannte. + Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht gab es sie schon immer. Vielleicht + ist die Fähigkeit aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann anhand derer etwas + zu erfinden, etwas was einen Menschen eigentlich ausmacht.</p> + + <p>Wenn man über das technische Zeitalter spricht, ist diese Aussage nicht unbedingt + wertneutral. Der zügellose technische Fortschritt hatte zur Folge, dass er viel + Aufmerksamkeit in der Gesellschaft auf sich gelenkt hat, worüber man sich auch kaum wundern + kann, weil wir heute in so vielerlei Hinsicht auf die Technik angewiesen sind.</p> + + <p>Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was + ist sie nun? Ist sie etwas Gutes, was uns weiterbringt und uns mehr Macht über die + Natur beschert? Ist sie etwas Schlechtes, was den Menschen jeden Tag immer mehr von + ihr abhängig und hilfslos macht?</p> +--- +Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres alltäglichen +Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. Doch, was jene +Technisierung kennzeichnet, ist nicht so sehr die Technik selbst, sondern die rasche Entwicklung +derjenigen. Als solche ist die Technik nichts Neues, wenn auch die Technik des letzten Jahrhunderts +ganz anderer Art, als das, was man vorher kannte. Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht +gab es sie schon immer. Vielleicht ist die Fähigkeit aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann +anhand derer etwas zu erfinden, etwas was einen Menschen eigentlich ausmacht. + +Wenn man über das technische Zeitalter spricht, ist diese Aussage nicht unbedingt wertneutral. +Der zügellose technische Fortschritt hatte zur Folge, dass er viel Aufmerksamkeit in der Gesellschaft +auf sich gelenkt hat, worüber man sich auch kaum wundern kann, weil wir heute in so vielerlei Hinsicht +auf die Technik angewiesen sind. + +Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was ist sie nun? +Ist sie etwas Gutes, was uns weiterbringt und uns mehr Macht über die Natur beschert? Ist sie +etwas Schlechtes, was den Menschen jeden Tag immer mehr von ihr abhängig und hilfslos macht? + +Ich habe vorher schon angedeutet, dass die Technik auch als etwas genuin Menschliches verstanden +werden kann. Dann wäre die Frage nach der Technik einer ganz anderen Dimension zuzuordnen. Es +wäre kein bloß moralisches Problem, also ob die Technik gut oder schlecht an sich sein kann, zu welchen +Zwecken sie eingesetzt werden darf und ob jeder Zweck das Mittel rechtfertigt; keine Frage der +politischen Zugehörigkeit oder der persönlichen Einstellung, ob man bestimmte Technologien +befürwortet oder nicht und ob man an den hellen Morgen glaubt oder eher diesbezüglich pessimistisch +ist. Es wäre vielmehr eine philosophische Fragestellung, weil es vor allem die Philosophie ist, die +nach der Washeit der Dinge und der Möglichkeitsbedingungen fragt: Was ist der Mensch? Was macht einen +Menschen aus? Was ist und warum eigentlich Technik, was macht sie möglich? + +Die philosophische Natur ist auch aus einer anderen Überlegung einsehbar. Und zwar sind viele Fragen, +die mit der Technik verbunden sind, gar nicht durch das technische Denken selbst beantwortbar, sondern +bedürfen einer Reflexion, die über das Technische hinausgeht. Selbst wenn jemand behaupten würde, dass die +Technik nur aus sich heraus erklärt werden könne und müsse und keine weitere Rechtfertigung oder Würdigung +nötig habe, wäre das eine Behautpung, die die Grenzen des Technischen überschreitet. + +Im Folgenden will ich andeuten, welche Fragestellungen und Probleme das Eintreten des Technischen in unser Leben +mit sich bringt. Mir geht es nicht darum, die Antworten auf bestimmte Fragen zu geben, sondern auf die +Spannungsfelder zu verweisen, die sich eröffnen, wenn man über das Technische nachdenkt, und so zu zeigen, dass es +sich dabei eigentlich um Philosophie handelt. + + \section{Kunst oder Mittel zum Zweck} + +Zunächst stellt sich die Frage nach dem Wesen und dem Ursprung des Technischen. Unter Technik verstehen +wir bestimmte Arten von Menschenwerk, aber was lässt sich über den Status dieses Werks sagen? Hier gibt es +zwei entgegengesetzte Extreme: Man kann die Technik als die Folge des menschlichen zweckrationalen Handelns +, das heißt als Mittel zu einem bestimmten Zweck, oder als ein Kunstwerk verstehen. Das Verständnis von +Technik würde sich dann aus dem zweckrationalen Handeln und der schöpferischen Kraft zusammensetzen, wobei man deren Rolle +unterschiedlich gewichten kann. + +Was kann der Zweck der Technik sein? Wenn man einen möglichst allgemeinen Zweck nennen will, der auf möglichst viele +oder im besten Fall auf alle technischen Erfindungen zutrifft, dann würde ich das Bezwingen der Natur vorschlagen. +Die Technik kam in die Welt, um die Bürde der Arbeit leichter zu machen. Man kann vieles schneller und +qualitativ besser erledigen, wenn man passende Instrumente zur Hand hat. Es ging natürlich viel weiter, als nur +eigenes Überleben auf diese Weise zu sichern. Hier tritt der Begriff Luxus in Erscheinung: Man produziert +Gegenstände, die nicht unmittelbar notwendig sind. Es geht dann so weit, dass man im Zusammenhang mit der +Marktwirtschaft vom Produzieren der Bedürfnisse spricht. + +Kunst kann man in einer gewissen Hinsicht der Zweckrationalität entgegenstellen. So spricht Kant von +ästhetischen Urteilen als dem Wohlgefallen ohne alles Interesse\autocite[Vgl.][49]{kant:ku}: +„Wir können aber diesen Satz, der von vorzüglicher Erheblichkeit ist, nicht besser erläutern, +als wenn wir dem reinen uninteressierten Wohlgefallen im +Geschmacksurteile dasjenige, was mit Interesse verbunden ist, entgegensetzen [\dots]“\autocite[50]{kant:ku}. +Bei der Einführung der Technik spricht man oft von einer technischen \textit{Erfindung}. Nun, wenn man +nicht gerade ein ideales Reich der Ideen, wo alle technischen Erfindungen bereits realisiert sind, +annimmt\autocite[Vgl.][59f]{ropohl:aufklaerung}, enthält die Technik eine künstliche Dimension, in der +die schöpferische Kraft des Menschen etwas Neues erfindet. + +Nun es hat Konsequenzen, ob man die Technik mehr als Mittel zum Zweck oder Kunst versteht. Das Erfinden ist +meines Erachtens ein wichtiger Bestandteil dessen, was die menschliche Freiheit konstituiert, und man versucht +diesen Bereich heute möglichst wenig zu zensieren, sondern es dem Menschen zu überlassen, sich auf seine +eigene Weise auszudrücken. Aber \textit{darf} man auch im technischen Sinne alles erfinden, was man erfinden +\textit{kann}? + + \section{Erhöhung der Lebensqualität oder Zerstörung} + +Ein Leben ohne technische Geräte im Haushalt ist kaum vorstellbar. Elektrische Geräte, Wasserversorgung, +Computer, Telefone gehören zum Alltag. Selbst die allgemeine Zugänglichkeit der Gegenstände, die wir +normalerweise nicht als Technik bezeichnen würden, wie zum Beispiel Bücher, verdanken wir dem heutigen +Stand der Technik. Nicht anders ist es im beruflichen Umfeld. Auch die moderne Wissenschaft und Forschung +sind von Teilchenbeschleunigern und Supercomputern abhängig. + +Technische Erfindungen bringen uns Komfort, erhöhen unsere Leistung, ermöglichen neue Arten von +Kommunikation. Das hat allerdings auch eine andere Seite. Die Möglichkeiten, die die moderne Entwicklung +mit sich bringt, birgt viele Gefahren und versetzt wohl viele Menschen in Schrecken, was aus der +zahlreichen Kritik an der Technik zu sehen ist. Man denke nur an den Kalten Krieg oder an die +Atomkatastrophen der letzten Jahrzehnte: Tschernobyl und Fukushima, die zu vielen Protesten gegen die +Verwendung von Atomenergie geführt haben. Hans Blumenberg spricht in diesem Zusammenhang sogar von der +„Dämonie der Technik“\autocite[Vgl.][11]{blumenberg:schriften-technik}. + +Andererseits, wenn man die Entwicklung der Energie verfolgt, so führen Streike und Proteste in der +Gesellschaft nicht zu einem Rückschritt, nicht zur Abweisung der Atomenergie, sondern zur Suche nach +alternativen Lösungen. Man forscht weiter und schaut, ob man andere Energiequellen finden kann, die +die vorhandenen zumindest teilweise ersetzen können, ohne an Leistung zu verlieren. Das heißt, man sehnt +sich nicht nach der „Rückkehr zu Natur“, sondern man sucht +nach \textit{technischen} Lösungen für die \textit{technischen} Probleme. Das kann zu einem Zirkel führen, +aus dem man vielleicht nicht rauskommen kann: Die vorhandene Technik motiviert zu Entwicklung anderer +Alternativen, die mit der Zeit wiederum Schwächen aufweisen, die wieder technisch ausgeglichen werden müssen +und so weiter. Ich denke, man hofft irgendwann ans Ende zu kommen und eine perfekte Lösung zu finden, die keine +beweinenswerten „Nebeneffekte“ hat. Die Frage, die der Mensch sich heute zu stellen hat, ist +natürlich: Wird es denn irgendwann so sein? Oder ist es nur ein Selbstbetrug und eitle Hoffnung? +Die Antwort, die jeder Mensch auf diese Frage gibt, ist von entscheidender Bedeutung für das Verhältnis des +Menschen zur Natur. Und die Frage selbst ist kaum eine wissenschaftliche Frage, sondern +vielmehr eine ethische und philosophische. + +Interessant ist, welche radikale Stellung Günter Ropohl nimmt. Er schreibt über ein anderes modernes Problem, +das in dem Verhältnis des Menschen und der Technik und Natur ihren Ursprung hat: das ökologische Problem. +Er sieht die Lösung, wie ich oben beschrieben habe, in der weiteren technischen Entwicklung, die nicht nur +zu einer Ausbeutung der Natur für die Menschenzwecke führt, sondern die Natur unter Schutz mit Hilfe der Technik +nimmt, ganz in dem Sinne des Gartens Eden, den der erste Mensch zu pflegen und zu schützen gehabt habe, und +schreibt Folgendes: + +\begin{quote} +Wenn die Gattung Mensch die nunmehr gebotene ökotechnologische Wende nicht vollzieht, wird sie gemäß +ökologischen Prinzipien über kurz oder lang eliminiert werden; dann und nur dann wird es wieder Natur geben. +Wenn jedoch die Menschen die Hege und Pflege des irdischen Ökosystems mit der erforderlichen Konsequenz +vervollkommen, so bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Natur.\autocite[71]{ropohl:aufklaerung} +\end{quote} + + \section{Befreieung oder Versklavung} + +Der Satz im vorherigen Abschnitt, dass die Technik die Entwicklung weiterer Technik +\textit{motivieren} kann, hat eine interessante Struktur. Die Technik wird hier \textit{personifiziert}, +einem unbelebten Gegenstand, einer unbelebten Struktur wird aktives Handeln zugeschrieben. Kann ein Messer +oder ein Handy handeln? Aber das ist eben das, was wir in der letzten Zeit beobachten. Die Technik hat +eine gewisse Autonomie, Eigentendenz. + +Die Technik hat schon im Laufe ihrer gesamten Geschichte geholfen, den Menschen von schwerer Arbeit zu +befreien, dem Menschen ein würdiges Dasein zu gewährleisten. Die Folgen davon kann man in heutiger Zeit +gut beobachten. In den entwickelten Ländern müssen relativ wenige Mensche schwere Arbeiten ausführen, vieles +kann von Maschinen teilweise oder vollständig übernommen werden. Und selbst, wenn die Maschine von mehreren +Menschen gesteuert werden muss, ist eine ganze andere Art der Arbeit, als die Tätigkeit selbst auszuführen. + +Kann man das aber nicht so hinstellen, dass während der Mensch von schwerer Arbeit befreit wird, er von +seinem Befreier abhängig wird? Und das ist nicht nur in dem Sinne, dass wir Instrumente verwenden, die +unser Leben erleichtern, dass wir gewissermaßen unserer Freiheit beraubt werden. Moderne Gesellschaft kennt +neue Arten von Sucht, wie zum Beispiel Spielsucht. Man hört Beschwerden über die jungen Leute, die die +ganze Zeit nur in ihr Handy starren, und keinerlei „reale“ Kontakte mehr haben (wobei ich +mich einer Meinung enthalten möchte, ob solche Beschwerden gerechtfertigt sind). Aber selbst, +wenn man von der individuellen Ebene absieht, schreibt Hans Blumenberg über „eine spezifische +Eigengesetzlichkeit“ eines Machtmittels wie Atomkraft\autocite[Vgl.][13]{blumenberg:schriften-technik}: +„So wie das technische Gebrauchsprodukt Bedarf zu erzeugen vermag, so schafft das technische Machtmittel +mit eigenartiger Automatie auslösende Situationen.“\autocite[13]{blumenberg:schriften-technik} + +Hier stellt sich die Frage, ob ein Messer tatsächlich einen neutralen ethischen Wert hat, und es nur auf den +Menschen ankommt der ihn verwendet, ob er damit nur das Brot schneidet oder noch für andere Zwecke einsetzt, +oder ob ein Messer einen immanenten Wert hat, der zu dessen Benutzung nicht nur für gute Zwecke +herausfordert. + + \section{Gleichheit oder Zerspaltung} + +Ein weiteres von der Technik verfolgtes Ziel ist, die Kluft zwischen sozialen Schichten der +Gesellschaft geringer zu machen. Technische Mittel ermöglichen es, verschiedene Artefakte für +alle Menschen zugänglich zu machen. Zum Beispiel der Buchdruck hat dazu geführt, dass die +Produktionskosten von Büchern stark gesunken sind, und viel mehr Menschen sich den Kauf von +Büchern erlauben konnten. + +Das Beispiel der Bücher ist auch geeignet, wenn man die Bücher als Informationsquelle +betrachtet und zur heutigen digitalen Informationsvermittlung kommt. +Man könnte denken, dass, wenn die Mehrheit der Bevölkerung einen Internetzugang +und einen Computer hat, es allen den gleichen Zugang zu den Informationen automatisch +ermöglichen würde. + +Dem kann man entgegenbringen, dass die Quantität noch nichts über die Qualität sagt, denn +ein Internetzugang noch nichts darüber sagt, wie er genutzt wird. Da die Nutzung der digitalen +Medien immer mehr an Bedeutung gewinnt, zum Beispiel, in der Schule und am Arbeitsplatz, kommt +es dazu, dass einige gesellschaftliche Gruppen noch weiter voran kommen, weil sie mit entsprechenden +technischen Mitteln umgehen können, die anderen darauf nicht zugreifen. So wird die Kluft nicht kleiner, +sondern im Gegensatz größer. Dieses Phänomen ist keine Spekulation, sondern wurde durch Studien +bereits vor etwa 20 Jahren entdeckt und immer wieder bestätigt. Es hat den Namen „digitale +Spaltung“ (Digital divide) bekommen.\autocite[Vgl.][206--221]{filipovic:ungleichheit} + + + \section{Schlussbemerkung} + +Mit diesen wenigen Beispielen habe ich zu zeigen versucht, dass die technische Entwicklung unserer Zeit sehr +schwer nur mit einem „Gut“ oder „Schlecht“ bewertet werden kann. Es stehen immer komplexe +Fragen im Hintergrund, die zwei Seiten haben und wo die goldne Mitte nicht unbedingt einfach zu finden +ist. + +Viele Probleme, die direkt oder nur indirekt von der Wissenschaft und Technik verursacht wurden, sind +gar keine wissenschaftliche und noch weniger technische Fragen, sondern sie berühren solche Bereiche wie +die der Ethik, der Verantwortung und des menschlichen Selbstverständnisses. Sie haben auch eher wenig +Bedeutung für die Wissenschaft oder Technik, dafür aber für die menschliche Existenz, sowohl auf der +individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene. + +Das ist der Grund, warum ich denke, dass eine philosophische Reflexion im Bereich der Technik unentbehrlich +ist. Ich denke, es ist verantwortungslos, alles dem natürlichen Lauf der Dinge zu überlassen, ohne sich +zumindest zu fragen, warum es so geschieht, welche Konsequenzen es haben kann und ob man in einer +bestimmten Lage etwas unternehmen soll oder kann. Wieder wäre es äußerst wichtig, dass eine solche philosophische +Reflexion die moderne Entwicklung nicht bloß dämonisiert oder glorifiziert, sondern möglichst gerecht +und ausgeglichen verläuft, weil sie nur so ernst genommen werden kann, was nicht zu vernachlässigen ist, wenn +die Technikkritik nicht in der Luft hängen oder nur deskriptiv bleiben will, sondern auch etwas aktiv +für die Zukunft bewirken will. + +\begin{quote} +So wäre es eine wichtige Aufgabe für eine Philosophie der Technik an Schule und Hochschule, den zukünftigen +Ingenieuren und Technikern zeigen zu können, wie Grundlagenforschung, angewandte Forschung und Praxis +zusammenhängen, welche Rolle die Arbeit, die Praxis, die gestaltete Technik, die Muße und die Kunst bei +der Konstitution unseres Selbstverständnisses spielen.\autocite[105]{kornwachs:technik} +\end{quote} diff --git a/posts/2017/05/die-narren-sollen-weiter-lastern.tex b/posts/2017/05/die-narren-sollen-weiter-lastern.tex new file mode 100644 index 0000000..5904b7e --- /dev/null +++ b/posts/2017/05/die-narren-sollen-weiter-lastern.tex @@ -0,0 +1,17 @@ +--- +layout: post +date: 2017-05-26 20:09:00 +tags: Gedicht +title: Die Narren sollen weiter lästern… +teaser: | + <p> + Die Narren sollen weiter lästern,<br> + für and’re Themen sind sie dumm.<br> + Ich bin zu müde mich zu bessern.<br> + Der Weise schweigt und trinkt sein’ Rum. + </p> +--- +Die Narren sollen weiter lästern,\\ +für and’re Themen sind sie dumm.\\ +Ich bin zu müde mich zu bessern.\\ +Der Weise schweigt und trinkt sein’ Rum. diff --git a/posts/2017/05/technikkonzept-von-ernst-kapp.tex b/posts/2017/05/technikkonzept-von-ernst-kapp.tex new file mode 100644 index 0000000..b39b393 --- /dev/null +++ b/posts/2017/05/technikkonzept-von-ernst-kapp.tex @@ -0,0 +1,339 @@ +--- +layout: post +date: 2017-05-09 00:00:00 +tags: Aufsatz +title: Technikkonzept von Ernst Kapp +teaser: + <p>Zwar begleiten die technischen Erfindungen den Menschen schon seine ganze Geschichte, angefangen mit einem + Schlagstein, der als Prototyp für einen Hammer diente, über die Dampfmaschine, den Telegrafen, bis zu + Rechenmaschinen und Computern, hat man erst vor kurzem angefangen über die Technik systematisch + nachzudenken. Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue + Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik + beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre + 1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes Buch“.