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authorEugen Wissner <belka@caraus.de>2025-11-05 09:33:23 +0100
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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,54 @@
+---
+layout: post
+date: 2010-10-18 05:54:00
+tags: Aufsatz
+title: Erörtern Sie, warum die jüdische Kultur von großer Bedeutung für Europa ist
+teaser: |
+ <p>
+ Schon seit dem ersten Jahrhundert vor Christus war Israel unter der römischen
+ Herrschaft, wodurch die Juden schon damals in Europa zu finden waren. Sie
+ werden aber in alle Zeiten verfolgt und verhasst. Die Kreuzzüge und der zweite
+ Weltkrieg, wärend dessen die Juden systematisch vernichtet wurden, können als
+ Beispiele dafür dienen. Aber die Nation, die eine so reiche Geschichte hat, hat
+ einen Einfluss auf die Europäer genommen, der nicht zu leugnen ist.
+ </p>
+---
+Schon seit dem ersten Jahrhundert vor Christus war Israel unter der römischen
+Herrschaft, wodurch die Juden schon damals in Europa zu finden waren. Sie
+werden aber in alle Zeiten verfolgt und verhasst. Die Kreuzzüge und der zweite
+Weltkrieg, wärend dessen die Juden systematisch vernichtet wurden, können als
+Beispiele dafür dienen. Aber die Nation, die eine so reiche Geschichte hat, hat
+einen Einfluss auf die Europäer genommen, der nicht zu leugnen ist.
+
+Als erstes muss man sich daran erinnern, dass die europäische Kultur sehr stark
+vom Christentum geprägt ist. Und das Christentum seinerseits entstand unter
+Juden und erbte von ihnen sehr viel. Das alte Testament, die heilige Schrift
+des Judentums, ist ein Teil der christlichen Bibel.
+
+Dann möchte ich darauf hinweisen, dass Hebräisch mit vielen Sprachen verwandt
+ist. Die europäischen Sprachen stammen entweder aus dem Lateinischen oder
+Slawischen, die ihren Ursprung im Griechischen haben. Die Verwandtschaft des
+Griechischen mit dem Hebräischen kann man erkennen, wenn man ihre Alphabete
+vergleicht, wobei man merkt, dass viele Buchstaben fast gleich ausgesprochen
+werden. Die Juden in Europa hatten auch ihre eigenen Sprachen: Jiddisch und
+Ladino. Und sowohl einige Wörter als auch einzelne Besonderheiten der Grammatik
+gelangten über sie ins Deutsche.
+
+Und das Wichtigste ist, dass viele bedeutendsten Künstler, Musiker,
+Philosophen, Schriftsteller und Wissenschaftler ursprünglich Juden waren. Es
+gibt die Namen, die fast jeder seit der Schule kennt, deren Herkunft aber
+unbekannt ist. Albert Einstein, einer der berühmtesten Physiker des zwanzigsten
+Jahrhunderts, Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, Baruch de
+Spinoza, Verbreiter des Pantheismus im Westen, Jakob Ludwig Felix Mendelssohn
+Bartholdy, Pianist und Organist, stammten aus den jüdischen Familien. Dazu
+gehören noch solche Maler wie Marc Chagall und Kasimir Sewerinowitsch
+Malewitsch. Ihre Bilder waren sehr abstrakt, was damit zusammenhängt, dass das
+Judentum das Bilderverbot hat und keine wirkliche Natur malen darf. So diente
+diese Tradition der Verbreitung einer neuen Art der Malerei. Man sollte auch
+große Schriftsteller wie Franz Kafka und Heinrich Heine nicht vergessen.
+
+Ich halte es für besonders wichtig, dass die Menschen lernen zu verstehen,
+woher ihre Kultur kommt und was für eine Rolle sie für die ganze Gesellschaft
+spielt. Dadurch könnte man viele schlechte Ereignisse in der menschlichen
+Geschichte vermeiden. Jeder, der will, kann sehen, dass die europäische Kultur
+unter dem starken Einfluss anderer, und besonders der jüdischen, entstand.
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@@ -0,0 +1,63 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-08-19 04:51:00
+tags: Aufsatz
+title: „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe. Teil 1. Berühmte Zeitgenossen Goethes
+teaser:
+ <p>
+ Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte,
+ Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven.
+ </p>
+---
+\subsection{Immanuel Kant (1724 --- 1804)}
+
+Goethe schätzte Kants „Kritik der Urteilskraft“ lebenslang sehr hoch und empfahl
+das Werk zu studieren.\footcite{online:kant-und-goethe}
+
+Kant trennte die empirische Welt, die Phänomene, von der Welt der Dinge an sich,
+der Noumenon, und behauptete, dass die menschliche Vernunft die Grenzen der
+sinnlich erfahrbaren Welt nicht überschreiten könnte. Unsere Kenntnisse können
+nach Kant nur empirisch bekommen werden und dann mit Denken bearbeitet
+werden.\footcite[272]{morris:philosophy-for-dummies} Philosophie ist sehr praktisch
+für Kant. Eine große Rolle spielten Moral und Sittlichkeit für ihn. Seine From
+der Ethik ist als kategorischer Imperativ geäußert: „Handle so, daß die Maxime
+deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung
+gelten könne.“\footcite[125]{morris:philosophy-for-dummies}
+
+\subsection{Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 --- 1831)}
+
+Für Goethe gibt es nur die einzige Idee und alle anderen Sachen, die wir sehen,
+an die wir denken, über die wir reden, sind nur Manifestationen von dieser Idee.
+Alle pluralische Sachen haben eine
+Ursache.\footcite{online:goethes-weltanschauung}
+
+Dieser Gankengang ist sehr nah zur Philosophie von Hegel, der der wichtigste
+Philosoph des deutschen Idealismi war. „Hegel glaubte, dass der objektive, bzw.\
+absolute Geist alles sei, was real ist.“\footcite[272]{morris:philosophy-for-dummies}
+
+\subsection{Johann Gottlieb Fichte (1762 --- 1814)}
+
+Fichte und Goethe kannten einander und schrieben aneinander. Goethe
+interessierte sich für Fichte nicht als für Philosoph sondern als für
+Naturforscher und war von Johann Gottlieb im Bereich der Naturansichten
+beeinflusst.\footcite{schriften-der-goethe-gesellschaft-71}
+
+Fichte schrieb Werke sowohl über Politik und Gesellschaft als auch über
+Wissenschaftslehre.
+
+\subsection{Wolfgang Amadeus Mozart (1756 --- 1791)}
+
+Goethe führte mehrmals Mozarts Opern auf.
+
+Mozart war Genie. In kürzer Zeit schrieb er immer mehr Werke. Er machte Musik
+für alle Musikgattungen, aber besonders für Klavier.
+
+\subsection{Ludwig van Beethoven (1770 --- 1827)}
+
+Beethoven und Goethe sind im Jahre 1812 zusammengetroffen und hatten dann
+freundschaftliche Beziehungen zueinander. Beethoven hat einige von Goethes
+Gedichten, u.a.\ „Egmont“, vertont.
+
+Beethoven hat die Rolle des Komponisten geändert: „Der Komponist wurde nicht
+mehr als jemand gesehen, der Auftragsarbeiten ausführt…, sondern als
+Künstler…“\footcite{online:mozart-250}
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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,61 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-08-21 20:16:00
+tags: Aufsatz
+title: „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe. Lesetagebuch. Teil 2. Das Balladenjahr
+teaser: |
+ <p>
+ 1797 wurde als Balladenjahr bezeichnet. Dem Jahr hat Schiller den Namen
+ gegeben, weil Deutschland aus Werken
+ von Schiller und Goethe in diesem Jahr eine neue Literaturgattung bekommen hat,
+ und selbst die Ballade eine neue Bedeutung gekriegt hat.
+ </p>
+---
+1797 wurde als Balladenjahr bezeichnet. Dem Jahr hat Schiller den Namen
+gegeben\footcite{online:schillers-birth-1997}, weil Deutschland aus Werken
+von Schiller und Goethe in diesem Jahr eine neue Literaturgattung bekommen hat,
+und selbst die Ballade eine neue Bedeutung gekriegt hat.
+
+Die Balladen waren
+schon lange vorher bekannt. Das Wort stammt aus romanischen Ländern von
+lateinischem ballare (tanzen) und so wurden Tänze genannt, bei denen ein Gedicht
+vom Tanzenden gesungen wurde. Im 14. Jahrhundert verliert der Begriff „Ballade“
+die Bedeutung von einem Tanz aber sie ist weiterhin ein gesungenes
+Gedicht.\footcite{online:buecher-wiki-ballade}
+
+Seit 1797 beschäftigte
+sich die beiden großen Dichter mit Studien von antiken Klassikern. Das hat zur
+Folge eine Diskussion über Inhalt und Form eines literarischen Werkes, „besonders
+über das Wesen des Epischen und Dramatischen.“\footcite{online:schillers-birth-1997}
+Danach ging es mit Schreiben von Balladen los. Eine Ballade enthält in sich mehrere Arte
+von Literatur. Das ist eine Erzählung, die in der Form eines Gedichtes aufgebaut ist.
+Sie ist einem Märchen ähnlich, das im übertragenen Sinnn eine große Bedeutung hat.
+Und diese Märchen, diese Geschichten, mit Helden, Hexen, Rittern, Königen sind auch
+aktuell in der Zeit der Infrormation und der Technologie.
+
+Die Balladen sind neue
+Poesie, da die eine Gattungsmischung aus allen „drei Grundarten der Poesie“ sind,
+„lyrisch, episch, dramatisch beginnen und, nach Belieben die Formen wechselnd,
+fortfahren“\footcite[400]{goethe:hamburger}. „Lyrische Dramen, dramatischen
+Novellen oder episches Theater sind unbestreitbar Begriffe der neueren
+Poetik.“\autocite[19f]{mueller-seidel:ballade} Darin gibt es viele Gefühle,
+Handlungen, Hoffnungen, Leid und dann am Ende eine Kulmination mit der Lösung des
+Problems, vor dem der Autor den Leser stellt.
+
+\begin{quote}
+Balladendichtung. Ein Stück Welt
+öffnet sich, in dem es dröhnt von dem Hufschlag anstürmender Pferde, Rüstungen blitzen,
+herrische Rufe werden laut, es gibt nur Sieg oder Tod im Zusammenprall, aber über dem
+Sterbenden noch steht das Ziel, dem er treu blieb, und der einzelne wird zu einem aud
+der Schar der ewig männlichen Kämpfer.\footcite[VII]{kayser:ballade}
+\end{quote}
+
+Im 1797 von Goethe&nbsp; wurden geschrieben: „Der Schatzgräber“, „Die Braut von Corinth“,
+„Der Gott und die Bajadere“ und „Der Zauberlehrling“; von Schiller: „Der Ring des Polykrates“,
+„Der Taucher“, „Der Handschuh“ und „Die Kraniche des Ibykus“.
+
+Eine Ballade besteht aus gereimten Strophen und kann, wie ein Lied, einen Refrain haben.
+
+Die Balladen wurden auch später entwickelt, z. B. sozialkritische Balladen von Heinrich Heine.
+Dann folgen neue Balladen im 20. Jahrhundert, die auch satirisch sein konnten. In manchen
+Ländern entstanden Balladen in Form der Volkslieder.\footcite{online:buecher-wiki-ballade}
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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,92 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-08-05 05:28:00
+tags: Aufsatz
+title: Interpretieren Sie, welche Aussage das Lied „Letzter Tag“ besitzt
+teaser: |
+ <p>
+ Das vorliegende Lied „Letzter Tag“ ist vom deutschen Musikproduzenten, Sänger
+ und Schauspieler aus Göttingen, Herbert Grönemeyer, geschrieben worden. Es
+ erschien im Jahr 2002 im Album „Mensch“.
+ </p>
+---
+Das vorliegende Lied „Letzter Tag“ ist vom deutschen Musikproduzenten, Sänger
+und Schauspieler aus Göttingen, Herbert Grönemeyer, geschrieben worden. Es
+erschien im Jahr 2002 im Album „Mensch“.
+
+Am Beginn des Liedes hört man eine langsame, traurige Musik, die eine Reihe
+tiefer Fragen zum Leben begleitet, wie zum Beispiel: „Lohnen sich die Gefühle?“,
+„Warum wacht man auf?“ und „Was heilt die Zeit?“. Schon an dieser Musik und
+diesen Fragen kann man erkennen, dass die unglückliche Liebe das Hauptmotiv des
+Werkes ist.
+
+Diese Fragen sind kaum zu beantworten aber der Hörer wird mit der Erwartung
+erfüllt, eine Antwort des Autors auf einige von denen zu bekommen. Andere sind
+ihrerseits deutlich rhetorisch. So benötigt die Frage „Weiß man, wie oft ein
+Herz brechen kann?“ keine Antwort.
+
+Dann ändert sich die Musik, sie wird sicherer, lebendiger und beweglicher, und
+es folgen die Worte, die im Laufe des Liedes immer wieder wiederholt werden:
+
+\begin{quote}
+Ich bin dein siebter Sinn,\\
+Dein doppelter Boden,\\
+Dein zweites Gesicht.
+\end{quote}
+
+Und das ähnelt sich schließlich dem Ruf eines einstmals vollkommenen Menschen,
+eines Androgyns, der seinen zweiten, d.h.\ weiblichen Teil verloren hat. Dieses
+Wortspiel: „Ich bin dein…“ klingt wie „Ich bin ein Teil von dir“ und
+wiederholt sich ständig.
+
+Danach kommen die Zeilen, die auch mehrmals gesungen werden. Nur in der
+vorletzen Strophe werden die beiden letzen Verse weggelassen, da sie durch die
+letzte Strophe ersetzt werden, die ihre Bedeutung vervollständigt und erläutert.
+In der dritten Stroßhe wird die Hoffnung hervorgehoben. Eine kluge, sichere
+bzw.\ gute Prognose ist doch eine Prognose, die die Sicherheit und
+Glückseligkeit hervorsagt. „Ein Leuchtstreifen aus der Nacht“ ist die notwendige
+Hilfe, mit der man sogar nachts ein bisschen sehen kann.
+
+Im folgenden äußert Grönemeyer immer stärker das Vertrauen zu seiner Liebe und
+das Wollen keine Geheimnisse vor ihr zu haben: „Verrat dir alle Geheimzahlen“.
+Er verspricht alles für seine Gefährte zu tun, ihr ein neues Leben zu schenken,
+es „auf einem goldenen Tablett“ zu servieren. Und das spricht dafür, dass sie
+ihn aus dem Albtraum es Lebens rettet:
+
+\begin{quote}
+Du holst mich aus dem grauen Tal der Tränen,\\
+Lässt alle Wunder auf einmal gescheh'n.
+\end{quote}
+
+In der letzten Strophe wird dem Hörer besonders deutlich verraten, dass die
+Frau, an die der Autor sich wendet, gar nicht da ist. Sie ist nur ein Ideal.
+Viermal wird gesagt: „Ich finde dich“ aber der letzte lautet: „Ich finde dich
+oder nicht“. Der Autor deutet damit an, dass seine Suche nach seinem zweiten
+„Ich“ vielleicht gar kein Ergebnis haben kann. Aber er sieht in dieser Suche
+offensichtlich den Sinn seines ganzen Lebens und will sie niemals aufgeben.
+
+Der Text des Liedes ist sehr reich an Anaphern: „Ich finde dich“ in der letzen
+Strophe oder „Kannst sie…“ in der vierten. Man findet auch eine ganze Menge
+von Allegorien, z.B.:
+
+\begin{quote}
+Ich bin dein siebter Sinn,\\
+Dein doppelter Boden,\\
+Dein zweites Gesicht.
+\end{quote}
+
+oder:
+
+\begin{quote}
+Du bist eine gute Prognose.\\
+Das Prinzip Hoffnung…
+\end{quote}
+
+Man stößt ferner auch auf Hyperbeln: „Wie viele Tränen passen in einen Kanal?“
+und „Tal der Tränen“.
+
+Eine „kluge“ Prognose kann als eine Personifikation gelten.
+
+Meiner Meinung nach ist das Lied ein schönes Beispiel eines Textes, in dem
+moderne Wörter wie „sportlichster Wagen“ vorkommen und ein ewiges und tiefes
+Gefühl der Liebe geäußert wird. Es vereinigt die Klassik mit dem Modernismus.
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@@ -0,0 +1,64 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-08-09 04:29:00
+tags: Aufsatz
+title: Roman „Die Fische von Berlin“ von Eleonora Hummel
+teaser: |
+ <p>
+ Im Buch „Die Fische von Berlin“ von Eleonora Hummel geht es um ein Mädchen
+ aus einer russlanddeutschen Familie, das alles von ihren Vorfahren wissen
+ will. Eines Tages entdeckt dieses Mädchen, Alina, die verblüffende
+ Gewohnheit ihres Großvaters mit einem Messer unter seinem Kissen zu
+ schlafen. Diesem Messer begegnet man im Laufe des Buches immer wieder.
+ </p>
+---
+\subsection{
+ Untersuchen und bewerten Sie ausgehend von Ihrer Lektüre das „Leitmotiv des
+ Messers“\footnote{
+ Vgl. S. 17ff, 20, 36f, 43, 44, 53, 65f, 80, 83, 99, 128, 133, 144, 147,
+ 149, 152, 213f.
+ }
+}
+
+Im Buch „Die Fische von Berlin“ von Eleonora Hummel geht es um ein Mädchen aus
+einer russlanddeutschen Familie, das alles von ihren Vorfahren wissen will.
+Eines Tages entdeckt dieses Mädchen, Alina, die verblüffende Gewohnheit ihres
+Großvaters mit einem Messer unter seinem Kissen zu schlafen. Diesem Messer
+begegnet man im Laufe des Buches immer wieder.
+
+Alina fand das Messer, als sie eine Aufgabe von ihrer Großmutter bekam, die
+Betten im Schlafzimmer Alinas Großeltern zu machen. Die Enkelin dachte
+zunächst, dass das Messer in die Küche gehört. Aber die Großmutter befahl, es
+unter das Kissen zurückzulegen und sagte, dass dieses Messer gut gegen
+Großvaters Krankheiten sei. Alina machte das aber nicht. Alles schien ein
+rätselhaftes Geheimnis zu sein. Sie befragte alle Verwandten und keiner sagte
+etwas. Die Enkelin versuchte viel später, als ihre Familie außer den Großeltern
+in den Kaukasus zog, das Messer zurückgeben aber Großvater überließ es ihr und
+versprach später Alles zu erklären. „Das Messer hat eine Vorgeschichte.“
+
+Das Messer kaufte Großvaters Bruder, Konrad, als der Großvater nach Großen
+Säuberungen in sein Dorf zurückkam „… und wenn es nur ein Kampfmesser ist,
+lebend kriegen sie mich nicht noch mal“ — sagte Konrad damals. Der Großvater
+antwortete, dass er seinem Bruder das Messer schenkt. Später wurden die beiden
+Brüder verhaftet und in die Trudarmija geschickt. Konrad ritzte dann die
+Initialen seines Namens auf dem Messer und gab es dem Großvater, weil Konrad
+eine Familie hatte und sich nicht töten durfte. In der Tat war Konrad Alinas
+Großvater, er ist aber verschwunden.
+
+Konrad Bachmeier wollte sich mit dem Messer töten, um Leiden zu vermeiden, wenn
+er verhaftet wird. Dieses Taschenmesser ist Symbol seines Lebens. Und er
+schickt es seinem Bruder mit der Hoffnung, dass der Großvater Konrads Leben
+fortsetzen bzw. ersetzen kann. Eine Waffe kann auch ein Schutz für das Leben
+sein. Der Großvater bekam deswegen mit dem Messer die Verantwortung für eine
+fremde Familie. Mit dem Messer kann man auch jagen und seine Familie mit Brot
+sichern. Der Großvater musste mit der Frau seines Bruders zusammenleben.
+Wahrscheinlich legte er das Messer deswegen unter sein Kissen, um sich ständig
+an seinen Bruder zu erinnern.
+
+Und als endlich die ganze Geschichte erzählt wurde, bekam Alina das Messer,
+damit das Leben dieser Familie nicht beendet wird.
+
+Ein Messer kann nicht schlecht oder gut sein. Mit einem Messer kann man Brot
+schneiden und mit demselben Messer auch Menschen töten. Der Großvater musste
+seine ganzes Leben Entscheidungen treffen, wie er sich verhalten soll und dabei
+konnte ihm des Bruders Messer helfen.
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+---
+layout: post
+date: 2011-12-21 21:00:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Das Geld zum Leben
+teaser: |
+ <p>
+ Die Anzahl der Lebenstage ähnelt sich dem Geld: Es ist niemals genug, obwohl
+ beides nichts wert ist.
+ </p>
+---
+Die Anzahl der Lebenstage ähnelt sich dem Geld: Es ist niemals genug, obwohl
+beides nichts wert ist.
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@@ -0,0 +1,261 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-09-01 23:20:00
+tags: Aufsatz
+title: „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe. Teil 3. Analyse der Ballade
+teaser:
+ <p>
+ Es geht in der Ballade „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe, die
+ im Jahr 1797 erschienen ist, um einen Hexenmeister, der einmal irgendwohin
+ weggegangen ist und seinen Lehrling allein ließ. Der Zauberlehrling wollte seine
+ Macht und seinen Zauber ausprobieren und Geister im Haus steuern. Von
+ seinem Meister konnte er die Wörter, mit denen er diese Geister rufen könnte.
+ Mit Geistesstärke hat der Zauberlehrling einen Besen lebendig gemacht. Um ein
+ Wunder zu tun, wurde dem Besen befohlen, auf zwei Beinen zu stehen, die
+ schlechten Lumpenhüllen zu nehmen und ein Becken voll mit Wasser zu füllen. Der
+ Besen musste als Knecht dienen, zu einer Fluss laufen und Wasser bringen.
+ </p>
+---
+\subsection{Textzusammenfassung}
+
+Es geht in der Ballade „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe, die
+im Jahr 1797 erschienen ist, um einen Hexenmeister, der einmal irgendwohin
+weggegangen ist und seinen Lehrling allein ließ. Der Zauberlehrling wollte seine
+Macht und seinen Zauber ausprobieren und Geister im Haus steuern. Von
+seinem Meister konnte er die Wörter, mit denen er diese Geister rufen könnte.
+Mit Geistesstärke hat der Zauberlehrling einen Besen lebendig gemacht. Um ein
+Wunder zu tun, wurde dem Besen befohlen, auf zwei Beinen zu stehen, die
+schlechten Lumpenhüllen zu nehmen und ein Becken voll mit Wasser zu füllen. Der
+Besen musste als Knecht dienen, zu einer Fluss laufen und Wasser bringen.
+
+Der Besen führte seine Aufgabe so behände aus, dass das seinen „Wirt“ wunderte.
+Als das Ziel erreicht wurde, sagte der Zauberlehrling seinem Knecht, dass alles,
+was nötig gewesen war, jetzt gemacht ist. Und er merkte gleich, dass er die
+Wörter vergessen hat, mit denen er den Besen zum vorherigen Zustand hätte machen
+können, und der Besen setzte fort, das Wasser zu tragen, bis das Wasser auf den
+Zauberlehrling aufstürzte und das Haus angefangen hat, zu ersaufen.
+
+Das Haus wurde immer mehr mit Wasser gefüllt. Der Zauberlehrling war wütend und
+schrie dem Besen davor, aber es war umsonst, weil der Besen nicht hören wollte.
+Der Zauberlehrling hat gesagt, dass er den Besen fassen und halten will. Dann
+hat der Zauberlehrling ein scharfes Beil genommen, sich auf den Besen geworfen
+und ihn damit gespaltet. Sein Feind war entzwei, und der Lehrling hörte auf
+sich Sorgen um ihn zu machen.
+
+Plötzlich sind die beiden Teile doch aufgestanden und trugen schon das Wasser zu
+zweit und selbstverständlich noch schneller. Der Zauberlehrling wusste überhaupt
+nicht, was er in dieser Situation machen könnte und fing an, den Meister zu
+rufen. Endlich kam der erwartete Meister, den der Zauberlehrling bat zu helfen.
+Der Meister hat den Besen rasch in die Ecke geschickt und gesagt, dass der
+Meister für das Spiel mit Geistern zunächst gerufen werden soll.
+
+\subsection{Formaler Aufbau}
+
+Die Ballade besteht aus 14 Strophen. Jede zweite hat ein anderes Reimschema als
+die anderen und ist einem Refrein ähnlich. Das sieht folgendermaßen aus:
+
+\begin{tabular}{l r}
+ Hat der alte Hexenmeister & a\\
+ Sich doch einmal wegbegeben! & b\\
+ Und nun sollen seine Geister & a\\
+ Auch nach meinem Willen leben. & b\\
+ Seine Wort und Werke & c\\
+ Merkt ich, und den Brauch, & d\\
+ Und mit Geistesstärke & c\\
+ Tu ich Wunder auch. & d\\
+ \ & \\
+
+ Walle! walle & e\\
+ Manche Strecke, & f\\
+ Daß, zum Zwecke, & f\\
+ Wasser fließe, & g\\
+ Und mit reichem vollem Schwalle & e\\
+ Zu dem Bade sich ergieße. & g
+\end{tabular}
+
+Ungerade Strophen bestehen aus 8 Versen, die mit Kreuzreim verbunden sind.
+Gerade Strophen haben nur 6 Verse mit Reim e-f-f-g-e-g. Das Versmaß ist
+Trochäus.
+
+Die Sätze sind meistens kurz und sind oft koordinierend verbunden, was für Leser
+leicht zu verstehen ist, trotzdem sind viele Wörter vorhanden, die heute
+schwierig zu kapieren sind.
+
+\subsubsection{Stilmittel}
+
+Personifikation in dieser Ballade ist der lebendige Besen, der zwar nicht
+richtig denken kann, aber kann sich bewegen, Befehle ausführen. Ich würde sagen,
+dass das Holz die Rolle von Menschen spielt, weil nachdem sie gespaltet worden
+waren, konnten die beiden Teilen handeln. Zum Besen werden viele menschliche
+Eigenschaften verwendet: böse, verrucht; er kann Knecht sein, steht auf zwei
+Beinen und hat einen Kopf oben. Das Wasser kann auch als Personifikation
+verstanden sein.
+
+Es gibt eine Antithese in der zwölften Strophe: Knechte — Mächte.
+
+Die Parabel sind hundert Flüsse, die auf den Zauberlehrling aufstürzen.
+
+Ein Zauberlehrling, ein Hexenmeister und die Geister, von denen eine Sache
+lebendig werden kann, können im realen Leben kaum existieren, also sind sie
+Metaphern.
+
+Behende würde man mit „ä“ schreiben (behände). Das ist ein Archaismus.
+
+\subsection{Analysieren des Inhalts der Ballade}
+
+\subsubsection{Der Titel und das Thema der Ballade}
+
+Der Titel der Ballade bezieht sich auf die Hauptperson, den Zauberlehrling.
+
+Das Thema: mit dem Werk wollte der Autor zeigen, wie wichtig die Rolle von
+Lehrer bzw.\ guter Regierung im Leben ist.
+
+\subsubsection{Gliederung}
+
+Die Ballade wird mit einem Vorwort angefangen, in dem der Leser in die
+beschriebene Situation eingeführt (Weggang des Meisters) und mit handelnden
+Personen (mit dem Zauberlehrling und den Geistern) bekanntgemacht wird. Das
+sind die ersten vier Verse.
+
+Dann entwickelt sich die Geschichte, bis der Zauberlehrling gemerkt hat, das er
+ein wichtiges Wort vergessen hat.
+
+Danach stellt sich das Problem. Das Geschehene wird total geändert und wendet
+sich gegen den Zauberlehrling.
+
+Als nächstes kommt die Kulmination. Die Hauptfigur sucht einen Ausgang und
+greift das Beil. Der alte Besen ist gespalten und der Zauberlehrling denkt,
+dass er den Sieg errungen hat. Die Spannung fällt ab. Aber kurz nachher hat der
+Lehrling schon „zwei Probleme“ statt einem. Man beobachtet kurz neue Entwicklung
+des Erzählten. Die Spannung nimmt wieder zu.
+
+Die vier letzten Verse der vorletzten Strophe sind schon die Lösung, denn
+endlich kommt der Meister.
+
+Die letzte Strophe kann man zum Nachwort zählen, da der alte Hexenmeister sagt,
+was man machen sollen hätte.
+
+\subsubsection{Typisierung der handelnden Personen}
+
+<i>Den Hexenmeister</i> begegnet man nur am Anfang und am Ende. Am Anfang
+erwähnt der Autor ihn nur. Am Ende zieht er die Schlussfolgerung. Der Meister
+scheint nicht böse zu sein, er fühlt sich sicher, ist ruhig und hat
+ausgezeichnete Kenntnisse, kennt seine Arbeit sehr gut.
+
+Der Zauberlehrling ist, wie bereits erwähnt, die Hauptperson. Er benimmt sich
+wie ein Jugendlicher oder ein Kind. Er ist ungehorsam und verwegen, will mit dem
+Feuer spielen, ohne bevor nachzudenken. Der Lehrling wollte, dass alle (z.B. der
+Besen) ihn hören und selber macht schlimme Sachen ohne Erlaubnis. Er kriegt sehr
+schnell Ärger, wird wütend und kann sich nicht kontrollieren (greift das Beil).
+Nur wenn es keine andere Wahl gibt, trifft der Zauberlehrling vernünftige
+Entscheidung — ruft seinen erfahrenen Meister.
+
+<i>Der Besen</i> macht alles unbewusst. Er ist von den Geistern des Meisters
+gesteuert. <i>Den Geistern</i> ist egal, wen zu hören. Sie sind brav, sogar wenn
+dass unnötig und schädlich ist, haben keinen Willen und können ohne guten Chef
+alles vor sich zerstören.
+
+\subsection{Interpretation}
+
+Die Ballade wurde das erste Mal im von Friedrich Schiller herausgegebenen
+„Musen-Almanach“ für das Jahr 1798 erschienen. Die Geschichte, die in der
+Goethes „Der Zauberlehrling“ erzählt wurde, ist nicht neu. Vermutlich wurde
+ein Teil aus „Der Lügenfreund oder der Ungläubige“ vom griechischen Dichter
+Lukian von Samosata genommen, ergänzt bzw.\ verändert und umgeschrieben.
+Die Stelle, die als ein Muster dienen könnte, lautet folgendermaßen:
+
+\begin{quote}
+Endlich fand ich doch einmal Gelegenheit, mich in einem dunkeln Winkel
+verborgen zu halten und die Zauberformel, die er dazu gebrauchte,
+aufzuschnappen, indem sie nur aus drei Silben bestand. Er ging darauf, ohne mich
+gewahr zu werden, auf den Marktplatz, nachdem er dem Stößel befohlen hatte, was
+zu tun sei. Den folgenden Tag, da er geschäftehalber ausgegangen war, nehm' ich
+den Stößel, kleide ihn an, spreche die besagten drei Silben und befehle ihm,
+Wasser zu holen. Sogleich bringt er mir einen großen Krug voll. Gut, sprach ich,
+ich brauche kein Wasser mehr, werde wieder zum Stößel! Aber er kehrte sich nicht
+an meine Reden, sondern fuhr fort, Wasser zu tragen, und trug so lange, daß
+endlich das ganze Haus damit angefüllt war. Mir fing an, bange zu werden,
+Pankrates, wenn er zurückkäme, möcht' es übelnehmen — wie es dann auch
+geschah -, und weil ich mir nicht anders zu helfen wußte, nahm ich eine Axt un
+hieb den Stößel mitten entzwei. Aber da hatte ich es übel getroffen; denn nun
+packte jede Hälfte einen Krug an und holte Wasser, so daß ich für einen
+wasserträger nun ehrer zwei hatte. Inmittelst kommt mein Pankrates zurück, und
+wie er sieht, was passiert war, gibt er ihnen ihre vorige Gestalt wieder; er
+selbst aber machte sich heimlich aus dem Staube, und ich habe ihn nie wieder
+gesehen.\footcite{moritz:balladen}
+\end{quote}
+
+Im Jahr 1940 Walt Disney machte aus der Goethes Ballade einen Zeichentrickfilm
+mit Micky Maus.
+
+Wer Erzähler ist, ist ein bisschen unklar. Er scheint der Zauberlehrling selber
+zu sein. Aber er muss dann allein mit Geistern und dem Besen zu Hause sein,
+trotzdem wendet er sich in der fünften Strophe an jemanden noch: „<i>Seht</i>,
+er läuft zum Ufer nieder…“ (Herv. — Eugen Wissner). In der nächsten Strophe
+sagt der Zauberlehrling: „Stehe! Stehe! Denn <i>wir</i> haben deiner Gaben
+vollgemessen!…“ (Herv. — Eugen Wissner). Die erste Stelle kann man verstehen
+als Anrede an Leser; die zweite ist Ruf nicht nur vom Autor, sondern von anderen
+Menschen auch. Die letzte Strophe in der Ballade spricht der Hexenmeister aus
+und sie sind von Goethe in Anführungszeichen gesetzt. Fast alles ist in Präsens
+geschrieben, folglich ist das Gegenwart.
+
+Die Ballade hat die ewige Bedeutung für Menschheit, da sie Probleme beschreibt,
+die mit menschlicher Psychologie zu tun haben und deshalb waren immer
+vorhanden, sind zur Zeit vorhanden und werden noch vorhanden sein. Das Werk ist
+mit Ereignissen der Zeit verbunden, in der Goethe gelebt hat, aber die Geschichte
+wiederholt sich wegen der schon erwähnten menschlichen Psychologie.
+
+Der Meister ist als „der alte Hexenmeister“ bezeichnet. Das Wort „alt“ bezieht
+sich nicht auf sein Alter, sondern auf seine Erfahrung. Das ist also ein guter
+Lehrer, der vielleicht schon alles im Leben gesehen hat. Sein Lehrling ist
+kindisch.\footnote{Vgl.: Typisierung der handelnden Personen.} Er will prahlen und seine
+Kenntnisse zeigen, die er vielleicht noch nicht hat, obwohl der berühmteste Satz
+von einem der weisesten Männer antikes Griechenlands, Sokrates, lehrt darüber,
+was man an sein Wissen immer denken sollte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.
+Der Lehrling hat nicht vor, seinen Meister um Rat zu fragen sondern ruft die
+Geister, die er wahrscheinlich überhaupt nicht kennt, ruft irgendwelche fremde
+Geister, die im helfen müssten, ein Wunder zu machen. Das ist vergleichbar mit
+Ereignissen in der Geschichte von Israel, denen man zahlreich in der Heiligen
+Schrift begegnen kann. Als Mose weggegangen ist, um das Gottesgesetz (zehn
+Gebote) von dem Berge zu holen, bat das Volk Aaron einen anderen Gott für sie
+zu machen. Aaron sammelte die goldenen Ohrringe „und bildete das Gold in einer
+Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott,
+Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!“ (2. Mose 32).
+Als Mose zurückkam, zerbrach er Tafeln unten am Berg. Zorn wurde über die
+Israeliten entbrannt und der Zauberlehrling wird auch bestraft.
+
+Die Situation scheint zunächst lustig zu sein. Der Lehrling ist zufrieden, kann
+sich gönnen zu faulenzen, da der Besen alle Arbeiten ausführt und Spaß für
+seinen Wirt machen kann. Aber ein paar Verse später gehorcht der Besen nicht
+mehr und macht seine Arbeit, die am Anfang so nützlich schien, weiter. Der
+Lehrling versucht erstmal den Besen und die Geister mit Wörtern zur Ruhe zu
+bringen. Wenn das nicht gelingt, greift er zu den Waffen. Dem wird bange. Aber
+mit allen seinen Handlungen macht der Lehrling nur schlimmer. Mit der Waffe
+kann ein Problem nicht gelöst werden. Und endlich, wenn fast alles mit dem
+Wasser voll ist, und es gibt keine andere Chance sich zu retten, versteht der
+Lehrling, dass er zu schwach ist, und ruft den Meister. Der alte Hexenmeister
+hört ihn im Unterschied zu den Geistern.
+
+Es passiert, dass Lehrlinge um ihre Lehrer klagen, weil sie nicht alles
+verstehen können und schließlich gegen sie gehen. Das Gleiche kann in einer
+Familie betrachtet werden, wenn man die Eltern für die Lehrer und die Kinder für
+die Lehrlinge hält. Zwischen Kindern und Eltern ist eines der häufigsten
+Probleme, das sowohl in der russischen als auch in der deutschen Literatur
+behandelt wird. Einem fremden Menschen ist oft leichter zuzuhören, als den
+Menschen, die in der Nähe von uns sind und die uns sogar lieben, wenn wir das
+nicht verstehen.
+
+Die Ebene, auf der die Ballade betrachtet werden kann, kann immer breiter
+werden. Das kann ganz persönlich sein, eine Familie. Das kann eine Gesellschaft
+sein, wie z.B. Schule, Universität o.Ä. Das kann aber auch geschichtlich auf das
+ganze Volk bezogen sein und dann auf die ganze Welt, z.B. französische
+Revolution. Damals versuchten ganz viele Menschen zunächst in einem Land, dann
+in ganz Europa, auf ihre alten Ideale, alten Traditionen verzichten und nur sich
+selbst und ihrer Vernunft zu vertrauen. Egozentrismus ist die Idee der
+Aufklärung. Da bringt aber noch lange Zeit nichts, weil nichts in Herzen
+verändert ist. Der König und viele Adlige wurden getötet und andere Räuber haben
+Macht bekommen aber viele verhungern immer noch. Man muss nach Besserem streben,
+aber sehr vorsichtig und ohne Eile, sonst können noch weitere Probleme
+entstehen. Das ist die Idee der Ballade.
+
+% Erstelldatum: 19.02.2010
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+++ b/posts/2011/10/bestraft.tex
@@ -0,0 +1,7 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-10-28 14:00:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Bestraft
+---
+Meine Geburt ist meine Strafe.
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@@ -0,0 +1,7 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-10-22 12:59:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Das hohe weise Alter
+---
+Jugendlicher Maximalismus, greisenhafte Torheit… wer hat den Scwachsinn ausgedacht?
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@@ -0,0 +1,83 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-07-20 05:22:00
+tags: Стихотворение
+title: Рыжик (Дивеево, 18 июля)
+teaser: |
+ <p>
+ Средь суетящихся людей<br>
+ Ваш дерзкий взгляд я заприметил.<br>
+ Ему взаимностью ответив,<br>
+ Попал в плен Ваших я очей.
+ </p>
+ <p>
+ Они пронзили душу мне,<br>
+ И сердце трепетное сжалось<br>
+ Так, что внезапно показалось:<br>
+ Пылает лед в кромешной тьме.
+ </p>
+ <p>
+ Вся похоть сердца подлеца<br>
+ Подвластна женственности вечно;<br>
+ А Ваше тело безупречно,<br>
+ И тайной веет от лица.
+ </p>
+ <p>
+ Не смел я оторвать и глаз,<br>
+ Когда Вы сделали то первой,<br>
+ Чтоб подойти походкой верной,<br>
+ Явить ликующий свой глас.
+ </p>
+ <p>
+ Сей встречи грянувшей как гром<br>
+ Прошли счастливые мгновенья,<br>
+ Но не терзало грудь сомненья<br>
+ С заветным в кулаке листом.
+ </p>
+ <p>
+ К чему нежданная мечта?<br>
+ Волнами рыжими ложится<br>
+ Заря на небо. Ах, зорница!<br>
+ Мила…<br>
+ И снова грезится она…
+ </p>
+---
+% Об удивительном мимолетном знакомстве во время экскурсии в Дивеево (село в
+% Нижегородской области) при ожидании очереди на одном из имеющихся источников.
+% Чудеса там со всеми происходят разные, со мной, видимо, ничего иного случиться
+% и не могло. Рассказала, что ее в школе „рыжиком“ дразнили, и она за это всех
+% била. Полученным листком с ее адресом я воспользовался, но ответа не получил:
+% может, письмо не дошло, может, стихотворение не понравилось.
+
+\textit{Марине Кривцовой}
+
+Средь суетящихся людей\\
+Ваш дерзкий взгляд я заприметил.\\
+Ему взаимностью ответив,\\
+Попал в плен Ваших я очей.
+
+Они пронзили душу мне,\\
+И сердце трепетное сжалось\\
+Так, что внезапно показалось:\\
+Пылает лед в кромешной тьме.
+
+Вся похоть сердца подлеца\\
+Подвластна женственности вечно;\\
+А Ваше тело безупречно,\\
+И тайной веет от лица.
+
+Не смел я оторвать и глаз,\\
+Когда Вы сделали то первой,\\
+Чтоб подойти походкой верной,\\
+Явить ликующий свой глас.
+
+Сей встречи грянувшей как гром\\
+Прошли счастливые мгновенья,\\
+Но не терзало грудь сомненья\\
+С заветным в кулаке листом.
+
+К чему нежданная мечта?\\
+Волнами рыжими ложится\\
+Заря на небо. Ах, зорница!\\
+Мила…\\
+И снова грезится она…
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@@ -0,0 +1,51 @@
+---
+layout: post
+date: 2006-10-17 01:00:00
+tags: Стихотворение
+title: Последняя записка
+teaser: |
+ <p>
+ Простив, прошу за все прощенья;<br>
+ За все, что можешь мне простить,<br>
+ За страстной юности влеченья,<br>
+ За все, чего не воротить.<br>
+ Пишу тебе в последний раз…<br>
+ Прости за сей нескладный сказ.
+ </p>
+
+---
+% Опубликую постепенно все стихотворения, которые я за свою жизнь написал и за
+% которые мне не стыдно. Несколько стихов 2004 года еще ждут своей очереди на
+% творческую реставрацию.
+
+% Начинается мое собрание с „трилогии“, посвященной Марии Гашковой, на то время
+% воспитаннице Регентской школы Тобольской Духовной Семинарии, а ныне регенту
+% храмового хора в Красноярске. Повод к написанию достаточно очевидно исходит из
+% названия. Первое шестистишие было передано через посредника адресату, а вот
+% следующее за ним четверостишие именуется в моем дневнике „Нереализованным
+% вариантом“. Ответа мне, кстати, так и не предложили. Только, примерно, через
+% месяц поблагодарили ради приличия при случайной встрече.
+
+% Заключительная „Поправка“ писалась годом позже, что, между прочим, видно из
+% ее настроения.
+
+\textit{Марии Гашковой}
+
+Простив, прошу за все прощенья;\\
+За все, что можешь мне простить,\\
+За страстной юности влеченья,\\
+За все, чего не воротить.\\
+Пишу тебе в последний раз…\\
+Прости за сей нескладный сказ.
+
+\subsection{Нереализованный вариант}
+
+Прости за все, прости коль можешь\\
+За юность страстную мою.\\
+Пусть мне ответа не предложишь,\\
+Прости, в последний раз пишу.
+
+\subsection{Поправка (к „Последней записке“) 2007\footnote{8 августа 2007}}
+
+В последний раз тебе пишу,\\
+Прости безграмотность прошу.
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@@ -0,0 +1,52 @@
+---
+layout: post
+date: 2004-02-05 05:40:00
+tags: Стихотворение
+title: Предвидение
+teaser: |
+ <p>
+ Над крышею дома<br>
+ Кружит черный ворон,<br>
+ О судьбе беспощадной предупреждая меня,<br>
+ Стало быть снова<br>
+ К родимому крову,<br>
+ Снова ко мне пришла беда.
+ </p>
+ <p>
+ Печали я полон:<br>
+ Принес черный ворон<br>
+ Столь жестокую весть, дал мне горя отпить.<br>
+ Ехать мне завтра<br>
+ Родимого брата,<br>
+ Родного брата на погост хоронить.
+ </p>
+ <p>
+ Может быть завтра,<br>
+ Прямо как с братом,<br>
+ Может быть скоро будет со мной;<br>
+ За жизнь столь лихую, За горесть людскую<br>
+ Следом за братом уйду на покой.
+ </p>
+---
+% Насколько я сейчас помню, было написано незадолго до смерти двоюродной сестры,
+% почему позже так и названо.
+
+Над крышею дома\\
+Кружит черный ворон,\\
+О судьбе беспощадной предупреждая меня,\\
+Стало быть снова\\
+К родимому крову,\\
+Снова ко мне пришла беда.
+
+Печали я полон:\\
+Принес черный ворон\\
+Столь жестокую весть, дал мне горя отпить.\\
+Ехать мне завтра\\
+Родимого брата,\\
+Родного брата на погост хоронить.
+
+Может быть завтра,\\
+Прямо как с братом,\\
+Может быть скоро будет со мной;\\
+За жизнь столь лихую, За горесть людскую\\
+Следом за братом уйду на покой.
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@@ -0,0 +1,65 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-01-08 10:11:00
+tags: Стихотворение
+title: Рождество
+teaser: |
+ <p>
+ В грехов болоте с головою<br>
+ Увяз. Тоска, уныние, нет сил.<br>
+ Не совладать никак с собою,<br>
+ И жизни бы себя лишил.
+ </p>
+ <p>
+ Но выпал снег, замел печали,<br>
+ Надеждою на сердце лег.<br>
+ Год Новый людям даровали!<br>
+ Покайся — призывает Бог.
+ </p>
+ <p>
+ Зажег звезду Он на Востоке,<br>
+ Что б ночью к Солнцу нас вела,<br>
+ Узрели наши чтоб пороки,<br>
+ Худые мысли все, дела.
+ </p>
+ <p>
+ Смирился, Боже, до вертепа,<br>
+ До немощи снизшел людской,<br>
+ Спустил на землю благость Неба,<br>
+ Явил Свет Истины Собой.
+ </p>
+ <p>
+ Родился в мире Искупитель!<br>
+ Помилуй, Боже, вновь и вновь,<br>
+ Открой для нас Свою Обитель.<br>
+ О, дай нам все познать любовь!
+ </p>
+---
+% А за это стихотворение я, соревнуясь и с коллективами, даже получил то ли
+% третье, то ли второе место на рождественском концерте в ТДС. Почему-то
+% датировано, судя по всему, датой самого концерта.
+
+В грехов болоте с головою\\
+Увяз. Тоска, уныние, нет сил.\\
+Не совладать никак с собою,\\
+И жизни бы себя лишил.
+
+Но выпал снег, замел печали,\\
+Надеждою на сердце лег.\\
+Год Новый людям даровали!\\
+Покайся — призывает Бог.
+
+Зажег звезду Он на Востоке,\\
+Что б ночью к Солнцу нас вела,\\
+Узрели наши чтоб пороки,\\
+Худые мысли все, дела.
+
+Смирился, Боже, до вертепа,\\
+До немощи снизшел людской,\\
+Спустил на землю благость Неба,\\
+Явил Свет Истины Собой.
+
+Родился в мире Искупитель!\\
+Помилуй, Боже, вновь и вновь,\\
+Открой для нас Свою Обитель.\\
+О, дай нам все познать любовь!
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@@ -0,0 +1,23 @@
+---
+layout: post
+date: 2006-10-25 00:00:00
+tags: Стихотворение
+title: Скажи, насколько безнадежно…
+teaser: |
+ <p>
+ Скажи, насколько безнадежно<br>
+ Мое влечение к тебе?<br>
+ О, если б знала как тревожно<br>
+ Ответа ждать! и лгать себе…
+ </p>
+---
+% Четверостишие была написано для приятеля и отправлено в sms подруге моей
+% подруги. Приятель и получатель sms ныне счастливо женаты. Мне вот повезло
+% меньше (больше?).
+
+\textit{Веронике Стоговой}
+
+Скажи, насколько безнадежно\\
+Мое влечение к тебе?\\
+О, если б знала как тревожно\\
+Ответа ждать! и лгать себе…
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@@ -0,0 +1,83 @@
+---
+layout: post
+date: 2004-05-06 06:28:00
+tags: Стихотворение
+title: Просто помолчим (Горит свеча)
+teaser: |
+ <p>
+ Спит весь город в полумраке.<br>
+ Тишина.<br>
+ И сегодня в старом парке<br>
+ Меня не ждет она.
+ </p>
+ <p>
+ В комнате горит свеча в твою честь.<br>
+ Сколько я их сжег, уже не счесть.<br>
+ Давай не будем верить словам чужим<br>
+ И в этот вечер вдали друг от друга<br>
+ Помолчим.
+ </p>
+ <p>
+ Февраль засыпал улицу снегом.<br>
+ Зима.<br>
+ И не спешить на свиданье,<br>
+ Пусть без букета, —<br>
+ Слишком далеко она.
+ </p>
+ <p>
+ В комнате горит свеча за нас.<br>
+ Надежда будет пока огонь не погас.<br>
+ Ты меня за жизнь мою здесь,<br>
+ Дорогая, не кори,<br>
+ Давай сегодня просто помолчим.
+ </p>
+ <p>
+ День все ближе к закату клонит.<br>
+ Скукота.<br>
+ Каждую ночь ко мне приходит<br>
+ Во сне она.
+ </p>
+ <p>
+ В комнате горит свеча по нашей встрече.<br>
+ Я снова видел тебя во сне недавече.<br>
+ Мы, как прежде, в глаза друг другу глядели<br>
+ И даже слова сказать не посмели.
+ </p>
+---
+\textit{Марине Княжевой}
+
+% Еще одно стихотворение c „кривой рифмой“, но просили ничего не менять:
+% деваться некуда.
+
+Спит весь город в полумраке.\\
+Тишина.\\
+И сегодня в старом парке\\
+Меня не ждет она.
+
+В комнате горит свеча в твою честь.\\
+Сколько я их сжег, уже не счесть.\\
+Давай не будем верить словам чужим\\
+И в этот вечер вдали друг от друга\\
+Помолчим.
+
+Февраль засыпал улицу снегом.\\
+Зима.\\
+И не спешить на свиданье,\\
+Пусть без букета, —\\
+Слишком далеко она.
+
+В комнате горит свеча за нас.\\
+Надежда будет пока огонь не погас.\\
+Ты меня за жизнь мою здесь,\\
+Дорогая, не кори,\\
+Давай сегодня просто помолчим.
+
+День все ближе к закату клонит.\\
+Скукота.\\
+Каждую ночь ко мне приходит\\
+Во сне она.
+
+В комнате горит свеча по нашей встрече.\\
+Я снова видел тебя во сне недавече.\\
+Мы, как прежде, в глаза друг другу глядели\\
+И даже слова сказать не посмели.
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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,77 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-08-08 00:17:00
+tags: Стихотворение
+title: Фотокарточка
+teaser: |
+ <p>
+ Фотокарточка в альбоме<br>
+ разожгла былую страсть —<br>
+ вспомнил я как в счастья доме<br>
+ нам жизнь была обоим всласть.
+ </p>
+ <p>
+ От сна восстав желал увидеть<br>
+ я блеск прекрасных карих глаз,<br>
+ любовью жизнь хотел насытить,<br>
+ с тобой судьбы сложить рассказ.
+ </p>
+ <p>
+ Мечтал ласкать твои я губы.<br>
+ Я каждый час мечтал. Мечтал!<br>
+ В лобзании сплетались судьбы.<br>
+ Еще любви такой не знал.
+ </p>
+ <p>
+ Но вот уплыло наше время:<br>
+ разошлись мы кто куда.<br>
+ Теперь нести и горя бремя,<br>
+ разлука – вечная беда.
+ </p>
+ <p>
+ С тех пор не видел сна такого,<br>
+ в котором не было б тебя.<br>
+ Обнять твои колени снова<br>
+ хочу. Хочу как никогда!
+ </p>
+ <p>
+ Но ведь пройдет разлуки время!<br>
+ Как очи карие увижу вновь.<br>
+ Мы понесем и счастья бремя,<br>
+ и прошепчу: Моя любовь…
+ </p>
+---
+% Тоже просили не менять, а так хотелось…
+% (1 мая 2004, Редакция 8.08.2007)
+
+\textit{Марине Княжевой}
+
+Фотокарточка в альбоме\\
+разожгла былую страсть —\\
+вспомнил я как в счастья доме\\
+нам жизнь была обоим всласть.
+
+От сна восстав желал увидеть\\
+я блеск прекрасных карих глаз,\\
+любовью жизнь хотел насытить,\\
+с тобой судьбы сложить рассказ.
+
+Мечтал ласкать твои я губы.\\
+Я каждый час мечтал. Мечтал!\\
+В лобзании сплетались судьбы.\\
+Еще любви такой не знал.
+
+Но вот уплыло наше время:\\
+разошлись мы кто куда.\\
+Теперь нести и горя бремя,\\
+разлука – вечная беда.
+
+С тех пор не видел сна такого,\\
+в котором не было б тебя.\\
+Обнять твои колени снова\\
+хочу. Хочу как никогда!
+
+Но ведь пройдет разлуки время!\\
+Как очи карие увижу вновь.\\
+Мы понесем и счастья бремя,\\
+и прошепчу: Моя любовь…\footnote{1 мая 2004}
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@@ -0,0 +1,54 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-07-11 05:18:00
+tags: Стихотворение
+title: Встреча
+teaser: |
+ <p>
+ Как ясный день после тумана,<br>
+ Вернулось прошлое мое.<br>
+ Пьян от весны ли я дурмана,<br>
+ Иль впрямь знакомое лицо?
+ </p>
+ <p>
+ Твой лучезарный лик развеял<br>
+ Остаток канувших дождей.<br>
+ Как долго я в душе лелеял<br>
+ Тепло зимы ушедших дней!
+ </p>
+ <p>
+ Как долго я забыть пытался,<br>
+ Что мне казалось, не вернуть.<br>
+ Ожило все: в любви как клялся,<br>
+ Как страстно пала мне на грудь!
+ </p>
+ <p>
+ Былой туман воспоминаний<br>
+ Рассеял взгляд знакомых глаз.<br>
+ Питья ль вина не знаю граней,<br>
+ Души огонь ли не погас?
+ </p>
+---
+% Сотворено после одного нанесенного мне в Тобольске визита.
+
+\textit{Марине Княжевой}
+
+Как ясный день после тумана,\\
+Вернулось прошлое мое.\\
+Пьян от весны ли я дурмана,\\
+Иль впрямь знакомое лицо?
+
+Твой лучезарный лик развеял\\
+Остаток канувших дождей.\\
+Как долго я в душе лелеял\\
+Тепло зимы ушедших дней!
+
+Как долго я забыть пытался,\\
+Что мне казалось, не вернуть.\\
+Ожило все: в любви как клялся,\\
+Как страстно пала мне на грудь!
+
+Былой туман воспоминаний\\
+Рассеял взгляд знакомых глаз.\\
+Питья ль вина не знаю граней,\\
+Души огонь ли не погас?
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@@ -0,0 +1,27 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-07-13 06:48:00
+tags: Стихотворение
+title: Эсэмэска
+teaser: |
+ <p>
+ Сонечко, сэрдэнько, ясочка моя, Гануся,<br>
+ Потерпи еще малек и я к тебе вернуся…
+ </p>
+---
+% Следующие три стихотворения были „эсэмэсками“. Я, уехав на каникулы,
+% пообещался ежедневно отправлять на ниже частично указанный в посвящении
+% номер (чтобы его отгадать, нужно перебрать всего лишь 10000 комбинаций, хотя
+% он, кажется, уже не существует) по несколько стихотворных строк. Мой
+% энтузиазм на третий день кончился, но вот кое-какое наследие осталось.
+% Кроме того следует отметить, что два первых из них методом насилия над собой
+% написаны хореем (большинство прочих ямбом). Мой украинский вызван влиением,
+% какой уже не помню книги, где речь шла, в том числе и о „Ганне“ с ее мужем,
+% который называл ее и „сонечко“, и „сэрденько“, и „моя ясочка“, и поскольку уж
+% у меня тоже Ганнуся была…, которой будет еще одно посвящение позже, и о
+% котором она к тому же не ведает.
+
+\textit{+7918902xxxx}
+
+Сонечко, сэрдэнько, ясочка моя, Гануся,\\
+Потерпи еще малек и я к тебе вернуся…
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@@ -0,0 +1,24 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-07-14 05:21:00
+tags: Стихотворение
+title: Опыт хорея
+teaser: |
+ <p>
+ Симферополь, Любик — точки, —<br>
+ Сей отрезок жутко длинный<br>
+ (Плюс таможня Украины);<br>
+ Но для Ангелов — цветочки,<br>
+ Ведь у нас сердца магниты<br>
+ (Лю́бой страсти монолиты).
+ </p>
+---
+% Почему название, было сказано до этого. Расстояние искусственно несколько
+% увеличено: (Г)Анна была в Симферополе; а я-то — во Владимирской области.
+
+Симферополь, Любик — точки, —\\
+Сей отрезок жутко длинный\\
+(Плюс таможня Украины);\\
+Но для Ангелов — цветочки,\\
+Ведь у нас сердца магниты\\
+(Лю́бой страсти монолиты).
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--- /dev/null
+++ b/posts/2011/11/blog-post_23.tex
@@ -0,0 +1,27 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-07-16 05:18:00
+tags: Стихотворение
+title: Я весь измучился тобою…
+teaser: |
+ <p>
+ Я весь измучился тобою,<br>
+ Земной твоею красотою.<br>
+ И ад вошел прям в душу мне,<br>
+ Томлюся дико в том огне.<br>
+ Бога жизнью проклянул,<br>
+ За собой тебя втянул.<br>
+ Нет! Не ты измучила меня,<br>
+ А плоть похабная моя.
+ </p>
+---
+Было отмечено получателем как самое удавшееся из трех в те каникулы отправленных.
+
+Я весь измучился тобою,\\
+Земной твоею красотою.\\
+И ад вошел прям в душу мне,\\
+Томлюся дико в том огне.\\
+Бога жизнью проклянул,\\
+За собой тебя втянул.\\
+Нет! Не ты измучила меня,\\
+А плоть похабная моя.
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+++ b/posts/2011/11/blog-post_24.tex
@@ -0,0 +1,19 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-07-24 05:49:00
+tags: Стихотворение
+title: Каникулы
+teaser: |
+ <p>
+ Ох, отпуск выдался мне летом!<br>
+ Между кухней и клозетом…<br>
+ Чего еще же пожелать?<br>
+ В ночь — писа́ть,<br>
+ Под утро — спать.
+ </p>
+---
+Ох, отпуск выдался мне летом!\\
+Между кухней и клозетом…\\
+Чего еще же пожелать?\\
+В ночь — писа́ть,\\
+Под утро — спать.
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+++ b/posts/2011/11/blog-post_26.tex
@@ -0,0 +1,96 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-08-06 07:31:00
+tags: Стихотворение
+title: Давай останемся просто друзьями?
+teaser: |
+ <p>
+ „Давай останемся друзьями?“ -<br>
+ вот кульминация кина.<br>
+ Угрозы, просьбы, обещанья.<br>
+ Да… ты унизился сполна.
+ </p>
+ <p>
+ Пойти бы с горя что ль напиться, —<br>
+ да года два уже не пил;<br>
+ иль в Церковь Божью помолиться, —<br>
+ уйти в молитву нету сил.
+ </p>
+ <p>
+ Вот друг совсем другое дело —<br>
+ тот всегда готов понять —<br>
+ сказал: „В пятак ей дал бы смело!“,<br>
+ иной пустился утешать.
+ </p>
+ <p>
+ „Два пальца в рот“ — кричит тут третий, —<br>
+ „забудешь все и обо всем!“,<br>
+ и вся печаль тысячелетий<br>
+ сбежит по трубам с ветерком…
+ </p>
+ <p>
+ Но я томлюсь советом скромным:<br>
+ забыть, простить; простить, забыть.<br>
+ Ах, совесть, скверно быть влюбленным!<br>
+ Скверней лишь не влюбленным быть.
+ </p>
+---
+% Стихотворение, за которое мне когда-то было по-настоящему стыдно, а именно в
+% тот момент, когда его, неккуратно оставленное на столе в столовой, нашла одна
+% из подразумевавшихся в строках.
+
+\textit{РОиИкО ТПДС\\и другу Шуре}
+
+\subsubsection{I}
+
+„Давай останемся друзьями?“ -\\
+вот кульминация кина.\\
+Угрозы, просьбы, обещанья.\\
+Да… ты унизился сполна.
+
+Пойти бы с горя что ль напиться, —\\
+да года два уже не пил;\\
+иль в Церковь Божью помолиться, —\\
+уйти в молитву нету сил.
+
+Вот друг совсем другое дело —\\
+тот всегда готов понять —\\
+сказал: „В пятак ей дал бы смело!“,\\
+иной пустился утешать.
+
+„Два пальца в рот“ — кричит тут третий, —\\
+„забудешь все и обо всем!“,\\
+и вся печаль тысячелетий\\
+сбежит по трубам с ветерком…
+
+Но я томлюсь советом скромным:\\
+забыть, простить; простить, забыть.\\
+Ах, совесть, скверно быть влюбленным!\\
+Скверней лишь не влюбленным быть.
+
+\subsubsection{II}
+
+Когда захочешь бросить друга,\\
+не философствуй о любви,\\
+а прямо: „Более не буду\\
+с тобой встречаться“ — „Что ж, мир ти“.
+
+И с оскорбленьем не тяни,\\
+не мучь бессоницею в ночь.\\
+А ушла – не приходи,\\
+не мучь! Сомненья все прочь!
+
+Себя не чувствуй виноватой,\\
+что мне услужливость теперь?\\
+Оно ль избавит от утраты?\\
+Приветливость что? от потерь?
+
+Мы не останемся друзьями,\\
+прошу не лги сама себе.\\
+Благословишь ли день свиданья,\\
+я прокляну свиданья день.
+
+И не проси забыть, что было,\\
+все вспомню я до мелочей.\\
+Тем поделюсь, что сердцу мило\\
+даже с будущей своей.
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@@ -0,0 +1,84 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-08-16 01:00:00
+tags: Стихотворение
+title: Дневник
+teaser: |
+ <p>
+ Ах, друг единственный и верный,<br>
+ содержащий весь мой быт,<br>
+ прости за то, что сердцем ленным<br>
+ и ты давным-давно забыт.
