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authorEugen Wissner <belka@caraus.de>2025-11-05 09:33:23 +0100
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+---
+layout: post
+date: 2017-05-26 20:09:00
+tags: Gedicht
+title: Die Narren sollen weiter lästern…
+teaser: |
+ <p>
+ Die Narren sollen weiter lästern,<br>
+ für and’re Themen sind sie dumm.<br>
+ Ich bin zu müde mich zu bessern.<br>
+ Der Weise schweigt und trinkt sein’ Rum.
+ </p>
+---
+Die Narren sollen weiter lästern,\\
+für and’re Themen sind sie dumm.\\
+Ich bin zu müde mich zu bessern.\\
+Der Weise schweigt und trinkt sein’ Rum.
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+---
+layout: post
+date: 2017-05-09 00:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Technikkonzept von Ernst Kapp
+teaser:
+ <p>Zwar begleiten die technischen Erfindungen den Menschen schon seine ganze Geschichte, angefangen mit einem
+ Schlagstein, der als Prototyp für einen Hammer diente, über die Dampfmaschine, den Telegrafen, bis zu
+ Rechenmaschinen und Computern, hat man erst vor kurzem angefangen über die Technik systematisch
+ nachzudenken. Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue
+ Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik
+ beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre
+ 1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes Buch“.</p>
+---
+\section{Technik als Herausforderung für die Philosophie}
+
+Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres alltäglichen
+Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. Als solche ist die
+Technik nichts Neues, wenn auch die Technik des letzten Jahrhunderts ganz anderer Art, als das, was man
+vorher kannte, ist. Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht gab es sie schon immer. Vielleicht
+ist die Fähigkeit, aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann anhand derer etwas zu erfinden, etwas
+was einen Menschen eigentlich ausmacht.
+
+Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was ist sie nun?
+Die Frage nach der Technik ist eine philosophische Frage, weil es vor allem die Philosophie ist, die
+nach der Washeit der Dinge und der Möglichkeitsbedingungen fragt: Was ist der Mensch? Was macht einen
+Menschen aus? Was ist und warum eigentlich Technik, was macht sie möglich?
+
+Die philosophische Natur ist auch aus der Überlegung einsehbar, dass viele Fragen,
+die mit der Technik verbunden sind, gar nicht durch das technische Denken selbst beantwortbar sind, sondern
+einer Reflexion bedürfen, die über das Technische hinausgeht. Selbst wenn jemand behaupten würde, dass die
+Technik nur aus sich heraus erklärt werden könne und müsse und keine weitere Rechtfertigung oder Würdigung
+nötig habe, wäre das eine Behautpung, die die Grenzen des Technischen überschreitet.
+
+Zwar begleiten die technischen Erfindungen den Menschen schon seine ganze Geschichte, angefangen mit einem
+Schlagstein, der als Prototyp für einen Hammer diente, über die Dampfmaschine, den Telegrafen, bis zu
+Rechenmaschinen und Computern, hat man erst vor kurzem angefangen über die Technik systematisch
+nachzudenken. Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue
+Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik
+beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre
+1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes
+Buch“\autocite[VIII]{maye:einleitung-kapp}.
+
+140 Jahre sind seit dem Erscheinen des Buches vergangen und die Entwicklung bleibt nicht stehen. Und überhaupt
+ist die rasche Entwicklung eines der wichtigsten Merkmale der heutigen Technisierung. Ältere Leute haben oft
+Probleme mit dem Bedienen des Computers oder Handys, weil sie in einem ganz anderen Umfeld aufgewachsen sind und
+das „Checken der E-Mails“ und die Abgabe der Steuererklärung online ihnen fremd ist.
+Selbst Menschen, die sich beruflich mit den modernen Technologien beschäftigen, können die technische Entwicklung
+nicht mehr einholen. In 90er-Jahren gab es noch den Begriff „Webmaster“. Ein Webmaster befasste sich
+mit der Entwicklung, Gestaltung, Verwaltung von Websites. Heute wird der Begriff kaum noch verwendet.
+Stattdessen gibt es Frontend- und Backend-Programmierer, Designer, SEO-Spezialisten (Search Engine
+Optimization --- Suchmaschinenoptimierung), Server-Administratoren.