</p> +--- +\section{Technik als Herausforderung für die Philosophie} + +Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres alltäglichen +Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. Als solche ist die +Technik nichts Neues, wenn auch die Technik des letzten Jahrhunderts ganz anderer Art, als das, was man +vorher kannte, ist. Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht gab es sie schon immer. Vielleicht +ist die Fähigkeit, aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann anhand derer etwas zu erfinden, etwas +was einen Menschen eigentlich ausmacht. + +Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was ist sie nun? +Die Frage nach der Technik ist eine philosophische Frage, weil es vor allem die Philosophie ist, die +nach der Washeit der Dinge und der Möglichkeitsbedingungen fragt: Was ist der Mensch? Was macht einen +Menschen aus? Was ist und warum eigentlich Technik, was macht sie möglich? + +Die philosophische Natur ist auch aus der Überlegung einsehbar, dass viele Fragen, +die mit der Technik verbunden sind, gar nicht durch das technische Denken selbst beantwortbar sind, sondern +einer Reflexion bedürfen, die über das Technische hinausgeht. Selbst wenn jemand behaupten würde, dass die +Technik nur aus sich heraus erklärt werden könne und müsse und keine weitere Rechtfertigung oder Würdigung +nötig habe, wäre das eine Behautpung, die die Grenzen des Technischen überschreitet. + +Zwar begleiten die technischen Erfindungen den Menschen schon seine ganze Geschichte, angefangen mit einem +Schlagstein, der als Prototyp für einen Hammer diente, über die Dampfmaschine, den Telegrafen, bis zu +Rechenmaschinen und Computern, hat man erst vor kurzem angefangen über die Technik systematisch +nachzudenken. Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue +Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik +beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre +1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes +Buch“\autocite[VIII]{maye:einleitung-kapp}. + +140 Jahre sind seit dem Erscheinen des Buches vergangen und die Entwicklung bleibt nicht stehen. Und überhaupt +ist die rasche Entwicklung eines der wichtigsten Merkmale der heutigen Technisierung. Ältere Leute haben oft +Probleme mit dem Bedienen des Computers oder Handys, weil sie in einem ganz anderen Umfeld aufgewachsen sind und +das „Checken der E-Mails“ und die Abgabe der Steuererklärung online ihnen fremd ist. +Selbst Menschen, die sich beruflich mit den modernen Technologien beschäftigen, können die technische Entwicklung +nicht mehr einholen. In 90er-Jahren gab es noch den Begriff „Webmaster“. Ein Webmaster befasste sich +mit der Entwicklung, Gestaltung, Verwaltung von Websites. Heute wird der Begriff kaum noch verwendet. +Stattdessen gibt es Frontend- und Backend-Programmierer, Designer, SEO-Spezialisten (Search Engine +Optimization --- Suchmaschinenoptimierung), Server-Administratoren. +Man spricht noch vom „Full-stack developer“, darunter wird aber jemand verstanden, der sowohl +die Frontend- als auch Backend-Programmierung macht, es ist jedoch keineswegs der alles könnende Webmaster. +Die Fülle an Technologien und Aufgaben hat zur Spezialisierung und Auskristallisierung neuer Berufsfelder +geführt. Und dieser Prozess fand innerhalb einer Generation statt. + +Auf der anderen Seite beschäftigt sich die Philosophie in meinem Verständnis mit den ewigen Fragen. +Die Umstände, der Kenntnisstand ändern sich, aber die Fragen nach dem, was das Sein ist, was die Erkenntnis +zu leisten vermag, wie der Mensch zu handeln hat, bleiben. Es wäre also nicht uninteressant zu schauen, +ob unsere Vorstellung von der Technik sich in hundert Jahren kardinal gewandelt hat, oder ob Kapp zu +Erkenntnissen gelangte, die auch noch für uns und vielleicht unsere Nachfahren nicht von einer bloß +geschichtlichen Bedeutung sind. + +Kapp hat sein Werk so aufgebaut, dass er mit primitiven Werkzeugen anfängt und sich dann immer weiter zu +komplexeren Strukturen und Artefakten hocharbeitet. Dabei greift er fast in jedem Kapitel auf ein Produkt +aus der Geschichte der Technik, an dem er versucht, seine These plausibel zu machen. Ich wähle eine ähnliche +Vorgehensweise und werde mich bemühen, spätere Werke der Menschenhand im Lichte Kapps Auffassung des Menschen +und der Technik zu betrachten. Zunächst muss allerdings jene Auffassung kurz dargestellt werden. + + \section{Technikkonzept von Ernst Kapp} + + \epigraph{% +Noch steht die Menschheit in den Kinderschuhen ihrer Kultur oder in den Anfängen der technischen +Gleise, die sich der Geist selbst zu seinem Voranschreiten zu legen hat.\footcite[309]{kapp:technik} +}{} + + \subsection{Technik und Kultur} + +„Grundlinien einer Philosophie der Technik“ hat noch einen Untertitel: „Zur +Entstehungsgeschichte der Kultur aus neuen Gesichtspunkten“. Die Technik ist also nicht +bloß ein Mittel zum Zweck, sie hat etwas mit der Entstehung der Kultur zu tun. Wenn man bedenkt, +dass die Kultur ein Werk des menschlichen Schaffens ist, ist es auch verständlich, dass die Technik +ein Teil der Kultur ist. Technische Artefakte haben ihre eigene Geschichte und sie haben schon immer +die Lebensweise der Menschen stark beeinflusst. Man denke nur an den Buchdruck, der viel mehr Menschen +den Zugang zu Büchern ermöglichte, dadurch, dass die aufwendige Arbeit des Abschreibens von Maschinen +ersetzt werden konnte. Kapps Überzeugung ist aber, dass die Technik nicht ein Aspekt der Kultur ist, +sondern, dass sie konstituierend für das Entstehen der Kultur ist: „Der Anfang der Herstellung +technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik} + +Wie ist das zu verstehen? Klaus Kornwachs stellt erstmal fest, dass der Umgang mit der Technik nicht von +der Technik selbst vollständig determiniert ist, sondern dass „verschiedene Nationen und verschiedene +Kulturkreise unterschiedlich mit Technik umgehen und unterschiedliche Techniklinien und +Organisationsformen hervorgebracht und zuweilen auch wieder aufgelöst +haben“\autocite[22]{kornwachs:technik}. + +Die Technik wird dadurch ermöglicht, dass der Mensch die Gesetze der Natur sich zunutze machen kann. +Die physikalischen Gesetze sind aber für alle gleich. Wie kommt es, dass verschiedene Zivilisationen +nicht die gleiche Technik bauen oder, dass sie die gleiche Technik nicht auf dieselbe Weise nutzen? +Um diese Frage zu beantworten, macht Kornwachs die Unterscheidung zwischen zwei Arten +technologischer Funktionalität. Die technologische Funktionalität der ersten Art ist diejenige, +„deren physikalische Wirksamkeit und technische Brauchbarkeit invariant gegenüber der +kulturellen Ausprägung der organisatorischen Hülle sind“\autocite[22]{kornwachs:technik}. +Als Beispiele nennt Kornwachs Regelkreise, Hebel, Kraftmaschinen usw.\autocite[Vgl.][22]{kornwachs:technik} +Was ist die organisatorische Hülle? „Die organisatorische Hülle einer Technik umfasst alle +Organisationsformen, die notwendig sind, um die Funktionalität eines technischen Artifakts überhaupt ins +Werk setzen zu können“\autocite[23]{kornwachs:technik}. Eben so eine organisatorische Hülle +„konstituiert \textit{eine technologische Funktion zweiter Art}, +[\dots]“\autocite[23]{kornwachs:technik} Kornwachs erklärt diese am Beispiel eines Autos, dessen +„organisatorische Hülle das gesamte System vom Straßenverkehrsnetz über die Proliferationssysteme für +Treibstoff und Ersatzteile bis hin zu den rechtlichen Regelungen, [\dots], +[umfasst]“\autocite[23]{kornwachs:technik}. + +Aber nicht nur die organisatorische Hülle regelt, wie die Technik eingesetzt wird; auch die Technik prägt +die organisatorischen Hüllen: „Es ist offenkundig, dass die organisatorische Umgestaltung unserer +Zivilisation durch die Informations- und Kommunikationstechnologien keine dieser organisatorischen +Hüllen unberührt lässt.“\autocite[23]{kornwachs:technik} + +Die Kernthese der „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ ist, dass es sich bei +allen technischen Gegenständen um die Projektion menschlicher Organe handelt. Selbst wenn der Mensch +keine tiefen Erkenntnisse über den Bau seines Körpers hat, projiziert er ihn unbewusst in die von ihm +gemachten Artefakte, „[i]st demnach der Vorderarm mit zur Faust geballter Hand oder mit deren +Verstärkung durch einen fassbaren Stein der natürliche Hammer, so ist der Stein mit einem Holzstiel +dessen einfachste künstliche Nachbildung“.\autocite[52]{kapp:technik} Es ist nicht ungewöhnlich, +zwischen der Technik und den menschlichen Organen und zwischen der Funktionsweise der Technik +und derselben des Organismus Analogien zu bilden. Genauso wie den Vorderarm mit zur Faust geballter Hand +kann man mit einem Hammer vergleichen, kann man zum Beispiel den Computer mit dem Gehirn vergleichen, weil +die Computer viele Operationen wie das Rechnen sogar viel effizienter als das menschliche +Gehirn durchführen können. Bei Kapp geht es aber nicht nur um Ähnlichkeiten und Analogien. Vielmehr +behauptet er, dass die Menschen ihren Organismus und seine Funktionen in die Technik projizieren, sodass +wenn der Organismus anders aufgebaut wäre, anders funktionieren würde, würde auch die Technik +ganz anders aussehen. Und das beansprucht er für alle technischen Gegenstände +ausnahmslos.\autocite[Vgl.][7]{leinenbach:technik} + + \subsection{Selbsterkenntnis} + +Die Organprojektion ist nicht nur der Gegenstand der Technikphilosophie, sondern auch der +Erkenntnistheorie. Die Produktion der Artefakte ist die Art und Weise, wie der Mensch die Natur +und sich selbst erkennt. Da der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert und die +Technik demzufolge Merkmale dieses Organismus hat, kann er aus der von ihm erschaffenen Technik +sich selbst erkennen. Ein Hammer sieht nicht nur äußerlich dem Arm ähnlich, er hat auch +strukturelle Ähnlichkeiten mit diesem. Ein Hammer besteht aus zwei Teilen: einem Stiel und +einem Kopf. Der untere Teil des Armes besteht genauso aus dem Unterarm, an den die Hand +angeschlossen ist. In der Technik erkennt man dann wieder die Eigenschaften, die man in sie +projiziert hat und erkennt auf diese Weise sich selbst. „Zentrum und Ziel allen Weltgeschehens +ist in Kapps Denken die stetig sich vergrößernde Selbsterkenntnis des Menschen. Die technischen +Artefakte sind Vehikel dieser Selbsterkenntnis: [\dots].“\autocite[36]{fohler:techniktheorien} + +So wird der Mensch zum „Maß der Dinge“\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik}, weil alles, was +er in die Welt setzt, aus ihm selbst entsprungen ist. Es gibt auch keine andere Quelle der +Erkenntnis als der Mensch selbst.\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik} + +\begin{quote} +Die Welt der Technik leitet demnach einen Selbstreflexionsprozeß ein, da sie zum einen +bestimmte Entwicklungsstufe des Menschen erfahrbar mache, zum anderen jedoch auch auf das verweise, was den +Menschen möglich sei.\autocite[10]{korte:kapp} +\end{quote} + +Eine andere Komponente, die die Selbsterkenntnis kennzeichnet, ist die Sprache, weil „[d]ie Sprache +sagt, welche Dinge sind und was sie sind, [\dots]“\autocite[60]{kapp:technik}. Und sie ist auch ein +Produkt der Organprojektion. Kapp behauptet, dass die Bezeichnungen für die Gegenstände +aus der Tätigkeit der Organe entstanden seien. So habe das Wort \textit{Mühle} +seine Wurzel im indoeuropäischen \textit{mal} oder \textit{mar}, was soviel wie „mit den Fingern +zerreiben“ oder „mit den Zähnen zermalmen“ bedeutet +habe.\autocite[Vgl.][57\psq]{kapp:technik} + + \subsection{Terminus „Technik“} + +Hier wird es deutlich, dass es Kapp nicht bloß um den Einfluss der Technik auf die Kultur geht, vielmehr +ist die Technik dasjenige, was die gesamte menschliche Kultur bildet. „Die Technik ist das erste +Kulturereignis. Der Anfang der Herstellung technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens +Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik} + +Um diese These zu verstehen, muss man untersuchen, was Kapp meint, wenn er das Wort +„Technik“ verwendet. Mit der Entwicklung der Technik entwickelt sie auch die +Sprache. Wenn ich heute „Technik“ sage, dann meine ich meistens Computertechnik +oder zumindest irgendeine Maschine, ein Auto, ein Lüftungssystem und dergleichen. Wenn ich über +Werkzeuge in meinem Werkzeugkasten spreche, dann sage ich nicht unbedingt „Technik“ +von jenen, es sei denn ich habe elektrische Werkzeuge da, wie ein Elektroschrauber oder eine +Bohrmaschine. Es mag eine Zeit gegeben haben, in der eine Handsäge eine technische +Errungenschaft darstellte. Heute gehört sie aber mehr zur Klasse der Werkzeuge. Das heißt man +unterscheidet meistens in der heutigen Umgangssprache zwischen der Technik und den Werkzeugen. + +Es ist überhaupt schwierig, eine Definition der Technik zu entwickeln, die man verwenden könnte, +um zwischen technischen Gegenständen und übrigen zu differenzieren. Ich habe vorher von +den von Menschenhand geschaffenen Gegenständen als von der Technik gesprochen. Aber zählt ein +gemaltes Bild zur Technik? Wohl eher nicht. Es ist Kunst. Ist ein technischer Gegenstand keine Kunst? +Man würde meinen: Nein. Der Ingenieur, der Monate verbracht hat, es zu entwerfen und zu konzipieren, +könnte dem widersprechen. Die Technik hat noch eine weitere Eigenschaft, dass sie einen Nutzen hat. +Allerdings auch die Kunst hat für viele Menschen einen ästhetischen Nutzen. Man kann den +„Begriff“ auf die eine oder andere Weise definieren, aber eine solche Definition wäre +meines Erachtens der Umgangssprache nicht gerecht und würde nicht alle Anwendungsfälle decken. + +Wenn man zu diesem Begriff von einer anderen Seite kommt, kann man zwischen zwei Bedeutungen dessen +unterscheiden. Zu einem bezeichnet man Gegenstände als Technik: ein Videorecorder ist Technik, ein +Fernseher ist Technik. Zum anderen spricht man von erlernten Fähigkeiten als von den Techniken. In +diesem Sinne gibt es Maltechniken, Kampftechniken, Lerntechniken und andere Techniken. Der Begriff +hat also noch eine funktionale Seite. + +Kapp hat diese Vielfalt des Technischen in seine Philosophie aufgenommen. Es war vorhin davon die +Rede, dass der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert, und bei den ersten Werkzeugen +sieht man gewisse Ähnlichkeit mit den Organen. Aber auch der Umstand, dass die Technik mit einer +Funktion verbunden ist (dass sie eine Fähigkeit bezeichnen kann), ist ihm nicht entgangen. +„An die Stelle der Ähnlichkeit, welche die äußere Gestalt der Organe des Menschen mit deren +gegenständlichen Projekten besitzt, tritt im Fortgang der Entwicklung technischer Gegenstände bis +hin zur Maschine vielmehr die Projektion des organischen +Funktionsbildes, [\dots]“\autocite[61]{leinenbach:technik} Man hat versucht Kapps Theorie +zu widerlegen, indem man nach Artefakten gesucht hat, die keine Ähnlichkeiten mit irgendeinem +Organ aufweisen: das Rad\autocite[Vgl.][84--86]{leinenbach:technik} oder das künstliche +Licht\autocite[Vgl.][88\psq]{leinenbach:technik}. + +Das war auch für Kapp offensichtlich, dass nicht alle Werkzeuge und Maschinen äußere Ähnlichkeiten +aufweisen. Vielmehr entfernt sich die Technik im Prozess ihrer Entwicklung von ihrem +ursprünglichen Vorbild. Kapp spricht zum Beispiel von „vergeistigten“ Werkzeugen, die eher +den menschlichen Geist projizieren als seinen Körper. So heißt es von dem Werkzeug der Kommunikation, +der Sprache: + + \begin{quote} +In der Sprache hört der Unterschied von Kunstwerk und Werkzeug, der sonst durchweg feststeht, +ganz auf. Indem sie erklärt, was sie selbst ist, übt sie gerade das aus, was sie erklären will. Mithin +ist sie das Werkzeug, sich als ihr eigenes Werkzeug zu begreifen, also ein vergeistigtes Werkzeug, +Spitze und Vermittlung zugleich der absoluten Selbstproduktion des Menschen.\autocite[248]{kapp:technik} + \end{quote} + +Die „Spitze“ der Organprojektion sind gar nicht die technischen Artefakte, sondern der +gesamte kulturelle Reichtum, den der Mensch um sich schafft. Nur ist diese kulturelle Bereicherung +ohne Technik nicht möglich. Außer dass Kapp verschiedene Bedeutungen der Technik in seine Theorie +aufnimmt, breitet er diesen Begriff so weit aus, dass er auf jegliche Errungenschaft das Menschen +angewendet werden kann. Solche Verwendung des Begriffes „Technik“ mag zunächst +befremdend erscheinen, aber sie ist unserer Sprache auch nicht vollkommen fremd, denn wir +instrumentalisieren auch geistige Prozesse und sprechen von der Sprache als dem +\textit{Werkzeug} der Kommunikation oder der Logik als dem \textit{Werkzeug} des Denkens. + + \subsection{Kapps Menschenbild} + +Zwar projiziert sich der Mensch immer in die Technik, aber dieser Prozess wird nie abgeschlossen. Es +gibt immer eine unendliche Kluft zwischen der Natur und dem Mechanismus. + + \begin{quote} +[\dots]; der Mechanismus, durch Zusammensetzung von außen zustande gebracht, ist eine „Mache“ +der Menschenhand. Der Organismus ist wie die gesamte Welt \textit{natura}, ein Werdendes, der +Mechanismus ist das gemachte Fertige; dort ist Entwicklung und Leben, hier Komposition und +Lebloses.