+ </p>
+ <p>
+ А помнишь как с тобой делился<br>
+ всей суетой летящих дней?<br>
+ Но для себя ли я трудился<br>
+ или для будущих людей…
+ </p>
+ <p>
+ Боялся я, что прочитает<br>
+ тебя моя родная мать;<br>
+ мечтал о том, как мир узнает<br>
+ души поэта благодать!
+ </p>
+ <p>
+ Прости ж неискренность, лукавство,<br>
+ что я порою призывал.<br>
+ Ты знаешь сам: всегда коварство<br>
+ в душе юнца найдет причал.
+ </p>
+ <p>
+ Когда убить хотел былое,<br>
+ тебя имел желанье сжечь.<br>
+ О, если б сделал я такое,<br>
+ как письма, бросив тебя в печь!?
+ </p>
+ <p>
+ То что бы я, скрипя зубами,<br>
+ да с удивленьем на лице,<br>
+ читал, чуть шевеля губами?..<br>
+ Тебя, жизнь, видел лишь во сне.
+ </p>
+---
+Ах, друг единственный и верный,\\
+содержащий весь мой быт,\\
+прости за то, что сердцем ленным\\
+и ты давным-давно забыт.
+
+А помнишь как с тобой делился\\
+всей суетой летящих дней?\\
+Но для себя ли я трудился\\
+или для будущих людей…
+
+Боялся я, что прочитает\\
+тебя моя родная мать;\\
+мечтал о том, как мир узнает\\
+души поэта благодать!
+
+Прости ж неискренность, лукавство,\\
+что я порою призывал.\\
+Ты знаешь сам: всегда коварство\\
+в душе юнца найдет причал.
+
+Когда убить хотел былое,\\
+тебя имел желанье сжечь.\\
+О, если б сделал я такое,\\
+как письма, бросив тебя в печь!?
+
+То что бы я, скрипя зубами,\\
+да с удивленьем на лице,\\
+читал, чуть шевеля губами?..\\
+Тебя, жизнь, видел лишь во сне.
+
+\subsubsection{Мораль}
+
+Писать стихи и мемуары —\\
+порыв весенних жизни лет.\\
+Стыдишься их иль ищешь славы;\\
+с кем спеть, мечта твоя, дуэт?
+
+Учебник по литературе\\
+ну, сохранит ли твой портрет,\\
+что списан век назад с натуры,\\
+как думаешь… хм.., поэт?
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--- /dev/null
+++ b/posts/2011/11/blog-post_29.tex
@@ -0,0 +1,85 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-08-20 04:58:00
+tags: Стихотворение
+title: Электричка
+teaser: |
+ <p>
+ Постой хотя б еще немного,<br>
+ электропоезд, на пути.<br>
+ Кто может знать насколько долго<br>
+ мне вновь с ней речи не вести?
+ </p>
+ <p>
+ Ты уезжаешь на неделю,<br>
+ я на перроне остаюсь,<br>
+ но все же дерзостно осмелюсь:<br>
+ в румянец щек ее вгляжусь,
+ </p>
+ <p>
+ в глаза небесно-голубые<br>
+ (без лести: к ним идет платок)<br>
+ и губы алые простые —<br>
+ ну чем не красочный цветок?
+ </p>
+ <p>
+ Что видно сквозь стекло вагона<br>
+ со слоем пыли вековым…<br>
+ Зачем в мгновение с перрона,<br>
+ как птичка, упорхнула в дым?
+ </p>
+ <p>
+ Да знаю, знаю, что имею<br>
+ невесту и уже давно.<br>
+ Но ведь ее я и не клею!<br>
+ Тогда упреки мне за что?
+ </p>
+ <p>
+ Помашет ручкой ли прощаясь?<br>
+ Топчусь пред нею как дитя…<br>
+ И чтобы в жизни не случалось<br>
+ будет ли ко мне тепла,
+ </p>
+ <p>
+ позволит ль встретить с электрички,<br>
+ за нею сумки понести;<br>
+ не как жене, а как сестричке,<br>
+ свою любовь к ней принести.
+ </p>
+---
+\textit{Тобольск-Тюмень}
+
+Постой хотя б еще немного,\\
+электропоезд, на пути.\\
+Кто может знать насколько долго\\
+мне вновь с ней речи не вести?
+
+Ты уезжаешь на неделю,\\
+я на перроне остаюсь,\\
+но все же дерзостно осмелюсь:\\
+в румянец щек ее вгляжусь,
+
+в глаза небесно-голубые\\
+(без лести: к ним идет платок)\\
+и губы алые простые —\\
+ну чем не красочный цветок?
+
+Что видно сквозь стекло вагона\\
+со слоем пыли вековым…\\
+Зачем в мгновение с перрона,\\
+как птичка, упорхнула в дым?
+
+Да знаю, знаю, что имею\\
+невесту и уже давно.\\
+Но ведь ее я и не клею!\\
+Тогда упреки мне за что?
+
+Помашет ручкой ли прощаясь?\\
+Топчусь пред нею как дитя…\\
+И чтобы в жизни не случалось\\
+будет ли ко мне тепла,
+
+позволит ль встретить с электрички,\\
+за нею сумки понести;\\
+не как жене, а как сестричке,\\
+свою любовь к ней принести.
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--- /dev/null
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+---
+layout: post
+date: 2007-09-22 06:13:00
+tags: Стихотворение
+title: Я подарю подсохший веник душистых луговых цветов…
+teaser: |
+ <p>
+ Я подарю подсохший веник<br>
+ душистых луговых цветов,<br>
+ который мне не стоил денег,<br>
+ что первой встречу средь миров.
+ </p>
+ <p>
+ Поляны аромат прелестной<br>
+ не вем кому как дар отдам,<br>
+ жене совсем мне неизвестной:<br>
+ возьмите, передал лес Вам.
+ </p>
+ <p>
+ Я с малых лет в ладах с природой.<br>
+ Порадуйте ж и Вы теперь<br>
+ душевной радужной погодой,<br>
+ откройте в Ваше сердце дверь.
+ </p>
+ <p>
+ На языке любви, дворянства:<br>
+ Je n’aime pas du tout Vous, madam, —<br>
+ что говорю Вам без лукавства,<br>
+ ибо я не Don Juan;
+ </p>
+ <p>
+ я не того герой романа,<br>
+ которым средь людей прослыл.<br>
+ Все слухи живы от обмана.<br>
+ Простите коль чем оскорбил.
+ </p>
+ <p>
+ Возьмите же букетик скромный,<br>
+ как первая, кого в пути домой<br>
+ я встретил. Может в день всеновый<br>
+ поговоришь хоть <u>ты</u> со мной.
+ </p>
+---
+\textit{Мадине}
+
+Я подарю подсохший веник\\
+душистых луговых цветов,\\
+который мне не стоил денег,\\
+что первой встречу средь миров.
+
+Поляны аромат прелестной\\
+не вем кому как дар отдам,\\
+жене совсем мне неизвестной:\\
+возьмите, передал лес Вам.
+
+Я с малых лет в ладах с природой.\\
+Порадуйте ж и Вы теперь\\
+душевной радужной погодой,\\
+откройте в Ваше сердце дверь.
+
+На языке любви, дворянства:\\
+Je n’aime pas du tout Vous, madam,\footnote{Я Вас вовсе не люблю, госпожа (франц.)} —\\
+что говорю Вам без лукавства,\\
+ибо я не Don Juan;
+
+я не того герой романа,\\
+которым средь людей прослыл.\\
+Все слухи живы от обмана.\\
+Простите коль чем оскорбил.
+
+Возьмите же букетик скромный,\\
+как первая, кого в пути домой\\
+я встретил. Может в день всеновый\\
+поговоришь хоть \underline{ты} со мной.
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--- /dev/null
+++ b/posts/2011/11/staatsreligion_27.tex
@@ -0,0 +1,17 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-11-27 21:26:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Staatsreligion
+teaser: |
+ <p>
+ Wie kann derjenige Ostern feiern, der kein durch die Kirche erzogener und
+ gebildeter Christ ist? Wie kann derjenige den Glauben belachen, der von
+ Angst ergriffen ist, einen Spiegel zu zerbrechen? Macht mir ein Geschenk zu
+ Ostern: schenkt mir nichts.
+ </p>
+---
+Wie kann derjenige Ostern feiern, der kein durch die Kirche erzogener und
+gebildeter Christ ist? Wie kann derjenige den Glauben belachen, der von
+Angst ergriffen ist, einen Spiegel zu zerbrechen? Macht mir ein Geschenk zu
+Ostern: schenkt mir nichts.
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@@ -0,0 +1,63 @@
+---
+layout: post
+date: 2007-10-30 00:04:00
+tags: Стихотворение
+title: Навязчивая свобода или любовь по просьбе
+teaser: |
+ <p>
+ Моей навязчивой свободы<br>
+ как надоел тяжелый груз!<br>
+ Когда же прейдет год и<br>
+ я от любви освобожусь…
+ </p>
+ <p>
+ Любить себя просить коль должен;<br>
+ просить и слов, и дел, и встреч, —<br>
+ то что же сердце мне так гложет,<br>
+ сойдет ль гора такая с плеч?
+ </p>
+ <p>
+ Что называешь ты свободой:<br>
+ мое ли рабство у тебя?<br>
+ Хотя б к „моей“ плите надгробной<br>
+ придешь ли навестить меня?
+ </p>
+ <p>
+ Найдешь хоть часик для помину,<br>
+ свой победишь ли робкий страх?<br>
+ Не обижайся, что к обрыву<br>
+ мой не придет для встречи прах.
+ </p>
+ <p>
+ Не лей молю я соль напрасно —<br>
+ в земле же заживо сгорю:<br>
+ гляди как в луже мир прекрасен,<br>
+ как котик цапает луну.
+ </p>
+---
+\textit{Анне Курушкиной}
+
+Моей навязчивой свободы\\
+как надоел тяжелый груз!\\
+Когда же прейдет год и\\
+я от любви освобожусь…
+
+Любить себя просить коль должен;\\
+просить и слов, и дел, и встреч, —\\
+то что же сердце мне так гложет,\\
+сойдет ль гора такая с плеч?
+
+Что называешь ты свободой:\\
+мое ли рабство у тебя?\\
+Хотя б к „моей“ плите надгробной\\
+придешь ли навестить меня?
+
+Найдешь хоть часик для помину,\\
+свой победишь ли робкий страх?\\
+Не обижайся, что к обрыву\\
+мой не придет для встречи прах.
+
+Не лей молю я соль напрасно —\\
+в земле же заживо сгорю:\\
+гляди как в луже мир прекрасен,\\
+как котик цапает луну.
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--- /dev/null
+++ b/posts/2011/12/blog-post_03.tex
@@ -0,0 +1,83 @@
+---
+layout: post
+date: 2008-12-24 16:33:00
+tags: Стихотворение
+title: Миф об Орфее и Эвридике
+teaser: |
+ <p>
+ Несбыточной томясь мечтою,<br>
+ любовь, умершую, вернуть,<br>
+ гоним безумною тоскою,<br>
+ Орфей себя готовит в путь.
+ </p>
+ <p>
+ Не помянув отца гордыни,<br>
+ прельстившись нимфы красотой,<br>
+ в Аида мрачные глубины<br>
+ не взял он и меча с собой.
+ </p>
+ <p>
+ Он песней арфы златострунной,<br>
+ подмогой муз имея сонм,<br>
+ сопровождаемый Фортуной,<br>
+ на Цербера нагнал вмиг сон.
+ </p>
+ <p>
+ Молю, о, сжалься, Персефона!<br>
+ Тебе ль не знать то, как<br>
+ невыносимо беспардонно<br>
+ от солнца взяться в ночи мрак?
+ </p>
+ <p>
+ — Я упрошу о том владыку<br>
+ с одним условием всего:<br>
+ Как знак, что любишь Эвридику,<br>
+ былому не взгляни в лицо.
+ </p>
+ <p>
+ О, малодушие героя!<br>
+ о, отблеск тленной красоты!<br>
+ Бога смеялись над тобою,<br>
+ смотря с Олимпа высоты.
+ </p>
+ <p>
+ Орфея подвиг бесподобный<br>
+ моей души не вдохновит.<br>
+ Сын бога шел стезею мертвых…<br>
+ хотел ли вечно с нею жить?
+ </p>
+---
+Несбыточной томясь мечтою,\\
+любовь, умершую, вернуть,\\
+гоним безумною тоскою,\\
+Орфей себя готовит в путь.
+
+Не помянув отца гордыни,\\
+прельстившись нимфы красотой,\\
+в Аида мрачные глубины\\
+не взял он и меча с собой.
+
+Он песней арфы златострунной,\\
+подмогой муз имея сонм,\\
+сопровождаемый Фортуной,\\
+на Цербера нагнал вмиг сон.
+
+Молю, о, сжалься, Персефона!\\
+Тебе ль не знать то, как\\
+невыносимо беспардонно\\
+от солнца взяться в ночи мрак?
+
+— Я упрошу о том владыку\\
+с одним условием всего:\\
+Как знак, что любишь Эвридику,\\
+былому не взгляни в лицо.
+
+О, малодушие героя!\\
+о, отблеск тленной красоты!\\
+Бога смеялись над тобою,\\
+смотря с Олимпа высоты.
+
+Орфея подвиг бесподобный\\
+моей души не вдохновит.\\
+Сын бога шел стезею мертвых…\\
+хотел ли вечно с нею жить?
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+++ b/posts/2011/12/blog-post_04.tex
@@ -0,0 +1,43 @@
+---
+layout: post
+date: 2009-01-17 09:48:00
+tags: Стихотворение
+title: Рассекая мглу страданий…
+teaser: |
+ <p>
+ Рассекая мглу страданий,<br>
+ маня собой, что век уж спит, —<br>
+ вот скрипки нежное звучание<br>
+ вечерним небом жизни мчит.
+ </p>
+ <p>
+ Дари и прочим утешение,<br>
+ будь светом следующего дня!<br>
+ Одно безумное волнение,<br>
+ как страх восстания со дна…
+ </p>
+ <p>
+ И сей ликующей игрою<br>
+ разбей оковы тишины,<br>
+ томящей вечною тоскою,<br>
+ чтоб обновление души<br>
+ достигло и до нас с тобою.
+ </p>
+---
+\textit{Darja V.}
+
+Рассекая мглу страданий,\\
+маня собой, что век уж спит, —\\
+вот скрипки нежное звучание\\
+вечерним небом жизни мчит.
+
+Дари и прочим утешение,\\
+будь светом следующего дня!\\
+Одно безумное волнение,\\
+как страх восстания со дна…
+
+И сей ликующей игрою\\
+разбей оковы тишины,\\
+томящей вечною тоскою,\\
+чтоб обновление души\\
+достигло и до нас с тобою.
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@@ -0,0 +1,29 @@
+---
+layout: post
+date: 2009-06-28 05:42:00
+tags: Стихотворение
+title: Так далеко от родного окна…
+teaser: |
+ <p>
+ Так далеко от родного окна<br>
+ воссияла сегодня на небе звезда.<br>
+ Дотянуться бы только до этой звезды,<br>
+ с неба сорвать и с собой унести,<br>
+ никогда не отстать от нее, не уйти.<br>
+ Чтобы во век неотлучна была<br>
+ но светом своим моих рук не сожгла.<br>
+ Как далек самый близкий огонек…
+ </p>
+---
+Оно очень старое, валялось где-то и когда-то позже было дописано и переписано.
+
+\textit{Марине Княжевой}
+
+Так далеко от родного окна\\
+воссияла сегодня на небе звезда.\\
+Дотянуться бы только до этой звезды,\\
+с неба сорвать и с собой унести,\\
+никогда не отстать от нее, не уйти.\\
+Чтобы во век неотлучна была\\
+но светом своим моих рук не сожгла.\\
+Как далек самый близкий огонек…
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+++ b/posts/2011/12/blog-post_06.tex
@@ -0,0 +1,72 @@
+---
+layout: post
+date: 2009-07-23 06:05:00
+tags: Стихотворение
+title: Опять я вижу тень его…
+teaser: |
+ <p>
+ Опять я вижу тень его,<br>
+ бродящей по чужим домам<br>
+ из жажды мира своего,<br>
+ воссозданного по мечтам.
+ </p>
+ <p>
+ Вот в келью новую зашла,<br>
+ с надеждою садясь за стол,<br>
+ раскрыла мертвые уста,<br>
+ вести что б снова старый спор.
+ </p>
+ <p>
+ И часть гостей уходит тут же.<br>
+ Хозяин, выслушав сполна,<br>
+ ведь сам уж жизнью весь измучен,<br>
+ прочь гонит тень из-за стола.
+ </p>
+ <p>
+ Она идет, пусть неохотно,<br>
+ пусть обижаяся порой,<br>
+ все тверже зная: безнадежна<br>
+ борьба ее с самой собой.
+ </p>
+ <p>
+ Вернется может и назад,<br>
+ но что заучено давно<br>
+ не станет молвить невпопад,<br>
+ доверчиво твердя одно.
+ </p>
+ <p>
+ Владельца тени дни беспечны —<br>
+ всегда есть в обществе успех.<br>
+ Вот только выйти как из тени,<br>
+ забыться как во тьме потех?
+ </p>
+---
+Опять я вижу тень его,\\
+бродящей по чужим домам\\
+из жажды мира своего,\\
+воссозданного по мечтам.
+
+Вот в келью новую зашла,\\
+с надеждою садясь за стол,\\
+раскрыла мертвые уста,\\
+вести что б снова старый спор.
+
+И часть гостей уходит тут же.\\
+Хозяин, выслушав сполна,\\
+ведь сам уж жизнью весь измучен,\\
+прочь гонит тень из-за стола.
+
+Она идет, пусть неохотно,\\
+пусть обижаяся порой,\\
+все тверже зная: безнадежна\\
+борьба ее с самой собой.
+
+Вернется может и назад,\\
+но что заучено давно\\
+не станет молвить невпопад,\\
+доверчиво твердя одно.
+
+Владельца тени дни беспечны —\\
+всегда есть в обществе успех.\\
+Вот только выйти как из тени,\\
+забыться как во тьме потех?
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--- /dev/null
+++ b/posts/2011/12/blog-post_07.tex
@@ -0,0 +1,76 @@
+---
+layout: post
+date: 2010-08-31 13:36:00
+tags: Стихотворение
+title: Когда я жаждал избавленья…
+teaser: |
+ <p>
+ Когда я жаждал избавленья<br>
+ от повседневной суеты,<br>
+ предстало предо мной виденье<br>
+ живей всей тленной красоты.
+ </p>
+ <p>
+ Я видел голый сад бесхозный.<br>
+ Всходило солнце над главой.<br>
+ Но небеса вдруг взгляд свой грозный<br>
+ сменили мокрою слезой.
+ </p>
+ <p>
+ Тогда среди пустыни этой<br>
+ пророс сквозь землю стебелек,<br>
+ и тьма в мгновенье стала светом —<br>
+ зажегся жизни огонек.
+ </p>
+ <p>
+ Так шли года чредою стройной,<br>
+ пока цветок не начал цвесть,<br>
+ озаряя силой новой<br>
+ все, что только в мире есть.
+ </p>
+ <p>
+ Вокруг него под вдохновеньем<br>
+ природа стала воскресать,<br>
+ что перестал быть сон виденьем,<br>
+ что явью стал волшебный сад.
+ </p>
+ <p>
+ Чудесное сие забвенье<br>
+ боюсь еще раз пережить,<br>
+ ничто чтоб этого мгновенья<br>
+ не в силах было бы затмить.
+ </p>
+---
+\textit{LW}
+
+Еще один подарок на день рожденья. Дата на несколько дней не правдива.
+
+Когда я жаждал избавленья\\
+от повседневной суеты,\\
+предстало предо мной виденье\\
+живей всей тленной красоты.
+
+Я видел голый сад бесхозный.\\
+Всходило солнце над главой.\\
+Но небеса вдруг взгляд свой грозный\\
+сменили мокрою слезой.
+
+Тогда среди пустыни этой\\
+пророс сквозь землю стебелек,\\
+и тьма в мгновенье стала светом —\\
+зажегся жизни огонек.
+
+Так шли года чредою стройной,\\
+пока цветок не начал цвесть,\\
+озаряя силой новой\\
+все, что только в мире есть.
+
+Вокруг него под вдохновеньем\\
+природа стала воскресать,\\
+что перестал быть сон виденьем,\\
+что явью стал волшебный сад.
+
+Чудесное сие забвенье\\
+боюсь еще раз пережить,\\
+ничто чтоб этого мгновенья\\
+не в силах было бы затмить.
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--- /dev/null
+++ b/posts/2011/12/blog-post_10.tex
@@ -0,0 +1,61 @@
+---
+layout: post
+date: 2010-09-29 22:02:00
+tags: Стихотворение
+title: Что значит жизнь?
+teaser: |
+ <p>
+ Что значит жизнь?<br>
+ Толпа людей, идущих стройно нога в ногу.<br>
+ Какой из одного путей<br>
+ избрать нам как свою дорогу?
+ </p>
+ <p>
+ Споткнулся некто и упал,<br>
+ и вмиг другими был затоптан.<br>
+ Очнулся он и снова встал,<br>
+ иль в землю был ногами втоптан?
+ </p>
+ <p>
+ То ничего! Зачем не вем<br>
+ придет другой из неоткуда.<br>
+ Пусть не другой — такой как все<br>
+ Вобьется в строй заместо друга.
+ </p>
+ <p>
+ Продолжим дальше так шагать,<br>
+ Всдыхая дружно в один голос:<br>
+ „Моя величественная стать,<br>
+ как в поле одинокий колос.“
+ </p>
+ <p>
+ Слепы от солнца не поймем,<br>
+ что по проложенному следу<br>
+ мы все за веком в век идем,<br>
+ задравши подбородки к небу.
+ </p>
+---
+Что значит жизнь?\\
+Толпа людей, идущих стройно нога в ногу.\\
+Какой из одного путей\\
+избрать нам как свою дорогу?
+
+Споткнулся некто и упал,\\
+и вмиг другими был затоптан.\\
+Очнулся он и снова встал,\\
+иль в землю был ногами втоптан?
+
+То ничего! Зачем не вем\\
+придет другой из неоткуда.\\
+Пусть не другой — такой как все\\
+Вобьется в строй заместо друга.
+
+Продолжим дальше так шагать,\\
+Всдыхая дружно в один голос:\\
+„Моя величественная стать,\\
+как в поле одинокий колос.“
+
+Слепы от солнца не поймем,\\
+что по проложенному следу\\
+мы все за веком в век идем,\\
+задравши подбородки к небу.
diff --git a/posts/2011/12/blog-post_11.tex b/posts/2011/12/blog-post_11.tex
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--- /dev/null
+++ b/posts/2011/12/blog-post_11.tex
@@ -0,0 +1,107 @@
+---
+layout: post
+date: 2011-04-09 08:19:00
+tags: Стихотворение
+title: Меня обидеть зря стремишься…
+teaser: |
+ <p>
+ Меня обидеть зря стремишься,<br>
+ я не подвластен силам зла.<br>
+ Ты успокойся, ты уймися.<br>
+ Не сей по ветру зря слова.
+ </p>
+ <p>
+ То, что дурак я бородатый,<br>
+ открыто было не вчера,<br>
+ иначе гением объятый,<br>
+ встречал бы дома вечера.
+ </p>
+ <p>
+ Да, да, теперь уж и не спрячу,<br>
+ что пьянством горько досаждал,<br>
+ но вот ведь сам сижу да плачу<br>
+ прокурен, пьян, прогнил, устал.
+ </p>
+ <p>
+ Не пустишь ныне на порог,<br>
+ не навестишь при восполеньи<br>
+ и не ответишь на звонок,<br>
+ не дашь сопливым наставленья.
+ </p>
+ <p>
+ Оставь, не то одно мне вовсе,<br>
+ что разжигало нас всегда,<br>
+ ну или не только это, впрочем…<br>
+ мне нужно было от тебя.
+ </p>
+ <p>
+ Храня на черный день надежду,<br>
+ влачишь бездетной дни свои.<br>
+ Ну а чем я? Чем я утешу?<br>
+ В семейной жизни нет любви.
+ </p>
+ <p>
+ И все пройдет, бесспорно, знаю;<br>
+ потом начнется вновь и вновь.<br>
+ Зато теперь-то понимаю:<br>
+ не врал, промолвив про любовь.
+ </p>
+ <p>
+ Пусть изначально безнадежна<br>
+ та дружба глупая была.<br>
+ Но почему понять так сложно:<br>
+ не тьма она, а вся светла!
+ </p>
+ <p>
+ Меня обидеть зря стремишься,<br>
+ я не подвластен силам зла,<br>
+ через года угомонишься —<br>
+ ты знаешь, где найти меня.
+ </p>
+---
+\textit{Irina Cornies}
+
+Меня обидеть зря стремишься,\\
+я не подвластен силам зла.\\
+Ты успокойся, ты уймися.\\
+Не сей по ветру зря слова.
+
+То, что дурак я бородатый,\\
+открыто было не вчера,\\
+иначе гением объятый,\\
+встречал бы дома вечера.
+
+Да, да, теперь уж и не спрячу,\\
+что пьянством горько досаждал,\\
+но вот ведь сам сижу да плачу\\
+прокурен, пьян, прогнил, устал.
+
+Не пустишь ныне на порог,\\
+не навестишь при восполеньи\\
+и не ответишь на звонок,\\
+не дашь сопливым наставленья.
+
+Оставь, не то одно мне вовсе,\\
+что разжигало нас всегда,\\
+ну или не только это, впрочем…\\
+мне нужно было от тебя.
+
+Храня на черный день надежду,\\
+влачишь бездетной дни свои.\\
+Ну а чем я? Чем я утешу?\\
+В семейной жизни нет любви.
+
+И все пройдет, бесспорно, знаю;\\
+потом начнется вновь и вновь.\\
+Зато теперь-то понимаю:\\
+не врал, промолвив про любовь.
+
+Пусть изначально безнадежна\\
+та дружба глупая была.\\
+Но почему понять так сложно:\\
+не тьма она, а вся светла!
+
+Меня обидеть зря стремишься,\\
+я не подвластен силам зла,\\
+через года угомонишься —\\
+ты знаешь, где найти меня.
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+---
+layout: post
+date: 2008-08-31 06:00:00
+tags: Стихотворение
+title: Das Ewig-Männliche
+teaser: |
+ <p>
+ Ее семье нужна глава,<br>
+ я не гожусь для этой роли!<br>
+ Ах, столь обидные слова!<br>
+ Ох!, сколь доставили мне боли.
+ </p>
+ <p>
+ Сперва ж, подобно дерзкой Шмидт,<br>
+ меня мой друг обожествляла,<br>
+ и свечкой, что в груди горит,<br>
+ во мне аскета разлагала.
+ </p>
+ <p>
+ Чем идеал не украшай —<br>
+ пусть бьют меня за то мужчины, —<br>
+ но, что детенышу скотины,<br>
+ нам титьку мамки всем давай!
+ </p>
+ <p>
+ Хай мнят, что я последний бабник<br>
+ (познали б как то тяжело);<br>
+ будь деспот муж или романтик —<br>
+ без страха правды: все одно.
+ </p>
+ <p>
+ Тогда в чем разница меж ними,<br>
+ быть может, спросите Вы вдруг?<br>
+ Икону девственной богини<br>
+ вторые в ликах чтут подруг.
+ </p>
+ <p>
+ А первые, рабы Аллаха,<br>
+ не видят в бабе и души.<br>
+ А сами-то глупцы из праха,<br>
+ этап творения Земли.
+ </p>
+ <p>
+ Подруга давняя, спаси!<br>
+ Не уж то нет жестокости?<br>
+ Фортит всю жизнь мне тряпкой быть?!<br>
+ Как пост пройдет, начну я пить…
+ </p>
+ <p>
+ Она: должна быть, мол, глава<br>
+ на плечах у всех своя,<br>
+ коль не имеет кто такой,<br>
+ что терзает ум больной?
+ </p>
+ <p>
+ Я больше года сам живу!..<br>
+ Меня простите, христианки,<br>
+ но лишь язычницы-крестьянки<br>
+ душой здоровы… Посему…
+ </p>
+ <p>
+ …Знай же, что Вечная Женственность в веки<br>
+ в мир наш, Владимир, увы, не придет.<br>
+ (Рифму сию да простят человеки).<br>
+ Я уж скорее продолжу свой род.
+ </p>
+---
+Добрая пародия и ответ сквозь время Владимиру Соловьеву на его „Das Ewig-Weibliche“.
+
+\epigraph{
+ Хочу также, чтобы вы знали,\\
+ что всякому мужу глава\\
+ Христос, жене глава – муж, а\\
+ Христу глава – Бог.
+}{\textbf{(1 Кор. XI, 3)}}
+
+\epigraph{
+ Придет к нам, верно, из Лесбо́са\\
+ Решенье женского вопроса.
+}{\textbf{В. С. Соловьев}}
+
+Ее семье нужна глава,\\
+я не гожусь для этой роли!\\
+Ах, столь обидные слова!\\
+Ох!, сколь доставили мне боли.
+
+Сперва ж, подобно дерзкой Шмидт,\\
+меня мой друг обожествляла,\\
+и свечкой, что в груди горит,\\
+во мне аскета разлагала.
+
+Чем идеал не украшай —\\
+пусть бьют меня за то мужчины, —\\
+но, что детенышу скотины,\\
+нам титьку мамки всем давай!
+
+Хай мнят, что я последний бабник\\
+(познали б как то тяжело);\\
+будь деспот муж или романтик —\\
+без страха правды: все одно.
+
+Тогда в чем разница меж ними,\\
+быть может, спросите Вы вдруг?\\
+Икону девственной богини\\
+вторые в ликах чтут подруг.
+
+А первые, рабы Аллаха,\\
+не видят в бабе и души.\\
+А сами-то глупцы из праха,\\
+этап творения Земли.
+
+Подруга давняя, спаси!\\
+Не уж то нет жестокости?\\
+Фортит\footnote{От латинского fortūna (судьба)} всю жизнь мне тряпкой быть?!\\
+Как пост пройдет, начну я пить…
+
+Она: должна быть, мол, глава\\
+на плечах у всех своя,\\
+коль не имеет кто такой,\\
+что терзает ум больной?
+
+Я больше года сам живу!..\\
+Меня простите, христианки,\\
+но лишь язычницы-крестьянки\\
+душой здоровы… Посему…
+
+…Знай же, что Вечная Женственность в веки\\
+в мир наш, Владимир, увы, не придет.\\
+(Рифму сию да простят человеки).\\
+Я уж скорее продолжу свой род.
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+---
+layout: post
+date: 2012-01-06 09:40:00
+tags: Стихотворение
+title: Хвалебное пение женщине средних лет
+teaser: |
+ <p>
+ Скучна, беспомощна, ничтожна<br>
+ двадцатилетних красота,<br>
+ пуста, искусственна и ложна,<br>
+ забвенна завтра навсегда.
+ </p>
+ <p>
+ В лихом кругу студенток юных<br>
+ сижу безмерно тих и сух.<br>
+ Как перетянутые струны,<br>
+ столь рано поседевший дух.
+ </p>
+ <p>
+ В глаза, уставшие от жизни,<br>
+ смотрю, как в утренний туман.<br>
+ Движенье губ — тень укоризны,<br>
+ тяжелый вздох — след давних ран.
+ </p>
+ <p>
+ Бесзлобно над строкой смеется:<br>
+ у ней есть сын — ровесник мой.<br>
+ А сердце бьется, снова бьется, сильнее бьется..,<br>
+ не зная даже возраст свой.
+ </p>
+---
+Скучна, беспомощна, ничтожна\\
+двадцатилетних красота,\\
+пуста, искусственна и ложна,\\
+забвенна завтра навсегда.
+
+В лихом кругу студенток юных\\
+сижу безмерно тих и сух.\\
+Как перетянутые струны,\\
+столь рано поседевший дух.
+
+В глаза, уставшие от жизни,\\
+смотрю, как в утренний туман.\\
+Движенье губ — тень укоризны,\\
+тяжелый вздох — след давних ран.
+
+Бесзлобно над строкой смеется:\\
+у ней есть сын — ровесник мой.\\
+А сердце бьется, снова бьется, сильнее бьется..,\\
+не зная даже возраст свой.
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+---
+layout: post
+date: 2012-01-29 21:38:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Das Gesagte und das Gehörte
+---
+\emph{Das Gesagte:} Gehen wir einen Kaffee trinken?
+
+\emph{Das Gehörte:} Ja, ich werde deine Frau.
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+---
+layout: post
+date: 2012-02-09 03:27:00
+tags: Стихотворение
+title: Желанней женщин лишь вино...
+teaser: |
+ <p>
+ Желанней женщин лишь вино,<br>
+ лишь рифмой связываю речь.<br>
+ Очаг семейный все равно<br>
+ мне не заменит в холод печь.
+ </p>
+---
+Навеяно гамбургскими морозами и не только ими.
+
+Желанней женщин лишь вино,\\
+лишь рифмой связываю речь.\\
+Очаг семейный все равно\\
+мне не заменит в холод печь.\footnote{Как двусмысленно получилось-то…
+Позволю себе сделать небольшое грамматическое пояснение: „очаг“ является
+подлежащим, „печь“ — прямым дополнением.}
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+---
+layout: post
+date: 2012-02-10 23:33:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: LTO
+---
+\emph{Sapientia Sciurus:} Was hast du am Valentinstag vor?
+
+\emph{Ich:} Ich werde mich verlieben.
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+---
+layout: post
+date: 2012-03-18 18:14:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Zur Kindererziehung
+---
+Wir verstehen, dass unsere Eltern Recht hatten, wenn es schon zu spät ist.
+Genauso geschah Sapientia Sciurus. Als sie noch klein war und Ärger gemacht hatte,
+hat ihre Mutter zu ihr gesagt: „Ich bin so müde von dir! Warum bist du nicht als
+kleines Kind gestorben!“ Sapientia wurde damals beleidigt und erst jetzt versteht
+sie ihre Mutter und stellt sich jeden Tag dieselbe Frage: „Warum bin ich nicht als
+kleines Kind gestorben?“
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+---
+layout: post
+date: 2012-05-16 01:09:00
+tags: Gedicht
+title: Geboren sein ist keine Tugend
+teaser: |
+ <p>
+ Gelebt zu haben ist nichts wert,<br>
+ geboren sein ist keine Tugend.<br>
+ Gekommen gestern auf die Welt<br>
+ beweint man morgen seine Jugend.
+ </p>
+ <p>
+ Du schaffst mit eig’nen Geisteskräften<br>
+ das Dasein heute wieder neu.<br>
+ Am achten Tage werd’ allmächtig,<br>
+ nur bleib gekrümmten Wegen treu!
+ </p>
+ <p>
+ Gepries’nes Menschentöchterlein,<br>
+ gesegnet sei dein jeder Schritt!<br>
+ Verzeih des Dichters armen Reim<br>
+ und seinen ersten Auftritt.
+ </p>
+---
+Der holden Muse.
+
+\textit{Julia Marie Gramlich}
+
+Gelebt zu haben ist nichts wert,\\
+geboren sein ist keine Tugend.\\
+Gekommen gestern auf die Welt\\
+beweint man morgen seine Jugend.
+
+Du schaffst mit eig’nen Geisteskräften\\
+das Dasein heute wieder neu.\\
+Am achten Tage werd’ allmächtig,\\
+nur bleib gekrümmten Wegen treu!
+
+Gepries’nes Menschentöchterlein,\\
+gesegnet sei dein jeder Schritt!\\
+Verzeih des Dichters armen Reim\\
+und seinen ersten Auftritt.
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+---
+layout: post
+date: 2012-06-09 21:51:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen
+---
+\emph{Sapientia Sciurus:} Es gibt Menschen, die man vermeiden sollte. Wenn
+man viel mit psychisch Kranken zu tun hat, kann man selbst bald krank werden.
+Mein verstorbener Vater war so, ich weiß, wie das ist.
+
+\emph{Ich:} Du weißt, wie das ist, mit so einem Menschen zu leben. Du hast aber
+keine Ahnung davon, wie das ist, so ein Mensch zu sein.
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+---
+layout: post
+date: 2012-07-17 21:32:00
+tags: Gedicht
+title: Abschied
+teaser: |
+ <p>
+ Die Liebe ist wie Staub vergänglich,<br>
+ ich fühle mich erschöpft und krank.<br>
+ Wem nun gehört die Schuld letztendlich<br>
+ und der BH im Kleiderschrank?
+ </p>
+---
+\textit{Gewidmet dem Besitzer}
+
+Die Liebe ist wie Staub vergänglich,\\
+ich fühle mich erschöpft und krank.\\
+Wem nun gehört die Schuld letztendlich\\
+und der BH im Kleiderschrank?
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+---
+layout: post
+date: 2012-07-17 22:07:00
+tags: Стихотворение
+title: Расставание
+teaser: |
+ <p>
+ Уехала, побыв немного.<br>
+ Мой обратился мир во мглу.<br>
+ Остались грусть, тоска, тревога;<br>
+ прокладки, лифчик на шкафу.
+ </p>
+---
+\textit{Владельцу}
+
+Уехала, побыв немного.\\
+Мой обратился мир во мглу.\\
+Остались грусть, тоска, тревога;\\
+прокладки, лифчик на шкафу.
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+---
+layout: post
+date: 2012-08-05 18:09:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Am Scheideweg
+---
+\emph{Sapientia Sciurus:} Alkohol ist keine Lösung!
+
+\emph{Ich:} Nüchternheit ebenfalls nicht.
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+---
+layout: post
+date: 2012-08-16 22:10:00
+tags: Стихотворение
+title: Во мраке дня, во свете ночи…
+teaser: |
+ <p>
+ Во мраке дня, во свете ночи<br>
+ заточены под камень стен,<br>
+ от возведенья перемен<br>
+ не знавших. Если бы короче<br>
+ пусть на мгновение одно<br>
+ предстало древнее сукно.
+ </p>
+ <p>
+ Пространство тесностью налито.<br>
+ Часы настенные стоят:<br>
+ покой нарушить не хотят, —<br>
+ обрушится ненаровито<br>
+ зелено-желтый потолок,<br>
+ раздайся неуклюжий слог.
+ </p>
+ <p>
+ Была ли где входная дверь?<br>
+ Не можно было здесь родиться?!<br>
+ Как два звена цепи влачиться,<br>
+ что тащит в век бездомный зверь.<br>
+ Нет окон. Бледно-синий свет<br>
+ во все концы струит рассвет.
+ </p>
+ <p>
+ Когда нас страх зажал в углу,<br>
+ вонзилась в кожу мне до боли —<br>
+ легли печатью на полу<br>
+ хладные капли первой крови.<br>
+ Век на двоих свой доживать,<br>
+ не лгать, не думать, не стяжать.
+ </p>
+---
+Еще в ранней стадии написания одной из моих уважаемых рецензоров было
+причислено к сюрреализму. В любом случае это нечто новое для меня в плане стиля.
+
+Во мраке дня, во свете ночи\\
+заточены под камень стен,\\
+от возведенья перемен\\
+не знавших. Если бы короче\\
+пусть на мгновение одно\\
+предстало древнее сукно.
+
+Пространство тесностью налито.\\
+Часы настенные стоят:\\
+покой нарушить не хотят, —\\
+обрушится ненаровито\\
+зелено-желтый потолок,\\
+раздайся неуклюжий слог.
+
+Была ли где входная дверь?\\
+Не можно было здесь родиться?!\\
+Как два звена цепи влачиться,\\
+что тащит в век бездомный зверь.\\
+Нет окон. Бледно-синий свет\\
+во все концы струит рассвет.
+
+Когда нас страх зажал в углу,\\
+вонзилась в кожу мне до боли —\\
+легли печатью на полу\\
+хладные капли первой крови.\\
+Век на двоих свой доживать,\\
+не лгать, не думать, не стяжать.
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+---
+layout: post
+date: 2012-10-08 07:16:00
+tags: Стихотворение
+title: Когда-то я берег здоровье…
+teaser: |
+ <p>
+ Когда-то я берег здоровье<br>
+ и окруженьем дорожил.<br>
+ — Присядьте, ешьте на здоровье.<br>
+ — Спасибо, уж перекусил.
+ </p>
+ <p>
+ Как ненавижу ярко солнце.<br>
+ Ни дня жить больше не хочу.<br>
+ Прикрыл поганый тюль оконце,<br>
+ соседей дымом отравлю.
+ </p>
+ <p>
+ Давно не радуют рассветы,<br>
+ давно средь сумерек встаю,<br>
+ давно грущу под песню эту,<br>
+ что сам скрипя душой пою.
+ </p>
+---
+Когда-то я берег здоровье\\
+и окруженьем дорожил.\\
+— Присядьте, ешьте на здоровье.\\
+— Спасибо, уж перекусил.
+
+Как ненавижу ярко солнце.\\
+Ни дня жить больше не хочу.\\
+Прикрыл поганый тюль оконце,\\
+соседей дымом отравлю.
+
+Давно не радуют рассветы,\\
+давно средь сумерек встаю,\\
+давно грущу под песню эту,\\
+что сам скрипя душой пою.
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@@ -0,0 +1,17 @@
+---
+layout: post
+date: 2012-12-18 07:45:00
+tags: Gedicht
+title: Kleine Kommunikationstheorie
+teaser: |
+ <p>
+ Zwei Wörter lassen sich nicht binden,<br>
+ ein Satz ergibt bloß subjektiven Wert.<br>
+ Gespräche lass’n sich besser singen —<br>
+ so bleibt Verlust an Sinn verdeckt.
+ </p>
+---
+Zwei Wörter lassen sich nicht binden,\\
+ein Satz ergibt bloß subjektiven Wert.\\
+Gespräche lass’n sich besser singen —\\
+so bleibt Verlust an Sinn verdeckt.
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+---
+layout: post
+date: 2013-04-29 21:44:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Das dunkle Wissenschaftsalter
+---
+Gestern war die Philosophie die Magd der Theologie, heute hat man für die Kunst
+und Mystik das Wort „Geisteswissenschaft“ ausgedacht.
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@@ -0,0 +1,259 @@
+---
+layout: post
+date: 2013-05-25 06:16:00
+tags: Aufsatz
+title: Dubitō ergō nōn esse possim
+teaser: |
+ <p>
+ Seit der Entstehung der Menschheit wunderte man sich über die Welt, die einen
+ umgibt. Man fragte sich, wie die Umwelt funktioniert, was hinter den natürlichen
+ Ereignissen steht, suchte nach Gesetzmäßigkeiten und legte auf diese Weise den
+ ersten Grundstein für das Gebäude der Physik. Dieses Projekt war jedoch
+ anscheinend so komplex, dass manche Philosophen sich wenige Jahrhunderte später
+ die Ansicht aneigneten, dass es überhaupt keine Wahrheit sondern nur Schein und
+ Täuschung gebe. Durch Grübelei und Diskutieren gelangte man schließlich zum
+ Zentrum seines Daseins, zu seinem Selbst, und stellte sich nun die Frage: „Was
+ bin ich? Habe ich zumindest eine sichere Erkenntnis, dass es mich selbst
+ tatsächlich gibt, oder bin ich auch ein bloßer Schein, eine Selbsttäuschung?“
+ </p>
+---
+\subsection{Der Heimweg ins Reich des Selbst}
+
+\epigraph{Nosce te ipsum.}{\textbf{Oraculum Delphis}}
+
+Seit der Entstehung der Menschheit wunderte man sich über die Welt, die einen
+umgibt. Man fragte sich, wie die Umwelt funktioniert, was hinter den natürlichen
+Ereignissen steht, suchte nach Gesetzmäßigkeiten und legte auf diese Weise den
+ersten Grundstein für das Gebäude der Physik. Dieses Projekt war jedoch
+anscheinend so komplex, dass manche Philosophen sich wenige Jahrhunderte später
+die Ansicht aneigneten, dass es überhaupt keine Wahrheit sondern nur Schein und
+Täuschung gebe. Durch Grübelei und Diskutieren gelangte man schließlich zum
+Zentrum seines Daseins, zu seinem Selbst, und stellte sich nun die Frage: „Was
+bin ich? Habe ich zumindest eine sichere Erkenntnis, dass es mich selbst
+tatsächlich gibt, oder bin ich auch ein bloßer Schein, eine Selbsttäuschung?“
+
+Die so für den gemeinen Menschen merkwürdige Frage nach dem eigenen Sein
+wurde schon so oft gestellt, obwohl nichts sicherer zu sein scheint, als, dass
+es mich, wie ich mich empfinde, tatsächlich gibt. „Sei du selbst!“ hört man oft.
+Was soll ich sein? Immer wieder versuchen die Philosophen auf diese Frage eine
+Antwort zu geben, abstrahieren sich von ihren Vorgängern, um ihre Fehler nicht
+zu erben und versuchen ihr System komplett und vollständig vom Anfang an
+aufzubauen.
+
+René Descartes erhob den Anspruch, das menschliche Denken auf einen festen
+Boden zu stellen. 1637 veröffentlichte er den „Discours de la Méthode“, wo er
+unter Anderem das Thema, was der Mensch ist und was der Mensch nicht ist,
+behandelt. Wie gründlich und sicher der von ihm gelegte Weg ist, möchte ich im
+Folgenden einer Prüfung unterziehen.
+
+\subsection{Kritik an Descartes' Grundsatz}
+
+\subsubsection{Die heimatlose Seele}
+
+\epigraph{%
+„Danach prüfte ich mit Aufmerksamkeit, was ich
+war, und sah, daß ich so tun konnte, als ob ich keinen Körper hätte und es weder
+eine Welt noch einen Ort gäbe, an dem ich mich befand\@. [\dots] Deshalb ist dieses
+Ich, d.h.\ die Seele, durch die ich das bin, was ich bin, vollkommen
+unterschieden vom Körper [\dots].“
+}{}
+
+Der Leib sei kein notwendiger Bestandteil des Menschen, da die Seele (die
+eigentliche Substanz, das Denkende) von keinem materiellen Ding
+abhänge.\footcite[59]{discours} Mein Vorstellungsvermögen
+reicht weder aus, um eine Seele, noch überhaupt etwas Nicht-Materielles
+vorzustellen. Descartes verwechselt einen Begriff mit einer Vorstellung. Man hat
+einen Begriff der Seele, aber keine Vorstellung davon, man hat einen Begriff der
+Unendlichkeit, aber keine Vorstellung des Unendlichen,\footnote{Übrigens
+entspringen die bekannten Paradoxa Zenos von Elea daraus, z.B. jenes, dass ein
+Stab in zwei Teile getrennt werden kann, einer dieser Teile noch in zwei und so
+ad infinitum. Es gibt folglich einen Begriff vom Unendlichen (unendlichen Teilen
+in diesem Beispiel), mit dem man jedoch nichts anfangen kann, weil keine
+Vorstellung gegeben ist. Wo das Fehlen der Vorstellung mit einem vorhandenen
+Begriff zusammenstößt, entsteht ein Parodoxon (eine Antinomie bei Kant).}
+einen Gottesbegriff, aber keine Vorstellung von Gott. Deswegen werden die
+Gespenster in den Filmen zwar nicht als Menschen dargestellt, aber als
+einigermaßen materielle Wesen, die man entweder sieht oder hört oder auf eine
+andere Weise spürt (etwas Anderes ist gar nicht vorstellbar); deswegen gibt es
+kirchliche Ikonen und Pilgerfahrten, weil man etwas Übersinnliches kaum verehren
+kann.
+
+\subsubsection{Meine Gedanken sind meine Gäste}
+
+\epigraph{%
+„Daraus erkannte ich, daß ich eine
+Substanz war, deren ganzes Wesen oder deren ganze Natur nur darin bestand, zu
+denken [\dots].“
+}{}
+
+Descartes definiert den Menschen als \textit{res
+cogitans},\footcite[Vgl.][14--16]{principia} die Wladimir Solowjow
+seinerseits als „cartesianisch[en]
+Bastard“\footcite[115]{solowjow8} bezeichnet, weil jener dem
+Subjekt das zuschreibe, was ihm nicht mit Sicherheit gehöre. Kein Mensch hat
+sich jemals mit seinen Gedanken identifiziert, was schon aus dem Sprachgebrauch
+zu sehen ist: eine Idee \textit{haben}, \textit{to have} an idea (englisch),
+\textit{avoir} une idée (französisch), \textit{иметь} идею (russisch) --- und
+ähnlichen Ausdrücken, wie mir ist \textit{etwas eingefallen}, mir ist \textit{ein
+Gedanke gekommen}.
+
+Andererseits haben viele Menschen ein Gewissen. Wie oft bereut ein
+Erwachsener, dass er seinen Eltern Unrecht getan hat, indem er ihnen falsche
+Motive unterstellte. Ich bereue also Gedanken, die ich hatte, als ob sie mir
+fremd gewesen wären. Auf dasselbe läuft die christliche Patrologie hinaus:
+„denn es fordert von dir der Herr, daß du über dich selbst zürnest und gegen
+deinen Sinn kämpfest, nicht übereinstimmest und liebäugelst mit den Gedanken
+\textit{der Bosheit}.“\footcite[17]{makarius}[Eigene
+Hervorhebung] Folglich kann man sehr wohl glauben, dass, was nach Descartes
+den Menschen ausmacht, das Denken, nicht das Subjekt selbst ist, sondern,
+zumindest teilweise, von außen kommt (von Gott oder dem Teufel zum Exempel).
+
+\subsection{Die Traumwelt oder die Welt des Traumes}
+
+\epigraph{%
+Die Nacht, die wir in tiefem Schlummer sehen,\\
+Ein Engel schuf sie hier aus diesem Stein,\\
+Und weil sie schläft, muss sie lebendig sein,\\
+Geh, wecke sie, sie wird dir Rede stehen.}{\textbf{Giovanni Strozzi auf die „la Notte“ von Michelangelo}}
+
+Descartes behauptet, dass die Gedankenwelt eines Traumes niemals so evident
+und vollständig wie diese der Realität
+sei.\footcite[Vgl.][69 f]{discours} Wie kann man zu diesem Schluss
+kommen? Man vergleicht das Realitätsbewusstsein mit demjenigen eines Traumes,
+was allerdings gar nicht in die umgekehrte Richtung geht: Im Traum gelten andere
+Gesetze, die \textit{in diesem Moment} unvergleichbare Evidenz und
+Vollständigkeit haben. Wenn ich also eine zweite Realität annehme und ich nur
+das Produkt eines Traumes eines Marsianers bin, dann sind die Gedankengänge
+meiner Wirklichkeit genauso lächerlich und absurd für die zweite Realität.
+
+Die zweite Bedingung für die Vergleichbarkeit zweier Welten (Schlaf- und
+Wachzustandes) ist die Zeit, da man momentanes Bewusstseinsgut mit einem in der
+Vergangenheit liegenden Traum vergleicht. „Aber was ist eigentlich diese Summe
+des Vergangenen? Liegt sie in meiner Hosentasche oder befindet sie sich auf
+meinem Konto in der Bank? Sie existiert doch nur in dieser Minute, bloß als eine
+Erinnerung, d.h.\ ein Bewusstseinszustand, ungetrennt davon, was ich nun
+empfinde, und es ist selbstverständlich, dass im Fall einer Illusion des
+Bewusstseins, sie auch eine Illusion des Gedächtnisses beinhaltet:
+[\dots]“\footcite[121]{solowjow8} Warum, wenn unsere Sinnesorgane
+uns keine objektive Darstellung des Raumes liefern, soll ich annehmen, dass die
+Zeit nicht auch so ein Betrug ist.
+
+Man kann seine Vergangenheit ganz leicht und schnell rekonstruiren, auch wenn
+diese Rekonstruktion nicht im Geringsten der Wahrheit entspricht, ohne dabei
+die Absicht zu lügen zu haben. Juristen sind so genannte \textit{Knallzeugen}
+bekannt. „Der Knallzeuge funktioniert so: Es hat sich ein Autounfall ereignet,
+zwei Fahrzeuge sind auf einer Kreuzung ineinander gerast; nun gilt es
+herauszufinden, wer die Schuld trägt. Glücklicherweise existiert ein Zeuge, der
+vor Gericht den Unfallhergang in allen Einzelheiten beschreiben kann\@. [\dots]
+[D]er erfahrene Richter hat das Kinn in die Hand gestützt, hört dem Zeugen
+aufmerksam zu und stellt schließlich die Frage, die man ihm im Referendariat
+beigebracht hat: ‚Und wie sind Sie auf das Unfallgeschehen aufmerksam geworden?‘
+Der Zeuge antwortet: ‚Als es so schrecklich knallte, habe ich mich
+umgedreht.‘“\footcite[17]{psyche} Der Zeuge erzählte, was er
+gar nicht gesehen hatte, wobei er selbst von seiner Geschichte so überzeugt war,
+dass er die Widersprüchlichkeit seiner Aussagen gar nicht bemerkte. Umso mehr
+kann ich daran glauben, dass ich ein seine Seminararbeit schreibender
+Philosophiestudent bin, der sich ganz deutlich an sein Abitur erinnern kann,
+auch wenn ein Marsianer von mir erst seit zwei Minuten
+träumt.\footcite[Vgl.][121]{solowjow8}
+
+\subsection{Auf den Kredit Gottes\footcite[Vgl.][13]{schopenhauer}}
+
+\epigraph{%
+„Denn erstens ist sogar das, was ich soeben als Regel angenommen habe --- nämlich
+daß alle die Dinge, die wir sehr klar und sehr deutlich verstehen, wahr sind ---,
+nur sicher, weil es Gott gibt oder er existiert und er ein vollkommenes Sein ist
+und alles, was es in uns gibt, von ihm herkommt.“
+}{}
+
+Den nächsten Schritt, den Descartes tut, um die wirkliche Existenz von
+\textit{res cogitans} und \textit{res
+extensa}\footcite[Vgl.][14--16]{principia} zu rechtfertigen, ist
+der Gottesbeweis, wobei bereits Schopenhauer bemerkte, dass dieser Vorgang
+selbst „freilich wunderlich“ ist: „[\dots] es ist der umgekehrte kosmologische
+[von der Existenz der Welt auf einen Urheber schließende]
+Beweis.“\footcite[13]{schopenhauer} Der Autor des Discours'
+schließt vom Vorhandensein des Begriffes der Vollkommenheit bei dem selbst
+unvolkommenen Menschen auf die Existenz eines vollkommenen Wesens. Diese
+Vollkommenheit muss bei Descartes das Gute bedeuten, weil er aus ihr den Schluss
+zieht, dass die Außenwelt wirklich ist, weil dieses Wesen uns anscheinend nicht
+betrügen darf. Es stellt sich allerdings die Frage, was „gut“ bedeutet. Der
+Begriff des Guten ist in uns gelegt, aber er hat keine übermenschliche Bedeutung.
+Es könnte eine Welt geben, wo der Mord als gut betrachtet wird, aus dem Grund,
+dass das oberste Wesen dies als etwas Gutes definiert und in uns legt. Man kann
+also von unserem Begriff der Vollkommenheit beziehungsweise des Guten nicht auf
+die Begrifflichkeit des Schöpfers schließen, der selbst diese Begriffe
+definierte und definieren kann. Unser Schöpfer könnte ein Dämon sein, der um uns
+herum eine Illusion erschuf und uns glauben ließ, dass er ein vollkommen gutes
+Wesen sei (also von meiner Sicht dessen, was gut ist).
+
+Außerdem widerspricht sich Descartes, wenn er behauptet, dass man von der
+Vorstellbarkeit der Vollkommenheit auf einen volkommenen Gott schließen
+kann\footcite[Vgl.][59--63]{discours} und an einer anderen Stelle
+schreibt, dass man von der Vorstellbarkeit einer Chimäre nicht auf ihre Existenz
+schließen darf\footcite[Vgl.][69]{discours} (zwar ist
+offensichtlich, dass er im letzten Fall eine bildliche Anschauung meint, aber
+zumindest kann ich mir eine Chimäre anhand meines Anschauungsvermögens leichter
+als Gott vorstellen, von dem ich nichts Sicheres sagen kann).
+
+Einen anderen treffenden Einwand bringt Schopenhauer: „Hiebei läßt er
+überdies sich nun eigentlich noch einen bedeutenden \textit{circulus vitiosus}
+[Zirkelschluß] zu Schulden kommen. Er beweist nämlich die objektive Realität der
+Gegenstände aller unserer anschaulichen Vorstellungen aus dem Daseyn Gottes, als
+ihres Urhebers, dessen Wahrhaftigkeit nicht zuläßt, daß er uns täusche: das
+Daseyn Gottes selbst aber beweist er aus der uns angeborenen Vorstellung, die
+wir von ihm, als dem allervollkommensten Wesen angeblich
+hätten.“\footcite[91]{schopenhauer} --- und macht einen
+angemessenen Schluss, indem er einen von Descartes' Landesleute zitiert: „Il
+commence par douter de tout, et finit par tout croire [Er fängt damit an, daß er
+alles bezweifelt, und hört damit auf, daß er alles
+glaubt] [\dots].“\footcite[91]{schopenhauer}
+
+\subsection{Das Ich und seine Subjekte}
+
+Man könne an seinem eigenen Dasein nicht zweifeln, behauptet der Autor, was
+allein der Tatsache widrig ist, dass man daran tatsächlich zweifelt. Was man
+nicht behaupten kann, ist, dass man an etwas nicht zweifeln kann, woran man
+schon Jahrtausende lang und bis in unsere Tage erfolgreich zweifelt und was
+daher verständlicherweise nicht so einfach zu leugnen
+ist.\footcite[Vgl.][109]{solowjow8} Andererseits muss man
+Descartes Recht geben, dass es etwas gibt, was ich nicht bezweifeln kann, weil,
+wenn ich sage: „Ich bezweifle etwas“, identifiziere ich mich doch mit einem
+\textit{Ich}. Ganz unabhängig davon, ob ich jetzt träume oder wach bin, ist mir
+etwas bewusst, was meinerseits als Ich bezeichnet wird. Dieses Ich empfindet
+sich als ein Subjekt, eine Form, deren Inhalt zweifelhaft ist.
+
+Folglich muss die cartesianische denkende Substanz in zwei Teile
+ausdifferenziert werden, wobei ich auf Solowjows Termini zurückgreifen möchte
+und den einen Teil als reines (phänomenologisches) Subjekt und den anderen als
+psychisches (empirisches) Subjekt bezeichnen. Jenes ist sicher und
+unerschütterlich, da es uns auf dem unmittelbarsten Wege gegeben ist, aber leer,
+dieses erfüllt und bunt, weil es die ganze Persönlichkeit enthält, dennoch
+wackelig und grundlos.\footcite[Vgl.][123]{solowjow8}
+
+\subsection{Ego cogito ergo sum sed quis ego sum?}
+
+\epigraph{„Cartesius gilt mit Recht für den Vater der neuern Philosophie [\dots].“}
+{\textbf{Arthur Schopenhauer\footcite[13]{schopenhauer}}}
+
+Das große Verdienst Descartes' ist, dass er die spätere Philosophie auf den
+Weg hinwies, auf dem man nicht von eingebildeten Pseudo-Wahrheiten lebt, sondern
+konstruktiv zweifelt, um einen Fortschritt der philosophischen Forschung zu
+ermöglichen, ohne dabei in der Sackgasse des Skeptizismus zu enden. Einmal auf
+diesen Weg getreten wollte er ihn unglücklicherweise selber nicht zu Ende gehen.
+Allein daran, dass seine Schriften immer noch Aufregung, Nachdenken und
+Diskussionen in der philosophierenden Welt hervorrufen, kann man ersehen, wie
+unentbehrlich seine Erbe an das Moderne ist.
+
+Nun ist das reine Ich menschlicher Erkenntnis unzugänglich. Man ist nur fähig
+reflexiv über das empirische Ich --- über seinen Charakter und die Summe psychischer
+Zustände --- die einen zum Individuum machen, nachzudenken. Das reine Ich macht in
+dieser Hinsicht dieselben Schwierigkeiten, wie der Versuch, die eigenen Ohren
+ohne einen Spiegel zu betrachten. Bin ich eine willensfreie Persönlichkeit?,
+eine Puppe im Theater eines mir fremden Wesens?, ein Splitter, der eigentlich
+mit einer Gottheit zusammen, die zugleich die Welt ist, und die aus nur ihr
+bekannten Gründen plötzlich ihre Harmonie und ihr Gleichgewicht verlor, ein
+Ganzes bildet?, ein armer und einsamer Knecht seines Schicksals, der sich
+einbildet, dass er etwas sieht, hört, mit jemandem spricht?, das zufällige
+Produkt der blinden Natur, die kein einziges Gramm Geist
+enthält?
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+---
+layout: post
+date: 2013-06-02 15:27:00
+tags: Aufsatz
+title: Ein Sklave der Freiheit
+teaser: |
+ <p>
+ Georg Wilhelm Friedrich Hegel versteht dagegen das Recht als das Dasein der
+ Idee der Freiheit, die ihrerseits existenziell für das menschliche Wesen ist.
+ Diese Idee wird nicht wie die ewige Pest von Eltern zu ihren Kindern
+ weitergegeben, sondern vielmehr werden immer mehr ihrer Momente vom Geist
+ aufgenommen und verwirklicht, sie ist die Einheit von Begriff und
+ Wirklichkeit, die der Begriff sich selbst gibt. Die Freiheit, die die
+ Substanz des Rechts darstellt, wird von Hegel nicht als etwas Schlechtes,
+ Gesetzloses, Anarchisches verstanden, sondern als etwas moralisch
+ Positives, sodass man auf höheren Entfaltungsstufen des Geistes von einem
+ vollkommeneren Recht reden kann.
+ </p>
+---
+\subsection{Begriff des Rechts in Hegels Rechtsphilosophie}
+
+\epigraph{%
+Es erben sich Gesetz’ und Rechte\\
+Wie eine ew’ge Krankheit fort,\\
+Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte\\
+Und rücken sacht von Ort zu Ort.\\
+Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;\\
+Weh dir, dass du ein Enkel bist!\\
+Vom Rechte, das mit uns geboren ist,\\
+Von dem ist leider! nie die Frage.}{\textbf{Johann Wolfgang von Goethe\footcite[55]{faust}}}
+
+Johann Wolfgang von Goethe legt diese Worte dem Teufel in den Mund, der einen
+Schüler belehrt. Man spricht davon, dass klassische Dichter wie Goethe immer
+aktuell bleiben oder sogar mit der Zeit an Aktualität gewinnen. Ist es so?
