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| author | Eugen Wissner <belka@caraus.de> | 2025-11-05 09:33:23 +0100 |
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Vielleicht - ist die Fähigkeit aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann anhand derer etwas - zu erfinden, etwas was einen Menschen eigentlich ausmacht.</p> - - <p>Wenn man über das technische Zeitalter spricht, ist diese Aussage nicht unbedingt - wertneutral. Der zügellose technische Fortschritt hatte zur Folge, dass er viel - Aufmerksamkeit in der Gesellschaft auf sich gelenkt hat, worüber man sich auch kaum wundern - kann, weil wir heute in so vielerlei Hinsicht auf die Technik angewiesen sind.</p> - - <p>Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was - ist sie nun? Ist sie etwas Gutes, was uns weiterbringt und uns mehr Macht über die - Natur beschert? Ist sie etwas Schlechtes, was den Menschen jeden Tag immer mehr von - ihr abhängig und hilfslos macht?</p> ---- -Eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit ist die Technisierung vieler Bereiche unseres alltäglichen -Lebens. „Das technische Zeitalter“ kann man über unsere Tage sagen hören. Doch, was jene -Technisierung kennzeichnet, ist nicht so sehr die Technik selbst, sondern die rasche Entwicklung -derjenigen. Als solche ist die Technik nichts Neues, wenn auch die Technik des letzten Jahrhunderts -ganz anderer Art, als das, was man vorher kannte. Es gibt sie dennoch mehr als hundert Jahre, vielleicht -gab es sie schon immer. Vielleicht ist die Fähigkeit aus der Natur Erkenntnisse zu gewinnen und dann -anhand derer etwas zu erfinden, etwas was einen Menschen eigentlich ausmacht. - -Wenn man über das technische Zeitalter spricht, ist diese Aussage nicht unbedingt wertneutral. -Der zügellose technische Fortschritt hatte zur Folge, dass er viel Aufmerksamkeit in der Gesellschaft -auf sich gelenkt hat, worüber man sich auch kaum wundern kann, weil wir heute in so vielerlei Hinsicht -auf die Technik angewiesen sind. - -Desto interessanter wird es, über die Technik und Technisierung nachzudenken. Was ist sie nun? -Ist sie etwas Gutes, was uns weiterbringt und uns mehr Macht über die Natur beschert? Ist sie -etwas Schlechtes, was den Menschen jeden Tag immer mehr von ihr abhängig und hilfslos macht? - -Ich habe vorher schon angedeutet, dass die Technik auch als etwas genuin Menschliches verstanden -werden kann. Dann wäre die Frage nach der Technik einer ganz anderen Dimension zuzuordnen. Es -wäre kein bloß moralisches Problem, also ob die Technik gut oder schlecht an sich sein kann, zu welchen -Zwecken sie eingesetzt werden darf und ob jeder Zweck das Mittel rechtfertigt; keine Frage der -politischen Zugehörigkeit oder der persönlichen Einstellung, ob man bestimmte Technologien -befürwortet oder nicht und ob man an den hellen Morgen glaubt oder eher diesbezüglich pessimistisch -ist. Es wäre vielmehr eine philosophische Fragestellung, weil es vor allem die Philosophie ist, die -nach der Washeit der Dinge und der Möglichkeitsbedingungen fragt: Was ist der Mensch? Was macht einen -Menschen aus? Was ist und warum eigentlich Technik, was macht sie möglich? - -Die philosophische Natur ist auch aus einer anderen Überlegung einsehbar. Und zwar sind viele Fragen, -die mit der Technik verbunden sind, gar nicht durch das technische Denken selbst beantwortbar, sondern -bedürfen einer Reflexion, die über das Technische hinausgeht. Selbst wenn jemand behaupten würde, dass die -Technik nur aus sich heraus erklärt werden könne und müsse und keine weitere Rechtfertigung oder Würdigung -nötig habe, wäre das eine Behautpung, die die Grenzen des Technischen überschreitet. - -Im Folgenden will ich andeuten, welche Fragestellungen und Probleme das Eintreten des Technischen in unser Leben -mit sich bringt. Mir geht es nicht darum, die Antworten auf bestimmte Fragen zu geben, sondern auf die -Spannungsfelder zu verweisen, die sich eröffnen, wenn man über das Technische nachdenkt, und so zu zeigen, dass es -sich dabei eigentlich um Philosophie