\autocite[68]{kapp:technik} + \end{quote} + +Kapp ist kein Materialist und der Mensch ist für ihn kein rein materielles Wesen. Anstatt von der Materie +und dem Geist zu sprechen, spricht Kapp von der Psychologie und der Physiologie, zwei Gegensätze, die die +menschliche Natur in sich vereinigt. Allerdings ist auch keine Trennung dieser zwei Bestandteile möglich. +Man kann auch nicht sagen, dass das eine wichtiger oder wesentlicher wäre als das andere, wie es zum +Beispiel Descartes sieht\footcite[Vgl.][43]{geschichte1718}. Der Mensch ist nur als ein Ganzes möglich und +denkbar: „Psychologie und Physiologie haben lange genug fremd gegen einander getan, +[\dots]“\autocite[19]{kapp:technik}. Auch das kulturelle Gut und die Technik sind nicht sekundär, +obwohl es auf den ersten Blick scheint, als ob die menschliche Existenz auch ohne diese denkbar wäre, +weil sie erst ein Produkt seiner geistigen Aktivität sind. „Einerseits sollen die natürlichen +Organe das Vorbild aller mechanischen Objekte und Ensembles sein, andererseits lässt sich erst durch +deren Strukturen und Funktionen das Wesen der Organe +erkennen.“\autocite[XXXV-XXXVI]{maye:einleitung-kapp} + + \subsection{Kritik} + +Ganz am Anfang klingt Kapps Theorie sehr plausibel. Bei einfachen Werkzeugen kann man das sich sehr gut +vorstellen, dass der Mensch seine Organe als Muster für die Werkzeuge benutzt hat. Vor allem, weil die +eigene körperliche Kraft nicht ausgereicht hat, musste man einen Weg finden, zu kompensieren, anders +gesagt, man musste seine natürlichen Organe verlängern und verstärken. + +Allerdings mit dem Fortschritt der Technologie, wenn die direkte Analogie zwischen dem Organ und +dem Produkt der Menschenhand zu schwanken beginnt, fällt es einem immer schwerer, an die +Organprojektion als eine universelle Theorie zu glauben. + +Es liegt in der Natur des Menschen, seine Umwelt immer weiter zu gestalten, und seine Werkzeuge und +Maschinen weiter zu entwickeln. Und auch schwere Maschinen helfen dem Menschen, schwere Arbeiten +auszuführen, die er sonst mit seinen eigenen Organen verrichten sollte. Deswegen können auch sie +als Projektion menschlicher Organe und ihrer Funktionen betrachtet werden. Allerdings wenn Kapp +Beispiele wie „[d]as Netz der Blutgefäße als organisches Vorbild des +Eisenbahnsystems“\autocite[121]{kapp:technik} einführt, stellt sich die Frage, wie es zu +überprüfen ist. Kapp zwar besteht darauf, dass es nicht bloß das „Sinnbildliche der +Allegorie“ ist, sondern das „Sach- und Abbildliche der +Projektion“\autocite[Vgl.][129]{kapp:technik} und versucht das argumentativ +zu stützen\autocite[Vgl.][129--130]{kapp:technik}, seine Argumentation kann jedoch nicht als ein +handfester Beweis gelten. + +Die Hauptschwäche dieser Theorie ist ihre Überprüfbarkeit. Ich kann höchstens auf bestimmte +Ereignisse oder Artefakte hinweisen und sie zum Vorteile der Theorie deuten, aber meine +Behauptung lässt sich nicht empirisch überprüfen. Ich kann nur versuchen sie plausibler als +die Alternativen zu machen. Vor allem geschieht die Organprojektion nach Kapp +\textit{unbewusst} und weist sich erst im Nachhinein als solche aus. Und um den Ursprung und +die Art unbewusster geistiger Vorgänge lässt sich nur spekulieren. + +Des Weiteren war Kapp auf die Technik seiner Zeit beschränkt. Er konnte selbstverständlich +nicht voraussehen, welche Herausforderungen die künftige Technik mit sich bringt, und ob die +Theorie entsprechend angepasst werden soll. Der Glaube an den Menschen als ein einzigartiges +Geschöpf der Natur wird immer schwächer. Vielleicht ist er gar nicht so einzigartig, vielleicht +kann man ihn nachbauen, vielleicht kann man das, was in seinem Kopf vorgeht, auf eine Reihe +von Algorithmen reduzieren. Immer mehr Menschen glauben, dass es sehr bald möglich sein wird. +Für Kapp war der Mensch noch der einzige Schöpfer seiner Technik: + + \begin{quote} +Niemals ist aber bei irgendeiner Maschine die Menschenhand völlig aus dem Spiele; denn auch +da wo ein Teil des Mechanismus sich gänzlich ablöst, wie der Pfeil, die Gewehrkugel, die dem +Schiffbrüchigen die rettende Leine überbringende Rakete, ist die Abweichung nur vorübergehend und +scheinbar.\autocite[64\psq]{kapp:technik} + \end{quote} + +Die Technik, die immer menschlicher wird, macht darüber nachdenklich, ob der Mensch diesen Status +für die gesamte Zeit seiner Geschichte behalten kann. Andererseits das Sprechen über die Maschinen, +die man von einem Menschen nicht mehr unterscheiden kann, ist auch nur noch eine Spekulation. Und +es ist meines Erachtens noch zu früh, sie als ein Argument gegen Kapps Ansichten auszuspielen. +Schließlich hat auch die höchste entwickelte Technik ihren Ursprung im Menschen und ist Folge +seiner Leistung, wie es Kapp auch sagt. Das heißt, wenn eine Maschine ohne menschliche +Teilnahme andere Maschinen produzieren kann, so wurde sie so konstruiert, um diese Aufgabe +zu erfüllen. Es wird inzwischen über die Maschinen spekuliert, die auch geistige Leistungen +des Menschen übernehmen können, die zum Beispiel selbst programmieren können, und so andere +Maschinen hervorbringen, die nicht nur nach einem bestimmten Plan konstruiert sind, sondern +tatsächlich neue Technik darstellen. Aber selbst in diesem Fall soll solche Intelligenz erstmal +künstlich geschaffen werden, sie würde ihre Existenz immer noch dem Menschen verdanken. Das ist, +denke ich, die Tatsache, auf die Kapp hinweisen wollte. + +Man darf auch nicht vergessen, dass obwohl wir Technik bauen und verwenden, darüber zu +reflektieren, warum wir sie eigentlich brauchen und warum wir so bauen, wie wir sie bauen, keine +einfache Aufgabe ist, die lückenlos gelöst werden kann. Deswegen verdient Kapps +Theorie Aufmerksamkeit als ein möglicher Lösungsansatz. + + \subsection{Kapps Technikphilosophie in Anwendung auf die nachfolgende Geschichte der Technik} + +Das Kapitel, in dem Harald Leinenbach über die Rezeptionsgeschichte der Organprojektionstheorie spricht, +nennt er „Die Grundlinien einer Philosophie der Technik“ +„Kapps mystisches Blendwerk“\autocite[60]{leinenbach:technik}, womit er andeuten will, +wie das Werk meistens rezipiert wurde. +„Dabei finden sich Erwähnungen der Organprojetionstheorie meist bloß in knappen +Randbemerkungen. Kapps Technikphilosophie ist nirgends aufgenommen, geschweige denn konstruktiv +weitergeführt worden.“\autocite[61]{leinenbach:technik} Als Grund gibt Leinenbach an, dass +Kapp von seinen Gegnern immer missverstanden wurde, dass man seine Theorie nicht zu Ende denkt, sondern +sich „hauptsächlich am Organprojektionsstatus der technischen +Gegenstände“\autocite[60\psq]{leinenbach:technik} aufhält, und +sobald man eine Maschine findet, die äußerlich dem menschlichen Organismus nicht ähnlich ist, hört +man auf und lehnt die Theorie als unzureichend ab. Dazu kommen noch Begriffe wie das Unbewusste, mit +denen Kapp gearbeitet hat.\autocite[Vgl.][64]{leinenbach:technik} Besonders in der Zeit, in der die +Künstliche Intelligenz entwickelt wird, scheint die Hoffnung zu wachsen, das Unbewusste aus der Welt +zu schaffen, und alles Menschliche ohne Rest technisch reproduzieren zu können. diff --git a/posts/2017/07/du-bist-von-anderen-umringt.tex b/posts/2017/07/du-bist-von-anderen-umringt.tex new file mode 100644 index 0000000..d575263 --- /dev/null +++ b/posts/2017/07/du-bist-von-anderen-umringt.tex @@ -0,0 +1,30 @@ +--- +layout: post +date: 2017-07-22 19:51:00 +tags: Gedicht +title: Du bist von anderen umringt… +teaser: | + <p> + Du bist von anderen umringt;<br> + Ich weiß, mein Weg ist nicht so eben.<br> + Wenn man sich auf ihn begibt,<br> + liegen ’rum nur laute Scherben. + </p> + <p> + Er führt uns trotzdem zum Altar<br> + und entfernt das letzte Siegel,<br> + dass nichts im All ein Zufall war,<br> + und dass das Sein den Tod besiege. + </p> +--- +\textit{Katja M. S. B.} + +Du bist von anderen umringt;\\ +Ich weiß, mein Weg ist nicht so eben.\\ +Wenn man sich auf ihn begibt,\\ +liegen ’rum nur laute Scherben. + +Er führt uns trotzdem zum Altar\\ +und entfernt das letzte Siegel,\\ +dass nichts im All ein Zufall war,\\ +und dass das Sein den Tod besiege. diff --git a/posts/2017/07/ehe-fur-alle.tex b/posts/2017/07/ehe-fur-alle.tex new file mode 100644 index 0000000..742f9e3 --- /dev/null +++ b/posts/2017/07/ehe-fur-alle.tex @@ -0,0 +1,13 @@ +--- +layout: post +date: 2017-07-01 09:14:00 +tags: Gedicht +title: Ehe für alle +teaser: | + <p> + „Ehe für alle!“ - heuchelte der Wind,<br> + wo nämlich Scheidungen in Mode sind. + </p> +--- +„Ehe für alle!“ — heuchelte der Wind,\\ +wo nämlich Scheidungen in Mode sind. diff --git a/posts/2017/09/was-ist-technik.tex b/posts/2017/09/was-ist-technik.tex new file mode 100644 index 0000000..d016cf6 --- /dev/null +++ b/posts/2017/09/was-ist-technik.tex @@ -0,0 +1,770 @@ +--- +layout: post +date: 2017-10-01 00:00:00 +tags: Aufsatz +title: Was ist Technik? Eine Auseinandersetzung mit dem Technikkonzept von Ernst Kapp +teaser: + <p>Im vorliegenden Artikel geht es um die Anwendung des Technikkonzepts von Ernst Kapp auf die + heutige Technik. Eines der Gebiete, dessen Entwicklung für die Moderne unentbehrlich ist, ist die + Computertechnik. Wobei ich einen breit gefächerten Computerbegriff benutzen möchte. + Computer werden immer universeller und können immer mehr Aufgaben ausführen, deswegen sind sie bereits + ein Teil vieler Bereiche unseres Daseins. Sie werden vorprogrammiert, um anhand gegebener Daten bestimmte + Aktionen auszuführen. In diesem Sinne ist nicht nur ein Laptop ein Computer, sondern auch ein Handy; + genauso ist ein Roboter ein komplexer Computer.</p> +--- +Im vorliegenden Artikel geht es um die Anwendung des Technikkonzepts von Ernst Kapp auf die +heutige Technik. Eines der Gebiete, dessen Entwicklung für die Moderne unentbehrlich ist, ist die +Computertechnik. Wobei ich einen breit gefächerten Computerbegriff benutzen möchte. +Computer werden immer universeller und können immer mehr Aufgaben ausführen, deswegen sind sie bereits +ein Teil vieler Bereiche unseres Daseins. Sie werden vorprogrammiert, um anhand gegebener Daten bestimmte +Aktionen auszuführen. In diesem Sinne ist nicht nur ein Laptop ein Computer, sondern auch ein Handy; +genauso ist ein Roboter ein komplexer Computer. + + \section{Datenverarbeitung. Mensch und Maschine} + +Ein Computer ist vor allem ein Rechner. Es kommt einem so vor, als ob die Computer ganz +verschiedene Informationsarten verwalten, bearbeiten und speichern können: Text, Musik, Bilder. + + \begin{quote} +Trotzdem ist ein Computer ein Gerät, das Probleme durch Berechnungen löst: Er kann nur +diejenigen Sachverhalte „verstehen“, die man in Form von Zahlen und mathematischen +Formeln darstellen kann. Dass es sich dabei heute auch um Bilder, Töne, Animationen, 3-D-Welten +oder Filme handeln kann, liegt einfach an der enormen Rechengeschwindigkeit und Kapazität moderner +Rechner.\autocite[35]{kersken:fachinformatiker} + \end{quote} + +Natürlich ist das nicht die grundlegendste Ebene: +der Arbeitsspeicher und Prozessor wissen nichts von den Zahlen und der Arithmetik, aber die Mathematik ist +trotzdem von fundamentaler Bedeutung für die logische Funktionsweise von Programmen. + + \subsection{Darstellung der Daten im Computer. Zahlensysteme und das Zählen} + +Wenn man einen Text, ein Musikstück oder ein Bild speichern will, werden sie als eine Zahlenfolge +interpretiert, und nicht eine Folge von Buchstaben, Noten oder Farben, wie sie für den Menschen +erscheinen. Ein wichtiger Unterschied zum vom Menschen eingesetzten dezimalen Zahlensystem ist, dass +für das Programmieren der Computer ein binäres Zahlensystem verwendet wird. Für das Rechnen verwenden +wir ein Zahlensystem mit 10 Ziffern, von 0 bis 10, daher der Name „dezimal“. Das binäre +Zahlensystem hat nur 2 Ziffern: 0 und 1, funktioniert aber wie ein dezimales oder jedes andere +Zahlensystem, und lässt sich in jedes andere Zahlensystem übersetzen. Beim Zählen um eine Nummer +größer als 9 zu erzeugen, setzt man sie aus mehreren Ziffern zusammen. + + \noindent\begin{tabular}{cccccccccc} + \addlinespace[2em] + \toprule + & \multicolumn{9}{l}{\textbf{Ziffern des Dezimalsystems}} \\ + \midrule + 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 \\ + \bottomrule + \addlinespace + \end{tabular} + + \noindent\begin{tabular}{cc} + \addlinespace[2em] + \toprule + & \textbf{Ziffern des Binärsystems} \\ + \midrule + 0 & 1 \\ + \bottomrule + \addlinespace[2em] + \end{tabular} + +Im binären Zahlensystem ist es genauso mit dem Unterschied, dass die zusammengesetzten Nummern +bereits nach 1 folgt, weil es keine 2 gibt, so zählt man folgendermaßen: 0, 1, 10, 11, 100, 101, 110, +111 und so weiter. Jeder Zahl in dieser Folge kann man eine dezimale Zahl zuordnen: 0 ist 0, 1 ist 1, +10 ist 2, 11 ist 3, 100 ist 4 und so weiter. + + \noindent\begin{tabular}{lcccccccccc} + \addlinespace[2em] + \toprule + & \multicolumn{9}{c}{\textbf{Zuordnung}} \\ + \midrule + Dezimal & 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 \\ + \midrule + Binär & 0 & 1 & 10 & 11 & 100 & 101 & 110 & 111 & 1000 \\ + \bottomrule + \toprule + Dezimal & 9 & 10 & 11 & 12 & 13 & 14 & 15 & 16 & 17 \\ + \midrule + Binär & 1001 & 1010 & 1011 & 1100 & 1101 & 1110 & 1111 & 10000 & 10001 \\ + \bottomrule + \addlinespace[2em] + \end{tabular} + +Das dezimale Zahlensystem ist kaum etwas +Eingeborenes, wir hätten auch binär, oktal oder hexadezimal rechnen können, aber die Wahl des +Zahlensystems ist auch nicht zufällig. Kapp argumentiert, dass der Wahl des Zahlensystems die Tatsache +zugrunde liegt, dass Menschen ihre Finger zum Zählen verwendeten und auch bis heute verwenden: + + \begin{quote} +Der Ausdruck für die Menge der Maßeinheiten derselben Art, die \textit{Zahl}, wurde, wie noch heute zur +Unterstützung des Zählens geschieht, an den fünf Fingern abgezählt. Das griechische Wort für dieses Zählen +nach Fünfen war \textgreek{πεµπάζειν}, „fünfern“. Die zehn Finger lieferten das Dezimalsystem +und die zehn Finger mit Zugabe der beiden Hände des Duodezimalsystem.\autocite[75]{kapp:technik} + \end{quote} + +Das heißt, man hat die Besonderheit seines Organismus verwendet, um sich das Zählen beizubringen. Beim +Entwickeln der Computertechnik hat man auf ein gut vertrautes System zurückgegriffen und es nur +entsprechend modifziert. Die Hardware hat keine Finger, aber dafür elektronische Schaltungen, die zwei +Zustände haben können: „Ein“ und „Aus“, die den beiden Ziffern des binären +Zahlensystems entsprechen. „Die grundlegenden Funktionen, die im Computer stattfinden, lassen +sich sehr leicht als elektrische Schaltpläne darstellen.“\autocite[85]{kersken:fachinformatiker} + + \vspace{2em} + + \noindent\begin{minipage}{.30\linewidth} + \begin{tabular}{ccc} + \toprule + 1 & 2 & Oder \\ + \midrule + 0 & 0 & 0 \\ + \midrule + 0 & 1 & 1 \\ + \midrule + 1 & 0 & 1 \\ + \midrule + 1 & 1 & 1 \\ + \bottomrule + \end{tabular} + \end{minipage} + \begin{minipage}{.65\linewidth} + \centering + \includegraphics[scale=0.5]{/assets/images/was-ist-technik/or.png} + \captionof{figure}[Logisches Oder durch einfache Schalter]{% + Logisches Oder durch einfache Schalter\autocite[86]{kersken:fachinformatiker} + } + \end{minipage} + + \vspace{2em} + + \noindent\begin{minipage}{.30\linewidth} + \begin{tabular}{ccc} + \toprule + 1 & 2 & Und \\ + \midrule + 0 & 0 & 0 \\ + \midrule + 0 & 1 & 0 \\ + \midrule + 1 & 0 & 0 \\ + \midrule + 1 & 1 & 1 \\ + \bottomrule + \end{tabular} + \end{minipage} + \begin{minipage}{.65\linewidth} + \centering + \includegraphics[scale=0.5]{/assets/images/was-ist-technik/and.png} + \captionof{figure}[Logisches Und durch einfache Schalter]{% + Logisches Und durch einfache Schalter\autocite[86]{kersken:fachinformatiker} + } + \end{minipage} + + \vspace{2em} + +0 und 1 lassen sich also in eine für die Hardware verständliche Sprache übersetzen. Größere Zahlen +bekommt man, wenn man mehrere Nullen und Einsen zusammensetzt, genauso wie man es vom Dezimalsystem kennt. +Es bleibt herauszufinden, wie man andere Informationen umwandeln kann. + +Für einen Text ist es relativ einfach. Genauso wie in der Cäsar-Verschlüsselung kann man jedem Zeichen +eine Zahl zuordnen. Es gibt deswegen sogenannte Kodierungen, Tabellen, die die Konvertierung zwischen +den Zahlen und den Zeichen einer Schriftsprache ermöglichen. Eine der ältesten Kodierungen, die aber +für die moderne Verhältnisse oft nicht mehr ausreicht, ist ASCII\@. Sie besteht aus 128 Zeichen, darunter +sind sowohl die Buchstaben des lateinischen Alphabets (groß und klein separat), als auch Satzzeichen +(Punkt, Komma und so weiter), als auch solche wie das Leerzeichen oder der Zeilenumbruch. Da man +sehr bald einsehen musste, dass man vielmehr Zeichen braucht, um nicht englische Texte kodieren +zu können, sind weitere Zeichenkodierungen entstanden wie UTF-8, UTF-16 oder UTF-32, wobei es auch +viele anderen gibt (windows-1251, koi8-r und so weiter). + + \noindent\begin{tabular}{cccccccccccccccc} + \addlinespace[2em] + \toprule + \multicolumn{16}{c}{\textbf{ASCII}} \\ + \toprule + 97 & 98 & 99 & 100 & 101 & 102 & 103 & 104 & 105 & 106 & 107 & 108 & 109 & 110 & 111 & \dots \\ + \midrule + 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & \@: & \@; & < & = & > & \dots \\ + \bottomrule + \midrule + 65 & 66 & 67 & 68 & 69 & 70 & 71 & 72 & 73 & 74 & 75 & 76 & 77 & 78 & 79 & \dots \\ + \midrule + A & B & C & D & E & F & G & H & I & J & K & L & M & N & O & \dots \\ + \bottomrule + \toprule + 97 & 98 & 99 & 100 & 101 & 102 & 103 & 104 & 105 & 106 & 107 & 108 & 109 & 110 & 111 & \dots \\ + \midrule + a & b & c & d & e & f & g & h & i & j & k & l & m & n & o & \dots \\ + \bottomrule + \addlinespace[2em] + \end{tabular} + +Darstellung der Graphik ist recht ähnlich. Zunächst muss man ein Bild in die einzelnen +„Buchstaben“ zerlegen. Im Falle der Graphik nennt man so einen „Buchstaben“ +ein \textit{Pixel}. Ein Pixel ist ein Bildpunkt. Die Pixel sind so klein, dass das menschliche +Auge gar nicht merkt, dass ein Bild aus sehr vielen Pixeln zusammengesetzt wird, obwohl vor 30 +Jahren auf den alten Bildschirmen das noch zu sehen war. Da jedes Pixel eine eigene Farbe haben +kann, muss jeder Farbe eine Zahl zugeordnet werden, die die jeweilige Farbe repräsentieren würde. +Deswegen gibt es auch hier etwas etwas, was den Kodierungen der Buchstaben entpricht: Farbmodelle. +Eines der am meistverbreiteten ist RGB (\textbf{R}ed, \textbf{G}reen, \textbf{B}lue). +Die Farben entstehen aus Mischung der drei Grundfarben: Rot, Grün und Blau. Jeder der Grundfarben +wird eine Zahl von 0 bis 255 zugeordnet, die der Intensivität der jeweiligen Farbe entspricht. Und +man kann dann im Endeffekt jede Farbe als drei Zahlen jeweils von 0 bis 255 kodieren. Schwarz ist zum +Beispiel [0, 0, 0] (alle Farben fehlen), Rot ist [255, 0, 0] (Rot hat den maximalen Wert, die anderen +Farben sind nicht vorhanden), Gelb: [0, 255, 255] (Rot ist nicht vorhanden, Grün und Blau haben den +maximalen Wert). Auch hier gilt es, dass es noch weitere Farbmodelle gibt, zum Beispiel +\textit{CMYK}. + + \noindent\begin{tabular}{ccccc} + \addlinespace[2em] + \toprule + Rot & Grün & Blau & Schwarz & Weiß \\ + \midrule + (255, 0, 0) & (0, 255, 0) & (0, 0, 255) & (0, 0, 0) & (255, 255, 255) \\ + \bottomrule + \toprule + Gelb & Pink & Dunkelgrün & Orange & Grau \\ + \midrule + (0, 255, 255) & (255, 192, 203) & (0, 100, 0) & (255, 165, 0) & (190, 190, 190) \\ + \bottomrule + \addlinespace[2em] + \end{tabular} + +Die Übersetzung der Informationen, Wahrnehmungen in eine für den Computer verständliche Form (in die +digitale Form) heißt Digitalisierung. Dementsprechend, wenn man ein Ereignis mit einer Digitalkamera +aufnimmt, wird die Aufname digitalisiert. + + \begin{quote} +In der Natur liegen alle Informationen zunächst in analoger Form vor: Das Bild, das Sie sehen, +oder der Ton, den Sie hören, besitzt prinzipiell keine kleinste Informationseinheit oder Auflösung. +Mit dieser Art von Informationen kann ein Computer heutiger Bauart nichts anfangen. Die besonderen +Eigenschaften der Elektronik haben dazu geführt, dass Computer digital entworfen wurden. +„Digital“ stammt vom englischen Wort \textit{digit} („Ziffer“); dieses Wort +ist wiederum vom lateinischen \textit{digitus} („Finger“) abgeleitet, da die Finger von +jeher zum Zählen eingesetzt wurden.