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| author | Eugen Wissner <belka@caraus.de> | 2025-11-05 09:33:23 +0100 |
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Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue + Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik + beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre + 1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes Buch“.</p> +--- +\section{Technik als Herausforderung für die Philosophie} + +Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres alltäglichen +Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. Als solche ist die +Technik nichts Neues, wenn auch die Technik des letzten Jahrhunderts ganz anderer Art, als das, was man +vorher kannte, ist. Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht gab es sie schon immer. Vielleicht +ist die Fähigkeit, aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann anhand derer etwas zu erfinden, etwas +was einen Menschen eigentlich ausmacht. + +Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was ist sie nun? +Die Frage nach der Technik ist eine philosophische Frage, weil es vor allem die Philosophie ist, die +nach der Washeit der Dinge und der Möglichkeitsbedingungen fragt: Was ist der Mensch? Was macht einen +Menschen aus? Was ist und warum eigentlich Technik, was macht sie möglich? + +Die philosophische Natur ist auch aus der Überlegung einsehbar, dass viele Fragen, +die mit der Technik verbunden sind, gar nicht durch das technische Denken selbst beantwortbar sind, sondern +einer Reflexion bedürfen, die über das Technische hinausgeht. Selbst wenn jemand behaupten würde, dass die +Technik nur aus sich heraus erklärt werden könne und müsse und keine weitere Rechtfertigung oder Würdigung +nötig habe, wäre das eine Behautpung, die die Grenzen des Technischen überschreitet. + +Zwar begleiten die technischen Erfindungen den Menschen schon seine ganze Geschichte, angefangen mit einem +Schlagstein, der als Prototyp für einen Hammer diente, über die Dampfmaschine, den Telegrafen, bis zu +Rechenmaschinen und Computern, hat man erst vor kurzem angefangen über die Technik systematisch +nachzudenken. Das mag daran liegen, dass die technische Entwicklung seit der Industrialisierung ganz neue +Maßstäbe angenommen hat. Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Wesen der Technik +beschäftigt, ist wohl „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von Ernst Kapp aus dem Jahre +1877, „sein bis heute als grundlegendes Werk der Technikphilosophie geltendes +Buch“\autocite[VIII]{maye:einleitung-kapp}. + +140 Jahre sind seit dem Erscheinen des Buches vergangen und die Entwicklung bleibt nicht stehen. Und überhaupt +ist die rasche Entwicklung eines der wichtigsten Merkmale der heutigen Technisierung. Ältere Leute haben oft +Probleme mit dem Bedienen des Computers oder Handys, weil sie in einem ganz anderen Umfeld aufgewachsen sind und +das „Checken der E-Mails“ und die Abgabe der Steuererklärung online ihnen fremd ist. +Selbst Menschen, die sich beruflich mit den modernen Technologien beschäftigen, können die technische Entwicklung +nicht mehr einholen. In 90er-Jahren gab es noch den Begriff „Webmaster“. Ein Webmaster befasste sich +mit der Entwicklung, Gestaltung, Verwaltung von Websites. Heute wird der Begriff kaum noch verwendet. +Stattdessen gibt es Frontend- und Backend-Programmierer, Designer, SEO-Spezialisten (Search Engine +Optimization --- Suchmaschinenoptimierung), Server-Administratoren. +Man spricht noch vom „Full-stack developer“, darunter wird aber jemand verstanden, der sowohl +die Frontend- als auch Backend-Programmierung macht, es ist jedoch keineswegs der alles könnende Webmaster. +Die Fülle an Technologien und Aufgaben hat zur Spezialisierung und Auskristallisierung neuer Berufsfelder +geführt. Und dieser Prozess fand innerhalb einer Generation statt. + +Auf der anderen Seite beschäftigt sich die Philosophie in meinem Verständnis mit den ewigen Fragen. +Die Umstände, der Kenntnisstand ändern sich, aber die Fragen nach dem, was das Sein ist, was die Erkenntnis +zu leisten vermag, wie der Mensch zu handeln hat, bleiben. Es wäre also nicht uninteressant zu schauen, +ob unsere Vorstellung von der Technik sich in hundert Jahren kardinal gewandelt hat, oder ob Kapp zu +Erkenntnissen gelangte, die auch noch für uns und vielleicht unsere Nachfahren nicht von einer bloß +geschichtlichen Bedeutung sind. + +Kapp hat sein Werk so aufgebaut, dass er mit primitiven Werkzeugen anfängt und sich dann immer weiter zu +komplexeren Strukturen und Artefakten hocharbeitet. Dabei greift er fast in jedem Kapitel auf ein Produkt +aus der Geschichte der Technik, an dem er versucht, seine These plausibel zu machen. Ich wähle eine ähnliche +Vorgehensweise und werde mich bemühen, spätere Werke der Menschenhand im Lichte Kapps Auffassung des Menschen +und der Technik zu betrachten. Zunächst muss allerdings jene Auffassung kurz dargestellt werden. + + \section{Technikkonzept von Ernst Kapp} + + \epigraph{% +Noch steht die Menschheit in den Kinderschuhen ihrer Kultur oder in den Anfängen der technischen +Gleise, die sich der Geist selbst zu seinem Voranschreiten zu legen hat.\footcite[309]{kapp:technik} +}{} + + \subsection{Technik und Kultur} + +„Grundlinien einer Philosophie der Technik“ hat noch einen Untertitel: „Zur +Entstehungsgeschichte der Kultur aus neuen Gesichtspunkten“. Die Technik ist also nicht +bloß ein Mittel zum Zweck, sie hat etwas mit der Entstehung der Kultur zu tun. Wenn man bedenkt, +dass die Kultur ein Werk des menschlichen Schaffens ist, ist es auch verständlich, dass die Technik +ein Teil der Kultur ist. Technische Artefakte haben ihre eigene Geschichte und sie haben schon immer +die Lebensweise der Menschen stark beeinflusst. Man denke nur an den Buchdruck, der viel mehr Menschen +den Zugang zu Büchern ermöglichte, dadurch, dass die aufwendige Arbeit des Abschreibens von Maschinen +ersetzt werden konnte. Kapps Überzeugung ist aber, dass die Technik nicht ein Aspekt der Kultur ist, +sondern, dass sie konstituierend für das Entstehen der Kultur ist: „Der Anfang der Herstellung +technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik} + +Wie ist das zu verstehen? Klaus Kornwachs stellt erstmal fest, dass der Umgang mit der Technik nicht von +der Technik selbst vollständig determiniert ist, sondern dass „verschiedene Nationen und verschiedene +Kulturkreise unterschiedlich mit Technik umgehen und unterschiedliche Techniklinien und +Organisationsformen hervorgebracht und zuweilen auch wieder aufgelöst +haben“\autocite[22]{kornwachs:technik}. + +Die Technik wird dadurch ermöglicht, dass der Mensch die Gesetze der Natur sich zunutze machen kann. +Die physikalischen Gesetze sind aber für alle gleich. Wie kommt es, dass verschiedene Zivilisationen +nicht die gleiche Technik bauen oder, dass sie die gleiche Technik nicht auf dieselbe Weise nutzen? +Um diese Frage zu beantworten, macht Kornwachs die Unterscheidung zwischen zwei Arten +technologischer Funktionalität. Die technologische Funktionalität der ersten Art ist diejenige, +„deren physikalische Wirksamkeit und technische Brauchbarkeit invariant gegenüber der +kulturellen Ausprägung der organisatorischen Hülle sind“\autocite[22]{kornwachs:technik}. +Als Beispiele nennt Kornwachs Regelkreise, Hebel, Kraftmaschinen usw.