aboutsummaryrefslogtreecommitdiff
path: root/posts/2026/07/marx-kapital.tex
blob: 50ed6d88c5b5c349b8f754ed3664471164782a93 (plain)
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
---
layout: post
date: 2026-07-25 20:00:00
tags: Aufsatz
title: Das marxsche Kapital. Eindrücke und Überlegungen aus der Perspektive eines Nicht-Ökonomen
teaser: |
  <p>
    <em>Das Kapital</em> ist ein mehrbändiges Hauptwerk von Karl Marx. Marx entwickelt
    Geld- und Werttheorien, spricht über die Entstehung der Kapitalisten-
    und Arbeiterklassen und des Kapitals selbst, unterteilt das Kapital
    in seine Bestandteile und verfolgt genau seine Zirkulation und Akkumulation,
    untersucht sowohl individuelles Kapital einzelner Kapitalisten als auch
    gesellschaftliches Kapital unter verschiedensten Betrachtungswinkeln,
    diskutiert Werke und Ansichten anderer Ökonomen.
  </p>
---
\section{Einführung}

\epigraph{%
	Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten,
	das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; [\dots].
	Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, [\dots], so muß es der
	Zivilisierte, [\dots]. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich
	der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern
	sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. [\dots]. Aber es bleibt
	dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die
	menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre
	Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit
	als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die
	Grundbedingung.
}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[828]{marx:kapital:3}.}

\textit{Das Kapital} ist ein mehrbändiges Hauptwerk von Karl Marx. Marx entwickelt
Geld- und Werttheorien, spricht über die Entstehung der Kapitalisten-
und Arbeiterklassen und des Kapitals selbst, unterteilt das Kapital
in seine Bestandteile und verfolgt genau seine Zirkulation und Akkumulation,
untersucht sowohl individuelles Kapital einzelner Kapitalisten als auch
gesellschaftliches Kapital unter verschiedensten Betrachtungswinkeln,
diskutiert Werke und Ansichten anderer Ökonomen.

Das Werk ist nicht nur als \glqq{}Kritik der politischen Ökonomie\grqq{},
wie der Untertitel des Buches verrät, interessant, sondern auch aus der
geschichtlichen Perspektive. Während der Niederschrift lebte Marx längere
Zeit in England\autocite[Vgl.][843]{marx:kapital:1}, der
\glqq{}klassischen Stätte\grqq{} der kapitalistischen
Produktionsweise\autocite[Vgl.][12]{marx:kapital:1}. Als Beispiele für
verschiedene Phänomene des Kapitalismus hat er öfters die Folgen der
industriellen Revolution für die Arbeiterklasse herangezogen, was die
industrielle Revolution in ein ganz anderes Licht rückt, und sie nicht mehr
als dieses glorreiche Ereignis erscheinen lässt, das den Menschen die Bürde
der schweren Arbeit abgenommen und zahlreiche technische Erfindungen gegeben
hat.\autocite[Vgl.][430f]{marx:kapital:1}

\textit{Das Kapital} eröffnet nicht nur eine neue Sicht auf die Vergangenheit,
sondern gestattet es einem auch in die Zukunft zu blicken. Wer imstande
ist, eine Parallele zwischen der Industrialisierung und Digitalisierung
zu ziehen, wird sehr viel über seine Zukunft erfahren.

Auf den Seiten seiner Bücher finden sich keine Aufrufe zur Handlung, keine
Aufforderungen, Geld und Besitz abzuschaffen o. Ä. \textit{Das Kapital} versucht
kein Manifest, sondern eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der
politischen Ökonomie zu sein, auch wenn Marx sich an der ein oder anderen
Stelle bissigen Spott gegenüber seinen Gegnern erlaubt. Aus dem, was
bemängelt wird, kann durchaus herausgelesen werden, wie gewissen Missständen
entgegengewirkt werden kann, wobei es der Gesetzgeber ist, der die
Arbeiterklasse vor Ausbeutung schützen sollte.