+Man spricht noch vom „Full-stack developer“, darunter wird aber jemand verstanden, der sowohl
+die Frontend- als auch Backend-Programmierung macht, es ist jedoch keineswegs der alles könnende Webmaster.
+Die Fülle an Technologien und Aufgaben hat zur Spezialisierung und Auskristallisierung neuer Berufsfelder
+geführt. Und dieser Prozess fand innerhalb einer Generation statt.
+
+Auf der anderen Seite beschäftigt sich die Philosophie in meinem Verständnis mit den ewigen Fragen.
+Die Umstände, der Kenntnisstand ändern sich, aber die Fragen nach dem, was das Sein ist, was die Erkenntnis
+zu leisten vermag, wie der Mensch zu handeln hat, bleiben. Es wäre also nicht uninteressant zu schauen,
+ob unsere Vorstellung von der Technik sich in hundert Jahren kardinal gewandelt hat, oder ob Kapp zu
+Erkenntnissen gelangte, die auch noch für uns und vielleicht unsere Nachfahren nicht von einer bloß
+geschichtlichen Bedeutung sind.
+
+Kapp hat sein Werk so aufgebaut, dass er mit primitiven Werkzeugen anfängt und sich dann immer weiter zu
+komplexeren Strukturen und Artefakten hocharbeitet. Dabei greift er fast in jedem Kapitel auf ein Produkt
+aus der Geschichte der Technik, an dem er versucht, seine These plausibel zu machen. Ich wähle eine ähnliche
+Vorgehensweise und werde mich bemühen, spätere Werke der Menschenhand im Lichte Kapps Auffassung des Menschen
+und der Technik zu betrachten. Zunächst muss allerdings jene Auffassung kurz dargestellt werden.
+
+ \section{Technikkonzept von Ernst Kapp}
+
+ \epigraph{%
+Noch steht die Menschheit in den Kinderschuhen ihrer Kultur oder in den Anfängen der technischen
+Gleise, die sich der Geist selbst zu seinem Voranschreiten zu legen hat.\footcite[309]{kapp:technik}
+}{}
+
+ \subsection{Technik und Kultur}
+
+„Grundlinien einer Philosophie der Technik“ hat noch einen Untertitel: „Zur
+Entstehungsgeschichte der Kultur aus neuen Gesichtspunkten“. Die Technik ist also nicht
+bloß ein Mittel zum Zweck, sie hat etwas mit der Entstehung der Kultur zu tun. Wenn man bedenkt,
+dass die Kultur ein Werk des menschlichen Schaffens ist, ist es auch verständlich, dass die Technik
+ein Teil der Kultur ist. Technische Artefakte haben ihre eigene Geschichte und sie haben schon immer
+die Lebensweise der Menschen stark beeinflusst. Man denke nur an den Buchdruck, der viel mehr Menschen
+den Zugang zu Büchern ermöglichte, dadurch, dass die aufwendige Arbeit des Abschreibens von Maschinen
+ersetzt werden konnte. Kapps Überzeugung ist aber, dass die Technik nicht ein Aspekt der Kultur ist,
+sondern, dass sie konstituierend für das Entstehen der Kultur ist: „Der Anfang der Herstellung
+technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik}
+
+Wie ist das zu verstehen? Klaus Kornwachs stellt erstmal fest, dass der Umgang mit der Technik nicht von
+der Technik selbst vollständig determiniert ist, sondern dass „verschiedene Nationen und verschiedene
+Kulturkreise unterschiedlich mit Technik umgehen und unterschiedliche Techniklinien und
+Organisationsformen hervorgebracht und zuweilen auch wieder aufgelöst
+haben“\autocite[22]{kornwachs:technik}.
+
+Die Technik wird dadurch ermöglicht, dass der Mensch die Gesetze der Natur sich zunutze machen kann.
+Die physikalischen Gesetze sind aber für alle gleich. Wie kommt es, dass verschiedene Zivilisationen
+nicht die gleiche Technik bauen oder, dass sie die gleiche Technik nicht auf dieselbe Weise nutzen?
