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authorEugen Wissner <belka@caraus.de>2025-11-05 09:33:23 +0100
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----
-layout: post
-date: 2024-09-03 20:45:00
-tags: Aufsatz
-title: Anna
-teaser: |
- <p>
- Im nächsten Zug, in dem ich meine Fahrt fortführte, befand sich
- eine Gruppe der Menschen, die untereinander gemischt Russisch und
- Ukrainisch gesprochen haben. Als wir uns der Haltestelle näherten,
- haben sie sich überlegt, wie sie den Rollstuhl eines ihrer Kollegen
- durch den engen Gang im Zug zur Tür durchbringen können.
- </p>
- <p>
- »Was ist mit ihm geschehen? Unfall? etwas anderes?«, fragte ein
- Einheimischer ein Mädchen aus der Gruppe.
- </p>
- <p>»Ich weiß es nicht.«</p>
- <p>»Seid ihr nicht alle zusammen?«</p>
- <p>
- »Oh nein, wir haben uns erst hier getroffen. Ja, ich glaube, es war ein Unfall.«
- </p>
----
-\epigraph{
-Manche wilde Frühlingspflanze\\
-kann ein Gärtner tief verpflanzen.\\
-Kann auch Blumen ins Wasser stecken,\\
-und sie werden bald verwelken.
-}{}
-
-»Entschuldigung, Gunzenhausen.« Anna sieht mich hoffnungsvoll an und
-zeigt in die Richtung der Bahngleise.
-
-Ich bin etwas verwirrt, weil ich den Ort, den sie sucht, nicht kenne,
-und mir überlege, wie ich ihr helfen kann.
-
-»Gunzenhausen.«, wiederholt sie nochmal.
-
-Die Bahnsteigtreppe steigt eine andere Frau hoch. Anna hat inzwischen
-verstanden, dass mit mir nichts zu gewinnen ist, und wechselt zu dieser
-Frau, die sie auf die Anzeigetafel über dem Gleis verweist, und sagt, dass es der Zug
-sei, den sie nehmen wolle. Aber der Zug kommt erst in 40 Minuten. Anna
-versucht der Frau etwas zu erklären. Ich höre einige russiche Wörter,
-die sie versehentlich in deutsche Sätze einbaut. Vielleicht kann ich mit ihr
-Russisch sprechen und herausfinden, was sie genau sucht. Das mache ich auch.
-Sie sieht, dass ich mein Handy in der Hand habe, weil ich kurz davor nachgesehen habe,
-welche Verbindungen es noch gibt, die mich meinem Zielort näher bringen, und fragt,
-ob sie mein Handy nutzen darf, um eine andere Fahrmöglichkeit nach Gunzenhausen
-zu finden. Ich gebe ihr mein Handy und bedanke mich vor der anderen Frau, die
-immer noch auf dem Bahnsteig steht und uns ansieht, ohne uns zu verstehen, und
-sage ihr, dass ich Anna helfen werde.
-
-»Kein Problem.«, verabschiedet sich die Frau und geht weiter.
-
-Wir bleiben allein. Leider finden wir keine anderen Züge als den, den die
-Anzeigetafel ankündigt. Anna findet keine Worte, um ihren Unmut zu beschreiben:
-
-»Oh nein, das kann doch nicht wahr sein! In Gunzenhausen wartet ein
-Taxi auf mich um 19:10. Mein Zug hat sich verspätet, deswegen
-habe ich die Anschlussverbindung verpasst, und jetzt werde ich erst eine Stunde
-später in Gunzenhausen ankommen als geplant. Ich hätte von dort noch
-weiterfahren müssen. Unglaublich!«
-
-»Ich wollte auch diesen Zug erwischen, du würdest dann aber auf halbem Weg
-aussteigen und ich hätte bis zum Ende der Strecke fahren müssen. Und jetzt
-wird meine Heimfahrt mindestens 2 Stunden länger dauern.«, sage ich ihr mit
-einem müden Lächeln im Gesicht, um ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht
-allein in ihrer Lage ist.