+Goethes Zeitgenosse, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, versteht dagegen das Recht
+als das Dasein der Idee der Freiheit, die ihrerseits existenziell für das
+menschliche Wesen ist. Diese Idee wird nicht wie die ewige Pest von Eltern zu
+ihren Kindern weitergegeben, sondern vielmehr werden immer mehr ihrer Momente
+vom Geist aufgenommen und verwirklicht, sie ist die Einheit von Begriff und
+Wirklichkeit, die der Begriff sich selbst
+gibt\footcite[Vgl.][234 f]{schnaedelbach}. So befindet sich auch das Recht
+im permanenten Progress, denn „[j]ede Stufe der Enwticklung der Idee der
+Freiheit hat ihr eigentümliches
+Recht [\dots]“\footcite[43]{grund}. Die Freiheit, die die
+Substanz des Rechts darstellt, wird von Hegel nicht als etwas Schlechtes,
+Gesetzloses, Anarchisches verstanden, sondern als etwas moralisch
+Positives\footcite[Vgl.][40 f]{thought}, sodass man auf höheren
+Entfaltungsstufen des Geistes von einem vollkommeneren Recht reden kann.
+
+Der Mensch geht einen dornigen Weg in der Geschichte, reinigt sein
+Menschenbild. Es ist kaum zu bestreiten, dass ein Bürger eines modernen
+Rechtsstaates, rechtstheoretisch gesehen, freier als zuvor ist; aber was ist
+jenes Recht, das uns diese Freiheit gibt: Ist es ein Segen, wie es Hegel
+beschreibt, oder doch eine beständig anschwellende Bürde, wie es der als Faust
+verkleidete Mephisto behaupten würde? Im Folgenden wird mich die Frage
+beschäftigen, inwiefern das Rechtssystem eines Staates das Wohlergehen seiner
+Bürger widerspiegelt; ob ein höheres Recht sich im immer menschlicher werdenden
+Menschen spürbar macht.
+
+\subsection{Wie ist die Entwicklung in der Geschichte möglich?}
+
+Der erste Punkt, der in diesem Zusammenhang von Belang ist, ist, wie Hegel
+denkt, die Verbindung zwischen dem staatlichen Recht und den Bürgern dieses
+Staates herstellen zu können. Es ist bei Hegel so, dass das Recht zu einem
+bestimmten Zeitpunkt die Entwicklungsstufe des Volksgeistes darstellt. Es sei
+deswegen gar nicht möglich, dass irgendein Mensch seine Zeit überholt. Als
+Beispiel erwähnt Hegel den platonischen Staat und behauptet, dass er kein
+Vorbild in alle Ewigkeit, sondern nur „die Natur der griechischen
+Sittlichkeit“\footcite[Vgl.][13]{grund} jener Zeit sei. Ein noch
+besseres Beispiel wäre, dass Hegel zwar den Anspruch erhebt, nicht über einen
+konkreten Staat bzw.\ ein politisches System zu
+schreiben,\footcite[Vgl.][15]{grund} seinem Vorhaben selbst aber
+nicht immer treu bleibt. So vertritt er die konstitutionelle Monarchie als die
+beste der bekannten Staatsformen, womit man heutzutage nicht unbedingt zufrieden
+wäre,\footcite[Vgl.][249 ff]{schnaedelbach} d.h.\ er hielt für etwas
+allgemein Vernünftiges und einem Rechtsstaat Unentbehrliches, was bloß der
+Tradition seiner Zeit angemessen war.
+
+Vielmehr schreibt Hegel, dass die Philsophie mit ihren Belehrungen immer zu
+spät sei, „[a]ls der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem
+die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß
+vollendet [\dots] hat.“\footcite[Vgl.][17]{grund} Es scheint Hegels
+Antwort auf die Frage zu sein, wie überhaupt geschichtlicher Fortschritt möglich
+ist, wenn der Mensch seiner eigenen Zeit nicht voraus sein kann, dass der Geist,
+das freie Bewusstsein und damit das Recht sich unabhängig vom menschlichen
+Wollen entwickeln. In der Tat wird das Menschenbild in Europa immer
+fortschrittlicher: es gibt keine offizielle Sklaverei, die Hautfarbe entscheidet
+nicht über die menschliche Würde und die Eltern haben keine Macht über ihre
+Kinder wie über einen Gegenstand. In Deutschland werden diese Ansichten auch
+juristisch im Grundgesetz verankert.
+
+Ferner sieht Hegel das Ziel der Philosophie in der Erforschung des
+Wirklichen, das auch vernünftig ist.\footcite[Vgl.][15 f]{grund}
+Somit ist alles Klagen über den wirklichen Staat unvernünftig. Es gibt jedoch
+auch Rückschritte. Was ist mit den Zeiten, die von den meisten Menschen im
+Nachhinein als höchst unvernünftig und sogar unmenschlich betrachtet werden, wie
+z.B. die des deutschen Nationalsozialismus: musste man dem Staat gehorchen, weil
+er wirklich und vernünftig gewesen war? „[\dots] Hegel distinguished between
+phenomena that embody a rational structure and those that do
+not“\footcite[234]{cambridge}, heißt es bei Kenneth Westphal mit
+dem Verweis auf das Vorwort der Philosophie des Rechts. Wann ist dennoch diese
+Grenze des Vernünftigen überschritten? Hier stolpern wir über das erste Problem,
+was die Entfaltung des Geistes angeht: Es gibt kein wirkliches Kriterium, um die
+jeweilige politische Situation bewerten zu können. Hegel sucht nach dem
+Vernünftigen trotzdem im Transzendentalen und setzt damit anstelle der Willkür
+seiner unvernünftigen Mitbürger, die ständig über ihren Staat klagen, seine
+eigene Willkür.\footnote{Zu demselben Gedanken führt Hegels Plädieren für die
+konstitutionelle Monarchie, die ich oben erwähnte.} Da man jedoch, wenn
+man die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleicht, den Fortschritt feststellen
+kann, muss die blinde Menschheit von der Geschichte an der Hand geführt werden,
+sie stößt gegen Gegenstände im dunklen Raum und zieht sich blutige Wunden im
+Gesicht zu, nähert sich aber immer mehr dem Funken der Freiheit. Doch frage ich
+mich: Was ist diese Menschheit in ihren Einzelteilen, wirken die Organen im
+Ganzen des Organismus mit?
+
+\subsection{Zusammenhang des Menschenbildes und seiner Verwirklichung}
+
+Die Behandlung dieser Frage beginne ich mit einer kurzen Geschichte. Ich
+wurde einmal in Hamburg von einer Gruppe junger Leute angesprochen. Sie seien
+von einem Unternehmen angestellt, dessen Auftrag es sei, Jugendlichen aus
+schwierigen Verhältnissen zu helfen, ins Berufsleben einzusteigen, und zwar
+sollen die Letzteren Zeitschriften austragen. Meine Aufgabe sei es, dabei zu
+helfen, sie zu kontrollieren. Dafür sollte ich eine Zeitschrift beantragen; ich
+werde regelmäßig ein Formular zugeschickt bekommen, in dem ich einzutragen
+hätte, ob ich alle Zeitschriften in dieser Periode erhalten hatte. Meine
+Belohnung sei, dass ich die Zeitschrift ein halbes Jahr lang gratis bekäme. Ich
+unterzeichnete den Vertrag. Mehrere Wochen danach bekam ich mein erstes Magazin
+zusammen mit einem zweijährigen Abonnement, das ich selbstverständlich bezahlen
+musste. Die Angelegenheit entpuppte sich also als eine sogenannte „Abofalle“. Da
+ist auch klar, warum der Vertrag erst zwei Wochen später zugesandt wurde (damit
+ich Angst habe, dass ich nach vierzehn Tagen nicht mehr kündigen kann, was in
+der AGB auf der Rückseite des Vertrages klein geschrieben steht). Seitdem
+erhielt ich eine Sammlung von Briefen, die mir meine letzte Chance ankündigen,
+meine Schulden zu begleichen, bevor ich vor Gericht gezogen werde. Dabei
+handelte es sich nicht um einen harmlosen Einzelfall. Auf der Suche nach Hilfe
+bin ich weiteren Opfern begegnet. Wir waren mit einer Organisation konfrontiert,
+die schon seit Jahren auf verschiedene Weisen, aber immer mit gut ausgesuchten
+und bis ins Detail durchdachten Methoden die Menschen betrügt, den naiven
+Bürgern das letzte Vertrauen entzieht und Rentner ohne ihre Ersparnisse im Stich
+lässt.\footnote{Viel extremer sind die Rechtsstreitigkeiten der letzten Jahre in
+der IT-Industrie zwischen großen Unternehmen, wie 2012 zwischen Apple und Samsung
+oder Oracle und Google. Ohne weiter auf die Details eingehen zu wollen, muss man
+doch feststellen, dass zwar ein an sich ganz gerechtes Anliegen vertreten wurde,
+doch bei näherer Betrachtung der Gründe ähnelten die Prozesse doch einem Abzock
+des jeweils angeklagten Unternehmens.} Hier kommt die
+Schattenseite des modernen Rechts zum Vorschein: Die Freiheit bietet auch
+Freiheit für Verbrecher. Wozu muss jemand altmodisch in einer dunklen Gasse auf
+seine Opfer stechen und sie berauben, wenn es anhand des vorhandenen
+Rechtssystems viel eleganter und sicherer gelingt? Und es geht gar nicht um das
+Gesetz, dass in dicken Büchern niedergeschrieben ist und das bloß ausgenutzt
+wird, aber an sich ganz angemessen ist, natürlich hätten z.B. die Betrüger in
+meinem Fall keine Chance vor Gericht gehabt, wenn ich zum Anwalt gegangen wäre;
+es geht um Menschen aus Fleisch und Blut mit ihren Schwächen, Menschen, von
+denen nicht jeder Spaß daran hat, nach der Arbeit seine Rechte zu studieren,
+Menschen, die um die Freiheit des Rechts fürchten.
+
+Noch ein paar Worte möchte ich zur Freiheit sagen, die Hegel nach dem Recht
+innewohnt. Die Würde des Menschen als eines freien Wesens wird immer mehr
+ausgeprägt und legitimiert; in einer anderen Hinsicht wird dem Menschen seine
+persönliche Freiheit entzogen. Es finden sich immer Menschen, die einen solchen
+Fall, wie den, den ich geschildert habe, ungefähr folgendermaßen kommentieren
+würden: „Du solltest nicht so dumm sein, du bist selber schuld.“ Welcher Unfug!
+Das Vertrauen in andere Menschen wird dabei mit Naivität und Dummheit
+gleichgesetzt. Der Mensch wird immer verschlossener, kann nicht mehr frei
+handeln: die Anderen umgeben ihn. Wem vertrauen wir? Unseren Nachbarn? Einem neu
+geöffneten Online-Shop? Dem Priester? Der Gnade der Politiker? Bankberatern?
+Deswegen ist vielleicht der lateinische Satz „homo homini lupus“ zu einem
+international bekannten Sprichwort geworden. Hegel sieht Freiheit einseitig,
+deswegen ist es so schwer, mit Hegel zu sagen, dass die Sittlichkeit „die Idee
+der Freiheit, als das lebendige Gute“\footcite[133]{grund}
+sei.\footcite[Vgl.][229 ff]{cambridge0} Wobei ich gar nicht sagen
+wollte, dass alles jede Minute schlechter wird. Es wird bloß nicht besser. Mein
+Ziel war dieses Paradoxon aufzuzeigen, dass unser Menschenbild immer sauberer
+wird, aber andererseits nur im Grundgesetz, nicht in der Seele unseres Nächsten.
+Jede Stufe der Entwicklung der Idee der Freiheit hat ihren eigentümlichen
+Betrug, ihre moralische Nicht-Freiheit.
+
+\subsection{Zu politischen Systemen}
+
+Karl Popper schreibt auch, dass die politische Freiheit grausam, zu einer
+Katastrophe werden kann. Seine Behauptung bekräftigt er unter Anderem damit,
+dass der Freiheitskampf Terrorismus auslösen kann.\footcite[Vgl.][171 f]{popper}
+„Nein, wir wählen die politische Freiheit nicht, weil sie uns das oder jenes
+verspricht. Wir wählen sie, weil sie die einzig menschenwürdige Form des
+menschlichen Zusammenlebens möglich macht; [\dots]“\footcite[172]{popper}
+Demokratie definiert er als eine Staatsform, in der es möglich sei, die
+Regierung ohne Blutvergießen „loszuwerden“. Im Gegensatz dazu steht
+Tyrannis.\footcite[Vgl.][168]{popper} Einfachheitshalber werde ich im
+Folgenden seine Terminologie verwenden.
+
+Man könnte sich fragen, ob die politische Freiheit tatsächlich so einen hohen
+Wert in den Köpfen der Menschen hat, wie ihn ihr Popper und Hegel beimessen, ob
+es einen Zusammenhang zwischen dem Menschenbild, Wertesystem und der politischen
+Ordnung, politischen Freiheit gibt. Dies kann man es an einem Beispiel aus der
+modernen Gesellschaft verdeutlichen. Deutschland wäre eine sehr unpassende
+Variante, weil man hier wegen des verlorenen Krieges ein totalitäres Regime noch
+ein paar Jahrzehnte verabscheuen wird, anders ist es z.B. in Russland, wo ich
+aufgewachsen bin und meine ersten Lebensansichten von der Kultur aufgedrängt
+bekommen habe, dem Land der „Helden und Sieger“\footnote{Es ist nicht mein
+favorisierter Ausdruck, sondern eher die Volkseinstellung, mit der man oft
+konfrontiert wird.}. Popper übertreibt
+übermäßig den Wert der Freiheit, weil das Blut in Freiheitskämpfen in seltesten
+Fällen für die Freiheit vergoßen wurde. Ein Freiheitskampf innerhalb eines
+Landes wird gerne angefangen, wenn es den Menschen an Brot fehlt. Diese
+Anmerkung macht auch deutlich, worum es einem in der Geschichte geht. In
+Russland zeigt sich daher wegen eines schlecht organisierten Sozialsystems und
+starker Korruption, dass man sich von der Freiheit nicht sättigen und nicht
+seinen Durst mit ihr stillen kann. Einerseits wollen einige Angehörige der
+orthodoxen Kirche, die gewissen Einfluss hat, einen Monarchen, einen orthodoxen
+Zaren, andererseits vergöttern viele die Sowjetjunion und selbst solche Tyrannen
+wie Stalin. Wie gesagt, Stalin ist kein Tyrann im Sinne Hitlers, nur dank ihm
+sei der Sieg im Krieg möglich gewesen und es wird ernsthaft bezweifelt, dass das
+moderne demokratische Russland einen derartigen Freiheitskampf gegen fremde
+Eroberer aushielte. Jährlich treten die Veteranen am 9.
+Mai\footnote{Siegestag im Zweiten Weltkrieg, gesetzlicher Feiertag.} auf und berichten, wieviel
+besser es in der Sowjetunion war, weil es Ordnung gegeben habe. Es offenbart
+sich eine ganz andere Wahrnehmung des Totalitarismus, die selbst dadurch nicht
+verhindert wird, dass es nicht ganz klar ist, ob mehr Menschen im Krieg
+gestorben sind oder von der eigenen Regierung hingerichtet wurden.
+
+Aus dem oben angeführten Beispiel kann man ablesen, dass die Menschheit die
+Freiheit nicht um der Freiheit willen anstrebt, dass sie keinen unbedingten Wert
+hat. Außerdem war Hegel anscheinend der Ansicht, dass ein politisches System
+besser als das andere sein kann (sonst wären seine Ausführungen bezüglich der
+konstitutionellen Monarchie sinnlos). Aber bei uns herrscht nun Demokratie und
+sie ist keine neue Regierungsform, also kann man nicht sagen, dass Hegel von ihr
+nichts wusste und sie deswegen nicht bevorzugte. Die westliche Demokratie ist
+lediglich besser als die antike, sie stellt aber nichts Neues dar. Eine Tyrannis
+ist auch nicht jeder Tyrannis gleich (hier ist das Wort Monarchie angemessener,
+weil „Tyrannis“ in der modernen Sprache einen negativen Nachklang hat). Jetzt
+kann man darüber nachdenken, ob die Geschichte nicht etwas kreisförmig ist. Die
+Regierungsformen ersetzen einander, sie tanzen in einem ewigen Tanz um die
+Menschen herum, kommen in einer besseren Gestalt und gehen wieder.
+
+\subsection{Das Menschenbild, das Recht und die Person}
+
+Hegels großes Verdienst ist, dass er in seiner Rechtsphilosophie diese
+positive Entwicklung des Begriffs des Menschen, des Menschenbildes aufgespürt
+und aufgedeckt hat. Unsere Vorstellung vom Menschen ist vollkommener, die
+Menschenbilder früherer Zeiten verletzten in verschiedenen Aspekten eindeutig
+die Menschenwürde, waren teilweise unverständlich und \textbf{nicht befreit}.
+Dann ist es von Hegel aufgezeigt worden, wie ein Menschenbild im Recht
+verankert wird und wie sie einander offenbaren. Allerdings hat Hegel daraus
+Schlüsse gezogen, die nicht mehr nachweisbar sind. So unterschied er zwischen
+der Sittlichkeit und der Moralität\footcite[Vgl.][215 f]{thought},
+wobei sein Plan zu beweisen, dass der Staat an sich sittlich sei, fehlgeschlagen
+ist. Er konnte nicht seinen Weg bis zum Ende gehen, seinen Überzeugungen bis zum
+Letzten folgen und behauptete von Staaten, die seiner Vorstellung nach doch
+unsittlich waren, dass sie unvernünftig seien, wobei das Maß dieser Vernünftigkeit
+Hegels eigener Willkür entsprang und keine objektive Einheit darstellt. Man kann die
+Sittlichkeit von der Moralität nicht eindeutig trennen. Zum Anderen kann man
+weder vom Recht auf die Sittlichkeit bzw.\ Moralität schließen, noch von der
+politischen Freiheit auf die praktische, der menschlichen Würde entsprechende
+Freiheit. Insofern wird ein menschliches Staatsideal immer mehr im modernen
+Staat verkörpert, aber es hat sehr bestreitbaren Einfluss auf die einzelne
+Persönlichkeiten, Bürger dieses Staates.
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+---
+layout: post
+date: 2013-07-05 04:15:00
+tags: Gedicht
+title: Der Himmel blutet spät am Abend…
+teaser: |
+ <p>
+ Der Himmel blutet spät am Abend,<br>
+ das Heer im Schweigen kehrt zurück.<br>
+ Der Feldherr ruft sich selber tadelnd:<br>
+ „Es fehlte noch ein kleines Stück!“
+ </p>
+ <p>
+ Der Gegner kann sich auch nicht freuen:<br>
+ Nur zu beweinen ist der Sieg,<br>
+ zu viele sind nun zu bereuen,<br>
+ zu vieles einem stiehlt ein Krieg.
+ </p>
+ <p>
+ Ich habe selbst die Ruh gebrochen,<br>
+ der erste Schlag ist immer mein.<br>
+ Ich wollte nicht, dass sie gehorchen,<br>
+ mein Herz gleichgültig war wie’n Stein.
+ </p>
+ <p>
+ Ich wollte später mich schon beugen,<br>
+ mein Volk hätt’ dann ’nen weisen Herrn,<br>
+ der ist den meisten überlegen,<br>
+ den mag ich selber äußerst gern.
+ </p>
+---
+\textit{Katja M. S. B.}
+
+Der Himmel blutet spät am Abend,\\
+das Heer im Schweigen kehrt zurück.\\
+Der Feldherr ruft sich selber tadelnd:\\
+„Es fehlte noch ein kleines Stück!“
+
+Der Gegner kann sich auch nicht freuen:\\
+Nur zu beweinen ist der Sieg,\\
+zu viele sind nun zu bereuen,\\
+zu vieles einem stiehlt ein Krieg.
+
+Ich habe selbst die Ruh gebrochen,\\
+der erste Schlag ist immer mein.\\
+Ich wollte nicht, dass sie gehorchen,\\
+mein Herz gleichgültig war wie’n Stein.
+
+Ich wollte später mich schon beugen,\\
+mein Volk hätt’ dann ’nen weisen Herrn,\\
+der ist den meisten überlegen,\\
+den mag ich selber äußerst gern.
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@@ -0,0 +1,9 @@
+---
+layout: post
+date: 2013-11-14 06:53:00
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: De fortuna
+---
+\emph{Sapientia Sciurus:} Viel Glück zu deiner Prüfung!
+
+\emph{Ich:} Es ist kein Kartenspiel.
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@@ -0,0 +1,30 @@
+---
+layout: post
+date: 2013-12-28 08:34:00
+tags: Gedicht
+title: Gute Nacht, mein lieber Schatz!
+teaser: |
+ <p>
+ Gute Nacht, mein lieber Schatz,<br>
+ lass mein’ Stern dich nun bewachen,<br>
+ deinen Schlaf erholsam machen.<br>
+ Schlafe schön, mein gold’ner Schatz!
+ </p>
+ <p>
+ Guten Morgen, lieber Schatz,<br>
+ siehst du schon die Sohne gähnen?<br>
+ Sie wird deinen Tag erwärmen,<br>
+ gibt dir einen heißen Schmatz!
+ </p>
+---
+\textit{Katja M. S. B.}
+
+Gute Nacht, mein lieber Schatz,\\
+lass mein’ Stern dich nun bewachen,\\
+deinen Schlaf erholsam machen.\\
+Schlafe schön, mein gold’ner Schatz!
+
+Guten Morgen, lieber Schatz,\\
+siehst du schon die Sohne gähnen?\\
+Sie wird deinen Tag erwärmen,\\
+gibt dir einen heißen Schmatz!
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+---
+layout: post
+date: 2013-12-19 14:38:00
+tags: Gedicht
+title: Liebste, hast du selber nicht gesagt?
+teaser: |
+ <p>
+ Liebste, hast du selber nicht gesagt,<br>
+ wie wunderbar ist Menschenleben,<br>
+ dass kein Gewitter, kein Erdbeben<br>
+ es jemals übler, grauer macht?
+ </p>
+---
+Liebste, hast du selber nicht gesagt,\\
+wie wunderbar ist Menschenleben,\\
+dass kein Gewitter, kein Erdbeben\\
+es jemals übler, grauer macht?
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+++ b/posts/2013/12/weihnachtslied.tex
@@ -0,0 +1,57 @@
+---
+layout: post
+date: 2013-12-01 14:27:00
+tags: Gedicht
+title: Weihnachtslied
+teaser: |
+ <p>
+ Wunder geschieht in der heiligen Nacht:<br>
+ Oben im Himmel der Stern<br>
+ leuchtet uns strahlend in göttlicher Pracht,<br>
+ führt zu der Krippe des Herrn.
+ </p>
+ <p>
+ Halleluja, Ehre dem ewig’n Sohn!<br>
+ Halleluja, Erde ist Gottes Thron!
+ </p>
+ <p>
+ Gott, der das Seiende machtvoll bewahrt,<br>
+ Engel sind ihm unterworf’n,<br>
+ hat seine Gnade dem Mensch offenbart,<br>
+ gibt ihm das Glück und das Hoff’n.
+ </p>
+ <p>
+ Unsere Speise das göttliche Wort,<br>
+ geistlicher Durst wird gestillt;<br>
+ Beten zu Christus an jeglichem Ort —<br>
+ er ist barmherzig und mild.
+ </p>
+ <p>
+ Freut euch ihr Menschen, es juble das Volk!<br>
+ Alle, die holdselig kam’n,<br>
+ singen dem Kinde das ewige Lob,<br>
+ preisen für immer sein’ Nam’n!
+ </p>
+---
+Wunder geschieht in der heiligen Nacht:\\
+Oben im Himmel der Stern\\
+leuchtet uns strahlend in göttlicher Pracht,\\
+führt zu der Krippe des Herrn.
+
+Halleluja, Ehre dem ewig’n Sohn!\\
+Halleluja, Erde ist Gottes Thron!
+
+Gott, der das Seiende machtvoll bewahrt,\\
+Engel sind ihm unterworf’n,\\
+hat seine Gnade dem Mensch offenbart,\\
+gibt ihm das Glück und das Hoff’n.
+
+Unsere Speise das göttliche Wort,\\
+geistlicher Durst wird gestillt;\\
+Beten zu Christus an jeglichem Ort —\\
+er ist barmherzig und mild.
+
+Freut euch ihr Menschen, es juble das Volk!\\
+Alle, die holdselig kam’n,\\
+singen dem Kinde das ewige Lob,\\
+preisen für immer sein’ Nam’n!
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@@ -0,0 +1,51 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-03-16 20:44:00
+tags: Gedicht
+title: Meine Liebe, lass uns gehen
+teaser: |
+ <p>
+ Meine Liebe, lass uns gehen.<br>
+ Nimm, Liebste, keine Sachen mit.<br>
+ Was hast du hier noch nicht gesehen,<br>
+ was eine Freude uns verspricht?</p>
+ <p>
+ Es gibt nicht ewig etwas Neues,<br>
+ das Leben wird wie alles alt,<br>
+ nichts Ehrliches, nichts Gutes, Treues.<br>
+ Die Lebensfarben werden kalt.
+ </p>
+ <p>
+ Lass uns endlich ausbrechen,<br>
+ wir wandern in das neue Land.<br>
+ Man kennt vielleicht dort kein Verbrechen<br>
+ und Freude ist zahlreich wie Sand.
+ </p>
+ <p>
+ Wahrscheinlich können wir dort bleiben,<br>
+ am Feuer, das für immer brennt,<br>
+ mit Menschen, die uns nicht vertreiben,<br>
+ wo jeder seine Ziele kennt.
+ </p>
+---
+\textit{Babett Heinemann}
+
+Meine Liebe, lass uns gehen.\\
+Nimm, Liebste, keine Sachen mit.\\
+Was hast du hier noch nicht gesehen,\\
+was eine Freude uns verspricht?
+
+Es gibt nicht ewig etwas Neues,\\
+das Leben wird wie alles alt,\\
+nichts Ehrliches, nichts Gutes, Treues.\\
+Die Lebensfarben werden kalt.
+
+Lass uns endlich ausbrechen,\\
+wir wandern in das neue Land.\\
+Man kennt vielleicht dort kein Verbrechen\\
+und Freude ist zahlreich wie Sand.
+
+Wahrscheinlich können wir dort bleiben,\\
+am Feuer, das für immer brennt,\\
+mit Menschen, die uns nicht vertreiben,\\
+wo jeder seine Ziele kennt.
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@@ -0,0 +1,19 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-04-22 21:15:00
+tags: Gedicht
+title: Kleines Dankeschön
+teaser: |
+ <p>
+ Ich schreib’ es nieder: Vielen Dank!<br>
+ Kennt meine Frechheit keine Schranken?<br>
+ Wie sollt’ ich mich denn sonst bedanken?<br>
+ Habe einen schönen Tag!
+ </p>
+---
+\textit{LS}
+
+Ich schreib’ es nieder: Vielen Dank!\\
+Kennt meine Frechheit keine Schranken?\\
+Wie sollt’ ich mich denn sonst bedanken?\\
+Habe einen schönen Tag!
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@@ -0,0 +1,52 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-05-28 22:23:00
+tags: Стихотворение
+title: Воспоминание
+teaser: |
+ <p>
+ Одно свое воспоминанье<br>
+ храню я с ранних-ранних лет.<br>
+ Оно как в утреннем тумане,<br>
+ оно - глубокий детства след.
+ </p>
+ <p>
+ Хотя тебя я помню смутно,<br>
+ твой полон красками портрет.<br>
+ Сама ты помнишь, как уютен<br>
+ был этим детям белый свет?
+ </p>
+ <p>
+ Исчезло днесь воспоминанье,<br>
+ рассеяв утренний туман,<br>
+ и тоже гордое сиянье,<br>
+ представ, твой излучает стан.
+ </p>
+ <p>
+ Цвети ж на почве мирозданья,<br>
+ расти и в силе и красе,<br>
+ чтоб всяка тень мирских страданий<br>
+ пропала в утренней росе!
+ </p>
+---
+\textit{Двоюродной племяннице Кристе}
+
+Одно свое воспоминанье\\
+храню я с ранних-ранних лет.\\
+Оно как в утреннем тумане,\\
+оно - глубокий детства след.
+
+Хотя тебя я помню смутно,\\
+твой полон красками портрет.\\
+Сама ты помнишь, как уютен\\
+был этим детям белый свет?
+
+Исчезло днесь воспоминанье,\\
+рассеяв утренний туман,\\
+и тоже гордое сиянье,\\
+представ, твой излучает стан.
+
+Цвети ж на почве мирозданья,\\
+расти и в силе и красе,\\
+чтоб всяка тень мирских страданий\\
+пропала в утренней росе!
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@@ -0,0 +1,17 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-06-26 13:02:00
+tags: Gedicht
+title: Hoffnung
+teader: |
+ <p>
+ Alles ist zu Staub vergangen,<br>
+ ich hab’ mein Leben voll versäumt;<br>
+ großen Menschen muss ich danken:<br>
+ Ihr habt mich doch noch weggeräumt!
+ </p>
+---
+Alles ist zu Staub vergangen,\\
+ich hab’ mein Leben voll versäumt;\\
+großen Menschen muss ich danken:\\
+Ihr habt mich doch noch weggeräumt!
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+++ b/posts/2014/08/blog-post.tex
@@ -0,0 +1,50 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-08-02 18:16:00
+tags: Стихотворение
+title: Чужие люди
+teaser: |
+ <p>
+ Я снова привыкаю жить,<br>
+ в грудь воздух набираю жадно,<br>
+ ни зги не вижу, но отрадно<br>
+ хотя б по сути зрячим быть.
+ </p>
+ <p>
+ Судьба, судьба, моя судьба…<br>
+ А ты все хочешь торговаться?!<br>
+ И я готов тебе отдаться!<br>
+ Со мной ты не была скупа!
+ </p>
+ <p>
+ И в этот раз не поскупилась<br>
+ меня ты по миру пустить,<br>
+ с людьми чужими слезы лить,<br>
+ коль водка уж ручьями лилась.
+ </p>
+ <p>
+ Чужие люди! Живы все же!<br>
+ Среди чужих чужим я свой.<br>
+ Не торопись, мой друг, постой!<br>
+ Ты как чужой мне всех дороже.
+ </p>
+---
+Я снова привыкаю жить,\\
+в грудь воздух набираю жадно,\\
+ни зги не вижу, но отрадно\\
+хотя б по сути зрячим быть.
+
+Судьба, судьба, моя судьба…\\
+А ты все хочешь торговаться?!\\
+И я готов тебе отдаться!\\
+Со мной ты не была скупа!
+
+И в этот раз не поскупилась\\
+меня ты по миру пустить,\\
+с людьми чужими слезы лить,\\
+коль водка уж ручьями лилась.
+
+Чужие люди! Живы все же!\\
+Среди чужих чужим я свой.\\
+Не торопись, мой друг, постой!\\
+Ты как чужой мне всех дороже.
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+++ b/posts/2014/10/blog-post.tex
@@ -0,0 +1,50 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-10-14 10:34:00
+tags: Стихотворение
+title: Благодарю за этот вечер
+teaser: |
+ <p>
+ Благодарю за этот вечер!<br>
+ Он мне подарит завтра день.<br>
+ С тобой моя пребудет тень.<br>
+ И верь, что это не пустые речи.
+ </p>
+ <p>
+ Сорвав последнюю завесу,<br>
+ мы преступили чрез закон,<br>
+ что людям с детских лет внушен,<br>
+ но нет закона на повесу.
+ </p>
+ <p>
+ Нельзя растрачивать нам честность:<br>
+ нам столько тайн дано хранить.<br>
+ Хрупка серебряная нить,<br>
+ хранящая в тиши безвестность.
+ </p>
+ <p>
+ Мой милый друг, когда с тобою<br>
+ мы перестанем быть близки,<br>
+ средь моря сумрочной тоски<br>
+ быть может вспомнишь день со мною.
+ </p>
+---
+Благодарю за этот вечер!\\
+Он мне подарит завтра день.\\
+С тобой моя пребудет тень.\\
+И верь, что это не пустые речи.
+
+Сорвав последнюю завесу,\\
+мы преступили чрез закон,\\
+что людям с детских лет внушен,\\
+но нет закона на повесу.
+
+Нельзя растрачивать нам честность:\\
+нам столько тайн дано хранить.\\
+Хрупка серебряная нить,\\
+хранящая в тиши безвестность.
+
+Мой милый друг, когда с тобою\\
+мы перестанем быть близки,\\
+средь моря сумрочной тоски\\
+быть может вспомнишь день со мною.
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--- /dev/null
+++ b/posts/2014/10/gestohlenes-gluck.tex
@@ -0,0 +1,31 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-10-04 21:14:00
+tags: Übersetzung
+title: Gestohlenes Glück
+teaser: |
+ <p>
+ Ich weiß bis heute selber nicht,<br>
+ warum mir dies geschehen musste,<br>
+ aber ich lebe nun wie’n Dieb,<br>
+ der eines Glück zu stehlen wusste.
+ </p>
+ <p>
+ Wir schlossen keinen Ehebund;<br>
+ ich werd’ ihr trotzdem Rede stehen.<br>
+ Und dafür gibt es einen Grund:<br>
+ Sie ist mir wichtiger als Sehen.
+ </p>
+---
+Die ersten zwei Strophen aus dem Lied „Gestohlenes Glück“ eines ukrainischen
+Sängers, Anatolij Matwijtschuk.
+
+Ich weiß bis heute selber nicht,\\
+warum mir dies geschehen musste,\\
+aber ich lebe nun wie’n Dieb,\\
+der eines Glück zu stehlen wusste.
+
+Wir schlossen keinen Ehebund;\\
+ich werd’ ihr trotzdem Rede stehen.\\
+Und dafür gibt es einen Grund:\\
+Sie ist mir wichtiger als Sehen.
diff --git a/posts/2014/10/w-wyssozki-sie-sagt-ich-lieb-dich-nicht.tex b/posts/2014/10/w-wyssozki-sie-sagt-ich-lieb-dich-nicht.tex
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+++ b/posts/2014/10/w-wyssozki-sie-sagt-ich-lieb-dich-nicht.tex
@@ -0,0 +1,29 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-10-17 09:44:00
+tags: Übersetzung
+title: |
+ W. Wyssozki „Sie sagt: Ich lieb’ dich nicht“
+teaser: |
+ <p>
+ Sie sagt: Ich lieb’ dich nicht.<br>
+ Er sagt: Es kann nicht sein.<br>
+ Sie sagt: Ich trinke nicht.<br>
+ Er sagt: Wir trinken Wein!
+ </p>
+ <p>
+ Die Flaschen wurden weggeräumt.<br>
+ Das Fenster zu, die Kerzen aus.<br>
+ Sie sagt zu ihm: Mein lieber Freund…<br>
+ Er sagt: Ich geh’ schon mal nach Haus’.
+ </p>
+---
+Sie sagt: Ich lieb’ dich nicht.\\
+Er sagt: Es kann nicht sein.\\
+Sie sagt: Ich trinke nicht.\\
+Er sagt: Wir trinken Wein!
+
+Die Flaschen wurden weggeräumt.\\
+Das Fenster zu, die Kerzen aus.\\
+Sie sagt zu ihm: Mein lieber Freund…\\
+Er sagt: Ich geh’ schon mal nach Haus’.
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--- /dev/null
+++ b/posts/2014/11/im-andenken-f-nietzsche.tex
@@ -0,0 +1,37 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-11-11 12:45:00
+tags: Gedicht
+title: Im Andenken an F. Nietzsche
+teaser: |
+ <p>
+ Es tut mir leid, still zuzusehen,<br>
+ wie ganze Welten untergehen,<br>
+ wie alle Hoffnungen abstürzen<br>
+ und ihre Herren nicht mehr stützen.
+ </p>
+ <p>
+ Es tut so weh, den Freund zu hassen.<br>
+ Wie wurde ich im Stich gelassen?<br>
+ Was war der Grund, mich zu verlassen?
+ </p>
+ <p>
+ Die Welt ist Leid, die Welt ist Schmerz,<br>
+ im Werden ist ihr dunkles Herz.<br>
+ Ich weiß, weil ich sie selber sehe:<br>
+ drei Schwestern: Wille, Wahn und Wehe.
+ </p>
+---
+Es tut mir leid, still zuzusehen,\\
+wie ganze Welten untergehen,\\
+wie alle Hoffnungen abstürzen\\
+und ihre Herren nicht mehr stützen.
+
+Es tut so weh, den Freund zu hassen.\\
+Wie wurde ich im Stich gelassen?\\
+Was war der Grund, mich zu verlassen?
+
+Die Welt ist Leid, die Welt ist Schmerz,\\
+im Werden ist ihr dunkles Herz.\\
+Ich weiß, weil ich sie selber sehe:\\
+drei Schwestern: Wille, Wahn und Wehe.
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+++ b/posts/2014/12/das-alte-neu-erzahlte-marchen.tex
@@ -0,0 +1,113 @@
+---
+layout: post
+date: 2014-12-22 11:04:00
+tags: Gedicht
+title: Das alte, neu erzählte Märchen
+teaser: |
+ <p>
+ Mein Dad schuf neu die alten Märchen:<br>
+ von einem sonderbaren Mädchen,<br>
+ von ihrem Prinzen und dem Reiche,<br>
+ in ihm sind tiefe Honigteiche.
+ </p>
+ <p>
+ Von Wesen, die im Walde leben:<br>
+ von Spinnen, die dort Schlösser weben,<br>
+ von Basilisken und Chimären<br>
+ und Satyrn, Hexen, Drachen, Bären.
+ </p>
+ <p>
+ Im Reiche gibt es Königsritter<br>
+ und armes Fräulein Margareta.<br>
+ Erzähltest du ein wahres Märchen<br>
+ von jenem wunderbaren Mädchen,
+ </p>
+ <p>
+ von ihrem Prinzen und dem Reiche,<br>
+ in dem die tiefsten Honigteiche,<br>
+ von grünen, zauberhaften Wiesen<br>
+ und wilden, grauenvollen Riesen?
+ </p>
+ <p>
+ Und was, wenn’s stimmt, was Leute sagen,<br>
+ die jedes Märchen hinterfragen?<br>
+ Es gibt, sie sagen, keine Ritter<br>
+ und keine arme Margareta.
+ </p>
+ <p>
+ Wie soll ich denn noch weiter leben,<br>
+ wenn alle Sagen langsam sterben?<br>
+ Erzähl mir deine neuen Märchen,<br>
+ vom allerschönsten Menschen, Gretchen!
+ </p>
+ <p>
+ Ich werd’ sie unter Menschen säen,<br>
+ Ich pflege sie und schütz’ vor Krähen.<br>
+ Man wird sie eines Tages pflücken<br>
+ und als den Trank des Lebens schlücken.
+ </p>
+ <p>
+ Sag, kann ein Märchen mich berauben,<br>
+ da ich an die erzählten nicht mehr glaube?<br>
+ Bringst du mir bei, wie ich sie dichte,<br>
+ wie ich die Welt des Traumes richte.
+ </p>
+ <p>
+ Mein Vater, sag, dass ich noch lebe,<br>
+ dass ich nur bloß im Traume schwebe,<br>
+ ich werd’ die alte Welt vernichten<br>
+ und sie dann neu, ganz neu umdichten!
+ </p>
+---
+Der innere Gehalt mag nietzscheanisch geprägt sein. Die Idee für das Gedicht
+hatte ich schon länger, bis das Lied bzw. Gedicht von Yuri Kukin „Der alte
+Märchendichter“ (russisch Старый сказочник) mich auch auf die richtige Form
+brachte: natürlich das Märchen! Der Stil ist beeinflusst von dem oben genannten
+Lied und Heinrich Heines „Liebste, sollst mir heute sagen“. Ein spezieller Dank
+gilt Jean-Philippe Séraphin, der eine tiefgreifende Rezension geschrieben hat,
+die mir geholfen hat, den Text noch einigermaßen zu verbessern.
+
+Mein Dad schuf neu die alten Märchen:\\
+von einem sonderbaren Mädchen,\\
+von ihrem Prinzen und dem Reiche,\\
+in ihm sind tiefe Honigteiche.
+
+Von Wesen, die im Walde leben:\\
+von Spinnen, die dort Schlösser weben,\\
+von Basilisken und Chimären\\
+und Satyrn, Hexen, Drachen, Bären.
+
+Im Reiche gibt es Königsritter\\
+und armes Fräulein Margareta.\\
+Erzähltest du ein wahres Märchen\\
+von jenem wunderbaren Mädchen,
+
+von ihrem Prinzen und dem Reiche,\\
+in dem die tiefsten Honigteiche,\\
+von grünen, zauberhaften Wiesen\\
+und wilden, grauenvollen Riesen?
+
+Und was, wenn’s stimmt, was Leute sagen,\\
+die jedes Märchen hinterfragen?\\
+Es gibt, sie sagen, keine Ritter\\
+und keine arme Margareta.
+
+Wie soll ich denn noch weiter leben,\\
+wenn alle Sagen langsam sterben?\\
+Erzähl mir deine neuen Märchen,\\
+vom allerschönsten Menschen, Gretchen!
+
+Ich werd’ sie unter Menschen säen,\\
+Ich pflege sie und schütz’ vor Krähen.\\
+Man wird sie eines Tages pflücken\\
+und als den Trank des Lebens schlücken.
+
+Sag, kann ein Märchen mich berauben,\\
+da ich an die erzählten nicht mehr glaube?\\
+Bringst du mir bei, wie ich sie dichte,\\
+wie ich die Welt des Traumes richte.
+
+Mein Vater, sag, dass ich noch lebe,\\
+dass ich nur bloß im Traume schwebe,\\
+ich werd’ die alte Welt vernichten\\
+und sie dann neu, ganz neu umdichten!
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+++ b/posts/2015/01/zum-77-geburtstag-von-w-wyssozki.tex
@@ -0,0 +1,30 @@
+---
+layout: post
+date: 2015-01-25 05:22:00
+tags: Übersetzung
+title: Zum 77. Geburtstag von W. Wyssozki
+teaser: |
+ <p>
+ Wyssozki sang uns mal mit Kraft,<br>
+ wie's in den Bars und Kirchen.<br>
+ Dass er nicht mehr gesehen hat,<br>
+ wie Menschen heute stinken!
+ </p>
+ <p>
+ Ich sag' euch: Sein Zigeunerlied... kann ich ewig hören.<br>
+ Nichts ist so, so wie es soll! Das kann ich, Freunde, schwören.
+ </p>
+---
+Wyssozki sang uns mal mit Kraft,\\
+wie’s in den Bars und Kirchen.\\
+Dass er nicht mehr gesehen hat,\\
+wie Menschen heute stinken!
+
+Ich sag’ euch: Sein Zigeunerlied… kann ich ewig hören.\\
+Nichts ist so, so wie es soll! Das kann ich, Freunde, schwören.
+
+\textit{Juri Julianowitsch Schewtschuk (DDT)}
+
+Es mag sein, dass ich bei der Übersetzung den Akzent von einer bedauernswerten
+Situation zu sehr auf die Menschen verschoben habe, aber sie sind schließlich
+das, worum es Wyssozki so oft geht.
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+---
+layout: post
+date: 2015-04-22 04:06:00
+tags: Aufsatz
+title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 1. Die Geburt der Tragödie
+teaser: |
+ <p>
+ Wie soll man mit einer Welt, aus der Gott ausgetrieben wurde und die Idee
+ einer sinnvollen Schöpfung erschüttert wurde, zurechtkommen? Wie soll man
+ das Leben in einer säkularisierten, von jeglichem Sinn befreiten Welt
+ ertragen, in einer Welt voller Grausamkeit, Demütigung, Verrat und Leid, in
+ einer Welt, wo alles Leben zum sinnlosen Sterben verurteilt ist? Auf der
+ Suche nach einer Antwort gelangt Nietzsche zur Kunst. In der Kunst offenbart
+ sich die menschliche Schaffenskraft, vielleicht kann sie einen wesentlichen
+ Beitrag zum Leben leisten.
+ </p>
+---
+\subsection{Einleitung}
+
+\epigraph{%
+[D]ie Kunst ist lang,\\
+Und kurz ist unser Leben.}
+{\textbf{Faust I\\Johann Wolfgang von Goethe}\footcite[20]{faust}}
+
+Heutzutage wird oft und intensiv über die Fortschritte der Wissenschaft
+gesprochen. Vieles, ohne was der moderne Mensch sein Leben nicht mehr vorstellen
+kann, verdankt er den wissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Zeit. Die
+Technik, die entwickelt wird, soll mehr Komfort in die Existenz des modernen
+Menschen bringen, sein Leben einfacher, erträglicher machen. Wenn man einen
+Blick in die Vergangenheit wirft, kann man sich schwer vorstellen, wie man vor
+einiger Zeit ohne Elektrizität und Maschinen leben konnte. Armut und schwere
+Arbeiten scheinen das Joch zu sein, unter dem das Leben zum Leid wird. Die
+industrielle Entwicklung, Instrumentalisierung der Forschungsergebnisse,
+Erschaffung der Maschinen haben dazu verholfen, dass diese Probleme gelöst
+wurden und das Leben auf ein anderes Niveau erhoben wurde.
+
+In Friedrich Nietzsches Aufzeichnungen aus den Jahren 1882–1883 findet sich
+ein Satz, der einen wissenschaftlichen Fortschritt zu einem Rückschritt macht:
+„Der wissenschaftliche Mensch hat Ein Loos mit dem Seildreher: er spinnt seinen
+Faden länger, geht aber dabei selber — rückwärts.“\footcite[105]{nietzsche:fragmente}
+Man bekommt den Eindruck, dass diese Aussage der Erfahrung unserer Zeit blind
+widerspricht. Wenn man jedoch das menschliche Glück nicht auf einen materiellen
+Luxus reduziert und in die Tiefe des menschlichen Seins schaut, wird man
+feststellen müssen, dass die eigentliche Problematik des menschlichen Seins von
+der Wissenschaft nicht einmal berührt wird. Die Tatsache, dass manche Mitglieder
+moderner Gesellschaften psychologische Unterstützung brauchen oder sich sogar
+das Leben nehmen, zeigt eine tiefe Verzweiflung dieser Menschen am Leben, die
+zwar nicht immer gleich zu sehen ist, über die man aber nicht einfach
+hinwegschauen kann. Einem scheint etwas zu fehlen, ein Ziel, für welches man
+kämpfen kann. Wissenschaft kann aber diese geistliche Lücke nicht mit Inhalt
+füllen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist negativer Natur, die erschafft nichts
+Neues, sondern strebt an, das Vorhandene, die bereits gegebene Welt, zu
+analysieren. Es wird nichts Positives, absolut Neues erschaffen. Was aber ein
+Mensch braucht, um seine Existenz als sinnvoll zu erfahren, ist etwas Neues, ein
+Lebenssinn, etwas, was nicht in der materiellen Gegebenheit gefunden werden kann.
+Was die Sinngebung betrifft, kann man deswegen, wenn auch nicht von einem
+Rückschritt sprechen, so doch sagen, dass die Wissenschaft sich in dieser
+Hinsicht nicht von der Stelle rührt. Eine solche existenzielle Problemstellung
+kann aber philosophisch angegangen werden, da man philosophische Fragestellungen
+nicht auf die wissenschaftlichen reduzieren kann. Nietzsche sieht die Versuche,
+die seit Kant unternommen werden, Philosophie nur als eine Wissenschaft zu
+verstehen, als eine Fehlentwicklung. So nimmt er 1884 Bezug auf die deutsche
+Universitätsphilosophie: „Wenn Kant die Philosophie zur ‚Wissenschaft‘ reduzieren
+wollte, so war dieser Wille eine deutsche Philisterei: an der mag viel Achtbares
+sein, aber gewiß noch mehr zum Lachen.“\footcite[133]{nietzsche:fragmente}
+
+Dieses Verhältnis von der Philosophie und Wissenschaft wird sehr oft auf den
+Kopf gestellt: Alles Philosophieren sei ein sinnloses Unternehmen, Philosophie
+beschäftige sich mit Fragen, die nicht beantwortet werden können, es gebe seit
+mehr als zwei Jahrtausenden keinen Fortschritt. Klaus Kornwachs schreibt:
+„Philosophie stellt seit zwei Jahrtausenden Fragen und die Antwortversuche
+stellen ihre Geschichte dar.“\footcite[7]{kornwachs:technik}Und die
+gestellte Frage ist bereits ein Schritt nach vorne.
+
+Friedrich Nietzsche war sich dieser existenziellen Problematik sehr wohl bewusst,
+ihm war es auch klar, dass für die von der Wissenschaft entzauberte Welt die
+bisherigen Antwortversuche nicht mehr zufriedenstellend waren. Im Herbst 1881
+ruft er aus: „Wie tief-fremd ist uns die durch die Wissenschaft entdeckte
+Welt!“\footcite[97]{nietzsche:fragmente} Wie soll man mit einer Welt, aus
+der Gott ausgetrieben wurde und die Idee einer sinnvollen Schöpfung erschüttert
+wurde, zurechtkommen? Wie soll man das Leben in einer säkularisierten, von
+jeglichem Sinn befreiten Welt ertragen, in einer Welt voller Grausamkeit,
+Demütigung, Verrat und Leid, in einer Welt, wo alles Leben zum sinnlosen Sterben
+verurteilt ist?
+
+Auf der Suche nach einer Antwort gelangt Nietzsche zur Kunst. Er bemüht sich
+sogar aus seinem eigenen Leben ein Kunstwerk zu erschaffen: „Der junge Nietzsche,
+der auf der inneren Bühne der Tagebücher dem eigenen Leben Bedeutung verleihen
+möchte, bewundert jene Genies, die nicht nur nach innen, sondern auch fürs
+Publikum zu Darstellern ihres Selbst, zu Autoren des eigenen Lebens werden
+konnten.“\footcite[25]{safranski:biographie} In der Kunst offenbart sich
+die menschliche Schaffenskraft, vielleicht kann sie einen wesentlichen Beitrag
+zum Leben leisten.
+
+Nietzsches Haltung zur Kunst war im Laufe seines Lebens bei weitem nicht
+konstant. Er revidierte und entwickelte seine Ansichten weiter. Alles fängt
+dennoch mit dem am 2. Januar 1872\footcite[Vgl.][11]{ries:geburt}
+erschienenen Buch „Die Geburt der Tragädie aus dem Geiste der Musik“ an, das
+„innerhalb seines Gesamtwerkes eine herausragende
+Position“\footcite[11]{ries:geburt} einnimmt.
+
+\subsection{Die Geburt der Tragödie}
+
+Im Bezug auf „Die Geburt der Tragödie“ spricht Wiebrecht Ries von der Geburt
+Nietzsches Philosophie, die sich in diesem Buch ereignet.\footcite[7]{ries:geburt}
+Es ist aber bemerkenswert, dass das kein philosophisches Werk, sondern ein
+philologisches ist. Nietzsche wurde früh ohne Promotion und Habilitation als
+Professor für klassische Philologie berufen und hatte die Absicht, mit einer
+schriftlichen Arbeit zu beweisen, dass er seine Berufung verdient
+hat.\footcite[Vgl.][52]{safranski:biographie} Trotzdem scheint Nietzsche sich
+mit der Zeit immer mehr der Philosophie zuwenden zu wollen. So bewirbt er sich
+vermutlich im Jahre 1871 um Lehrstuhl für Philosophie in
+Basel.\footcite[Vgl.][183]{hayman:biographie} Diese innere Spannung, in der
+er sich damals befand, spiegelt sicht auch in der „Geburt der Tragödie“ wider.
+So, während Ronald Hayman hervorhebt, dass das Werk „unbestritten brillant“ sei,
+charakterisiert er es zugleich als „die Mischung von Philosophie und
+dichterischen Parodoxon mit der klassischen Philologie“.\footcite[183]{hayman:biographie}
+
+Nicht nur Nietzsches Kritiker heben die Bedeutung der „Geburt der Tragödie“
+hervor,\footcite[Vgl.][12]{ries:geburt} sondern auch Nietzsche
+selbst kommt in seinen späteren Jahren immer wieder auf sein Erstlingswerk
+zurück. 1886 läßt er eine zweite Ausgabe erscheinen, wobei wenn die
+ursprüngliche Überschrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“
+lautete, die Neuausgabe mit dem Titel „Die Geburt der Tragödie. Oder:
+Griechenthum und Pessimismus“ versehen wurde.\footcite[Vgl.][326]{groddeck:geburt-in-ecce}
+Außerdem wurde der zweiten Ausgabe noch eine Vorrede, die mit „Versuch der
+Selbstkritik“ betitelt wurde, vorangestellt.\footcite[Vgl.][11--22]{nietzsche:geburt}
+Eine weitere Reflexion Nietzsches über sein Frühwerk findet man in „Ecce homo“
+im Kapitel „Die Geburt der Tragödie“.\footcite[Vgl.][309--315]{nietzsche:ecce-homo}
+Unabhängig davon, wie man diese Bezugnahmen Nietzsches auf seine erste Schrift
+bewertet, scheint sie für ihn niemals ganz an Bedeutung verloren zu haben.
+
+Wie der Titel des Buches unschwer erraten lässt, handelt es sich um die Geburt
+beziehungsweise Entstehung der Tragödie und zwar der griechischen. Nietzsche
+greift aus der griechischen Mythologie zwei Gottheiten heraus, die zwei
+grundlegende Mächte des Seins symbolisieren, und entwickelt seine Theorie von
+dem Aufstieg und Niedergang der attischen Tragödie: „An ihre [der Griechen]
+beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntnis, dass
+in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen,
+zwischen Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der
+Musik, als der des Dionysus, besteht“.\footcite[25]{nietzsche:geburt}
+
+\subsubsection{Zwei Vorträge über die griechische Tragödie}
+
+„Die Geburt der Tragödie“ ist nicht die erste Arbeit, in der sich Nietzsche mit
+dem dort behandleten Themenspektrum auseinandersetzt. 1870 hat Nietzsche zwei
+Vortrage in Baseler Museum gehalten: einen am 18. Januar über „Das griechische
+Musikdrama“ und den anderen am 1. Februar über „Socrates und die griechische
+Tragödie“.\footcite[Vgl.][29 f]{ries:geburt} „In ihnen ist die
+Gesamtkonzeption der Tragödienschrift bereits vorgebildet, die Entstehungs- und
+Verfallstheorie der Tragödie im Rahmen des Verhältnisses von Kunst und
+Kultur.“\footcite[29]{ries:geburt}
+
+Im Vortrag „Das griechische Musikdrama“ entwickelt Nietzsche in Anlehnung an ein
+Werk der zeitgenössischen Altphilologie, „Geschichte der griechischen Literatur“
+von Karl Otfried Müller, die Auffassung, dass die griechische Tragödie aus dem
+Dionysoskult entstanden ist. Dionysische Feste treiben die feiernden Menschen
+bis zum Exzess, ins Maßlose, sodass principium individuationis durchbrochen wird
+und der Mensch sich als Individuum in der Menge verliert und sich in ihr auflöst.
+Wie in einem ekstatischen Rausch glauben die dionysischen Schwärmer, die dieses
+Ganze, diese verschmolzene Einheit bilden, dieselben Visionen zu sehen. Am Ende
+eines Festes kommt allerdings die Zeit, dass alle wieder ihre alte Gestalt
+annehmen. Und für dieses Stadium hatte der Grieche die Tragödie nötig, die das
+Ritual war, das den Übergang in die Vereinzelung weniger gefährlich
+machte.\footcite[Vgl.][52 f]{safranski:biographie}
+
+Der oben geschilderte Vorgang dionysischer Feste ist die Grundlage oder Urbild
+dessen, was im griechischen Musikdrama geschieht. Nietzsche sieht die
+Festlichkeit als Bestandteil der Kunst überhaupt, so notiert er 1880:
+
+\begin{quote}
+„Einstmals muß die Kunst der Künstler ganz in das
+Festebedürfniß der Menschen aufgehen: der einsiedlerische und sein Werk
+überhauptausstellende Künstler wird verschwunden sein: sie stehen dann in der
+ersten Reihe derer, welche in Bezug auf Freuden und Feste erfinderisch
+sind.“\footcite[58]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Das entscheidende Element des attischen Theaters ist der Chor, der ursprünglich
+der Satyrchor war. Während die Helden, die den dionysischen Schwärmern entstammen,
+auf der Bühne untergehen, bleibt der Chor immer bestehen, sodass die Helden als
+eine Vision des Chors vorgestellt werden. Das Singen des Satyrchors, die Musik,
+erzeugt also die Stimmung eines dionysischen Festes, in der die Menschen
+miteinander verschmelzen, und auch das Publikum wird von der Gewalt der Musik
+verschlungen. Die Protagonisten lösen sich aus dem Chor und, indem sie als
+Einzelne auftreten, erzeugen sie „lebende
+Dissonanz“,\footcite[Vgl.][54]{safranski:biographie} wonach sie wieder im Chor aufgehen.
+
+Das wesentliche Element der griechischen Tragödie sieht Nietzsche demzufolge in
+der Musik. Rüdiger Safranski bemerkt in diesem Zusammenhang, dass die Tragödie
+das Verhältnisbvon Musik und Wort symbolisiert: „Das Wort ist Mißverständnissen
+und Fehldeutungen preisgegeben, es kommt nicht aus dem Innersten und es reicht
+nicht bis dorthin.“\footcite[54]{safranski:biographie} Es ist also
+die Musik, die uns die Erkenntnis über die innersten Strukturen der Welt
+erschließt und nicht das Wort, nicht der Logos. Der Protagonist, der mit Worten
+operiert, geht im singenden Chor auf. Aus diesem Gedanken über die Macht der
+Musik über dem Wort fließt unmittelbar die Idee des zweiten Vortrages über
+„Socrates und die griechische Tragödie“. Sokrates war bekanntlich derjenige, der
+den Menschen den Glauben eingepflanzt hat, dass die Welt intelligibel ist, dass
+man die Wirklichkeit rational erkennen und erforschen kann. Die Vorstellung, die
+man vom Sein hat, wird viel oberflächlicher, das Unbewusste wird ausgegrenzt,
+man taucht nicht mehr in die Seinsabgründe, sondern man begnügt sich mit
+ausgedachten Begriffen, die darauf angewendet werden. Der Optimismus bahnt sich
+den Weg, die Hoffnung, das die dunklen Lebensmächte sich rational aufhellen und
+dann lenken lassen. „Denken und Sein sind keinesfalls dasselbe. Das Denken muß
+unfähig sein, dem Sein zu nahen und es zu packen.“\footcite[20]{nietzsche:fragmente}
+Diese Vereinfachung des Weltbildes beeinflusst unmittelbar die Tragödie. Sie
+wird dem Tod überlassen. Am Ende des Vortrages erwähnt Nietzsche allerdings,
+dass die Tragödie wiedergeboren werden kann.\footcite[Vgl.][55 f]{safranski:biographie}
+
+Wenn der erste Vortrag sich noch in Grenzen der damaligen altphilologischen
+Forschung bewegt, so ist der zweite, der nahezu vollständig in die „Geburt der
+Tragödie“ übernommen wurde,\footcite[Vgl.][30]{ries:geburt} für
+die Altphilologie so provokativ, dass Nietzsche sich bemüht, dass sein Lehrer
+Friedrich Ritschl, dem er seine erste Professur verdankt,\footcite[Vgl.][137 f]{hayman:biographie}
+nichts von dem Vortrag erfährt.\footcite[Vgl.][55]{safranski:biographie}
+
+\subsubsection{Schopenhauer und Wagner}
+
+Aus zwei Vorarbeiten zur „Geburt der Tragödie“ lässt es sich auf zwei Figuren
+schließen, deren Einfluss auf die frühen Einsichten Nietzsches, was die Kunst
+betrifft, maßgeblich war. Es sind Arthur Schopenhauer und Richard Wagner.
+
+Die zentrale Unterscheidung der nietzscheanischen Metaphysik zwischen dem
+Apollinischen und dem Dionysischen geht auf Arthur Schopenhauer zurück, genauer
+gesagt auf sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“, das Nietzsche
+fast zufällig, vermutlich Ende Oktober 1865, kennenlernte.\footcite[Vgl.][99 f]{hayman:biographie}
+Er übernimmt Schopenhauers Ideen, modifiziert sie und formt sie um. Was
+Nietzsche das Dionysische nennt, ist der Wille bei Schopenhauer; das Apollinische
+ist die Vorstellung.\footcite[Vgl.][17 f]{ries:geburt} Nach
+Schopenhauer ist der Wille, genauso wie das dionysische Element bei Nietzsche,
+eine absolute Einheit und absolute Negativität, weil er der unvernünftige Grund
+der Welt ist, der im ewigen Werden und so die Ursache alles Leidens
+ist.\footcite[Vgl.][19]{schulz:function-and-place}Die reinen Formen der
+Sinnlichkeit, Raum und Zeit im Zusammenspiel mit der Kategorie der Kausalität
+verursachen, dass das Seiende in einzelne Gestalten zerfällt und als eine
+objektive Welt vorgestellt wird.\footcite[Vgl.][1]{boening:metaphysics-art-lang}
+Daher ist die Bezeichnung „Vorstellung“.