+Um diese Frage zu beantworten, macht Kornwachs die Unterscheidung zwischen zwei Arten
+technologischer Funktionalität. Die technologische Funktionalität der ersten Art ist diejenige,
+„deren physikalische Wirksamkeit und technische Brauchbarkeit invariant gegenüber der
+kulturellen Ausprägung der organisatorischen Hülle sind“\autocite[22]{kornwachs:technik}.
+Als Beispiele nennt Kornwachs Regelkreise, Hebel, Kraftmaschinen usw.\autocite[Vgl.][22]{kornwachs:technik}
+Was ist die organisatorische Hülle? „Die organisatorische Hülle einer Technik umfasst alle
+Organisationsformen, die notwendig sind, um die Funktionalität eines technischen Artifakts überhaupt ins
+Werk setzen zu können“\autocite[23]{kornwachs:technik}. Eben so eine organisatorische Hülle
+„konstituiert \textit{eine technologische Funktion zweiter Art},
+[\dots]“\autocite[23]{kornwachs:technik} Kornwachs erklärt diese am Beispiel eines Autos, dessen
+„organisatorische Hülle das gesamte System vom Straßenverkehrsnetz über die Proliferationssysteme für
+Treibstoff und Ersatzteile bis hin zu den rechtlichen Regelungen, [\dots],
+[umfasst]“\autocite[23]{kornwachs:technik}.
+
+Aber nicht nur die organisatorische Hülle regelt, wie die Technik eingesetzt wird; auch die Technik prägt
+die organisatorischen Hüllen: „Es ist offenkundig, dass die organisatorische Umgestaltung unserer
+Zivilisation durch die Informations- und Kommunikationstechnologien keine dieser organisatorischen
+Hüllen unberührt lässt.“\autocite[23]{kornwachs:technik}
+
+Die Kernthese der „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ ist, dass es sich bei
+allen technischen Gegenständen um die Projektion menschlicher Organe handelt. Selbst wenn der Mensch
+keine tiefen Erkenntnisse über den Bau seines Körpers hat, projiziert er ihn unbewusst in die von ihm
+gemachten Artefakte, „[i]st demnach der Vorderarm mit zur Faust geballter Hand oder mit deren
+Verstärkung durch einen fassbaren Stein der natürliche Hammer, so ist der Stein mit einem Holzstiel
+dessen einfachste künstliche Nachbildung“.\autocite[52]{kapp:technik} Es ist nicht ungewöhnlich,
+zwischen der Technik und den menschlichen Organen und zwischen der Funktionsweise der Technik
+und derselben des Organismus Analogien zu bilden. Genauso wie den Vorderarm mit zur Faust geballter Hand
+kann man mit einem Hammer vergleichen, kann man zum Beispiel den Computer mit dem Gehirn vergleichen, weil
+die Computer viele Operationen wie das Rechnen sogar viel effizienter als das menschliche
+Gehirn durchführen können. Bei Kapp geht es aber nicht nur um Ähnlichkeiten und Analogien. Vielmehr
+behauptet er, dass die Menschen ihren Organismus und seine Funktionen in die Technik projizieren, sodass
+wenn der Organismus anders aufgebaut wäre, anders funktionieren würde, würde auch die Technik
+ganz anders aussehen. Und das beansprucht er für alle technischen Gegenstände
+ausnahmslos.\autocite[Vgl.][7]{leinenbach:technik}
+
+ \subsection{Selbsterkenntnis}
+
+Die Organprojektion ist nicht nur der Gegenstand der Technikphilosophie, sondern auch der
+Erkenntnistheorie. Die Produktion der Artefakte ist die Art und Weise, wie der Mensch die Natur
+und sich selbst erkennt. Da der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert und die
+Technik demzufolge Merkmale dieses Organismus hat, kann er aus der von ihm erschaffenen Technik
+sich selbst erkennen. Ein Hammer sieht nicht nur äußerlich dem Arm ähnlich, er hat auch
+strukturelle Ähnlichkeiten mit diesem. Ein Hammer besteht aus zwei Teilen: einem Stiel und
+einem Kopf. Der untere Teil des Armes besteht genauso aus dem Unterarm, an den die Hand