\autocite[Vgl.][22]{kornwachs:technik} +Was ist die organisatorische Hülle? „Die organisatorische Hülle einer Technik umfasst alle +Organisationsformen, die notwendig sind, um die Funktionalität eines technischen Artifakts überhaupt ins +Werk setzen zu können“\autocite[23]{kornwachs:technik}. Eben so eine organisatorische Hülle +„konstituiert \textit{eine technologische Funktion zweiter Art}, +[\dots]“\autocite[23]{kornwachs:technik} Kornwachs erklärt diese am Beispiel eines Autos, dessen +„organisatorische Hülle das gesamte System vom Straßenverkehrsnetz über die Proliferationssysteme für +Treibstoff und Ersatzteile bis hin zu den rechtlichen Regelungen, [\dots], +[umfasst]“\autocite[23]{kornwachs:technik}. + +Aber nicht nur die organisatorische Hülle regelt, wie die Technik eingesetzt wird; auch die Technik prägt +die organisatorischen Hüllen: „Es ist offenkundig, dass die organisatorische Umgestaltung unserer +Zivilisation durch die Informations- und Kommunikationstechnologien keine dieser organisatorischen +Hüllen unberührt lässt.“\autocite[23]{kornwachs:technik} + +Die Kernthese der „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ ist, dass es sich bei +allen technischen Gegenständen um die Projektion menschlicher Organe handelt. Selbst wenn der Mensch +keine tiefen Erkenntnisse über den Bau seines Körpers hat, projiziert er ihn unbewusst in die von ihm +gemachten Artefakte, „[i]st demnach der Vorderarm mit zur Faust geballter Hand oder mit deren +Verstärkung durch einen fassbaren Stein der natürliche Hammer, so ist der Stein mit einem Holzstiel +dessen einfachste künstliche Nachbildung“.\autocite[52]{kapp:technik} Es ist nicht ungewöhnlich, +zwischen der Technik und den menschlichen Organen und zwischen der Funktionsweise der Technik +und derselben des Organismus Analogien zu bilden. Genauso wie den Vorderarm mit zur Faust geballter Hand +kann man mit einem Hammer vergleichen, kann man zum Beispiel den Computer mit dem Gehirn vergleichen, weil +die Computer viele Operationen wie das Rechnen sogar viel effizienter als das menschliche +Gehirn durchführen können. Bei Kapp geht es aber nicht nur um Ähnlichkeiten und Analogien. Vielmehr +behauptet er, dass die Menschen ihren Organismus und seine Funktionen in die Technik projizieren, sodass +wenn der Organismus anders aufgebaut wäre, anders funktionieren würde, würde auch die Technik +ganz anders aussehen. Und das beansprucht er für alle technischen Gegenstände +ausnahmslos.\autocite[Vgl.][7]{leinenbach:technik} + + \subsection{Selbsterkenntnis} + +Die Organprojektion ist nicht nur der Gegenstand der Technikphilosophie, sondern auch der +Erkenntnistheorie. Die Produktion der Artefakte ist die Art und Weise, wie der Mensch die Natur +und sich selbst erkennt. Da der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert und die +Technik demzufolge Merkmale dieses Organismus hat, kann er aus der von ihm erschaffenen Technik +sich selbst erkennen. Ein Hammer sieht nicht nur äußerlich dem Arm ähnlich, er hat auch +strukturelle Ähnlichkeiten mit diesem. Ein Hammer besteht aus zwei Teilen: einem Stiel und +einem Kopf. Der untere Teil des Armes besteht genauso aus dem Unterarm, an den die Hand +angeschlossen ist. In der Technik erkennt man dann wieder die Eigenschaften, die man in sie +projiziert hat und erkennt auf diese Weise sich selbst. „Zentrum und Ziel allen Weltgeschehens +ist in Kapps Denken die stetig sich vergrößernde Selbsterkenntnis des Menschen. Die technischen +Artefakte sind Vehikel dieser Selbsterkenntnis: [\dots].