\autocite[52]{kersken:fachinformatiker} + \end{quote} + +Es gibt mindestens einen sprachlichen Zusammenhang zwischen dem Zählen, das nach Kapp eines der Produkte +der Organprojektion ist, und der digitalen Technik. Wenn man aus dem Fenster schaut, zählt man nicht die +einzelnen Farben und unterteilt nicht das Gesehene in die kleinsten Bestandteile. Es ist nicht bekannt, ob +die Natur überhaupt in die kleinsten Bausteine zerlegt werden kann. Es gibt auch eine Reihe von Emergenztheorien, +die behaupten, dass die Natur mehr ist, als die Summe ihrer Teile. +Von der Emergenz spricht man, wenn auf höheren Ebenen der Entwicklung Eigenschaften entstehen, die auf +niedrigieren Ebenen nicht vorhanden waren und die nicht auf etwas noch grundlegenderes reduzierbar sind. + + \begin{quote} +Leben etwa ist eine emergente Eigenschaft der Zelle, nicht aber ihrer Moleküle; Bewusstsein ist +eine emergente Eigenschaft von Organismen mit hoch entwickeltem Zentralnervensystem; Freiheit ist eine +emergente Eigenschaft des menschlichen Organismus. Die einfacheren Lebensformen bilden zwar die Grundlage +für die komplexeren; doch mit jedem Zusammenschluss zu einem neuen System entstehen auch qualitativ neue +Eigenschaften, die es bei den vorangehenden Stufen noch nicht gab.“\autocite[93]{kather:leben} + \end{quote} + +Wir nehmen solche Systeme als eine Ganzheit wahr. Ein schöner Baum vermittelt uns kein +ästhetisches Gefühl mehr, wenn er in Moleküle oder Atome zerlegt wird. Computer degegen, um solche +Eindrücke verarbeiten und speichern zu können, zerlegen sie sie in Informationseinheiten. Damit das Bild +eines Baumes auf meiner Festplatte gespeichert werden kann, muss es in möglichst kleine Punkte, +von denen jedem eine Farbe zugeordnet wird, zerlegt werden, diese Bildpunkte oder Pixel müssen dann abgezählt +werden und dann können sie gespeichert werden. Deswegen macht die Abstammung des Wortes +„Digitalisierung“ vom „Finger“ als dem Organ, das beim Zählen +Abhilfe schuf, immer noch Sinn: Bei der Digitalisierung werden die Elemente, zum Beispiel eines Bildes, +abgezählt, weil nur eine endliche Anzahl von Elementen aufgenommen werden kann, und dann gespeichert. + +Andererseits, obwohl wir unsere Umwelt als eine Ganzheit wahrnehmen, besteht die Natur aus kleineren +Bausteinen. Der menschliche Körper besteht aus Molekülen, Atomen, Elementarteilchen. Und genauso hat +man die Welt der Informationstechnologien aufgebaut. Es gibt immer eine Informationseinheit (ein +Buchstabe, ein Pixel), aus deren Zusammenstellung ein komplexeres Gebilde entsteht (ein Text oder ein +Bild). Wie ein Atom aus Protonen, Neutronen und Elektronen besteht, können auch solche +„Informationseinheiten“ weiter zerlegt werden. Der Buchstabe „A“ des lateinischen +Alphabets hat den ASCII-Code 65. 65 ist größer als 1, ist also nicht direkt repräsentierbar. In der +binären Darstellung enspricht der Zahl 65, die Zahl 0100 0001. 0 oder 1 in dieser Folge heißen ein +\textit{Bit}. Eine Folge aus 8 Bits ist ein \textit{Byte}. Ein Bit ist die kleinste Einheit für den +Computer. Man braucht also ein Byte, um 65 oder „A“ speichern zu können. Und dieses Byte ist +in noch kleinere „Elementarteilchen“, Bits, zerlegbar. Wenn die Technik in der Tat die +unbewusste Projektion des menschlichen Organismus sein soll, dann ist die Art, wie die Verarbeitung der +Daten im Computer abläuft, noch ein Beleg dafür. + +Der Organprojektion verdankt man nach Kapp die Fähigkeit zu zählen. Diese Fähigkeit hat dem Menschen +ermöglicht die Welt zu ermessen. Man hat gelernt Gewicht und Abstand zu messen. Mit der Einführung des +Geldes kann man den Reichtum messen. Und heute kann man auch Informationen messen. Für das Messen +des Abstandes wurden Einheiten eingeführt wie Millimeter, Zentimeter, Meter oder Kilometer; für diese +des Gewichtes --- Gramme und Kilogramme. Um die Informationen digital darstellen zu können, müssen +sie auch messbar sein. Die kleinste Informationseinheit ist ein Bit. Mit einem Bit ist nur ein 0 oder +1 darstellbar. Eine Folge aus 8 Bits ist ein Byte. 1000 Bytes (B) sind ein Kilobyte. 1000 Kilobytes (KB) +sind ein Megabyte (MB). Es gibt dann Gigabytes (GB), Terrabytes (TB), Petabytes (PB) und so weiter. Es +gibt auch Masseinheiten die auf Besonderheit der Computer-Technik abgestimmt und vom binären +Zahlensystem abgeleitet sind: 1 Kibibyte (KiB) = 1024 (2$^{10}$) Byte, 1 Mebibyte (MiB) = 1024 KiB und +so weiter. Aber die Grundlage bleibt immer dieselbe: Man hat ein Zahlensystem, das dazu verhilft, die +Information „abzählbar“ zu machen, damit man sie digital verarbeiten kann. + + \subsection{Alte Prinzipien im Lichte der neuen Technik} + +Maßeinheiten, Zahlen, Zahlensysteme kannte man vor der Elektrotechnik. Mit der Entwicklung der Technik +hat man nur gelernt, sie anders einzusetzen. Das kann einerseits rechtfertigen, dass die +Spekulationen der Technikphilosophie nicht vergänglich sind, dass sie mit dem Fortschritt der Technik +nicht notwendig veraltet werden. Andererseits kann es auch für die Organprojektion sprechen, weil +der eigene Organismus dasjenige ist, was den Menschen durch seine Geschichte begleitet hat, sodass +die Erkenntnisse, die er aus seinem Organismus gewonnen hat, bestehen bleiben und nur erweitert, +korrigiert und neu angewendet werden. + +Auch von der Möglichkeit, Texte zu „digitalisieren“, konnte man sehr früh Gebrauch machen, +und zwar im Zusammenhang mit der Kryptographie, das heißt der Verschlüsselung und Entschlüsselung von Daten. +Den Bedarf, Nachrichten verschlüsselt zu verschicken, gibt es wohl mindestens so lange, wie es Kriege gibt. +Eines der ältesten Verschlüsselungsverfahren wird Cäsar zugeschrieben: + + \begin{quote} +Julius Caesar is credited with perhaps the oldest known symmetric cipher algorithm. The so-called +\textit{Caesar cipher} --- [\dots] --- assigns each letter, at random, to a number. +This mapping of letters to numbers is the key in this simple algorithm.\autocite[30\psq]{davies:tls} + \end{quote} + +Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist, dass die Kryptographie nicht nur für bestimmte Gruppen +(wie die Militär) interessant ist. Wenn man die Website seiner Bank, ein soziales Netzwerk oder seine +Lieblingssuchmaschine besucht, werden die eingegebenen Daten verschlüsselt vor dem Versenden und dann am +anderen Ende, vom Empfänger (der Bank, dem sozialen Netzwerk oder der Suchmaschine), entschlüsselt. + +Bei der Cäsar-Verschlüsselung wird jeder Buchstabe eines geordneten Alphabets um mehrere Positionen nach +rechts verschoben. „Verschieben“ heißt, einen Buchstaben mit einem anderen zu ersetzen, +der $n$ Positionen weiter vorkommt. $n$ heißt dann \textit{Schlüssel} (\textit{key}). Zum Beispiel, wenn +jedes Zeichen des Klartextes um 2 Positionen nach rechts verschoben werden muss, wird \textit{A} +zu \textit{C}, \textit{B} zu \textit{D}, \textit{Z} zu \textit{B} usw. Um den Text dann wieder zu +entschlüsseln, muss man die Anzahl der Positionen kennen, um die jedes Zeichen verschoben wurde, +damit man das rückgängig machen kann (also um $n$ \textbf{nach links} verschieben). Dies ist +ein \textit{symmetrischer} Algorithmus, weil für die Verschlüsselung und die Entschlüsselung derselbe +Schlüssel $n$ verwendet wird: Bei der Verschlüsselung muss man um $n$ Positionen nach rechts verschieben, +bei der Entschlüsselung --- um $n$ Positionen nach links. + +Symmetrische Kyptographie wird immer noch weit eingesetzt. Wenn auch die modernen Algorithmen (Data Encryption +Standard, Advanced Encryption Standard u.Ä.\autocite[Vgl.][30\psqq]{davies:tls}) etwas komplexer +sind, funktionieren sie sehr ähnlich: + + \begin{quote} +With symmetric cryptography algorithms, the same key is used both for encryption and decryption. In some +cases, the algorithm is different, with decryption „undoing“ what encryption did. In other +cases, the algorithm is designed so that the same set of operations, applied twice successively, cycle +back to produce the same result: [\dots].\autocite[30]{davies:tls} + \end{quote} + +Das heißt die Computerindustrie hat unsere Denkweise nicht kardinal geändert. Man hat mit der Technik nicht +eine komplett neue Welt erschaffen, sondern man hat nach Wegen gesucht, erpobte Vorgehensweisen auf die neue +Technik anzuwenden. Für die Techniktheorien, wie die von Kapp, kann es bedeuten, dass sie nicht komplett +von der zu jeweiliger Zeit vorhandenen Technik abhängig. Ein vor Jahrtausenden entwickeltes +Verschlüsselungskonzept findet immer noch Anwendung unter ganz anderen Bedingungen. Natürlich kann die +Cäsar-Verschlüsselung nicht mehr eingesetzt werden, sie ist anfällig für die sogenannten +„Brute-Force-Angriffe“: Ausprobieren aller möglichen Kombinationen oder Schlüssel. Für einen +deutschen Text gibt es höchstens 30 Schlüssel, die man ausprobieren soll, um einen Text zu entschlüsseln +(wenn man annimmt, dass das deutsche Alphabet 30 Buchstaben hat). Ein moderner Rechner kann diese Aufgabe +in Sekunden lösen. Deswegen wurden Algorithmen entwickelt, die auch von einem Computer nicht so einfach +rückängig zu machen sind, wenn man den Geheimschlüssel nicht kennt. Sie basieren aber auf derselben Grundlage +und auch die kann man theoretisch durch das Ausprobieren aller möglichen Schlüssel umgehen, nur dass es +auch für leistungstärkste Rechner Jahre und Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde, dies durchzuführen. + + \subsection{Eric Kandel. „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“} + +Wenn man eine Stufe tiefer geht und die Computertechnik auf der mechanischen Ebene betrachtet, findet +man noch weitere Argumente für Kapps These. +Bei einer oberflächlichen Betrachtung fällt einem sofort auf, dass die Computer komplexe Maschinen sind, +die aus mehreren Bauteilen bestehen. + + \begin{quote} +Die Hardware besteht grundsätzlich aus Zentraleinheit und Peripherie. Zur Zentraleinheit zählen vor +allem der Mikroprozessor, der Arbeitsspeicher (RAM), die verschiedenen Bus- und Anschlusssysteme sowie +das BIOS\@. Zur Peripherie gehören sämtliche Bauteile, die zusätzlich an die Zentraleinheit angeschlossen +werden; sie dienen der Ein- und Ausgabe sowie der dauerhaften Speicherung von +Daten.\autocite[115\psq]{kersken:fachinformatiker} + \end{quote} + +Der menschliche Organismus hat auch eine „Peripherie“, zu der die „Bauteile“ gehören, +die der „Ein- und Ausgabe“ dienen. Ein Eingabegerät eines Rechners ist zum Beispiel eine +Tastatur oder Maus. Man tippt etwas ein, die Informationen werden an die Zentraleinheit weitergeleitet +und dort verarbeitet. „Eingabegeräte“ des menschlichen Körpers sind seine Sinnesorgane, unter +anderem seine Augen und Ohren. Man nimmt die Informationen aus der Außenwelt auf und sie werden zu seiner +„Zentraleinheit“ weitergeleitet und dort verarbeitet. Zu Ausgabegeräten zählen +der Bildschirm und die Lautsprecher. Das „Ausgabegerät“ des Menschen ist +beispielsweise sein Mundwerk. + +Zur Zentraleinheit gehört der Mikroprozessor (Central Processing Unit, kurz +CPU)\autocite[Vgl.][119]{kersken:fachinformatiker}, +„das eigentliche Herzstück des Computers, das für die Ausführung der Programme sowie für die +zentrale Steuerung und Verwaltung der Hardware zuständig +ist.“\autocite[119]{kersken:fachinformatiker} Das, was für die Maschine der Mikroprozessor ist, ist für +den Menschen sein Gehirn: „[\dots] alle Zellen [haben] spezialisierte Funktionen. Leberzellen +beispielsweise führen Verdauungsaktivitäten aus, während Gehirnzellen über bestimmte Mittel verfügen, +Informationen zu verarbeiten und miteinander zu kommunizieren.“\autocite[74]{kandel:gedaechtnis} + +Der menschliche Körper besteht also aus verschiedenartigen Zellen, die für bestimmte Aufgaben zuständig +sind. Man kann auch ein ähnliches Aufbaukonzept bei einem Rechner beobachten. Abgesehen vom Mikroprozessor +kann er auch weitere Bestandteile wie die Grafikkarte oder Audiokarte, die zur Peripherie gehören, oder +der Arbeitsspeicher, der ein Teil der Zentreinheit ist, haben.\autocite[Vgl.][120]{kersken:fachinformatiker} +Und diese Bestandteile haben auch ihre spezifischen Funktionen, wie die Video- oder Audioverarbeitung. + +Der Mikroprozessor ist allerdings das „Gehirn“ eines Rechners. Man kann sich einen Desktop-PC +ohne eine Grafikkarte (der also nichts auf den Bildschirm ausgeben kann) kaum vorstellen. Es gibt +aber auch die sogenannten Server, Computer, die bestimmte Dienste anbieten. Zum Beispiel, wenn man eine +Webseite besucht, stellt man hinter den Kulissen eine Anfrage zu einem entfernten Computer, auf dem die +Webseiteninhalte gespeichert sind. So ein Computer ist ein Beispiel eines Servers. Und solche +Serversysteme bedürfen oftmals keine Bildschirmausgabe, ihre Aufgabe ist schlicht, die Anfragen der +Benutzer anzunehmen, die richtigen Inhalte entsprechend der Anfrage auszusuchen und sie an den +Besucher der Webseite schicken, damit er sie auf \textit{seinem} Bildschirm sehen kann. Wenn ein +menschliches Organ „defekt“ ist, seine Funktionen nicht mehr vollständig ausführen kann, dann +führt es zu Einschränkungen der Lebensqualität. Daher gibt es blinde und taube Menschen. Wenn einige +Teile eines Computersystems defekt oder nicht vorhanden sind, dann ist seine Funktionalität auch +eingeschränkt, es kann zum Beispiel keinen Ton wiedergeben oder kein Bild ausgeben. Die Art der +Einschränkung ist aber in den beiden Fällen nicht dieselbe. Kapp hat ja immer auf den Unterschied +zwischen dem Organischen und Mechanischen hingewiesen, darauf, dass wir uns „des Andranges solcher +Ansichten erwehren [müssen], welche den redenden, organisch gegliederten Menschen in den Räder- und +Tastenautomat Hübners einsargen möchten“\autocite[101]{kapp:technik}. Hier tritt die Differenz +zwischen dem Organischen und Mechanischen nochmal ans Licht. Ein Organismus ist ein Ganzes, eine Einheit, +die nicht ohne ein Verlust zerlegt werden kann, hier ist das Ganze mehr als die Summe der Teile. Ein +Mensch kann wunderbar ohne eine Lunge auskommen (wenn man eine Lunge im Folge einer Krebskrankheit +verloren hat). Vielleicht muss man auf manche Sportarten in seinem +Leben verzichten, aber wenn man sowieso keinen Sport treibt, kann es für manche Menschen irrelevant +sein. Und trotzdem wird es als eine Einschränkung betrachtet, als etwas, was normalerweise nicht der +Fall sein soll. Ein Mechanismus dagegen ist die Summe der Teile und nicht mehr als das. Er ist +nach einem Plan gebaut, da gibt es nichts Unbekanntes: „Das physikalische Gesetz deckt allerdings +vollkommen den Mechanismus, nicht aber den Organismus, den wir nur insoweit begreifen, wie wir mit +jenem reichen“\autocite[101]{kapp:technik}. Das Fehlen einiger Komponenten in einem Serversystem, +die in einem Desktop-PC vorhanden sind, wird nicht als eine Einschränkung betrachtet, solange der Server +seine Aufgaben erfüllen kann. Das heißt, solange die Technik ihrem unmittelbaren Zweck dienen kann, ist +sie durch das Fehlen einiger Komponente nicht eingeschränkt. Selbst wenn die Audiokarte meines Rechners +kaputtgeht, ist das mehr eine Einschränkung für mich, weil ich keinen Ton habe, als für meinen Rechner. + +Wenn zu Kapps Zeiten die Organtransplantation und die Medizin überhaupt den heutigen Stand der Entwicklung +gehabt hätte, würde er bestimmt noch auf Folgendes aufmerksam machen. Wenn ein technisches Gerät +kaputtgeht, kann man es je nach der Art des Defektes reparieren. Wenn ein Kabel reißt, kann man es +meistens löten, sodass es weiterhin seine Funktion erfüllt. Wenn ein Teil komplexer ist, ist es +oft günstiger, dieses Teil einfach auszutauschen. Nun könnte man mit Kapp argumentieren, dass die +Medizin ihre Entstehung dem verdankt, dass der Mensch gesehen hat, dass er von ihm erzeugte Artefakte +reparieren kann, und daraus geschlossen hat, dass es eine Möglichkeit geben muss, auch den Menschen +zu „reparieren“. Und diese Erkenntnis kann sehr alt sein, da sogar so etwas Einfaches wie +ein Hammer kaputtgehen kann. Als man komplexere Maschinen reparieren musste, könnte einem +eingefallen sein, dass man auch den Organismus durch ersetzen der Organe heilen kann. Im +Gebrauchtwarenhandel (e.g.