+angeschlossen ist. In der Technik erkennt man dann wieder die Eigenschaften, die man in sie
+projiziert hat und erkennt auf diese Weise sich selbst. „Zentrum und Ziel allen Weltgeschehens
+ist in Kapps Denken die stetig sich vergrößernde Selbsterkenntnis des Menschen. Die technischen
+Artefakte sind Vehikel dieser Selbsterkenntnis: [\dots].“\autocite[36]{fohler:techniktheorien}
+
+So wird der Mensch zum „Maß der Dinge“\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik}, weil alles, was
+er in die Welt setzt, aus ihm selbst entsprungen ist. Es gibt auch keine andere Quelle der
+Erkenntnis als der Mensch selbst.\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik}
+
+\begin{quote}
+Die Welt der Technik leitet demnach einen Selbstreflexionsprozeß ein, da sie zum einen
+bestimmte Entwicklungsstufe des Menschen erfahrbar mache, zum anderen jedoch auch auf das verweise, was den
+Menschen möglich sei.\autocite[10]{korte:kapp}
+\end{quote}
+
+Eine andere Komponente, die die Selbsterkenntnis kennzeichnet, ist die Sprache, weil „[d]ie Sprache
+sagt, welche Dinge sind und was sie sind, [\dots]“\autocite[60]{kapp:technik}. Und sie ist auch ein
+Produkt der Organprojektion. Kapp behauptet, dass die Bezeichnungen für die Gegenstände
+aus der Tätigkeit der Organe entstanden seien. So habe das Wort \textit{Mühle}
+seine Wurzel im indoeuropäischen \textit{mal} oder \textit{mar}, was soviel wie „mit den Fingern
+zerreiben“ oder „mit den Zähnen zermalmen“ bedeutet
+habe.\autocite[Vgl.][57\psq]{kapp:technik}
+
+ \subsection{Terminus „Technik“}
+
+Hier wird es deutlich, dass es Kapp nicht bloß um den Einfluss der Technik auf die Kultur geht, vielmehr
+ist die Technik dasjenige, was die gesamte menschliche Kultur bildet. „Die Technik ist das erste
+Kulturereignis. Der Anfang der Herstellung technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens
+Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik}
+
+Um diese These zu verstehen, muss man untersuchen, was Kapp meint, wenn er das Wort
+„Technik“ verwendet. Mit der Entwicklung der Technik entwickelt sie auch die
+Sprache. Wenn ich heute „Technik“ sage, dann meine ich meistens Computertechnik
+oder zumindest irgendeine Maschine, ein Auto, ein Lüftungssystem und dergleichen. Wenn ich über
+Werkzeuge in meinem Werkzeugkasten spreche, dann sage ich nicht unbedingt „Technik“
+von jenen, es sei denn ich habe elektrische Werkzeuge da, wie ein Elektroschrauber oder eine
+Bohrmaschine. Es mag eine Zeit gegeben haben, in der eine Handsäge eine technische
+Errungenschaft darstellte. Heute gehört sie aber mehr zur Klasse der Werkzeuge. Das heißt man
+unterscheidet meistens in der heutigen Umgangssprache zwischen der Technik und den Werkzeugen.
+
+Es ist überhaupt schwierig, eine Definition der Technik zu entwickeln, die man verwenden könnte,
+um zwischen technischen Gegenständen und übrigen zu differenzieren. Ich habe vorher von
+den von Menschenhand geschaffenen Gegenständen als von der Technik gesprochen. Aber zählt ein
+gemaltes Bild zur Technik? Wohl eher nicht. Es ist Kunst. Ist ein technischer Gegenstand keine Kunst?
+Man würde meinen: Nein. Der Ingenieur, der Monate verbracht hat, es zu entwerfen und zu konzipieren,
+könnte dem widersprechen. Die Technik hat noch eine weitere Eigenschaft, dass sie einen Nutzen hat.
+Allerdings auch die Kunst hat für viele Menschen einen ästhetischen Nutzen. Man kann den
+„Begriff“ auf die eine oder andere Weise definieren, aber eine solche Definition wäre
+meines Erachtens der Umgangssprache nicht gerecht und würde nicht alle Anwendungsfälle decken.