handelt. - - \section{Kunst oder Mittel zum Zweck} - -Zunächst stellt sich die Frage nach dem Wesen und dem Ursprung des Technischen. Unter Technik verstehen -wir bestimmte Arten von Menschenwerk, aber was lässt sich über den Status dieses Werks sagen? Hier gibt es -zwei entgegengesetzte Extreme: Man kann die Technik als die Folge des menschlichen zweckrationalen Handelns -, das heißt als Mittel zu einem bestimmten Zweck, oder als ein Kunstwerk verstehen. Das Verständnis von -Technik würde sich dann aus dem zweckrationalen Handeln und der schöpferischen Kraft zusammensetzen, wobei man deren Rolle -unterschiedlich gewichten kann. - -Was kann der Zweck der Technik sein? Wenn man einen möglichst allgemeinen Zweck nennen will, der auf möglichst viele -oder im besten Fall auf alle technischen Erfindungen zutrifft, dann würde ich das Bezwingen der Natur vorschlagen. -Die Technik kam in die Welt, um die Bürde der Arbeit leichter zu machen. Man kann vieles schneller und -qualitativ besser erledigen, wenn man passende Instrumente zur Hand hat. Es ging natürlich viel weiter, als nur -eigenes Überleben auf diese Weise zu sichern. Hier tritt der Begriff Luxus in Erscheinung: Man produziert -Gegenstände, die nicht unmittelbar notwendig sind. Es geht dann so weit, dass man im Zusammenhang mit der -Marktwirtschaft vom Produzieren der Bedürfnisse spricht. - -Kunst kann man in einer gewissen Hinsicht der Zweckrationalität entgegenstellen. So spricht Kant von -ästhetischen Urteilen als dem Wohlgefallen ohne alles Interesse\autocite[Vgl.][49]{kant:ku}: -„Wir können aber diesen Satz, der von vorzüglicher Erheblichkeit ist, nicht besser erläutern, -als wenn wir dem reinen uninteressierten Wohlgefallen im -Geschmacksurteile dasjenige, was mit Interesse verbunden ist, entgegensetzen [\dots]“\autocite[50]{kant:ku}. -Bei der Einführung der Technik spricht man oft von einer technischen \textit{Erfindung}. Nun, wenn man -nicht gerade ein ideales Reich der Ideen, wo alle technischen Erfindungen bereits realisiert sind, -annimmt\autocite[Vgl.][59f]{ropohl:aufklaerung}, enthält die Technik eine künstliche Dimension, in der -die schöpferische Kraft des Menschen etwas Neues erfindet. - -Nun es hat Konsequenzen, ob man die Technik mehr als Mittel zum Zweck oder Kunst versteht. Das Erfinden ist -meines Erachtens ein wichtiger Bestandteil dessen, was die menschliche Freiheit konstituiert, und man versucht -diesen Bereich heute möglichst wenig zu zensieren, sondern es dem Menschen zu überlassen, sich auf seine -eigene Weise auszudrücken. Aber \textit{darf} man auch im technischen Sinne alles erfinden, was man erfinden -\textit{kann}? - - \section{Erhöhung der Lebensqualität oder Zerstörung} - -Ein Leben ohne technische Geräte im Haushalt ist kaum vorstellbar. Elektrische Geräte, Wasserversorgung, -Computer, Telefone gehören zum Alltag. Selbst die allgemeine Zugänglichkeit der Gegenstände, die wir -normalerweise nicht als Technik bezeichnen würden, wie zum Beispiel Bücher, verdanken wir dem heutigen -Stand der Technik. Nicht anders ist es im beruflichen Umfeld. Auch die moderne Wissenschaft und Forschung -sind von Teilchenbeschleunigern und Supercomputern abhängig. - -Technische Erfindungen bringen uns Komfort, erhöhen unsere Leistung, ermöglichen neue Arten von -Kommunikation. Das hat allerdings auch eine andere Seite. Die Möglichkeiten, die die moderne Entwicklung -mit sich bringt, birgt viele Gefahren und versetzt wohl viele Menschen in Schrecken, was aus der -zahlreichen Kritik an der Technik zu sehen ist. Man denke nur an den Kalten Krieg oder an die -Atomkatastrophen der letzten Jahrzehnte: Tschernobyl und Fukushima, die zu vielen Protesten gegen die -Verwendung von Atomenergie geführt haben. Hans Blumenberg spricht in diesem Zusammenhang sogar von der -„Dämonie der Technik“\autocite[Vgl.][11]{blumenberg:schriften-technik}. - -Andererseits, wenn man die Entwicklung der Energie verfolgt, so führen Streike und Proteste in der -Gesellschaft nicht zu einem Rückschritt, nicht zur Abweisung der Atomenergie, sondern zur Suche nach -alternativen