-
-Sie erwidert mein Lächeln und gibt mir die erste Möglichkeit, sie
-genauer anzuschauen. Sie ist mir bereits im unterirdischen Gleisübergang
-aufgefallen. Ich lief hinter ihr. Sie hat ein junges, gutwilliges Gesicht,
-das nicht zu erkennen gibt, dass sie sich gerade Sorgen macht. Ihre hellgrünen
-Augen spiegeln die Stimmung dieses hellen, sonnigen und heißen Tages wider.
-Die blonden, lockigen Haare reichen knapp bis an ihre Schultern. Der linke,
-dünne Träger ihres schneeweißen Kleides ist heruntergerutscht, sodass Annas linke
-Schulter, ob in Eile oder mit Absicht, nackt ist.
-
-»Man kann sich auf die Deutshce Bahn nicht verlassen, wenn man irgendwo
-pünktlich ankommen will. So ist es überall in Deutschland die letzten
-Jahre.«, setze ich fort.
-
-»Krass, unglaublich. Was soll dieser Unfug, ich will in die Ukraine
-zurück.«
-
-Wir gehen etwas weiter entlang des Bahnsteiges und entfernen uns von
-der Treppe. Sie beschwert sich weiter, dass sie jetzt womöglich durch
-einen Wald nach Hause laufen müsse, weil sie ihr Taxi verpassen werde. Ich
-bin auch besorgt, weil ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich heute noch
-nach Hause komme.
-
-»Du bist aus der Ukraine also?«, frage ich sicherheitshalber.
-
-»Ja.«, bestätigt sie.
-
-»Darf ich fragen, wie du heißt?«
-
-»Anna.«
-
-»Ich bin Eugen.«
-
-»Freut mich.«
-
-»Freut mich auch. Wie lange bist in Deutschland?«
-
-»Seit der Krieg ausgebrochen ist. Wie lange ist das her… 2 Jahre schon.
-Wo kommst du her?«
-
-»Aus Russland, aus dem hohen Norden.« sage ich, »Ich bin ein Russlanddeutscher,
-also ich habe sowohl deutsche als auch russische Vorfahren, und
-lebe schon länger in Deutschland.«, ergänze ich meine Antwort, als ob ich mich dafür
-rechtfertigen würde, dass ich in Russland aufgewachsen bin.
-
-In der Zwischenzeit kommt ein langer Güterzug mit ein paar leeren Waggons auf
-dem Gleis gegenüber an und bleibt stehen.
-
-»Vielleicht können wir fragen, wohin der Güterzug fährt, vielleicht kann er uns
-mitnehmen, falls er in dieselbe Richtung fährt?«, wundert sich Anna laut.
-
-Ich lache und sage, dass ich an sich nicht so abenteuerfreudig bin,
-aber hörte, dass Jelzin in seiner Jugend so manchmal gereist haben soll.
-
-Meine Anmerkung bringt Lächeln auf ihr Gesicht, das weiterhin nur
-Zuversichtlichkeit ausstrahlt. Wir machen uns auf den Weg zum Kopf
-des Güterzuges.
-
-Während wir jetzt mehr sprechen, höre ich nun auch ihre ukrainische
-Mundart deutlicher und mutmaße, dass sie aus der Westukraine stammt.
-
-Bald rührt sich auch der Güterzug und wir verstehen, dass auch aus
-dieser Idee nichts wird, und kehren zurück.
-
-»Ich will nach Hause, in die Ukraine.«, wiederholt sie, »Es gibt hier
-nichts, was wir nicht haben. Wenn du einen beliebigen Ukrainer fragst,
-ob er etwas in Deutschland bewundert, etwas, was er in seiner Heimat
-vermisste, so etwas gibt es nicht.«
-
-Tatsächlich ist ein fremdes Land manchmal wie ein Wunder, wo alles blüht
-und gedeiht, wo es alles im Übermaß gibt, und es den Menschen an nichts fehlt.
-Aber gelegentlich erlebst du einen Abend, an dem du auf einer U-Bahn-Station
-aussteigst und alles dir Angst macht.
-Die Menschen sind merkwürdig gekleidet und werfen böse Blicke in deine Richtung.