+
+Wenn man zu diesem Begriff von einer anderen Seite kommt, kann man zwischen zwei Bedeutungen dessen
+unterscheiden. Zu einem bezeichnet man Gegenstände als Technik: ein Videorecorder ist Technik, ein
+Fernseher ist Technik. Zum anderen spricht man von erlernten Fähigkeiten als von den Techniken. In
+diesem Sinne gibt es Maltechniken, Kampftechniken, Lerntechniken und andere Techniken. Der Begriff
+hat also noch eine funktionale Seite.
+
+Kapp hat diese Vielfalt des Technischen in seine Philosophie aufgenommen. Es war vorhin davon die
+Rede, dass der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert, und bei den ersten Werkzeugen
+sieht man gewisse Ähnlichkeit mit den Organen. Aber auch der Umstand, dass die Technik mit einer
+Funktion verbunden ist (dass sie eine Fähigkeit bezeichnen kann), ist ihm nicht entgangen.
+„An die Stelle der Ähnlichkeit, welche die äußere Gestalt der Organe des Menschen mit deren
+gegenständlichen Projekten besitzt, tritt im Fortgang der Entwicklung technischer Gegenstände bis
+hin zur Maschine vielmehr die Projektion des organischen
+Funktionsbildes, [\dots]“\autocite[61]{leinenbach:technik} Man hat versucht Kapps Theorie
+zu widerlegen, indem man nach Artefakten gesucht hat, die keine Ähnlichkeiten mit irgendeinem
+Organ aufweisen: das Rad\autocite[Vgl.][84--86]{leinenbach:technik} oder das künstliche
+Licht\autocite[Vgl.][88\psq]{leinenbach:technik}.
+
+Das war auch für Kapp offensichtlich, dass nicht alle Werkzeuge und Maschinen äußere Ähnlichkeiten
+aufweisen. Vielmehr entfernt sich die Technik im Prozess ihrer Entwicklung von ihrem
+ursprünglichen Vorbild. Kapp spricht zum Beispiel von „vergeistigten“ Werkzeugen, die eher
+den menschlichen Geist projizieren als seinen Körper. So heißt es von dem Werkzeug der Kommunikation,
+der Sprache:
+
+ \begin{quote}
+In der Sprache hört der Unterschied von Kunstwerk und Werkzeug, der sonst durchweg feststeht,
+ganz auf. Indem sie erklärt, was sie selbst ist, übt sie gerade das aus, was sie erklären will. Mithin
+ist sie das Werkzeug, sich als ihr eigenes Werkzeug zu begreifen, also ein vergeistigtes Werkzeug,
+Spitze und Vermittlung zugleich der absoluten Selbstproduktion des Menschen.\autocite[248]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Die „Spitze“ der Organprojektion sind gar nicht die technischen Artefakte, sondern der
+gesamte kulturelle Reichtum, den der Mensch um sich schafft. Nur ist diese kulturelle Bereicherung
+ohne Technik nicht möglich. Außer dass Kapp verschiedene Bedeutungen der Technik in seine Theorie
+aufnimmt, breitet er diesen Begriff so weit aus, dass er auf jegliche Errungenschaft das Menschen
+angewendet werden kann. Solche Verwendung des Begriffes „Technik“ mag zunächst
+befremdend erscheinen, aber sie ist unserer Sprache auch nicht vollkommen fremd, denn wir
+instrumentalisieren auch geistige Prozesse und sprechen von der Sprache als dem
+\textit{Werkzeug} der Kommunikation oder der Logik als dem \textit{Werkzeug} des Denkens.
+
+ \subsection{Kapps Menschenbild}
+
+Zwar projiziert sich der Mensch immer in die Technik, aber dieser Prozess wird nie abgeschlossen. Es
+gibt immer eine unendliche Kluft zwischen der Natur und dem Mechanismus.
+
+ \begin{quote}
+[\dots]; der Mechanismus, durch Zusammensetzung von außen zustande gebracht, ist eine „Mache“
+der Menschenhand. Der Organismus ist wie die gesamte Welt \textit{natura}, ein Werdendes, der
+Mechanismus ist das gemachte Fertige; dort ist Entwicklung und Leben, hier Komposition und
+Lebloses.\autocite[68]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Kapp ist kein Materialist und der Mensch ist für ihn kein rein materielles Wesen. Anstatt von der Materie
+und dem Geist zu sprechen, spricht Kapp von der Psychologie und der Physiologie, zwei Gegensätze, die die
+menschliche Natur in sich vereinigt. Allerdings ist auch keine Trennung dieser zwei Bestandteile möglich.