\ eBay) sind seit einiger Zeit Geräte „für Bastler“ zu kaufen, das heißt +kaputte Geräte, denen man aber noch funktionierende Teile entnehmen kann, um ähnliche Modelle wieder +beleben zu können --- die Möglichkeit, die einem Arzt durch das Vorhandensein eines Organspendeausweises +bei einem Verstorbenen eröffnet wird. + +Wie aber ein Mensch nicht ohne Gehirn leben kann, kann ein Computer nicht ohne den Mikroprozessor +funktionieren. Eric Kandel, ein Gehirnforscher unserer Zeit, und ein +Nobelpreisträger,\autocite[Vgl.][11--15]{kandel:gedaechtnis} schreibt in seinem Buch +„Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ über drei Prinzipien, auf denen die +Biologie der Nervenzelle beruht: + + \begin{quote} +Die \textit{Neuronenlehre} +(die Zelltheorie, auf das Gehirn angewandt) besagt, dass die Nervenzelle --- das Neuron --- der +Grundbaustein und die elementare Signaleinheit des Gehirns ist. Die \textit{Ionenhypothese} betrifft +die Informationsübertragung innerhalb der Nervenzelle. Sie beschreibt die Mechanismen, durch die einzelne +Nervenzellen elektrische Signale, so genannte Aktionspotenziale, erzeugen, die sich innerhalb einer +gegebenen Nervenzelle über beträchtliche Entfernungen ausbreiten können. Die \textit{chemische Theorie der +synaptischen Übertragung} befasst sich mit der Informationsübermittlung zwischen Nervenzellen. Sie beschreibt, +wie eine Nervenzelle mit einer anderen kommuniziert, indem sie ein chemisches Signal, einen Neurotransmitter, +freisetzt. Die zweite Zelle erkennt das Signal und reagiert mit einem spezifischen Molekül, dem Rezeptor, an +ihrer äußeren Membran.\autocite[75\psq]{kandel:gedaechtnis} + \end{quote} + +Bei jedem dieser drei Prinzipien handelt es sich um die Informationsübertragung. Der menschliche Körper +ist ein komplexes System, dessen Untersysteme anhand von Signalen miteinander kommunizieren. Wenn ich etwas +berühre, führt es zur Erregung einer Nervenzelle, die das Signal an andere Zellen und an das Gehirn +weiterleitet. Funktional ist das derselbe Prozess, den man auch von Computern kennt: Wenn eine Taste +der Tastatur betätigt wird, muss das über eine Kette der Signale dem Mikroprozessor mitgeteilt werden. + +Auch der Sprachgebrauch der Neurobiologie verweist auf die Technik: + +„[\dots] Nervenzellen [sind] innerhalb bestimmter Bahnen verknüpft, die er [Santiago Ram\'o y Cajal] +neuronale Schaltkreise nannte.“\autocite[81]{kandel:gedaechtnis} + +„Schaltkreis“ ist ein Begriff, der aus der Elektrotechnik kommt und jetzt in der +Neurobiologie Anwendung findet. Kapp ist auch zu seiner Zeit auf eine Reihe von Begriffen aufmerksam +geworden, die zunächst zur Beschreibung der Artefakte verwendet wurden, dann aber für die Beschreibung des +Organismus übernommen wurden: + + \begin{quote} +Aus der Mechanik wanderten demzufolge zum Zweck physiologischer Bestimmungen eine Anzahl von +Werkzeugnamen nebst ihnen verwandten Bezeichnungen an ihren Ursprung zurück. Daher spielen in der Mechanik +der Skelettbewegungen Ausdrücke wie \textit{Hebel, Scharnier, Schraube, Spirale, Achsen, Bänder, +Schraubenspindel, Schraubenmutter} bei der Beschreibung der Gelenke eine angesehene +Rolle.\autocite[71]{kapp:technik} + \end{quote} + +Es ist bemerkenswert, dass Kandel die elektrische Signalübertragung „die Sprache des +Geistes“\autocite[Vgl.][90]{kandel:gedaechtnis} nennt: „ [\dots] sie ist das Mittel, +mit dessen Hilfe sich Nervenzellen, die Bausteine des Gehirns, miteinander über große Entfernungen +verständigen.“\autocite[90]{kandel:gedaechtnis} Das heißt, dass das, was man der +Computertechnik zugrunde gelegt hat, hat man dann in der Gehirnforschung wiedergefunden: Die Signalübertragung der +anhand elektrischer Signale. + +Hier endet allerdings die Ähnlichkeit der Funktionsweise nicht. Elektrische Signale werden bei der +Computertechnik nicht einfach weiter, sondern auch nach Bedarf gestoppt. Zum Beispiel wird logisches +Und mit einer Reihenschaltung mit zwei Schaltern realisiert.\autocite[Vgl.][86]{kersken:fachinformatiker} +Wenn einer der Schalter geschlossen ist, wird das Signal gestoppt, was $0 \wedge 1 = 0$ oder +$1 \wedge 0 = 0$ entsprechen würde. Bei den Nervenzellen kann man einen ähnlichen +„Schaltmechanismus“ entdecken: + + \begin{quote} +[\dots] nicht alle Nerventätigkeit [ist] erregend (exzitatorisch) [\dots], dass also nicht alle +Nervenzellen ihre präsynaptischen Endigungen dazu benutzen, die nächste Empfängerzelle in der Reihe zu +stimulieren, damit sie die Information weiterleitet. Einige Zellen sind hemmend (inhibitorisch). Sie +verwenden ihre Endungen dazu, die Empfängerzelle an der Weiterleitung der Information zu +hindern.\autocite[87]{kandel:gedaechtnis} + \end{quote} + +Des Weiteren kennen auch die Nervenzellen keine „schwächere“ oder „stärkere“ +Signale: + + \begin{quote} +Adrians Aufzeichnungen in einzelnen Nervenzellen zeigten, dass Aktionspotenziale dem +Alles-oder-Nichts-Gesetz gehorchen: Sobald die Schwelle für die Erzeugung eines Aktionspotenzial erreicht wird, +ist das Signal stets gleich --- in der Amplitude wie in der Form\autocite[94]{kandel:gedaechtnis} + \end{quote} + + + \subsection{Asymmetrische kryptographische Algorithmen und die Stellung des Menschen} + +Manche Anwendungsbereiche profitieren immer noch sehr stark von der ursprünglichen Tätigkeit der Rechner: +dem Rechnen. Ein solcher Bereich ist die Kryptographie. Als nächstes möchte ich einen kryptographischen Algorithmus +darstellen, der seit einigen Jahrzehnten erfolgreich im Internet eingesetzt wird. Mein Ziel dabei wäre, zu +untersuchen, was die „Denkweise“ einer Maschine von der Denkweise eines Menschen unterscheiden +kann. Kapp hat zwar versucht, die +Organprojektion stark zu machen, aber hat trotzdem geglaubt, dass der Mensch nicht vollständig in +eine Maschine projiziert werden kann, dass er immer Anlagen hat, die in der technischen Welt nicht +vorkommen können. + +Algorithmen, die mit einem Geheimwort, einem Geheimschlüssel arbeiten (sogenannte symmetrische Verschlüsselung) +sind im Zeitalter des Internets nicht allein verwendbar. Das Problem ist, dass +die beiden Seiten der Kommunikation einen Geheimschlüssel austauschen müssen. Wenn Sie eine E-Mail +verschicken möchten, können Sie sie verschlüsseln, aber Sie müssen den Geheimschlüssel dem Empfänger +mitteilen, damit er Ihre Nachricht auch entschlüsseln und lesen kann. Wenn Sie den Geheimschlüssel zusammen +mit der Nachricht verschicken, dann geht die ganze Sicherheit verloren, weil, dann jeder, der den Zugriff +zu Ihrer Nachricht bekommt, kann sie auch entschlüsseln. Um dieses Problem zu lösen, wurden +„asymmetrische“ kryptographische Verfahren entwickelt. Sie operieren genauso wie +die Cäsar-Verschlüsselung mit den Schlüsseln, aber für die Verschlüsselung und Entschlüsselung werden +verschiedene Schlüssel verwendet (deswegen nennt man sie asymmetrisch). Deren Funktionsweise ist der +der symmetrischen Algorithmen nicht ähnlich, weil ihnen bestimmte Eigenschaften der Zahlen zugrunde liegen. +Streng genommen kann man mit deren Hilfe nur Zahlen verschlüsseln und die Tatsache, dass man +viele Informationen in der Form von Zahlen darstellen kann, macht deren Verwendung überhaupt erst möglich. + +„By far the most common public-key algorithm is the „RSA“ algorithm, named after its +inventors Ron \textit{Rivest}, Adi \textit{Shamir}, and Leonard +\textit{Adleman}.“\autocite[91]{davies:tls} + +RSA ist relativ simpel. Dessen Sicherheit basiert nicht auf komplexen Formeln, sondern darauf, dass es +mit sehr großen Zahlen operiert wird, sodass selbst die leistungsstärksten Rechner Jahrzehnte brauchen +würden, um auf die richtige Antwort zu kommen, ohne den Geheimschlüssel zu kennen. Und das mit Einbeziehung +der Tatsache, dass die Computer immer schneller werden. + +Also für die Verschlüsselung und Entschlüsselung werden zwei Schlüssel verwendet, einen davon nennt man +den öffentlichen Schlüssel (\textit{public key}), den anderen --- den privaten Schlüssel (\textit{private +key}). Der öffentliche Schlüssel heißt so, weil er öffentlich gemacht wird. Das eigentliche +„Geheimwort“ ist der private Schlüssel. Stellen wir uns zwei Personen vor, Max und Sven, und +Max will dem Sven eine E-Mail senden. Dafür muss Sven im Besitz der zwei oben genannten Schlüssel sein. +Den öffentlichen Schlüssel stellt Sven dem Max und jedem anderen zur Verfügung, den privaten kennt nur er. +Max verschlüsselt seine Nachricht mit Svens öffentlichem Schlüssel, verschickt sie, und nur der Besitzer +des privaten Schlüssels, Sven, kann die Nachricht entschlüsseln. Der private Schlüssel wird zu keinem +Zeitpunkt verschickt, der bleibt immer bei Sven. So verschwindet das Problem, das man mit der +symmetrischen Kryptographie hat. Man muss nur zwei Schlüssel generieren können, die die Eigenschaft +besitzen, dass, wenn man mit dem einen etwas verschlüsselt, allein der Besitzer des dazugehörigen +privaten Schlüssels, es entschlüsseln kann. + +Was sind diese Schlüssel eigentlich? Jeder davon besteht aus je zwei Zahlen: + +$e$ und $n$ --- Öffentlicher Schlüssel. + +$d$ und $n$ --- Privater Schlüssel. + +Wenn $m$ die Nachicht ist, die verschüsselt werden soll, dann funktioniert es, wie folgt: + +\begin{equation} + c = m^e \bmod n +\end{equation} + +$c$ ist jetzt die verschlüsselte Nachricht. $e$ und $n$ gehören, wie oben beschrieben, zu dem öffentlichen +Schlüssel. $a \bmod b$ berechnet den Rest der Division $a$ geteilt durch $b$. Bei der Entschlüsselung +bedient man sich derselben Formel, nur $e$ wird mit $d$ (die Komponente des privaten Schlüssels) ersetzt: + +\begin{equation} + m = c^d \bmod n +\end{equation} + + \subsubsection{Beispiel} + +Nehmen wir an, Max will Sven die PIN seiner Bankkarte „1234“ übermitteln. Sven hat Max +seinen öffentlichen Schlüssel mitgeteilt (der aus 2 Zahlen besteht): + +\begin{gather*} + e = 79 \\ + n = 3337 +\end{gather*} + +Der private Schlüssel von Sven (den nur er kennt, aber nicht Max) ist: + +\begin{gather*} + d = 1019 \\ + n = 3337 +\end{gather*} + +Max berechnet: + +\begin{equation*} + 1234^{79} \bmod 3337 = 901 +\end{equation*} + +Sven bekommt $901$ und berechnet: + +\begin{equation*} + 901^{1019} \bmod 3337 = 1234 +\end{equation*} + +So kann Sven verschlüsselte Nachrichten empfangen, ohne seinen Geheimschlüssel jemandem mitteilen zu +müssen.\autocite[Vgl.][114\psq]{davies:tls} Wenn wir wissen, dass alle Informationen, mit denen ein Computer +arbeiten kann als Zahlen repräsentierbar sind, kann man diese Vorgehensweise für jede vermittels eines +Computers geschehende Kommunikation verwenden.\footnote{Am Rande erwähnt wird die asymmetrische Kryptographie +nicht zur Verschlüsselung der eigentlichen Nachrichten verwendet, es ist zu langsam, um große Mengen +an Informationen zu verschlüsseln, sondern sie wird nur für das \textit{Key Exchange} verwendet. +Die symmetrischen Algorithmen hatten das Problem, dass beide Kommunikationspartner denselben Schlüssel +teilen müssen. Algorithmen, wie RSA, benutzt man, um den Schlüssel eines symmetrischen Algorithmus dem +anderen Kommunikationspartner zu übermitteln. Danach wird die Kommunikation normalerweise symmetrisch +verschlüsselt.} + +In dem Beispiel oben wurden sehr kleine Zahlen verwendet. Aber selbst die Berechnungen mit diesen +Zahlen sind für einen Menschen zu komplex (Das Ergebnis von $901^{1019}$ hat über 3000 Stellen). + + \begin{quote} +The security of the system relies on the fact that even if an attacker has access to $e$ and $n$ --- +which he does because they're public --- it's computationally infeasbile for him to compute $d$. For +this to be true, $d$ and $n$ have to be enormous --- at least 512 bit numbers (which is on the order of +$10^{154}$) --- but most public key cryptosystems use even larger numbers. 1,024- or even 2,048-bit numbers are +common.\autocite[92]{davies:tls} + \end{quote} + +Eine 512-Bit-Zahl ist eine Zahl bis $2^{512}$, eine 1024-Bit-Zahl --- bis $2^{1024}$, 2048-Bit --- bis $2^{2048}$. +Inzwischen wird oft empfohlen, 4096-Bit-Zahlen zu verwenden. + + \subsubsection{Diskreter Logarithmus} + +Der Modulus $n$ ist das Produkt zweier großer Zahlen $p$ und $q$: + +\begin{gather} + n = pq +\end{gather} + +Danach muss man die Exponenten $e$ und $d$ so wählen, dass gilt: + +\begin{equation} + {(m^e)}^d \bmod n = m +\end{equation} + +Man schafft sich Abhilfe mit der \textit{eulerschen Funktion}: + +\begin{equation} + \phi(n) = (p - 1)(q - 1) +\end{equation} + +Danach wählt man $e$ und $d$, sodass gilt: + +\begin{equation} + e \cdot d \bmod \phi(n) = 1 +\end{equation} + + \begin{quote} +The security in RSA rests in the difficulty of computing first the private exponent $d$ +from the public key $e$ and the modulus $n$ as well as the difficulty in solving the equation $m^x\%n = c$ for +m. This is referred to as the \textit{discrete logarithm} problem. These problems are both strongly +believed (but technically not proven) to be impossible to solve other than by enumerating all possible +combinations.\autocite[130]{davies:tls} + \end{quote} + + \subsubsection{Kreativität und Intuition} + +Die Tatsache, dass der Algorithmus funktioniert, verdankt also RSA nicht einer Kenntnis, sondern +einer \textit{Unkenntnis}, einem mathematischen Problem, für das man keine Lösung hat, von dem +man \textit{glaubt}, dass es keine Lösung hat; und im Zusammenhang mit der Sicherheit kann man vielleicht auch +sagen, dass man \textit{hofft}, dass man keine Lösung findet. + +Menschliches Handeln, zumindest so, wie wir es erleben, basiert nicht nur auf Berechnungen. Der Mensch +kann \textit{hoffen}, \textit{glauben}. + +Davies schreibt im Bezug auf die asymmetrische Kryptographie Folgendes: „In general, public-key cryptography +aims to take advantage of problems that computers are inherently bad at [\dots].“\autocite[91]{davies:tls} +Er behauptet, dass die Computer grundsätzlich schlecht im +Lösen einiger mathematischer Probleme sind. Das stößt beim ersten Lesen auf Fragen. Eigentlich sind +die Computer oft viel besser in der Mathematik als die Menschen. \textit{Computer Algebra Systems} (CAS) +sind Programme, die für die Arbeit mit algebraischen Ausdrücken entwickelt sind. Sie können alle möglichen +Berechnungen durchführen und Gleichungen lösen. Aber das Lösen der Gleichungen muss +einem CAS zunächst „beigebracht“ werden, es muss unterstützt sein, das heißt ein gewisser Algorithmus +muss implementiert werden, nach dem die Gleichung gelöst werden kann. + +Der Mensch sucht aber nicht nur nach Lösungen gewisser mathematischer Probleme, sondern auch nach Problemen +selbst. Das ist ein kreativer Vorgang. Und bei manchen Problemen bleibt einem nichts anderes übrig, als +sich auf seine Intuition zu verlassen, wie im oben aufgeführten Problem. Man muss auch in Betracht ziehen, +dass man in dem Fall mit RSA viel Vetrauen seiner Intuition schenkt, weil die Wichtigkeit der +Sicherheitssysteme für eine Informationsgesellschaft nicht zu unterschätzen ist. Das heißt man muss fest +davon überzeugt sein, dass das Problem des diskreten Logarithmus zumindest nicht sehr bald gelöst werden +kann. + +Man kann im Bezug zu Maschinen nicht von der Kreativität, Intuition, einer Überzugung oder einem Glauben +sprechen. Wir haben sie gebaut, wir wissen, wie sie funktionieren, wir wissen, dass sie nichts glauben. +Selbst wenn wir von der Künstlichen Intelligenz sprechen, von den Maschinen, die selbst lernen, und die so +viel gelernt haben, dass wir nicht mehr nachvollziehen können, wie sich die Maschine die einzelnen Inhalte +beigebracht hat, so wissen wir zumindest, wie der Lernprozess selbst funktioniert, dass er nicht auf der +Intuition, sondern auf der kalten Berechnung basiert. + +Nun kann es natürlich sein, dass auch der Mensch nichts weiter als ein Bioroboter ist, der nur glaubt, +dass er etwas glauben, von etwas überzeugt sein kann. Dann kann die Maschine den Stand des Menschen +eines Tages einholen und ihn vielleicht sogar überholen. Das ist wohl das wichtigste und das stärkste +Argument gegen Kapps Menschenbild. Dieses Argument hat allerdings auch problematische Seiten. Es sind +ja die Menschen, die alles mit Bedeutung füllen. Ich kann mir auch nicht sicher sein, ob mein Nachbar +etwas fühlt, hofft oder glaubt, oder ob er nur so tut. Erst wenn ich meinen Mitmenschen als solchen +akzeptiere, schreibe ich ihm Eigenschaften zu, die ich selbst als Mensch zu besitzen glaube. Das +heißt, wenn ein Roboter aus der Zukunft genauso aussieht, sich verhält, spricht wie ein Mensch, ist es +immer noch zu wenig, ihn einem Menschen gleichzusetzen, zumindest, wenn der Mensch für mich nicht auf +die physikalischen Eigenschaften reduzierbar ist. + +Eine der Möglichkeiten, diesen Sachverhalt zu verdeutlichen, ist ein Gedankenexperiment, das den +Namen „Chinesisches Zimmer“ bekommen hat, der „als Standardargument der Philosophie +des Geistes und der Künstlichen Intelligenz betrachtet werden“ kann.\autocite[8]{dresler:KI} +Man stellt sich ein Computersystem, das chinesisch verstehen kann, es könnte beispielsweise Fragen +auf Chinesisch beantworten, auf Aufforderungen reagieren und so weiter. So ein Programm würde chinesisch +verstehen ohne es zu verstehen.