-Du gehst zitternd an ihnen vorbei, schaust nach unten, auf den schmutzigen
-Boden, und befürchtest, dass sie dich ansprechen. Dein Herz beginnt zu rasen
-und du fragst dich, ob es nur ein Alptraum ist, oder, ob alles davor ein Traum
-war.
-
-Anna unterbricht meinen Versuch, mich in ihre Gefühle einzufühlen:
-»Ich bin schon beinahe zurückgegangen, aber dann fiel eine Rakete auf ein
-Kinderkrankenhaus. Hast du davon gehört?«
-
-Ich nicke.
-
-»Das ist nicht weit von meinem Zuhause entfernt. Teile vom Krankenhaus
-sind gestürzt, und Menschen haben sich in eine Schlange gestellt, und
-räumten selbst die Steine, um den Weg freizulegen und andere zu retten.«
-
-»Ja, bei großen Überschwemmungen kommen auch hier Leute aus ganz
-Deutschland, um zu helfen, weil die Regierung nicht rechtzeitig
-reagiert.«, sage ich, um hinzuweisen, dass Menschen in Not überall
-gleich handeln.
-
-»Siehst du? auf wen soll man warten?«, stellt sie die rhetorische Frage.
-
-»Du bist aus Kiew?«
-
-»Ja. Ich frage immer ganz besorgt meine Mutter, wie sie dort mit meinem
-kleinen Bruder lebt. Aber meine Mutter schenkt dem Geschehen nicht mehr
-so viel Aufmerksamkeit. „Als ob ständig Motorräder durch den Himmel
-fahren würden“«, zitiert sie ihre Mutter lachend, »Es gibt verschiedene
-Stufen von Alarm-Signalen. Bei stärkerem Beschuss gehen Menschen in den
-Keller und kommen danach zurück.«
-
-Menschen leben ihr Leben weiter. Auch unter grausamen Bedingungen. Es
-gibt nur weniges, woran sich der Mensch nicht gewöhnt. Der Rest geht in
-den Alltag über. Ich erinnerte mich an Berichte aus der Ostukraine aus
-der Zeit des Bürgerkrieges, bevor die russische Armee einmarschiert
-ist. Wohngebiete unter Beschuss, aber Menschen stehen jeden Tag auf,
-Erwachsene gehen zur Arbeit, Kinder --- zur Schule.
-
-Ich höre Anna aufmerksam und mit Interesse zu und vermeide Beurteilungen und
-Suche nach Schuldigen. Auch Anna scheint dieses Themengebiet nicht anfassen zu
-wollen. Es ist möglicherweise die Angst, dass es unser Gespräch in
-einen sinnlosen Streit verwandeln würde. Bei näherem Betrachten, welche
-Rolle spielt das? Ich bin am bewaffneten Konflikt zwischen Russland und
-der Ukraine nicht Schuld. Sie ist es auch nicht. Sie hat nur Heimweh
-und will ihr Leben zurück haben.
-
-»Kannst du vielleicht den Taxi-Dienst anrufen und fragen, ob die Fahrt
-verschoben werden kann?«, hat Anna mich gebeten.
-
-Sie hat die Telefonnummer des Taxi-Unternehmens rausgesucht. Ich habe mehrmals
-versucht, konnte aber niemanden erreichen. Während ich wartete,
-dass jemand ans Telefon geht, haben wir angefangen über unser Alter zu
-sprechen. Ich bin fast 15 Jahre älter als sie.
-
-»Du siehst 7 Jahre jünger aus als du bist.«, sagt sie mir, nachdem ich
-ihr Alter beim zweiten Versuch richtig raten konnte.