+
+Auch die hohe Schätzung der Kunst und besonders der Musik findet man bei Schopenhauer
+wieder. Schopenhauer greift auf den platonischen Begriff der Idee zurück. Die Ideen
+sind jedoch nicht in einem ideellen Reich verankert, sondern sie werden in der Kunst
+erst erzeugt. So erschafft die Kunst eine andere Welt, die eine gewisse Ruhe vom Werden
+aufweist.\footcite[Vgl.][19 f]{schulz:function-and-place} Die Musik nimmt eine Sonderstellung
+in diesem Modell ein. Sie rührt an das Wesen des Seins. Sie hat den gleichen Wert
+wie die erscheinende Welt selbst. Wenn ein malerisches Kunstwerk „sekundäre“ Qualität
+hat, da es nur die Abbildung einer Erscheinung, der Welt, ist, hat die Musik den gleichen
+Rang mit der erscheinenden Welt, weil die Musik die Abbildung des Wesens der Welt,
+des Willens, selbst ist.\footcite[Vgl.][231]{boening:metaphysics-art-lang} Nietzsche
+misst der Musik allerdings noch mehr Bedeutung bei, als dies Schopenhauer tut, denn
+sie wird bei dem Ersteren nicht bloß als „‚Quietiv‘, sondern \textit{Stimulans}
+des Lebens“\footcite[18]{ries:geburt} verstanden.
+
+Seit 1868 kannten Nietzsche und Wagner einander persönlich.\footcite[Vgl.][523]{hayman:biographie}
+Schopenhauer war gewissermaßen ein Bindeglied zwischen diesen beiden, da Wagner auch
+von der schopenhauerschen Philosophie inspiriert war, und zwar lebenslang, im Gegensatz
+zu Nietzsche, der sich mit der Zeit sowohl von Schopenhauer als auch von Wagner distanzierte.\footcite[Vgl.][20]{ries:geburt}
+Wenn Nietzsche am Ende seines Vortrages über Sokrates, der die Schuld daran trägt,
+dass die griechische Tragödie zugrunde geht, eindeutet, dass die Hoffnung auf die
+zweite Geburt oder Wiedergeburt der Tragödie besteht, so verweist er eindeutig auf
+Richard Wagner als den, der den Prozess dieser Wiedergeburt in Gang setzen kann.\footcite[Vgl.][56]{safranski:biographie}
+
+Wie die Tragödie aus dem Geiste der Musik geboren werden soll, lässt sich aus Wagners
+Konzeption des Gesamtkunstwerkes und der absoluten Musik erklären. Zur Zeit Wagners
+wurde die Musik als selbständige Kunstgattung gesehen, was nicht immer der Fall war.
+Bis Ende des 18. Jahrhunderts war man oft der Auffassung, dass sie nur eine begleitende
+Komponente zum Text darstellt, der Affektäußerung dient und keinen eigenständigen
+Wert hat. Deswegen musste sich die instrumentelle Musik, die sich auf keinen Text
+stützte, gegen diese Betrachtungsweise wehren, um nicht als sinnlos zu gelten.\footcite[Vgl.][158 f]{bruse:gesamtkunstwerk}
+Demzufolge kann man die Tatsache, dass der Musik bei Schopenhauer und Nietzsche eine
+herausragende gegenüber den anderen Kunstgattungen Rolle, zukommt, auch als eine Folge
+dieses Kampfes innerhalb der Ästhetik ansehen. So hat man eine an sich „bedeutungslose
+Tonfolge“ in eine Kunst umgewandelt, die viel tiefgründiger als alle anderen Künste ist:
+
+\begin{quote}
+„Im Verhältniß zur Musik ist alle Mittheilung durch
+Worte von schamloser Art; das Wort verdünnt und verdummt; das Wort entpersönlicht:
+das Wort macht das Ungemeine gemein.“\footcite[219]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Das Verhältnis zwischen der Musik und dem Wort ist nicht mehr, dass die Musik ohne
+Text ihren Wert verliert, sondern dass der Text nur eine mögliche Deutung einer musikalischen Komposition ist.
+
+Wagner hat selber die Instrumentalwerke zunächst dem Drama untergeordnet: Ohne dazugehöriges
+Bühnengeschehen verliere die instrumentelle Musik ihre inhaltliche Füllung. Um so
+eine von anderen Künsten (beispielsweise Dichtung, szenische Handlung) und vom Gesamtkunstwerk
+losgelöste Musik zu bezeichnen, gebrauchte er den Begriff „absolute Musik“. Nachdem
+Wagner jedoch Schopenhauers Anhänger wird, ändert er diese Konzeption. Die Musik äußert
+jetzt das eigentliche Wesen der Handlung und nicht erst durch diese sinnvoll wird.
+Die Idee der absoluten Musik, die bei Nietzsche autonom ist, liegt dionysischer Musik
+zugrunde.\footcite[Vgl.][158--160]{bruse:gesamtkunstwerk} Dass die Musik nicht an eine
+konkrete Interpretation gebunden ist, zeigt Nietzsche am Beispiel des Volksliedes.
+Konstituierendes Element des Volksliedes ist die „ursprüngliche Melodie“, die mit
+verschiedenen Texten versehen werden kann. Kein Text kann die „Weltsymbolik“ der Musik
+vollständig zum Ausdruck bringen.\footcite[Vgl.][48 f]{nietzsche:geburt}
+
+\begin{quote}
+„In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die
+Sprache auf das Stärkste angespannt, die Musik nachzuahmen.“\footcite[49]{nietzsche:geburt}
+\end{quote}
+
+Das Wort erleidet die Gewalt der Musik und sucht sie nachzuahmen, aber mehr vermag
+es nicht. Der Text wird aus der Melodie geboren:
+
+\begin{quote}
+„Wer eine Sammlung von Volksliedern z.B. des Knaben
+Wunderhorn auf diese Theorie hin ansieht, der wird unzählige Beispiele finden, wie
+die fortwährend gebärende Melodie Bilderfunken um sich aussprüht: die in ihrer Buntheit,
+ihrem jähen Wechsel, ja ihrem tollen Sichüberstürzen eine dem epischen Scheine und
+seinem ruhigen Fortströmen wildfremde Kraft offenbaren.“\footcite[49]{nietzsche:geburt}
+\end{quote}
+
+Aus demselben Geiste der Musik, aus dem die Volksdichtung geboren wird, wird auch die attische Tragödie geboren.
+
+\subsubsection{Das Apollinische und das Dionysische}
+
+Schon öfter wurden Apollo und Dionysus erwähnt, auf die Nietzsche als Vertreter zweier
+Götterwelten der Griechen greift, die nach Auffassung der Romantik, die „zur Zeit
+Nietzsches als kanonisch galt“,\footcite[40]{ries:geburt} in
+einem Gegensatz zueinander stehen. Einerseits ist das die olympische, mit der Dichtung
+Homers verbundene Religion mit ihren leuchtenden Göttern (Zeus, Apollo, Athene),\footcite[Vgl.][40]{ries:geburt}
+andererseits die chthonische, die „eine ältere Schicht der griechischen Religion als
+Glauben an die dunkle Mächte der Erdtiefe, wie er in der Dichtung Hesiods sichtbar
+wird an den Töchtern der Nacht, den Erinyen, den weiblichen Todesgöttinnen (Kore,
+Demeter, Persephone)“,\footcite[40--41]{ries:geburt} ist. Nietzsche
+verwendet jedoch die Namen der beiden Götter sehr oft adjektivisch: apollinisch und
+dionysisch. Daraus lässt sich schließen, dass jedes dieser Adjektive ein Sammelbegriff
+für ein Bündel von Eigenschaften ist. Genauso wie die Griechen selbst sich ihrer Götter
+bedient haben, um die mysteriöse, unbekannte Seite der Natur zu entschärfen, indem
+man die natürlichen Erscheinungen mythisch erklärt, bedient sich Nietzsche dieser
+zwei Göttergestalten, um zwei verschiedene Aspekte des Seins zu beschreiben. Diese
+Aspekte stehen in einem Widerstreit miteinander, in welchem sie „durch einen metaphysischen
+Wunderakt des hellenischen ‚Willens‘“\footcite[25]{nietzsche:geburt} die attische Tragödie gebären.
+
+Apollo ist für Nietzsche nicht nur bloß der Sonnengott, sondern Nietzsche spielt mit
+dem Begriff der Sonne, die scheint, und Apollo wird aus dem scheinenden Gott der Gott
+des Scheines. Der Schein hat eine gestaltende Funktion, er bringt die Schönheit der
+Formen, die er erzeugt, mit sich.\footcite[Vgl.][26 ff]{nietzsche:geburt} Dieser
+freie Umgang mit dem Mythos hat bereits am Anfang des Textes einen Anlass zur Kritik
+seitens der Philologen gegeben. So verfasst Dr.\ phil.\ Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf
+Pamphlet „Zukunftsphilologie!“. Nachdem Nietzsches Freunde, Erwin Rohde und Richard
+Wagner, versucht haben, Nietzsches Schrift gegen die Angriffe zu verteidigen, veröffentlicht
+Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf einen zweiten Teil. Im ersten Teil, im Bezug auf
+Apollo als den Gott des schönen Scheins, schreibt er: „es gehörte freilich eine gewaltige
+‚tapferkeit‘ dazu, aus Apollon, der ‚seiner wurzel nach der scheinende ist‘. (5) auf
+dem wege des kalauers den ‚gott des scheins‘, d.h.\ des scheins des scheins, ‚der
+höhern wahrheit des traumes gegenüber der lückenhaft verständlichen tageswirklichkeit‘
+zu machen!“\footcite[34]{zukunftsphilologie}
+
+Dionysus symbolisiert dagegen die entgegengesetzte Kraft. Von Lust und orgiastischen
+Trieben gelenkt schafft sie nichts, sondern ist darum bemüht den Schein zu zerstören,
+jede Ordnung zunichte zu machen, in den Urzustand einer ungeordneten Einheit zu bringen.\footcite[Vgl.][28 ff]{nietzsche:geburt}
+Die eigentliche Äußerung findet das Dionysische in der Musik, wobei Nietzsche wiederum
+von der dorischen Musik als von der apollinischen spricht.\footcite[Vgl.][33]{nietzsche:geburt}
+K. O. Müller folgend stellt Nietzsche auf diese Weise der dorischen, apollinischen
+Musik den dionyischen Dithyrambus entgegen.\footcite[Vgl.][47 f]{ries:geburt}
+
+Dennoch ist die Kunst nur als Produkt dieses Kampfes von Entstehen und Vergehen möglich.
+So spricht Nietzsche im Bezug auf das Apollinische und Dionysische vom „Urwiderspruch“.\footcite[Vgl.][70]{nietzsche:geburt}
+Des weiteren wendet sich Nietzsche an Euripides mit den Worten: „Und weil du Dionysus
+verlassen, so verliess dich auch Apollo“.\footcite[75]{nietzsche:geburt}
+Wenn jemand den Einen verlässt, so entkommt ihm auch der Andere.
+
+Man muss auch in Betracht ziehen, dass der junge Nietzsche einen sehr breiten Kunstbegriff
+hat. Es sind nicht die physikalischen Gesetze, die die die Welt und alles Leben konstituieren,
+vielmehr sind es die beiden Mächte, das Apollinische und Dionysische. „[D]ie Welt
+selbst ist nichts als Kunst“.\footcite[183]{nietzsche:fragmente} Indem
+Nietzsche die Welt als „sich selbst gebärende[n] Kunstwerk“\footcite[182]{nietzsche:fragmente}beschreibt,
+entwirft er eine „Artisten-Metaphyisk“.\footcite[Vgl.][182]{nietzsche:fragmente}
+
+Alles ist in der Welt im Werden, alles kommt und vergeht, jedes Seiende entsteht,
+um sich schließlich im Nichts spurlos aufzulösen. Das eigentliche Wesen, der erste
+Grund der Welt ist das Leid, der Urschmerz. Dies macht verständlich, warum Nietzsche
+im „Versuch einer Selbstkritik“ die Auffassung in Frage stellt, dass der Optimismus
+ein Zeichen der Blütezeit ist. Vielmehr war der mit dem Namen Sokrates verbundene
+Optimismus und die Hoffnung, die Welt vernünftig erkennen zu können, ein Symptom einer
+unheilbaren Krankheit, ein Todeszeichen. Was die Kunst fordert, ist nicht der Optimismus,
+sondern der Pessimismus.\footcite[Vgl.][12 f]{nietzsche:geburt} Das Sein selbst
+ist also in seinem Innersten untrennbar mit Pessimismus verbunden und das ist das
+Faktum, das nicht „das Erspriesslichste“ für den Menschen ist. Nietzsche gibt die
+alte Sage wieder, nach der der König Midas den weisen Silen aufsucht, um ihn zu fragen,
+was für den Menschen das Allerbeste sei. Der Silen antwortet darauf: „Das Allerbeste
+ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu
+sein. Das Zweitbeste aber ist für dich — bald zu sterben.“\footcite[35]{nietzsche:geburt}
+Wie kann man angesichts dieses Grauens noch die menschliche Existenz rechtfertigen?
+Wie kann man es ertragen, jeden Morgen die Augen zu öffnen? Das ist der Augenblick,
+an dem das Apollinische, „das entzückte Verharren vor einer erdichteten und erträumten
+Welt“,\footcite[180]{nietzsche:fragmente} ins Spiel kommt. Um die Wirkung
+der Schönheit des Scheins auszudrücken, haben die Griechen die olympischen Götter
+erdichtet, „[u]m leben zu können“\footcite[36]{nietzsche:geburt}
+mussten die Bewohner des Olymps ins Dasein gerufen werden. „So rechtfertigen die Götter
+das Menschenleben, indem sie es selbst leben.“\footcite[36]{nietzsche:geburt}
+
+Außer dem oben erwähnten Gegensatz zwischen der Kunst des Bildners und der der Musik
+verwendet Nietzsche noch ein weiteres Gleichnis, um das Wesen des Apollinischen und
+des Dionysischen näher zu bestimmen, und zwar spricht er vom Traum und Rausch.\footcite[26]{nietzsche:geburt}
+Die Welt, wie sie uns vor unseren Augen erscheint, erscheint eben nur so, an sich
+ist sie „eine einzige ununterschiedene Flut“.\footcite[216]{boening:metaphysics-art-lang}
+In Dionysus, wie unter der Wirkung des Rausches, taucht der Mensch in die Selbstvergessenheit
+ein, die Grenzen des Individuellen verschwimmen immer mehr, bis sie verschwinden.
+Auf der anderen Seite dieses Ur-Eine selbst, in dem alles Seiende wurzelt und aus
+dem Alles hervorgeht, träumt die Welt durch den Menschen und ist somit selbst der
+Grund für die Erscheinung. Das ist der Unterschied zu Schopenhauers System, dem die
+Prinzipien des Dionysischen und des Apollinischen entnommen sind. „Für Schopenhauer
+bewirken die reinen Formen der Anschauung, Raum und Zeit, als das ‚principium individuationis‘
+die Zerteilung alles für uns Seienden in die Vereinzelung“.\footcite[216]{boening:metaphysics-art-lang}
+Es ist also nicht der Wille selbst, wie es bei Nietzsche der Fall ist.\footcite[Vgl.][217]{boening:metaphysics-art-lang}
+
+\subsubsection{Entstehung und Verfall der griechischen Tragödie}
+
+\epigraph{Die tragische Kunst, an beiden Erfahrungen reich, wird
+als Versöhnung des Apoll und Dionysos bezeichnet: der Erscheinung wird die tiefste
+Bedeutsamkeit geschenkt, durch Dionysos: und diese Erscheinung wird doch verneint
+und mit Lust verneint.}
+{\textit{Herbst 1885 -- Herbst 1886}\\
+\textbf{Friedrich Nietzsche}\footcite[181]{nietzsche:fragmente}}
+
+Nietzsche hat die tragische Kunst als Gegenstand seiner Betrachtung ausgewählt, weil
+sie die Tragik des Lebens wiedergibt. Alles Leben dreht sich selbst im ewigen Kreis
+von Werden und Vergehen, und es hat ihren Ursprung in der Duplizität des Apollinischen
+und Dionysischen genauso wie die griechische Tragödie. Die Griechen konnten die beiden
+Gegensätze in der Tragödie vereinigen und miteinander versöhnen.\footcite[Vgl.][56]{ries:geburt}
+Die Entstehung der Tragödie ist nicht so wichtig in historischer Hinsicht wie für
+die Beschreibung dessen, wie die Kunst überhaupt „geboren“ wird.
+
+Als Vorbild eines Tragödiendichters wählt Nietzsche Archilochus, der uns „durch die
+trunknen Ausbrüche seiner Begierde“\footcite[43]{nietzsche:geburt}
+erschreckt, er ist also ein dionysischer Dichter. Sein Verdienst ist, dass er das
+Volkslied in die Literatur eingeführt hat, wobei das Volkslied dadurch, dass sie als
+„ursprüngliche Melodie“ verstanden, eine metaphysische Bedeutung bekommt.\footcite[Vgl.][48 f]{nietzsche:geburt}„
+Hier folgt Nietzsche Schopenhauer, für den es innerhalb der Musik die Melodie ist, die
+als tonaler Zusammenhang dem ‚Willen‘ am nächsten kommt.“\footcite[67]{ries:geburt}
+
+Wie Nietzsche bereits in seinem Vortrag „Die griechische Musikdrama“ erläutert, ist
+die attische Tragödie aus dem Chor entstanden und war „nur Chor und nichts als Chor“.\footcite[52]{nietzsche:geburt}
+Der Chor ist wiederum ein dionysisches Element, weil Nietzsche ihn „Satyrchor“\footcite[Vgl.][55]{nietzsche:geburt}
+bezeichnet, es wurde also vorgestellt, dass er aus den mythischen Wesen, die Dionysus
+begleiteten, besteht. Auch das Thema der Tragödie war nichts anderes als Dionysus
+und die Darstellung seiner Leiden. Nietzsche erblickt hier aber etwas, was er „metaphysischen
+Trost“ nennt, und zwar besteht dieser Trost darin zu sagen, dass das Leben trotz allem
+„unzerstörbar mächtig und lustvoll sei“.\footcite[56]{nietzsche:geburt}
+Wiebrecht Ries bemerkt dazu, dass der metaphysiche Trost nicht der griechischen Tragödie
+entstammt, sondern vielmehr Nietzsches Lebensphilosophie. Nietzsche wendet sich im
+Grunde gegen den Pessimismus von Schopenhauer und behauptet das Leben als etwas Lustvolles,
+etwas, was gerechtfertigt werden kann.\footcite[Vgl.][70]{ries:geburt}
+
+An der Stelle, an der Nietzsche über das Volkslied spricht, redet er über den Prozess
+einer Entladung der Musik in Bildern.\footcite[Vgl.][50]{nietzsche:geburt}
+Wie ich bereits erwähnt habe, hat das Bild gegenüber der Musik eine sekundäre Stellung,
+einerseits hilft es bei der Deutung der Musik, andererseits ist die Gewalt der Musik,
+deren Klang aus dem tiefsten Grund der Welt stammt, so gewaltig, dass sie eine Entladung
+im Bild nötig hat, sie muss besänftigt werden.\footcite[Vgl.][67 f]{ries:geburt}
+Für Nietzsche wird der Prozess der Entladung in der Tragödie nachvollziehbar: Das
+Geschehnis der Tragödie wird in der Handlung entladen. Das ist eine Parallele zu dionysischen
+Festen: Am Ende des Festes war genauso die Entladung in der tragischen Handlung vonnöten,
+um in das tägliche, individuelle Leben zurückzukehren.
+
+Es ist wichtig anzumerken, dass es eben um ein Geschehnis, genauer gesagt um ein Erlebnis
+geht. Es gibt einen Unterschied zwischen dem erzählten, ewigen (zeitlosen) Epos und
+der Tragödie als Drama, die erlebt wird. Der Chor sieht die göttlichen, dionysischen
+Visionen; die Zuschauer sind keine Zuschauer, sondern Zeugen; die Helden, „alle die
+berühmten Figuren der griechischen Bühne Prometheus, Oedipus u.s.w.\ [sind] nur Masken
+jenes ursprünglichen Helden Dionysus [\dots]“.\footcite[71]{nietzsche:geburt}
+Die Tragödie wird nicht einfach gespielt, sondern immer neu erlebt.\footcite[Vgl.][71--73]{ries:geburt}
+Dies erklärt unter Anderem, wieso Nietzsche im „Versuch einer Selbstkritik“ schreibt,
+dass „Die Geburt der Tragödie“ ein Buch für die Künstler ist, es ist ja „aus lauter
+vorzeitigen übergrünen Selbsterlebnissen“\footcite[13]{nietzsche:geburt}
+aufgebaut. Es reicht nicht, etwas über die Kunst zu lesen oder sie zu besprechen.
+Allein die Selbsterlebnisse haben das entscheidende Gewicht. Es ist ein Buch, die
+für diejenigen geeignet sind, die mit Nietzsche gleichgesinnt sind, „für Künstler
+mit dem Nebenhange analytischer und retrospektiver Fähigkeiten“.\footcite[13]{nietzsche:geburt}
+
+Der Verfall der Tragödie fängt mit Euripides an, „der die vernunftgeprägte Weltverhaltung
+in der Tragödiendichtung und dann in der Kunst überhaupt — wesenswidrig — zur Herrschaft
+gebracht haben soll“.\footcite[238]{boening:metaphysics-art-lang} Während Ulrich
+von Wilamowitz-Möllendorff den alleinigen Grund Nietzsches Argumentation gegen Euripides
+darin sieht, dass Nietzsche mit einem maßlosen Hass gegen den Dichter, „welcher nächst
+Homer dem gesamten altertum teuer und vertraut war“,\footcite[48]{zukunftsphilologie}
+erfüllt war, betrachtet W. Ries diese Entgegenstellung eines wahren, dionysischen
+Tragikers, Archilochus, und „frevelndes“\footcite[Vgl.][74]{nietzsche:geburt}
+Euripides als Teil einer Strategie. Nietzsche zielt damit auf die Gegenwartskritik
+ab.\footcite[Vgl.][92]{ries:geburt} Hier kommt „der tiefe Hass gegen
+‚Jetztzeit‘, ‚Wirklichkeit‘ und ‚moderne Ideen‘“\footcite[21]{nietzsche:geburt}
+zum Ausdruck. Die Kritik wird von Nietzsches Zeit auf die Antike projiziert, das idealisierte
+sechste Jahrhundert wird hervorgehoben und der Zeit des Verfalls, dem dritten und
+vierten Jahrhundert entgegengestellt.\footcite[91 f]{ries:geburt}
+
+Aus dem Euripides spricht weder Dionysus noch Apollo, sondern „ein ganz neugeborner
+Dämon, genannt Sokrates“.\footcite[83]{nietzsche:geburt} Im Folgenden
+entwickelt Nietzsche das Bild eines theoretischen Menschen, dessen Hauptvertreter
+Sokrates ist. Der theoretische Mensch ist auch um die Suche der Wahrheit bemüht, um
+das Erkennen des Innersten des Seins, aber er sucht die Wahrheit auf einem ganz anderen
+Wege. Anhand eigener Vernunft versucht der Theoretiker die kausalen Zusammenhänge
+in der Natur zu erkennen. Er vertieft sich immer weiter in die theoretischen Erkenntnisse
+mit dem Glauben (sogar wie Nietzsche sagt von der „Wahnvorstellung“ getrieben), „dass
+das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins
+reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu corrigiren
+im Stande sei“.\footcite[99]{nietzsche:geburt} Das Eintreten des theoretischen
+Menschen in die griechische Kultur kennzeichnet gleichzeitig den Tod der Tragödie
+und damit auch den Tod der Kunst überhaupt. Die Wissenschaft sucht auf der Oberfläche,
+nur in der apollinischen Erscheinung und reicht nicht bis zum dunklen Grund des Daseins,
+der sich einem in der Tragödie offenbart.
+
+Obwohl Nietzsche im „Versuch einer Selbstkritik“ schreibt, dass er „Hoffnungen anknüpfte,
+wo Nichts zu hoffen war, wo Alles allzudeutlich auf ein Ende hinwies“,\footcite[20]{nietzsche:geburt}
+sah er vor seiner Enttäuschung und dem Bruch mit Wagner in 1876\footcite[Vgl.][379]{safranski:biographie}
+ein Potenzial zur Wiedergeburt der Tragödie beziehungsweise zur Auferstehung der Kunst.
+Bereits am Anfang schrieb Nietzsche über seine Erfahrung, dass wir bei dem „höchsten
+Leben“ der Traumwirklichkeit „doch noch die durchschimmernde Empfindung ihres Scheins
+haben“\footcite[26]{nietzsche:geburt} und zur Bekräftigung seiner
+Worte auf Schopenhauer verwiesen hat, der behauptete, dass, wenn einem alle Dinge
+manchmal als bloße Phantome vorkommen, dies ein Kennzeichen philosophischer Befähigung
+ist.\footcite[Vgl.][26 f]{nietzsche:geburt}Eben Schopenhauer, der seinerseits
+an Kants Erkenntniskritik anknüpft, trägt der Wiedergeburt der Tragödie und der Kunst
+bei, indem er den „metaphysischen Erkenntnisoptimismus“ kritisiert.\footcite[Vgl.][113]{ries:geburt}
+Auch in der deutschen Musik, wie etwa „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner, lassen
+sich die Töne erkennen, die die Ketten der Erscheinung zerreißen und den Menschen
+zum finsteren Grund seiner Selbst und der Welt bringen.\footcite[Vgl.][114--116]{ries:geburt}
+Bezüglich Wagner findet man bei Nietzsche folgende Aufzeichnung aus dem Jahr 1871:
+
+\begin{quote}
+„Ich erkenne die einzige Lebensform in der griechischen:
+und betrachte Wagner als den erhabensten Schritt zu deren Wiedergeburt im deutschen
+Wesen.“\footcite[24]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+\subsubsection{Zeitgenössische Rezeption}
+
+Was ist von dieser Geschichte der griechischen Tragödie, wie sie von Nietzsche dargelegt
+wird, zu halten? Was hatte der Autor im Sinne als er dieses sein erstes Buch schrieb?
+Das ist im Grunde ein Werk, das ein philologisches Problem behandelt. Gleichzeitig
+wurde oben eine Vielfalt philosophischer Fragestellungen aufgezeigt, die der Autor
+untersucht. „Die Geburt der Tragödie“ enthält die Grundzüge der gesamten späteren
+Philosophie von Nietzsche. Die Themen, die er in der Tragödienschrift berührt, sind
+prägend für sein gesamtes Denken, sie werden wieder aufgegriffen und weiter
+entwickelt.\footcite[Vgl.][12]{ries:geburt}
+Es stellt sich aber die Frage, ob diese Idealisierung der griechischen Tragödie als
+eigentliche Kunst, ihr Verfall und Tod, der philologisch-historischen Realität entspricht,
+zumindest dem Wissensstand Nietzsches Zeit. Wilamowitz-Möllendorff hat Nietzsche und
+sein Werk „Geburt der Tragödie“ in seinem Aufsatz „Zukunftsphilologie!“ sehr scharf
+angegriffen. Nach dem Versuch Wagners, Nietzsche zu verteidigen, hat Wilamowitz-Möllendorff
+sogar eine Fortsetzung „Zukunftsphilologie! Zweites Stück\@. eine erwiderung auf die
+rettungsversuche für Fr. Nietzsches ‚Geburt der tragödie‘“ verfasst.\footcite[Siehe][]{streit-um-geburt}
+
+Bereits im Titel des zweiten Aufsatzes stehen die Begriffe, die es deutlich machen,
+wie Wilamowitz-Möllendorff als Philologe Nietzsches Werk bewertet. Nietzsche wurde
+nicht verteitigt, sondern man versuchte ihn zu „retten“ und er konnte trotz alledem
+nicht gerettet werden, weil es nur „Versuche“ waren. Im ersten Teil seiner Auseinandersetzung
+mit „Geburt der Tragödie“ wirft Wilamowitz-Möllendorff Nietzsche vor, Winckelmann,
+nie gelesen zu haben,\footcite[Vgl.][32]{zukunftsphilologie} Homer nicht zu
+kennen,\footcite[Vgl.][35]{zukunftsphilologie} Archilochus und die Geschichte
+der griechischen Musik gröblich zu verkennen\footcite[Vgl.][38]{zukunftsphilologie}
+und die Tragödie überhaupt, nicht zu kennen.\footcite[Vgl.][46]{zukunftsphilologie}
+
+Wilamowitz-Möllendorff veweist auf Winckelmann, der gezeigt hat, „wie die allgemeinen
+regeln wissenschaftlicher kritik auch für die geschichte der kunst, ja für das verständnis
+jedes einzelnen kunstwerks nötig seien, [\dots]“.\footcite[32]{zukunftsphilologie}
+Und der Ursprung des Missverständnisses zwischen Wilamowitz-Möllendorff und Nietzsche
+scheint eben in dieser „Wissenschaftlichkeit“ zu liegen. Wenn man den Text der Tragödienschrift
+sich anschaut, wird man feststellen, dass Nietzsche kaum die Quellen angibt, aus denen
+er das Material für seine Überlegungen schöpft, oder die Angaben sind sehr ungenau.
+An ein paar Stellen wird Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zitiert,
+die aber wohl nicht so aussagekräftig für eine philologische Forschung der attischen
+Tragödie ist, ansonsten werden einige moderne und antike Autoren erwähnt ohne genauere
+Angaben. Die Vernachlässigung der Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens ist
+kaum ein Zufall oder Unaufmerksamkeit Nietzsches. Der Grund liegt meines Erachtens
+darin, dass die primäre Zielsetzung beim Schreiben der Arbeit „Die Geburt der Tragödie“
+gar nicht eine wissenschaftliche Untersuchung der Entstehung der attischen Tragödie
+war. Vielmehr handelt es sich bei diesem Buch um einen modernen Mythos. Warum braucht
+man aber in unserer von der Wissenschaft aufgekläre Gesellschaft Mythen? Denn wenn
+die Wissenschaft an ihre Grenzen kommt, muss sie in Kunst umschlagen.\footcite[Vgl.][99]{nietzsche:geburt}
+Die wichtigsten Fragen des menschlichen Seins berührt die Wissenschaft nicht, sie
+stellt sie oft nicht mal auf. Was ist der Sinn dessen, dass es etwas gibt. Um die
+Antwort auf diese Frage zu geben, bedarf man eines Mythos, der erzählt, wie die Tragödie
+aus dem Geiste der Musik geboren wird und wie diese göttliche Musik der tragischen
+Aufführung auf der Bühne des Lebens Sinn verleiht.
+
+Giorgio Colli nimmt Nietzsches philologische Position ernster. Er konstatiert zwar
+auch die Tatsache, dass „[d]ie klassische Altertumswissenschaft [\dots] Nietzsches
+Konzeption als unwissenschaftlich stillschweigend ignoriert“\footcite[901]{colli:geburt-nachwort}
+hat, aber fügt hinzu, dass die Wissenschaft selbst nicht viel mehr auf diesem Gebiet
+geleistet hat: „Die überlieferten Fakten sind immer noch die gleichen, dürftigen und
+unsicheren.“\footcite[901]{colli:geburt-nachwort} Jedoch auch G. Colli
+ist es bewusst, dass „Die Geburt der Tragödie“ „keine historische Interpretation“
+der Entstehung und des Verfalls der Tragödie ist, sondern das Werk „eine Interpretation
+des gesamten Griechentums“ und „eine philosophische Gesamtschau“ entfaltet.\footcite[Vgl.][902]{colli:geburt-nachwort}
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+---
+layout: post
+date: 2015-04-23 03:20:00
+tags: Aufsatz
+title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 2. Gesellschaftliche Dimension der Kunst
+teaser: |
+ <p>
+ Die Bedeutung der Kunst endet nicht mit der Frage, welche Position sie im Leben
+ eines Individuums einnimmt. Nietzsche versucht seinen Kunstbegriff auf größere Menschenmengen
+ zu beziehen, um damit gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse zu erklären, oder
+ mindestens zu schauen, welche Auswirkung die Kunst oder die einzelnen Künstler auf
+ die menschliche Gesellschaft und Kultur haben.
+ </p>
+---
+Die Bedeutung der Kunst endet nicht mit der Frage, welche Position sie im Leben
+eines Individuums einnimmt. Nietzsche versucht seinen Kunstbegriff auf größere Menschenmengen
+zu beziehen, um damit gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse zu erklären, oder
+mindestens zu schauen, welche Auswirkung die Kunst oder die einzelnen Künstler auf
+die menschliche Gesellschaft und Kultur haben.
+
+In einer Aufzeichnung von 1885 schreibt Nietzsche Folgendes:
+
+\begin{quote}
+„Die mathematischen Physiker können die Klümpchen-Atome
+nicht für ihre Wissenschaft brauchen: folglich construiren sie sich eine Kraft-Punkte-Welt,
+mit der man rechnen kann. Ganz so, im Groben, haben es die Menschen und alle organischen
+Geschöpfe gemacht: nämlich so lange die Welt zurecht gelegt, zurecht gedacht, zurecht
+gedichtet, bis sie dieselbe brauchen konnten, bis man mit ihr ‚rechnen‘
+konnte.“\footcite[163]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Es existiert also keine „objektive Welt“. Die Menschen erdichten ihre eigene Welt,
+in der ihnen am Besten zu Mute ist, in der sie leben können und wollen. Und dies ist
+genau, das was bereits für den jungen Nietzsche eine menschliche Kultur ausmacht.
+Das Dionysische ist das Fundament auf dem die Kulturen entstehen, „der ungeheure Lebensprozess
+selbst, und Kulturen sind nichts anderes, als die zerbrechlichen und stets gefährdeten
+Versuche, darin eine Zone Lebbarkeit zu schaffen“.\footcite[59]{safranski:biographie}
+
+Im Zusammenhang mit der menschlichen Kultur führt Nietzsche den Krieg als ein dionysisches
+Element ein, und dieses Element beinhaltet auch „die Bereitschaft zum lustvollen
+Untergang“.\footcite[59]{safranski:biographie} Nietzsche, der selbst im Krieg
+einige Wochen als Sanitäter beteiligt war, sieht im Krieg als zerstörerischer
+Macht des Dionysus eine positive Potenz, und zwar erwartet er, dass dem
+Vernichten das Werden folgt, mit anderen Worten erhofft er eine Erneuerung
+der Kultur. Die Grausamkeit des Krieges um der Erneuerung der Kultur willen scheint
+übertrieben und grauenvoll zu sein. Daher hat der Krieg eine Umgestaltung durch die
+bildende apollinische Kraft nötig.\footcite[Vgl.][58--61]{safranski:biographie} Nietzsche
+greift wieder auf das Vorbild der Griechen, die „ein Beispiel dafür, wie diese kriegerische
+Grausamkeit sublimiert werden kann durch den Wettkampf, der überall stattfindet, in
+der Politik, im gesellschaftlichen Leben, in der Kunst.“\footcite[62]{safranski:biographie}
+„Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage: der
+Krieg ist es, der jede Sache heiligt!“\footcite[109]{nietzsche:fragmente}
+schreibt er im November 1882 -- Februar 1883.
+
+Auch auf der kulturellen Ebene balancieren die zwei grundlegenden Lebensmächte,
+das Dionysische und Apollinische, einander aus. Jede Kultur benötigt apollinische
+Bilder, um das Leben ertragen zu können, aber es besteht die Gefahr, dass die Kultur
+erstarrt und die dionysische Dynamik verliert, und dann muss sich das Dionysische
+wieder in den Weltprozess deutlicher einmischen.\footcite[Vgl.][62 f]{safranski:biographie}
+
+Ein anderer Grund, den Krieg als eine unabdingbare Komponente der Entwicklung anzusehen,
+besteht darin, dass die Kultur für Nietzsche die oberste Position in der Pyramide
+der Menschheitswerke. Alles andere ist ihr untergeordnet: Gelehrsamkeit, Religion,
+Staat.\footcite[Vgl.][63]{hayman:biographie}
+
+Kennzeichnend dafür, welche Bedeutung die Kultur hat, ist, wie Nietzsche die Rolle
+des Künstlers in einer Gesellschaft einschätzt. So heißt es am Ende 1870 -- April 1871:
+
+\begin{quote}
+„Ich würde aus meinem idealen Staate die sogenannten ‚Gebildeten‘ hinaustreiben,
+wie Plato die Dichter: dies ist mein Terrorismus.“\footcite[22]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Die Dichter, die Künstler dürfen keinesfalls aus dem Nietzsches Staat ausgetrieben
+werden. Ganz im Gegenteil, für ihr Wohlergehen müssen alle Bedingungen erschaffen
+werden. Auch in dieser Hinsicht ist das antike Griechenland ein Vorbild für Nietzsche.
+Er verteidigt die damalige Sklaverei als notwendige Bedingung für das Wohl der „höchsten
+Exemplaren“ einer Gesellschaft, die ihrerseits den Beitrag zum Aufblühen der Kultur
+leisten.\footcite[Vgl.][67]{hayman:biographie} Nietzsche hat keineswegs illusionäre
+Vorstellungen bezüglich der Sklaverei, vielmehr lobt er die grausame Ehrlichkeit der
+Griechen, die „die letzten Geheimnisse ‚vom Schicksale der Seele‘ und Alles, was sie
+über die Erziehung und Läuterung, vor Allem über die unverrückbare Rangordnung und
+Werth-Ungleichheit von Mensch und Mensch wußten, sich aus ihren dionysischen Erfahrungen
+zu deuten suchten: [&hellip;]“.\footcite[169]{nietzsche:fragmente} Es ist
+auch nicht so, dass Nietzsche die Demokratie verachtet, weil sie zu Gleichheit der
+Menschen untereinander führt. Er glaubt einfach nicht, dass in einem demokratischen
+Staat, das Verhältnis sich ändert. Die demokratische Gleichheit ist für ihn eine Lüge:
+
+\begin{quote}
+In neuerer Zeit wird die Welt der Arbeit geadelt, aber das sei Selbstbetrug,
+denn an der fundamentalen Ungerechtigkeit der Lebensschicksale, die den einen
+die mechanischen Arbeit und den Begabteren das schöpferische Tun zuweist, ändere
+auch die \underline{Begriffs-Hallucination} von der \underline{Würde der Arbeit}
+nichts."\footcite[68]{safranski:biographie}
+\end{quote}
+
+Nietzsche zieht sozusagen die dionysische Wahrheit, die besagt, dass das menschliche
+Sein von vornherein ungerecht ist, der apollinischen Einbildung, dass die Demokratie
+eine Gerechtigkeit gleicher Menschen garantieren kann, vor. Nietzsche idealisiert
+auch die privilegierte Kaste eines derartigen Staates nicht und fragt sich, „[o]b
+man nicht ein Recht hat, alle großen Menschen unter die bösen zu rechnen“.\footcite[147]{nietzsche:fragmente}
+Nietzsche beschreibt diese Welt als eine „Sich-selber-widersprechendste, und dann
+wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück
+bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner
+Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein
+Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt -: diese meine
+dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens“.\footcite[158]{nietzsche:fragmente}
+Als dionysische Welt ist sie in sich absurd und widersprüchlich. Die Vereinigung der
+Gegensätze in sich ist auch der Maßstab für die Größe des Künstlers und das ist auch
+eben, was ihn „böse“ macht, denn den Tugenden wohnt der Frevel bei, die kreative Kraft
+wird durch die zerstörerische vervollständigt. So antwortet Nietzsche auf seine Frage:
+
+\begin{quote}
+„[D]ie Größten haben vielleicht auch große Tugenden,
+aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem Vorhandensein der
+Gegensätze, und aus deren Gefühle, gerade der große Mensch, der Bogen mit der großen
+Spannung, entsteht.“\footcite[147]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Genauso wie der Krieg ein Aspekt der Kultur ist, ohne den Nietzsche ihre dynamische
+Entwicklung sich nicht vorstellen kann, genauso ist die prinzipielle Ungleichheit
+und Grausamkeit der Menschen gegenüber einander etwas, worauf die Kultur beruht, und
+was sie apollinisch, d.h.\ für den Menschen erträglich zu gestalten sucht. Und so verwendet
+Nietzsche dieselben Prinzipien des Dionysischen und des Apollinischen, die er entdeckt
+hat, um das kulturelle Leben einer Gesellschaft zu beschreiben.
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+---
+layout: post
+date: 2015-04-30 11:35:00
+tags: Aufsatz
+title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 3. Die Kunst und das Leben
+teaser:
+ <p>
+ Nietzsche unternimmt einen neuen Versuch, dem Leben, so wie es ist, einen
+ Sinn zu geben. Es ist keine Rechtfertigung, die auf eine bestimmte Theologie
+ oder ein Moralsystem stützt, sondern dies ist die Rechtfertigung eines
+ Künstlers. Nur als ein ästhetisches Phänomen lässt sich das Dasein als
+ lebenswert erfahren.
+ </p>
+---
+\epigraph{Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große
+Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.}
+{\textit{Mai -- Juni 1888}\\
+\textbf{Friedrich Nietzsche}\footcite[283]{nietzsche:fragmente}}
+
+In der „Geburt der Tragödie“ steht ein bekannter Satz, der oft zitiert wird. Nietzsche
+unternimmt einen neuen Versuch, dem Leben, so wie es ist, einen Sinn zu geben. Es ist keine
+Rechtfertigung, die auf eine bestimmte Theologie oder ein Moralsystem stützt, sondern
+dies ist die Rechtfertigung eines Künstlers. Nur als ein ästhetisches Phänomen lässt
+sich das Dasein als lebenswert erfahren.\footcite[Vgl.][47]{nietzsche:geburt}
+Alles andere ist hilflos gegen die Weisheit des Silen. 1878 stellt Nietzsche die Moral
+der Kunst entgegen und schreibt rückblickend:
+
+\begin{quote}
+Damals glaubte ich daß die Welt vom aesthetischen Standpunkt
+aus ein Schauspiel und als solches von ihrem Dichter gemeint sei, daß sie aber als
+moralisches Phänomen ein Betrug sei: weshalb ich zu dem Schlusse kam, daß nur als
+aesthetisches Phänomen die Welt sich rechtfertigen lasse.\footcite[55]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Nur als Teilnahme am Traum eines göttlichen Wesens kann die menschliche Existenz
+gerechtfertigt werden, nur so können die extremen Widersprüche im menschlichen Dasein
+erträglich gemacht werden.\footcite[Vgl.][59 ff]{ries:geburt}
+
+Mithilfe der Kunst versucht Nietzsche dem Pessimismus und Nihilismus zu entkommen
+und sagen: Das Leben muss bejaht werden! W. Ries nennt die Rechtfertigung des Lebens
+bei Nietzsche „die letzte Bastion gegenüber einer Gegenwart […], welche durch
+die universale Banalisierung ihrer reduzierten Lebensvollzüge funktionalistisch charakterisiert
+werden kann, einer Gegenwart, aus welcher ‚die Götter‘ ebenso endgültig verschwunden
+sind wie ‚die griechische Heiterkeit‘ und an deren Trivialität es nichts mehr zu ‚rechtfertigen‘
+gibt.“\footcite[66]{ries:geburt}
+
+\subsubsection{1. Die Kunst als Wahrheit oder die Kunst anstatt der Wahrheit}
+
+Der Grund, warum Nietzsche die alten Ideale wie Religion und Moral als nicht
+lebenstauglich verwirft, liegt darin, dass sie ein objektives System von
+Urteilen voraussetzen, zum Beispiel einen Gott und ein göttliches Gesetz oder
+die Idee des Guten, gegenüber welchen Nietzsche sehr skeptisch ist. Erkenntnistheoretisch
+besteht das Problem darin, dass man sie nicht mit voller Sicherheit begründen kann.
+Im Fall mit der Religion spielt der Glaube eine enorme Rolle und die Glaubenssätze
+können nicht auf die logische Ebene zurückgeführt werden, sonst würde es sich um keine
+Religion, sondern um eine Wissenschaft handeln. Im Fall mit der Moral besteht die
+Gefahr, dass alle Normen, die als objektiv gültig zu sein scheinen, bloß eine Folge
+der kulturellen Entwicklung sind, sodass die Moral sich dann als „eine Summe von
+Vorurtheilen“\footcite[67]{nietzsche:fragmente} entlarven lässt. Die
+menschliche Entwicklung und die kulturellen Zusammenhänge sind oft dermaßen
+kompliziert, dass es sich kaum unterscheiden lässt, was objektiv und was ein
+subjektives (oder ein kollektives) Vorurteil ist. Im Sommer 1880 stellt Nietzsche
+die Moral der Wissenschaft gegenüber:
+
+\begin{quote}
+In den Wissenschaften der speziellsten Art redet man
+am bestimmtesten: jeder Begriff ist genau umgrenzt. Am unsichersten wohl in der Moral,
+jeder empfindet bei jedem Worte etwas Anderes und je nach Stimmung, hier ist die Erziehung
+vernachlässigt, alle Worte haben einen Dunstkreis bald groß bald eng werdend.\footcite[66]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Auch der moderne Pluralismus lehrt, dass es nicht so einfach ist, eine Religion
+oder ein Moralsystem in den Bereich des Absoluten zu erheben.
+
+Volker Gerhardt findet Nietzsches Hervorheben der ästhetischen Seite des Daseins
+provokativ und fragt: „Wie weit reicht eigentlich die Provokation des moralischen
+Denkens durch die Forderung nach einer ganz und gar ästhetischen Betrachtung des Seins?“\footcite[47]{artisten-metaphysik}
+Ist Nietzsches Argumentation ernst gemeint oder will er einfach in jeder Diskussion
+Recht behalten, indem er moralische Urteile relativiert und an ihre Stelle ästhetische
+Sichtweise erhebt? V. Gerhardt argumentiert, dass es kränkend sei, wenn jemand moralische
+Argumente bringt, die von dem Opponenten nicht ernst genommen werden, sodass der Letztere
+sich noch berechtigt fühlen könne, seine Untat zu rechtfertigen und zu wiederholen.
+Außerdem kann man einen solchen „Künstler“ überhaupt ernst nehmen, wenn „Grausamkeiten
+belächelt, fremde Qualen genossen und eigene Pflichten bloß theatralisch genommen
+werden“?\footcite[Vgl.][47]{artisten-metaphysik} Darauf kann man zweierlei antworten:
+
+\begin{enumerate}
+ \item
+ Innerhalb eines Freundeskreises, einer Kultur oder sogar einer Epoche
+ würde vielleicht tatsächlich „jeder von uns empört, wenn ein ernstes moralisches Anliegen
+ durch Hinweis auf ästhetische Reize zurückgewiesen wird“.\footcite[47]{artisten-metaphysik}
+ Nun wird die Frage nach der Geltung der Moral, nach dem Vorhandensein allgemein gültiger
+ moralischer Regeln, von Nietzsche viel radikaler gestellt. Ihn interessiert, ob es
+ prinzipiell eine moralische Gesetzgebung gibt, die dieselbe Gültigkeit wie ein physikalisches
+ Gesetz hat, das überall auf der Erde in allen Zeiten gültig ist. Nietzsche verneint
+ die Möglichkeit der Existenz einer moralischen Gesetzgebung.
+
+ Wird nicht jeder von
+ uns empört, wenn ein moralisches Anliegen diametral entgegengesetzt bewertet wird,
+ aufgrund eines anderen Wertesystems, einer andersartigen Ethikkonzeption oder eines
+ ungleichen kulturellen Hintergrundes? Lässt es sich in der Tat immer über die moralischen
+ Urteile streiten? Man denke nur an moralische Konflikte auf einer größeren, politischen,
+ Ebene zwischen den Ländern, deren moralische Wertesysteme durch eine Jahrhunderte
+ und Jahrtausende lange Geschichte geprägt sind.
+
+ \item „Ästhetisch“ und „theatralisch“
+kann nicht einfach mit „frech“, „leichtsinnig“, „gleichgültig“, „egoistisch“ gleichgesetzt
+werden. Auf der Bühne des Theaters kann sehr ernst gespielt werden (man denke nur,
+welche existenzielle Bedeutung hat nach Nietzsche die griechische Tragödie). Des Weiteren
+kann man sehr wohl auf Moralsysteme mit den Maximen wie „Vertraue keinem Menschen“,
+„Erreiche dein Ziel um jeden Preis“, „Kümmere dich nur um dich selbst und um die Menschen,
+die dir etwas bedeuten“ und so weiter stoßen. Auf der anderen Seite kann man sein
+Leben ästhetisch als ein schönes und gutes Kunstwerk gestalten. Die Frage, ob die
+Moral oder die Ästhetik mehr Wahres in sich hat, ist theoretischer Natur. Welche Auswirkung
+auf das menschliche Handeln die Entscheidung für entweder moralische oder ästhetische
+Weltbetrachtung hat, hängt allein von der Lebenseinstellung des Handelnden.
+\end{enumerate}
+
+Alles, was „jenseits“, nicht sinnlich ist, will Nietzsche aus der Philosophie verbannen,
+und wieder hat hier die Philosophie von der Kunst zu lernen:
+
+\begin{quote}
+In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht
+als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben
+geht, sie liebten die Dinge ‚dieser Welt‘, - sie liebten ihre Sinne. Entsinnlichung
+zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständnisß oder eine Krankheit oder eine Kur,
+wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. […] Was gehen
+uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an!\footcite[154]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Gegen die christlichen Vorstellungen und philosophische Systeme, die den Leib als
+Kerker der Seele betrachten, setzt Nietzsche fort und sagt, dass es sogar „ein Merkmal
+der Wohlgerathenheit [ist], wenn Einer gleich Goethen mit immer größerer Lust und
+Herzlichkeit an ‚den Dingen der Welt‘ hängt“.\footcite[154]{nietzsche:fragmente}
+Zwar nennt er diese Welt, wie oben gesagt, eine Scheinwelt, aber es gibt keine andere.
+Wenn Nietzsche darüber spricht, dass wir in einer Scheinwelt leben, so verweist er
+nicht auf eine wahre, reale Welt, es existiert keine „Hinterwelt“\footcite[Vgl.][93]{nietzsche:fragmente}
+Er will kein Dualist sein und akzeptiert nur die Realität, die er mit seinen Sinnen
+wahrnehmen kann, selbst wenn sie eine Täuschung sein soll:
+
+\begin{quote}
+Wir finden das Umgekehrte, die Gegenbewegung gegen die
+absolute Autorität der Göttin ‚Vernunft‘ überall, wo es tiefere Menschen giebt. Fanatische
+Logiker brachten es zu Wege, daß die Welt eine Täuschung ist; und daß nur im Denken
+der Weg zum ‚Sein‘, zum ‚Unbedingten‘ gegeben sei. Dagegen habe ich Vergnügen an der
+Welt, wenn sie Täuschung sein sollte; und über den Verstand der Verständigsten hat
+man sich immer unter vollständigeren M<enschen> lustig gemacht.\footcite[162]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+\subsubsection{2. Wissenschaft}
+
+Nicht nur Religion und Moral können uns keine Aussage über die Welt, wie sie
+an sich ist, und über die Wahrheit geben, auch die Wissenschaft kann es kaum.
+Wenn auch Walter Schulz Nietzsche „wissenschaftsgläubig“ nennt,\footcite[Vgl.][19]{schulz:function-and-place}
+so hat Nietzsche doch die Wissenschaft zu verschiedenen Zeiten seines Lebens unterschiedlich
+bewertet. Ja, die Wissenschaft mag sich auf empirische Daten stützen und deswegen
+nicht so subjektiv sein, wie Metaphysik, Religion oder Moral. Es stellt sich allerdings
+die Frage, ob die Wissenschaft deswegen einen Anspruch auf die Wahrheit hat.
+
+Besonders gut lässt sich die Berechtigung dieser Frage nachvollziehen, wenn man
+einen kurzen Blick auf die moderne Wissenschaftstheorie wirft. Moderne Wissenschaften
+geben heutzutage gar nicht vor, die Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen, was
+vor zwei oder drei Jahrhunderten der Fall war. Die naive Vorstellung, die Wissenschaft
+erforsche die Wirklichkeit, ist zwar verbreitet, aber nicht in den wissenschaftlichen
+Kreisen selbst. Moderne Wissenschaften basieren auf Theorien, was bedeutet, dass sie
+mit von Menschen erschaffe- nen Modellen arbeiten, die helfen, bestimmte Phänomene
+zu erklären oder gewisse Berechnungen durchzuführen.
+
+Hatte Nietzsche nicht schon damals Recht, als er die einzig reale für den Menschen
+Welt eine Scheinwelt genannt hat, denn wie sonst kann man erklären, dass der Mensch
+kein Wissen über die Tatsachen der Welt hat, sondern ledigilich auf die Bildung von
+Theorien angewiesen ist? Man kann jetzt die radikale Frage stellen, ob die Wissenschaft
+selbst nicht eine „Kunstgattung“ ist. Die Gegenfrage würde lauten: Wenn man die Kunst
+braucht, um das Leben umzulügen, es umzudichten und so erträglich zu machen, wozu
+braucht man dann die Wissenschaft?
+
+\begin{quote}
+Die Bequemlichkeit, Sicherheit, Furchtsamkeit, Faulheit,
+Feigheit ist es, was dem Leben den gefährlichen Charakter zu nehmen sucht und alles
+‚organisiren‘ möchte - Tartüfferie der ökonomischen Wissenschaft\footcite[135]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Wissenschaften bringen Sicherheit ins Leben. Diese Funktion hatten früher die heidnischen
+Religionen. Man fühlte sich sicherer, wenn man wusste, dass man nicht der blinden,
+gleichgültigen Natur ausgeliefert ist; wenn man wusste, dass eine Götterwelt sich
+hinter allen Naturphänomenen verbirgt, die man anbeten kann und so bekam man das Gefühl,
+dass man ein gewisses Maß an Kontrolle über die Natur hat. Deswegen schreibt Nietzsche
+über die griechische Mythologie, dass die Götter des Olymps „aus tiefster Nöthigung“\footcite[36]{nietzsche:geburt}
+geschaffen wurden.
+
+Diese Rolle der Lebensabsicherung hat später die Wissenschaft übernommen. Sie ermöglicht
+einerseits Zusammenhänge zwischen den Ereignissen festzustellen und daraus auf die
+Naturgesetze zu schließen, und so erscheint die Welt nicht mehr chaotisch, sondern
+wird geordnet und als ein nach Gesetzen funktionierendes System vorgestellt. Andererseits
+versetzt die Wissenschaft in die Lage, Voraussagen über die Zukunft zu treffen. Aufgrund
+der Komplexität der physikalischen Systeme, können alle natürlichen Ereignisse in
+so großen Systemen wie unser Universum nicht genau vorhergesehen werden, weshalb,
+was die Auswirkung auf den Menschen betrifft, die Vorhersagemöglichkeit der Naturphänomene
+analog zu Anbetung der Götter ist, weil beides mehr Sicherheit in den folgenden Tag bringt.
+
+Etwas andere Sicht auf die Wissenschaft bietet eine andere Aufzeichnung von Nietzsche,
+die aus der Zeit zwischen dem Herbst 1885 und Herbst 1886 stammt:
+
+\begin{quote}
+Man findet in den Dingen nichts wieder als was man nicht
+selbst hineingesteckt hat: dies Kinderspiel, von dem ich nicht gering denken möchte,
+heißt sich Wissenschaft? […] das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das
+Hineinstecken - Kunst, Religion, Liebe, Stolz.\footcite[188]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+In diesem Modell ist es die schöpferische Kraft des Menschen die, die Welt schafft.
+Die Wissenschaft hat zu ihrer Aufgabe die so erschaffene Welt zu analysieren und aus
+den gewonnenen Daten ein wissenschaftliches System zu formen. Diesen Gedanken findet
+man ebenfalls in der modernen Wissenschaftstheorie wieder, und zwar im Konzept der
+Operationalisierung. Das ist ein wichtiges Konzept, das ermöglicht, ein Objekt unter
+bestimmte Begriffe zu subsumieren. Operationalisierung sagt uns nichts über die realen
+Eigenschaften eines Objektes, es besagt bloß, dass, um einem Objekt einen Begriff
+zuzuordnen, eine Messmethode angegeben wieden muss. Ein Beispiel aus der Psychologie
+wäre ein Intelligenztest. Empirisches Problem beim Durchführen eines derartigen Tests
+ist, dass es nicht klar ist, was Intelligenz eigentlich ist, was genau unter Intelligenz
+verstanden wird. Man würde den Begriff „Intelligenz“ operationalisierbar machen, wenn
+man eindeutig eingeben würde, wie die Intelligenz zu messen ist (zum Beispiel anhand
+eines Tests, der genauso universell für die Messung der Intelligenz ist, wie ein Lineal
+für die Messung der Länge). Das hätte das Problem mit der Subjektivität und Begrenztheit
+eines Intelligenztests gelöst, man hätte sie messen können und mit den Messwerten
+anderer Menschen vergleichen. Dafür, dass der Begriff „Intelligenz“ nun operationalisierbar
+wäre, würde man jedoch ein anderes Problem bekommen: Bevor man anfängt etwas zu messen,
+muss man definieren, wie es zu messen ist. In dem Fall mit der Intelligenz bedeutet
+es, dass man nicht auf die „Idee der Intelligenz“ in einem platonischen Ideenreich
+zugreift, die objektiv definiert, was die Intelligenz ist, sondern man legt vorher
+selbst fest, was es ist und wie es zu messen gilt. In den Naturwissenschaften ist
+es nicht anders: Man misst nicht etwas aus der objektiven Wirklichkeit, sondern nur
+das, was man messen will, mit Nietzsche gesagt: Man misst nur das, was man in
+die Natur „hineingesteckt“ hat.
+
+Man kann Nietzsches Metaphysik auch auf die Wissenschaft anwenden. Wissenschaft
+erscheint in diesem Licht als eine lebensnotwendige Lüge, genauso wie die Welt, die
+von ihr erforscht wird.
+
+\subsubsection{3. Pessimismus und Optimismus in der Kunst}
+
+"Nietzsche legt - das Gesamt der geistigen Tätigkeiten durchmusternd - dar, daß Metaphysik, Moral,
+Religion und Wissenschaft nur verschiedene Formen der Lüge sind."\footcite[12]{schulz:function-and-place}
+Menschen haben aber das innere Streben nach der Wahrheit, sonst hätte man diese Lügen
+nicht ausgedacht. Aber auch mit der Kunst steht es nicht viel anders, und Walter Schulz
+schreibt an einer anderen Stelle: "Die Kunst lügt um, aber sie umlügen, weil wir sonst
+nicht leben können."\footcite[11]{schulz:function-and-place}Und wenn auch die
+Welt nur ein Kunstwerk ist, ist auch sie durch und durch lügnerisch. Und wenn man
+diese Wahrheit niemals erreichen kann, weil es sie nach Nietzsche nicht gibt, dann
+hat kann man sich fragen, was für einen Sinn das Leben überhaupt hat, und ob es ausreicht
+sich ästhetisch zu betrügen, wenn man jede Sekunde weiß, dass es nur eine Lüge ist.
+
+Diese Frage ist entscheidend für Nietzsche, weil er sich nicht als Pessimist verstehen
+will. Wenn er im „Versuch einer Selbstkritik“ dem Optimismus als dem Zeichen des Verfalls
+den Pessimismus gegenüberstellt,\footcite[Vgl.][12 f]{nietzsche:geburt} so
+meint er mit dem „Pessimismus“ in diesem Fall etwas anderes. Optimismus, den Nietzsche
+zu bekämpfen sucht, ist der Optimismus in der Erkenntnis, sokratische Einstellung,
+dass das Sein in seinem Grund vernünftig, geordnet und berechenbar ist. Das ist auch,
+was heute oft als „positives Denken“ bekannt ist. Denke positiv, schließe deine geistigen
+Augen und merke nicht die Probleme und die Welt um dich herum. Diese Lebenshaltung ist zu „apollinisch“.
+
+Der Gegenbegriff zum Optimismus ist der Pessimismus oder wie Nietzsche sagt „Pessimismus
+der Stärke“.\footcite[12]{nietzsche:geburt} Es zeugt von gewisser
+Stärke, die Welt in ihrem dionysischen Chaos und ihrer Absurdität anzuerkennen und
+trotzdem „Ja“ zum Leben zu sagen. Es gibt aber auch das, was man analog zum „Pessimismus
+der Stärke“ „Pessimismus der Schwäche“ nennen könnte. Das ist, wenn man zwar keine
+Angst hat, in die Abgründe des Seins zu schauen, aber zu schwach ist, die Welt trotz alledem zu bejahen.
+
+Wie ich oben erwähnte hat Nietzsche die Überschrift der zweiten Ausgabe der „Geburt
+der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ verändert, das Buch hieß nun „Die Geburt der
+Tragödie. Oder: Griechenthum und Pessimismus“. Im „Versuch einer Selbstkritik“ beschreibt
+er „Griechentum und das Kunstwerk des Pessimismus“,\footcite[12]{nietzsche:geburt}
+wobei die Griechen positiv als Pessimisten beschrieben werden, da Nietzsche sie im
+nächsten Satz die „zum Leben verführendste Art der bisherigen Menschen“\footcite[12]{nietzsche:geburt}
+nennt. Auch in seiner Aufzeichnung zur „Geburt der Tragödie“ aus dem Herbst 1885 -
+Herbst 1886 äußert er sich positiv über die „pessimistische Religion“, die an den
+tragischen Mythos gebunden ist: „Ein Verlangen nach dem tragischen Mythus (nach ‚Religion‘
+und zwar pessimistischer Religion) (als einer abschließenden Glocke worin Wachsendes
+gedeiht)“.\footcite[181]{nietzsche:fragmente}
+
+In „Ecce homo“, in dem Abschnitt, wo Nietzsche „Die Geburt der Tragödie“ reflektiert,
+verdreht er allerdings die ursprüngliche Bedeutung des zweiten Teils der Überschrift
+und, um anscheinend seine Opposition gegen den „Pessmismus der Schwäche“ zu betonen,
+spricht er von Griechen, die im Gegenteil keinen Pessimismus kannten: „‚Griechenthum
+und Pessimismus‘: das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich als erste Belehrung
+darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem Pessimismus, - womit sie ihn überwunden…
+Die Tragödie gerade ist der Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten
+waren: Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen
+hat“.\footcite[Vgl.][309]{nietzsche:ecce-homo}
+
+Es gibt „das Kunstwerk des Pessimismus“,\footcite[12]{nietzsche:geburt}
+das dem Menschen offenbart, was der Pessimismus der Stärke ist, aber es gibt keine
+pessimistische Kunst im Sinne des Pessimismus der Schwäche.