+Man kann auch nicht sagen, dass das eine wichtiger oder wesentlicher wäre als das andere, wie es zum
+Beispiel Descartes sieht\footcite[Vgl.][43]{geschichte1718}. Der Mensch ist nur als ein Ganzes möglich und
+denkbar: „Psychologie und Physiologie haben lange genug fremd gegen einander getan,
+[\dots]“\autocite[19]{kapp:technik}. Auch das kulturelle Gut und die Technik sind nicht sekundär,
+obwohl es auf den ersten Blick scheint, als ob die menschliche Existenz auch ohne diese denkbar wäre,
+weil sie erst ein Produkt seiner geistigen Aktivität sind. „Einerseits sollen die natürlichen
+Organe das Vorbild aller mechanischen Objekte und Ensembles sein, andererseits lässt sich erst durch
+deren Strukturen und Funktionen das Wesen der Organe
+erkennen.“\autocite[XXXV-XXXVI]{maye:einleitung-kapp}
+
+ \subsection{Kritik}
+
+Ganz am Anfang klingt Kapps Theorie sehr plausibel. Bei einfachen Werkzeugen kann man das sich sehr gut
+vorstellen, dass der Mensch seine Organe als Muster für die Werkzeuge benutzt hat. Vor allem, weil die
+eigene körperliche Kraft nicht ausgereicht hat, musste man einen Weg finden, zu kompensieren, anders
+gesagt, man musste seine natürlichen Organe verlängern und verstärken.
+
+Allerdings mit dem Fortschritt der Technologie, wenn die direkte Analogie zwischen dem Organ und
+dem Produkt der Menschenhand zu schwanken beginnt, fällt es einem immer schwerer, an die
+Organprojektion als eine universelle Theorie zu glauben.
+
+Es liegt in der Natur des Menschen, seine Umwelt immer weiter zu gestalten, und seine Werkzeuge und
+Maschinen weiter zu entwickeln. Und auch schwere Maschinen helfen dem Menschen, schwere Arbeiten
+auszuführen, die er sonst mit seinen eigenen Organen verrichten sollte. Deswegen können auch sie
+als Projektion menschlicher Organe und ihrer Funktionen betrachtet werden. Allerdings wenn Kapp
+Beispiele wie „[d]as Netz der Blutgefäße als organisches Vorbild des
+Eisenbahnsystems“\autocite[121]{kapp:technik} einführt, stellt sich die Frage, wie es zu
+überprüfen ist. Kapp zwar besteht darauf, dass es nicht bloß das „Sinnbildliche der
+Allegorie“ ist, sondern das „Sach- und Abbildliche der
+Projektion“\autocite[Vgl.][129]{kapp:technik} und versucht das argumentativ
+zu stützen\autocite[Vgl.][129--130]{kapp:technik}, seine Argumentation kann jedoch nicht als ein
+handfester Beweis gelten.
+
+Die Hauptschwäche dieser Theorie ist ihre Überprüfbarkeit. Ich kann höchstens auf bestimmte
+Ereignisse oder Artefakte hinweisen und sie zum Vorteile der Theorie deuten, aber meine
+Behauptung lässt sich nicht empirisch überprüfen. Ich kann nur versuchen sie plausibler als
+die Alternativen zu machen. Vor allem geschieht die Organprojektion nach Kapp
+\textit{unbewusst} und weist sich erst im Nachhinein als solche aus. Und um den Ursprung und
+die Art unbewusster geistiger Vorgänge lässt sich nur spekulieren.
+
+Des Weiteren war Kapp auf die Technik seiner Zeit beschränkt. Er konnte selbstverständlich
+nicht voraussehen, welche Herausforderungen die künftige Technik mit sich bringt, und ob die
+Theorie entsprechend angepasst werden soll. Der Glaube an den Menschen als ein einzigartiges
+Geschöpf der Natur wird immer schwächer. Vielleicht ist er gar nicht so einzigartig, vielleicht
+kann man ihn nachbauen, vielleicht kann man das, was in seinem Kopf vorgeht, auf eine Reihe
+von Algorithmen reduzieren. Immer mehr Menschen glauben, dass es sehr bald möglich sein wird.