-
-»Eltern sagen öfters, dass wir für sie immer klein, immer Kinder
-bleiben. Aber auch sie bleiben in meiner Erinnerung im selben Alter,
-vielleicht 40--50 Jahre alt, im Alter, in dem ich sie als Kind kannte.«
-Ich erzähle das und gebe mir dabei die Mühe, nicht zu ernst zu sein,
-weil ich nicht weiß, ob sie meine Aussage absurd findet oder das ähnlich
-wie ich empfindet. »Vielleicht altern wir heutzutage nicht so schnell,
-weil das Leben nicht mehr so hart ist.«
-
-»Ich habe einen Freund, 25 Jahre alt. Er ist, naja…«, sie macht eine kurze
-Pause, »er hat militärischen Hintergrund. Er ist plötzlich und
-rasch viel älter geworden, machte den Eindruck, sehr erschöpft zu sein.«
-
-Es gibt eine andere Dimension des Alterns. Man hört gelegentlich, dass
-manch ein Mensch einfach nicht erwachsen wird. Nur sein Körper wird
-älter. Aber auch hier gibt es Unterschiede. Die einen handeln kindisch,
-die anderen haben die Seele eines Kindes; eine Seele, die verzeihen
-kann, die keine Angst hat zu vertrauen und zu lieben. Hat Christus
-nicht gesagt, dass das Himmelreich den Kindern gehört?
-
-Und es gibt Menschen, die alt geboren werden. Schon in frühen Jahren
-lernen sie, dass alles Weltliche vergeht, dass jede Freundschaft und
-jede große Liebe ein Ende haben. Dass man sich auf die Worte seines
-Gegenübers niemals verlassen kann, denn süße Worte wie Zucker auf der
-Zunge zergehen und nur einen Nachgeschmack aus unreinen Absichten
-hinterlassen.
-
-»Wann ist der Krieg schon endlich zu Ende?«, sagt Anna traurig.
-
-»In der Tat. Kriege enden leider nicht. Kaum endet der eine, beginnt
-irgendwo ein anderer. Sie sind die treuesten Begleiter der
-Menschengeschichte, genauso wie Krankheiten und Hunger.«
-
-»Ich habe gehört, dass der Krieg bald endet. Aber manche sagen, dass, wenn
-er endet, in 10 Jahren ein neuer beginnt. Die anderen behaupten
-wiederum, dass es zu einem dritten Weltkrieg kommt.«
-
-Ich habe nicht verstanden, ob nach 10 Jahren der Ukraine-Konflikt sich erneut
-entfachen soll, oder, ob sie allgemein Kriege meint. Im letzteren Falle wären
-10 Jahre sehr großzügig. »Die Lage ist weltweit sehr angespannt, und es gibt
-mehrere Regionen, wo es jederzeit zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen
-kann, die wiederum das Potenzial haben, die halbe Welt in Brand zu setzen.«
-
-Abgehobene Wahrheiten, die Frage nach dem Übel in der Welt und die globale
-geopolitische Lage scheinen sie nicht des Atems zu berauben. Sie wolle nach Kiew.
-
-Ab einem bestimmten Moment lief die Zeit schneller. Wir
-mussten uns immer wieder ein neues Gesprächsthema überlegen, und
-Themenwechsel wurde immer wieder von größeren Pausen begleitet. Dann
-kam schon der Zug, auf den wir sehnsüchtig gewartet haben. Anna konnte
-ihr Handy aufladen und ihre Bekannte kontaktieren, die sie mit Auto von
-Bahnhof abholen sollten. Das hat sich also geregelt.
-
-Im Zug sprachen wir über unsere Berufe und Freizeitbeschäftigungen,
-über Kleidergeschäfte und Technik, über dies und jenes.
-
-Als die Zeit kam, haben wir uns voneinander verabschiedet und einander eine
-gute Wieterfahrt gewünscht, und sie stieg aus. Ich blieb sitzen und schaute nicht
-zur Tür zurück.
-
-Im nächsten Zug, in dem ich meine Fahrt fortführte, befand sich
-eine Gruppe der Menschen, die untereinander gemischt Russisch und
-Ukrainisch gesprochen haben. Als wir uns der Haltestelle näherten,
-haben sie sich überlegt, wie sie den Rollstuhl eines ihrer Kollegen
-durch den engen Gang im Zug zur Tür durchbringen können.
-
-»Was ist mit ihm geschehen? Unfall? etwas anderes?«, fragte ein
-Einheimischer ein Mädchen aus der Gruppe.
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-»Seid ihr nicht alle zusammen?«
-
-»Oh nein, wir haben uns erst hier getroffen. Ja, ich glaube, es war ein Unfall.«