\section{Grundelemente}

\epigraph{%
	Um von Zufuhr von Kapital zu sprechen, müssen wir vor allem wissen, was
	Kapital ist. Woraus besteht das Kapital? Nehmen wir seine einfachste
	Erscheinung: aus Geld und Waren.
}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[871]{marx:kapital:3}.}

Ein Kapitalist ist nicht bloß ein Schatzbildner\autocite[Vgl.][168]{marx:kapital:1},
sondern \glqq{}personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes
Kapital\grqq{}\autocite[168]{marx:kapital:1}. Das heißt, das Kapital
verselbständigt sich und verfolgt seinen eigenen Zweck, \glqq{}und der
Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst
verwertender Wert\grqq{}\autocite[329]{marx:kapital:1}. Das Ergebnis
dieser Verwertung ist seine Vermehrung.

Ein wichtiges Merkmal des Kapitals ist also, dass es nicht in einer Schatztruhe
brachliegt, sondern sich ständig bewegt und seine Form ändert. Geld verwandelt
sich durch einen Kauf in Waren. Bestimmte Warensorten, wie Arbeitsmaschinen und
Rohstoffe, verwandeln sich mittels Produktion in andere Waren, welche sich
wiederrum in einer Verkaufsaktion in Geld transformieren
lassen.\autocite[Vgl.][161ff]{marx:kapital:1}

\subsection{Konstantes Kapital und variables Kapital}

Zunächst unterscheidet Marx zwischen dem konstanten und variablen Kapital:

\begin{quote}
	Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d. h. in
	Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine
	Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten
	Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital.

	Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen
	seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent
	und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder
	kleiner sein kann. [\dots]. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil,
	oder kürzer: variables Kapital.\autocite[224]{marx:kapital:1}
\end{quote}

Konstantes Kapital sind Arbeitsmittel und Rohstoffe. Im Produktionsprozess
sind das Maschinen, die für die Herstellung einer Ware verwendet werden,
Rohstoffe, aus denen Gegenstände hergestellt werden, aber auch
gemietete oder gekaufte Arbeitsräume, oder auch Transportmittel, ob in
der Produktion oder beim Verkauf.

Variables Kapital sind die Arbeitskräfte bzw. der ausgezahlte Arbeitslohn.

Diese Unterscheidung zwischen konstantem und variablem Kapital ist für Marx
entscheidend. Wenn ich eine Ware auf den Markt bringen will, rechne ich mit
gewissen Produktionskosten. Das Kapital, das ich in der Produktion der Ware
aufbrauche, macht den Preis der Ware aus. Deswegen sind einfach zu
produzierende Waren günstiger, während aufwendig zu produzierende oder
hochwertige Waren teurer sind. Das ist nur das Grundgerüst der Wertbildung.
Es ist Marx durchaus klar, dass noch weitere Faktoren in die einzelnen Preise
eingehen, weswegen er auch unterschiedliche Begriffe wie Markt- und
Produktionspreise verwendet, was im dritten Band behandelt
wird.\autocite[Vgl.][182ff]{marx:kapital:3} Nun, wenn der Käufer mir nur die
Produktionskosten erstattet, wie profitiere ich von diesem Geschäft (selbst wenn
der bezahlte Preis geringfügig über oder unter meinen Produktionskosten liegt)?
Am konstanten Kapital kann ich nicht sparen: Ich kaufe Rohstoffe und
Arbeitsmaschinen bei anderen Kapitalisten und zahle die üblichen Marktpreise.
Aber vielleicht kann ich nur einen Teil der lebendigen Arbeit, die in die Ware
eingeht, bezahlen, während ich mir die unbezahlte Arbeit aneigne. Die unbezahlte
Arbeit bildet hier den \textit{Mehrwert}, der die primäre Quelle meines Profits ist.