+
+Das Verständnis von Pessimismus ist der Punkt, in dem Nietzsche sich von seinem geistigen
+Lehrer Schopenhauer absetzt, wie man es aus dem letzten Zitat aus „Ecce homo“ sieht.
+Schopenhauer hat den dunklen, in sich widersprüchlichen Kern des Daseins entdeckt. Nietzsche
+geht einen Schritt weiter und behauptet, dass das Dasein zu bejahen ist. 1888 antwortet
+Nietzsche auf die Frage „Pessimismus in der Kunst?“, die in der Überschrift seiner
+Aufzeichnung steht, folgendermaßen:
+
+\begin{quote}
+Kunst ist wesentlich Bejahung, Segnung, Vergöttlichung
+des Daseins…\\-: Was bedeutet eine pessimistische Kunst?.. Ist das nicht
+eine contradictio? - Ja.\\Schopenhauer irrt, wenn er gewisse Werke der Kunst in
+den Dienst des Pessimism stellt. Die Tragödie lehrt nicht ‚Resignation‘…\\-
+Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen ist selbst schon ein Instinkt der
+Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht… Es giebt keine pessimistische
+Kunst.. Die Kunst bejaht. Hiob bejaht.\footcite[250]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+\subsubsection{4. Ästhetische Rechtfertigung des Daseins}
+
+Wenn man nach dem Sinn des Lebens fragt, dann fragt man: „Welchen Zweck hat
+das Leben?“. Die Möglichkeit einer vernünftigen
+Antwort auf diese Frage setzt also voraus, dass es eine Zweckmäßigkeit in der Natur
+gibt, dass sie nach einem Prinzip funktioniert. Nun ist der dionysische Grund in dieser
+Hinsicht nicht anders als dessen Vorbild, der Wille bei Arthur Schopenhauer, er „hat
+kein Ziel und ist kein Prinzip, er begründet nichts, richtet nicht und kann folglich
+auch nichts ‚rechtfertigen‘“.\footcite[55]{artisten-metaphysik} Wenn
+die Welt das menschliche Dasein nicht rechtfertigen kann, so kann es nur der Mensch
+selbst. Der Mensch projiziert aber sein Bedürfnis nach einem Sinn in die Welt, um
+sich von der Last, sein Dasein rechtfertigen zu müssen, zu befreien. Dies führt zur
+Entstehung großer Systeme wie die Moral oder Religionen. Wenn man aufhört nach dem
+Sinn in der Außenwelt zu suchen, weil die menschliche Erkenntnis nicht zuverlässig
+ist, so ist das Einzige, was übrig bleibt, in sich selbst zu suchen, weil man die
+Grenzen seiner Selbst nicht sprengen kann.\footcite[Vgl.][55]{artisten-metaphysik}
+Da Nietzsche das bis zum Ende konsequent durchdenkt, kommt er zu dem Schluss, dass
+die Rechtfertigung des Daseins nur von dem Menschen selbst ausgehen kann, wenn
+sie überhaupt möglich sein soll.
+
+Volker Gerhardt setzt den Gedanken über die Rechtfertigung des Lebens fort und
+verbindet ihn mit den Bedingungen des menschlichen Handelns. Ein mit Sinn erfülltes
+Leben ist die Voraussetzung für das menschliche Handeln, weil, wenn man keinen Grund
+zu leben hat, man auch keinen Grund zu handeln hat, woraus folgt, dass es Nietzsche
+nicht nur um die theoretische, sondern auch um die praktische Philosophie geht.\footcite[Vgl.][52--54]{artisten-metaphysik}
+Deswegen hat die Lösung des Problems, ob das Dasein für den Menschen befriedigend
+gerechtfertigt werden kann, weitreichende Konsequenzen für das individuelle und gesellschaftliche
+Leben, das aus handelnden Subjekten besteht, obwohl Nietzsche nichts über den möglichen
+funktionalen Zusammenhang von ästhetischen und theoretischen (oder praktischen) Einsichten"\footcite[Vgl.][56]{artisten-metaphysik}
+sagt.
+
+V. Gerhardt unterscheidet zwischen der Rechtfertigung der Welt und des individuellen
+Daseins. Der Mensch als handlungsfähiges Subjekt ist auf die Interaktion mit den anderen
+Menschen und der Umwelt angewiesen, das heißt, um das eigene Leben und Handeln als
+sinnvoll zu erfahren, muss das menschliche Subjekt sein eigenes Dasein im „Lauf der
+Dinge“\footcite[Vgl.][56]{artisten-metaphysik} verstehen. Bei Nietzsche ist
+es nicht möglich, weil die Rechtfertigung der Welt und des eigenen Daseins verschmelzen,
+es ist schließlich nur der Mensch selbst, der allem Sinn gibt. Man kann also sein
+Dasein nicht in den „Lauf der Dinge“ integrieren, sondern nur in seine eigene Einbildung
+oder in den vom Zufall gesteuerten Traum eines höheren Wesens. Kann so etwas als „Rechtfertigung“
+und „Sinngebung“ gelten, oder wäre es ehrlicher mit dem Schopenhauers Pessimismus zu bleiben?
+
+Dazu muss man sagen, dass, wenn man den Geist aus der Welt vollständig ausklammert,
+als etwas, was empirisch nicht nachgewiesen werden kann (und es ist das Ziel Nietzsches,
+ohne eine Hinterwelt auszukommen), es keine bessere Lösung gibt. Eine physische, von
+den Naturgesetzen gelenkte Welt ist uns genauso fremd wie der absurde Traum des Dionysus.
+Wenn wir unser Dasein als ein Glied in der Geschichte der Menschheit verstehen können,
+dann nimmt diese Geschichte ihren Anfang im Nichts und sie wird sich am Ende im Nichts
+auflösen. Die individuelle Existenz ist in diesem Modell absolut sinnlos, obwohl es
+in ein größeres Ganzes eingebaut werden kann. Das Letzte, was dem Menschen bleibt,
+sich und seiner Umwelt selbst einen Sinn zu geben. Und da ist man schon wieder bei
+Nietzsche. Dass er die Rechtfertigung des Daseins und diejenige der Welt nicht auseinanderhält,
+ist ein richtiger Schachzug von ihm: Die Existenz der Welt ist sowieso sinnlos (oder
+wird als solche erfahren), wenn es die menschliche Existenz ist.
+
+Ein anderes Argument, das V. Gerhardt bringt, ist, dass die Kunst, die das Leben
+rechtfertigen soll, an Voraussetzungen gebunden ist, die sie dann zu erklären
+versucht. In einem anderen Artikel, „Nietzsches ästhetische Revolution“ spricht
+er von der „Dequalifizierung des Kunstbegriffs“:
+
+\begin{quote}
+Erstens geht der Begriff der Kunst dem des Lebens methodisch
+voraus. Allein das vorgängige Verständnis der Kunst ermöglicht, wenn überhaupt noch,
+das Leben zu verstehen. Alle anderen Modelle, die von den Wissenschaften bereitgestellt
+worden sind - bis hin zur mechanischen Erklärung der Lebensprozesse -, hält Nietzsce
+für gescheitert. Nur als Analogon der Kunst ist das Leben noch sinnvoll mit den historisch
+inzwischen unumgänglich gewordenen Erfahrungen zu
+verbinden.\footcite[25]{revolution}
+\end{quote}
+
+Aber andererseits wird das Leben oder bestimmte Erfahrungen im Leben vorausgesetzt, weil
+„wenig so stark an ein Gegenteil gebunden ist wie gerade die Kunst. Die ästhetische
+Erfahrung braucht, um Stimulans zu sein, die Not und die Enge des
+Lebens“,\footcite[64]{artisten-metaphysik} weil die Welt uns sich
+selbst nicht als ein Kunstwerk präsentiert.\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik}
+
+Dazu kommen noch erkenntnistheoretische Voraussetzungen. Nietzsche erklärt die
+Erkenntnis mithilfe der Kunst, aber zunächst muss man \textit{erkennen}, was die
+Kunst ist.\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik}
+
+Aber leider auch in diesem Fall bleibt einem nichts Besseres übrig. Sagen wir,
+ich werde anerkennen, dass die theoretische Erkenntnis ist, was die Kunst begründet
+und nicht umgekehrt. Was gibt mir aber die Sicherheit, dass meine Erkenntnis keine
+Illusion, keine Einbildung ist? Was gibt mir die Sicherheit, dass meine Erkenntnis
+nicht an andere Voraussetzungen gebunden ist, zum Beispiel an die Kunst. Woher kann
+ich wissen, dass es nicht die Kunst ist, die die Erkenntnis möglich macht? V. Gerhardt
+hat recht, dass die logische Erkenntnis und die Logik der Kunst methodisch vorausgehen,
+was aber nicht bedeutet, dass sie ihr auch ontologisch übergeordnet sind. Die Natur
+der menschlichen Erkenntnis ist so, dass sie immer reflexiv ist. Erst in der Reflexion
+kann man die Frage stellen, ob die theoretische Erkenntnis die Kunst begründet oder
+umgekehrt. Wenn man überhaupt keine Voraussetzungen machen will, landet man im Skeptizismus,
+aus dem man nicht mehr rauskommt.
+
+Wenn Nietzsche alles der Kunst unterordnet und sagt, dass man sein Leben selbst
+künstlerisch gestaltet und es so etwas wie Wahrheit nicht gibt, so bleibt er seinem
+Wort treu, egal wie absurd es klingen mag. So schreibt er im Sommer 1883:
+
+\begin{quote}
+Man sucht das Bild der Welt in der Philosophie, bei
+der es uns am freiesten zu Muthe wird; d.h.\ bei der unser mächtigster Trieb sich
+frei fühlt zu seiner Thätigkeit. So wird es auch bei mir
+stehn!\footcite[111]{nietzsche:fragmente}
+\end{quote}
+
+Ist es ein Selbstwiderspruch? Genau. Das ist die naive Ehrlichkeit, die Nietzsches
+Schriften kennzeichnet. Er scheint keine Angst zu haben, sich selbst zu widersprechen,
+und tat es absichtlich, weil er von dem Sein wusste, das in sich selbst widersprüchlich
+ist, weil er es als Solches erlebt hat. Er versuchte diese Widersprüche in sich zu
+vereinigen um dem Sein gerecht zu werden.\footcite[Vgl.][187]{ries:geburt}
+Es ist nicht so, wie V. Gerhardt behauptet, dass nur die Kunst das Leben oder bestimmte
+Lebenserfahrungen voraussetzt, weil die logische Erkenntnis es auch tut, sie ist an
+dieselben Bedingungen gebunden. Das Vorhandensein solcher Menschen wie Friedrich Nietzsche
+ist gerade der Beweis dafür, dass man im Leben auch Erfahrungen sammeln kann, die
+zu einem ästhetischen Weltbild führen und nicht zu einem logischen. V. Gerhardt fragt,
+warum die Welt uns nicht als ein Kunstwerk erscheine?\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik}
+Man kann auch die Gegenfrage stellen: Warum erscheint uns die Welt nicht als ein logisches
+System? Warum stellt Philosophie, wie Klaus Kornwachs sagt, seit zwei Jahrtausenden
+Fragen, die sie und keine Wissneschaft beantworten kann?\footcite[Vgl.][7]{kornwachs:technik}
+Vielleicht, weil die Welt ein Kunstwerk ist, in das wir unsere logischen Denkgesetze
+übertragen? Von dem Standpunkt des Lebens betrachtet kann die Welt nicht nur als ein
+logisches, sondern auch als ein ästhetisches Werk gedeutet werden.
+
+Das Problem einer ästhetischen Rechtfertigung der Welt bleibt trotzdem sehr schwer
+zu lösen. Das endliche Dasein auf der Erde kann Einem sinnvoll erscheinen, weil nur
+wenn jemand begrenzte Zeit im Leben hat, man mehr zu erreichen versucht, und sich
+mehr um sein Leben kümmert. Für den Anderen kann es umgekehrt zwecklos sein, sich
+um etwas zu bemühen, wenn alles eines Tages sowieso untergeht. Aber ist es nicht bereits
+eine ästhetische Rechtfertigung, mit der man versucht seinem Leben Sinn zu erteilen,
+indem man entweder sein Leben als eine kurze Theateraufführung versteht, oder ein
+geistiges Reich erschafft, in dem man ewig leben kann.
+
+Es stellt sich auch die Frage, warum man sein Dasein überhaupt rechtfertigen soll?
+Warum muss man das eigentlich in der Kunst umlügen? Man kann in Schopenhauers Pessimismus
+Schwäche sehen, weil er nicht stark genug war, das Ekelhafte und Grauenvolle zu beja-
+hen. Man kann aber genauso Nietzsches Pessimismus als eine Schwäche interpretieren,
+eine Schwäche, sich der Grausamkeit, Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit Gesicht zu
+Gesicht zu stellen. Die Antwort auf diese Frage ist auch nicht von der Erfahrung zu
+trennen, die der Mensch im Leben macht. Theoretisch wollte Nietzsche die Kunst als
+Stimulans des Lebens begreifen. Aber inwieweit ist es möglich für ein Wesen, das nach
+der Wahrheit strebt (und Nietzsche strebt auch nach Wahrheit des Dionysus), an eine
+Lüge zu glauben, über die man weiß und die man sich sogar selbst ausgedacht hat. Ist
+es möglich auch auf der praktischen Ebene sich dermaßen zu belügen, oder ist die Kunst
+doch nur ein Quietiv und hilft nur, das Leben etwas zu verschönern, um nicht an der
+Wahrheit zu Grunde zu gehen? Es ist also die Frage, ob man eine theoretische Einstellung
+zum Leben auch in der Praxis realisieren kann, wo einem so viele Hindernisse im Wege stehen.
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+---
+layout: post
+date: 2015-05-07 18:17:00
+tags: Aufsatz
+title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 4. Abschließende Bemerkungen
+teaser: |
+ <p>
+ Der Welt, aus der die Wissenschaft die Geistigkeit vertrieben hat, die
+ genauso wie ihr Gott „getötet“ und zu einem physischen Mechanismus gemacht
+ wurde, schenkt Friedrich Nietzsche ein neues Leben, neue Dynamik, die
+ Dynamik eines Kunstwerkes, das noch nicht vollendet ist und niemals
+ vollendet sein wird.
+ </p>
+---
+\epigraph{Eigentlich sollte ich einen Kreis von tiefen und zarten
+Menschen um mich haben, welche mich etwas vor mir selber schützten und mich auch zu
+erheitern wüßten: denn für einen, der solche Dinge denkt, wie ich sie denken muß,
+ist die Gefahr immer ganz in der Nähe, daß er sich selber zerstört.}
+{\textit{Herbst 1885 -- Frühjahr 1886}\\\textbf{Friedrich Nietzsche}\footcite[170]{nietzsche:fragmente}}
+
+Der Welt, aus der die Wissenschaft die Geistigkeit vertrieben hat, die genauso
+wie ihr Gott „getötet“ und zu einem physischen Mechanismus gemacht wurde, schenkt
+Friedrich Nietzsche ein neues Leben, neue Dynamik, die Dynamik eines Kunstwerkes,
+das noch nicht vollendet ist und niemals vollendet sein wird. Seine Theorie von der
+ästhetischen Rechtfertigung des Lebens hat er in die Praxis umgesetzt, er komponierte
+sein schriftliches Werk: „Sie hätte singen sollen, diese ‚neue Seele‘ --- und nicht
+reden!“,\footcite[15]{nietzsche:geburt} klagt er im „Versuch einer Selbstkritik“
+darüber, dass er nicht gewagt hat, in seinem Erstlingswerk „als Dichter“\footcite[15]{nietzsche:geburt}
+zu sprechen. Und Wiebrecht Ries bemerkt, dass in der „Zarathustra-Dichtung“ erfüllt
+ist, „daß die Rede Musik wird, und dies in gleicher Weise wie der Gedanke Seele wird.“\footcite[138]{ries:geburt}
+Nietzsches Leben wurde wie eine Tragödie aus dem Geiste der Musik, die ihn sein Leben
+lang inspirierte,\footcite[Vgl.][18]{ries:geburt} geboren.
+
+„Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ vernichtet Nietzsches Karriere, weil die Behauptungen
+wie, dass die Existenz nur eine „Theateraufführung“ im Bewusstsein eines mythischen
+Wesens, „provozierend gemeint [sind], aber sie […] einen unbeabsichtigten Zweifel
+an der Nüchternheit und Zuverlässigkeit des Autors als humanistischen Gelehrten“\footcite[187]{hayman:biographie}
+provozieren. „Die Wahrheit ist häßlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der
+Wahrheit zu Grunde gehn.“,\footcite[279]{nietzsche:fragmente} heißt es 1888.
+Dennoch geht er an der dionysischen Wahrheit zu Grunde und erleidet einen Zusammenbruch.\footcite[Vgl.][439]{hayman:biographie}
+„Das Finale im Wahnsinn verlieh dem Werk rückwirkend eine dunkle Wahrheit: da war
+offenbar jemand ins Geheimnis des Seins so tief eingedrungen, daß er darüber den Verstand
+verloren hatte.“\footcite[331]{safranski:biographie} Nietzsches Schwester Elisabeth,
+die noch zu Lebenszeiten seines Bruders alle Rechte auf seine Werke bekommen hat,
+hat sich nach seinem Zusammenbruch um die Ausgabe seiner Schriften gekümmert\footcite[Vgl.][537 f]{hayman:biographie}
+und ein Nietzsche-Archiv eröffnet.\footcite[454]{hayman:biographie} Bereits
+1893 war die Nachfrage nach Nietzsches Büchern „sprunghaft angestiegen“.\footcite[454]{hayman:biographie}
+
+Also hat die dionysische Selbstzerstörung eines Philosophie-Künstlers etwas Neues hervorgebracht: sein Werk.
diff --git a/posts/2015/11/niemals-hat-die-mutter-ruhe.tex b/posts/2015/11/niemals-hat-die-mutter-ruhe.tex
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+---
+layout: post
+date: 2015-11-01 21:51:00
+tags: Gedicht
+title: Niemals hat die Mutter Ruhe…
+teaser: |
+ <p>
+ Niemals hat die Mutter Ruhe,<br>
+ die ihre Tochter sah im Grab.<br>
+ Die Liebeskummer, die ich hab’<br>
+ sei nur unbequem wie neue Schuhe.
+ </p>
+ <p>
+ Ich bedauere Ihr’n Verlust sowie,<br>
+ dass Sie noch nie entbrannten,<br>
+ nie in 60 Jahren kannten,<br>
+ was sie ist, die Liebeslust.
+ </p>
+---
+Niemals hat die Mutter Ruhe,\\
+die ihre Tochter sah im Grab.\\
+Die Liebeskummer, die ich hab’\\
+sei nur unbequem wie neue Schuhe.
+
+Ich bedauere Ihr’n Verlust sowie,\\
+dass Sie noch nie entbrannten,\\
+nie in 60 Jahren kannten,\\
+was sie ist, die Liebeslust.
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+---
+layout: post
+date: 2016-03-04 08:29:00
+tags: Стихотворение
+title: И все же нам с тобою повезло…
+teaser: |
+ <p>
+ И все же нам с тобою повезло,<br>
+ мы столько, брат, с тобою отхватили.<br>
+ Мне так тогда все было все равно.<br>
+ Да и сейчас мне все равно, как мы прожили.
+ </p>
+---
+И все же нам с тобою повезло,\\
+мы столько, брат, с тобою отхватили.\\
+Мне так тогда все было все равно.\\
+Да и сейчас мне все равно, как мы прожили.
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+---
+layout: post
+date: 2016-04-20 21:48:00
+tags: Стихотворение
+title: Не уж то свет на ней сошелся клином
+teaser: |
+ <p>
+ Не уж то свет на ней сошелся клином,<br>
+ или не знаешь чем себя занять?<br>
+ Вся молодость пройдет ведь мимо…
+ </p>
+ <p>
+ К чертям всю молодость, коль жить невыносимо!<br>
+ Коль надоело петь мне и играть.<br>
+ Коль свет и впрямь на ней сошелся клином.
+ </p>
+---
+Не уж то свет на ней сошелся клином,\\
+или не знаешь чем себя занять?\\
+Вся молодость пройдет ведь мимо…
+
+К чертям всю молодость, коль жить невыносимо!\\
+Коль надоело петь мне и играть.\\
+Коль свет и впрямь на ней сошелся клином.
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@@ -0,0 +1,28 @@
+---
+layout: post
+date: 2016-08-06 07:31:00
+tags: Gedicht
+title: Die Nacht in ihrem stillen Schweigen…
+teaser: |
+ <p>
+ Die Nacht in ihrem stillen Schweigen,<br>
+ unvergänglich ist dein Stolz.<br>
+ Ich liebe dich, in blauen Kleidern,<br>
+ und respektiere deinen Trotz.
+ </p>
+ <p>
+ Lass mich nicht alleine leiden,<br>
+ ich ahne dein Geheimnis schon.<br>
+ Mein Geist ist deiner Ehe Sohn.<br>
+ Du kannst ihn so nicht immer meiden.
+ </p>
+---
+Die Nacht in ihrem stillen Schweigen,\\
+unvergänglich ist dein Stolz.\\
+Ich liebe dich, in blauen Kleidern,\\
+und respektiere deinen Trotz.
+
+Lass mich nicht alleine leiden,\\
+ich ahne dein Geheimnis schon.\\
+Mein Geist ist deiner Ehe Sohn.\\
+Du kannst ihn so nicht immer meiden.
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+---
+layout: post
+date: 2016-09-21 01:22:00
+tags: Gedicht
+title: Wenn ich zu einem volksfest gehe…
+teaser: |
+ <p>
+ Wenn ich zu einem Volksfest gehe,<br>
+ kann ich immer aufs Neue versteh’n,<br>
+ warum der Mensch mir so verhasst ist,<br>
+ wie er schreit und wie er frisst.
+ </p>
+---
+Wenn ich zu einem Volksfest gehe,\\
+kann ich immer aufs Neue versteh’n,\\
+warum der Mensch mir so verhasst ist,\\
+wie er schreit und wie er frisst.
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+---
+layout: post
+date: 2016-11-07 16:47:00
+tags: Gedicht
+title: Herbst
+teaser: |
+ <p>
+ Alles sehnt sich jetzt nach Ruhe,<br>
+ Bäume werf’n die Blätter ab,<br>
+ alles, was mit Kraft und Mühe<br>
+ herrlich, prachtvoll blühte, starb.
+ </p>
+ <p>
+ Die Sonne glüht nun abends müde,<br>
+ und Vögel suchen ein neu’s Heim.
+ </p>
+ <p>
+ Als ob die Welt nicht leben würde,<br>
+ aber nein. Zur Jahreszeit<br>
+ erholt sie sich von ihrer Bürde,<br>
+ von des Tages Eitelkeit.
+ </p>
+---
+Alles sehnt sich jetzt nach Ruhe,\\
+Bäume werf’n die Blätter ab,\\
+alles, was mit Kraft und Mühe\\
+herrlich, prachtvoll blühte, starb.
+
+Die Sonne glüht nun abends müde,\\
+und Vögel suchen ein neu’s Heim.
+
+Als ob die Welt nicht leben würde,\\
+aber nein. Zur Jahreszeit\\
+erholt sie sich von ihrer Bürde,\\
+von des Tages Eitelkeit.
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+---
+layout: post
+date: 2016-11-28 09:55:00
+tags: Gedicht
+title: Ich sah kurz einen auf der Straße...
+teaser: |
+ <p>
+ Ich sah kurz einen auf der Straße,<br>
+ ein Ring im Ohr, zwei in der Nase…<br>
+ Ich will ja nun nicht ängstlich klingen:<br>
+ Das war gewiss der Herr der Ringe.
+ </p>
+---
+Ich sah kurz einen auf der Straße,\\
+ein Ring im Ohr, zwei in der Nase…\\
+Ich will ja nun nicht ängstlich klingen:\\
+Das war gewiss der Herr der Ringe.
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+---
+layout: post
+date: 2017-02-09 16:29:00
+tags: Стихотворение
+title: И вот лежу, и вот мне скучно…
+teaser: |
+ <p>
+ И вот лежу, и вот мне скучно,<br>
+ плюю с презреньем в потолок.<br>
+ И воздух спертый, жестко, скучно.<br>
+ И ночь пошла на самотек.
+ </p>
+ <p>
+ Как за спиною, слышу шорох:<br>
+ беседуют отец и мать.<br>
+ Зима, февраль, мороз под сорок.<br>
+ Собачий холод! Благодать!
+ </p>
+ <p>
+ Потом друзей мелькают лики,<br>
+ друзей, и вот уж больше не друзей.<br>
+ Одной единственной той блики<br>
+ другой единственной честней.
+ </p>
+ <p>
+ И вот лежу, и сердце ноет,<br>
+ и ночь за часом час бежит.<br>
+ Усталость мне глаза прикроет,<br>
+ и сон земной обворожит.
+ </p>
+---
+И вот лежу, и вот мне скучно,\\
+плюю с презреньем в потолок.\\
+И воздух спертый, жестко, скучно.\\
+И ночь пошла на самотек.
+
+Как за спиною, слышу шорох:\\
+беседуют отец и мать.\\
+Зима, февраль, мороз под сорок.\\
+Собачий холод! Благодать!
+
+Потом друзей мелькают лики,\\
+друзей, и вот уж больше не друзей.\\
+Одной единственной той блики\\
+другой единственной честней.
+
+И вот лежу, и сердце ноет,\\
+и ночь за часом час бежит.\\
+Усталость мне глаза прикроет,\\
+и сон земной обворожит.
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@@ -0,0 +1,294 @@
+---
+layout: post
+date: 2017-03-15 00:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Gegenständliche Erkenntnis bei Simon L. Frank
+teaser:
+ <p>Die so für den gemeinen Menschen merkwürdige Frage nach der Sicherheit menschlicher
+ Erkenntnis wurde im letzten Jahrundert nicht nur durch vielfältige philosophische Spekulationen,
+ sondern auch durch die modernen Naturwissenschaften noch stärker verschärft,
+ wobei philosophische Spekulationen in gewisser Hinsicht wichtiger sind, weil, wenn die
+ Naturwissenschaften mit den Sinnesdaten arbeiten und die Existenz der Außenwelt einfach voraussetzen,
+ der Philosoph keine solche Voraussetzungen machen darf. Er steigt eine Ebene tiefer ein und fragt, ob
+ es überhaupt möglich ist, solche Sinnesdaten zu gewinnen.</p>
+ <p>Unter den zahlreichen Versuchen, dieses erkenntnistheoretische Problem zu entschlüsseln,
+ verdient der Lösungsweg, den Simon L. Frank beschritten hat, eine besondere Aufmerksamkeit.</p>
+---
+ \section{Einleitung}
+
+ \epigraph{
+Heiße Magister, heiße Doktor gar,\\
+Und ziehe schon an die zehen Jahr'\\
+Herauf, herab und quer und krumm\\
+Meine Schüler an der Nase herum ---\\
+Und sehe, daß wir nichts wissen können!
+}{\textit{Faust I}\\Johann Wolfgang von Goethe\footcite[15]{faust}}
+
+In der Tat, können wir etwas wissen, etwas erkennen?
+Seit der Entstehung der Menschheit wunderte man sich über die Welt, die einen umgibt. Man fragte sich, wie die Umwelt
+funktioniert, was hinter den natürlichen Ereignissen steht, suchte nach Gesetzmäßigkeiten und legte auf diese Weise den
+ersten Grundstein für das Gebäude der Physik. Dieses Projekt war jedoch anscheinend so komplex, dass manche Philosophen
+sich wenige Jahrhunderte später die Ansicht aneigneten, dass es überhaupt keine Wahrheit, sondern nur Schein und
+Täuschung gebe. Durch Grübelei und Diskutieren gelangte man schließlich zum Zentrum seines Daseins, zu seinem Selbst,
+und stellte sich nun die Frage: „Was bin ich? Habe ich zumindest eine sichere Erkenntnis, dass es mich selbst
+tatsächlich gibt, oder bin ich auch ein bloßer Schein, eine Selbsttäuschung?“
+
+Die so für den gemeinen Menschen merkwürdige Frage nach der Sicherheit menschlicher Erkenntnis wurde im letzten Jahrundert
+nicht nur durch vielfältige philosophische Spekulationen, sondern auch durch die modernen Naturwissenschaften noch
+stärker verschärft, wobei philosophische Spekulationen in gewisser Hinsicht wichtiger sind, weil, wenn die
+Naturwissenschaften mit den Sinnesdaten arbeiten und die Existenz der Außenwelt einfach voraussetzen, der Philosoph
+keine solche Voraussetzungen machen darf. Er steigt eine Ebene tiefer ein und fragt, ob es überhaupt möglich ist,
+solche Sinnesdaten zu gewinnen.
+
+Unter den zahlreichen Versuchen, dieses erkenntnistheoretische Problem zu entschlüsseln, verdient der Lösungsweg, den
+Simon L. Frank beschritten hat, eine besondere Aufmerksamkeit. Bevor ich aber zur Darlegung Franks Erkenntnistheorie
+übergehe, möchte ich genauer auf die Frage eingehen: Was ist eigentlich so rätselhaft an unserer Erkenntnis?
+
+ \section{Wie weit geht der Zweifel?}
+Ren\'{e} Descartes, der nach Arthur Schopenhauer „mit Recht für den Vater der neuern
+Philosophie“\footcite[11]{schopenhauer} gilt, wollte bekanntlich vor allem ein festes Fundament für seine Philosophie
+legen.\footcite[23f]{discours} Als erste Regel, die ihn von Abgründen des Nichts-Wissens zu wahren Erkenntnissen
+leiten sollte, war, nichts in sein Wissen aufzunehmen, „als was sich so klar und deutlich darbot, dass
+ich keinen Anlass hatte, es in Zweifel zu ziehen.“\footcite[33]{discours} Die materielle Welt fiel aus dieser
+Kategorie gleich aus: Es könnte ja sein, dass ich sie nur träume, dass es sie aber nicht gibt. Das ist das
+problematische Moment der gegenständlichen Erkenntnis. Sie ist außer uns, aber alles, was wir haben, sind unser Gehirn und
+unsere Sinnesorgane. Wenn sie uns täuschen, dann haben wir ein völlig verkehrtes Weltbild, ohne das jemals zu merken
+oder merken zu können.
+
+Gibt es aber etwas, was nicht bezweifelt werden kann? Descartes bejaht diese Frage:
+„Aber gleich darauf bemerkte ich, daß, während ich so denken wollte, alles sei falsch, es sich notwendig so verhalten müsse,
+daß ich, der dies dachte, etwas war.“\footcite[57]{discours}
+Nun fühlt man festen Boden unter den Füßen. Wenn ich auch an allem zweifeln kann, dann doch nicht daran, dass es
+mich selbst gibt, dass ich denke und zweifle. Ferner definiert Descartes den Menschen als denkende Substanz,
+\textit{res cogitans}\footcite[Vgl.][43]{geschichte17-18}, die Wladimir Solowjew seinerseits als
+„einen unzweifelhaften Mischling“\footnote{\cite[40]{solowjow}. Zur Kritik Descartes denkender Substanz siehe den
+kompletten ersten Aufsatz aus „Theoretische Philosophie“ im genannten Band.}
+bezeichnet, weil jener dem Subjekt das zuschreibe, was ihm nicht mit Sicherheit gehöre. Alles Reden über das Ich
+ist kein Reden über das Ich, sondern das Reden über \textit{Etwas}. Wenn wir über das Subjekt reden, vergegenständlichen
+wir dieses, machen es zu einem Objekt, was gleichzeitig alle Probleme gegenständlicher Erkenntnis auf das Subjekt
+überträgt. Descartes weist zum Beispiel darauf hin, dass die Gedankenwelt eines Traumes niemals so evident und vollständig
+wie diese der Realität sei.\footcite[Vgl.][69-71]{discours} Wie kann man zu diesem Schluss
+kommen? Man vergleicht das Realitätsbewusstsein mit demjenigen eines Traumes, was allerdings gar nicht in die umgekehrte Richtung
+geht: Im Traum gelten andere Gesetze, die \textit{in diesem Moment} unvergleichbare Evidenz und Vollständigkeit haben.
+Wenn ich also eine zweite Realität annehme und ich nur das Produkt eines Traumes eines Anderen bin, dann sind die
+Gedankengänge meiner Wirklichkeit genauso lächerlich und absurd für die zweite Realität.
+
+Natürlich gibt es einen Kern, denn ich bin doch etwas (wenn auch nur ein Traumgebild oder ein Produkt der Natur,
+das sich einbildet, etwas frei denken zu können), aber man kann diesen Kern kaum
+benennen.
+Solowjew unterscheidet deswegen zwischen dem reinen und empirischen Subjekt. Jenes ist sicher und
+unerschütterlich, da es uns auf dem unmittelbarsten Wege gegeben ist,
+aber leer (wie ein mathematischer Punkt), dieses erfüllt und bunt, weil es die ganze Persönlichkeit
+enthält, dennoch wackelig und grundlos.\footcite[Vgl.][51]{solowjow} Und so verhält es sich in diesem Model mit allem
+Sein überhaupt.
+
+Hiermit stehen dem Skeptizismus alle Türe offen, weil, wenn man das Sein radikal und bis zum Ende, als etwas,
+was dem Erkennenden gegenüber steht, denkt, das Maximum, was man mit Sicherheit weiß, ist, dass man
+\textit{in irgendeiner Weise} existiert. Alle anderen Erkenntnisse stehen unter Verdacht, nicht objektiv zu sein.
+Die große Frage wäre also, ob man diese Kluft zwischen dem Subjekt und Objekt überbrücken kann.
+
+ \section{Zwei Hauptaspekte der Erkenntnislehre}
+Das von mir oben geschilderte Problem ist als Transzendenzproblem bekannt. Frank unterteilt es in zwei
+Fragen, wovon eine relativ einfach und in verschiedenen Systemen im Prinzip gelöst, die andere dagegen
+schwieriger sei und oft außer Acht gelassen werde.\footcite[Vgl.][166f]{frank:problem} Einerseits handelt es
+sich darum, zu erklären, wie das Subjekt das gegenständliche Sein, also das Transzendente, wirklich erfassen kann.
+Andererseits stellt sich die Frage: Was bedeutet dieses gegenständliche Sein überhaupt, woher wissen wir, dass es
+etwas von unserem Bewusstsein Unabhängiges, permanent Existierendes gibt?\footcite[Vgl.][168]{frank:problem}
+
+Es ist kein Zufall, dass Frank im Bezug auf das Transzendenzproblem nicht nur über unser Verhältnis zum Sein spricht,
+sondern auch über das Sein selbst, was streng genommen keine Aufgabe der Erkenntnistheorie ist, sondern die der
+Ontologie. In seinem Aufsatz „Die Krise der modernen Philosophie“ hat Frank darauf hingewiesen, dass Kant
+(und mit ihm die moderne Philosophie) jeder Ontologie eine Erkenntnistheorie vorgeordnet
+sieht.\footcite[Vgl.][48]{frank:krise} Das Erkennen geht ja von uns aus. Wir haben ein gewisses Vermögen, das uns
+ermöglicht, verschiedene Inhalte in uns aufzunehmen. Deswegen ist das Reflektieren über dieses Vermögen das
+Grundlegendste, was es geben kann. Auch wenn wir über das Sein nachdenken, tun wir das vermittels dieses Vermögens.
+Es dreht sich also alles um die Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis und die Wissenschaft, die diese Bedingung
+erforscht, wenn sie tatsächlich gründlich sein will, muss selbst bedingungslos sein, das heißt sich auf keine vorgefasste
+Ontologie stützen.\footcite[Vgl.][48]{frank:krise} Frank mit seinem scharfen Sinn für das
+Sein (und nicht nur für die abstrakte Begrifflichkeit) tritt dieser Einstellung entgegen und dreht das Verhältnis
+von Ontologie und Erkenntnistheorie um: Wird es denn nicht angenommen, dass es einerseits den Erkennenden und
+andererseits das gegenständliche Sein \textit{gibt}? Die Spaltung
+in Objekt und Subjekt ist somit nichts Anderes als eine ontologische Voraussetzung. Die Erkenntnistheorie muss zum
+Bewusstsein kommen, dass sie selbst Ontologie ist und anders gar nicht gedacht werden kann, sie soll „eine offene und
+richtige Ontologie“ sein und „sich von jenem [\dots] fehlerhaften circulus vitiosus befreien, in dem einzelne,
+abgeleitete Daten eines begrenzten Seinsgebiets die logische Grundlage für die Beurteilung des seins im ganzen
+waren.“\footcite[50]{frank:krise}
+
+Wenn man nun die scheinbare Grenzlinie zwischen dem Subjekt und Objekt aufhebt, gelangt man auch schon zur Lösung
+des ersten Teils des Transzendenzproblems. Das Bewusstsein ist eben nicht etwas in sich Geschlossenes, das auf eine
+unbekannte Weise affiziert wird und nur verzerrte Bilder der Wirklichkeit in sich aufnimmt, sondern es steht
+immer mitten im Sein und richtet seinen Blick auf die Gegenstände. Frank vergleicht den Erkenntnisprozess mit der
+Wirkung einer Lampe, die aus sich selbst „hinausgeht“ und ihr Licht auf die Dinge wirft. Das menschliche Bewusstsein
+ist seinem Wesen nach ein Lichtstrahl, der seine Grenzen transzendiert und so seine Umgebung
+beleuchtet.\footcite[Vgl.][167]{frank:problem}
+
+ \section{Das Transzendente als unmittelbar Gegebenes}
+Frank gibt sich mit dem Erreichten nicht zufrieden und untersucht genauer, soweit es möglich ist, die Seinsstrukturen
+und das Interagieren des menschlichen Bewusstseins mit den anderen Teilaspekten des Seins.
+
+Am Anfang bin ich durch systematischen Zweifel, der bei der objektiven Wirklichkeit ansetzt und zum Innersten
+des Subjekts führt, zum Ergebnis gelangt, dass es unbedingt etwas geben muss. Man kann nur dieses „Etwas“ nicht
+als res cogitans oder mit einem anderen Begriff bezeichnen, was gleichsam Vergegenständlichung bedeuten würde. Es
+entkommt jeder Definition. Es ist ein Punkt, etwas unendlich Kleines, weil es nichts Definierbares in sich enthält
+und unendlich Großes, weil es nichts außer sich selbst kennt. Man kann auch nicht von Dauer sprechen.
+Die Vergangenheit und die Zukunft sind uns nicht unmittelbar gegeben. Die Zukunft gibt es im Moment noch gar nicht
+und seine Vergangenheit kann man rekonstruiren, auch wenn diese Rekonstruktion nicht im Geringsten der Wahrheit
+entspricht, ohne dabei die Absicht zu lügen zu haben\footnote{Juristen sind so genannte
+\textit{Knallzeugen} bekannt, die vor Gericht in allen Einzelheiten etwas beschreiben können, was sie gar nicht
+gesehen haben, sondern erst im Moment des Ereignisses (beispielsweise eines Autounfalls) darauf aufmerksam geworden
+sind. Die Widersprüchlichkeit seiner Aussagen wird so einem Zeugen nicht
+bewusst. \cite[Vgl.][17]{psyche}}. Es lebt nur in diesem konkreten Moment. Es wäre ein Nichts, wenn es nicht
+ein „Etwas“ wäre, „es ist ein \textit{Sein} schlechthin“\footcite[178]{frank:problem}. Es ist primär und
+unmittelbar evident. Alles Andere, Denken, Bewusstsein, sind im Vergleich dazu sekundär, sie müssen ja erst
+\textit{sein}, also an einem Sein teilhaben. Frank betont nochmal ausdrücklich, dass das Subjekt kein Träger vom
+Sein ist, sondern, dass es das Getragene ist, es haftet selbst am Sein, dass alles in sich
+vereinigt\footcite[Vgl.][178]{frank:problem}.
+
+Es ist also gelungen, etwas Evidentes, Unleugbares zu finden, und es annähernd zu beschreiben. Es scheint jedoch zu
+sein, dass man an dieser Stelle auch bleiben muss, weil es sich nichts mehr findet, was genauso selbstevident und dem
+Menschen unmittelbar gegeben wäre. Im nächsten Schritt kritisiert Frank aber die Meinung, dass die
+Selbstevidenz, unmittelbare Gegebenheit und Immanenz unbedingt zusammenfallen. Es ist überhaupt ein Merkmal unseres
+Denkens, dass wir ein Ding nie einzeln denken können. Was ist zum Beispiel die Gegenwart? Die Gegenwart wird als eine
+Grenzlinie zwischen Vergangenheit und Zukunft vorgestellt. Genauso kann man nur auf dem Hintergrund dessen, was
+die Gegenwart ist, verstehen, was die Zukunft ist. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die Vergangenheit. Alle
+drei Begriffe stehen
+in einer Relation zueinander und können unabhängig voneinander gar nicht gedacht werden. Wenn es keine Zukunft und
+keine Vergangenheit gegeben hätte, dann hätte man auch keine Vorstellung von der Gegenwart. Wenn man genauer hinschaut,
+dann erblickt man, dass es sich ähnlich auch mit allen anderen Dingen verhält, auch mit räumlichen Gegenständen. Wenn
+ich einen roten Fleck sehe und sage, dass der Fleck rot ist, bringe ich ihn in Beziehung mit allen anderen Gegenständen,
+die vielleicht grün, schwarz oder weiß sind. Wie hätte ich die Röte wahrnehmen können, wenn es keine anderen Farben
+gegeben hätte?\footcite[Vgl.][26f]{ehlen:frank-intro}
+
+Zu einem Inhalt A kommt notwendig ein anderer Inhalt, non-A, hinzu, der dem A nicht immanent, sondern
+transzendent ist und mit ihm in einer Verbindung steht. Nicht nur Immanentes ist uns evident und unmittelbar gegeben,
+es ist nicht mal das Primäre, weil es nur im Zusammenhang mit dem Transzendenten gedacht werden kann, als Teil eines
+Ganzen, das folglich auch \textit{ist}. Dieses non-A ist kein Gegenstand unserer Erkenntnis in dieser Sekunde,
+weil unser Blick auf den Inhalt A gerichtet ist, non-A ist uns verborgen,
+aber trotzdem als solches gegeben.\footcite[Vgl.][179ff]{frank:problem} Demzufolge kann man auch das
+Sein nicht als einen nur in diesem Moment existierenden, mathematischen Punkt deuten. Dieser Moment setzt einen anderen
+voraus und ein Punkt setzt eine unendliche Seinsfülle voraus, der er zugehört.
+
+Das ist die Antwort, die Frank auf die zweite Teilfrage des Transzendenzproblems gibt. Es gibt Sein, das nicht
+gegenständlich ist, sondern das eine Einheit vom Subjekt und dem gegenständlichen Sein darstellt. Alles, was ist,
+partizipiert an ihm, wodurch eine Verbindung zwischen den Teilen des Seins, zwischen Subjekt und Objekt
+gewährleistet wird.
+
+ \section{Das mitgedachte Unbekannte}
+Das Moment des Unbekannten, des Verborgenen spielt auch eine große Rolle im Erkenntnisprozess. Frank untersucht ein
+synthetisches Urteil der Form „S ist P“. Wenn S als eine Begriffsbestimmtheit gedacht wird, kann S nach
+dem Widerspruchsprinzip kein P sein, weil S ein S ist. Wenn man „S ist P“ sagt, meint man dann wohl etwas Anderes.
+„Unter S wird aber tatsächlich zweierlei zugleich gedacht: einerseits eine Begriffsbestimmtheit A, die sich eben mit
+der Bestimmtheit B, die das Wesen des Prädikats ausmacht, verbindet [\dots]“.\footcite[170]{frank:problem}
+Andererseits hat unsere Erkenntnis nur Sinn, wenn sie auf etwas Unbekanntes ausgerichtet ist, und es ist, wie es oben
+gezeigt wurde, tatsächlich so, dass das Unbekannte immer mitgedacht wird.
+„Wäre die Realität auf das jeweils Erkannte beschränkt,
+würde fortschreitendes Erkennen darin bestehen, daß ein neuer Wissensinhalt den anderen ablöst. Dieser Vorgang [\dots]
+würde der Dynamik des Erkenntnisvorgangs nicht entsprechen.“\footcite[25]{ehlen:frank-intro} Also muss S auch
+etwas Unbestimmtes enthalten, es ist das überbegriffliche Ganze, in dem wir im Urteil die Bestimmtheit B erkennen.
+Frank schließt daraus, dass die eigentliche Form des Urteils \mbox{AX = B} sei\footcite[Vgl.][171]{frank:problem}.
+Wobei dieses X nicht etwas an sich
+Unerkennbares ist, Frank bezeichnet es mit dem Wort „Bestimmtheitskomplex“\footcite[171]{frank:problem}. Dieser
+Komplex ist unabhängig von uns vorhanden und bestimmt, aber nicht von uns erkannt. Bei der Erkenntnis hat man nicht
+nur mit den Erkenntnisinhalten zu tun, sondern auch mit dem Unbekannten, mit der Inhaltsfülle des Gegenstandes
+selbst. Die Zweieinheit von Subjekt und Prädikat im Urteil kann nicht zufällig sein und ist nicht sekundär,
+weil es dann schwer zu erklären wäre, wie es überhaupt zu dieser Kopula kommt,\footcite[Vgl.][170]{frank:problem}
+muss also im Sein verankert sein und die Einheit vom Gegenstand und dem Erkenntnisinhalt widerspiegeln.
+
+ \section{Intuitive und begriffliche Erkenntnis}
+Die nächste Frage, der Frank sich widmet, ist, wie dieses Abbilden des Gegenstandes, also dieses Gewinnen des
+Erkenntnisinhaltes, überhaupt möglich ist, weil man den Erkenntnisinhalt nicht mit dem Inhalt des Gegenstandes selbst
+verwechseln darf. Unsere Urteile können auch falsch sein. Der Wahrheitswert unserer Erkenntnisse wird auf irgendeine
+Weise am Inhalt des Gegenstandes gemessen. Um ein Abbild zu machen, muss man aber den Gegenstand bereits
+besitzen, was jedoch zufolge hätte,
+dass ein Abbild überflüssig wäre, und wenn man ihn nicht besitzt, dann ist es einfach nicht möglich so ein
+Abbild anzufertigen, weil man das Original nicht hat.\footcite[Vgl.][193]{frank:meta}
+
+Als Ausgangspunkt nimmt Frank das Schlussprinzip (A $\Rightarrow$ B) und die logische Regel modus ponens
+(A $\Rightarrow$ B; nun ist A, also ist auch B), weil es dem Vorgehen unserer Erkenntnis entspricht:
+Aus einem bereits bekannten A wird B gefolgert. Die Überlegungen, die Frank hier anstellt, sind im Wesentlichen
+ähnlich der Untersuchung des synthetischen Urteils der Form „A ist B“. A ist eben A und kann keine „Informationen“
+über B enthalten, also muss es eine primäre Einheit AB geben, die die Möglichkeit des Schlusses begründet. Die
+Schlussfolgerung darf aber in diesem Fall nicht als eine Summe von A und B gedacht werden, sonst wäre es keine
+wirkliche Schlussfolgerung, sondern die beiden Teile würden uns unmittelbar gegeben. Das Ganze ist in diesem Fall
+viel mehr eine Potenz, sodass die Bestimmtheit A sich zunächst auskristallisiert und danach aus dem vom Ganzen
+gebliebenen Rest B gebildet wird.\footcite[Vgl.][194-197]{frank:meta}
+
+Da es unendlich viele Bestimmtheiten gibt, muss es einen Bereich geben, der alles Gedachte und Erkennbare überhaupt
+umfasst. Allerdings können die logischen Denkgesetze (Kategorie der Identität und Unterschiedes, der Satz des
+ausgeschlossenen Dritten) nicht als Verbindungsglied zwischen den als fertig gegeben gedachten Bestimmtheiten
+gedacht werden. Das führt zu Tautologien und Widersprüchen. Biespielsweise besagt die Identität, dass
+\mbox{A = A} ist, wobei die Identität das Vorhandensein eines
+zweiten A eigentlich ausschließt. Der Satz des ausgeschlossenen Dritten besagt: Alles Denkbare ist entweder A oder non-A und ein
+Drittes ist nicht gegeben. „Alles Denkbare“ ist aber ein Drittes, weil es sowohl A als auch non-A enthalten
+kann. Und die Möglichkeit dieses Dritten wird im Satz geleugnet. Wäre ein Drittes in der Tat ausgechlossen, wäre der
+Satz gar nicht denkbar, weil „alles Denkbare“ nur eins von beidem wäre.\footcite[Vgl.][198]{frank:meta} Dagegen
+sind die Denkgesetze die Möglichkeitsbedingungen, „auf Grund deren die begriffliche Bestimmtheit überhaupt (also
+ein A und ein non-A) erst entsteht.“\footcite[Vgl.][198f]{frank:meta} So wird alles Denkbare zunächst als eine
+Einheit gedacht (Identitätsprinzip), dann wird von allem Anderen abgehoben (Underschiedsprinzip) so, dass es sich
+„eindeutig als ein »Solches«, ein genau bestimmtes, einzigartiges »Quale«
+konstituiert“\footcite[199]{frank:meta} (Satz des ausgeschlossenen Dritten).
+
+Hier nähern wir uns einem Gebiet an, das nicht nach logischen Gesetzmäßigkeiten funktoniert, sondern sie erst
+begründet. Dieses Gebiet ist deswegen \textit{metalogisch}. Frank bezeichnet darum die Beziehung zwischen der primären
+Einheit und dem System der Bestimmtheiten als „metalogische Ähnlichkeit“\footcite[200]{frank:meta}, sie haben die
+gleichen Inhalte, aber unterschiedliche Seinsgrade. Aus dem Vorhandensein dieser zwei Ebenen, die das Sein jeweils
+auf eigene Art und Weise abbilden, leitet Frank die Existenz auch einer zweiten Erkenntnisart, ab, der
+intuitiven Erkenntnis, die grundlegend für die begriffliche ist, da die erstere das Material für
+die letztere aus der überbegrifflichen Alleinheit liefert.\footcite[Vgl.][201]{frank:meta}
+
+Die intuitive Erkenntnis hat das Erlebnis zu ihrem Ansatzpunkt. Das Erlebte ist zunächst ein X, etwas vollkommen
+Unbekanntes und es wird nicht nur durch das Gehalt dieses Erlebnisses bestimmt, sondern dieses Unbekannte wird
+in einem Zusammenhang mit dem Ganzen des Seins erkannt, als dessen Teilmoment, was objektive
+Erkenntnis möglich macht, weil dieses Ganze keine amorphe Masse ist, sondern „konkrete Einheit der
+Mannigfaltigkeit“\footcite[203]{frank:meta}. Die intuitive Erkenntnis dient nicht nur als Grundlage für die
+begriffliche Erkenntnis, sondern sie ist auch dem Gegenstand selbst mehr adäquat, weil
+die Teilaspekte des Seins intuitiv als ein Ganzes gefasst werden, was der Einheit des Seins mehr entspricht. Die
+Entsprechung ist aber wiederum kein Original. Man könnte unsere Erkenntnis (jeder Art) mit einem malerischen Werk
+vergleichen. Man kann eine Gegend sehr gut auf einem Blatt Papier darstellen, die Deminsionen können anhand bestimmter
+Techniken nachgemacht werden, sie sind aber trotzdem nicht da, sondern nur in der Natur selbst. Dazu muss noch gesagt
+werden, dass ein Kunstwerk natürlich zeitlos ist, ihm fehlt der Atem, der die lebendige Natur bis in die letzte Tiefe
+durchdringt.\footcite[Vgl.][210f]{frank:meta}
+
+Im Gegensatz zur intuitiven Erkenntnisweise hat die begriffliche Erkenntnis einen
+negativen Charakter, weil A durch die Verneinung alles Anderen bestimmt wird, A steht immer in einer Relation zu non-A,
+welches als „der unendliche dunkle Rest“\footcite[205]{frank:meta} übrig bleibt. Eine Bestimmtheit A ist immer
+eine Abspaltung, eine gewisse Verarmung im Vergleich zur primären Einheit „A + non-A“ und trotzdem verliert die
+begriffliche Erkenntnis nicht an Bedeutung. Zwar ist sie relativ „tot“, sie greift Daten aus der Seinsfülle
+heraus und macht sie zu einem starren System, doch ist das
+menschliche Intuitionsvermögen auch nicht im Stande das Sein in seinem ganzen Umfang zu fassen. Beide
+Erkenntnisarten vervollsändigen einander. Die begriffliche Erkenntnis hilft das Sein auseinanderzunehmen und
+auf diese Weise es genauer zu untersuchen. Nur die Kooperation der beiden Erkenntnisarten macht es möglich die
+Mannigfaltigkeit und die Einheit des Seins für den erkennenden Menschen in ein Gleichgewicht zu
+bringen.\footcite[Vgl.][206]{frank:meta}
+
+ \section{Wissendes Erleben}
+Simon Frank hat uns ziemlich nah an das Sein herangeführt (genauer gesagt an die bewusste Schau des Seins). Und doch
+ist dieses Sein vor unseren Augen unbeweglich, grob, blass. Frank führt das Beispiel eines Apfels an, dessen Begriff
+oder das vollkommenste intuitive Erfassen uns jedoch nicht sättigen können.\footcite[Vgl.][210]{frank:meta} Der
+Unterschied zwischen einem Apfel als Gegenstand und einem Begriff ist die „Idealität“, die Frank mit der
+Zeitlosigkeit, die ich bereits kurz angesprochen habe, gleichsetzt. Hier kehren wir wieder zum Anfang, da wo ich
+im Zusammenhang mit dem Zweifel geschrieben habe, dass alles, was zum \textit{Gegenstand} menschliches Denkens (oder
+auch intuitives Anschauens) werden kann, wird vergegenständlicht, „[a]us dem zeitlichen Geschehen wird dadurch
+\textit{eine ewig-unbewegliche Wahrheit}“\footcite[211]{frank:meta}. Das gilt sowohl für abstraktes Denken als auch
+für normales Geschehen. Dieses Zeitlose kann nicht das Primäre sein aus dem einfachen Grund, dass das Zeitlose immer
+in einer Relation mit dem Zeitlichen steht. Das wahre Absolute ist nicht relativ zu etwas, es schließt Relatives ein,
+ohne es aufzulösen. Es kann auch nicht zeitlos sein, sondern überzeitlich. Erst aus dem Überzeitlichen entwickeln sich
+diese zwei Gegensätze: Zeitloses und Zeitliches.\footcite[Vgl.][213]{frank:meta}
+
+Gibt es eine Möglichkeit den „Apfel des Seins“ nicht nur begrifflich zu erkennen und intutiv anzuschauen, sondern ihn
+auch zu kosten? Jede gegenständliche Erkenntnis ist nur ein Abbild, das deswegen nicht dem Gegenstand selbst
+adäquat ist, sondern höchstens etwas über ihn sagt. Frank wählt für diesen Fall den Begriff
+„cognitio \textit{circa rem}“ anstatt von „cognitio \mbox{\textit{rei}\hspace{0.02cm}“\footcite[217]{frank:meta}.}
+Wenn ein Lebewesen in sich tatsächlich geschlossen wäre, wäre eine wahre Erkenntnis in der Tat nicht möglich, weil man
+sich dann nur mit Abbildungen der Wirklichkeit begnügen sollte. Es wurde jedoch gezeigt, dass der Mensch auf diese
+Weise nicht denkbar ist. Er ist vielmehr --- wie alles andere Seiende auch --- vom Sein durchdrungen. Der Mensch
+geht über sich hinaus, weil in ihm sich das manifistiert, was weit über die Grenzen seines eigenen menschlichen Wesens
+fließt und die ganze Realität mit sich füllt. Die Erfahrung der Manifestation des Seins in uns macht man im Erleben,
+das immer ein wissendes Erleben ist. Frank macht an dieser Stelle eine strenge Unterscheidung zwsichen der dunklen
+Irrationalität des unmittelbaren Lebens und der \textit{über}rationalen Fülle der Lebensintuition, die „helles inneres
+Erleuchten“\footcite[Vgl.][219]{frank:meta} ist.
+
+In ihm, im Erleben, in dem das Sein sich selbst uns offenbart,
+wurzelt die intuitive Erkenntnis und allein dadurch wird die gegenständliche Erkenntnis möglich.
+
+\section{Literaturverzeichnis}
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+---
+layout: post
+date: 2017-04-12 00:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Herausforderungen der Technikphilosophie
+teaser:
+ <p>Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres
+ alltäglichen Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören.
+ Doch, was jene Technisierung kennzeichnet, ist nicht so sehr die Technik selbst, sondern
+ die rasche Entwicklung derjenigen. Als solche ist die Technik nichts Neues, wenn auch
+ die Technik des letzten Jahrhunderts ganz anderer Art, als das, was man vorher kannte.
+ Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht gab es sie schon immer. Vielleicht
+ ist die Fähigkeit aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann anhand derer etwas
+ zu erfinden, etwas was einen Menschen eigentlich ausmacht.</p>
+
+ <p>Wenn man über das technische Zeitalter spricht, ist diese Aussage nicht unbedingt
+ wertneutral. Der zügellose technische Fortschritt hatte zur Folge, dass er viel
+ Aufmerksamkeit in der Gesellschaft auf sich gelenkt hat, worüber man sich auch kaum wundern
+ kann, weil wir heute in so vielerlei Hinsicht auf die Technik angewiesen sind.</p>
+
+ <p>Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was
+ ist sie nun? Ist sie etwas Gutes, was uns weiterbringt und uns mehr Macht über die
+ Natur beschert? Ist sie etwas Schlechtes, was den Menschen jeden Tag immer mehr von
+ ihr abhängig und hilfslos macht?</p>
+---
+Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres alltäglichen
+Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. Doch, was jene
+Technisierung kennzeichnet, ist nicht so sehr die Technik selbst, sondern die rasche Entwicklung
+derjenigen. Als solche ist die Technik nichts Neues, wenn auch die Technik des letzten Jahrhunderts
+ganz anderer Art, als das, was man vorher kannte. Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht
+gab es sie schon immer. Vielleicht ist die Fähigkeit aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann
+anhand derer etwas zu erfinden, etwas was einen Menschen eigentlich ausmacht.
+
+Wenn man über das technische Zeitalter spricht, ist diese Aussage nicht unbedingt wertneutral.
+Der zügellose technische Fortschritt hatte zur Folge, dass er viel Aufmerksamkeit in der Gesellschaft
+auf sich gelenkt hat, worüber man sich auch kaum wundern kann, weil wir heute in so vielerlei Hinsicht
+auf die Technik angewiesen sind.
+
+Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was ist sie nun?
+Ist sie etwas Gutes, was uns weiterbringt und uns mehr Macht über die Natur beschert? Ist sie
+etwas Schlechtes, was den Menschen jeden Tag immer mehr von ihr abhängig und hilfslos macht?
+
+Ich habe vorher schon angedeutet, dass die Technik auch als etwas genuin Menschliches verstanden
+werden kann. Dann wäre die Frage nach der Technik einer ganz anderen Dimension zuzuordnen. Es
+wäre kein bloß moralisches Problem, also ob die Technik gut oder schlecht an sich sein kann, zu welchen
+Zwecken sie eingesetzt werden darf und ob jeder Zweck das Mittel rechtfertigt; keine Frage der
+politischen Zugehörigkeit oder der persönlichen Einstellung, ob man bestimmte Technologien
+befürwortet oder nicht und ob man an den hellen Morgen glaubt oder eher diesbezüglich pessimistisch
+ist. Es wäre vielmehr eine philosophische Fragestellung, weil es vor allem die Philosophie ist, die
+nach der Washeit der Dinge und der Möglichkeitsbedingungen fragt: Was ist der Mensch? Was macht einen
+Menschen aus? Was ist und warum eigentlich Technik, was macht sie möglich?
+
+Die philosophische Natur ist auch aus einer anderen Überlegung einsehbar. Und zwar sind viele Fragen,
+die mit der Technik verbunden sind, gar nicht durch das technische Denken selbst beantwortbar, sondern
+bedürfen einer Reflexion, die über das Technische hinausgeht. Selbst wenn jemand behaupten würde, dass die
+Technik nur aus sich heraus erklärt werden könne und müsse und keine weitere Rechtfertigung oder Würdigung
+nötig habe, wäre das eine Behautpung, die die Grenzen des Technischen überschreitet.
+
+Im Folgenden will ich andeuten, welche Fragestellungen und Probleme das Eintreten des Technischen in unser Leben
+mit sich bringt. Mir geht es nicht darum, die Antworten auf bestimmte Fragen zu geben, sondern auf die
+Spannungsfelder zu verweisen, die sich eröffnen, wenn man über das Technische nachdenkt, und so zu zeigen, dass es
+sich dabei eigentlich um Philosophie handelt.
+
+ \section{Kunst oder Mittel zum Zweck}
+
+Zunächst stellt sich die Frage nach dem Wesen und dem Ursprung des Technischen. Unter Technik verstehen
+wir bestimmte Arten von Menschenwerk, aber was lässt sich über den Status dieses Werks sagen? Hier gibt es
+zwei entgegengesetzte Extreme: Man kann die Technik als die Folge des menschlichen zweckrationalen Handelns
+, das heißt als Mittel zu einem bestimmten Zweck, oder als ein Kunstwerk verstehen. Das Verständnis von
+Technik würde sich dann aus dem zweckrationalen Handeln und der schöpferischen Kraft zusammensetzen, wobei man deren Rolle
+unterschiedlich gewichten kann.
+
+Was kann der Zweck der Technik sein? Wenn man einen möglichst allgemeinen Zweck nennen will, der auf möglichst viele
+oder im besten Fall auf alle technischen Erfindungen zutrifft, dann würde ich das Bezwingen der Natur vorschlagen.
+Die Technik kam in die Welt, um die Bürde der Arbeit leichter zu machen. Man kann vieles schneller und
+qualitativ besser erledigen, wenn man passende Instrumente zur Hand hat. Es ging natürlich viel weiter, als nur
+eigenes Überleben auf diese Weise zu sichern. Hier tritt der Begriff Luxus in Erscheinung: Man produziert
+Gegenstände, die nicht unmittelbar notwendig sind. Es geht dann so weit, dass man im Zusammenhang mit der
+Marktwirtschaft vom Produzieren der Bedürfnisse spricht.