“\autocite[36]{fohler:techniktheorien} + +So wird der Mensch zum „Maß der Dinge“\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik}, weil alles, was +er in die Welt setzt, aus ihm selbst entsprungen ist. Es gibt auch keine andere Quelle der +Erkenntnis als der Mensch selbst.\autocite[Vgl.][73]{kapp:technik} + +\begin{quote} +Die Welt der Technik leitet demnach einen Selbstreflexionsprozeß ein, da sie zum einen +bestimmte Entwicklungsstufe des Menschen erfahrbar mache, zum anderen jedoch auch auf das verweise, was den +Menschen möglich sei.\autocite[10]{korte:kapp} +\end{quote} + +Eine andere Komponente, die die Selbsterkenntnis kennzeichnet, ist die Sprache, weil „[d]ie Sprache +sagt, welche Dinge sind und was sie sind, [\dots]“\autocite[60]{kapp:technik}. Und sie ist auch ein +Produkt der Organprojektion. Kapp behauptet, dass die Bezeichnungen für die Gegenstände +aus der Tätigkeit der Organe entstanden seien. So habe das Wort \textit{Mühle} +seine Wurzel im indoeuropäischen \textit{mal} oder \textit{mar}, was soviel wie „mit den Fingern +zerreiben“ oder „mit den Zähnen zermalmen“ bedeutet +habe.\autocite[Vgl.][57\psq]{kapp:technik} + + \subsection{Terminus „Technik“} + +Hier wird es deutlich, dass es Kapp nicht bloß um den Einfluss der Technik auf die Kultur geht, vielmehr +ist die Technik dasjenige, was die gesamte menschliche Kultur bildet. „Die Technik ist das erste +Kulturereignis. Der Anfang der Herstellung technischer Gegenstände ist der Beginn des Kulturwesens +Mensch.“\autocite[7]{leinenbach:technik} + +Um diese These zu verstehen, muss man untersuchen, was Kapp meint, wenn er das Wort +„Technik“ verwendet. Mit der Entwicklung der Technik entwickelt sie auch die +Sprache. Wenn ich heute „Technik“ sage, dann meine ich meistens Computertechnik +oder zumindest irgendeine Maschine, ein Auto, ein Lüftungssystem und dergleichen. Wenn ich über +Werkzeuge in meinem Werkzeugkasten spreche, dann sage ich nicht unbedingt „Technik“ +von jenen, es sei denn ich habe elektrische Werkzeuge da, wie ein Elektroschrauber oder eine +Bohrmaschine. Es mag eine Zeit gegeben haben, in der eine Handsäge eine technische +Errungenschaft darstellte. Heute gehört sie aber mehr zur Klasse der Werkzeuge. Das heißt man +unterscheidet meistens in der heutigen Umgangssprache zwischen der Technik und den Werkzeugen. + +Es ist überhaupt schwierig, eine Definition der Technik zu entwickeln, die man verwenden könnte, +um zwischen technischen Gegenständen und übrigen zu differenzieren. Ich habe vorher von +den von Menschenhand geschaffenen Gegenständen als von der Technik gesprochen. Aber zählt ein +gemaltes Bild zur Technik? Wohl eher nicht. Es ist Kunst. Ist ein technischer Gegenstand keine Kunst? +Man würde meinen: Nein. Der Ingenieur, der Monate verbracht hat, es zu entwerfen und zu konzipieren, +könnte dem widersprechen. Die Technik hat noch eine weitere Eigenschaft, dass sie einen Nutzen hat. +Allerdings auch die Kunst hat für viele Menschen einen ästhetischen Nutzen. Man kann den +„Begriff“ auf die eine oder andere Weise definieren, aber eine solche Definition wäre +meines Erachtens der Umgangssprache nicht gerecht und würde nicht alle Anwendungsfälle decken. + +Wenn man zu diesem Begriff von