Und das ist der Kern der marxschen Kritik des Kapitalismus. Der Arbeiter, dessen
Arbeit in den Warenwert eingeht, wird nur teilweise entlohnt. Einen Teil des Lohns,
der rechtmäßig dem Arbeiter gehört, behält der Kapitalist. Dabei bedient sich der
Kapitalist aller möglichen Tricksereien um den Arbietslohn niederzudrücken. Aber
die Hauptmethode ist die Monopolisierung der Produktionsmittel. Wenn der Arbeiter
nicht im Besitz der Produktionsmittel ist, die er braucht, um arbeiten zu können,
ist er gezwungen unter suboptimalen Bedingungen für den Kapitalisten zu arbeiten,
nur um sich ernähren zu können: \glqq{}Man hat gesehn, daß es die beständige Tendenz
und das Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise ist, die
Produktionsmittel mehr und mehr von der Arbeit zu scheiden und die zersplitterten
Produktionsmittel mehr und mehr in große Gruppen zu konzentrieren, also die Arbeit
in Lohnarbeit und die Produktionsmittel in Kapital zu
verwandeln\grqq{}\autocite[892]{marx:kapital:3}.

Ferner wird das konstante Kapital in fixes und zirkulierendes Kapital unterteilt:

\begin{quote}
	Während seiner ganzen Funktionsdauer [als ein Teil des konstanten Kapitals]
	bleibt ein Teil seines Werts stets in ihm fixiert, selbständig gegenüber den
	Waren, die es produzieren hilft. Durch diese Eigentümlichkeit erhält dieser
	Teil des konstanten Kapitals die Form: \textit{Fixes Kapital}. Alle andern
	stofflichen Bestandteile des im Produktionsprozeß vorgeschoßnen Kapitals
	dagegen bilden im Gegensatz dazu: \textit{Zirkulierendes} oder \textit{flüssiges}
	Kapital.\autocite[159]{marx:kapital:2}
\end{quote}

Hier wird differenziert, wie konstantes Kapital seinen Teil des Werts einer Ware
bildet. Zirkulierendes Kapital wird in der Produktion konsumiert und geht vollständig
in die Ware über, wie Rohstoffe, aus denen ein Produkt hergestellt wird. Fixes
Kapital hat eine eigenständige, von der Ware unabhängige Existenz, überträgt aber
einen Teil seines Werts auf die Ware; es wird schrittweise aufgebraucht.

Bei der Anfertigung eines Hemdes sind Stoffe, Fäden und Knöpfe zirkulierendes
Kapital, weil das Material, das für ein Hemd notwendig ist, vollständig
aufgebraucht wird. Selbst wenn kleinere Stoffreste überigbleiben und
weggeschmissen werden, so ist es doch einkalkuliert, dass nicht jeder
Zentimeter physisch zu einem Teil des Hemdes wird. Die Rede ist von einem
vollständigen Übertragen des Wertes.

Um Stoffe, Fäden und Knöpfe in ein Hemd zu verwandeln, sind Werkzeuge notwendig:
u. a. eine Nähmaschine, ein Bügeleisen. Natürlich werden aber diese Werkzeuge
nicht in der Produktion aufgebraucht. Sie können verwendet werden, um viele weiteren
Hemden herzustellen. Andererseits sind diese Werkzeuge nicht ewig und müssen
irgendwann ersetzt werden. Der Kauf und die Pflege (z. B. Reparaturen) solcher
Werkzeuge werden zu einem Wertteil der von ihnen produzierten Waren, aber
sie übertragen ihren Wert auf die Waren stufenweise, was sie zu fixem Kapital
macht.

Und das Bindeglied zwischen dem Werkzeug und Rohstoff ist der Arbeiter, der die
Maschinen bedient. Seine Arbeit fließt in den Wert der Ware als variables
Kapital ein.

\section{Kapitalismus heute}

\subsection{Verwechslung des Kapitalismus mit Sozialismus}

Einige Kritiker der modernen sozialen Ordnung verweisen zwar zurecht auf
Probleme, wie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und allgemeine
Verarmung der Bevölkerung, schieben aber gerne anderen die Schuld in die
Schuhe. Eigentlich sei der Kapitalismus so großartig und mache alle reich
und wohlhabend, aber die bösen Sozialisten oder Kommunisten hätten die Macht
ergriffen und würden den gemeinen Mann enteignen. Die erste Frage, die aufkommt,
ist: Woher kommt der Sozialismus oder Kommunismus in dieses blühende
kapitalistische Paradies? Nach einer kurzen Zeit der Prosperität geht die
Wirtschaft zunehmend den Bach runter, das Reichtum konzentriert sich in den
Händen weniger Monopolen (Kapitalisten), während andere verarmen und immer
mehr schuften müssen; aber schuld daran soll der Sozialismus sein, und nicht
das, was dazu geführt hat, nämlich die kapitalistische Produktionsweise? Und
selbst wenn sozialistische Stimmungen stärker werden, dann nicht, weil Menschen
so glücklich in ihrer Lebenssituation sind.