\autocite[Vgl.][8]{dresler:KI} Und das zweite „Verstehen“ ist +eben in dem Sinne jenes Erlebnisses, das wir als Verstehen kennen, gemeint. + +Ich behaupte hiermit nicht, dass dieses Argument den Status des Menschen als eines einzigartigen +Wesens rettet; ich will viel mehr zeigen, dass die Frage nach dem Menschsein nicht durch die Entwicklung +der Technik gelöst oder aufgehoben werden kann. + + \section{Würdigung} + +Kapps Theorie der Organprojektion ist umstritten. Sie hat ihre Schwächen. Diese Schwächen sind +aber nicht dadurch entstanden, dass die Theorie zu alt für die moderne Technik ist, dass sie überholt +ist. Genauso wie zu Kapps Zeiten stößt sie auch heute auf Kritik. Man kann sie genauso in der heutigen +Zeit vertreten mit Einbeziehung neuer Entwicklungen, neuer Beispiele. In gewisser Hinsicht wird die +Organprojektionstheorie durch den Umstand gestärkt, dass sie nicht auf die Zeit ihrer Entstehung +beschränkt geblieben ist, sondern dass immer neue Tatsachen aufgetaucht sind, die ihrer Unterstützung +dienen können. + +Die Mechanisierung schreitet fort. Immer noch ist der Streit laut zwischen denen, die glauben, dass +der Mensch eine Maschine ist, die künstlich nachgebaut werden kann, und denen, die das menschliche +Schaffen dem Schaffen der Natur unterordnen. Wobei die Teilung auf diese zwei Lager ist nicht +so eindeutig. Vielleicht wird man tatsächlich eines Tages im Stande sein, einen Roboter zu bauen, +der sich äußerlich und in dem, wie er handelt, vom Menschen nicht unterscheidet. Aber ist er +deswegen mit einem Menschen gleichzusetzen? Hat der Mensch nicht etwas Immaterielles in sich? +Einen Geist oder eine Seele? Die Antwort auf diese Frage kann unterschiedlich ausfallen. Für +Kapp war der Mensch und die Natur etwas, was von der Technik nie nachgeholt werden kann. Die +Entwicklung der Robotertechnik macht schwieriger zu vertreten. Und trotzdem dünkt es mich, dass man +ihn nie als „nicht aktuell“ abtun kann. Schließlich hat die Frage nach dem Status des +Menschen einiges gemeinsam mit der Gottesfrage. Wenn man als Beispiel das Christentum nimmt, ist es +irrelevant, wie viel von der Natur man physikalisch erklären kann, Gott bleibt jenseits der Natur. +Genauso kann es geglaubt werden, dass ein Teil des Menschen immer jenseits der physikalischen +Welt liegt, oder dass der Körper sogar der „Kerker der Seele“ ist, der das Eigentliche +im Menschen festhält, wie es bei Platon auftaucht\autocite[Vgl.][21]{platon:kratylos}. Die +Entwicklung der Technik beeinflusst die Anthropologie, aber es ist schwierig sich vorzustellen, dass +jene diese überflüssig machen kann. + +Die ersten Werkzeuge hatten viele Ähnlichkeiten mit den menschlichen Organen. Komplexere Maschinen +waren immer weniger ähnlich, aber haben den Anfang ihrer Entstehungsgeschichte in den einfachen +Werkzeugen. Es ist aufregend zu sehen, wie die äußerliche Ähnlichkeit jetzt zurückkehrt. Man +baut Roboter, die Hände, Beine, die Struktur eines menschlichen Organismus haben, und die ähnlich +wie Menschen lernfähig sind. Der Unterschied ist, dass laut Kapp der Mensch am Anfang seiner Geschichte +sich unbewusst in seine Werkzeuge projiziert hat. Die Entwicklung der Roboter und der +Künstlichen Intelligenz ist hingegen voll bewusst. Man schaut, wie der Mensch sich entwickelt, +wie er lernt, wie er aufgebaut ist, und versucht das technisch zu reproduzieren. Aber das Streben selbst, +auf diese Weise die Natur zu erklären, sie besser zu verstehen, ist bemerkenswert. Kapp hätte auch +hundert Jahre später kaum weniger Argumente gehabt, um seine Theorie zu verteidigen. diff --git a/posts/2017/12/ki-begriffsklaerung.tex b/posts/2017/12/ki-begriffsklaerung.tex new file mode 100644 index 0000000..d34d0ed --- /dev/null +++ b/posts/2017/12/ki-begriffsklaerung.tex @@ -0,0 +1,717 @@ +--- +layout: post +date: 2017-12-25 00:00:00 +tags: Aufsatz +title: Künstliche Intelligenz. Eine Begriffsklärung +teaser: + <p>Es ist relativ neu, dass man angefangen hat, technischen Artefakten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. + So spricht man heute von „intelligenten“ Maschinen. Es gibt intelligente Menschen, die gebildet, + begabt sind. Die Maschinen, Computer werden programmiert, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen, sie arbeiten + nach einem vordefinierten Algorithmus. Bestenfalls kann so ein Algorithmus aktualisiert werden. + Wäre es jedoch vielleicht möglich, ein Programm zu schreiben, das das menschliche Lernvermögen nachbildet + und lernen kann? Es ist tatsächlich möglich und in diesem Fall spricht man von der <em>künstlichen Intelligenz</em> + (<em>Artificial Intelligence</em>) und dem <em>maschinellen Lernen</em> (<em>Machine Learning</em>), von der + Fähigkeit einer Maschine, selbst zu lernen, also den Algorithmus, nach dem sie arbeitet, weiter zu entwickeln + und zu verändern. Das, was eine Maschine auf diese Weise gelernt hat, ist oft so komplex, dass man nicht mehr + sagen kann, wie genau sie das gelernt hat und wie sie zu Ergebnissen kommt, die sie liefert. Ob es ausreichend + ist, von der Intelligenz zu sprechen, im selben Sinne, wie man von der menschlichen Intelligenz spricht, ist + eine schwierige Frage. Selbst die menschliche Intelligenz ist kein eindeutig definierter, ein vager Begriff, + der viele subjektive Merkmale in sich trägt.</p> +--- + \section{Einleitung} + +Die Technik gibt es seit sehr langem. Der Mensch war schon immer abhängig von seiner Technik und +verdankte ihr seinen kulturellen Aufstieg. Sie erleichterte das Überleben in der Natur, ermöglichte +den Bau der Städte und die Entwicklung der Zivilisationen, half bei der Kriegsführung und der Erforschung +und dem Bewohnen neuer Territorien. Mit der Zeit wurde die Technik immer komplexer: Angefangen mit einfachen +Werkzeugen hat man gelernt, komplexere Maschinen zu bauen. Dies hatte wiederum eine enorme Wirkung auf die +Kultur. Viele schwere Arbeiten konnten auf die Maschinen verlagert werden; die Bildung hat einen neuen +Aufschwung bekommen; Wissenschaften hatten neue Mittel, um Experimente durchzuführen und immer weiter +fortzusrchreiten. Schon sehr lange ist der Mensch von seiner Technik umgeben; Es ist nicht erst gestern +passiert, dass er sich von ihr abhängig gemacht hat und seine Geschichte mit der der +Technik verbunden hat. Was sich aber im Laufe der Zeit gewandelt hat, ist die Art der angesetzten Technik. + +Es ist relativ neu, dass man angefangen hat, technischen Artefakten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. +So spricht man heute von „intelligenten“ Maschinen. Es gibt intelligente Menschen, die gebildet, +begabt sind. Die Maschinen, Computer werden programmiert, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen, sie arbeiten +nach einem vordefinierten Algorithmus. Bestenfalls kann so ein Algorithmus aktualisiert werden. +Wäre es jedoch vielleicht möglich, ein Programm zu schreiben, das das menschliche Lernvermögen nachbildet +und lernen kann? Es ist tatsächlich möglich und in diesem Fall spricht man von der \textit{künstlichen Intelligenz} +(\textit{Artificial Intelligence}) und dem \textit{maschinellen Lernen} (\textit{Machine Learning}), von der +Fähigkeit einer Maschine, selbst zu lernen, also den Algorithmus, nach dem sie arbeitet, weiter zu entwickeln +und zu verändern. Das, was eine Maschine auf diese Weise gelernt hat, ist oft so komplex, dass man nicht mehr +sagen kann, wie genau sie das gelernt hat und wie sie zu Ergebnissen kommt, die sie liefert. Ob es ausreichend +ist, von der Intelligenz zu sprechen, im selben Sinne, wie man von der menschlichen Intelligenz spricht, ist +eine schwierige Frage. Selbst die menschliche Intelligenz ist kein eindeutig definierter, ein vager Begriff, +der viele subjektive Merkmale in sich trägt. + +Dass wir die Programme entwickeln können, die sich selbst „weiterschreiben“, weiterentwickeln +können, birgt viele Möglichkeiten und viele Gefahren in sich. Einerseits können die Maschinen dem Menschen +nicht nur schwere körperliche Arbeit abnehmen, sondern auch einige geistige Tätigkeiten. Zum Beispiel das +Übersetzen von Texten in andere Sprachen kann teilweise von Computern übernommen werden, die ihre +„Sprachkenntnisse“ selbst immer mehr verbessern können. Andererseits, wenn man nicht mehr +versteht, wie genau die von ihm konstruierte Maschine handelt, fühlt man sich bedroht. Es werden auch Stimmen +laut, dass die nächste Stufe der Evolution nicht eine biologische, sondern eine technische Evolution sei und, +dass der Mensch sehr bald vom Werk seiner Hände überholt werde.\autocite[7ff]{kurzweil:menschheit} + +Das Ziel dieser Arbeit ist, auf die künstliche Intelligenz und neuronale Netze, nicht nur aus technischer, +sondern auch philosophischer Sicht zu schauen. Wenn wir von der künstlichen Intelligenz sprechen, +verwenden wir viele Begriffe wie Lernen, Lernerfolg, Intelligenz, deren Bedeutung aber nicht immer +klar ist. Und ich finde, dass das, wie wir über die Maschinen sprechen, +viel darüber sagt, wie sich unser eigenes Menschenbild im technischen Zeitalter verändert oder verändert hat. + + \section{Maschinelles Lernen} + +Maschinelles Lernen ist ein Zweig der künstlichen Intelligenz, in dem es darum geht, einem künstlichen +System das Gewinnen von Wissen zu ermöglichen. Ein auf diese Weise lernendes System kann eine gestellte +Aufgabe nicht nach einem vordefinierten Algorithmus lösen, sondern ist fähig, selbst zu lernen, wie die +Aufgabe zu lösen ist. + +Maschinelles Lernen ist sehr vielfältig und hat verschiedene Anwendungen. Es kann grob in zwei große Kategorien +unterteilt werden: überwachtes und unüberwachtes Lernen. + + \subsection{Überwachtes Lernen (Supervised Learning)} + +Beim überwachten Lernen stehen dem Lernenden eine Menge von Eingaben und den dazugehörigen Ausgaben zur Verfügung. +Das heißt es gibt eine Reihe von Ausgangsituationen und eine Reihe möglicher Antworten beziehungsweise Reaktionen +auf jene Situationen, wobei zwischen den ersteren und den letzteren eine Abhängigkeit vorhanden ist. +Das Ziel des Algorithmus ist jetzt diese Abhängigkeit zu entdecken, sie zu „erlernen“. + + \begin{quote} +\textit{Supervised learning} algorithms assume that some variable X is +designated as the target for prediction, explanation, or inference, and that +the values of X in the dataset constitute the „ground truth“ values for +learning.\autocite[154]{danks:ai} + \end{quote} + +Zum überwachten Lernen gehört auch das sogenannte \textbf{bestärkende Lernen (Reinforcement Learning)}. +Das ist das Lernen durch „Versuch und Irrtum“. Dem lernenden System steht hier keine Menge +möglicher Ausgaben, sodass der Algorithmus aus vorhandenen Daten lernen könnte, dafür kann es mit seiner +Umgebung interagieren und von dieser „belohnt“ oder „bestraft“ werden. Also der +Algorithmus wird aus der Umgebung bewertet und anhand dieser Bewertung kann er lernen, wie er anhand +einer Eingabe zu der richtigen Ausgabe gelangt. + +„The learning algorithms used on reinforcement learning adjusts +the internal neural parameters relying on any qualitative or quantitative information +acquired through the interaction with the system (environment) being mapped, [\dots]“\autocite[27]{silva:ai} + +Maschinelles und bestärkendes Lernen wird schon seit längerer Zeit bei Spam-Erkennung verwendet. Als Spam +werden unerwünschte E-Mails, zum Beispiel Werbung, die man nicht bestellt hat, genannt. Es gibt auch einen +Gegenbegriff zum Spam: Ham, also normale E-Mails, die man in seinem E-Mail-Postfach erwartet. + +Wie ein Programm lernt, Spam von Ham zu unterscheiden, kann man damit vergleichen, wie es ein Mensch lernt. +Sie bekommen unerwünschte Werbung per Post. Es ist ein Briefumschlag mit einer unpersönlichen Anrede und ein +kleines Heft. Sie blättern es durch und sehen, dass sie daran nicht interessiert sind und schmeißen es weg. +Wenn Sie ein ähnliches Heft nächstes Mal bekommen, blättern Sie vielleicht nochmal durch, um sicher zu sein, +dass es nichts Wichtiges bzw\@. etwas, was Sie abonniert haben, ist. Wenn Sie einige Wochen später nochmal so ein +Heft bekommen, reicht nur ein Blick. Vielleicht haben Sie den Namen desselben Unternehmens oder bekannte +Produktabbildungen oder einen ähnlichen Werbetext gesehen --- Sie schmeißen es, ohne genauer zu schauen, weg. +Sie haben gelernt, dass derartige Hefte mit Werbung keine für Sie hilfreiche Information enthalten. + +In vielen Mail-Programmen gibt es inzwischen die Funktion „Als Spam markieren“. Wenn eine E-Mail +als Spam markiert wird, analysiert der Spam-Filter den Inhalt der E-Mail und merkt, wie viele Male jedes Wort +in der Nachricht vorkommt. Dieselbe Analyse macht der Filter für die anderen Nachrichten, die nicht als Spam +markiert wurden. Langsam sammelt sich eine Datenbank mit der Anzahl der Vorkommnisse verschiedener Wörter in +Spam- und Ham-Nachrichten. Anhand dieser Daten kann dann der Filter erkennen, dass bestimmte Wörter nur in +Spam-Mails vorkommen, aber nicht in Ham, und kann ohne die Einmischung des Menschen entscheiden, ob eine E-Mail +unerwünscht ist oder nicht. So ein Verfahren ist natürlich nicht fehlerfrei. Es kommt sowohl dazu, dass Spam durch +so einen Filter unerkannt durchdringen kann, als auch dazu, dass Ham im Spam-Ordner landet. Auf diversen Webseiten +kann man lesen: „Wenn Sie keine E-Mail innerhalb von \textit{X} Stunden erhalten haben, überprüfen Sie Ihren +Spam-Ordner“. Wenn Ham als Spam eingestuft wird, spricht man vom \textit{False-Positive}. Es gibt meistens +wiederum die Funktion, um die Spam-Markierung von der E-Mail zu entfernen. Dadurch kann der Filter neu lernen +und seine Datenbank aktualisieren beziehungsweise anpassen. + +Wir haben gesehen, dass eine der Möglichkeiten, Spam zu erkennen, darauf basiert, den Spam-Filter mit der +Umgebung, also mit dem Benutzer, kommunizieren zu lassen. Der Benutzer hat eine Möglichkeit dem Filter mitzuteilen, +ob eine E-Mail Spam oder Ham ist, woraus der Filter lernen kann. Je länger so ein Filter eingesetzt wird und je +mehr er auf diese Weise trainiert wird, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit des False-Positives. + + \subsection{Unüberwachtes Lernen (Unsupervised Learning)} + + \begin{quote} +\textit{Unsupervised learning} algorithms do not single out any particular +variables as a target or focus, and so aim to provide a general +characterization of the full dataset.\autocite[154]{danks:ai} + \end{quote} + +Beim unüberwachten Lernen wird keine bestimmte Ausgabe, kein bestimmter Wert bei der Ausgabe erstrebt, wie es +bei dem überwachten Lernen der Fall ist. Vielmehr geht es darum, eine innere Struktur in den Daten zu entdecken. + +Ein Standardbeispiel für unüberwachtes Lernen ist ein soziales Netzwerk. In großen sozialen Netzwerken kann +man sein Interesse oder Desinteresse dadurch zeigen, dass man bestimmte Beitrage positiv markiert +beziehungsweise blockiert. Ein gutes soziales Netzwerk würde, um seinen Nutzern genüge zu tun, die einem +bestimmten Benutzer angezeigten Beiträge zensieren, und ihm nur diejenigen zeigen, die er wahrscheinlich +mag und nicht diejenigen, die er blockieren würde. Aber das Netzwerk weiß nicht im Voraus, dass es +Beiträge zu verschiedenen Themen gibt: Kunst, Politik, Sport und so weiter. Schließlich können immer neue +Themen auftauchen. Das Netzwerk lernt selbst die Beiträge und Benutzer zu klassifizieren. Das Lernen geht +über die Erforschung der Vorlieben einer bestimmten Person hinaus. Nehmen wir an in Profilen zweier Personen +unter „Interessen“ steht, dass sie gern Tennis spielen und beide lesen gerne Nachrichten eines +Sportvereins, der eine eigene Seite im sozialen Netzwerk hat. Wenn eine dritte Person jetzt angibt, dass sie +gern Tennis spielt, hat das soziale Netzwerk den Grund anzunehmen, dass dieser Person auch die Nachrichten +des Sportvereins gefallen werden. Das heißt das Netzwerk lernt aufgrund komplexer Zusammenhänge, dass es bestimmte +Gruppen, Themen- und Interessenbereiche gibt. Es gibt hier keine richtige Antwort, man überwacht nicht alle +registrierten Benutzer und korrigiert das Netzwerk nicht: Nein, dieser Mensch gehört dieser Gruppe nicht. Und +wenn ich einen Beitrag blockiere und markierte, bedeutet es nicht unbedingt, dass ich eine Bewertung abgebe, wie +gut das Netzwerk gelernt hat. Es kann schließlich sein, dass ich heute keine Lust auf meinen Sportverein habe, +sonst aber gerne lese, was er schreibt. + +Die Unterteilung in Gruppen, Klassifizierung ist in der Wirklichkeit sehr komplex und unterzieht sich oft der +Möglichkeit, sich auf irgendeine Weise kontrollieren oder bewerten zu lassen. Unüberwachtes Lernen kann hier +Abhilfe schaffen. + + \section{Neuronale Netze} + +In diesem Abschnitt handelt es sich um eine mögliche Realisierung des maschinellen Lernens und zwar anhand +der neuronalen Netze. + + \subsection{Biologisches Vorbild} + +Ein „neuronales Netz“, wie der Name raten lässt, ist ein Netz das aus +Neuronen beziehungsweise Nervenzellen besteht. Das Neuron ist kein technischer Begriff, er stammt aus +der Biologie: „[\dots] die Nervenzelle --- das Neuron --- [ist] der Grundbaustein und die elementare +Signaleinheit des Gehirns [\dots]“\autocite[75]{kandel:gedaechtnis} Neuronale Netze haben nicht nur +den Begriff des Neurons aus der Gehirnforschung übernommen, sondern auch einige weitere, und überhaupt +haben sie menschliches Gehirn zu ihrem Vorbild. + +Die Nervenzelle besteht aus drei Komponenten: einem Zellkörper mit zwei Arten von Fortsätzen, +Axone und Dendriten.