Lösungen. Man forscht weiter und schaut, ob man andere Energiequellen finden kann, die -die vorhandenen zumindest teilweise ersetzen können, ohne an Leistung zu verlieren. Das heißt, man sehnt -sich nicht nach der „Rückkehr zu Natur“, sondern man sucht -nach \textit{technischen} Lösungen für die \textit{technischen} Probleme. Das kann zu einem Zirkel führen, -aus dem man vielleicht nicht rauskommen kann: Die vorhandene Technik motiviert zu Entwicklung anderer -Alternativen, die mit der Zeit wiederum Schwächen aufweisen, die wieder technisch ausgeglichen werden müssen -und so weiter. Ich denke, man hofft irgendwann ans Ende zu kommen und eine perfekte Lösung zu finden, die keine -beweinenswerten „Nebeneffekte“ hat. Die Frage, die der Mensch sich heute zu stellen hat, ist -natürlich: Wird es denn irgendwann so sein? Oder ist es nur ein Selbstbetrug und eitle Hoffnung? -Die Antwort, die jeder Mensch auf diese Frage gibt, ist von entscheidender Bedeutung für das Verhältnis des -Menschen zur Natur. Und die Frage selbst ist kaum eine wissenschaftliche Frage, sondern -vielmehr eine ethische und philosophische. - -Interessant ist, welche radikale Stellung Günter Ropohl nimmt. Er schreibt über ein anderes modernes Problem, -das in dem Verhältnis des Menschen und der Technik und Natur ihren Ursprung hat: das ökologische Problem. -Er sieht die Lösung, wie ich oben beschrieben habe, in der weiteren technischen Entwicklung, die nicht nur -zu einer Ausbeutung der Natur für die Menschenzwecke führt, sondern die Natur unter Schutz mit Hilfe der Technik -nimmt, ganz in dem Sinne des Gartens Eden, den der erste Mensch zu pflegen und zu schützen gehabt habe, und -schreibt Folgendes: - -\begin{quote} -Wenn die Gattung Mensch die nunmehr gebotene ökotechnologische Wende nicht vollzieht, wird sie gemäß -ökologischen Prinzipien über kurz oder lang eliminiert werden; dann und nur dann wird es wieder Natur geben. -Wenn jedoch die Menschen die Hege und Pflege des irdischen Ökosystems mit der erforderlichen Konsequenz -vervollkommen, so bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Natur.\autocite[71]{ropohl:aufklaerung} -\end{quote} - - \section{Befreieung oder Versklavung} - -Der Satz im vorherigen Abschnitt, dass die Technik die Entwicklung weiterer Technik -\textit{motivieren} kann, hat eine interessante Struktur. Die Technik wird hier \textit{personifiziert}, -einem unbelebten Gegenstand, einer unbelebten Struktur wird aktives Handeln zugeschrieben. Kann ein Messer -oder ein Handy handeln? Aber das ist eben das, was wir in der letzten Zeit beobachten. Die Technik hat -eine gewisse Autonomie, Eigentendenz. - -Die Technik hat schon im Laufe ihrer gesamten Geschichte geholfen, den Menschen von schwerer Arbeit zu -befreien, dem Menschen ein würdiges Dasein zu gewährleisten. Die Folgen davon kann man in heutiger Zeit -gut beobachten. In den entwickelten Ländern müssen relativ wenige Mensche schwere Arbeiten ausführen, vieles -kann von Maschinen teilweise oder vollständig übernommen werden. Und selbst, wenn die Maschine von mehreren -Menschen gesteuert werden muss, ist eine ganze andere Art der Arbeit, als die Tätigkeit selbst auszuführen. - -Kann man das aber nicht so hinstellen, dass während der Mensch von schwerer Arbeit befreit wird, er von -seinem Befreier abhängig wird? Und das ist nicht nur in dem Sinne, dass wir Instrumente verwenden, die -unser Leben erleichtern, dass wir gewissermaßen unserer Freiheit beraubt werden. Moderne Gesellschaft kennt -neue Arten von Sucht, wie zum Beispiel Spielsucht. Man hört Beschwerden über die jungen Leute, die die -ganze Zeit nur in ihr Handy starren, und keinerlei „reale“ Kontakte mehr haben (wobei ich -mich einer Meinung enthalten möchte, ob solche Beschwerden gerechtfertigt sind). Aber selbst, -wenn man von der individuellen Ebene absieht, schreibt Hans Blumenberg über „eine spezifische -Eigengesetzlichkeit“ eines Machtmittels wie Atomkraft\autocite[Vgl.][13]{blumenberg:schriften-technik}: -„So wie das technische Gebrauchsprodukt Bedarf zu erzeugen vermag, so schafft das technische Machtmittel -mit eigenartiger Automatie auslösende Situationen.