Liebend gern wird immer die gleiche Geschichte erzählt, wie man den
Sozialismus und Kommunismus versucht habe zu verwirklichen, und wie es in der
Praxis scheiterte. Ein Glück, dass der Kapitalismus auf lange Sicht immer so gut
funktioniert, dass Menschen so sehr verzweifeln, dass sie bereit sind, das
ganze System zu stürzen.

Diese Wirtschaftsmodelle funktionieren gleich schlecht, weil sie im Endeffekt
an der Korruptheit der leitenden Kräfte scheitern. Im Sozialismus wäre es die
Regierung, die das soziale System regulieren sollte, aber ihre Macht
missbraucht, um die eigene Clique auf Kosten der Arbeiterklasse zu
bereichern. Im Kapitalismus kommt eine kleine Klasse mit Gewalt an das
ursprüngliche Kapital, dass sich dann immer weiter akkumuliert, indem
es den anderen die Lebenskraft aussaugt.

\begin{quote}
	Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z. B. das
	Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die konzentrierte
	und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß
	der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu
	fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer
	jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger
	geht.\autocite[779]{marx:kapital:1}
\end{quote}

Auch hier spielen die Regierenden eine entscheidende Rolle, weil sie die
Möglichkeit haben, diese Mächte im Austausch für eine Gegenleistung durch
die Gesetzgebung oder ihr politisches Agieren zu begünstigen.\@ \glqq{}Aber
der Krieg läßt sich nicht schlecht an. Bis alle Länder drin sind, kann er
vier, fünf Jahr dauern wie nix. Ein bissel Weitblick und keine Unvorsichtigkeit,
und ich mach gute Geschäft.\grqq{}\autocite[20]{brecht:courage}

Auf welchem Planeten wohl die Libertären leben, die von den Märkten, die
sich selbst regulieren, faseln.

\subsection{Digitalisierung und kapitalistische Produktionsweise}

\epigraph{%
	An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren
	Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den
	Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt
	sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden
	und sich durchsetzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land
	zeigt dem minder etwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.
}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[12]{marx:kapital:1}.}

Eines der Aspekte der kapitalistischen Produktion ist die Aneignung der
Produktionsmittel, die aus dem Besitz der Arbeiterklasse an die
Kapitalistenklasse übertragen werden. Das heißt, um Garn zu produzieren,
brauche ich neben der Baumwolle einen Webestuhl oder eine industrielle
Spinnmaschine. Einen Webestuhl kann ich mir leisten, aber die Garnproduktion
ist viel langsamer als mit Verwendung einer Maschine, sodass ich nicht
genug produziere, damit ich davon leben kann. Andererseits sind die Maschinen
im Besitz einer Handvoll Menschen, für die ich gezwungen bin
zu arbeiten, selbst wenn die Entlohnung miserabel ist, weil ich sonst
nicht konkurrenzfähig wäre: \glqq{}Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das
Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der
zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit
zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu
produzieren, [\dots]\grqq{}\autocite[250]{marx:kapital:1}.

Die Maschinerie erlaubt es dem Kapitalisten, den Arbeiter an sich zu binden.

In einer digitalisierten Gesellschaft findet die Computertechnik direkt oder
indirekt Anwendung in vielen Arbeitsbereichen und Berufen. Und seit einiger Zeit
lässt sich das Bestreben feststellen, die Nützlichkeit der Computer für den
einzelnen Anwender zu verringern und die Anwender stattdessen von der Computertechnik
der IT-Giganten abhängig zu machen.