\autocite[Vgl.][79]{kandel:gedaechtnis} Diese Fortsätze der Nervenzelle dienen +der Signal- beziehungsweise der Informationsübertragung: + + \begin{quote} +Mit den Dendriten empfängt das Neuron Signale von anderen Nervenzellen, und mit dem Axon sendet es +Informationen an andere Zellen\@. [\dots] Die Axonendigungen eines Neurons kommunizieren mit den +Dendritten eines anderen Neurons nur an speziellen Stellen, die von Sherrington später Synapsen +genannt wurden (von griechisch \textit{s\'{y}napsis} --- „Verbindung“).\autocite[81]{kandel:gedaechtnis} + \end{quote} + +Synapsen sind ein weiterer Begriff, der für maschinelles Lernen wichtig ist. Sie verbinden +die Neuronen miteinander und kodieren die bisher gelernten Informationen. In künstlichen sowie in +biologischen neuronalen Netzen sind nicht alle Neuronen miteinander verbunden. Im Falle der biologischen +neuronalen Netze sind „Nervenzellen innerhalb bestimmter Bahnen verknüpft [\dots], die +er [Santiago Ram\'{o}n y Cajal] neuronale Schaltkreise nannte. Signale bewegen sich darin in +vorhersagbaren Mustern.“\autocite[81]{kandel:gedaechtnis} Auch im Gehirn sind die Synapsen für +die Informationsspeicherung und Lernerfahrung verantwortlich, da das Lernen die synaptische Stärke und +dadurch die Kommunikation zwischen Neuronen verändern kann.\autocite[Vgl.][220]{kandel:gedaechtnis} + + \subsection{Einschichtiges feedforward-Netz} + +In diesem Abschnitt soll die Funktionsweise eines neuronalen Netzes an einem Beispiel erklärt werden. +Nehmen wir an, wir wollen den Zusammenhang zwischen der Anzahl der Stunden, die man mit dem +Lernen und dem Schlafen am Tag vor einer Klausur verbracht hat, und dem Ergebnis der Klausur, +gemessen in Prozent, herausfinden. + +Zu unseren Eingabedaten zählen: + + \begin{enumerate} + \item Stunden geschlafen. + \item Stunden gelernt. + \end{enumerate} + +Basierend auf diesen Daten wollen wir vorhersagen, wie das Ergebnis der Klausur ausfällt. Da wir am Anfang +nicht blind raten wollen, nehmen wir auch an, dass wir eine Testperson zur Verfügung haben, die uns für die +Untersuchung notwendige Parameter und das Endresultat ihrer Klausur mitteilt. + + \begin{center} + \begin{tabular}{c c} + (gelernt; geschlafen) & Ergebnis \\ + \toprule + (3 Std; 5 Std) & 70\% \\ + \bottomrule + \end{tabular} + \end{center} + +Diese Daten wollen wir verwenden, um unser neuronales Netz zu „trainieren“, d\@.h\@. es +muss anhand dieser Daten Vorhersagen über einen wahrscheinlichen Verlauf künftiger Klausuren machen können. + +Bei unseren Berechnungen wollen wir nicht mit verschiedenen Maßeinheiten arbeiten. Zum Beispiel in unseren +Daten haben wir die Eingabe in \textit{Stunden} und die Ausgabe in \textit{Prozent}, es ist allerdings nicht +möglich Stunden in Prozente zu übersetzen oder umgekehrt. Unser Netz ist aber auch an Maßeinheiten oder an +der Art unserer Daten nicht interessiert, es muss schließlich mögliche Zusammenhänge zwischen den Eingabe- +und Ausgabewerten finden, unabhängig davon, ob es nun Stunden, Prozente, Kilogramme oder Meter sind. + +Außerdem soll die Ausgabe $x$ die folgende Bedingung erfüllen soll: + + \begin{gather} + \{x \in \mathbb{N} \mid 0 \leq x \leq 100 \} + \end{gather} + +Um bessere Ergebnisse zu bekommen, werden wir hauptsächlich mit reellen Zahlen von 0 bis 1 rechnen. +Um das zu erreichen werden die Stunden und die Prozentzahl durch 100 geteilt. Nach diesen Umwandlungen +erhalten wir die folgende Tabelle: + + \begin{center} + \caption{table}{\textbf{Normalisiert}} + \begin{tabular}{c c} + (gelernt; geschlafen) & erwartetes Ergebnis \\ + \toprule + (0{,}03; 0{,}05) & 0,7 \\ + \bottomrule + \end{tabular} + \end{center} + + \subsection{Gewichtung} + +Unser neuronales Netz wird insgesamt aus drei Schichten bestehen: + + \begin{figure}[H] + \centering + \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image1.png} + \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:empty_network} + \end{figure} + +Jede dieser Schichten hat wiederum eins oder mehrere \textit{Neuronen}. Jedes dieser Neuronen kann +Daten speichern (in unserem Fall --- eine Zahl). Die Neuronen sind untereinander mit \textit{Synapsen} verbunden. +Eine Synapse kann wiederum Informationen speichern, i\@.e\@. sie werden auch mit einer Zahl versehen. + +Die erste Schicht (Abbildung~\ref{fig:empty_network}, links) ist die Eingabeschicht, sie enthält die +Eingabedaten. Als Eingabe haben wir zwei Werte pro Testlauf: die Anzahl der Stunden, die die Testperson gelernt +und geschlafen hat. Diese zwei Werte sind unseren Eingaben, weil es die Daten sind, auf deren Basis wir eine +Ausgabe erwarten, eine Vorhersage machen wollen. Die Ausgabeschicht ist die letzte Schicht +(Abbildung~\ref{fig:empty_network}, rechts), sie hat nur ein Neuron, das Ergebnis der Klausur, das wir erwarten. +Schließlich in der Mitte ist die verdeckte Schicht. Sie ist verdeckt, weil sie für den Endbenutzer +nicht sichtbar ist, der Endbenutzer gibt schließlich eine Eingabe und bekommt am Ende eine Ausgabe, dazwischen +werden, basierend auf dem, was das neuronale Netz vorher gelernt hat, nur eine Reihe von Berechnungen +durchgeführt.\autocite[Vgl.][22]{silva:ai} + +Nun hat unser Netz noch nichts gelernt, wir wollen das erstmal nur trainieren. Für den ersten Lauf müssen +wir deswegen eine Reihe von Parametern \textit{zufällig} wählen. + +Erstens brauchen wir die sogenannten \textit{Gewichte}. Gewichte sind Werte, die den Synapsen zugeordnet werden. +Sie bestimmen, welchen Einfluss ein Eingabewert auf das Endergebnis hat. Die Gewichtung repräsentiert, +was das Netz bisher gelernt hat. + +In unserem Fall haben wir insgesamt 9 Synapsen, sodass jedes Neuron der Eingabeschicht mit allen Neuronen der +verdeckten Schicht, und jedes Neuron der verdeckte Schicht mit dem Neuron der Ausgabeschicht verbunden werden +kann. Ich versehe diese Synapsen mit den folgenden Werten (von oben nach unten und von links nach rechts): +0.8, 0.4, 0.3, 0.2, 0.9, 0.5, 0.3, 0.5, 0.9. Es gibt erstmal keinen Grund, diese Werte und nicht andere +auszuwählen. Sie sind zufällig gefällt und die einzige Bedingung, die sie erfüllen müssen, ist, dass jeder +dieser Werte im Intervall $\left[ 0, 1 \right]$ liegen soll. + +Schließlich müssen wir die Neuronen der Eingabeschicht mit unseren Ausgangsdaten füllen. Unsere Ausgangssituation +graphisch dargestellt ist dann die folgende: + + \begin{figure}[H] + \centering + \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image2.png} + \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:start_network} + \end{figure} + + \subsection{Vorwärtspropagation} + +Im nächsten Schritt wird die verdeckte Schicht gefüllt. Da wir zwei Neuronen in der Eingabeschicht haben und +jedes davon ist den Neuronen der verdeckten Schicht verbunden ist, führen jeweils zwei Synapsen von der +Eingabeschicht zu einem der Neuronen der verdeckten Schicht. Wir multiplizieren den Wert des Neurones der +Eingabeschicht mit den Gewichten der daraus ausgehenden Synapsen, addieren die Ergebnisse zusammen und schreiben +das Endergebnis in das entsprechende Neuron der mittleren Schicht. Die Werte jedes der Neuronen der +verdeckten Schicht werden also wie folgt berechnet: + + \begin{equation} + \begin{split} + 0{,}03 \cdot 0{,}8 + 0{,}05 \cdot 0{,}2 = 0{,}034\\ + 0{,}03 \cdot 0{,}4 + 0{,}05 \cdot 0{,}9 = 0{,}057\\ + 0{,}03 \cdot 0{,}3 + 0{,}05 \cdot 0{,}5 = 0{,}034 + \end{split}\tag{Verdeckte Schicht} + \end{equation} + + \begin{figure}[H] + \centering + \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image3.png} + \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:before_activation} + \end{figure} + + \subsection{Aktivierungsfunktion} + +Da die Eingabe (die Stunden) nicht im Intervall $\left[ 0, 1 \right]$ liegt, verwenden wir eine +\textit{logistische Aktivierungsfunktion}, deren Wertebereich $f(x) \in \mathbb{R} \mid 0 \leq x \leq 1$ ist: +„The output result produced by the logistic function will always assume real values between zero +and one.“\autocite[15]{silva:ai} + + \begin{equation} + f(x) = \frac{1}{1 + e^{-x}} \tag{Aktivierungsfunktion} + \end{equation} + +So bekommen wir nach den anschließenden Berechnungen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Zahl zwischen 0 und 1, +die anschließlich mit 100 multipliziert werden kann, um so auf die Prozente zu kommen. + +Wir wenden zunächst die Aktivierungsfunktion auf jeden der vorher berechneten Werte an und schreiben +das Ergebnis ebenfalls in die verdeckte Schicht. + + \begin{equation} + \begin{split} + f(0{,}034) \approx 0{,}509\\ + f(0{,}057) \approx 0{,}514\\ + f(0{,}034) \approx 0{,}509 + \end{split} + \end{equation} + + \begin{figure}[H] + \centering + \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image4.png} + \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:activation} + \end{figure} + +Es bleibt jetzt nur noch dieselbe Berechnung durchzuführen wie mit der Eingabeschicht: Jeder der Werte +der verdeckten Schicht wird mit dem entsprechenden Gewicht multipliziert und alle Ergebnisse werden +anschließend summiert. + + \begin{equation} + \begin{split} + 0{,}509 \cdot 0{,}3 = 0{,}1527\\ + 0{,}514 \cdot 0{,}5 = 0{,}257\\ + 0{,}509 \cdot 0{,}9 = 0{,}4581 + \end{split} + \end{equation} + + \begin{equation} + \begin{split} + 0{,}1527 + 0{,}257 + 0{,}4581 \approx 0{,}87 + \end{split} + \end{equation} + +Hier ist das komplett ausgefüllte neuronale Netz für unsere Testperson: + + \begin{figure}[H] + \centering + \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image5.png} + \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:complete_network} + \end{figure} + + \subsection{Fehlerrückführung} + +Man muss einsehen, dass das Resultat, zu dem wir am Ende kamen, absolut zufällig ist. +In fast jeder Berechnung wurden Gewichte verwendet, die am Anfang zufällig ausgewählt wurden. +Das heißt, wenn ich mich für andere Gewichtung entschieden hätte, käme auch etwas anderes dabei +heraus. Und das ist jetzt die Aufgabe, die bevorsteht: die Gewichtung so anzupassen, dass sie +zu einem genaueren Ergebnis führt. Dieser Schritt heißt \textbf{Fehlerrückführung}. Man versucht +hier den Fehler geringer zu machen. In unserem Fall ist das Ergebnis, das wir erwartet haben, 0.7. +Statdessen haben 0.87, was um 0.17 größer als das erwartete Ergebnis. Wenn wir diese Distanz +zwischen dem aktuellen und dem erwarteten Ergebnis geringer machen, \textit{trainieren} +wir das neuronale Netz. + +Es gibt mehrere Methoden, die Fehlerrückführung durchzuführen. Die einfachste (und die schlechteste +für die Praxis, weil sie für ein größeres Netz zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde) wäre, einige der +Gewichte zu ändern (man kann dafür wiederum andere zufällige Zahlen von 0 bis 1 verwenden), und +alles dann nochmal mit diesen neuen Gewichten berechnet. Wenn man zu einem besseren Ergebnis kommt, +kann man versuchen, die Gewichtung weiter anzupassen, bis das Resultat zufriedenstellend ist. Wenn +das Ergebnis noch schlechter wird, versucht man dasselbe mit anderen Gewichten. + +Das heißt, die \textbf{Vorwärtspropagation} und \textbf{Fehlerrückführung} werden mehrmals wiederholt, +bis das Endresultat ausreichend genau ist. Schließlich ist eine Testperson für das Trainieren des +neuronalen Netzes nicht ausreichend. Wenn wir weitere Daten erhalten, können wir sie genauso +einsetzen, und den Endwert mit denselben Gewichten für diese neuen Daten berechnen. Dann können +wir versuchen, die Gewichtung so anzupassen, dass für die beiden Fälle ein genaueres Ergebnis +herauskommt. Dann ziehen wir noch eine dritte Testperson hinzu und so weiter\dots{} Irgendwann haben +wir die Gewichtung so gewählt, dass wir damit rechnen können, dass wenn wir dem Netz neue Daten +übergeben, wir eine gute Einschätzung für die Endnote bekommen. Es ist kaum möglich mit dem oben +aufgeführten Netz. Neuronale Netze sind in der Praxis viel komplexer und haben mehrere verdeckte +Schichten, was genauere Anpassung der Gewichte ermöglicht. + + \section{Lernerfolg. Turing-Test} + +Im Zusammenhang mit dem maschinellen Lernen sprechen wir vom Lernerfolg. Allerdings wurde es noch nicht +geklärt, was Erfolg in diesem Fall bedeutet. + +Um einen gewöhnlichen Einwand gegen den Erfolg der künstlichen Intelligenz zu erläutern, konstruieren +wir ein futuristisches Beispiel, das in einer oder der anderen Form zum Thema vieler Filme der letzten +Jahre geworden ist. Sagen wir, die Menschen haben einen Supercomputer entwickelt, dessen künstliche +Intelligenz dermaßen fortgeschritten ist, dass er selbst weitere Maschinen entwerfen und produzieren kann. +So beginnt eine neue Ära, in der die Maschinen sich selbt ohne die Einmischung des Menschen entwickeln. +Schlussendlich wird der Mensch zu einer überholten, schwachen Spezies, deren Existenz nicht mehr förderlich +für den weiteren technischen Fortschritt ist, sodass der mächtige Supercomputer sich dazu entscheidet, +die menschliche Art auszulöschen. Nun hatte der Supercomputer, der eine solche Macht erlangt hat, alles über +die Wissenschaft und Technik gelernt, was der Mensch je hätte lernen können, und diese Kenntnisse noch +weiter gebracht hat. Man könnte sich aber fragen, ob der Erfolg des Lernens an der Anzahl der Erkenntnisse +gemessen werden kann. In dem aufgeführten Beispiel hat sich die Technik, die der Mensch sich zuhilfe +schuf, hatte gegen den Menschen gewendet und so gegen das moralische Prinzip, nach dem das menschliche +Leben einen Wert an sich hat, verstoßen. + +Wenn wir also vom Erfolg sprechen, beziehen wir den Erfolg nicht nur auf die eigentliche Tätigkeit (das +Erwerben von Erkenntnissen), sondern auch auf das Endresultat --- wie die erworbenen Erkenntnisse angewandt +werden. Bei der Bewertung ihrer Anwendung braucht man wiederum eine Ethik, die es ermöglicht, zu beurteilen, +ob die Anwendung richtig oder falsch, gut oder böse ist. Man sieht sofort, wie schnell das Problem des Erfolgs +sehr komplex und unübersichtlich wird. Ich werde deswegen dafür argumentieren, dass der Erfolg des +Lernens nur in dem Sinne des unmittelbaren Erfolgs ohne die Einbeziehung der Konsequenzen verstanden werden +muss. Desweiteren werde ich versuchen den Erfolg anhand des Turing-Tests etwas genauer zu bestimmen. + +Alan Turing stand vor einem ähnlichen Problem, als er das, was wir heute Turing-Test nennen, vorgeschlagen +hat. Das Lernen, die Suche nach Gesetzmäßigkeiten und die Anwendung des Gelernten und Erforschten sind +wichtige Aspekte menschlicher Denktätigkeit. Wenn wir davon sprechen, dass die Computer selbstständig +lernen, stellt sich die Frage, ob sie dann auch denken kennen? Um zu sagen, ob die Computer denken +können, muss man dann definieren, was das Denken eigentlich ist und dann schauen, ob diese Definition +auf die Computersysteme angewandt werden kann. + +Nun ist es aber alles andere als trivial, eine Definition für das Denken zu finden. Das eigentliche Problem +besteht aber nicht darin, dass eine solche Definition eine schwierige Aufgabe ist, sondern darin, dass +die Angabe einer Definition des Denkens sich sowohl dem Interessenbereich der Technik als auch +dem Interessenbereich der Wissenschaft entzieht. Wir verbinden das Denken mit den Gehirnaktivitäten. Aber +spielt es für einen Gehirnforscher in seiner wissenschaftlichen Forschung eine Rolle, was das Denken ist? +Er kann durchaus eine private Überzeugung haben, dass das, was wir unter dem Denken verstehen, nichts weiter +als die Gehirnaktivität ist, oder, dass das, was wir im Gehirn beobachten, nur auf eine bestimmte Weise +unser Denken repräsentiert. Aber ob er sich für die erste Möglichkeit, oder für die zweite, oder für eine +dritte entscheidet, ist für seine eigentliche wissenschaftliche Forschung von wenig Bedeutung. Auch +umgekehrt: Wenn man eines Tages weiß, dass man jede geistige Aktivität auf Gehirnaktivitäten zurückführen +kann, bedeutet es, dass ich mich ab dann für einen vollständig von den physikalischen Gesetzen +bestimmten Bio-Roboter halte, der keinen eigenen Willen hat? + +Es ist ganz natürlich den Gegenständen menschliche Eigenschaften und Aktivitäten zuzurschreiben: +„Der Computer \textit{will} nicht funktionieren“. Natürlich kann es bei einem kaputten +Rechner keine Rede vom Willen sein. Das ist bloß eine Redewendung. Aber wenn die Computer viel +leistungsfähiger werden, passiert die Zuschreibung viel bewusster, wir fangen an, von ihrer Intelligenz, +ihrem Denken oder dem Erfolg ihrer Aktivitäten zu sprechen. Diese Begriffe sind aber in der Sprache sehr +oft ambivalent und werden intuitiv verwendet. Deswegen ist es auch problematisch, sie auf andere +Gegenstände zu übertragen. + +Um das höchstproblematische Reden vom Denken im Fall der Computer zu vermeiden, hat Alan Turing +„The Imitation Game“\autocite[433f]{turing:mind} vorgeschlagen. Dieses Imitationsspiel +wird von drei Personen gespielt: einem Mann (A), einer Frau (B) und einem Fragesteller (C), dessen +Geschlecht für das Spiel irrelevant ist. Der Fragesteller kennt die beiden anderen Personen A und B +nicht und befindet sich in einem anderen Raum. Das Ziel des Spiels für den Fragesteller besteht +darin, richtig zu erraten, wer von A und B ein Mann und wer eine Frau ist. Dabei kann der Fragesteller +den übrigen Spielteilnehmern Fragen stellen und Antworten auf seine Fragen bekommen. Die Teilnehmer +kommunizieren miteinander so, dass der Befragende und die Befragten einander weder sehen noch +hören können, zum Beispiel sie könnten einander Texte über das Internet versenden. A und B sind nicht +verpflichtet, ehrliche Antworten auf die Fragen zu geben. Die Aufgabe von A ist, dem Befragenden zu +helfen, B soll ihn im Gegenteil in die Irre führen.\autocite[433f]{turing:mind} + + \begin{quote} +We now ask the question, „What will happen when a machine takes the part of A in this +game?