+
+Kunst kann man in einer gewissen Hinsicht der Zweckrationalität entgegenstellen. So spricht Kant von
+ästhetischen Urteilen als dem Wohlgefallen ohne alles Interesse\autocite[Vgl.][49]{kant:ku}:
+„Wir können aber diesen Satz, der von vorzüglicher Erheblichkeit ist, nicht besser erläutern,
+als wenn wir dem reinen uninteressierten Wohlgefallen im
+Geschmacksurteile dasjenige, was mit Interesse verbunden ist, entgegensetzen [\dots]“\autocite[50]{kant:ku}.
+Bei der Einführung der Technik spricht man oft von einer technischen \textit{Erfindung}. Nun, wenn man
+nicht gerade ein ideales Reich der Ideen, wo alle technischen Erfindungen bereits realisiert sind,
+annimmt\autocite[Vgl.][59f]{ropohl:aufklaerung}, enthält die Technik eine künstliche Dimension, in der
+die schöpferische Kraft des Menschen etwas Neues erfindet.
+
+Nun es hat Konsequenzen, ob man die Technik mehr als Mittel zum Zweck oder Kunst versteht. Das Erfinden ist
+meines Erachtens ein wichtiger Bestandteil dessen, was die menschliche Freiheit konstituiert, und man versucht
+diesen Bereich heute möglichst wenig zu zensieren, sondern es dem Menschen zu überlassen, sich auf seine
+eigene Weise auszudrücken. Aber \textit{darf} man auch im technischen Sinne alles erfinden, was man erfinden
+\textit{kann}?
+
+ \section{Erhöhung der Lebensqualität oder Zerstörung}
+
+Ein Leben ohne technische Geräte im Haushalt ist kaum vorstellbar. Elektrische Geräte, Wasserversorgung,
+Computer, Telefone gehören zum Alltag. Selbst die allgemeine Zugänglichkeit der Gegenstände, die wir
+normalerweise nicht als Technik bezeichnen würden, wie zum Beispiel Bücher, verdanken wir dem heutigen
+Stand der Technik. Nicht anders ist es im beruflichen Umfeld. Auch die moderne Wissenschaft und Forschung
+sind von Teilchenbeschleunigern und Supercomputern abhängig.
+
+Technische Erfindungen bringen uns Komfort, erhöhen unsere Leistung, ermöglichen neue Arten von
+Kommunikation. Das hat allerdings auch eine andere Seite. Die Möglichkeiten, die die moderne Entwicklung
+mit sich bringt, birgt viele Gefahren und versetzt wohl viele Menschen in Schrecken, was aus der
+zahlreichen Kritik an der Technik zu sehen ist. Man denke nur an den Kalten Krieg oder an die
+Atomkatastrophen der letzten Jahrzehnte: Tschernobyl und Fukushima, die zu vielen Protesten gegen die
+Verwendung von Atomenergie geführt haben. Hans Blumenberg spricht in diesem Zusammenhang sogar von der
+„Dämonie der Technik“\autocite[Vgl.][11]{blumenberg:schriften-technik}.
+
+Andererseits, wenn man die Entwicklung der Energie verfolgt, so führen Streike und Proteste in der
+Gesellschaft nicht zu einem Rückschritt, nicht zur Abweisung der Atomenergie, sondern zur Suche nach
+alternativen Lösungen. Man forscht weiter und schaut, ob man andere Energiequellen finden kann, die
+die vorhandenen zumindest teilweise ersetzen können, ohne an Leistung zu verlieren. Das heißt, man sehnt
+sich nicht nach der „Rückkehr zu Natur“, sondern man sucht
+nach \textit{technischen} Lösungen für die \textit{technischen} Probleme. Das kann zu einem Zirkel führen,
+aus dem man vielleicht nicht rauskommen kann: Die vorhandene Technik motiviert zu Entwicklung anderer
+Alternativen, die mit der Zeit wiederum Schwächen aufweisen, die wieder technisch ausgeglichen werden müssen
+und so weiter. Ich denke, man hofft irgendwann ans Ende zu kommen und eine perfekte Lösung zu finden, die keine
+beweinenswerten „Nebeneffekte“ hat. Die Frage, die der Mensch sich heute zu stellen hat, ist
+natürlich: Wird es denn irgendwann so sein? Oder ist es nur ein Selbstbetrug und eitle Hoffnung?
+Die Antwort, die jeder Mensch auf diese Frage gibt, ist von entscheidender Bedeutung für das Verhältnis des
+Menschen zur Natur. Und die Frage selbst ist kaum eine wissenschaftliche Frage, sondern
+vielmehr eine ethische und philosophische.
+
+Interessant ist, welche radikale Stellung Günter Ropohl nimmt. Er schreibt über ein anderes modernes Problem,
+das in dem Verhältnis des Menschen und der Technik und Natur ihren Ursprung hat: das ökologische Problem.
+Er sieht die Lösung, wie ich oben beschrieben habe, in der weiteren technischen Entwicklung, die nicht nur
+zu einer Ausbeutung der Natur für die Menschenzwecke führt, sondern die Natur unter Schutz mit Hilfe der Technik
+nimmt, ganz in dem Sinne des Gartens Eden, den der erste Mensch zu pflegen und zu schützen gehabt habe, und
+schreibt Folgendes:
+
+\begin{quote}
+Wenn die Gattung Mensch die nunmehr gebotene ökotechnologische Wende nicht vollzieht, wird sie gemäß
+ökologischen Prinzipien über kurz oder lang eliminiert werden; dann und nur dann wird es wieder Natur geben.
+Wenn jedoch die Menschen die Hege und Pflege des irdischen Ökosystems mit der erforderlichen Konsequenz
+vervollkommen, so bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Natur.\autocite[71]{ropohl:aufklaerung}
+\end{quote}
+
+ \section{Befreieung oder Versklavung}
+
+Der Satz im vorherigen Abschnitt, dass die Technik die Entwicklung weiterer Technik
+\textit{motivieren} kann, hat eine interessante Struktur. Die Technik wird hier \textit{personifiziert},
+einem unbelebten Gegenstand, einer unbelebten Struktur wird aktives Handeln zugeschrieben. Kann ein Messer
+oder ein Handy handeln? Aber das ist eben das, was wir in der letzten Zeit beobachten. Die Technik hat
+eine gewisse Autonomie, Eigentendenz.
+
+Die Technik hat schon im Laufe ihrer gesamten Geschichte geholfen, den Menschen von schwerer Arbeit zu
+befreien, dem Menschen ein würdiges Dasein zu gewährleisten. Die Folgen davon kann man in heutiger Zeit
+gut beobachten. In den entwickelten Ländern müssen relativ wenige Mensche schwere Arbeiten ausführen, vieles
+kann von Maschinen teilweise oder vollständig übernommen werden. Und selbst, wenn die Maschine von mehreren
+Menschen gesteuert werden muss, ist eine ganze andere Art der Arbeit, als die Tätigkeit selbst auszuführen.
+
+Kann man das aber nicht so hinstellen, dass während der Mensch von schwerer Arbeit befreit wird, er von
+seinem Befreier abhängig wird? Und das ist nicht nur in dem Sinne, dass wir Instrumente verwenden, die
+unser Leben erleichtern, dass wir gewissermaßen unserer Freiheit beraubt werden. Moderne Gesellschaft kennt
+neue Arten von Sucht, wie zum Beispiel Spielsucht. Man hört Beschwerden über die jungen Leute, die die
+ganze Zeit nur in ihr Handy starren, und keinerlei „reale“ Kontakte mehr haben (wobei ich
+mich einer Meinung enthalten möchte, ob solche Beschwerden gerechtfertigt sind). Aber selbst,
+wenn man von der individuellen Ebene absieht, schreibt Hans Blumenberg über „eine spezifische
+Eigengesetzlichkeit“ eines Machtmittels wie Atomkraft\autocite[Vgl.][13]{blumenberg:schriften-technik}:
+„So wie das technische Gebrauchsprodukt Bedarf zu erzeugen vermag, so schafft das technische Machtmittel
+mit eigenartiger Automatie auslösende Situationen.“\autocite[13]{blumenberg:schriften-technik}
+
+Hier stellt sich die Frage, ob ein Messer tatsächlich einen neutralen ethischen Wert hat, und es nur auf den
+Menschen ankommt der ihn verwendet, ob er damit nur das Brot schneidet oder noch für andere Zwecke einsetzt,
+oder ob ein Messer einen immanenten Wert hat, der zu dessen Benutzung nicht nur für gute Zwecke
+herausfordert.
+
+ \section{Gleichheit oder Zerspaltung}
+
+Ein weiteres von der Technik verfolgtes Ziel ist, die Kluft zwischen sozialen Schichten der
+Gesellschaft geringer zu machen. Technische Mittel ermöglichen es, verschiedene Artefakte für
+alle Menschen zugänglich zu machen. Zum Beispiel der Buchdruck hat dazu geführt, dass die
+Produktionskosten von Büchern stark gesunken sind, und viel mehr Menschen sich den Kauf von
+Büchern erlauben konnten.
+
+Das Beispiel der Bücher ist auch geeignet, wenn man die Bücher als Informationsquelle
+betrachtet und zur heutigen digitalen Informationsvermittlung kommt.
+Man könnte denken, dass, wenn die Mehrheit der Bevölkerung einen Internetzugang
+und einen Computer hat, es allen den gleichen Zugang zu den Informationen automatisch
+ermöglichen würde.
+
+Dem kann man entgegenbringen, dass die Quantität noch nichts über die Qualität sagt, denn
+ein Internetzugang noch nichts darüber sagt, wie er genutzt wird. Da die Nutzung der digitalen
+Medien immer mehr an Bedeutung gewinnt, zum Beispiel, in der Schule und am Arbeitsplatz, kommt
+es dazu, dass einige gesellschaftliche Gruppen noch weiter voran kommen, weil sie mit entsprechenden
+technischen Mitteln umgehen können, die anderen darauf nicht zugreifen. So wird die Kluft nicht kleiner,
+sondern im Gegensatz größer. Dieses Phänomen ist keine Spekulation, sondern wurde durch Studien
+bereits vor etwa 20 Jahren entdeckt und immer wieder bestätigt. Es hat den Namen „digitale
+Spaltung“ (Digital divide) bekommen.\autocite[Vgl.][206--221]{filipovic:ungleichheit}
+
+
+ \section{Schlussbemerkung}
+
+Mit diesen wenigen Beispielen habe ich zu zeigen versucht, dass die technische Entwicklung unserer Zeit sehr
+schwer nur mit einem „Gut“ oder „Schlecht“ bewertet werden kann. Es stehen immer komplexe
+Fragen im Hintergrund, die zwei Seiten haben und wo die goldne Mitte nicht unbedingt einfach zu finden
+ist.
+
+Viele Probleme, die direkt oder nur indirekt von der Wissenschaft und Technik verursacht wurden, sind
+gar keine wissenschaftliche und noch weniger technische Fragen, sondern sie berühren solche Bereiche wie
+die der Ethik, der Verantwortung und des menschlichen Selbstverständnisses. Sie haben auch eher wenig
+Bedeutung für die Wissenschaft oder Technik, dafür aber für die menschliche Existenz, sowohl auf der
+individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene.
+
+Das ist der Grund, warum ich denke, dass eine philosophische Reflexion im Bereich der Technik unentbehrlich
+ist. Ich denke, es ist verantwortungslos, alles dem natürlichen Lauf der Dinge zu überlassen, ohne sich
+zumindest zu fragen, warum es so geschieht, welche Konsequenzen es haben kann und ob man in einer
+bestimmten Lage etwas unternehmen soll oder kann. Wieder wäre es äußerst wichtig, dass eine solche philosophische
+Reflexion die moderne Entwicklung nicht bloß dämonisiert oder glorifiziert, sondern möglichst gerecht
+und ausgeglichen verläuft, weil sie nur so ernst genommen werden kann, was nicht zu vernachlässigen ist, wenn
+die Technikkritik nicht in der Luft hängen oder nur deskriptiv bleiben will, sondern auch etwas aktiv
+für die Zukunft bewirken will.
+
+\begin{quote}
+So wäre es eine wichtige Aufgabe für eine Philosophie der Technik an Schule und Hochschule, den zukünftigen
+Ingenieuren und Technikern zeigen zu können, wie Grundlagenforschung, angewandte Forschung und Praxis
+zusammenhängen, welche Rolle die Arbeit, die Praxis, die gestaltete Technik, die Muße und die Kunst bei
+der Konstitution unseres Selbstverständnisses spielen.\autocite[105]{kornwachs:technik}
+\end{quote}
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+---
+layout: post
+date: 2017-05-26 20:09:00
+tags: Gedicht
+title: Die Narren sollen weiter lästern…
+teaser: |
+ <p>
+ Die Narren sollen weiter lästern,<br>
+ für and’re Themen sind sie dumm.<br>
+ Ich bin zu müde mich zu bessern.<br>
+ Der Weise schweigt und trinkt sein’ Rum.
+ </p>
+---
+Die Narren sollen weiter lästern,\\
+für and’re Themen sind sie dumm.\\
+Ich bin zu müde mich zu bessern.\\
+Der Weise schweigt und trinkt sein’ Rum.
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+---
+layout: post
+date: 2017-05-09 00:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Technikkonzept von Ernst Kapp
+teaser:
+ <p>Zwar begleiten die technischen Erfindungen den Menschen schon seine ganze Geschichte, angefangen mit einem
+ Schlagstein, der als Prototyp für einen Hammer diente, über die Dampfmaschine, den Telegrafen, bis zu
+ Rechenmaschinen und Computern, hat man erst vor kurzem angefangen über die Technik systematisch
+ nachzudenken. Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue
+ Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik
+ beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre
+ 1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes Buch“.</p>
+---
+\section{Technik als Herausforderung für die Philosophie}
+
+Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres alltäglichen
+Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. Als solche ist die
+Technik nichts Neues, wenn auch die Technik des letzten Jahrhunderts ganz anderer Art, als das, was man
+vorher kannte, ist. Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht gab es sie schon immer. Vielleicht
+ist die Fähigkeit, aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann anhand derer etwas zu erfinden, etwas
+was einen Menschen eigentlich ausmacht.
+
+Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was ist sie nun?
+Die Frage nach der Technik ist eine philosophische Frage, weil es vor allem die Philosophie ist, die
+nach der Washeit der Dinge und der Möglichkeitsbedingungen fragt: Was ist der Mensch? Was macht einen
+Menschen aus? Was ist und warum eigentlich Technik, was macht sie möglich?
+
+Die philosophische Natur ist auch aus der Überlegung einsehbar, dass viele Fragen,
+die mit der Technik verbunden sind, gar nicht durch das technische Denken selbst beantwortbar sind, sondern
+einer Reflexion bedürfen, die über das Technische hinausgeht. Selbst wenn jemand behaupten würde, dass die
+Technik nur aus sich heraus erklärt werden könne und müsse und keine weitere Rechtfertigung oder Würdigung
+nötig habe, wäre das eine Behautpung, die die Grenzen des Technischen überschreitet.
+
+Zwar begleiten die technischen Erfindungen den Menschen schon seine ganze Geschichte, angefangen mit einem
+Schlagstein, der als Prototyp für einen Hammer diente, über die Dampfmaschine, den Telegrafen, bis zu
+Rechenmaschinen und Computern, hat man erst vor kurzem angefangen über die Technik systematisch
+nachzudenken. Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue
+Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik
+beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre
+1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes
+Buch“\autocite[VIII]{maye:einleitung-kapp}.
+
+140 Jahre sind seit dem Erscheinen des Buches vergangen und die Entwicklung bleibt nicht stehen. Und überhaupt
+ist die rasche Entwicklung eines der wichtigsten Merkmale der heutigen Technisierung. Ältere Leute haben oft
+Probleme mit dem Bedienen des Computers oder Handys, weil sie in einem ganz anderen Umfeld aufgewachsen sind und
+das „Checken der E-Mails“ und die Abgabe der Steuererklärung online ihnen fremd ist.
+Selbst Menschen, die sich beruflich mit den modernen Technologien beschäftigen, können die technische Entwicklung
+nicht mehr einholen. In 90er-Jahren gab es noch den Begriff „Webmaster“. Ein Webmaster befasste sich
+mit der Entwicklung, Gestaltung, Verwaltung von Websites. Heute wird der Begriff kaum noch verwendet.
+Stattdessen gibt es Frontend- und Backend-Programmierer, Designer, SEO-Spezialisten (Search Engine
+Optimization --- Suchmaschinenoptimierung), Server-Administratoren.
+Man spricht noch vom „Full-stack developer“, darunter wird aber jemand verstanden, der sowohl
+die Frontend- als auch Backend-Programmierung macht, es ist jedoch keineswegs der alles könnende Webmaster.
+Die Fülle an Technologien und Aufgaben hat zur Spezialisierung und Auskristallisierung neuer Berufsfelder
+geführt. Und dieser Prozess fand innerhalb einer Generation statt.
+
+Auf der anderen Seite beschäftigt sich die Philosophie in meinem Verständnis mit den ewigen Fragen.
+Die Umstände, der Kenntnisstand ändern sich, aber die Fragen nach dem, was das Sein ist, was die Erkenntnis
+zu leisten vermag, wie der Mensch zu handeln hat, bleiben. Es wäre also nicht uninteressant zu schauen,
+ob unsere Vorstellung von der Technik sich in hundert Jahren kardinal gewandelt hat, oder ob Kapp zu
+Erkenntnissen gelangte, die auch noch für uns und vielleicht unsere Nachfahren nicht von einer bloß
+geschichtlichen Bedeutung sind.
+
+Kapp hat sein Werk so aufgebaut, dass er mit primitiven Werkzeugen anfängt und sich dann immer weiter zu
+komplexeren Strukturen und Artefakten hocharbeitet. Dabei greift er fast in jedem Kapitel auf ein Produkt
+aus der Geschichte der Technik, an dem er versucht, seine These plausibel zu machen. Ich wähle eine ähnliche
+Vorgehensweise und werde mich bemühen, spätere Werke der Menschenhand im Lichte Kapps Auffassung des Menschen
+und der Technik zu betrachten. Zunächst muss allerdings jene Auffassung kurz dargestellt werden.
+
+ \section{Technikkonzept von Ernst Kapp}
+
+ \epigraph{%
+Noch steht die Menschheit in den Kinderschuhen ihrer Kultur oder in den Anfängen der technischen
+Gleise, die sich der Geist selbst zu seinem Voranschreiten zu legen hat.\footcite[309]{kapp:technik}
+}{}
+
+ \subsection{Technik und Kultur}
+
+„Grundlinien einer Philosophie der Technik“ hat noch einen Untertitel: „Zur
+Entstehungsgeschichte der Kultur aus neuen Gesichtspunkten“. Die Technik ist also nicht
+bloß ein Mittel zum Zweck, sie hat etwas mit der Entstehung der Kultur zu tun. Wenn man bedenkt,
+dass die Kultur ein Werk des menschlichen Schaffens ist, ist es auch verständlich, dass die Technik
+ein Teil der Kultur ist. Technische Artefakte haben ihre eigene Geschichte und sie haben schon immer
+die Lebensweise der Menschen stark beeinflusst. Man denke nur an den Buchdruck, der viel mehr Menschen
+den Zugang zu Büchern ermöglichte, dadurch, dass die aufwendige Arbeit des Abschreibens von Maschinen
+ersetzt werden konnte. Kapps Überzeugung ist aber, dass die Technik nicht ein Aspekt der Kultur ist,
+sondern, dass sie konstituierend für das Entstehen der Kultur ist: „Der Anfang der Herstellung
+technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik}
+
+Wie ist das zu verstehen? Klaus Kornwachs stellt erstmal fest, dass der Umgang mit der Technik nicht von
+der Technik selbst vollständig determiniert ist, sondern dass „verschiedene Nationen und verschiedene
+Kulturkreise unterschiedlich mit Technik umgehen und unterschiedliche Techniklinien und
+Organisationsformen hervorgebracht und zuweilen auch wieder aufgelöst
+haben“\autocite[22]{kornwachs:technik}.
+
+Die Technik wird dadurch ermöglicht, dass der Mensch die Gesetze der Natur sich zunutze machen kann.
+Die physikalischen Gesetze sind aber für alle gleich. Wie kommt es, dass verschiedene Zivilisationen
+nicht die gleiche Technik bauen oder, dass sie die gleiche Technik nicht auf dieselbe Weise nutzen?
+Um diese Frage zu beantworten, macht Kornwachs die Unterscheidung zwischen zwei Arten
+technologischer Funktionalität. Die technologische Funktionalität der ersten Art ist diejenige,
+„deren physikalische Wirksamkeit und technische Brauchbarkeit invariant gegenüber der
+kulturellen Ausprägung der organisatorischen Hülle sind“\autocite[22]{kornwachs:technik}.
+Als Beispiele nennt Kornwachs Regelkreise, Hebel, Kraftmaschinen usw.\autocite[Vgl.][22]{kornwachs:technik}
+Was ist die organisatorische Hülle? „Die organisatorische Hülle einer Technik umfasst alle
+Organisationsformen, die notwendig sind, um die Funktionalität eines technischen Artifakts überhaupt ins
+Werk setzen zu können“\autocite[23]{kornwachs:technik}. Eben so eine organisatorische Hülle
+„konstituiert \textit{eine technologische Funktion zweiter Art},
+[\dots]“\autocite[23]{kornwachs:technik} Kornwachs erklärt diese am Beispiel eines Autos, dessen
+„organisatorische Hülle das gesamte System vom Straßenverkehrsnetz über die Proliferationssysteme für
+Treibstoff und Ersatzteile bis hin zu den rechtlichen Regelungen, [\dots],
+[umfasst]“\autocite[23]{kornwachs:technik}.
+
+Aber nicht nur die organisatorische Hülle regelt, wie die Technik eingesetzt wird; auch die Technik prägt
+die organisatorischen Hüllen: „Es ist offenkundig, dass die organisatorische Umgestaltung unserer
+Zivilisation durch die Informations- und Kommunikationstechnologien keine dieser organisatorischen
+Hüllen unberührt lässt.“\autocite[23]{kornwachs:technik}
+
+Die Kernthese der „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ ist, dass es sich bei
+allen technischen Gegenständen um die Projektion menschlicher Organe handelt. Selbst wenn der Mensch
+keine tiefen Erkenntnisse über den Bau seines Körpers hat, projiziert er ihn unbewusst in die von ihm
+gemachten Artefakte, „[i]st demnach der Vorderarm mit zur Faust geballter Hand oder mit deren
+Verstärkung durch einen fassbaren Stein der natürliche Hammer, so ist der Stein mit einem Holzstiel
+dessen einfachste künstliche Nachbildung“.\autocite[52]{kapp:technik} Es ist nicht ungewöhnlich,
+zwischen der Technik und den menschlichen Organen und zwischen der Funktionsweise der Technik
+und derselben des Organismus Analogien zu bilden. Genauso wie den Vorderarm mit zur Faust geballter Hand
+kann man mit einem Hammer vergleichen, kann man zum Beispiel den Computer mit dem Gehirn vergleichen, weil
+die Computer viele Operationen wie das Rechnen sogar viel effizienter als das menschliche
+Gehirn durchführen können. Bei Kapp geht es aber nicht nur um Ähnlichkeiten und Analogien. Vielmehr
+behauptet er, dass die Menschen ihren Organismus und seine Funktionen in die Technik projizieren, sodass
+wenn der Organismus anders aufgebaut wäre, anders funktionieren würde, würde auch die Technik
+ganz anders aussehen. Und das beansprucht er für alle technischen Gegenstände
+ausnahmslos.\autocite[Vgl.][7]{leinenbach:technik}
+
+ \subsection{Selbsterkenntnis}
+
+Die Organprojektion ist nicht nur der Gegenstand der Technikphilosophie, sondern auch der
+Erkenntnistheorie. Die Produktion der Artefakte ist die Art und Weise, wie der Mensch die Natur
+und sich selbst erkennt. Da der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert und die
+Technik demzufolge Merkmale dieses Organismus hat, kann er aus der von ihm erschaffenen Technik
+sich selbst erkennen. Ein Hammer sieht nicht nur äußerlich dem Arm ähnlich, er hat auch
+strukturelle Ähnlichkeiten mit diesem. Ein Hammer besteht aus zwei Teilen: einem Stiel und
+einem Kopf. Der untere Teil des Armes besteht genauso aus dem Unterarm, an den die Hand
+angeschlossen ist. In der Technik erkennt man dann wieder die Eigenschaften, die man in sie
+projiziert hat und erkennt auf diese Weise sich selbst. „Zentrum und Ziel allen Weltgeschehens
+ist in Kapps Denken die stetig sich vergrößernde Selbsterkenntnis des Menschen. Die technischen
+Artefakte sind Vehikel dieser Selbsterkenntnis: [\dots].“\autocite[36]{fohler:techniktheorien}
+
+So wird der Mensch zum „Maß der Dinge“\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik}, weil alles, was
+er in die Welt setzt, aus ihm selbst entsprungen ist. Es gibt auch keine andere Quelle der
+Erkenntnis als der Mensch selbst.\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik}
+
+\begin{quote}
+Die Welt der Technik leitet demnach einen Selbstreflexionsprozeß ein, da sie zum einen
+bestimmte Entwicklungsstufe des Menschen erfahrbar mache, zum anderen jedoch auch auf das verweise, was den
+Menschen möglich sei.\autocite[10]{korte:kapp}
+\end{quote}
+
+Eine andere Komponente, die die Selbsterkenntnis kennzeichnet, ist die Sprache, weil „[d]ie Sprache
+sagt, welche Dinge sind und was sie sind, [\dots]“\autocite[60]{kapp:technik}. Und sie ist auch ein
+Produkt der Organprojektion. Kapp behauptet, dass die Bezeichnungen für die Gegenstände
+aus der Tätigkeit der Organe entstanden seien. So habe das Wort \textit{Mühle}
+seine Wurzel im indoeuropäischen \textit{mal} oder \textit{mar}, was soviel wie „mit den Fingern
+zerreiben“ oder „mit den Zähnen zermalmen“ bedeutet
+habe.\autocite[Vgl.][57\psq]{kapp:technik}
+
+ \subsection{Terminus „Technik“}
+
+Hier wird es deutlich, dass es Kapp nicht bloß um den Einfluss der Technik auf die Kultur geht, vielmehr
+ist die Technik dasjenige, was die gesamte menschliche Kultur bildet. „Die Technik ist das erste
+Kulturereignis. Der Anfang der Herstellung technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens
+Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik}
+
+Um diese These zu verstehen, muss man untersuchen, was Kapp meint, wenn er das Wort
+„Technik“ verwendet. Mit der Entwicklung der Technik entwickelt sie auch die
+Sprache. Wenn ich heute „Technik“ sage, dann meine ich meistens Computertechnik
+oder zumindest irgendeine Maschine, ein Auto, ein Lüftungssystem und dergleichen. Wenn ich über
+Werkzeuge in meinem Werkzeugkasten spreche, dann sage ich nicht unbedingt „Technik“
+von jenen, es sei denn ich habe elektrische Werkzeuge da, wie ein Elektroschrauber oder eine
+Bohrmaschine. Es mag eine Zeit gegeben haben, in der eine Handsäge eine technische
+Errungenschaft darstellte. Heute gehört sie aber mehr zur Klasse der Werkzeuge. Das heißt man
+unterscheidet meistens in der heutigen Umgangssprache zwischen der Technik und den Werkzeugen.
+
+Es ist überhaupt schwierig, eine Definition der Technik zu entwickeln, die man verwenden könnte,
+um zwischen technischen Gegenständen und übrigen zu differenzieren. Ich habe vorher von
+den von Menschenhand geschaffenen Gegenständen als von der Technik gesprochen. Aber zählt ein
+gemaltes Bild zur Technik? Wohl eher nicht. Es ist Kunst. Ist ein technischer Gegenstand keine Kunst?
+Man würde meinen: Nein. Der Ingenieur, der Monate verbracht hat, es zu entwerfen und zu konzipieren,
+könnte dem widersprechen. Die Technik hat noch eine weitere Eigenschaft, dass sie einen Nutzen hat.
+Allerdings auch die Kunst hat für viele Menschen einen ästhetischen Nutzen. Man kann den
+„Begriff“ auf die eine oder andere Weise definieren, aber eine solche Definition wäre
+meines Erachtens der Umgangssprache nicht gerecht und würde nicht alle Anwendungsfälle decken.
+
+Wenn man zu diesem Begriff von einer anderen Seite kommt, kann man zwischen zwei Bedeutungen dessen
+unterscheiden. Zu einem bezeichnet man Gegenstände als Technik: ein Videorecorder ist Technik, ein
+Fernseher ist Technik. Zum anderen spricht man von erlernten Fähigkeiten als von den Techniken. In
+diesem Sinne gibt es Maltechniken, Kampftechniken, Lerntechniken und andere Techniken. Der Begriff
+hat also noch eine funktionale Seite.
+
+Kapp hat diese Vielfalt des Technischen in seine Philosophie aufgenommen. Es war vorhin davon die
+Rede, dass der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert, und bei den ersten Werkzeugen
+sieht man gewisse Ähnlichkeit mit den Organen. Aber auch der Umstand, dass die Technik mit einer
+Funktion verbunden ist (dass sie eine Fähigkeit bezeichnen kann), ist ihm nicht entgangen.
+„An die Stelle der Ähnlichkeit, welche die äußere Gestalt der Organe des Menschen mit deren
+gegenständlichen Projekten besitzt, tritt im Fortgang der Entwicklung technischer Gegenstände bis
+hin zur Maschine vielmehr die Projektion des organischen
+Funktionsbildes, [\dots]“\autocite[61]{leinenbach:technik} Man hat versucht Kapps Theorie
+zu widerlegen, indem man nach Artefakten gesucht hat, die keine Ähnlichkeiten mit irgendeinem
+Organ aufweisen: das Rad\autocite[Vgl.][84--86]{leinenbach:technik} oder das künstliche
+Licht\autocite[Vgl.][88\psq]{leinenbach:technik}.
+
+Das war auch für Kapp offensichtlich, dass nicht alle Werkzeuge und Maschinen äußere Ähnlichkeiten
+aufweisen. Vielmehr entfernt sich die Technik im Prozess ihrer Entwicklung von ihrem
+ursprünglichen Vorbild. Kapp spricht zum Beispiel von „vergeistigten“ Werkzeugen, die eher
+den menschlichen Geist projizieren als seinen Körper. So heißt es von dem Werkzeug der Kommunikation,
+der Sprache:
+
+ \begin{quote}
+In der Sprache hört der Unterschied von Kunstwerk und Werkzeug, der sonst durchweg feststeht,
+ganz auf. Indem sie erklärt, was sie selbst ist, übt sie gerade das aus, was sie erklären will. Mithin
+ist sie das Werkzeug, sich als ihr eigenes Werkzeug zu begreifen, also ein vergeistigtes Werkzeug,
+Spitze und Vermittlung zugleich der absoluten Selbstproduktion des Menschen.\autocite[248]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Die „Spitze“ der Organprojektion sind gar nicht die technischen Artefakte, sondern der
+gesamte kulturelle Reichtum, den der Mensch um sich schafft. Nur ist diese kulturelle Bereicherung
+ohne Technik nicht möglich. Außer dass Kapp verschiedene Bedeutungen der Technik in seine Theorie
+aufnimmt, breitet er diesen Begriff so weit aus, dass er auf jegliche Errungenschaft das Menschen
+angewendet werden kann. Solche Verwendung des Begriffes „Technik“ mag zunächst
+befremdend erscheinen, aber sie ist unserer Sprache auch nicht vollkommen fremd, denn wir
+instrumentalisieren auch geistige Prozesse und sprechen von der Sprache als dem
+\textit{Werkzeug} der Kommunikation oder der Logik als dem \textit{Werkzeug} des Denkens.
+
+ \subsection{Kapps Menschenbild}
+
+Zwar projiziert sich der Mensch immer in die Technik, aber dieser Prozess wird nie abgeschlossen. Es
+gibt immer eine unendliche Kluft zwischen der Natur und dem Mechanismus.
+
+ \begin{quote}
+[\dots]; der Mechanismus, durch Zusammensetzung von außen zustande gebracht, ist eine „Mache“
+der Menschenhand. Der Organismus ist wie die gesamte Welt \textit{natura}, ein Werdendes, der
+Mechanismus ist das gemachte Fertige; dort ist Entwicklung und Leben, hier Komposition und
+Lebloses.\autocite[68]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Kapp ist kein Materialist und der Mensch ist für ihn kein rein materielles Wesen. Anstatt von der Materie
+und dem Geist zu sprechen, spricht Kapp von der Psychologie und der Physiologie, zwei Gegensätze, die die
+menschliche Natur in sich vereinigt. Allerdings ist auch keine Trennung dieser zwei Bestandteile möglich.
+Man kann auch nicht sagen, dass das eine wichtiger oder wesentlicher wäre als das andere, wie es zum
+Beispiel Descartes sieht\footcite[Vgl.][43]{geschichte1718}. Der Mensch ist nur als ein Ganzes möglich und
+denkbar: „Psychologie und Physiologie haben lange genug fremd gegen einander getan,
+[\dots]“\autocite[19]{kapp:technik}. Auch das kulturelle Gut und die Technik sind nicht sekundär,
+obwohl es auf den ersten Blick scheint, als ob die menschliche Existenz auch ohne diese denkbar wäre,
+weil sie erst ein Produkt seiner geistigen Aktivität sind. „Einerseits sollen die natürlichen
+Organe das Vorbild aller mechanischen Objekte und Ensembles sein, andererseits lässt sich erst durch
+deren Strukturen und Funktionen das Wesen der Organe
+erkennen.“\autocite[XXXV-XXXVI]{maye:einleitung-kapp}
+
+ \subsection{Kritik}
+
+Ganz am Anfang klingt Kapps Theorie sehr plausibel. Bei einfachen Werkzeugen kann man das sich sehr gut
+vorstellen, dass der Mensch seine Organe als Muster für die Werkzeuge benutzt hat. Vor allem, weil die
+eigene körperliche Kraft nicht ausgereicht hat, musste man einen Weg finden, zu kompensieren, anders
+gesagt, man musste seine natürlichen Organe verlängern und verstärken.
+
+Allerdings mit dem Fortschritt der Technologie, wenn die direkte Analogie zwischen dem Organ und
+dem Produkt der Menschenhand zu schwanken beginnt, fällt es einem immer schwerer, an die
+Organprojektion als eine universelle Theorie zu glauben.
+
+Es liegt in der Natur des Menschen, seine Umwelt immer weiter zu gestalten, und seine Werkzeuge und
+Maschinen weiter zu entwickeln. Und auch schwere Maschinen helfen dem Menschen, schwere Arbeiten
+auszuführen, die er sonst mit seinen eigenen Organen verrichten sollte. Deswegen können auch sie
+als Projektion menschlicher Organe und ihrer Funktionen betrachtet werden. Allerdings wenn Kapp
+Beispiele wie „[d]as Netz der Blutgefäße als organisches Vorbild des
+Eisenbahnsystems“\autocite[121]{kapp:technik} einführt, stellt sich die Frage, wie es zu
+überprüfen ist. Kapp zwar besteht darauf, dass es nicht bloß das „Sinnbildliche der
+Allegorie“ ist, sondern das „Sach- und Abbildliche der
+Projektion“\autocite[Vgl.][129]{kapp:technik} und versucht das argumentativ
+zu stützen\autocite[Vgl.][129--130]{kapp:technik}, seine Argumentation kann jedoch nicht als ein
+handfester Beweis gelten.
+
+Die Hauptschwäche dieser Theorie ist ihre Überprüfbarkeit. Ich kann höchstens auf bestimmte
+Ereignisse oder Artefakte hinweisen und sie zum Vorteile der Theorie deuten, aber meine
+Behauptung lässt sich nicht empirisch überprüfen. Ich kann nur versuchen sie plausibler als
+die Alternativen zu machen. Vor allem geschieht die Organprojektion nach Kapp
+\textit{unbewusst} und weist sich erst im Nachhinein als solche aus. Und um den Ursprung und
+die Art unbewusster geistiger Vorgänge lässt sich nur spekulieren.
+
+Des Weiteren war Kapp auf die Technik seiner Zeit beschränkt. Er konnte selbstverständlich
+nicht voraussehen, welche Herausforderungen die künftige Technik mit sich bringt, und ob die
+Theorie entsprechend angepasst werden soll. Der Glaube an den Menschen als ein einzigartiges
+Geschöpf der Natur wird immer schwächer. Vielleicht ist er gar nicht so einzigartig, vielleicht
+kann man ihn nachbauen, vielleicht kann man das, was in seinem Kopf vorgeht, auf eine Reihe
+von Algorithmen reduzieren. Immer mehr Menschen glauben, dass es sehr bald möglich sein wird.
+Für Kapp war der Mensch noch der einzige Schöpfer seiner Technik:
+
+ \begin{quote}
+Niemals ist aber bei irgendeiner Maschine die Menschenhand völlig aus dem Spiele; denn auch
+da wo ein Teil des Mechanismus sich gänzlich ablöst, wie der Pfeil, die Gewehrkugel, die dem
+Schiffbrüchigen die rettende Leine überbringende Rakete, ist die Abweichung nur vorübergehend und
+scheinbar.\autocite[64\psq]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Die Technik, die immer menschlicher wird, macht darüber nachdenklich, ob der Mensch diesen Status
+für die gesamte Zeit seiner Geschichte behalten kann. Andererseits das Sprechen über die Maschinen,
+die man von einem Menschen nicht mehr unterscheiden kann, ist auch nur noch eine Spekulation. Und
+es ist meines Erachtens noch zu früh, sie als ein Argument gegen Kapps Ansichten auszuspielen.
+Schließlich hat auch die höchste entwickelte Technik ihren Ursprung im Menschen und ist Folge
+seiner Leistung, wie es Kapp auch sagt. Das heißt, wenn eine Maschine ohne menschliche
+Teilnahme andere Maschinen produzieren kann, so wurde sie so konstruiert, um diese Aufgabe
+zu erfüllen. Es wird inzwischen über die Maschinen spekuliert, die auch geistige Leistungen
+des Menschen übernehmen können, die zum Beispiel selbst programmieren können, und so andere
+Maschinen hervorbringen, die nicht nur nach einem bestimmten Plan konstruiert sind, sondern
+tatsächlich neue Technik darstellen. Aber selbst in diesem Fall soll solche Intelligenz erstmal
+künstlich geschaffen werden, sie würde ihre Existenz immer noch dem Menschen verdanken. Das ist,
+denke ich, die Tatsache, auf die Kapp hinweisen wollte.
+
+Man darf auch nicht vergessen, dass obwohl wir Technik bauen und verwenden, darüber zu
+reflektieren, warum wir sie eigentlich brauchen und warum wir so bauen, wie wir sie bauen, keine
+einfache Aufgabe ist, die lückenlos gelöst werden kann. Deswegen verdient Kapps
+Theorie Aufmerksamkeit als ein möglicher Lösungsansatz.
+
+ \subsection{Kapps Technikphilosophie in Anwendung auf die nachfolgende Geschichte der Technik}
+
+Das Kapitel, in dem Harald Leinenbach über die Rezeptionsgeschichte der Organprojektionstheorie spricht,
+nennt er „Die Grundlinien einer Philosophie der Technik“
+„Kapps mystisches Blendwerk“\autocite[60]{leinenbach:technik}, womit er andeuten will,
+wie das Werk meistens rezipiert wurde.
+„Dabei finden sich Erwähnungen der Organprojetionstheorie meist bloß in knappen
+Randbemerkungen. Kapps Technikphilosophie ist nirgends aufgenommen, geschweige denn konstruktiv
+weitergeführt worden.“\autocite[61]{leinenbach:technik} Als Grund gibt Leinenbach an, dass
+Kapp von seinen Gegnern immer missverstanden wurde, dass man seine Theorie nicht zu Ende denkt, sondern
+sich „hauptsächlich am Organprojektionsstatus der technischen
+Gegenstände“\autocite[60\psq]{leinenbach:technik} aufhält, und
+sobald man eine Maschine findet, die äußerlich dem menschlichen Organismus nicht ähnlich ist, hört
+man auf und lehnt die Theorie als unzureichend ab. Dazu kommen noch Begriffe wie das Unbewusste, mit
+denen Kapp gearbeitet hat.\autocite[Vgl.][64]{leinenbach:technik} Besonders in der Zeit, in der die
+Künstliche Intelligenz entwickelt wird, scheint die Hoffnung zu wachsen, das Unbewusste aus der Welt
+zu schaffen, und alles Menschliche ohne Rest technisch reproduzieren zu können.
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+---
+layout: post
+date: 2017-07-22 19:51:00
+tags: Gedicht
+title: Du bist von anderen umringt…
+teaser: |
+ <p>
+ Du bist von anderen umringt;<br>
+ Ich weiß, mein Weg ist nicht so eben.<br>
+ Wenn man sich auf ihn begibt,<br>
+ liegen ’rum nur laute Scherben.
+ </p>
+ <p>
+ Er führt uns trotzdem zum Altar<br>
+ und entfernt das letzte Siegel,<br>
+ dass nichts im All ein Zufall war,<br>
+ und dass das Sein den Tod besiege.
+ </p>
+---
+\textit{Katja M. S. B.}
+
+Du bist von anderen umringt;\\
+Ich weiß, mein Weg ist nicht so eben.\\
+Wenn man sich auf ihn begibt,\\
+liegen ’rum nur laute Scherben.
+
+Er führt uns trotzdem zum Altar\\
+und entfernt das letzte Siegel,\\
+dass nichts im All ein Zufall war,\\
+und dass das Sein den Tod besiege.
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+---
+layout: post
+date: 2017-07-01 09:14:00
+tags: Gedicht
+title: Ehe für alle
+teaser: |
+ <p>
+ „Ehe für alle!“ - heuchelte der Wind,<br>
+ wo nämlich Scheidungen in Mode sind.
+ </p>
+---
+„Ehe für alle!“ — heuchelte der Wind,\\
+wo nämlich Scheidungen in Mode sind.
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+---
+layout: post
+date: 2017-10-01 00:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Was ist Technik? Eine Auseinandersetzung mit dem Technikkonzept von Ernst Kapp
+teaser:
+ <p>Im vorliegenden Artikel geht es um die Anwendung des Technikkonzepts von Ernst Kapp auf die
+ heutige Technik. Eines der Gebiete, dessen Entwicklung für die Moderne unentbehrlich ist, ist die
+ Computertechnik. Wobei ich einen breit gefächerten Computerbegriff benutzen möchte.
+ Computer werden immer universeller und können immer mehr Aufgaben ausführen, deswegen sind sie bereits
+ ein Teil vieler Bereiche unseres Daseins. Sie werden vorprogrammiert, um anhand gegebener Daten bestimmte
+ Aktionen auszuführen. In diesem Sinne ist nicht nur ein Laptop ein Computer, sondern auch ein Handy;
+ genauso ist ein Roboter ein komplexer Computer.</p>
+---
+Im vorliegenden Artikel geht es um die Anwendung des Technikkonzepts von Ernst Kapp auf die
+heutige Technik. Eines der Gebiete, dessen Entwicklung für die Moderne unentbehrlich ist, ist die
+Computertechnik. Wobei ich einen breit gefächerten Computerbegriff benutzen möchte.
+Computer werden immer universeller und können immer mehr Aufgaben ausführen, deswegen sind sie bereits
+ein Teil vieler Bereiche unseres Daseins. Sie werden vorprogrammiert, um anhand gegebener Daten bestimmte
+Aktionen auszuführen. In diesem Sinne ist nicht nur ein Laptop ein Computer, sondern auch ein Handy;
+genauso ist ein Roboter ein komplexer Computer.
+
+ \section{Datenverarbeitung. Mensch und Maschine}
+
+Ein Computer ist vor allem ein Rechner. Es kommt einem so vor, als ob die Computer ganz
+verschiedene Informationsarten verwalten, bearbeiten und speichern können: Text, Musik, Bilder.
+
+ \begin{quote}
+Trotzdem ist ein Computer ein Gerät, das Probleme durch Berechnungen löst: Er kann nur
+diejenigen Sachverhalte „verstehen“, die man in Form von Zahlen und mathematischen
+Formeln darstellen kann. Dass es sich dabei heute auch um Bilder, Töne, Animationen, 3-D-Welten
+oder Filme handeln kann, liegt einfach an der enormen Rechengeschwindigkeit und Kapazität moderner
+Rechner.\autocite[35]{kersken:fachinformatiker}
+ \end{quote}
+
+Natürlich ist das nicht die grundlegendste Ebene:
+der Arbeitsspeicher und Prozessor wissen nichts von den Zahlen und der Arithmetik, aber die Mathematik ist
+trotzdem von fundamentaler Bedeutung für die logische Funktionsweise von Programmen.
+
+ \subsection{Darstellung der Daten im Computer. Zahlensysteme und das Zählen}
+
+Wenn man einen Text, ein Musikstück oder ein Bild speichern will, werden sie als eine Zahlenfolge
+interpretiert, und nicht eine Folge von Buchstaben, Noten oder Farben, wie sie für den Menschen
+erscheinen. Ein wichtiger Unterschied zum vom Menschen eingesetzten dezimalen Zahlensystem ist, dass
+für das Programmieren der Computer ein binäres Zahlensystem verwendet wird. Für das Rechnen verwenden
+wir ein Zahlensystem mit 10 Ziffern, von 0 bis 10, daher der Name „dezimal“. Das binäre
+Zahlensystem hat nur 2 Ziffern: 0 und 1, funktioniert aber wie ein dezimales oder jedes andere
+Zahlensystem, und lässt sich in jedes andere Zahlensystem übersetzen. Beim Zählen um eine Nummer
+größer als 9 zu erzeugen, setzt man sie aus mehreren Ziffern zusammen.
+
+ \noindent\begin{tabular}{cccccccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ & \multicolumn{9}{l}{\textbf{Ziffern des Dezimalsystems}} \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace
+ \end{tabular}
+
+ \noindent\begin{tabular}{cc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ & \textbf{Ziffern des Binärsystems} \\
+ \midrule
+ 0 & 1 \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Im binären Zahlensystem ist es genauso mit dem Unterschied, dass die zusammengesetzten Nummern
+bereits nach 1 folgt, weil es keine 2 gibt, so zählt man folgendermaßen: 0, 1, 10, 11, 100, 101, 110,
+111 und so weiter. Jeder Zahl in dieser Folge kann man eine dezimale Zahl zuordnen: 0 ist 0, 1 ist 1,
+10 ist 2, 11 ist 3, 100 ist 4 und so weiter.
+
+ \noindent\begin{tabular}{lcccccccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ & \multicolumn{9}{c}{\textbf{Zuordnung}} \\
+ \midrule
+ Dezimal & 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 \\
+ \midrule
+ Binär & 0 & 1 & 10 & 11 & 100 & 101 & 110 & 111 & 1000 \\
+ \bottomrule
+ \toprule
+ Dezimal & 9 & 10 & 11 & 12 & 13 & 14 & 15 & 16 & 17 \\
+ \midrule
+ Binär & 1001 & 1010 & 1011 & 1100 & 1101 & 1110 & 1111 & 10000 & 10001 \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Das dezimale Zahlensystem ist kaum etwas
+Eingeborenes, wir hätten auch binär, oktal oder hexadezimal rechnen können, aber die Wahl des
+Zahlensystems ist auch nicht zufällig. Kapp argumentiert, dass der Wahl des Zahlensystems die Tatsache
+zugrunde liegt, dass Menschen ihre Finger zum Zählen verwendeten und auch bis heute verwenden:
+
+ \begin{quote}
+Der Ausdruck für die Menge der Maßeinheiten derselben Art, die \textit{Zahl}, wurde, wie noch heute zur
+Unterstützung des Zählens geschieht, an den fünf Fingern abgezählt. Das griechische Wort für dieses Zählen
+nach Fünfen war \textgreek{πεµπάζειν}, „fünfern“. Die zehn Finger lieferten das Dezimalsystem
+und die zehn Finger mit Zugabe der beiden Hände des Duodezimalsystem.\autocite[75]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Das heißt, man hat die Besonderheit seines Organismus verwendet, um sich das Zählen beizubringen. Beim
+Entwickeln der Computertechnik hat man auf ein gut vertrautes System zurückgegriffen und es nur
+entsprechend modifziert. Die Hardware hat keine Finger, aber dafür elektronische Schaltungen, die zwei
+Zustände haben können: „Ein“ und „Aus“, die den beiden Ziffern des binären
+Zahlensystems entsprechen. „Die grundlegenden Funktionen, die im Computer stattfinden, lassen
+sich sehr leicht als elektrische Schaltpläne darstellen.“\autocite[85]{kersken:fachinformatiker}
+
+ \vspace{2em}
+
+ \noindent\begin{minipage}{.30\linewidth}
+ \begin{tabular}{ccc}
+ \toprule
+ 1 & 2 & Oder \\
+ \midrule
+ 0 & 0 & 0 \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 1 \\
+ \midrule
+ 1 & 0 & 1 \\
+ \midrule
+ 1 & 1 & 1 \\
+ \bottomrule
+ \end{tabular}
+ \end{minipage}
+ \begin{minipage}{.65\linewidth}
+ \centering
+ \includegraphics[scale=0.5]{/assets/images/was-ist-technik/or.png}
+ \captionof{figure}[Logisches Oder durch einfache Schalter]{%
+ Logisches Oder durch einfache Schalter\autocite[86]{kersken:fachinformatiker}
+ }
+ \end{minipage}
+
+ \vspace{2em}
+
+ \noindent\begin{minipage}{.30\linewidth}
+ \begin{tabular}{ccc}
+ \toprule
+ 1 & 2 & Und \\
+ \midrule
+ 0 & 0 & 0 \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 0 \\
+ \midrule
+ 1 & 0 & 0 \\
+ \midrule
+ 1 & 1 & 1 \\
+ \bottomrule
+ \end{tabular}
+ \end{minipage}
+ \begin{minipage}{.65\linewidth}
+ \centering
+ \includegraphics[scale=0.5]{/assets/images/was-ist-technik/and.png}
+ \captionof{figure}[Logisches Und durch einfache Schalter]{%
+ Logisches Und durch einfache Schalter\autocite[86]{kersken:fachinformatiker}
+ }
+ \end{minipage}
+
+ \vspace{2em}
+
+0 und 1 lassen sich also in eine für die Hardware verständliche Sprache übersetzen. Größere Zahlen
+bekommt man, wenn man mehrere Nullen und Einsen zusammensetzt, genauso wie man es vom Dezimalsystem kennt.
+Es bleibt herauszufinden, wie man andere Informationen umwandeln kann.
+
+Für einen Text ist es relativ einfach. Genauso wie in der Cäsar-Verschlüsselung kann man jedem Zeichen
+eine Zahl zuordnen. Es gibt deswegen sogenannte Kodierungen, Tabellen, die die Konvertierung zwischen
+den Zahlen und den Zeichen einer Schriftsprache ermöglichen. Eine der ältesten Kodierungen, die aber
+für die moderne Verhältnisse oft nicht mehr ausreicht, ist ASCII\@. Sie besteht aus 128 Zeichen, darunter
+sind sowohl die Buchstaben des lateinischen Alphabets (groß und klein separat), als auch Satzzeichen
+(Punkt, Komma und so weiter), als auch solche wie das Leerzeichen oder der Zeilenumbruch. Da man
+sehr bald einsehen musste, dass man vielmehr Zeichen braucht, um nicht englische Texte kodieren
+zu können, sind weitere Zeichenkodierungen entstanden wie UTF-8, UTF-16 oder UTF-32, wobei es auch
+viele anderen gibt (windows-1251, koi8-r und so weiter).
+
+ \noindent\begin{tabular}{cccccccccccccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ \multicolumn{16}{c}{\textbf{ASCII}} \\
+ \toprule
+ 97 & 98 & 99 & 100 & 101 & 102 & 103 & 104 & 105 & 106 & 107 & 108 & 109 & 110 & 111 & \dots \\
+ \midrule
+ 0 & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & \@: & \@; & < & = & > & \dots \\
+ \bottomrule
+ \midrule
+ 65 & 66 & 67 & 68 & 69 & 70 & 71 & 72 & 73 & 74 & 75 & 76 & 77 & 78 & 79 & \dots \\
+ \midrule
+ A & B & C & D & E & F & G & H & I & J & K & L & M & N & O & \dots \\
+ \bottomrule
+ \toprule
+ 97 & 98 & 99 & 100 & 101 & 102 & 103 & 104 & 105 & 106 & 107 & 108 & 109 & 110 & 111 & \dots \\
+ \midrule
+ a & b & c & d & e & f & g & h & i & j & k & l & m & n & o & \dots \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Darstellung der Graphik ist recht ähnlich. Zunächst muss man ein Bild in die einzelnen
+„Buchstaben“ zerlegen. Im Falle der Graphik nennt man so einen „Buchstaben“
+ein \textit{Pixel}. Ein Pixel ist ein Bildpunkt. Die Pixel sind so klein, dass das menschliche
+Auge gar nicht merkt, dass ein Bild aus sehr vielen Pixeln zusammengesetzt wird, obwohl vor 30
+Jahren auf den alten Bildschirmen das noch zu sehen war. Da jedes Pixel eine eigene Farbe haben
+kann, muss jeder Farbe eine Zahl zugeordnet werden, die die jeweilige Farbe repräsentieren würde.
+Deswegen gibt es auch hier etwas etwas, was den Kodierungen der Buchstaben entpricht: Farbmodelle.
+Eines der am meistverbreiteten ist RGB (\textbf{R}ed, \textbf{G}reen, \textbf{B}lue).
+Die Farben entstehen aus Mischung der drei Grundfarben: Rot, Grün und Blau. Jeder der Grundfarben
+wird eine Zahl von 0 bis 255 zugeordnet, die der Intensivität der jeweiligen Farbe entspricht. Und
+man kann dann im Endeffekt jede Farbe als drei Zahlen jeweils von 0 bis 255 kodieren. Schwarz ist zum
+Beispiel [0, 0, 0] (alle Farben fehlen), Rot ist [255, 0, 0] (Rot hat den maximalen Wert, die anderen
+Farben sind nicht vorhanden), Gelb: [0, 255, 255] (Rot ist nicht vorhanden, Grün und Blau haben den
+maximalen Wert). Auch hier gilt es, dass es noch weitere Farbmodelle gibt, zum Beispiel
+\textit{CMYK}.
+
+ \noindent\begin{tabular}{ccccc}
+ \addlinespace[2em]
+ \toprule
+ Rot & Grün & Blau & Schwarz & Weiß \\
+ \midrule
+ (255, 0, 0) & (0, 255, 0) & (0, 0, 255) & (0, 0, 0) & (255, 255, 255) \\
+ \bottomrule
+ \toprule
+ Gelb & Pink & Dunkelgrün & Orange & Grau \\
+ \midrule
+ (0, 255, 255) & (255, 192, 203) & (0, 100, 0) & (255, 165, 0) & (190, 190, 190) \\
+ \bottomrule
+ \addlinespace[2em]
+ \end{tabular}
+
+Die Übersetzung der Informationen, Wahrnehmungen in eine für den Computer verständliche Form (in die
+digitale Form) heißt Digitalisierung. Dementsprechend, wenn man ein Ereignis mit einer Digitalkamera
+aufnimmt, wird die Aufname digitalisiert.
+
+ \begin{quote}
+In der Natur liegen alle Informationen zunächst in analoger Form vor: Das Bild, das Sie sehen,
+oder der Ton, den Sie hören, besitzt prinzipiell keine kleinste Informationseinheit oder Auflösung.
+Mit dieser Art von Informationen kann ein Computer heutiger Bauart nichts anfangen. Die besonderen
+Eigenschaften der Elektronik haben dazu geführt, dass Computer digital entworfen wurden.
+„Digital“ stammt vom englischen Wort \textit{digit} („Ziffer“); dieses Wort
+ist wiederum vom lateinischen \textit{digitus} („Finger“) abgeleitet, da die Finger von
+jeher zum Zählen eingesetzt wurden.\autocite[52]{kersken:fachinformatiker}
+ \end{quote}
+
+Es gibt mindestens einen sprachlichen Zusammenhang zwischen dem Zählen, das nach Kapp eines der Produkte
+der Organprojektion ist, und der digitalen Technik. Wenn man aus dem Fenster schaut, zählt man nicht die
+einzelnen Farben und unterteilt nicht das Gesehene in die kleinsten Bestandteile. Es ist nicht bekannt, ob
+die Natur überhaupt in die kleinsten Bausteine zerlegt werden kann. Es gibt auch eine Reihe von Emergenztheorien,
+die behaupten, dass die Natur mehr ist, als die Summe ihrer Teile.
+Von der Emergenz spricht man, wenn auf höheren Ebenen der Entwicklung Eigenschaften entstehen, die auf
+niedrigieren Ebenen nicht vorhanden waren und die nicht auf etwas noch grundlegenderes reduzierbar sind.
+
+ \begin{quote}
+Leben etwa ist eine emergente Eigenschaft der Zelle, nicht aber ihrer Moleküle; Bewusstsein ist
+eine emergente Eigenschaft von Organismen mit hoch entwickeltem Zentralnervensystem; Freiheit ist eine
+emergente Eigenschaft des menschlichen Organismus. Die einfacheren Lebensformen bilden zwar die Grundlage
+für die komplexeren; doch mit jedem Zusammenschluss zu einem neuen System entstehen auch qualitativ neue
+Eigenschaften, die es bei den vorangehenden Stufen noch nicht gab.“\autocite[93]{kather:leben}
+ \end{quote}
+
+Wir nehmen solche Systeme als eine Ganzheit wahr. Ein schöner Baum vermittelt uns kein
+ästhetisches Gefühl mehr, wenn er in Moleküle oder Atome zerlegt wird. Computer degegen, um solche
+Eindrücke verarbeiten und speichern zu können, zerlegen sie sie in Informationseinheiten. Damit das Bild
+eines Baumes auf meiner Festplatte gespeichert werden kann, muss es in möglichst kleine Punkte,
+von denen jedem eine Farbe zugeordnet wird, zerlegt werden, diese Bildpunkte oder Pixel müssen dann abgezählt
+werden und dann können sie gespeichert werden. Deswegen macht die Abstammung des Wortes
+„Digitalisierung“ vom „Finger“ als dem Organ, das beim Zählen
+Abhilfe schuf, immer noch Sinn: Bei der Digitalisierung werden die Elemente, zum Beispiel eines Bildes,
+abgezählt, weil nur eine endliche Anzahl von Elementen aufgenommen werden kann, und dann gespeichert.
+
+Andererseits, obwohl wir unsere Umwelt als eine Ganzheit wahrnehmen, besteht die Natur aus kleineren
+Bausteinen. Der menschliche Körper besteht aus Molekülen, Atomen, Elementarteilchen. Und genauso hat
+man die Welt der Informationstechnologien aufgebaut. Es gibt immer eine Informationseinheit (ein
+Buchstabe, ein Pixel), aus deren Zusammenstellung ein komplexeres Gebilde entsteht (ein Text oder ein
+Bild). Wie ein Atom aus Protonen, Neutronen und Elektronen besteht, können auch solche
+„Informationseinheiten“ weiter zerlegt werden. Der Buchstabe „A“ des lateinischen
+Alphabets hat den ASCII-Code 65. 65 ist größer als 1, ist also nicht direkt repräsentierbar. In der
+binären Darstellung enspricht der Zahl 65, die Zahl 0100 0001. 0 oder 1 in dieser Folge heißen ein
+\textit{Bit}. Eine Folge aus 8 Bits ist ein \textit{Byte}. Ein Bit ist die kleinste Einheit für den
+Computer. Man braucht also ein Byte, um 65 oder „A“ speichern zu können. Und dieses Byte ist
+in noch kleinere „Elementarteilchen“, Bits, zerlegbar. Wenn die Technik in der Tat die
+unbewusste Projektion des menschlichen Organismus sein soll, dann ist die Art, wie die Verarbeitung der
+Daten im Computer abläuft, noch ein Beleg dafür.
+
+Der Organprojektion verdankt man nach Kapp die Fähigkeit zu zählen. Diese Fähigkeit hat dem Menschen
+ermöglicht die Welt zu ermessen. Man hat gelernt Gewicht und Abstand zu messen. Mit der Einführung des
+Geldes kann man den Reichtum messen. Und heute kann man auch Informationen messen. Für das Messen
+des Abstandes wurden Einheiten eingeführt wie Millimeter, Zentimeter, Meter oder Kilometer; für diese
+des Gewichtes --- Gramme und Kilogramme. Um die Informationen digital darstellen zu können, müssen
+sie auch messbar sein. Die kleinste Informationseinheit ist ein Bit. Mit einem Bit ist nur ein 0 oder
+1 darstellbar. Eine Folge aus 8 Bits ist ein Byte. 1000 Bytes (B) sind ein Kilobyte. 1000 Kilobytes (KB)
+sind ein Megabyte (MB). Es gibt dann Gigabytes (GB), Terrabytes (TB), Petabytes (PB) und so weiter. Es
+gibt auch Masseinheiten die auf Besonderheit der Computer-Technik abgestimmt und vom binären
+Zahlensystem abgeleitet sind: 1 Kibibyte (KiB) = 1024 (2$^{10}$) Byte, 1 Mebibyte (MiB) = 1024 KiB und
+so weiter. Aber die Grundlage bleibt immer dieselbe: Man hat ein Zahlensystem, das dazu verhilft, die
+Information „abzählbar“ zu machen, damit man sie digital verarbeiten kann.