Es hat damit angefangen, dass immer mehr Software-Anbieter zu Abonnement-Modellen
wechselten. Das heißt, die Software wird nicht gekauft und kann dann uneingegrenzt
genutzt werden, sondern die Software wird gegen eine regelmäßige Gebühr ausgeliehen
und kann genutzt werden, nur solange die Gebühr gezahlt wird. Selbst die Version, die
ursprünglich bezahtl wurde, wird unbrauchbar. Man zahlt nicht dafür, dass an der
Software gearbeitet und sie aktualisiert wird, sondern für ein Nutzungsrecht.

Wenn die Software einmal erfolgreich ist, kann nicht nur sie selbst, es können
auch Zusatzfunktionen separat nach dem gleichen Prinzip angeboten werden.

Öfters wird die Software auch nicht mal auf dem eigenen Rechner des Anwenders
installiert, sondern kann nur in der \glqq{}Cloud\grqq{}, über das Internet, genutzt
werden. Der Anwender ist in diesem Fall komplett von der Gnädigkeit der
Software-Betreiber abhängig. Der Betreiber kann immer weiter Preise anheben
oder Bestandteile seines Produkts kostenpflichtig machen, ohne befürchten zu müssen,
viele Kunden zu verlieren, weil diese entweder keine Alterantive kennen oder 
ein Umstieg einmalige Kosten verursachen würde, die der Kunde nicht tragen
will (Mitarbeiterschulung, Datenmigration).

Wenn die Software dem Besitz des unmittelbaren Anwenders entrissen werden kann
(sei es eine Privatperson oder ein Unternehmen), kann die Hardware folgen. An
sich ist die Vermietung der Hardware nicht neu. Als Betreiber eines Internet-Dienstes
hat man besondere Anforderungen an Hardware und Erreichbarkeit eines
Server-Systems, die außerhalb eines Rechenzentrums nicht erfüllt werden können:
Stromversorgung muss rund um die Uhr gesichert sein, die Internetverbindung
ohne Unterbrechungen funktionieren, Hardware muss redundant sein, damit im Fall
eines Ausfalls einer Komponente das System weiterhin funktioniert. Inzwischen
sind aber die Preise auf einige der grundlegenden Computerkomponenten so gestiegen,
zunächst auf Grafikkarten, dann RAM und Datenträger, dass ein leistungsstarkes
Computersystem immer kostenspieliger wird.

Während die Endverbraucher-Hardware teurer wird, wird die Software ineffizienter
und hat höhere Systemanforderungen. Niklaus Wirth hat das sogenannte Wirthsche Gesetz
formuliert:

\begin{quote}
\begin{itemize}
	\item Software expands to fill the available memory. (Parkinson)
	\item Software is getting slower more rapidly than hardware becomes
		faster. (Reiser)\autocite[64]{wirth:plea}
\end{itemize}
\end{quote}

In \glqq{}A Plea for Lean Software\grqq{} spricht Wirth die Problemathik
der Komplexität der Software an und wie diese mit dem Profit der IT-Unternehmen
zusammenhängt: \glqq{}Customer dependence is more profitable than customer
education.\grqq{}\autocite[65]{wirth:plea} Statt eines Produkts, das auf einem
systematischen Konzept basiert, das erlernt werden kann, wird ein Produkt
entwickelt, das versucht, jeden einzelnen Anwendungsfall mit einer
Spezialfunktion abzudecken.\autocite[Vgl.][65]{wirth:plea} Neue Funktionen
kommen unkontrolliert hinzu mit allen Folgen wie Performanzprobleme und
Sicherheitslücken, aber sie machen den Kunden von dieser konkreten Software
abhängig.

Und der Höhepunkt dieser Tendenz, \glqq{}Personal Computer\grqq{} unpersönlich
zu machen, ist natürlich die Bestrebung, überall Large Language Models
(LLM) aufzuzwigen. Für diese Diskussion ist es irrelevant, ob LLMs eine Zukunft
haben oder nicht. Aktuell werden sie als Zukunftstechnologie beworben, die den Mitarbeiter
effizienter mache (oder entbehrlich, wenn die Zielgruppe der Werbung
Unternehmensführung ist). Es wird gerne mit der menschlichen Angst
gespielt: wer LLMs nicht nutze, sei nicht produktiv, und wer es nicht lerne,
bleibe zurück.