“ Will the interrogator decide wrongly as often when the game is played like this +as he does when the game is played between a man and a woman? These questions replace our +original, „Can machines think?“\autocite[434]{turing:mind} + \end{quote} + +Das heißt, die Maschine soll die Rolle eines Spielers --- entweder A oder B --- übernehmen. Es gibt +keine Frau, keinen Mann und Fragesteller mehr, sondern einen Menschen, eine Maschine und den +Fragesteller (menschlich). Wenn es für den Fragesteller genauso schwierig ist, ohne einen direkten +Kontakt eine Maschine von einem Menschen zu unterscheiden, wie eine Frau von einem Mann, dann hat +die Maschine den Turing-Test bestanden. + +Im Grunde, um den Erfolg des Lernens eines Computersystems zu bewerten, wird hier eine funktionale +Beschreibung verwendet. Anstatt nach der Washeit der Dinge zu fragen: Was ist Denken? Was ist Erfolg? +Können diese Begriffe auf ein Computersystem angewandt werden?, fragt man, ob und wie gut das System +eine bestimmte Funktion ausführen, einen Test bestehen kann. Der Turing-Test scheint mir auch die beste +Methode zu sein, um den Erfolg des Lernes eines Computersystems zu bewerten. Vor allem, weil so ein +funktionaler Test einen Aufschluss darüber gibt, welche Stufe in der Entwicklung der künstlichen +Intelligenz man bereits erreicht hat, und was noch verbessert werden muss, um den Lernerfolg zu +vergrößern. Er gibt auch eine Skala an, von der abgelesen werden kann, ob ein Algorithmus bessere +Ergebnisse liefert als ein anderer. Dies ermöglicht den technischen Fortschritt und die Verbesserung +der Algorithmen. Diese Skala gibt es aber nicht oder sie ist sehr verschwommen, wenn der Lernerfolg eine +ethische Perspektive haben soll. + +Was ich hiermit nicht sagen will, ist, dass die Ethik für die Entwicklung der +künstlichen Intelligenz unwichtig ist. Es macht nur wenig Sinn sie in die Definition des Lernerfolgs +eines künstlichen Systems einzubeziehen. Um so ein System weiter zu entwickeln, braucht man eine +technische Definition des Erfolgs, die ermöglicht, die Schwächen dieses Systems aufzuzeigen, an denen +noch gearbeitet werden soll. Eine voreilige Einbeziehung einer ethischen Bewertung würde den Fortschritt +im Bereich der künstlichen Intelligenz unnötig verkomplizieren und verlangsamen. Eine ethische Bewertung +der künstlichen Intelligenz als solchen und dessen, wie sie eingesetzt wird, ist im Gegenteil nützlich +und nötig, um die Möglichkeit einer bösartigen Anwendung deren zu verringern. + +Ich meine auch nicht, dass eine ethische Auseinandersetzung der technischen Entwicklung zeitlich +folgen soll. Es kann zu spät sein, sich mit etwas auseinanderzusetzen, was schon da ist. Vielmehr sollen +die Bereiche des Technischen und Ethischen voneinander getrennt sein. Wenn ein Informatiker oder ein +Mathematiker an einem neuen Algorithmus für maschinelles Lernen arbeitet, ist er wahrscheinlich +gar nicht daran interessiert, ein künstliches System zu erschaffen, das ihm ermöglicht, die Welt +zu beherrschen, womöglich ist er nur an seinem Fach interessiert und will sehen, wie weit man die +künstliche Intelligenz bringen kann. Natürlich soll man sich Gedanken darüber machen, was passiert, +wenn man den neuen Algorithmus oder die neue Technologie auf den Markt bringt, das darf aber nicht +der eigentlichen Forschung im Wege stehen. + + \section{Dritt- und Erstperson-Perspektive} + +Kommen wir auf die Frage „Können die Maschinen denken?“ zurück. Was ist an dieser +Frage so problematisch, sodass Alan Turing sie umzugehen suchte, außer dass der Begriff +„Denken“ schwierig zu definieren ist. Oder warum ist er schwierig zu +definieren? Das Denken für den Menschen ist ein \textit{Erlebnis}, das heißt ich erlebe mich +selbst als ein denkendes Wesen. Ich gehe davon aus, dass auch die anderen Menschen sich als +denkende Wesen erleben, obwohl ich nicht mit Sicherheit sagen kann, wie sich das Denken eines +anderen Menschen für ihn anfühlt, was und wie er denkt. Man denke nur an die Diskussionen, ob +Tiere Freude oder Leiden empfinden können, ob sie denken können. Es ist relativ naheliegend, +dass andere Menschen denken können, aber es ist nicht klar, ob man das von den anderen Lebewesen +behaupten kann. Desto unklarer ist es, wenn man von etwas spricht, was überhaupt kein +Lebewesen ist. + +Anstatt der Maschine einen Geist und eine Art Innerlichkeit zuzuschreiben, entwickelt sich aber +die Tendenz, den Menschen mechanisch zu verstehen. Wenn Sören Kierkegaard sagt: +„Der Mensch ist Geist“\autocite[11]{kierkegaard:krankheit}, so heute ist der Mensch immer +öfter sein Gehirn: „In Germany, leading neuroscientists like Wolf Singer and Gerhard +Roth are omnipresent in TV and press. They speak of the brain as if they were talking about a +person.“\autocite[164]{foerster:neuroturn} Kierkegaards Mensch und sein Geist waren nicht bloß +eine immaterielle Substanz, sondern vielmehr eine Synthese „aus Unendlichkeit und Endlichkeit, +aus dem Zeitlichen und dem Ewigen, aus Freiheit und +Notwendigkeit, [\dots]“\autocite[11]{kierkegaard:krankheit} Ob die Beschreibung des Menschen +als Gehirn genauer zutrifft, ist fraglich. Yvonne Förster in ihrem Artikel „Effects of the +Neuro-Turn: The Neural Network as a Paradigm for Human Self-Understanding“ macht darauf +aufmerksam, dass obwohl bei der Erforschung des Gehirns nur die Drittperson-Perspektive in die Betrachtung +einbezogen wird, eine Verschiebung der Terminologie von der Philosophie zu den Neurowissenschaften +stattfindet: + + \begin{quote} + While phylosophy works with concepts, experience, reflection, and linguistic + description, neuroscience, on the other hand, uses these philosophical terms within + a third-person framework of observation, imaging techniques, and + measurements.\autocite[163]{foerster:neuroturn} + \end{quote} + +Eine Reihe von Begriffen, wie der freie Wille oder das Bewusstsein, für die die Innenperspektive +unentbehrlich ist, werden aus der Drittperson-Perspektive beurteilt und beschrieben. +Doris Nauer spricht auch davon, dass bei der Erforschung geistiger Funktionen +„NaturwissenschaftlerInnen zunehmend die Interpretationsgrenzen rein naturwissenschaftlicher +Forschung überschreiten“.\autocite[35]{nauer:seelsorge} +Außerdem merkt Förster an, dass die Neurowissenschaften keinen direkten Zugang auch zum Gehirn oder den +Neuronen selbst haben, vielmehr arbeiten sie mit Modellen: + + \begin{quote} + The neural gains its visibility only via technology. The process of making the neural visible is + not a simple representation of something otherwise hidden. Rather it is a production of images by + means imaging techniques. What we get to see is not the inside of our skull, not copies of our + neurons, but reconstructions modeled according to a certain set of rules of computation. The neural + net as we know it from neuroscientific imagery is not a photograph of brain parts. It is deeply + technological mediated.\autocite[172]{foerster:neuroturn} + \end{quote} + +Das Selbstverständnis des Menschen und das Verständnis der Maschine und der künstlichen Intelligenz sind +voneinander abhängig. Wenn wir die Maschinen konstruieren, die selbst lernen und vielleicht denken können, +und so den Menschen nachahmen, lernen wir auch etwas über die menschlichen Denkprozesse und dem +Zusammenhang zwischen dem Bewusstsein und dem Gehirn. Andererseits um +zu entscheiden, ob die Maschinen denken oder ein geistiges Leben haben können, ist unser Menschenbild +wichtig, weil es von ihm abhängt, ob sich das, was wir unter dem Menschen verstehen, auf die Maschine +übertragen lässt. + + \section{Zum Begriff der Intelligenz} + +Eine der Fragen, die sich noch stellen, ob wir im Falle der künstlichen Intelligenz überhaupt von +der \textit{Intelligenz} sprechen kann, wie wir von der menschlichen sprechen. Ich möchte von vornherein +sagen, dass diese Frage nicht eindeutig zu beantworten ist. Von einem Menschen zu sagen, er sei intelligent, +ist nicht dasselbe, wie zu sagen: „Zwei ist eine gerade Zahl“. + +Erstens, je nachdem wer das Wort „intelligent“ sagt, kann man darunter unterschiedliche +Eigenschaften meinen. Für einen mag intelligent derjenige sein, der über viele Fachkentnisse in +einem bestimmten Bereich verfügt. Für einen anderen ist es der, der allgemein gebildet ist und nicht +nur in bestimmten Bereichen. Für den dritten spielen die erworbenen Kenntnisse überhaupt eine geringere +Rolle, viel wichtiger, um intelligent zu sein, sei es, schlau zu sein, schnell die Lösungen für die +auftretenden Probleme zu finden. + +Zweitens hängt die Antwort auf die Frage, ob man so eine Eigenschaft wie „Intelligenz“ +auf eine Maschine übertragen kann, sehr stark von anthropologischen Ansichten der jeweiligen Person. +Ist der Mensch selbst wahrscheinlich nichts weiter als eine Art von der Natur erschaffener Roboter? +In diesem Fall kann wohl auch eine vom Menschen konstruierte Maschine Intelligenz haben. Wenn der Mensch +dagegen ein geistiges Wesen ist, das nicht vollständig durch physikalische Gesetze determeniert ist, +dann ist es qualitativ etwas anderes als eine Maschine und man könnte argumentieren, dass deswegen bestimmte +Eigenschaften wie Intelligenz nur dem Menschen zugeschrieben werden können. + +Der Stand der Entwicklung rechtfertigt nicht immer die Anwendung des Begriffes „Intelligenz“ +im Bezug auf die Maschinen. Bereits heutige Computer sind in bestimmten Bereichen +intelligenter als die Menschen. Zum Beispiel kann jeder der heutigen Prozessoren (oder CPU, +\textbf{C}entral \textbf{P}rocessing \textbf{U}nit) einfache Berechnungen, wie Multiplizieren, +Dividieren, Addieren oder Substrahieren, vielfach schneller durchführen als ein Mensch. Und diese +Fähigkeit besitzten bereits die Computer der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die künstliche +Intelligenz noch nicht so verbreitet war. Schnelles Rechnen kann auch ein Merkmal der Intelligenz sein. +Und doch spricht man von der künstlichen Intelligenz meistens in Bezug auf maschinelles Lernen. Dies zeigt, +dass wenn man von intelligenten Maschinen spricht, meint man eine bestimmte Art von der Intelligenz, und +zwar meint man die Maschinen, die das Können besitzen, nicht nur die einprogrammierten +„Kenntnisse“ anzuwenden, sondern auch neue Erkenntnisse selbstständig zu gewinnen. Das heißt +Intelligenz knüpft hier an die \textit{schöpferische} Kraft des Menschen, an die Kraft etwas neues +zu \textit{erschöpfen}. Natürlich ist es nicht dasselbe wie Erschaffen eines Kunstwerkes oder eines +Musikstückes, weil das, was erkannt wird, schon da ist, es nicht aus Nichts geschaffen wird. Und doch +ist auch das Gewinnen der Erkenntnisse aus der Erfahrung, die vorher nicht waren, ist das Gewinnen von +etwas \textit{neuem}, also ein schöpferischer Vorgang. Und dieser Übergang zwischen einer die Befehle +ausführenden und einer lernenden Maschine ist wohl die Grenze, ab der die Maschinen +\textit{intelligent} werden. + +Wie weit die künstliche Intelligenz reicht oder reichen kann, lässt sich noch nicht sagen. Wir haben +noch keine Roboter, die malen, Romane oder Lieder schreiben oder physikalische Gesetze entdecken. Wie +am Beispiel mit dem neuronalen Netz gezeigt wurde, geht es bei maschinellem Lernen um das Erkennen +bestimmter Muster in der Eingabedaten. Falls so ein Muster tatsäschlich erkannt wurde, dann können anhand +dessen auch neue Daten ausgewertet werden. Dem lernenden System geht es nicht um die Forschung oder die +Suche nach der Wahrheit. Und hier ist es nicht mal wichtig, was Wahrheit ist, und ob es sie gibt. Wenn +ein Schriftsteller schreibt, sehnt er oft aus dem tiefsten seines Herzens, seinen Lesern etwas +mitzuteilen, seine Wahrheit zu verkünden. Auch ein Forscher kann von diesem Gefühl bewegt werden, +selbst wenn seine Theorie sich später als falsch erweist, hat er versucht, etwas Wahres zu entdecken. +Ein lernendes System hat überhaupt keinen Sinn für die Wahrheit. Es wurde programmiert, um Muster in +den Daten zu erkennen und das tut es. Wenn ich weiß, wie ein System aufgebaut ist, kann ich es von +vornherein mit manipulierten Daten füttern, sodass es etwas falsch lernt, und es wird sich nicht +betrogen fühlen. Wobei ich zugeben muss, dass es auch einem Menschen passieren kann, dass er sich +auf falsche, falsch ausgewählt Daten, stützt, und deswegen zu inkorrekten Ergebnissen gelangt. + +Die Mustererkennung ist wichtig auch für das menschliche Überleben. Allerdings vermag der Mensch auch +abstrakt zu denken. Es gibt zum Beispiel in der Natur keine Zahlen, es gibt nur abzählbare Gegenstände. +Man muss sich von den einzelnen Gegenständen beziehungsweise ihrer endlichen Anzahl abstrahieren können, +um auf die unendliche Menge von natürlichen Zahlen kommen. Diese Fähigkeit zum abstrakten Denken ist etwas, +was den Menschen gegenüber den Maschinen immer noch auszeichnet. + + \section{Grenzen der Anwendung von maschinellem Lernen} + +Zwar ist die künstliche Intelligenz zum selbstständigen Lernen fähig, ist kein selbstständiges +Lebewesen wie der Mensch, sondern nur ein Instrument unter vielen anderen. + +Nehmen wir an, wir wollen quadratische Gleichungen in der Normalform lösen: + +\begin{equation} + x^2 + px + q = 0 +\end{equation} + +Dafür beabsichtigen wir ein Programm zu schreiben, das die 2 Parameter, $p$ und $q$, als +Eingabewerte annimmt und die Gleichung nach $x$ auflöst. Man kann diese Aufgabe durchaus mithilfe der +künstlichen Intelligenz lösen. Wir entwerfen ein neuronales Netz, das zwei Neuronen in der +Eingabeschicht und zwei in der Ausgabeschicht hat. Dann lösen wir einige Tausende solcher Gleichungen +selbst und übergeben die Eingaben und die Lösungen dem Netz, damit es aus diesen Daten lernen kann. +Dann testen wir, ob das Netz nun selbst richtige Antworten produzieren kann. Wenn es nicht der Fall +sein soll, bereiten wir weitere Angaben und Lösungen vor. Irgendwann haben wir das neuronale Netz +ausreichend trainiert, sodass es jetzt selbst solche Gleichungen lösen kann. + +Eigentlich wissen wir aber, wie man eine quadratische Gleichung löst. Genauso gut könnten wir den folgenden +Algorithmus in einem Programm implementieren:\autocite[Vgl.][10f]{lothar:math} + +\begin{enumerate} + \item Berechne die Diskriminante $D$: + \begin{equation} + D = {(p/2)}^2 - q + \end{equation} + + \item Wenn $D \geq 0$ ist, gibt es zwei reelle Lösungen: + \begin{equation} + x_{1/2} = -\frac{p}{2} \pm \sqrt{D} + \end{equation} + + \item Wenn $D < 0$ ist, gibt es zwei konjugiert komplexe Lösungen:\autocite[Vgl.][676]{lothar:math} + \begin{equation} + x_{1/2} = -\frac{p}{2} \pm j \cdot \sqrt{\left|D\right|} + \end{equation} +\end{enumerate} + +Der Aufwand, dieses Programm, zu schreiben ist viel geringer als die Variante mit der künstlichen +Intelligenz. Was noch viel wichtiger für ein Programm, das mathematische Berechnungen durchführt, ist, +ist, dass wir wissen, dass, wenn der Algorithmus korrekt implementiert ist, er richtige Ergebnisse +liefert. Im Falle des neuronalen Netzes ist es nicht so. Wenn das neuronale Netz komplex genug ist, +können wir nicht mehr nachvollziehen, wie eine bestimmte Berechnung durchgeführt wird, das heißt, wir +können nicht überprüfen, ob der Algorithmus für alle Paare $p$ und $q$ das richtige Ergebnis liefert. +Für die Anwendungsfelder des maschinellen Lernens ist eine solche Genauigkeit auch nicht unbedingt +erforderlich. Wenn ein soziales Netzwerk setzt künstliche Intelligenz ein, um gezielte Werbung +anzuzeigen, dann ist es durchaus vorteilhaft, wenn die Werbung den Nutzer anspricht, aber es ist immer +noch zulässig, wenn die Wahl der Werbung nicht optimal ist. Es genügt, wenn die Werbung +\textit{interessant genug} für den Nutzer ist, oder dass ein gewisser Profit durch sie erreicht wird. + +Künstliche Intelligenz ist keine universelle Lösung für alle Probleme. Sie ist sehr nützlich für +die Auswertung von großen Mengen an Daten und für die Suche nach Mustern in diesen, aber ist noch +nicht fähig abstrakte, e\@.g\@. mathematische Probleme zu lösen. + + \section{Fazit} + +Über viele Fragen lässt es heute nur spekulieren. Können die Maschinen alle Tätigkeiten ausüben, die +die Menschen ausüben? Sind sie eine neue Evolutionsstufe, sodass sie die Menschen eines Tages +verdrängen und überflüssig machen? Oder werden die Maschinen und Menschen weiterhin friedlich +coexistieren? Einige Autoren versuchen bereits diese Fragen zu beantworten. Ich wage heute noch nicht, +auf sie eine Antwort zu geben. Schließlich ist die Entwicklung der Wissenschaft und der Technik +auch von einer Reihe von sozialen, politischen und wirtschaflichen Faktoren mitbestimmt. + +Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen ist ein junges Konzept, dem viel Aufmerksamkeit von +verschiedenen Siten geschenkt wird. Die Technik und Informatik sind daran interessiert, weil es ermöglicht +neue, selbst „denkende“ Programme zu schreiben; Naturwissenschaften hoffen durch künstliche +auch die menschliche Intelligenz besser zu verstehen; man sieht auch Potenzial, den Menschen noch mehr +vom Last der Arbeit zu befreien, aber man warnt auch vor den Gefahren der Verselbständigung der +Computertechnik oder deren Missbrauch. Naturwissenschaftliche Forschung hatte schon fatale Folgen, sie +ermöglichte zum Beispiel eines Tages die Erschaffung der Atomwaffen, was vielen unschuldigen Menschen +ihr Leben kostete. Doch sie hat auch einen soliden Beitrag zur modernen Medizin und Technik geleistet, +auf die wir uns jeden Tag verlassen. Um die künstliche Intelligenz scheint es ähnlich zu stehen: Es ist +ein kontroverses Thema. |