einer anderen Seite kommt, kann man zwischen zwei Bedeutungen dessen +unterscheiden. Zu einem bezeichnet man Gegenstände als Technik: ein Videorecorder ist Technik, ein +Fernseher ist Technik. Zum anderen spricht man von erlernten Fähigkeiten als von den Techniken. In +diesem Sinne gibt es Maltechniken, Kampftechniken, Lerntechniken und andere Techniken. Der Begriff +hat also noch eine funktionale Seite. + +Kapp hat diese Vielfalt des Technischen in seine Philosophie aufgenommen. Es war vorhin davon die +Rede, dass der Mensch seinen Organismus in die Technik projiziert, und bei den ersten Werkzeugen +sieht man gewisse Ähnlichkeit mit den Organen. Aber auch der Umstand, dass die Technik mit einer +Funktion verbunden ist (dass sie eine Fähigkeit bezeichnen kann), ist ihm nicht entgangen. +„An die Stelle der Ähnlichkeit, welche die äußere Gestalt der Organe des Menschen mit deren +gegenständlichen Projekten besitzt, tritt im Fortgang der Entwicklung technischer Gegenstände bis +hin zur Maschine vielmehr die Projektion des organischen +Funktionsbildes, [\dots]“\autocite[61]{leinenbach:technik} Man hat versucht Kapps Theorie +zu widerlegen, indem man nach Artefakten gesucht hat, die keine Ähnlichkeiten mit irgendeinem +Organ aufweisen: das Rad\autocite[Vgl.][84--86]{leinenbach:technik} oder das künstliche +Licht\autocite[Vgl.][88\psq]{leinenbach:technik}. + +Das war auch für Kapp offensichtlich, dass nicht alle Werkzeuge und Maschinen äußere Ähnlichkeiten +aufweisen. Vielmehr entfernt sich die Technik im Prozess ihrer Entwicklung von ihrem +ursprünglichen Vorbild. Kapp spricht zum Beispiel von „vergeistigten“ Werkzeugen, die eher +den menschlichen Geist projizieren als seinen Körper. So heißt es von dem Werkzeug der Kommunikation, +der Sprache: + + \begin{quote} +In der Sprache hört der Unterschied von Kunstwerk und Werkzeug, der sonst durchweg feststeht, +ganz auf. Indem sie erklärt, was sie selbst ist, übt sie gerade das aus, was sie erklären will. Mithin +ist sie das Werkzeug, sich als ihr eigenes Werkzeug zu begreifen, also ein vergeistigtes Werkzeug, +Spitze und Vermittlung zugleich der absoluten Selbstproduktion des Menschen.\autocite[248]{kapp:technik} + \end{quote} + +Die „Spitze“ der Organprojektion sind gar nicht die technischen Artefakte, sondern der +gesamte kulturelle Reichtum, den der Mensch um sich schafft. Nur ist diese kulturelle Bereicherung +ohne Technik nicht möglich. Außer dass Kapp verschiedene Bedeutungen der Technik in seine Theorie +aufnimmt, breitet er diesen Begriff so weit aus, dass er auf jegliche Errungenschaft das Menschen +angewendet werden kann. Solche Verwendung des Begriffes „Technik“ mag zunächst +befremdend erscheinen, aber sie ist unserer Sprache auch nicht vollkommen fremd, denn wir +instrumentalisieren auch geistige Prozesse und sprechen von der Sprache als dem +\textit{Werkzeug} der Kommunikation oder der Logik als dem \textit{Werkzeug} des Denkens. + + \subsection{Kapps Menschenbild} + +Zwar projiziert sich der Mensch immer in die Technik, aber dieser Prozess wird nie abgeschlossen. Es +gibt immer eine unendliche Kluft zwischen der Natur und dem Mechanismus. + + \begin{quote} +[\dots]; der Mechanismus, durch Zusammensetzung von außen zustande gebracht, ist eine „Mache“ +der Menschenhand. Der Organismus ist wie die gesamte Welt \textit{natura}, ein Werdendes, der +Mechanismus ist das gemachte Fertige; dort ist Entwicklung und Leben, hier Komposition und +Lebloses.