+Für Kapp war der Mensch noch der einzige Schöpfer seiner Technik:
+
+ \begin{quote}
+Niemals ist aber bei irgendeiner Maschine die Menschenhand völlig aus dem Spiele; denn auch
+da wo ein Teil des Mechanismus sich gänzlich ablöst, wie der Pfeil, die Gewehrkugel, die dem
+Schiffbrüchigen die rettende Leine überbringende Rakete, ist die Abweichung nur vorübergehend und
+scheinbar.\autocite[64\psq]{kapp:technik}
+ \end{quote}
+
+Die Technik, die immer menschlicher wird, macht darüber nachdenklich, ob der Mensch diesen Status
+für die gesamte Zeit seiner Geschichte behalten kann. Andererseits das Sprechen über die Maschinen,
+die man von einem Menschen nicht mehr unterscheiden kann, ist auch nur noch eine Spekulation. Und
+es ist meines Erachtens noch zu früh, sie als ein Argument gegen Kapps Ansichten auszuspielen.
+Schließlich hat auch die höchste entwickelte Technik ihren Ursprung im Menschen und ist Folge
+seiner Leistung, wie es Kapp auch sagt. Das heißt, wenn eine Maschine ohne menschliche
+Teilnahme andere Maschinen produzieren kann, so wurde sie so konstruiert, um diese Aufgabe
+zu erfüllen. Es wird inzwischen über die Maschinen spekuliert, die auch geistige Leistungen
+des Menschen übernehmen können, die zum Beispiel selbst programmieren können, und so andere
+Maschinen hervorbringen, die nicht nur nach einem bestimmten Plan konstruiert sind, sondern
+tatsächlich neue Technik darstellen. Aber selbst in diesem Fall soll solche Intelligenz erstmal
+künstlich geschaffen werden, sie würde ihre Existenz immer noch dem Menschen verdanken. Das ist,
+denke ich, die Tatsache, auf die Kapp hinweisen wollte.
+
+Man darf auch nicht vergessen, dass obwohl wir Technik bauen und verwenden, darüber zu
+reflektieren, warum wir sie eigentlich brauchen und warum wir so bauen, wie wir sie bauen, keine
+einfache Aufgabe ist, die lückenlos gelöst werden kann. Deswegen verdient Kapps
+Theorie Aufmerksamkeit als ein möglicher Lösungsansatz.
+
+ \subsection{Kapps Technikphilosophie in Anwendung auf die nachfolgende Geschichte der Technik}
+
+Das Kapitel, in dem Harald Leinenbach über die Rezeptionsgeschichte der Organprojektionstheorie spricht,
+nennt er „Die Grundlinien einer Philosophie der Technik“
+„Kapps mystisches Blendwerk“\autocite[60]{leinenbach:technik}, womit er andeuten will,
+wie das Werk meistens rezipiert wurde.
+„Dabei finden sich Erwähnungen der Organprojetionstheorie meist bloß in knappen
+Randbemerkungen. Kapps Technikphilosophie ist nirgends aufgenommen, geschweige denn konstruktiv
+weitergeführt worden.“\autocite[61]{leinenbach:technik} Als Grund gibt Leinenbach an, dass
+Kapp von seinen Gegnern immer missverstanden wurde, dass man seine Theorie nicht zu Ende denkt, sondern
+sich „hauptsächlich am Organprojektionsstatus der technischen
+Gegenstände“\autocite[60\psq]{leinenbach:technik} aufhält, und
+sobald man eine Maschine findet, die äußerlich dem menschlichen Organismus nicht ähnlich ist, hört
+man auf und lehnt die Theorie als unzureichend ab. Dazu kommen noch Begriffe wie das Unbewusste, mit
+denen Kapp gearbeitet hat.\autocite[Vgl.][64]{leinenbach:technik} Besonders in der Zeit, in der die
+Künstliche Intelligenz entwickelt wird, scheint die Hoffnung zu wachsen, das Unbewusste aus der Welt
+zu schaffen, und alles Menschliche ohne Rest technisch reproduzieren zu können.