+
+ \subsection{Alte Prinzipien im Lichte der neuen Technik}
+
+Maßeinheiten, Zahlen, Zahlensysteme kannte man vor der Elektrotechnik. Mit der Entwicklung der Technik
+hat man nur gelernt, sie anders einzusetzen. Das kann einerseits rechtfertigen, dass die
+Spekulationen der Technikphilosophie nicht vergänglich sind, dass sie mit dem Fortschritt der Technik
+nicht notwendig veraltet werden. Andererseits kann es auch für die Organprojektion sprechen, weil
+der eigene Organismus dasjenige ist, was den Menschen durch seine Geschichte begleitet hat, sodass
+die Erkenntnisse, die er aus seinem Organismus gewonnen hat, bestehen bleiben und nur erweitert,
+korrigiert und neu angewendet werden.
+
+Auch von der Möglichkeit, Texte zu „digitalisieren“, konnte man sehr früh Gebrauch machen,
+und zwar im Zusammenhang mit der Kryptographie, das heißt der Verschlüsselung und Entschlüsselung von Daten.
+Den Bedarf, Nachrichten verschlüsselt zu verschicken, gibt es wohl mindestens so lange, wie es Kriege gibt.
+Eines der ältesten Verschlüsselungsverfahren wird Cäsar zugeschrieben:
+
+ \begin{quote}
+Julius Caesar is credited with perhaps the oldest known symmetric cipher algorithm. The so-called
+\textit{Caesar cipher} --- [\dots] --- assigns each letter, at random, to a number.
+This mapping of letters to numbers is the key in this simple algorithm.\autocite[30\psq]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist, dass die Kryptographie nicht nur für bestimmte Gruppen
+(wie die Militär) interessant ist. Wenn man die Website seiner Bank, ein soziales Netzwerk oder seine
+Lieblingssuchmaschine besucht, werden die eingegebenen Daten verschlüsselt vor dem Versenden und dann am
+anderen Ende, vom Empfänger (der Bank, dem sozialen Netzwerk oder der Suchmaschine), entschlüsselt.
+
+Bei der Cäsar-Verschlüsselung wird jeder Buchstabe eines geordneten Alphabets um mehrere Positionen nach
+rechts verschoben. „Verschieben“ heißt, einen Buchstaben mit einem anderen zu ersetzen,
+der $n$ Positionen weiter vorkommt. $n$ heißt dann \textit{Schlüssel} (\textit{key}). Zum Beispiel, wenn
+jedes Zeichen des Klartextes um 2 Positionen nach rechts verschoben werden muss, wird \textit{A}
+zu \textit{C}, \textit{B} zu \textit{D}, \textit{Z} zu \textit{B} usw. Um den Text dann wieder zu
+entschlüsseln, muss man die Anzahl der Positionen kennen, um die jedes Zeichen verschoben wurde,
+damit man das rückgängig machen kann (also um $n$ \textbf{nach links} verschieben). Dies ist
+ein \textit{symmetrischer} Algorithmus, weil für die Verschlüsselung und die Entschlüsselung derselbe
+Schlüssel $n$ verwendet wird: Bei der Verschlüsselung muss man um $n$ Positionen nach rechts verschieben,
+bei der Entschlüsselung --- um $n$ Positionen nach links.
+
+Symmetrische Kyptographie wird immer noch weit eingesetzt. Wenn auch die modernen Algorithmen (Data Encryption
+Standard, Advanced Encryption Standard u.Ä.\autocite[Vgl.][30\psqq]{davies:tls}) etwas komplexer
+sind, funktionieren sie sehr ähnlich:
+
+ \begin{quote}
+With symmetric cryptography algorithms, the same key is used both for encryption and decryption. In some
+cases, the algorithm is different, with decryption „undoing“ what encryption did. In other
+cases, the algorithm is designed so that the same set of operations, applied twice successively, cycle
+back to produce the same result: [\dots].\autocite[30]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+Das heißt die Computerindustrie hat unsere Denkweise nicht kardinal geändert. Man hat mit der Technik nicht
+eine komplett neue Welt erschaffen, sondern man hat nach Wegen gesucht, erpobte Vorgehensweisen auf die neue
+Technik anzuwenden. Für die Techniktheorien, wie die von Kapp, kann es bedeuten, dass sie nicht komplett
+von der zu jeweiliger Zeit vorhandenen Technik abhängig. Ein vor Jahrtausenden entwickeltes
+Verschlüsselungskonzept findet immer noch Anwendung unter ganz anderen Bedingungen. Natürlich kann die
+Cäsar-Verschlüsselung nicht mehr eingesetzt werden, sie ist anfällig für die sogenannten
+„Brute-Force-Angriffe“: Ausprobieren aller möglichen Kombinationen oder Schlüssel. Für einen
+deutschen Text gibt es höchstens 30 Schlüssel, die man ausprobieren soll, um einen Text zu entschlüsseln
+(wenn man annimmt, dass das deutsche Alphabet 30 Buchstaben hat). Ein moderner Rechner kann diese Aufgabe
+in Sekunden lösen. Deswegen wurden Algorithmen entwickelt, die auch von einem Computer nicht so einfach
+rückängig zu machen sind, wenn man den Geheimschlüssel nicht kennt. Sie basieren aber auf derselben Grundlage
+und auch die kann man theoretisch durch das Ausprobieren aller möglichen Schlüssel umgehen, nur dass es
+auch für leistungstärkste Rechner Jahre und Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde, dies durchzuführen.
+
+ \subsection{Eric Kandel. „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“}
+
+Wenn man eine Stufe tiefer geht und die Computertechnik auf der mechanischen Ebene betrachtet, findet
+man noch weitere Argumente für Kapps These.
+Bei einer oberflächlichen Betrachtung fällt einem sofort auf, dass die Computer komplexe Maschinen sind,
+die aus mehreren Bauteilen bestehen.
+
+ \begin{quote}
+Die Hardware besteht grundsätzlich aus Zentraleinheit und Peripherie. Zur Zentraleinheit zählen vor
+allem der Mikroprozessor, der Arbeitsspeicher (RAM), die verschiedenen Bus- und Anschlusssysteme sowie
+das BIOS\@. Zur Peripherie gehören sämtliche Bauteile, die zusätzlich an die Zentraleinheit angeschlossen
+werden; sie dienen der Ein- und Ausgabe sowie der dauerhaften Speicherung von
+Daten.\autocite[115\psq]{kersken:fachinformatiker}
+ \end{quote}
+
+Der menschliche Organismus hat auch eine „Peripherie“, zu der die „Bauteile“ gehören,
+die der „Ein- und Ausgabe“ dienen. Ein Eingabegerät eines Rechners ist zum Beispiel eine
+Tastatur oder Maus. Man tippt etwas ein, die Informationen werden an die Zentraleinheit weitergeleitet
+und dort verarbeitet. „Eingabegeräte“ des menschlichen Körpers sind seine Sinnesorgane, unter
+anderem seine Augen und Ohren. Man nimmt die Informationen aus der Außenwelt auf und sie werden zu seiner
+„Zentraleinheit“ weitergeleitet und dort verarbeitet. Zu Ausgabegeräten zählen
+der Bildschirm und die Lautsprecher. Das „Ausgabegerät“ des Menschen ist
+beispielsweise sein Mundwerk.
+
+Zur Zentraleinheit gehört der Mikroprozessor (Central Processing Unit, kurz
+CPU)\autocite[Vgl.][119]{kersken:fachinformatiker},
+„das eigentliche Herzstück des Computers, das für die Ausführung der Programme sowie für die
+zentrale Steuerung und Verwaltung der Hardware zuständig
+ist.“\autocite[119]{kersken:fachinformatiker} Das, was für die Maschine der Mikroprozessor ist, ist für
+den Menschen sein Gehirn: „[\dots] alle Zellen [haben] spezialisierte Funktionen. Leberzellen
+beispielsweise führen Verdauungsaktivitäten aus, während Gehirnzellen über bestimmte Mittel verfügen,
+Informationen zu verarbeiten und miteinander zu kommunizieren.“\autocite[74]{kandel:gedaechtnis}
+
+Der menschliche Körper besteht also aus verschiedenartigen Zellen, die für bestimmte Aufgaben zuständig
+sind. Man kann auch ein ähnliches Aufbaukonzept bei einem Rechner beobachten. Abgesehen vom Mikroprozessor
+kann er auch weitere Bestandteile wie die Grafikkarte oder Audiokarte, die zur Peripherie gehören, oder
+der Arbeitsspeicher, der ein Teil der Zentreinheit ist, haben.\autocite[Vgl.][120]{kersken:fachinformatiker}
+Und diese Bestandteile haben auch ihre spezifischen Funktionen, wie die Video- oder Audioverarbeitung.
+
+Der Mikroprozessor ist allerdings das „Gehirn“ eines Rechners. Man kann sich einen Desktop-PC
+ohne eine Grafikkarte (der also nichts auf den Bildschirm ausgeben kann) kaum vorstellen. Es gibt
+aber auch die sogenannten Server, Computer, die bestimmte Dienste anbieten. Zum Beispiel, wenn man eine
+Webseite besucht, stellt man hinter den Kulissen eine Anfrage zu einem entfernten Computer, auf dem die
+Webseiteninhalte gespeichert sind. So ein Computer ist ein Beispiel eines Servers. Und solche
+Serversysteme bedürfen oftmals keine Bildschirmausgabe, ihre Aufgabe ist schlicht, die Anfragen der
+Benutzer anzunehmen, die richtigen Inhalte entsprechend der Anfrage auszusuchen und sie an den
+Besucher der Webseite schicken, damit er sie auf \textit{seinem} Bildschirm sehen kann. Wenn ein
+menschliches Organ „defekt“ ist, seine Funktionen nicht mehr vollständig ausführen kann, dann
+führt es zu Einschränkungen der Lebensqualität. Daher gibt es blinde und taube Menschen. Wenn einige
+Teile eines Computersystems defekt oder nicht vorhanden sind, dann ist seine Funktionalität auch
+eingeschränkt, es kann zum Beispiel keinen Ton wiedergeben oder kein Bild ausgeben. Die Art der
+Einschränkung ist aber in den beiden Fällen nicht dieselbe. Kapp hat ja immer auf den Unterschied
+zwischen dem Organischen und Mechanischen hingewiesen, darauf, dass wir uns „des Andranges solcher
+Ansichten erwehren [müssen], welche den redenden, organisch gegliederten Menschen in den Räder- und
+Tastenautomat Hübners einsargen möchten“\autocite[101]{kapp:technik}. Hier tritt die Differenz
+zwischen dem Organischen und Mechanischen nochmal ans Licht. Ein Organismus ist ein Ganzes, eine Einheit,
+die nicht ohne ein Verlust zerlegt werden kann, hier ist das Ganze mehr als die Summe der Teile. Ein
+Mensch kann wunderbar ohne eine Lunge auskommen (wenn man eine Lunge im Folge einer Krebskrankheit
+verloren hat). Vielleicht muss man auf manche Sportarten in seinem
+Leben verzichten, aber wenn man sowieso keinen Sport treibt, kann es für manche Menschen irrelevant
+sein. Und trotzdem wird es als eine Einschränkung betrachtet, als etwas, was normalerweise nicht der
+Fall sein soll. Ein Mechanismus dagegen ist die Summe der Teile und nicht mehr als das. Er ist
+nach einem Plan gebaut, da gibt es nichts Unbekanntes: „Das physikalische Gesetz deckt allerdings
+vollkommen den Mechanismus, nicht aber den Organismus, den wir nur insoweit begreifen, wie wir mit
+jenem reichen“\autocite[101]{kapp:technik}. Das Fehlen einiger Komponenten in einem Serversystem,
+die in einem Desktop-PC vorhanden sind, wird nicht als eine Einschränkung betrachtet, solange der Server
+seine Aufgaben erfüllen kann. Das heißt, solange die Technik ihrem unmittelbaren Zweck dienen kann, ist
+sie durch das Fehlen einiger Komponente nicht eingeschränkt. Selbst wenn die Audiokarte meines Rechners
+kaputtgeht, ist das mehr eine Einschränkung für mich, weil ich keinen Ton habe, als für meinen Rechner.
+
+Wenn zu Kapps Zeiten die Organtransplantation und die Medizin überhaupt den heutigen Stand der Entwicklung
+gehabt hätte, würde er bestimmt noch auf Folgendes aufmerksam machen. Wenn ein technisches Gerät
+kaputtgeht, kann man es je nach der Art des Defektes reparieren. Wenn ein Kabel reißt, kann man es
+meistens löten, sodass es weiterhin seine Funktion erfüllt. Wenn ein Teil komplexer ist, ist es
+oft günstiger, dieses Teil einfach auszutauschen. Nun könnte man mit Kapp argumentieren, dass die
+Medizin ihre Entstehung dem verdankt, dass der Mensch gesehen hat, dass er von ihm erzeugte Artefakte
+reparieren kann, und daraus geschlossen hat, dass es eine Möglichkeit geben muss, auch den Menschen
+zu „reparieren“. Und diese Erkenntnis kann sehr alt sein, da sogar so etwas Einfaches wie
+ein Hammer kaputtgehen kann. Als man komplexere Maschinen reparieren musste, könnte einem
+eingefallen sein, dass man auch den Organismus durch ersetzen der Organe heilen kann. Im
+Gebrauchtwarenhandel (e.g.\ eBay) sind seit einiger Zeit Geräte „für Bastler“ zu kaufen, das heißt
+kaputte Geräte, denen man aber noch funktionierende Teile entnehmen kann, um ähnliche Modelle wieder
+beleben zu können --- die Möglichkeit, die einem Arzt durch das Vorhandensein eines Organspendeausweises
+bei einem Verstorbenen eröffnet wird.
+
+Wie aber ein Mensch nicht ohne Gehirn leben kann, kann ein Computer nicht ohne den Mikroprozessor
+funktionieren. Eric Kandel, ein Gehirnforscher unserer Zeit, und ein
+Nobelpreisträger,\autocite[Vgl.][11--15]{kandel:gedaechtnis} schreibt in seinem Buch
+„Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ über drei Prinzipien, auf denen die
+Biologie der Nervenzelle beruht:
+
+ \begin{quote}
+Die \textit{Neuronenlehre}
+(die Zelltheorie, auf das Gehirn angewandt) besagt, dass die Nervenzelle --- das Neuron --- der
+Grundbaustein und die elementare Signaleinheit des Gehirns ist. Die \textit{Ionenhypothese} betrifft
+die Informationsübertragung innerhalb der Nervenzelle. Sie beschreibt die Mechanismen, durch die einzelne
+Nervenzellen elektrische Signale, so genannte Aktionspotenziale, erzeugen, die sich innerhalb einer
+gegebenen Nervenzelle über beträchtliche Entfernungen ausbreiten können. Die \textit{chemische Theorie der
+synaptischen Übertragung} befasst sich mit der Informationsübermittlung zwischen Nervenzellen. Sie beschreibt,
+wie eine Nervenzelle mit einer anderen kommuniziert, indem sie ein chemisches Signal, einen Neurotransmitter,
+freisetzt. Die zweite Zelle erkennt das Signal und reagiert mit einem spezifischen Molekül, dem Rezeptor, an
+ihrer äußeren Membran.\autocite[75\psq]{kandel:gedaechtnis}
+ \end{quote}
+
+Bei jedem dieser drei Prinzipien handelt es sich um die Informationsübertragung. Der menschliche Körper
+ist ein komplexes System, dessen Untersysteme anhand von Signalen miteinander kommunizieren. Wenn ich etwas
+berühre, führt es zur Erregung einer Nervenzelle, die das Signal an andere Zellen und an das Gehirn
+weiterleitet. Funktional ist das derselbe Prozess, den man auch von Computern kennt: Wenn eine Taste
+der Tastatur betätigt wird, muss das über eine Kette der Signale dem Mikroprozessor mitgeteilt werden.
+
+Auch der Sprachgebrauch der Neurobiologie verweist auf die Technik:
+
+„[\dots] Nervenzellen [sind] innerhalb bestimmter Bahnen verknüpft, die er [Santiago Ram\'o y Cajal]
+neuronale Schaltkreise nannte.“\autocite[81]{kandel:gedaechtnis}
+
+„Schaltkreis“ ist ein Begriff, der aus der Elektrotechnik kommt und jetzt in der
+Neurobiologie Anwendung findet. Kapp ist auch zu seiner Zeit auf eine Reihe von Begriffen aufmerksam
+geworden, die zunächst zur Beschreibung der Artefakte verwendet wurden, dann aber für die Beschreibung des
+Organismus übernommen wurden:
+
+ \begin{quote}
+Aus der Mechanik wanderten demzufolge zum Zweck physiologischer Bestimmungen eine Anzahl von
+Werkzeugnamen nebst ihnen verwandten Bezeichnungen an ihren Ursprung zurück. Daher spielen in der Mechanik
+der Skelettbewegungen Ausdrücke wie \textit{Hebel, Scharnier, Schraube, Spirale, Achsen, Bänder,
+Schraubenspindel, Schraubenmutter} bei der Beschreibung der Gelenke eine angesehene
+Rolle.\autocite[71]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Es ist bemerkenswert, dass Kandel die elektrische Signalübertragung „die Sprache des
+Geistes“\autocite[Vgl.][90]{kandel:gedaechtnis} nennt: „ [\dots] sie ist das Mittel,
+mit dessen Hilfe sich Nervenzellen, die Bausteine des Gehirns, miteinander über große Entfernungen
+verständigen.“\autocite[90]{kandel:gedaechtnis} Das heißt, dass das, was man der
+Computertechnik zugrunde gelegt hat, hat man dann in der Gehirnforschung wiedergefunden: Die Signalübertragung der
+anhand elektrischer Signale.
+
+Hier endet allerdings die Ähnlichkeit der Funktionsweise nicht. Elektrische Signale werden bei der
+Computertechnik nicht einfach weiter, sondern auch nach Bedarf gestoppt. Zum Beispiel wird logisches
+Und mit einer Reihenschaltung mit zwei Schaltern realisiert.\autocite[Vgl.][86]{kersken:fachinformatiker}
+Wenn einer der Schalter geschlossen ist, wird das Signal gestoppt, was $0 \wedge 1 = 0$ oder
+$1 \wedge 0 = 0$ entsprechen würde. Bei den Nervenzellen kann man einen ähnlichen
+„Schaltmechanismus“ entdecken:
+
+ \begin{quote}
+[\dots] nicht alle Nerventätigkeit [ist] erregend (exzitatorisch) [\dots], dass also nicht alle
+Nervenzellen ihre präsynaptischen Endigungen dazu benutzen, die nächste Empfängerzelle in der Reihe zu
+stimulieren, damit sie die Information weiterleitet. Einige Zellen sind hemmend (inhibitorisch). Sie
+verwenden ihre Endungen dazu, die Empfängerzelle an der Weiterleitung der Information zu
+hindern.\autocite[87]{kandel:gedaechtnis}
+ \end{quote}
+
+Des Weiteren kennen auch die Nervenzellen keine „schwächere“ oder „stärkere“
+Signale:
+
+ \begin{quote}
+Adrians Aufzeichnungen in einzelnen Nervenzellen zeigten, dass Aktionspotenziale dem
+Alles-oder-Nichts-Gesetz gehorchen: Sobald die Schwelle für die Erzeugung eines Aktionspotenzial erreicht wird,
+ist das Signal stets gleich --- in der Amplitude wie in der Form\autocite[94]{kandel:gedaechtnis}
+ \end{quote}
+
+
+ \subsection{Asymmetrische kryptographische Algorithmen und die Stellung des Menschen}
+
+Manche Anwendungsbereiche profitieren immer noch sehr stark von der ursprünglichen Tätigkeit der Rechner:
+dem Rechnen. Ein solcher Bereich ist die Kryptographie. Als nächstes möchte ich einen kryptographischen Algorithmus
+darstellen, der seit einigen Jahrzehnten erfolgreich im Internet eingesetzt wird. Mein Ziel dabei wäre, zu
+untersuchen, was die „Denkweise“ einer Maschine von der Denkweise eines Menschen unterscheiden
+kann. Kapp hat zwar versucht, die
+Organprojektion stark zu machen, aber hat trotzdem geglaubt, dass der Mensch nicht vollständig in
+eine Maschine projiziert werden kann, dass er immer Anlagen hat, die in der technischen Welt nicht
+vorkommen können.
+
+Algorithmen, die mit einem Geheimwort, einem Geheimschlüssel arbeiten (sogenannte symmetrische Verschlüsselung)
+sind im Zeitalter des Internets nicht allein verwendbar. Das Problem ist, dass
+die beiden Seiten der Kommunikation einen Geheimschlüssel austauschen müssen. Wenn Sie eine E-Mail
+verschicken möchten, können Sie sie verschlüsseln, aber Sie müssen den Geheimschlüssel dem Empfänger
+mitteilen, damit er Ihre Nachricht auch entschlüsseln und lesen kann. Wenn Sie den Geheimschlüssel zusammen
+mit der Nachricht verschicken, dann geht die ganze Sicherheit verloren, weil, dann jeder, der den Zugriff
+zu Ihrer Nachricht bekommt, kann sie auch entschlüsseln. Um dieses Problem zu lösen, wurden
+„asymmetrische“ kryptographische Verfahren entwickelt. Sie operieren genauso wie
+die Cäsar-Verschlüsselung mit den Schlüsseln, aber für die Verschlüsselung und Entschlüsselung werden
+verschiedene Schlüssel verwendet (deswegen nennt man sie asymmetrisch). Deren Funktionsweise ist der
+der symmetrischen Algorithmen nicht ähnlich, weil ihnen bestimmte Eigenschaften der Zahlen zugrunde liegen.
+Streng genommen kann man mit deren Hilfe nur Zahlen verschlüsseln und die Tatsache, dass man
+viele Informationen in der Form von Zahlen darstellen kann, macht deren Verwendung überhaupt erst möglich.
+
+„By far the most common public-key algorithm is the „RSA“ algorithm, named after its
+inventors Ron \textit{Rivest}, Adi \textit{Shamir}, and Leonard
+\textit{Adleman}.“\autocite[91]{davies:tls}
+
+RSA ist relativ simpel. Dessen Sicherheit basiert nicht auf komplexen Formeln, sondern darauf, dass es
+mit sehr großen Zahlen operiert wird, sodass selbst die leistungsstärksten Rechner Jahrzehnte brauchen
+würden, um auf die richtige Antwort zu kommen, ohne den Geheimschlüssel zu kennen. Und das mit Einbeziehung
+der Tatsache, dass die Computer immer schneller werden.
+
+Also für die Verschlüsselung und Entschlüsselung werden zwei Schlüssel verwendet, einen davon nennt man
+den öffentlichen Schlüssel (\textit{public key}), den anderen --- den privaten Schlüssel (\textit{private
+key}). Der öffentliche Schlüssel heißt so, weil er öffentlich gemacht wird. Das eigentliche
+„Geheimwort“ ist der private Schlüssel. Stellen wir uns zwei Personen vor, Max und Sven, und
+Max will dem Sven eine E-Mail senden. Dafür muss Sven im Besitz der zwei oben genannten Schlüssel sein.
+Den öffentlichen Schlüssel stellt Sven dem Max und jedem anderen zur Verfügung, den privaten kennt nur er.
+Max verschlüsselt seine Nachricht mit Svens öffentlichem Schlüssel, verschickt sie, und nur der Besitzer
+des privaten Schlüssels, Sven, kann die Nachricht entschlüsseln. Der private Schlüssel wird zu keinem
+Zeitpunkt verschickt, der bleibt immer bei Sven. So verschwindet das Problem, das man mit der
+symmetrischen Kryptographie hat. Man muss nur zwei Schlüssel generieren können, die die Eigenschaft
+besitzen, dass, wenn man mit dem einen etwas verschlüsselt, allein der Besitzer des dazugehörigen
+privaten Schlüssels, es entschlüsseln kann.
+
+Was sind diese Schlüssel eigentlich? Jeder davon besteht aus je zwei Zahlen:
+
+$e$ und $n$ --- Öffentlicher Schlüssel.
+
+$d$ und $n$ --- Privater Schlüssel.
+
+Wenn $m$ die Nachicht ist, die verschüsselt werden soll, dann funktioniert es, wie folgt:
+
+\begin{equation}
+ c = m^e \bmod n
+\end{equation}
+
+$c$ ist jetzt die verschlüsselte Nachricht. $e$ und $n$ gehören, wie oben beschrieben, zu dem öffentlichen
+Schlüssel. $a \bmod b$ berechnet den Rest der Division $a$ geteilt durch $b$. Bei der Entschlüsselung
+bedient man sich derselben Formel, nur $e$ wird mit $d$ (die Komponente des privaten Schlüssels) ersetzt:
+
+\begin{equation}
+ m = c^d \bmod n
+\end{equation}
+
+ \subsubsection{Beispiel}
+
+Nehmen wir an, Max will Sven die PIN seiner Bankkarte „1234“ übermitteln. Sven hat Max
+seinen öffentlichen Schlüssel mitgeteilt (der aus 2 Zahlen besteht):
+
+\begin{gather*}
+ e = 79 \\
+ n = 3337
+\end{gather*}
+
+Der private Schlüssel von Sven (den nur er kennt, aber nicht Max) ist:
+
+\begin{gather*}
+ d = 1019 \\
+ n = 3337
+\end{gather*}
+
+Max berechnet:
+
+\begin{equation*}
+ 1234^{79} \bmod 3337 = 901
+\end{equation*}
+
+Sven bekommt $901$ und berechnet:
+
+\begin{equation*}
+ 901^{1019} \bmod 3337 = 1234
+\end{equation*}
+
+So kann Sven verschlüsselte Nachrichten empfangen, ohne seinen Geheimschlüssel jemandem mitteilen zu
+müssen.\autocite[Vgl.][114\psq]{davies:tls} Wenn wir wissen, dass alle Informationen, mit denen ein Computer
+arbeiten kann als Zahlen repräsentierbar sind, kann man diese Vorgehensweise für jede vermittels eines
+Computers geschehende Kommunikation verwenden.\footnote{Am Rande erwähnt wird die asymmetrische Kryptographie
+nicht zur Verschlüsselung der eigentlichen Nachrichten verwendet, es ist zu langsam, um große Mengen
+an Informationen zu verschlüsseln, sondern sie wird nur für das \textit{Key Exchange} verwendet.
+Die symmetrischen Algorithmen hatten das Problem, dass beide Kommunikationspartner denselben Schlüssel
+teilen müssen. Algorithmen, wie RSA, benutzt man, um den Schlüssel eines symmetrischen Algorithmus dem
+anderen Kommunikationspartner zu übermitteln. Danach wird die Kommunikation normalerweise symmetrisch
+verschlüsselt.}
+
+In dem Beispiel oben wurden sehr kleine Zahlen verwendet. Aber selbst die Berechnungen mit diesen
+Zahlen sind für einen Menschen zu komplex (Das Ergebnis von $901^{1019}$ hat über 3000 Stellen).
+
+ \begin{quote}
+The security of the system relies on the fact that even if an attacker has access to $e$ and $n$ ---
+which he does because they're public --- it's computationally infeasbile for him to compute $d$. For
+this to be true, $d$ and $n$ have to be enormous --- at least 512 bit numbers (which is on the order of
+$10^{154}$) --- but most public key cryptosystems use even larger numbers. 1,024- or even 2,048-bit numbers are
+common.\autocite[92]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+Eine 512-Bit-Zahl ist eine Zahl bis $2^{512}$, eine 1024-Bit-Zahl --- bis $2^{1024}$, 2048-Bit --- bis $2^{2048}$.
+Inzwischen wird oft empfohlen, 4096-Bit-Zahlen zu verwenden.
+
+ \subsubsection{Diskreter Logarithmus}
+
+Der Modulus $n$ ist das Produkt zweier großer Zahlen $p$ und $q$:
+
+\begin{gather}
+ n = pq
+\end{gather}
+
+Danach muss man die Exponenten $e$ und $d$ so wählen, dass gilt:
+
+\begin{equation}
+ {(m^e)}^d \bmod n = m
+\end{equation}
+
+Man schafft sich Abhilfe mit der \textit{eulerschen Funktion}:
+
+\begin{equation}
+ \phi(n) = (p - 1)(q - 1)
+\end{equation}
+
+Danach wählt man $e$ und $d$, sodass gilt:
+
+\begin{equation}
+ e \cdot d \bmod \phi(n) = 1
+\end{equation}
+
+ \begin{quote}
+The security in RSA rests in the difficulty of computing first the private exponent $d$
+from the public key $e$ and the modulus $n$ as well as the difficulty in solving the equation $m^x\%n = c$ for
+m. This is referred to as the \textit{discrete logarithm} problem. These problems are both strongly
+believed (but technically not proven) to be impossible to solve other than by enumerating all possible
+combinations.\autocite[130]{davies:tls}
+ \end{quote}
+
+ \subsubsection{Kreativität und Intuition}
+
+Die Tatsache, dass der Algorithmus funktioniert, verdankt also RSA nicht einer Kenntnis, sondern
+einer \textit{Unkenntnis}, einem mathematischen Problem, für das man keine Lösung hat, von dem
+man \textit{glaubt}, dass es keine Lösung hat; und im Zusammenhang mit der Sicherheit kann man vielleicht auch
+sagen, dass man \textit{hofft}, dass man keine Lösung findet.
+
+Menschliches Handeln, zumindest so, wie wir es erleben, basiert nicht nur auf Berechnungen. Der Mensch
+kann \textit{hoffen}, \textit{glauben}.
+
+Davies schreibt im Bezug auf die asymmetrische Kryptographie Folgendes: „In general, public-key cryptography
+aims to take advantage of problems that computers are inherently bad at [\dots].“\autocite[91]{davies:tls}
+Er behauptet, dass die Computer grundsätzlich schlecht im
+Lösen einiger mathematischer Probleme sind. Das stößt beim ersten Lesen auf Fragen. Eigentlich sind
+die Computer oft viel besser in der Mathematik als die Menschen. \textit{Computer Algebra Systems} (CAS)
+sind Programme, die für die Arbeit mit algebraischen Ausdrücken entwickelt sind. Sie können alle möglichen
+Berechnungen durchführen und Gleichungen lösen. Aber das Lösen der Gleichungen muss
+einem CAS zunächst „beigebracht“ werden, es muss unterstützt sein, das heißt ein gewisser Algorithmus
+muss implementiert werden, nach dem die Gleichung gelöst werden kann.
+
+Der Mensch sucht aber nicht nur nach Lösungen gewisser mathematischer Probleme, sondern auch nach Problemen
+selbst. Das ist ein kreativer Vorgang. Und bei manchen Problemen bleibt einem nichts anderes übrig, als
+sich auf seine Intuition zu verlassen, wie im oben aufgeführten Problem. Man muss auch in Betracht ziehen,
+dass man in dem Fall mit RSA viel Vetrauen seiner Intuition schenkt, weil die Wichtigkeit der
+Sicherheitssysteme für eine Informationsgesellschaft nicht zu unterschätzen ist. Das heißt man muss fest
+davon überzeugt sein, dass das Problem des diskreten Logarithmus zumindest nicht sehr bald gelöst werden
+kann.
+
+Man kann im Bezug zu Maschinen nicht von der Kreativität, Intuition, einer Überzugung oder einem Glauben
+sprechen. Wir haben sie gebaut, wir wissen, wie sie funktionieren, wir wissen, dass sie nichts glauben.
+Selbst wenn wir von der Künstlichen Intelligenz sprechen, von den Maschinen, die selbst lernen, und die so
+viel gelernt haben, dass wir nicht mehr nachvollziehen können, wie sich die Maschine die einzelnen Inhalte
+beigebracht hat, so wissen wir zumindest, wie der Lernprozess selbst funktioniert, dass er nicht auf der
+Intuition, sondern auf der kalten Berechnung basiert.
+
+Nun kann es natürlich sein, dass auch der Mensch nichts weiter als ein Bioroboter ist, der nur glaubt,
+dass er etwas glauben, von etwas überzeugt sein kann. Dann kann die Maschine den Stand des Menschen
+eines Tages einholen und ihn vielleicht sogar überholen. Das ist wohl das wichtigste und das stärkste
+Argument gegen Kapps Menschenbild. Dieses Argument hat allerdings auch problematische Seiten. Es sind
+ja die Menschen, die alles mit Bedeutung füllen. Ich kann mir auch nicht sicher sein, ob mein Nachbar
+etwas fühlt, hofft oder glaubt, oder ob er nur so tut. Erst wenn ich meinen Mitmenschen als solchen
+akzeptiere, schreibe ich ihm Eigenschaften zu, die ich selbst als Mensch zu besitzen glaube. Das
+heißt, wenn ein Roboter aus der Zukunft genauso aussieht, sich verhält, spricht wie ein Mensch, ist es
+immer noch zu wenig, ihn einem Menschen gleichzusetzen, zumindest, wenn der Mensch für mich nicht auf
+die physikalischen Eigenschaften reduzierbar ist.
+
+Eine der Möglichkeiten, diesen Sachverhalt zu verdeutlichen, ist ein Gedankenexperiment, das den
+Namen „Chinesisches Zimmer“ bekommen hat, der „als Standardargument der Philosophie
+des Geistes und der Künstlichen Intelligenz betrachtet werden“ kann.\autocite[8]{dresler:KI}
+Man stellt sich ein Computersystem, das chinesisch verstehen kann, es könnte beispielsweise Fragen
+auf Chinesisch beantworten, auf Aufforderungen reagieren und so weiter. So ein Programm würde chinesisch
+verstehen ohne es zu verstehen.\autocite[Vgl.][8]{dresler:KI} Und das zweite „Verstehen“ ist
+eben in dem Sinne jenes Erlebnisses, das wir als Verstehen kennen, gemeint.
+
+Ich behaupte hiermit nicht, dass dieses Argument den Status des Menschen als eines einzigartigen
+Wesens rettet; ich will viel mehr zeigen, dass die Frage nach dem Menschsein nicht durch die Entwicklung
+der Technik gelöst oder aufgehoben werden kann.
+
+ \section{Würdigung}
+
+Kapps Theorie der Organprojektion ist umstritten. Sie hat ihre Schwächen. Diese Schwächen sind
+aber nicht dadurch entstanden, dass die Theorie zu alt für die moderne Technik ist, dass sie überholt
+ist. Genauso wie zu Kapps Zeiten stößt sie auch heute auf Kritik. Man kann sie genauso in der heutigen
+Zeit vertreten mit Einbeziehung neuer Entwicklungen, neuer Beispiele. In gewisser Hinsicht wird die
+Organprojektionstheorie durch den Umstand gestärkt, dass sie nicht auf die Zeit ihrer Entstehung
+beschränkt geblieben ist, sondern dass immer neue Tatsachen aufgetaucht sind, die ihrer Unterstützung
+dienen können.
+
+Die Mechanisierung schreitet fort. Immer noch ist der Streit laut zwischen denen, die glauben, dass
+der Mensch eine Maschine ist, die künstlich nachgebaut werden kann, und denen, die das menschliche
+Schaffen dem Schaffen der Natur unterordnen. Wobei die Teilung auf diese zwei Lager ist nicht
+so eindeutig. Vielleicht wird man tatsächlich eines Tages im Stande sein, einen Roboter zu bauen,
+der sich äußerlich und in dem, wie er handelt, vom Menschen nicht unterscheidet. Aber ist er
+deswegen mit einem Menschen gleichzusetzen? Hat der Mensch nicht etwas Immaterielles in sich?
+Einen Geist oder eine Seele? Die Antwort auf diese Frage kann unterschiedlich ausfallen. Für
+Kapp war der Mensch und die Natur etwas, was von der Technik nie nachgeholt werden kann. Die
+Entwicklung der Robotertechnik macht schwieriger zu vertreten. Und trotzdem dünkt es mich, dass man
+ihn nie als „nicht aktuell“ abtun kann. Schließlich hat die Frage nach dem Status des
+Menschen einiges gemeinsam mit der Gottesfrage. Wenn man als Beispiel das Christentum nimmt, ist es
+irrelevant, wie viel von der Natur man physikalisch erklären kann, Gott bleibt jenseits der Natur.
+Genauso kann es geglaubt werden, dass ein Teil des Menschen immer jenseits der physikalischen
+Welt liegt, oder dass der Körper sogar der „Kerker der Seele“ ist, der das Eigentliche
+im Menschen festhält, wie es bei Platon auftaucht\autocite[Vgl.][21]{platon:kratylos}. Die
+Entwicklung der Technik beeinflusst die Anthropologie, aber es ist schwierig sich vorzustellen, dass
+jene diese überflüssig machen kann.
+
+Die ersten Werkzeuge hatten viele Ähnlichkeiten mit den menschlichen Organen. Komplexere Maschinen
+waren immer weniger ähnlich, aber haben den Anfang ihrer Entstehungsgeschichte in den einfachen
+Werkzeugen. Es ist aufregend zu sehen, wie die äußerliche Ähnlichkeit jetzt zurückkehrt. Man
+baut Roboter, die Hände, Beine, die Struktur eines menschlichen Organismus haben, und die ähnlich
+wie Menschen lernfähig sind. Der Unterschied ist, dass laut Kapp der Mensch am Anfang seiner Geschichte
+sich unbewusst in seine Werkzeuge projiziert hat. Die Entwicklung der Roboter und der
+Künstlichen Intelligenz ist hingegen voll bewusst. Man schaut, wie der Mensch sich entwickelt,
+wie er lernt, wie er aufgebaut ist, und versucht das technisch zu reproduzieren. Aber das Streben selbst,
+auf diese Weise die Natur zu erklären, sie besser zu verstehen, ist bemerkenswert. Kapp hätte auch
+hundert Jahre später kaum weniger Argumente gehabt, um seine Theorie zu verteidigen.
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+---
+layout: post
+date: 2017-12-25 00:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Künstliche Intelligenz. Eine Begriffsklärung
+teaser:
+ <p>Es ist relativ neu, dass man angefangen hat, technischen Artefakten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.
+ So spricht man heute von „intelligenten“ Maschinen. Es gibt intelligente Menschen, die gebildet,
+ begabt sind. Die Maschinen, Computer werden programmiert, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen, sie arbeiten
+ nach einem vordefinierten Algorithmus. Bestenfalls kann so ein Algorithmus aktualisiert werden.
+ Wäre es jedoch vielleicht möglich, ein Programm zu schreiben, das das menschliche Lernvermögen nachbildet
+ und lernen kann? Es ist tatsächlich möglich und in diesem Fall spricht man von der <em>künstlichen Intelligenz</em>
+ (<em>Artificial Intelligence</em>) und dem <em>maschinellen Lernen</em> (<em>Machine Learning</em>), von der
+ Fähigkeit einer Maschine, selbst zu lernen, also den Algorithmus, nach dem sie arbeitet, weiter zu entwickeln
+ und zu verändern. Das, was eine Maschine auf diese Weise gelernt hat, ist oft so komplex, dass man nicht mehr
+ sagen kann, wie genau sie das gelernt hat und wie sie zu Ergebnissen kommt, die sie liefert. Ob es ausreichend
+ ist, von der Intelligenz zu sprechen, im selben Sinne, wie man von der menschlichen Intelligenz spricht, ist
+ eine schwierige Frage. Selbst die menschliche Intelligenz ist kein eindeutig definierter, ein vager Begriff,
+ der viele subjektive Merkmale in sich trägt.</p>
+---
+ \section{Einleitung}
+
+Die Technik gibt es seit sehr langem. Der Mensch war schon immer abhängig von seiner Technik und
+verdankte ihr seinen kulturellen Aufstieg. Sie erleichterte das Überleben in der Natur, ermöglichte
+den Bau der Städte und die Entwicklung der Zivilisationen, half bei der Kriegsführung und der Erforschung
+und dem Bewohnen neuer Territorien. Mit der Zeit wurde die Technik immer komplexer: Angefangen mit einfachen
+Werkzeugen hat man gelernt, komplexere Maschinen zu bauen. Dies hatte wiederum eine enorme Wirkung auf die
+Kultur. Viele schwere Arbeiten konnten auf die Maschinen verlagert werden; die Bildung hat einen neuen
+Aufschwung bekommen; Wissenschaften hatten neue Mittel, um Experimente durchzuführen und immer weiter
+fortzusrchreiten. Schon sehr lange ist der Mensch von seiner Technik umgeben; Es ist nicht erst gestern
+passiert, dass er sich von ihr abhängig gemacht hat und seine Geschichte mit der der
+Technik verbunden hat. Was sich aber im Laufe der Zeit gewandelt hat, ist die Art der angesetzten Technik.
+
+Es ist relativ neu, dass man angefangen hat, technischen Artefakten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.
+So spricht man heute von „intelligenten“ Maschinen. Es gibt intelligente Menschen, die gebildet,
+begabt sind. Die Maschinen, Computer werden programmiert, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen, sie arbeiten
+nach einem vordefinierten Algorithmus. Bestenfalls kann so ein Algorithmus aktualisiert werden.
+Wäre es jedoch vielleicht möglich, ein Programm zu schreiben, das das menschliche Lernvermögen nachbildet
+und lernen kann? Es ist tatsächlich möglich und in diesem Fall spricht man von der \textit{künstlichen Intelligenz}
+(\textit{Artificial Intelligence}) und dem \textit{maschinellen Lernen} (\textit{Machine Learning}), von der
+Fähigkeit einer Maschine, selbst zu lernen, also den Algorithmus, nach dem sie arbeitet, weiter zu entwickeln
+und zu verändern. Das, was eine Maschine auf diese Weise gelernt hat, ist oft so komplex, dass man nicht mehr
+sagen kann, wie genau sie das gelernt hat und wie sie zu Ergebnissen kommt, die sie liefert. Ob es ausreichend
+ist, von der Intelligenz zu sprechen, im selben Sinne, wie man von der menschlichen Intelligenz spricht, ist
+eine schwierige Frage. Selbst die menschliche Intelligenz ist kein eindeutig definierter, ein vager Begriff,
+der viele subjektive Merkmale in sich trägt.
+
+Dass wir die Programme entwickeln können, die sich selbst „weiterschreiben“, weiterentwickeln
+können, birgt viele Möglichkeiten und viele Gefahren in sich. Einerseits können die Maschinen dem Menschen
+nicht nur schwere körperliche Arbeit abnehmen, sondern auch einige geistige Tätigkeiten. Zum Beispiel das
+Übersetzen von Texten in andere Sprachen kann teilweise von Computern übernommen werden, die ihre
+„Sprachkenntnisse“ selbst immer mehr verbessern können. Andererseits, wenn man nicht mehr
+versteht, wie genau die von ihm konstruierte Maschine handelt, fühlt man sich bedroht. Es werden auch Stimmen
+laut, dass die nächste Stufe der Evolution nicht eine biologische, sondern eine technische Evolution sei und,
+dass der Mensch sehr bald vom Werk seiner Hände überholt werde.\autocite[7ff]{kurzweil:menschheit}
+
+Das Ziel dieser Arbeit ist, auf die künstliche Intelligenz und neuronale Netze, nicht nur aus technischer,
+sondern auch philosophischer Sicht zu schauen. Wenn wir von der künstlichen Intelligenz sprechen,
+verwenden wir viele Begriffe wie Lernen, Lernerfolg, Intelligenz, deren Bedeutung aber nicht immer
+klar ist. Und ich finde, dass das, wie wir über die Maschinen sprechen,
+viel darüber sagt, wie sich unser eigenes Menschenbild im technischen Zeitalter verändert oder verändert hat.
+
+ \section{Maschinelles Lernen}
+
+Maschinelles Lernen ist ein Zweig der künstlichen Intelligenz, in dem es darum geht, einem künstlichen
+System das Gewinnen von Wissen zu ermöglichen. Ein auf diese Weise lernendes System kann eine gestellte
+Aufgabe nicht nach einem vordefinierten Algorithmus lösen, sondern ist fähig, selbst zu lernen, wie die
+Aufgabe zu lösen ist.
+
+Maschinelles Lernen ist sehr vielfältig und hat verschiedene Anwendungen. Es kann grob in zwei große Kategorien
+unterteilt werden: überwachtes und unüberwachtes Lernen.
+
+ \subsection{Überwachtes Lernen (Supervised Learning)}
+
+Beim überwachten Lernen stehen dem Lernenden eine Menge von Eingaben und den dazugehörigen Ausgaben zur Verfügung.
+Das heißt es gibt eine Reihe von Ausgangsituationen und eine Reihe möglicher Antworten beziehungsweise Reaktionen
+auf jene Situationen, wobei zwischen den ersteren und den letzteren eine Abhängigkeit vorhanden ist.
+Das Ziel des Algorithmus ist jetzt diese Abhängigkeit zu entdecken, sie zu „erlernen“.
+
+ \begin{quote}
+\textit{Supervised learning} algorithms assume that some variable X is
+designated as the target for prediction, explanation, or inference, and that
+the values of X in the dataset constitute the „ground truth“ values for
+learning.\autocite[154]{danks:ai}
+ \end{quote}
+
+Zum überwachten Lernen gehört auch das sogenannte \textbf{bestärkende Lernen (Reinforcement Learning)}.
+Das ist das Lernen durch „Versuch und Irrtum“. Dem lernenden System steht hier keine Menge
+möglicher Ausgaben, sodass der Algorithmus aus vorhandenen Daten lernen könnte, dafür kann es mit seiner
+Umgebung interagieren und von dieser „belohnt“ oder „bestraft“ werden. Also der
+Algorithmus wird aus der Umgebung bewertet und anhand dieser Bewertung kann er lernen, wie er anhand
+einer Eingabe zu der richtigen Ausgabe gelangt.
+
+„The learning algorithms used on reinforcement learning adjusts
+the internal neural parameters relying on any qualitative or quantitative information
+acquired through the interaction with the system (environment) being mapped, [\dots]“\autocite[27]{silva:ai}
+
+Maschinelles und bestärkendes Lernen wird schon seit längerer Zeit bei Spam-Erkennung verwendet. Als Spam
+werden unerwünschte E-Mails, zum Beispiel Werbung, die man nicht bestellt hat, genannt. Es gibt auch einen
+Gegenbegriff zum Spam: Ham, also normale E-Mails, die man in seinem E-Mail-Postfach erwartet.
+
+Wie ein Programm lernt, Spam von Ham zu unterscheiden, kann man damit vergleichen, wie es ein Mensch lernt.
+Sie bekommen unerwünschte Werbung per Post. Es ist ein Briefumschlag mit einer unpersönlichen Anrede und ein
+kleines Heft. Sie blättern es durch und sehen, dass sie daran nicht interessiert sind und schmeißen es weg.
+Wenn Sie ein ähnliches Heft nächstes Mal bekommen, blättern Sie vielleicht nochmal durch, um sicher zu sein,
+dass es nichts Wichtiges bzw\@. etwas, was Sie abonniert haben, ist. Wenn Sie einige Wochen später nochmal so ein
+Heft bekommen, reicht nur ein Blick. Vielleicht haben Sie den Namen desselben Unternehmens oder bekannte
+Produktabbildungen oder einen ähnlichen Werbetext gesehen --- Sie schmeißen es, ohne genauer zu schauen, weg.
+Sie haben gelernt, dass derartige Hefte mit Werbung keine für Sie hilfreiche Information enthalten.
+
+In vielen Mail-Programmen gibt es inzwischen die Funktion „Als Spam markieren“. Wenn eine E-Mail
+als Spam markiert wird, analysiert der Spam-Filter den Inhalt der E-Mail und merkt, wie viele Male jedes Wort
+in der Nachricht vorkommt. Dieselbe Analyse macht der Filter für die anderen Nachrichten, die nicht als Spam
+markiert wurden. Langsam sammelt sich eine Datenbank mit der Anzahl der Vorkommnisse verschiedener Wörter in
+Spam- und Ham-Nachrichten. Anhand dieser Daten kann dann der Filter erkennen, dass bestimmte Wörter nur in
+Spam-Mails vorkommen, aber nicht in Ham, und kann ohne die Einmischung des Menschen entscheiden, ob eine E-Mail
+unerwünscht ist oder nicht. So ein Verfahren ist natürlich nicht fehlerfrei. Es kommt sowohl dazu, dass Spam durch
+so einen Filter unerkannt durchdringen kann, als auch dazu, dass Ham im Spam-Ordner landet. Auf diversen Webseiten
+kann man lesen: „Wenn Sie keine E-Mail innerhalb von \textit{X} Stunden erhalten haben, überprüfen Sie Ihren
+Spam-Ordner“. Wenn Ham als Spam eingestuft wird, spricht man vom \textit{False-Positive}. Es gibt meistens
+wiederum die Funktion, um die Spam-Markierung von der E-Mail zu entfernen. Dadurch kann der Filter neu lernen
+und seine Datenbank aktualisieren beziehungsweise anpassen.
+
+Wir haben gesehen, dass eine der Möglichkeiten, Spam zu erkennen, darauf basiert, den Spam-Filter mit der
+Umgebung, also mit dem Benutzer, kommunizieren zu lassen. Der Benutzer hat eine Möglichkeit dem Filter mitzuteilen,
+ob eine E-Mail Spam oder Ham ist, woraus der Filter lernen kann. Je länger so ein Filter eingesetzt wird und je
+mehr er auf diese Weise trainiert wird, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit des False-Positives.
+
+ \subsection{Unüberwachtes Lernen (Unsupervised Learning)}
+
+ \begin{quote}
+\textit{Unsupervised learning} algorithms do not single out any particular
+variables as a target or focus, and so aim to provide a general
+characterization of the full dataset.\autocite[154]{danks:ai}
+ \end{quote}
+
+Beim unüberwachten Lernen wird keine bestimmte Ausgabe, kein bestimmter Wert bei der Ausgabe erstrebt, wie es
+bei dem überwachten Lernen der Fall ist. Vielmehr geht es darum, eine innere Struktur in den Daten zu entdecken.
+
+Ein Standardbeispiel für unüberwachtes Lernen ist ein soziales Netzwerk. In großen sozialen Netzwerken kann
+man sein Interesse oder Desinteresse dadurch zeigen, dass man bestimmte Beitrage positiv markiert
+beziehungsweise blockiert. Ein gutes soziales Netzwerk würde, um seinen Nutzern genüge zu tun, die einem
+bestimmten Benutzer angezeigten Beiträge zensieren, und ihm nur diejenigen zeigen, die er wahrscheinlich
+mag und nicht diejenigen, die er blockieren würde. Aber das Netzwerk weiß nicht im Voraus, dass es
+Beiträge zu verschiedenen Themen gibt: Kunst, Politik, Sport und so weiter. Schließlich können immer neue
+Themen auftauchen. Das Netzwerk lernt selbst die Beiträge und Benutzer zu klassifizieren. Das Lernen geht
+über die Erforschung der Vorlieben einer bestimmten Person hinaus. Nehmen wir an in Profilen zweier Personen
+unter „Interessen“ steht, dass sie gern Tennis spielen und beide lesen gerne Nachrichten eines
+Sportvereins, der eine eigene Seite im sozialen Netzwerk hat. Wenn eine dritte Person jetzt angibt, dass sie
+gern Tennis spielt, hat das soziale Netzwerk den Grund anzunehmen, dass dieser Person auch die Nachrichten
+des Sportvereins gefallen werden. Das heißt das Netzwerk lernt aufgrund komplexer Zusammenhänge, dass es bestimmte
+Gruppen, Themen- und Interessenbereiche gibt. Es gibt hier keine richtige Antwort, man überwacht nicht alle
+registrierten Benutzer und korrigiert das Netzwerk nicht: Nein, dieser Mensch gehört dieser Gruppe nicht. Und
+wenn ich einen Beitrag blockiere und markierte, bedeutet es nicht unbedingt, dass ich eine Bewertung abgebe, wie
+gut das Netzwerk gelernt hat. Es kann schließlich sein, dass ich heute keine Lust auf meinen Sportverein habe,
+sonst aber gerne lese, was er schreibt.
+
+Die Unterteilung in Gruppen, Klassifizierung ist in der Wirklichkeit sehr komplex und unterzieht sich oft der
+Möglichkeit, sich auf irgendeine Weise kontrollieren oder bewerten zu lassen. Unüberwachtes Lernen kann hier
+Abhilfe schaffen.
+
+ \section{Neuronale Netze}
+
+In diesem Abschnitt handelt es sich um eine mögliche Realisierung des maschinellen Lernens und zwar anhand
+der neuronalen Netze.
+
+ \subsection{Biologisches Vorbild}
+
+Ein „neuronales Netz“, wie der Name raten lässt, ist ein Netz das aus
+Neuronen beziehungsweise Nervenzellen besteht. Das Neuron ist kein technischer Begriff, er stammt aus
+der Biologie: „[\dots] die Nervenzelle --- das Neuron --- [ist] der Grundbaustein und die elementare
+Signaleinheit des Gehirns [\dots]“\autocite[75]{kandel:gedaechtnis} Neuronale Netze haben nicht nur
+den Begriff des Neurons aus der Gehirnforschung übernommen, sondern auch einige weitere, und überhaupt
+haben sie menschliches Gehirn zu ihrem Vorbild.
+
+Die Nervenzelle besteht aus drei Komponenten: einem Zellkörper mit zwei Arten von Fortsätzen,
+Axone und Dendriten.\autocite[Vgl.][79]{kandel:gedaechtnis} Diese Fortsätze der Nervenzelle dienen
+der Signal- beziehungsweise der Informationsübertragung:
+
+ \begin{quote}
+Mit den Dendriten empfängt das Neuron Signale von anderen Nervenzellen, und mit dem Axon sendet es
+Informationen an andere Zellen\@. [\dots] Die Axonendigungen eines Neurons kommunizieren mit den
+Dendritten eines anderen Neurons nur an speziellen Stellen, die von Sherrington später Synapsen
+genannt wurden (von griechisch \textit{s\'{y}napsis} --- „Verbindung“).\autocite[81]{kandel:gedaechtnis}
+ \end{quote}
+
+Synapsen sind ein weiterer Begriff, der für maschinelles Lernen wichtig ist. Sie verbinden
+die Neuronen miteinander und kodieren die bisher gelernten Informationen. In künstlichen sowie in
+biologischen neuronalen Netzen sind nicht alle Neuronen miteinander verbunden. Im Falle der biologischen
+neuronalen Netze sind „Nervenzellen innerhalb bestimmter Bahnen verknüpft [\dots], die
+er [Santiago Ram\'{o}n y Cajal] neuronale Schaltkreise nannte. Signale bewegen sich darin in
+vorhersagbaren Mustern.“\autocite[81]{kandel:gedaechtnis} Auch im Gehirn sind die Synapsen für
+die Informationsspeicherung und Lernerfahrung verantwortlich, da das Lernen die synaptische Stärke und
+dadurch die Kommunikation zwischen Neuronen verändern kann.\autocite[Vgl.][220]{kandel:gedaechtnis}
+
+ \subsection{Einschichtiges feedforward-Netz}
+
+In diesem Abschnitt soll die Funktionsweise eines neuronalen Netzes an einem Beispiel erklärt werden.
+Nehmen wir an, wir wollen den Zusammenhang zwischen der Anzahl der Stunden, die man mit dem
+Lernen und dem Schlafen am Tag vor einer Klausur verbracht hat, und dem Ergebnis der Klausur,
+gemessen in Prozent, herausfinden.
+
+Zu unseren Eingabedaten zählen:
+
+ \begin{enumerate}
+ \item Stunden geschlafen.
+ \item Stunden gelernt.
+ \end{enumerate}
+
+Basierend auf diesen Daten wollen wir vorhersagen, wie das Ergebnis der Klausur ausfällt. Da wir am Anfang
+nicht blind raten wollen, nehmen wir auch an, dass wir eine Testperson zur Verfügung haben, die uns für die
+Untersuchung notwendige Parameter und das Endresultat ihrer Klausur mitteilt.
+
+ \begin{center}
+ \begin{tabular}{c c}
+ (gelernt; geschlafen) & Ergebnis \\
+ \toprule
+ (3 Std; 5 Std) & 70\% \\
+ \bottomrule
+ \end{tabular}
+ \end{center}
+
+Diese Daten wollen wir verwenden, um unser neuronales Netz zu „trainieren“, d\@.h\@. es
+muss anhand dieser Daten Vorhersagen über einen wahrscheinlichen Verlauf künftiger Klausuren machen können.
+
+Bei unseren Berechnungen wollen wir nicht mit verschiedenen Maßeinheiten arbeiten. Zum Beispiel in unseren
+Daten haben wir die Eingabe in \textit{Stunden} und die Ausgabe in \textit{Prozent}, es ist allerdings nicht
+möglich Stunden in Prozente zu übersetzen oder umgekehrt. Unser Netz ist aber auch an Maßeinheiten oder an
+der Art unserer Daten nicht interessiert, es muss schließlich mögliche Zusammenhänge zwischen den Eingabe-
+und Ausgabewerten finden, unabhängig davon, ob es nun Stunden, Prozente, Kilogramme oder Meter sind.
+
+Außerdem soll die Ausgabe $x$ die folgende Bedingung erfüllen soll:
+
+ \begin{gather}
+ \{x \in \mathbb{N} \mid 0 \leq x \leq 100 \}
+ \end{gather}
+
+Um bessere Ergebnisse zu bekommen, werden wir hauptsächlich mit reellen Zahlen von 0 bis 1 rechnen.
+Um das zu erreichen werden die Stunden und die Prozentzahl durch 100 geteilt. Nach diesen Umwandlungen
+erhalten wir die folgende Tabelle:
+
+ \begin{center}
+ \caption{table}{\textbf{Normalisiert}}
+ \begin{tabular}{c c}
+ (gelernt; geschlafen) & erwartetes Ergebnis \\
+ \toprule
+ (0{,}03; 0{,}05) & 0,7 \\
+ \bottomrule
+ \end{tabular}
+ \end{center}
+
+ \subsection{Gewichtung}
+
+Unser neuronales Netz wird insgesamt aus drei Schichten bestehen:
+
+ \begin{figure}[H]
+ \centering
+ \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image1.png}
+ \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:empty_network}
+ \end{figure}
+
+Jede dieser Schichten hat wiederum eins oder mehrere \textit{Neuronen}. Jedes dieser Neuronen kann
+Daten speichern (in unserem Fall --- eine Zahl). Die Neuronen sind untereinander mit \textit{Synapsen} verbunden.
+Eine Synapse kann wiederum Informationen speichern, i\@.e\@. sie werden auch mit einer Zahl versehen.
+
+Die erste Schicht (Abbildung~\ref{fig:empty_network}, links) ist die Eingabeschicht, sie enthält die
+Eingabedaten. Als Eingabe haben wir zwei Werte pro Testlauf: die Anzahl der Stunden, die die Testperson gelernt
+und geschlafen hat. Diese zwei Werte sind unseren Eingaben, weil es die Daten sind, auf deren Basis wir eine
+Ausgabe erwarten, eine Vorhersage machen wollen. Die Ausgabeschicht ist die letzte Schicht
+(Abbildung~\ref{fig:empty_network}, rechts), sie hat nur ein Neuron, das Ergebnis der Klausur, das wir erwarten.
+Schließlich in der Mitte ist die verdeckte Schicht. Sie ist verdeckt, weil sie für den Endbenutzer
+nicht sichtbar ist, der Endbenutzer gibt schließlich eine Eingabe und bekommt am Ende eine Ausgabe, dazwischen
+werden, basierend auf dem, was das neuronale Netz vorher gelernt hat, nur eine Reihe von Berechnungen
+durchgeführt.\autocite[Vgl.][22]{silva:ai}
+
+Nun hat unser Netz noch nichts gelernt, wir wollen das erstmal nur trainieren. Für den ersten Lauf müssen
+wir deswegen eine Reihe von Parametern \textit{zufällig} wählen.
+
+Erstens brauchen wir die sogenannten \textit{Gewichte}. Gewichte sind Werte, die den Synapsen zugeordnet werden.
+Sie bestimmen, welchen Einfluss ein Eingabewert auf das Endergebnis hat. Die Gewichtung repräsentiert,
+was das Netz bisher gelernt hat.
+
+In unserem Fall haben wir insgesamt 9 Synapsen, sodass jedes Neuron der Eingabeschicht mit allen Neuronen der
+verdeckten Schicht, und jedes Neuron der verdeckte Schicht mit dem Neuron der Ausgabeschicht verbunden werden
+kann. Ich versehe diese Synapsen mit den folgenden Werten (von oben nach unten und von links nach rechts):
+0.8, 0.4, 0.3, 0.2, 0.9, 0.5, 0.3, 0.5, 0.9. Es gibt erstmal keinen Grund, diese Werte und nicht andere
+auszuwählen. Sie sind zufällig gefällt und die einzige Bedingung, die sie erfüllen müssen, ist, dass jeder
+dieser Werte im Intervall $\left[ 0, 1 \right]$ liegen soll.
+
+Schließlich müssen wir die Neuronen der Eingabeschicht mit unseren Ausgangsdaten füllen. Unsere Ausgangssituation
+graphisch dargestellt ist dann die folgende:
+
+ \begin{figure}[H]
+ \centering
+ \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image2.png}
+ \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:start_network}
+ \end{figure}
+
+ \subsection{Vorwärtspropagation}
+
+Im nächsten Schritt wird die verdeckte Schicht gefüllt. Da wir zwei Neuronen in der Eingabeschicht haben und
+jedes davon ist den Neuronen der verdeckten Schicht verbunden ist, führen jeweils zwei Synapsen von der
+Eingabeschicht zu einem der Neuronen der verdeckten Schicht. Wir multiplizieren den Wert des Neurones der
+Eingabeschicht mit den Gewichten der daraus ausgehenden Synapsen, addieren die Ergebnisse zusammen und schreiben
+das Endergebnis in das entsprechende Neuron der mittleren Schicht. Die Werte jedes der Neuronen der
+verdeckten Schicht werden also wie folgt berechnet:
+
+ \begin{equation}
+ \begin{split}
+ 0{,}03 \cdot 0{,}8 + 0{,}05 \cdot 0{,}2 = 0{,}034\\
+ 0{,}03 \cdot 0{,}4 + 0{,}05 \cdot 0{,}9 = 0{,}057\\
+ 0{,}03 \cdot 0{,}3 + 0{,}05 \cdot 0{,}5 = 0{,}034
+ \end{split}\tag{Verdeckte Schicht}
+ \end{equation}
+
+ \begin{figure}[H]
+ \centering
+ \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image3.png}
+ \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:before_activation}
+ \end{figure}
+
+ \subsection{Aktivierungsfunktion}
+
+Da die Eingabe (die Stunden) nicht im Intervall $\left[ 0, 1 \right]$ liegt, verwenden wir eine
+\textit{logistische Aktivierungsfunktion}, deren Wertebereich $f(x) \in \mathbb{R} \mid 0 \leq x \leq 1$ ist:
+„The output result produced by the logistic function will always assume real values between zero
+and one.“\autocite[15]{silva:ai}
+
+ \begin{equation}
+ f(x) = \frac{1}{1 + e^{-x}} \tag{Aktivierungsfunktion}
+ \end{equation}
+
+So bekommen wir nach den anschließenden Berechnungen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Zahl zwischen 0 und 1,
+die anschließlich mit 100 multipliziert werden kann, um so auf die Prozente zu kommen.