\autocite[68]{kapp:technik} + \end{quote} + +Kapp ist kein Materialist und der Mensch ist für ihn kein rein materielles Wesen. Anstatt von der Materie +und dem Geist zu sprechen, spricht Kapp von der Psychologie und der Physiologie, zwei Gegensätze, die die +menschliche Natur in sich vereinigt. Allerdings ist auch keine Trennung dieser zwei Bestandteile möglich. +Man kann auch nicht sagen, dass das eine wichtiger oder wesentlicher wäre als das andere, wie es zum +Beispiel Descartes sieht\footcite[Vgl.][43]{geschichte1718}. Der Mensch ist nur als ein Ganzes möglich und +denkbar: „Psychologie und Physiologie haben lange genug fremd gegen einander getan, +[\dots]“\autocite[19]{kapp:technik}. Auch das kulturelle Gut und die Technik sind nicht sekundär, +obwohl es auf den ersten Blick scheint, als ob die menschliche Existenz auch ohne diese denkbar wäre, +weil sie erst ein Produkt seiner geistigen Aktivität sind. „Einerseits sollen die natürlichen +Organe das Vorbild aller mechanischen Objekte und Ensembles sein, andererseits lässt sich erst durch +deren Strukturen und Funktionen das Wesen der Organe +erkennen.“\autocite[XXXV-XXXVI]{maye:einleitung-kapp} + + \subsection{Kritik} + +Ganz am Anfang klingt Kapps Theorie sehr plausibel. Bei einfachen Werkzeugen kann man das sich sehr gut +vorstellen, dass der Mensch seine Organe als Muster für die Werkzeuge benutzt hat. Vor allem, weil die +eigene körperliche Kraft nicht ausgereicht hat, musste man einen Weg finden, zu kompensieren, anders +gesagt, man musste seine natürlichen Organe verlängern und verstärken. + +Allerdings mit dem Fortschritt der Technologie, wenn die direkte Analogie zwischen dem Organ und +dem Produkt der Menschenhand zu schwanken beginnt, fällt es einem immer schwerer, an die +Organprojektion als eine universelle Theorie zu glauben. + +Es liegt in der Natur des Menschen, seine Umwelt immer weiter zu gestalten, und seine Werkzeuge und +Maschinen weiter zu entwickeln. Und auch schwere Maschinen helfen dem Menschen, schwere Arbeiten +auszuführen, die er sonst mit seinen eigenen Organen verrichten sollte. Deswegen können auch sie +als Projektion menschlicher Organe und ihrer Funktionen betrachtet werden. Allerdings wenn Kapp +Beispiele wie „[d]as Netz der Blutgefäße als organisches Vorbild des +Eisenbahnsystems“\autocite[121]{kapp:technik} einführt, stellt sich die Frage, wie es zu +überprüfen ist. Kapp zwar besteht darauf, dass es nicht bloß das „Sinnbildliche der +Allegorie“ ist, sondern das „Sach- und Abbildliche der +Projektion“\autocite[Vgl.][129]{kapp:technik} und versucht das argumentativ +zu stützen\autocite[Vgl.][129--130]{kapp:technik}, seine Argumentation kann jedoch nicht als ein +handfester Beweis gelten. + +Die Hauptschwäche dieser Theorie ist ihre Überprüfbarkeit. Ich kann höchstens auf bestimmte +Ereignisse oder Artefakte hinweisen und sie zum Vorteile der Theorie deuten, aber meine +Behauptung lässt sich nicht empirisch überprüfen. Ich kann nur versuchen sie plausibler als +die Alternativen zu machen. Vor allem geschieht die Organprojektion nach Kapp +\textit{unbewusst} und weist sich erst im Nachhinein als solche aus. Und um den Ursprung und +die Art unbewusster geistiger Vorgänge lässt sich nur spekulieren. + +Des Weiteren war Kapp auf die Technik seiner Zeit beschränkt. Er konnte selbstverständlich +nicht voraussehen, welche Herausforderungen die künftige Technik mit sich bringt, und ob die +Theorie entsprechend angepasst werden soll. Der Glaube an den Menschen als ein einzigartiges +Geschöpf der Natur wird immer schwächer. Vielleicht ist er gar nicht so einzigartig, vielleicht +kann man ihn nachbauen, vielleicht kann man das, was in seinem Kopf vorgeht, auf eine Reihe +von Algorithmen reduzieren. Immer mehr Menschen glauben, dass es sehr bald möglich sein wird. +Für Kapp war der Mensch noch der einzige Schöpfer seiner Technik: + + \begin{quote} +Niemals ist aber bei irgendeiner Maschine die Menschenhand völlig aus dem Spiele; denn auch +da wo ein Teil des Mechanismus sich gänzlich ablöst, wie der Pfeil, die Gewehrkugel, die dem +Schiffbrüchigen die rettende Leine überbringende Rakete, ist die Abweichung nur vorübergehend und +scheinbar.\autocite[64\psq]{kapp:technik} + \end{quote} + +Die Technik, die immer menschlicher wird, macht darüber nachdenklich, ob der Mensch diesen Status +für die gesamte Zeit seiner Geschichte behalten kann. Andererseits das Sprechen über die Maschinen, +die man von einem Menschen nicht mehr unterscheiden kann, ist auch nur noch eine Spekulation. Und +es ist meines Erachtens noch zu früh, sie als ein Argument gegen Kapps Ansichten auszuspielen. +Schließlich hat auch die höchste entwickelte Technik ihren Ursprung im Menschen und ist Folge +seiner Leistung, wie es Kapp auch sagt. Das heißt, wenn eine Maschine ohne menschliche +Teilnahme andere Maschinen produzieren kann, so wurde sie so konstruiert, um diese Aufgabe +zu erfüllen. Es wird inzwischen über die Maschinen spekuliert, die auch geistige Leistungen +des Menschen übernehmen können, die zum Beispiel selbst programmieren können, und so andere +Maschinen hervorbringen, die nicht nur nach einem bestimmten Plan konstruiert sind, sondern +tatsächlich neue Technik darstellen. Aber selbst in diesem Fall soll solche Intelligenz erstmal +künstlich geschaffen werden, sie würde ihre Existenz immer noch dem Menschen verdanken. Das ist, +denke ich, die Tatsache, auf die Kapp hinweisen wollte. + +Man darf auch nicht vergessen, dass obwohl wir Technik bauen und verwenden, darüber zu +reflektieren, warum wir sie eigentlich brauchen und warum wir so bauen, wie wir sie bauen, keine +einfache Aufgabe ist, die lückenlos gelöst werden kann. Deswegen verdient Kapps +Theorie Aufmerksamkeit als ein möglicher Lösungsansatz. + + \subsection{Kapps Technikphilosophie in Anwendung auf die nachfolgende Geschichte der Technik} + +Das Kapitel, in dem Harald Leinenbach über die Rezeptionsgeschichte der Organprojektionstheorie spricht, +nennt er „Die Grundlinien einer Philosophie der Technik“ +„Kapps mystisches Blendwerk“\autocite[60]{leinenbach:technik}, womit er andeuten will, +wie das Werk meistens rezipiert wurde. +„Dabei finden sich Erwähnungen der Organprojetionstheorie meist bloß in knappen +Randbemerkungen. Kapps Technikphilosophie ist nirgends aufgenommen, geschweige denn konstruktiv +weitergeführt worden.“\autocite[61]{leinenbach:technik} Als Grund gibt Leinenbach an, dass +Kapp von seinen Gegnern immer missverstanden wurde, dass man seine Theorie nicht zu Ende denkt, sondern +sich „hauptsächlich am Organprojektionsstatus der technischen +Gegenstände“\autocite[60\psq]{leinenbach:technik} aufhält, und +sobald man eine Maschine findet, die äußerlich dem menschlichen Organismus nicht ähnlich ist, hört +man auf und lehnt die Theorie als unzureichend ab. Dazu kommen noch Begriffe wie das Unbewusste, mit +denen Kapp gearbeitet hat.\autocite[Vgl.][64]{leinenbach:technik} Besonders in der Zeit, in der die +Künstliche Intelligenz entwickelt wird, scheint die Hoffnung zu wachsen, das Unbewusste aus der Welt +zu schaffen, und alles Menschliche ohne Rest technisch reproduzieren zu können. |