“\autocite[13]{blumenberg:schriften-technik} - -Hier stellt sich die Frage, ob ein Messer tatsächlich einen neutralen ethischen Wert hat, und es nur auf den -Menschen ankommt der ihn verwendet, ob er damit nur das Brot schneidet oder noch für andere Zwecke einsetzt, -oder ob ein Messer einen immanenten Wert hat, der zu dessen Benutzung nicht nur für gute Zwecke -herausfordert. - - \section{Gleichheit oder Zerspaltung} - -Ein weiteres von der Technik verfolgtes Ziel ist, die Kluft zwischen sozialen Schichten der -Gesellschaft geringer zu machen. Technische Mittel ermöglichen es, verschiedene Artefakte für -alle Menschen zugänglich zu machen. Zum Beispiel der Buchdruck hat dazu geführt, dass die -Produktionskosten von Büchern stark gesunken sind, und viel mehr Menschen sich den Kauf von -Büchern erlauben konnten. - -Das Beispiel der Bücher ist auch geeignet, wenn man die Bücher als Informationsquelle -betrachtet und zur heutigen digitalen Informationsvermittlung kommt. -Man könnte denken, dass, wenn die Mehrheit der Bevölkerung einen Internetzugang -und einen Computer hat, es allen den gleichen Zugang zu den Informationen automatisch -ermöglichen würde. - -Dem kann man entgegenbringen, dass die Quantität noch nichts über die Qualität sagt, denn -ein Internetzugang noch nichts darüber sagt, wie er genutzt wird. Da die Nutzung der digitalen -Medien immer mehr an Bedeutung gewinnt, zum Beispiel, in der Schule und am Arbeitsplatz, kommt -es dazu, dass einige gesellschaftliche Gruppen noch weiter voran kommen, weil sie mit entsprechenden -technischen Mitteln umgehen können, die anderen darauf nicht zugreifen. So wird die Kluft nicht kleiner, -sondern im Gegensatz größer. Dieses Phänomen ist keine Spekulation, sondern wurde durch Studien -bereits vor etwa 20 Jahren entdeckt und immer wieder bestätigt. Es hat den Namen „digitale -Spaltung“ (Digital divide) bekommen.\autocite[Vgl.][206--221]{filipovic:ungleichheit} - - - \section{Schlussbemerkung} - -Mit diesen wenigen Beispielen habe ich zu zeigen versucht, dass die technische Entwicklung unserer Zeit sehr -schwer nur mit einem „Gut“ oder „Schlecht“ bewertet werden kann. Es stehen immer komplexe -Fragen im Hintergrund, die zwei Seiten haben und wo die goldne Mitte nicht unbedingt einfach zu finden -ist. - -Viele Probleme, die direkt oder nur indirekt von der Wissenschaft und Technik verursacht wurden, sind -gar keine wissenschaftliche und noch weniger technische Fragen, sondern sie berühren solche Bereiche wie -die der Ethik, der Verantwortung und des menschlichen Selbstverständnisses. Sie haben auch eher wenig -Bedeutung für die Wissenschaft oder Technik, dafür aber für die menschliche Existenz, sowohl auf der -individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene. - -Das ist der Grund, warum ich denke, dass eine philosophische Reflexion im Bereich der Technik unentbehrlich -ist. Ich denke, es ist verantwortungslos, alles dem natürlichen Lauf der Dinge zu überlassen, ohne sich -zumindest zu fragen, warum es so geschieht, welche Konsequenzen es haben kann und ob man in einer -bestimmten Lage etwas unternehmen soll oder kann. Wieder wäre es äußerst wichtig, dass eine solche philosophische -Reflexion die moderne Entwicklung nicht bloß dämonisiert oder glorifiziert, sondern möglichst gerecht -und ausgeglichen verläuft, weil sie nur so ernst genommen werden kann, was nicht zu vernachlässigen ist, wenn -die Technikkritik nicht in der Luft hängen oder nur deskriptiv bleiben will, sondern auch etwas aktiv -für die Zukunft bewirken will. - -\begin{quote} -So wäre es eine wichtige Aufgabe für eine Philosophie der Technik an Schule und Hochschule, den zukünftigen -Ingenieuren und Technikern zeigen zu können, wie Grundlagenforschung, angewandte Forschung und Praxis -zusammenhängen, welche Rolle die Arbeit, die Praxis, die gestaltete Technik, die Muße und die Kunst bei -der Konstitution unseres Selbstverständnisses spielen.\autocite[105]{kornwachs:technik} -\end{quote} |