+
+Wir wenden zunächst die Aktivierungsfunktion auf jeden der vorher berechneten Werte an und schreiben
+das Ergebnis ebenfalls in die verdeckte Schicht.
+
+ \begin{equation}
+ \begin{split}
+ f(0{,}034) \approx 0{,}509\\
+ f(0{,}057) \approx 0{,}514\\
+ f(0{,}034) \approx 0{,}509
+ \end{split}
+ \end{equation}
+
+ \begin{figure}[H]
+ \centering
+ \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image4.png}
+ \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:activation}
+ \end{figure}
+
+Es bleibt jetzt nur noch dieselbe Berechnung durchzuführen wie mit der Eingabeschicht: Jeder der Werte
+der verdeckten Schicht wird mit dem entsprechenden Gewicht multipliziert und alle Ergebnisse werden
+anschließend summiert.
+
+ \begin{equation}
+ \begin{split}
+ 0{,}509 \cdot 0{,}3 = 0{,}1527\\
+ 0{,}514 \cdot 0{,}5 = 0{,}257\\
+ 0{,}509 \cdot 0{,}9 = 0{,}4581
+ \end{split}
+ \end{equation}
+
+ \begin{equation}
+ \begin{split}
+ 0{,}1527 + 0{,}257 + 0{,}4581 \approx 0{,}87
+ \end{split}
+ \end{equation}
+
+Hier ist das komplett ausgefüllte neuronale Netz für unsere Testperson:
+
+ \begin{figure}[H]
+ \centering
+ \includegraphics{/assets/images/ki-begriffsklaerung/image5.png}
+ \caption{Einfaches neuronales Netz}\label{fig:complete_network}
+ \end{figure}
+
+ \subsection{Fehlerrückführung}
+
+Man muss einsehen, dass das Resultat, zu dem wir am Ende kamen, absolut zufällig ist.
+In fast jeder Berechnung wurden Gewichte verwendet, die am Anfang zufällig ausgewählt wurden.
+Das heißt, wenn ich mich für andere Gewichtung entschieden hätte, käme auch etwas anderes dabei
+heraus. Und das ist jetzt die Aufgabe, die bevorsteht: die Gewichtung so anzupassen, dass sie
+zu einem genaueren Ergebnis führt. Dieser Schritt heißt \textbf{Fehlerrückführung}. Man versucht
+hier den Fehler geringer zu machen. In unserem Fall ist das Ergebnis, das wir erwartet haben, 0.7.
+Statdessen haben 0.87, was um 0.17 größer als das erwartete Ergebnis. Wenn wir diese Distanz
+zwischen dem aktuellen und dem erwarteten Ergebnis geringer machen, \textit{trainieren}
+wir das neuronale Netz.
+
+Es gibt mehrere Methoden, die Fehlerrückführung durchzuführen. Die einfachste (und die schlechteste
+für die Praxis, weil sie für ein größeres Netz zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde) wäre, einige der
+Gewichte zu ändern (man kann dafür wiederum andere zufällige Zahlen von 0 bis 1 verwenden), und
+alles dann nochmal mit diesen neuen Gewichten berechnet. Wenn man zu einem besseren Ergebnis kommt,
+kann man versuchen, die Gewichtung weiter anzupassen, bis das Resultat zufriedenstellend ist. Wenn
+das Ergebnis noch schlechter wird, versucht man dasselbe mit anderen Gewichten.
+
+Das heißt, die \textbf{Vorwärtspropagation} und \textbf{Fehlerrückführung} werden mehrmals wiederholt,
+bis das Endresultat ausreichend genau ist. Schließlich ist eine Testperson für das Trainieren des
+neuronalen Netzes nicht ausreichend. Wenn wir weitere Daten erhalten, können wir sie genauso
+einsetzen, und den Endwert mit denselben Gewichten für diese neuen Daten berechnen. Dann können
+wir versuchen, die Gewichtung so anzupassen, dass für die beiden Fälle ein genaueres Ergebnis
+herauskommt. Dann ziehen wir noch eine dritte Testperson hinzu und so weiter\dots{} Irgendwann haben
+wir die Gewichtung so gewählt, dass wir damit rechnen können, dass wenn wir dem Netz neue Daten
+übergeben, wir eine gute Einschätzung für die Endnote bekommen. Es ist kaum möglich mit dem oben
+aufgeführten Netz. Neuronale Netze sind in der Praxis viel komplexer und haben mehrere verdeckte
+Schichten, was genauere Anpassung der Gewichte ermöglicht.
+
+ \section{Lernerfolg. Turing-Test}
+
+Im Zusammenhang mit dem maschinellen Lernen sprechen wir vom Lernerfolg. Allerdings wurde es noch nicht
+geklärt, was Erfolg in diesem Fall bedeutet.
+
+Um einen gewöhnlichen Einwand gegen den Erfolg der künstlichen Intelligenz zu erläutern, konstruieren
+wir ein futuristisches Beispiel, das in einer oder der anderen Form zum Thema vieler Filme der letzten
+Jahre geworden ist. Sagen wir, die Menschen haben einen Supercomputer entwickelt, dessen künstliche
+Intelligenz dermaßen fortgeschritten ist, dass er selbst weitere Maschinen entwerfen und produzieren kann.
+So beginnt eine neue Ära, in der die Maschinen sich selbt ohne die Einmischung des Menschen entwickeln.
+Schlussendlich wird der Mensch zu einer überholten, schwachen Spezies, deren Existenz nicht mehr förderlich
+für den weiteren technischen Fortschritt ist, sodass der mächtige Supercomputer sich dazu entscheidet,
+die menschliche Art auszulöschen. Nun hatte der Supercomputer, der eine solche Macht erlangt hat, alles über
+die Wissenschaft und Technik gelernt, was der Mensch je hätte lernen können, und diese Kenntnisse noch
+weiter gebracht hat. Man könnte sich aber fragen, ob der Erfolg des Lernens an der Anzahl der Erkenntnisse
+gemessen werden kann. In dem aufgeführten Beispiel hat sich die Technik, die der Mensch sich zuhilfe
+schuf, hatte gegen den Menschen gewendet und so gegen das moralische Prinzip, nach dem das menschliche
+Leben einen Wert an sich hat, verstoßen.
+
+Wenn wir also vom Erfolg sprechen, beziehen wir den Erfolg nicht nur auf die eigentliche Tätigkeit (das
+Erwerben von Erkenntnissen), sondern auch auf das Endresultat --- wie die erworbenen Erkenntnisse angewandt
+werden. Bei der Bewertung ihrer Anwendung braucht man wiederum eine Ethik, die es ermöglicht, zu beurteilen,
+ob die Anwendung richtig oder falsch, gut oder böse ist. Man sieht sofort, wie schnell das Problem des Erfolgs
+sehr komplex und unübersichtlich wird. Ich werde deswegen dafür argumentieren, dass der Erfolg des
+Lernens nur in dem Sinne des unmittelbaren Erfolgs ohne die Einbeziehung der Konsequenzen verstanden werden
+muss. Desweiteren werde ich versuchen den Erfolg anhand des Turing-Tests etwas genauer zu bestimmen.
+
+Alan Turing stand vor einem ähnlichen Problem, als er das, was wir heute Turing-Test nennen, vorgeschlagen
+hat. Das Lernen, die Suche nach Gesetzmäßigkeiten und die Anwendung des Gelernten und Erforschten sind
+wichtige Aspekte menschlicher Denktätigkeit. Wenn wir davon sprechen, dass die Computer selbstständig
+lernen, stellt sich die Frage, ob sie dann auch denken kennen? Um zu sagen, ob die Computer denken
+können, muss man dann definieren, was das Denken eigentlich ist und dann schauen, ob diese Definition
+auf die Computersysteme angewandt werden kann.
+
+Nun ist es aber alles andere als trivial, eine Definition für das Denken zu finden. Das eigentliche Problem
+besteht aber nicht darin, dass eine solche Definition eine schwierige Aufgabe ist, sondern darin, dass
+die Angabe einer Definition des Denkens sich sowohl dem Interessenbereich der Technik als auch
+dem Interessenbereich der Wissenschaft entzieht. Wir verbinden das Denken mit den Gehirnaktivitäten. Aber
+spielt es für einen Gehirnforscher in seiner wissenschaftlichen Forschung eine Rolle, was das Denken ist?
+Er kann durchaus eine private Überzeugung haben, dass das, was wir unter dem Denken verstehen, nichts weiter
+als die Gehirnaktivität ist, oder, dass das, was wir im Gehirn beobachten, nur auf eine bestimmte Weise
+unser Denken repräsentiert. Aber ob er sich für die erste Möglichkeit, oder für die zweite, oder für eine
+dritte entscheidet, ist für seine eigentliche wissenschaftliche Forschung von wenig Bedeutung. Auch
+umgekehrt: Wenn man eines Tages weiß, dass man jede geistige Aktivität auf Gehirnaktivitäten zurückführen
+kann, bedeutet es, dass ich mich ab dann für einen vollständig von den physikalischen Gesetzen
+bestimmten Bio-Roboter halte, der keinen eigenen Willen hat?
+
+Es ist ganz natürlich den Gegenständen menschliche Eigenschaften und Aktivitäten zuzurschreiben:
+„Der Computer \textit{will} nicht funktionieren“. Natürlich kann es bei einem kaputten
+Rechner keine Rede vom Willen sein. Das ist bloß eine Redewendung. Aber wenn die Computer viel
+leistungsfähiger werden, passiert die Zuschreibung viel bewusster, wir fangen an, von ihrer Intelligenz,
+ihrem Denken oder dem Erfolg ihrer Aktivitäten zu sprechen. Diese Begriffe sind aber in der Sprache sehr
+oft ambivalent und werden intuitiv verwendet. Deswegen ist es auch problematisch, sie auf andere
+Gegenstände zu übertragen.
+
+Um das höchstproblematische Reden vom Denken im Fall der Computer zu vermeiden, hat Alan Turing
+„The Imitation Game“\autocite[433f]{turing:mind} vorgeschlagen. Dieses Imitationsspiel
+wird von drei Personen gespielt: einem Mann (A), einer Frau (B) und einem Fragesteller (C), dessen
+Geschlecht für das Spiel irrelevant ist. Der Fragesteller kennt die beiden anderen Personen A und B
+nicht und befindet sich in einem anderen Raum. Das Ziel des Spiels für den Fragesteller besteht
+darin, richtig zu erraten, wer von A und B ein Mann und wer eine Frau ist. Dabei kann der Fragesteller
+den übrigen Spielteilnehmern Fragen stellen und Antworten auf seine Fragen bekommen. Die Teilnehmer
+kommunizieren miteinander so, dass der Befragende und die Befragten einander weder sehen noch
+hören können, zum Beispiel sie könnten einander Texte über das Internet versenden. A und B sind nicht
+verpflichtet, ehrliche Antworten auf die Fragen zu geben. Die Aufgabe von A ist, dem Befragenden zu
+helfen, B soll ihn im Gegenteil in die Irre führen.\autocite[433f]{turing:mind}
+
+ \begin{quote}
+We now ask the question, „What will happen when a machine takes the part of A in this
+game?“ Will the interrogator decide wrongly as often when the game is played like this
+as he does when the game is played between a man and a woman? These questions replace our
+original, „Can machines think?“\autocite[434]{turing:mind}
+ \end{quote}
+
+Das heißt, die Maschine soll die Rolle eines Spielers --- entweder A oder B --- übernehmen. Es gibt
+keine Frau, keinen Mann und Fragesteller mehr, sondern einen Menschen, eine Maschine und den
+Fragesteller (menschlich). Wenn es für den Fragesteller genauso schwierig ist, ohne einen direkten
+Kontakt eine Maschine von einem Menschen zu unterscheiden, wie eine Frau von einem Mann, dann hat
+die Maschine den Turing-Test bestanden.
+
+Im Grunde, um den Erfolg des Lernens eines Computersystems zu bewerten, wird hier eine funktionale
+Beschreibung verwendet. Anstatt nach der Washeit der Dinge zu fragen: Was ist Denken? Was ist Erfolg?
+Können diese Begriffe auf ein Computersystem angewandt werden?, fragt man, ob und wie gut das System
+eine bestimmte Funktion ausführen, einen Test bestehen kann. Der Turing-Test scheint mir auch die beste
+Methode zu sein, um den Erfolg des Lernes eines Computersystems zu bewerten. Vor allem, weil so ein
+funktionaler Test einen Aufschluss darüber gibt, welche Stufe in der Entwicklung der künstlichen
+Intelligenz man bereits erreicht hat, und was noch verbessert werden muss, um den Lernerfolg zu
+vergrößern. Er gibt auch eine Skala an, von der abgelesen werden kann, ob ein Algorithmus bessere
+Ergebnisse liefert als ein anderer. Dies ermöglicht den technischen Fortschritt und die Verbesserung
+der Algorithmen. Diese Skala gibt es aber nicht oder sie ist sehr verschwommen, wenn der Lernerfolg eine
+ethische Perspektive haben soll.
+
+Was ich hiermit nicht sagen will, ist, dass die Ethik für die Entwicklung der
+künstlichen Intelligenz unwichtig ist. Es macht nur wenig Sinn sie in die Definition des Lernerfolgs
+eines künstlichen Systems einzubeziehen. Um so ein System weiter zu entwickeln, braucht man eine
+technische Definition des Erfolgs, die ermöglicht, die Schwächen dieses Systems aufzuzeigen, an denen
+noch gearbeitet werden soll. Eine voreilige Einbeziehung einer ethischen Bewertung würde den Fortschritt
+im Bereich der künstlichen Intelligenz unnötig verkomplizieren und verlangsamen. Eine ethische Bewertung
+der künstlichen Intelligenz als solchen und dessen, wie sie eingesetzt wird, ist im Gegenteil nützlich
+und nötig, um die Möglichkeit einer bösartigen Anwendung deren zu verringern.
+
+Ich meine auch nicht, dass eine ethische Auseinandersetzung der technischen Entwicklung zeitlich
+folgen soll. Es kann zu spät sein, sich mit etwas auseinanderzusetzen, was schon da ist. Vielmehr sollen
+die Bereiche des Technischen und Ethischen voneinander getrennt sein. Wenn ein Informatiker oder ein
+Mathematiker an einem neuen Algorithmus für maschinelles Lernen arbeitet, ist er wahrscheinlich
+gar nicht daran interessiert, ein künstliches System zu erschaffen, das ihm ermöglicht, die Welt
+zu beherrschen, womöglich ist er nur an seinem Fach interessiert und will sehen, wie weit man die
+künstliche Intelligenz bringen kann. Natürlich soll man sich Gedanken darüber machen, was passiert,
+wenn man den neuen Algorithmus oder die neue Technologie auf den Markt bringt, das darf aber nicht
+der eigentlichen Forschung im Wege stehen.
+
+ \section{Dritt- und Erstperson-Perspektive}
+
+Kommen wir auf die Frage „Können die Maschinen denken?“ zurück. Was ist an dieser
+Frage so problematisch, sodass Alan Turing sie umzugehen suchte, außer dass der Begriff
+„Denken“ schwierig zu definieren ist. Oder warum ist er schwierig zu
+definieren? Das Denken für den Menschen ist ein \textit{Erlebnis}, das heißt ich erlebe mich
+selbst als ein denkendes Wesen. Ich gehe davon aus, dass auch die anderen Menschen sich als
+denkende Wesen erleben, obwohl ich nicht mit Sicherheit sagen kann, wie sich das Denken eines
+anderen Menschen für ihn anfühlt, was und wie er denkt. Man denke nur an die Diskussionen, ob
+Tiere Freude oder Leiden empfinden können, ob sie denken können. Es ist relativ naheliegend,
+dass andere Menschen denken können, aber es ist nicht klar, ob man das von den anderen Lebewesen
+behaupten kann. Desto unklarer ist es, wenn man von etwas spricht, was überhaupt kein
+Lebewesen ist.
+
+Anstatt der Maschine einen Geist und eine Art Innerlichkeit zuzuschreiben, entwickelt sich aber
+die Tendenz, den Menschen mechanisch zu verstehen. Wenn Sören Kierkegaard sagt:
+„Der Mensch ist Geist“\autocite[11]{kierkegaard:krankheit}, so heute ist der Mensch immer
+öfter sein Gehirn: „In Germany, leading neuroscientists like Wolf Singer and Gerhard
+Roth are omnipresent in TV and press. They speak of the brain as if they were talking about a
+person.“\autocite[164]{foerster:neuroturn} Kierkegaards Mensch und sein Geist waren nicht bloß
+eine immaterielle Substanz, sondern vielmehr eine Synthese „aus Unendlichkeit und Endlichkeit,
+aus dem Zeitlichen und dem Ewigen, aus Freiheit und
+Notwendigkeit, [\dots]“\autocite[11]{kierkegaard:krankheit} Ob die Beschreibung des Menschen
+als Gehirn genauer zutrifft, ist fraglich. Yvonne Förster in ihrem Artikel „Effects of the
+Neuro-Turn: The Neural Network as a Paradigm for Human Self-Understanding“ macht darauf
+aufmerksam, dass obwohl bei der Erforschung des Gehirns nur die Drittperson-Perspektive in die Betrachtung
+einbezogen wird, eine Verschiebung der Terminologie von der Philosophie zu den Neurowissenschaften
+stattfindet:
+
+ \begin{quote}
+ While phylosophy works with concepts, experience, reflection, and linguistic
+ description, neuroscience, on the other hand, uses these philosophical terms within
+ a third-person framework of observation, imaging techniques, and
+ measurements.\autocite[163]{foerster:neuroturn}
+ \end{quote}
+
+Eine Reihe von Begriffen, wie der freie Wille oder das Bewusstsein, für die die Innenperspektive
+unentbehrlich ist, werden aus der Drittperson-Perspektive beurteilt und beschrieben.
+Doris Nauer spricht auch davon, dass bei der Erforschung geistiger Funktionen
+„NaturwissenschaftlerInnen zunehmend die Interpretationsgrenzen rein naturwissenschaftlicher
+Forschung überschreiten“.\autocite[35]{nauer:seelsorge}
+Außerdem merkt Förster an, dass die Neurowissenschaften keinen direkten Zugang auch zum Gehirn oder den
+Neuronen selbst haben, vielmehr arbeiten sie mit Modellen:
+
+ \begin{quote}
+ The neural gains its visibility only via technology. The process of making the neural visible is
+ not a simple representation of something otherwise hidden. Rather it is a production of images by
+ means imaging techniques. What we get to see is not the inside of our skull, not copies of our
+ neurons, but reconstructions modeled according to a certain set of rules of computation. The neural
+ net as we know it from neuroscientific imagery is not a photograph of brain parts. It is deeply
+ technological mediated.\autocite[172]{foerster:neuroturn}
+ \end{quote}
+
+Das Selbstverständnis des Menschen und das Verständnis der Maschine und der künstlichen Intelligenz sind
+voneinander abhängig. Wenn wir die Maschinen konstruieren, die selbst lernen und vielleicht denken können,
+und so den Menschen nachahmen, lernen wir auch etwas über die menschlichen Denkprozesse und dem
+Zusammenhang zwischen dem Bewusstsein und dem Gehirn. Andererseits um
+zu entscheiden, ob die Maschinen denken oder ein geistiges Leben haben können, ist unser Menschenbild
+wichtig, weil es von ihm abhängt, ob sich das, was wir unter dem Menschen verstehen, auf die Maschine
+übertragen lässt.
+
+ \section{Zum Begriff der Intelligenz}
+
+Eine der Fragen, die sich noch stellen, ob wir im Falle der künstlichen Intelligenz überhaupt von
+der \textit{Intelligenz} sprechen kann, wie wir von der menschlichen sprechen. Ich möchte von vornherein
+sagen, dass diese Frage nicht eindeutig zu beantworten ist. Von einem Menschen zu sagen, er sei intelligent,
+ist nicht dasselbe, wie zu sagen: „Zwei ist eine gerade Zahl“.
+
+Erstens, je nachdem wer das Wort „intelligent“ sagt, kann man darunter unterschiedliche
+Eigenschaften meinen. Für einen mag intelligent derjenige sein, der über viele Fachkentnisse in
+einem bestimmten Bereich verfügt. Für einen anderen ist es der, der allgemein gebildet ist und nicht
+nur in bestimmten Bereichen. Für den dritten spielen die erworbenen Kenntnisse überhaupt eine geringere
+Rolle, viel wichtiger, um intelligent zu sein, sei es, schlau zu sein, schnell die Lösungen für die
+auftretenden Probleme zu finden.
+
+Zweitens hängt die Antwort auf die Frage, ob man so eine Eigenschaft wie „Intelligenz“
+auf eine Maschine übertragen kann, sehr stark von anthropologischen Ansichten der jeweiligen Person.
+Ist der Mensch selbst wahrscheinlich nichts weiter als eine Art von der Natur erschaffener Roboter?
+In diesem Fall kann wohl auch eine vom Menschen konstruierte Maschine Intelligenz haben. Wenn der Mensch
+dagegen ein geistiges Wesen ist, das nicht vollständig durch physikalische Gesetze determeniert ist,
+dann ist es qualitativ etwas anderes als eine Maschine und man könnte argumentieren, dass deswegen bestimmte
+Eigenschaften wie Intelligenz nur dem Menschen zugeschrieben werden können.
+
+Der Stand der Entwicklung rechtfertigt nicht immer die Anwendung des Begriffes „Intelligenz“
+im Bezug auf die Maschinen. Bereits heutige Computer sind in bestimmten Bereichen
+intelligenter als die Menschen. Zum Beispiel kann jeder der heutigen Prozessoren (oder CPU,
+\textbf{C}entral \textbf{P}rocessing \textbf{U}nit) einfache Berechnungen, wie Multiplizieren,
+Dividieren, Addieren oder Substrahieren, vielfach schneller durchführen als ein Mensch. Und diese
+Fähigkeit besitzten bereits die Computer der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die künstliche
+Intelligenz noch nicht so verbreitet war. Schnelles Rechnen kann auch ein Merkmal der Intelligenz sein.
+Und doch spricht man von der künstlichen Intelligenz meistens in Bezug auf maschinelles Lernen. Dies zeigt,
+dass wenn man von intelligenten Maschinen spricht, meint man eine bestimmte Art von der Intelligenz, und
+zwar meint man die Maschinen, die das Können besitzen, nicht nur die einprogrammierten
+„Kenntnisse“ anzuwenden, sondern auch neue Erkenntnisse selbstständig zu gewinnen. Das heißt
+Intelligenz knüpft hier an die \textit{schöpferische} Kraft des Menschen, an die Kraft etwas neues
+zu \textit{erschöpfen}. Natürlich ist es nicht dasselbe wie Erschaffen eines Kunstwerkes oder eines
+Musikstückes, weil das, was erkannt wird, schon da ist, es nicht aus Nichts geschaffen wird. Und doch
+ist auch das Gewinnen der Erkenntnisse aus der Erfahrung, die vorher nicht waren, ist das Gewinnen von
+etwas \textit{neuem}, also ein schöpferischer Vorgang. Und dieser Übergang zwischen einer die Befehle
+ausführenden und einer lernenden Maschine ist wohl die Grenze, ab der die Maschinen
+\textit{intelligent} werden.
+
+Wie weit die künstliche Intelligenz reicht oder reichen kann, lässt sich noch nicht sagen. Wir haben
+noch keine Roboter, die malen, Romane oder Lieder schreiben oder physikalische Gesetze entdecken. Wie
+am Beispiel mit dem neuronalen Netz gezeigt wurde, geht es bei maschinellem Lernen um das Erkennen
+bestimmter Muster in der Eingabedaten. Falls so ein Muster tatsäschlich erkannt wurde, dann können anhand
+dessen auch neue Daten ausgewertet werden. Dem lernenden System geht es nicht um die Forschung oder die
+Suche nach der Wahrheit. Und hier ist es nicht mal wichtig, was Wahrheit ist, und ob es sie gibt. Wenn
+ein Schriftsteller schreibt, sehnt er oft aus dem tiefsten seines Herzens, seinen Lesern etwas
+mitzuteilen, seine Wahrheit zu verkünden. Auch ein Forscher kann von diesem Gefühl bewegt werden,
+selbst wenn seine Theorie sich später als falsch erweist, hat er versucht, etwas Wahres zu entdecken.
+Ein lernendes System hat überhaupt keinen Sinn für die Wahrheit. Es wurde programmiert, um Muster in
+den Daten zu erkennen und das tut es. Wenn ich weiß, wie ein System aufgebaut ist, kann ich es von
+vornherein mit manipulierten Daten füttern, sodass es etwas falsch lernt, und es wird sich nicht
+betrogen fühlen. Wobei ich zugeben muss, dass es auch einem Menschen passieren kann, dass er sich
+auf falsche, falsch ausgewählt Daten, stützt, und deswegen zu inkorrekten Ergebnissen gelangt.
+
+Die Mustererkennung ist wichtig auch für das menschliche Überleben. Allerdings vermag der Mensch auch
+abstrakt zu denken. Es gibt zum Beispiel in der Natur keine Zahlen, es gibt nur abzählbare Gegenstände.
+Man muss sich von den einzelnen Gegenständen beziehungsweise ihrer endlichen Anzahl abstrahieren können,
+um auf die unendliche Menge von natürlichen Zahlen kommen. Diese Fähigkeit zum abstrakten Denken ist etwas,
+was den Menschen gegenüber den Maschinen immer noch auszeichnet.
+
+ \section{Grenzen der Anwendung von maschinellem Lernen}
+
+Zwar ist die künstliche Intelligenz zum selbstständigen Lernen fähig, ist kein selbstständiges
+Lebewesen wie der Mensch, sondern nur ein Instrument unter vielen anderen.
+
+Nehmen wir an, wir wollen quadratische Gleichungen in der Normalform lösen:
+
+\begin{equation}
+ x^2 + px + q = 0
+\end{equation}
+
+Dafür beabsichtigen wir ein Programm zu schreiben, das die 2 Parameter, $p$ und $q$, als
+Eingabewerte annimmt und die Gleichung nach $x$ auflöst. Man kann diese Aufgabe durchaus mithilfe der
+künstlichen Intelligenz lösen. Wir entwerfen ein neuronales Netz, das zwei Neuronen in der
+Eingabeschicht und zwei in der Ausgabeschicht hat. Dann lösen wir einige Tausende solcher Gleichungen
+selbst und übergeben die Eingaben und die Lösungen dem Netz, damit es aus diesen Daten lernen kann.
+Dann testen wir, ob das Netz nun selbst richtige Antworten produzieren kann. Wenn es nicht der Fall
+sein soll, bereiten wir weitere Angaben und Lösungen vor. Irgendwann haben wir das neuronale Netz
+ausreichend trainiert, sodass es jetzt selbst solche Gleichungen lösen kann.
+
+Eigentlich wissen wir aber, wie man eine quadratische Gleichung löst. Genauso gut könnten wir den folgenden
+Algorithmus in einem Programm implementieren:\autocite[Vgl.][10f]{lothar:math}
+
+\begin{enumerate}
+ \item Berechne die Diskriminante $D$:
+ \begin{equation}
+ D = {(p/2)}^2 - q
+ \end{equation}
+
+ \item Wenn $D \geq 0$ ist, gibt es zwei reelle Lösungen:
+ \begin{equation}
+ x_{1/2} = -\frac{p}{2} \pm \sqrt{D}
+ \end{equation}
+
+ \item Wenn $D < 0$ ist, gibt es zwei konjugiert komplexe Lösungen:\autocite[Vgl.][676]{lothar:math}
+ \begin{equation}
+ x_{1/2} = -\frac{p}{2} \pm j \cdot \sqrt{\left|D\right|}
+ \end{equation}
+\end{enumerate}
+
+Der Aufwand, dieses Programm, zu schreiben ist viel geringer als die Variante mit der künstlichen
+Intelligenz. Was noch viel wichtiger für ein Programm, das mathematische Berechnungen durchführt, ist,
+ist, dass wir wissen, dass, wenn der Algorithmus korrekt implementiert ist, er richtige Ergebnisse
+liefert. Im Falle des neuronalen Netzes ist es nicht so. Wenn das neuronale Netz komplex genug ist,
+können wir nicht mehr nachvollziehen, wie eine bestimmte Berechnung durchgeführt wird, das heißt, wir
+können nicht überprüfen, ob der Algorithmus für alle Paare $p$ und $q$ das richtige Ergebnis liefert.
+Für die Anwendungsfelder des maschinellen Lernens ist eine solche Genauigkeit auch nicht unbedingt
+erforderlich. Wenn ein soziales Netzwerk setzt künstliche Intelligenz ein, um gezielte Werbung
+anzuzeigen, dann ist es durchaus vorteilhaft, wenn die Werbung den Nutzer anspricht, aber es ist immer
+noch zulässig, wenn die Wahl der Werbung nicht optimal ist. Es genügt, wenn die Werbung
+\textit{interessant genug} für den Nutzer ist, oder dass ein gewisser Profit durch sie erreicht wird.
+
+Künstliche Intelligenz ist keine universelle Lösung für alle Probleme. Sie ist sehr nützlich für
+die Auswertung von großen Mengen an Daten und für die Suche nach Mustern in diesen, aber ist noch
+nicht fähig abstrakte, e\@.g\@. mathematische Probleme zu lösen.
+
+ \section{Fazit}
+
+Über viele Fragen lässt es heute nur spekulieren. Können die Maschinen alle Tätigkeiten ausüben, die
+die Menschen ausüben? Sind sie eine neue Evolutionsstufe, sodass sie die Menschen eines Tages
+verdrängen und überflüssig machen? Oder werden die Maschinen und Menschen weiterhin friedlich
+coexistieren? Einige Autoren versuchen bereits diese Fragen zu beantworten. Ich wage heute noch nicht,
+auf sie eine Antwort zu geben. Schließlich ist die Entwicklung der Wissenschaft und der Technik
+auch von einer Reihe von sozialen, politischen und wirtschaflichen Faktoren mitbestimmt.
+
+Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen ist ein junges Konzept, dem viel Aufmerksamkeit von
+verschiedenen Siten geschenkt wird. Die Technik und Informatik sind daran interessiert, weil es ermöglicht
+neue, selbst „denkende“ Programme zu schreiben; Naturwissenschaften hoffen durch künstliche
+auch die menschliche Intelligenz besser zu verstehen; man sieht auch Potenzial, den Menschen noch mehr
+vom Last der Arbeit zu befreien, aber man warnt auch vor den Gefahren der Verselbständigung der
+Computertechnik oder deren Missbrauch. Naturwissenschaftliche Forschung hatte schon fatale Folgen, sie
+ermöglichte zum Beispiel eines Tages die Erschaffung der Atomwaffen, was vielen unschuldigen Menschen
+ihr Leben kostete. Doch sie hat auch einen soliden Beitrag zur modernen Medizin und Technik geleistet,
+auf die wir uns jeden Tag verlassen. Um die künstliche Intelligenz scheint es ähnlich zu stehen: Es ist
+ein kontroverses Thema.
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+---
+layout: post
+date: 2019-08-14 19:36:00
+tags: Gedicht
+title: Das Licht erlischt…
+teaser: |
+ <p>
+ Das Licht erlischt, die Stimmen sinken,<br>
+ die Dunkelheit verschlingt den Saal.<br>
+ Die Töne fangen an zu ringen<br>
+ und durch die Reihen fließt ein Strahl.
+ </p>
+ <p>
+ Ein Mädchen steht mit spröden Lippen<br>
+ und kontrolliert die Gäste bald.<br>
+ Es dreht nur schnell die zweite Kippe.<br>
+ Der Abend draußen ist windig, kalt.
+ </p>
+ <p>
+ Den Saal betritt ein kühner Künstler,<br>
+ der nun sein langes Lied beginnt.<br>
+ Das Stück ist anfangs trist und düster,<br>
+ damit das Glück am Schluss gewinnt.
+ </p>
+ <p>
+ Das Mädchen rollt jetzt schon die dritte<br>
+ und grübelt über etwas nach;<br>
+ Sei dies die Arbeit und die Sitten,<br>
+ sei dies die Hoffnung, die zerbrach.
+ </p>
+---
+\textit{Ra}
+
+Das Licht erlischt, die Stimmen sinken,\\
+die Dunkelheit verschlingt den Saal.\\
+Die Töne fangen an zu ringen\\
+und durch die Reihen fließt ein Strahl.
+
+Ein Mädchen steht mit spröden Lippen\\
+und kontrolliert die Gäste bald.\\
+Es dreht nur schnell die zweite Kippe.\\
+Der Abend draußen ist windig, kalt.
+
+Den Saal betritt ein kühner Künstler,\\
+der nun sein langes Lied beginnt.\\
+Das Stück ist anfangs trist und düster,\\
+damit das Glück am Schluss gewinnt.
+
+Das Mädchen rollt jetzt schon die dritte\\
+und grübelt über etwas nach;\\
+Sei dies die Arbeit und die Sitten,\\
+sei dies die Hoffnung, die zerbrach.
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@@ -0,0 +1,41 @@
+---
+layout: post
+date: 2020-03-13 15:09:00
+tags: Gedicht
+title: Kleines Mädchen
+teaser: |
+ <p>
+ Du, kleine Wölfin, blickst einsam und öde;<br>
+ Auch ich war mal früher ein trüber Selbstmörder,<br>
+ lag auch mit'm Rasierer in blutiger Wanne<br>
+ und atmete schweigend mein Marihuana.
+ </p>
+ <p>
+ Du siehest, wie friedlich die Kühe dort weiden,<br>
+ kristallene Berge im Nebel sich weiten.<br>
+ Wir richten die Säulen, verschieben die Grenzen.<br>
+ O, kleine Wölfin mit Blick voll Entsetzen.
+ </p>
+ <p>
+ Versinke in Träumen, schlaf süß und gelassen.<br>
+ Dein Elternhaus steht nunmehr wüst und verlassen,<br>
+ mit Dornen verwachsen die Gräber und Platten.<br>
+ O, kleine Wölfin mit Blick eines Schattens.
+ </p>
+---
+Du, kleine Wölfin, blickst einsam und öde;\\
+Auch ich war mal früher ein trüber Selbstmörder,\\
+lag auch mit'm Rasierer in blutiger Wanne\\
+und atmete schweigend mein Marihuana.
+
+Du siehest, wie friedlich die Kühe dort weiden,\\
+kristallene Berge im Nebel sich weiten.\\
+Wir richten die Säulen, verschieben die Grenzen.\\
+O, kleine Wölfin mit Blick voll Entsetzen.
+
+Versinke in Träumen, schlaf süß und gelassen.\\
+Dein Elternhaus steht nunmehr wüst und verlassen,\\
+mit Dornen verwachsen die Gräber und Platten.\\
+O, kleine Wölfin mit Blick eines Schattens.
+
+\textit{(Frei übersetzt nach гр. Крематорий "Маленькая девочка")}
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@@ -0,0 +1,17 @@
+---
+layout: post
+date: 2020-05-02 22:28:00
+tags: Gedicht
+title: Medizin
+teaser: |
+ <p>
+ Ich kam zum Arzt mit meinen Schmerzen.<br>
+ Er sieht mich an und sagt vom Herzen:<br>
+ Schlägt der Tod Euch noch nicht nieder,<br>
+ kommt in einem Monat wieder.
+ </p>
+---
+Ich kam zum Arzt mit meinen Schmerzen.\\
+Er sieht mich an und sagt vom Herzen:\\
+Schlägt der Tod Euch noch nicht nieder,\\
+kommt in einem Monat wieder.
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@@ -0,0 +1,32 @@
+---
+layout: post
+date: 2005-04-24 21:48:00
+tags: Стихотворение
+title: Тучей солнце затянуло
+teaser: |
+ <p>
+ Тучей солнце затянуло,<br>
+ Помрачнело все вокруг.<br>
+ Только солнышко блеснуло<br>
+ И потухло снова вдруг.
+ </p>
+ <p>
+ Туча с каждою минутой —<br>
+ Все черней, черней, черней…<br>
+ Небо все покрылось смутой,<br>
+ Мороз на улице сильней.<br>
+ Вот дождь пошел<br>
+ И легче стало: воздух мягче и свежей.
+ </p>
+---
+Тучей солнце затянуло,\\
+Помрачнело все вокруг.\\
+Только солнышко блеснуло\\
+И потухло снова вдруг.
+
+Туча с каждою минутой —\\
+Все черней, черней, черней…\\
+Небо все покрылось смутой,\\
+Мороз на улице сильней.\\
+Вот дождь пошел\\
+И легче стало: воздух мягче и свежей.
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@@ -0,0 +1,59 @@
+---
+layout: post
+date: 2021-01-18 08:09:45
+tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
+title: Schuld
+teaser: |
+ <p>Der ästhetische Mensch kennt keine Schuld, weil er sein Leben seinen
+ Leidenschaften allein widmet, ohne Rücksicht auf etwas anderes zu nehmen. Er
+ bereut nichts, fühlt sich nicht schuldig. In den von Victor Eremita
+ herausgegebenen Papieren findet sich die Ansicht, dass die Schuld dem
+ Individualismus entspringt. Ein Individuum kann nicht mehr sein Schicksal,
+ seinen Stamm und dessen Götter für sein Leid verantwortlich machen. Das
+ Individuum ist alleine seines Glückes Schmied. Diese Verantwortung, alles
+ unter Kontrolle zu haben, ist kaum zu ertragen. Das Religiöse bringt Erlösung
+ und befreit mittels eines Ritus von der individuellen Schuld.</p>
+---
+Der ästhetische Mensch kennt keine Schuld, weil er sein Leben seinen
+Leidenschaften allein widmet, ohne Rücksicht auf etwas anderes zu nehmen. Er
+bereut nichts, fühlt sich nicht schuldig. In den von Victor Eremita
+herausgegebenen Papieren findet sich die Ansicht, dass die Schuld dem
+Individualismus entspringt. Ein Individuum kann nicht mehr sein Schicksal,
+seinen Stamm und dessen Götter für sein Leid verantwortlich machen. Das
+Individuum ist alleine seines Glückes Schmied. Diese Verantwortung, alles
+unter Kontrolle zu haben, ist kaum zu ertragen. Das Religiöse bringt Erlösung
+und befreit mittels eines Ritus von der individuellen Schuld.
+
+Nietzsche stellt dieses Verhältnis vom Ästethischen und Religiösen auf den
+Kopf und sagt, dass die Schuld erst durch das Religiöse in die Welt kommt.
+„Nur aesthetisch giebt es eine Rechtfertigung der Welt. Gründlicher
+Verdacht gegen die Moral (sie gehört mit in die Erscheinungswelt).“
+(Friedrich Nietzsche. Kritische Studienausgabe, 2 [110], Zur „Geburt der Tragödie“).
+
+Dem modernen Menschen ist das Religiöse genauso fremd wie das Ästhetische,
+deswegen steckt er zwischen diesen 2 Stadien, im Ethischen: sei ein treuer
+Freund, ein guter Familienmensch, ein rechtschaffener Bürger. Aber kein
+Mensch ist unfehlbar. Und man verschuldet sich immer mehr und schämt sich
+dafür, was er getan oder nicht getan hat.
+
+Eine neue Weisheit lehrt, dass wir an unserem Leid selbst schuld sind,
+weil wir falsch denken. So versuchen wir richtig zu denken
+und unser Leid unter Bergen eingeprägter Parolen zu vergraben: „Hauptsache
+glücklich sein“, „weniger denken“, „sei du selbst“, „denke positiv“.
+
+Das moderne Ethische hat keine Begründung, keinen Halt. Es ist einfach da,
+ab dem Moment, in dem unsere Mutter uns verbietet, Finger in eine
+Steckdose zu stecken, bis zum Moment, in dem wir unsere krankhaften Augen
+eines Morgens vor Scham und Schmerzen nicht mehr öffnen können. Dieses Herumirren
+im Ozean des Ethischen haben wir irrtümlicherweise als Freiheit oder freie
+Entfaltung bezeichnet. So sind wir entweder daran schuld, dass wir keine
+rechtschaffenen Bürger, guten Nachbarn, treuen Ehegatten sind, daran, dass wir
+nicht normal sind; oder eben daran, dass wir rechtschaffene Bürger, gute
+Nachbarn, treue Ehegatten sind, daran, dass wir normal sind (denn wir seien dann
+offensichtlich nicht wir selbst, sondern wir spielen eine Gesellschaftsrolle).
+„Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen;
+entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides.“
+(„Entweder-Oder“, Sören Kierkegaard). So versucht der Mensch
+glücklich zu sein und scheitert, und fühlt sich deswegen schuldig, weil
+die wahre Glückseligkeit nach Plato unabhängig von allen äußeren Faktoren
+sei, und verzweifelt daran, dass er nicht stark genug sei, glücklich zu sein.
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+++ b/posts/2021/08/stalin-lenin-1923.tex
@@ -0,0 +1,24 @@
+---
+layout: post
+date: 2021-08-18 11:00:00
+tags: Übersetzung
+title: Ein Witz über die Corona-Politik und die bevorstehenden Wahlen
+teaser: |
+ <p>Lenin und Stalin treffen sich im Jahre 1923.</p>
+---
+Lenin und Stalin treffen sich im Jahre 1923.
+
+\textbf{Stalin:} Genosse Lenin, die Partei ist sehr besorgt um Ihre Gesundheit. Wie geht
+es Ihnen?
+
+\textbf{Lenin:} Es geht mir, Genosse Stalin, übelst schlecht. Dr\@. Obuch sagt, dass ich
+wahrscheinlich bald sterben würde. Ich weiß nicht, mein Freund, wem ich die
+Macht übergeben soll.
+
+\textbf{Stalin:} Ich denke, mir, Genosse Lenin.
+
+\textbf{Lenin:} Ich befürchte, Genosse Stalin, dass das Volk Ihnen nicht folgen wird.
+
+\textbf{Stalin:} Dann wird es Ihnen folgen, Wladimir Iljitsch.
+
+\textbf{Quelle:} Городок.
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+++ b/posts/2021/10/bist-du-einer-unter-netten.tex
@@ -0,0 +1,17 @@
+---
+layout: post
+date: 2021-10-07 09:00:00
+tags: Gedicht
+title: Bist du einer unter Netten?
+teaser: |
+ <p>
+ Bist du einer unter Netten?<br>
+ rauchst Elektrozigaretten,<br>
+ isst Sojafleisch, trinkst Kindersekt?<br>
+ Ist gar nichts echt, was dir noch schmeckt?
+ </p>
+---
+Bist du einer unter Netten?\\
+rauchst Elektrozigaretten,\\
+isst Sojafleisch, trinkst Kindersekt?\\
+Ist gar nichts echt, was dir noch schmeckt?
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@@ -0,0 +1,17 @@
+---
+layout: post
+date: 2023-05-12 20:36:00
+tags: Gedicht
+title: Oh Gott im Himmel, gib mir Kraft
+teaser: |
+ <p>
+ Oh Gott im Himmel, gib mir Kraft,<br>
+ gelass'n auf Dummheit zu erwidern.<br>
+ Mein Zorn wird Dummheit auch nicht mindern.<br>
+ Es kommt, dass sie sich bald entlarvt.
+ </p>
+---
+Oh Gott im Himmel, gib mir Kraft,\\
+gelass'n auf Dummheit zu erwidern.\\
+Mein Zorn wird Dummheit auch nicht mindern.\\
+Es kommt, dass sie sich bald entlarvt.
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@@ -0,0 +1,25 @@
+---
+layout: post
+date: 2023-12-10 13:10:00
+tags: Стихотворение
+title: Когда умолкнут ночью стены…
+---
+Когда вконец умолкнут стены,\\
+над комнатой нависнет ночь,\\
+ты тишину не дай гнать прочь\\
+теченью мыслей сокровенных.
+
+Прислушайся, как сердце дышит,\\
+как всякий дышит в нем предмет.\\
+И ничего в сем мире нет,\\
+что грусть твою сейчас не слышит.
+
+Воспрянет тишина живая\\
+из пепла мертвой тишины,\\
+что взял ее в свои ты сны,\\
+во век тебе не забывая.
+
+Во мраке ли, в мятежной ль буре\\
+ланитою к тебе прильнет,\\
+теплом и миром обовьет,\\
+покажет свет за абажуром.
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+++ b/posts/2024/09/anna.tex
@@ -0,0 +1,272 @@
+---
+layout: post
+date: 2024-09-03 20:45:00
+tags: Aufsatz
+title: Anna
+teaser: |
+ <p>
+ Im nächsten Zug, in dem ich meine Fahrt fortführte, befand sich
+ eine Gruppe der Menschen, die untereinander gemischt Russisch und
+ Ukrainisch gesprochen haben. Als wir uns der Haltestelle näherten,
+ haben sie sich überlegt, wie sie den Rollstuhl eines ihrer Kollegen
+ durch den engen Gang im Zug zur Tür durchbringen können.
+ </p>
+ <p>
+ »Was ist mit ihm geschehen? Unfall? etwas anderes?«, fragte ein
+ Einheimischer ein Mädchen aus der Gruppe.
+ </p>
+ <p>»Ich weiß es nicht.«</p>
+ <p>»Seid ihr nicht alle zusammen?«</p>
+ <p>
+ »Oh nein, wir haben uns erst hier getroffen. Ja, ich glaube, es war ein Unfall.«
+ </p>
+---
+\epigraph{
+Manche wilde Frühlingspflanze\\
+kann ein Gärtner tief verpflanzen.\\
+Kann auch Blumen ins Wasser stecken,\\
+und sie werden bald verwelken.
+}{}
+
+»Entschuldigung, Gunzenhausen.« Anna sieht mich hoffnungsvoll an und
+zeigt in die Richtung der Bahngleise.
+
+Ich bin etwas verwirrt, weil ich den Ort, den sie sucht, nicht kenne,
+und mir überlege, wie ich ihr helfen kann.
+
+»Gunzenhausen.«, wiederholt sie nochmal.
+
+Die Bahnsteigtreppe steigt eine andere Frau hoch. Anna hat inzwischen
+verstanden, dass mit mir nichts zu gewinnen ist, und wechselt zu dieser
+Frau, die sie auf die Anzeigetafel über dem Gleis verweist, und sagt, dass es der Zug
+sei, den sie nehmen wolle. Aber der Zug kommt erst in 40 Minuten. Anna
+versucht der Frau etwas zu erklären. Ich höre einige russiche Wörter,
+die sie versehentlich in deutsche Sätze einbaut. Vielleicht kann ich mit ihr
+Russisch sprechen und herausfinden, was sie genau sucht. Das mache ich auch.
+Sie sieht, dass ich mein Handy in der Hand habe, weil ich kurz davor nachgesehen habe,
+welche Verbindungen es noch gibt, die mich meinem Zielort näher bringen, und fragt,
+ob sie mein Handy nutzen darf, um eine andere Fahrmöglichkeit nach Gunzenhausen
+zu finden. Ich gebe ihr mein Handy und bedanke mich vor der anderen Frau, die
+immer noch auf dem Bahnsteig steht und uns ansieht, ohne uns zu verstehen, und
+sage ihr, dass ich Anna helfen werde.
+
+»Kein Problem.«, verabschiedet sich die Frau und geht weiter.
+
+Wir bleiben allein. Leider finden wir keine anderen Züge als den, den die
+Anzeigetafel ankündigt. Anna findet keine Worte, um ihren Unmut zu beschreiben:
+
+»Oh nein, das kann doch nicht wahr sein! In Gunzenhausen wartet ein
+Taxi auf mich um 19:10. Mein Zug hat sich verspätet, deswegen
+habe ich die Anschlussverbindung verpasst, und jetzt werde ich erst eine Stunde
+später in Gunzenhausen ankommen als geplant. Ich hätte von dort noch
+weiterfahren müssen. Unglaublich!«
+
+»Ich wollte auch diesen Zug erwischen, du würdest dann aber auf halbem Weg
+aussteigen und ich hätte bis zum Ende der Strecke fahren müssen. Und jetzt
+wird meine Heimfahrt mindestens 2 Stunden länger dauern.«, sage ich ihr mit
+einem müden Lächeln im Gesicht, um ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht
+allein in ihrer Lage ist.
+
+Sie erwidert mein Lächeln und gibt mir die erste Möglichkeit, sie
+genauer anzuschauen. Sie ist mir bereits im unterirdischen Gleisübergang
+aufgefallen. Ich lief hinter ihr. Sie hat ein junges, gutwilliges Gesicht,
+das nicht zu erkennen gibt, dass sie sich gerade Sorgen macht. Ihre hellgrünen
+Augen spiegeln die Stimmung dieses hellen, sonnigen und heißen Tages wider.
+Die blonden, lockigen Haare reichen knapp bis an ihre Schultern. Der linke,
+dünne Träger ihres schneeweißen Kleides ist heruntergerutscht, sodass Annas linke
+Schulter, ob in Eile oder mit Absicht, nackt ist.
+
+»Man kann sich auf die Deutshce Bahn nicht verlassen, wenn man irgendwo
+pünktlich ankommen will. So ist es überall in Deutschland die letzten
+Jahre.«, setze ich fort.
+
+»Krass, unglaublich. Was soll dieser Unfug, ich will in die Ukraine
+zurück.«
+
+Wir gehen etwas weiter entlang des Bahnsteiges und entfernen uns von
+der Treppe. Sie beschwert sich weiter, dass sie jetzt womöglich durch
+einen Wald nach Hause laufen müsse, weil sie ihr Taxi verpassen werde. Ich
+bin auch besorgt, weil ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich heute noch
+nach Hause komme.
+
+»Du bist aus der Ukraine also?«, frage ich sicherheitshalber.
+
+»Ja.«, bestätigt sie.
+
+»Darf ich fragen, wie du heißt?«
+
+»Anna.«
+
+»Ich bin Eugen.«
+
+»Freut mich.«
+
+»Freut mich auch. Wie lange bist in Deutschland?«
+
+»Seit der Krieg ausgebrochen ist. Wie lange ist das her… 2 Jahre schon.
+Wo kommst du her?«
+
+»Aus Russland, aus dem hohen Norden.« sage ich, »Ich bin ein Russlanddeutscher,
+also ich habe sowohl deutsche als auch russische Vorfahren, und
+lebe schon länger in Deutschland.«, ergänze ich meine Antwort, als ob ich mich dafür
+rechtfertigen würde, dass ich in Russland aufgewachsen bin.
+
+In der Zwischenzeit kommt ein langer Güterzug mit ein paar leeren Waggons auf
+dem Gleis gegenüber an und bleibt stehen.
+
+»Vielleicht können wir fragen, wohin der Güterzug fährt, vielleicht kann er uns
+mitnehmen, falls er in dieselbe Richtung fährt?«, wundert sich Anna laut.
+
+Ich lache und sage, dass ich an sich nicht so abenteuerfreudig bin,
+aber hörte, dass Jelzin in seiner Jugend so manchmal gereist haben soll.
+
+Meine Anmerkung bringt Lächeln auf ihr Gesicht, das weiterhin nur
+Zuversichtlichkeit ausstrahlt. Wir machen uns auf den Weg zum Kopf
+des Güterzuges.
+
+Während wir jetzt mehr sprechen, höre ich nun auch ihre ukrainische
+Mundart deutlicher und mutmaße, dass sie aus der Westukraine stammt.
+
+Bald rührt sich auch der Güterzug und wir verstehen, dass auch aus
+dieser Idee nichts wird, und kehren zurück.
+
+»Ich will nach Hause, in die Ukraine.«, wiederholt sie, »Es gibt hier
+nichts, was wir nicht haben. Wenn du einen beliebigen Ukrainer fragst,
+ob er etwas in Deutschland bewundert, etwas, was er in seiner Heimat
+vermisste, so etwas gibt es nicht.«
+
+Tatsächlich ist ein fremdes Land manchmal wie ein Wunder, wo alles blüht
+und gedeiht, wo es alles im Übermaß gibt, und es den Menschen an nichts fehlt.
+Aber gelegentlich erlebst du einen Abend, an dem du auf einer U-Bahn-Station
+aussteigst und alles dir Angst macht.
+Die Menschen sind merkwürdig gekleidet und werfen böse Blicke in deine Richtung.
+Du gehst zitternd an ihnen vorbei, schaust nach unten, auf den schmutzigen
+Boden, und befürchtest, dass sie dich ansprechen. Dein Herz beginnt zu rasen
+und du fragst dich, ob es nur ein Alptraum ist, oder, ob alles davor ein Traum
+war.
+
+Anna unterbricht meinen Versuch, mich in ihre Gefühle einzufühlen:
+»Ich bin schon beinahe zurückgegangen, aber dann fiel eine Rakete auf ein
+Kinderkrankenhaus. Hast du davon gehört?«
+
+Ich nicke.
+
+»Das ist nicht weit von meinem Zuhause entfernt. Teile vom Krankenhaus
+sind gestürzt, und Menschen haben sich in eine Schlange gestellt, und
+räumten selbst die Steine, um den Weg freizulegen und andere zu retten.«
+
+»Ja, bei großen Überschwemmungen kommen auch hier Leute aus ganz
+Deutschland, um zu helfen, weil die Regierung nicht rechtzeitig
+reagiert.«, sage ich, um hinzuweisen, dass Menschen in Not überall
+gleich handeln.
+
+»Siehst du? auf wen soll man warten?«, stellt sie die rhetorische Frage.
+
+»Du bist aus Kiew?«
+
+»Ja. Ich frage immer ganz besorgt meine Mutter, wie sie dort mit meinem
+kleinen Bruder lebt. Aber meine Mutter schenkt dem Geschehen nicht mehr
+so viel Aufmerksamkeit. „Als ob ständig Motorräder durch den Himmel
+fahren würden“«, zitiert sie ihre Mutter lachend, »Es gibt verschiedene
+Stufen von Alarm-Signalen. Bei stärkerem Beschuss gehen Menschen in den
+Keller und kommen danach zurück.«
+
+Menschen leben ihr Leben weiter. Auch unter grausamen Bedingungen. Es
+gibt nur weniges, woran sich der Mensch nicht gewöhnt. Der Rest geht in
+den Alltag über. Ich erinnerte mich an Berichte aus der Ostukraine aus
+der Zeit des Bürgerkrieges, bevor die russische Armee einmarschiert
+ist. Wohngebiete unter Beschuss, aber Menschen stehen jeden Tag auf,
+Erwachsene gehen zur Arbeit, Kinder --- zur Schule.
+
+Ich höre Anna aufmerksam und mit Interesse zu und vermeide Beurteilungen und
+Suche nach Schuldigen. Auch Anna scheint dieses Themengebiet nicht anfassen zu
+wollen. Es ist möglicherweise die Angst, dass es unser Gespräch in
+einen sinnlosen Streit verwandeln würde. Bei näherem Betrachten, welche
+Rolle spielt das? Ich bin am bewaffneten Konflikt zwischen Russland und
+der Ukraine nicht Schuld. Sie ist es auch nicht. Sie hat nur Heimweh
+und will ihr Leben zurück haben.
+
+»Kannst du vielleicht den Taxi-Dienst anrufen und fragen, ob die Fahrt
+verschoben werden kann?«, hat Anna mich gebeten.
+
+Sie hat die Telefonnummer des Taxi-Unternehmens rausgesucht. Ich habe mehrmals
+versucht, konnte aber niemanden erreichen. Während ich wartete,
+dass jemand ans Telefon geht, haben wir angefangen über unser Alter zu
+sprechen. Ich bin fast 15 Jahre älter als sie.
+
+»Du siehst 7 Jahre jünger aus als du bist.«, sagt sie mir, nachdem ich
+ihr Alter beim zweiten Versuch richtig raten konnte.
+
+»Eltern sagen öfters, dass wir für sie immer klein, immer Kinder
+bleiben. Aber auch sie bleiben in meiner Erinnerung im selben Alter,
+vielleicht 40--50 Jahre alt, im Alter, in dem ich sie als Kind kannte.«
+Ich erzähle das und gebe mir dabei die Mühe, nicht zu ernst zu sein,
+weil ich nicht weiß, ob sie meine Aussage absurd findet oder das ähnlich
+wie ich empfindet. »Vielleicht altern wir heutzutage nicht so schnell,
+weil das Leben nicht mehr so hart ist.«
+
+»Ich habe einen Freund, 25 Jahre alt. Er ist, naja…«, sie macht eine kurze
+Pause, »er hat militärischen Hintergrund. Er ist plötzlich und
+rasch viel älter geworden, machte den Eindruck, sehr erschöpft zu sein.«
+
+Es gibt eine andere Dimension des Alterns. Man hört gelegentlich, dass
+manch ein Mensch einfach nicht erwachsen wird. Nur sein Körper wird
+älter. Aber auch hier gibt es Unterschiede. Die einen handeln kindisch,
+die anderen haben die Seele eines Kindes; eine Seele, die verzeihen
+kann, die keine Angst hat zu vertrauen und zu lieben. Hat Christus
+nicht gesagt, dass das Himmelreich den Kindern gehört?
+
+Und es gibt Menschen, die alt geboren werden. Schon in frühen Jahren
+lernen sie, dass alles Weltliche vergeht, dass jede Freundschaft und
+jede große Liebe ein Ende haben. Dass man sich auf die Worte seines
+Gegenübers niemals verlassen kann, denn süße Worte wie Zucker auf der
+Zunge zergehen und nur einen Nachgeschmack aus unreinen Absichten
+hinterlassen.
+
+»Wann ist der Krieg schon endlich zu Ende?«, sagt Anna traurig.
+
+»In der Tat. Kriege enden leider nicht. Kaum endet der eine, beginnt
+irgendwo ein anderer. Sie sind die treuesten Begleiter der
+Menschengeschichte, genauso wie Krankheiten und Hunger.«
+
+»Ich habe gehört, dass der Krieg bald endet. Aber manche sagen, dass, wenn
+er endet, in 10 Jahren ein neuer beginnt. Die anderen behaupten
+wiederum, dass es zu einem dritten Weltkrieg kommt.«
+
+Ich habe nicht verstanden, ob nach 10 Jahren der Ukraine-Konflikt sich erneut
+entfachen soll, oder, ob sie allgemein Kriege meint. Im letzteren Falle wären
+10 Jahre sehr großzügig. »Die Lage ist weltweit sehr angespannt, und es gibt
+mehrere Regionen, wo es jederzeit zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen
+kann, die wiederum das Potenzial haben, die halbe Welt in Brand zu setzen.«
+
+Abgehobene Wahrheiten, die Frage nach dem Übel in der Welt und die globale
+geopolitische Lage scheinen sie nicht des Atems zu berauben. Sie wolle nach Kiew.
+
+Ab einem bestimmten Moment lief die Zeit schneller. Wir
+mussten uns immer wieder ein neues Gesprächsthema überlegen, und
+Themenwechsel wurde immer wieder von größeren Pausen begleitet. Dann
+kam schon der Zug, auf den wir sehnsüchtig gewartet haben. Anna konnte
+ihr Handy aufladen und ihre Bekannte kontaktieren, die sie mit Auto von
+Bahnhof abholen sollten. Das hat sich also geregelt.
+
+Im Zug sprachen wir über unsere Berufe und Freizeitbeschäftigungen,
+über Kleidergeschäfte und Technik, über dies und jenes.
+
+Als die Zeit kam, haben wir uns voneinander verabschiedet und einander eine
+gute Wieterfahrt gewünscht, und sie stieg aus. Ich blieb sitzen und schaute nicht
+zur Tür zurück.
+
+Im nächsten Zug, in dem ich meine Fahrt fortführte, befand sich
+eine Gruppe der Menschen, die untereinander gemischt Russisch und
+Ukrainisch gesprochen haben. Als wir uns der Haltestelle näherten,
+haben sie sich überlegt, wie sie den Rollstuhl eines ihrer Kollegen
+durch den engen Gang im Zug zur Tür durchbringen können.
+
+»Was ist mit ihm geschehen? Unfall? etwas anderes?«, fragte ein
+Einheimischer ein Mädchen aus der Gruppe.
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Seid ihr nicht alle zusammen?«
+
+»Oh nein, wir haben uns erst hier getroffen. Ja, ich glaube, es war ein Unfall.«
diff --git a/posts/2025/07/Kindheit.tex b/posts/2025/07/Kindheit.tex
new file mode 100644
index 0000000..f815645
--- /dev/null
+++ b/posts/2025/07/Kindheit.tex
@@ -0,0 +1,25 @@
+---
+layout: post
+date: 2025-07-04 01:00:00
+tags: Gedicht
+title: Die Kindheit ist für immer fort…
+---
+Die Kindheit ist für immer fort.\\
+Der Mensch versucht zurückzufinden\\
+zu jener Zeit, an jenen Ort,\\
+die ihn mit seinem Selbst verbinden.
+
+Er läuft alleine durch den Park:\\
+Sein altes Heim erwacht aus Steinen,\\
+und seine Stadt, die sich verbarg,\\
+die er durchlief auf zweien Beinen.
+
+Als ob in einem Geistersee,\\
+da, zwischen trüben Straßenlichtern\\
+kann er die alten Freunde seh'n\\
+in ihm wildfremdesten Gesichtern.
+
+Das Kind ist da und niemals fort,\\
+im Menschengeiste tief verborgen.\\
+Zu jeder Zeit, an jedem Ort\\
+erkennt er sich in ihm geborgen.