Heute gängige LLMs müssen an einer riesigen Menge Daten trainiert werden und brauchen
enorme Ressourcen, um nützlich zu sein, was viele Rechenzentren erforderlich macht, die sich
nur wenige IT-Giganten leisten können. Also profitieren die letzteren von einer
Arbeitswelt (eigentlich einer Lebenswelt), wo niemand seine Arbeit ausüben kann,
ohne in jedem Schritt ein LLM konsultieren zu müssen. Denn LLMs scheinen ihre
Anwender abhängig zu machen, -- wer sie ständig für eine bestimmte Aufgabe
verwendet, wird diese Aufgabe nicht mehr selbständig, ohne die LLM erfüllen können.

Das ist wahrhaftig die Übetragung der Produktionsmittel in die Hände einiger weniger,
welche auf diese Weise dazu befähigt werden, die Arbeiterklasse auszubeuten,
die auf diese Mittel angewiesen ist.

\subsection{Arbeitsmoral des Kapitalismus}

Um mehr Mehrarbeit und Mehrwert aus den Arbeitern herauszuschlagen kann einerseits
der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung vergrößert werden (siehe \glqq{}Aneignung
zuschüssiger Arbeitskräfte durch das Kapital. Weiber- und
Kinderarbeit\grqq{}\autocite[Vgl.][416ff]{marx:kapital:1}). Bei einer gegebenen
Arbeiterzahl kann dann \glqq{}Verlängerung des
Arbeitstags\grqq{}\autocite[Vgl.][425ff]{marx:kapital:1} und \glqq{}Intensifikation
der Arbeit\grqq{}\autocite[Vgl.][431ff]{marx:kapital:1} angestrebt werden.
In die moderne Sprache übersetzt, heißen diese 3 Wege zur Exploitation der Arbeitskraft:

\begin{enumerate}
	\item Gleichberechtigung
	\item Viel arbeiten
	\item Produktiv sein
\end{enumerate}

Und hier wird deutlich, woher die Wertvorstellungen stammen, die den modernen
Menschen von klein auf beigebracht werden. Billionäre erzählen denen, die nur
Brotkrümel von ihres Herren Tisch sammeln, dass jeder reich, berühmt und
erfolgreich werden könne, wenn er nur viel und fleißig arbeite. An jeder Ecke
wird für Methoden und Hilfsmittel, eigene Produktivität zu steigern, geworben.

\section{Rückblick}

Amerikaner sprechen heute gerne vom \glqq{}late-stage capitalism\grqq{}. Ich
finde diesen Begriff irreführend, weil der Abgrund, in den die
Gesellschaft blickt, leider noch um einiges tiefer sein könnte. Marx betrachtet
den Kapitalismus nicht zu jeder Zeit als einen monotonen Prozess. Entwickelte
kapitalistische Produktion ist gekennzeichnet durch regelmäßig wiederkehrende
Krisen, \glqq{}worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung,
mittleren Lebendigkeit, Überstürzung, Krise
durchmacht\grqq{}\autocite[185f]{marx:kapital:2}. Die Produktion wird
gesteigert, bis der Markt überfüllt ist, und die Produktion unter die vorher
erreichte Stufe sinkt; Ab dieser Stufe entwickelt sie sich weiter, bis
es wieder in die Überproduktion mündet.\autocite[Vgl.][506f]{marx:kapital:3}
Ein anderes Beispiel:

\begin{quote}
Nach demselben [ökonomischen Dogma] steigt infolge
der Kapitalakkumulation der Arbeitslohn. Der erhöhte Arbeitslohn spornt zur
rascheren Vermehrung der Arbeiterbevölkerung, und diese dauert fort, bis der
Arbeitsmarkt überfüllt, also das Kapital relativ zur Arbeiterzufuhr unzureichend
geworden ist. Der Arbeitslohn sinkt, und nun die Kehrseite der Medaille. Durch
den fallenden Arbeitslohn wird die Arbeiterbevölkerung nach und nach dezimiert,
so daß ihr gegenüber das Kapital wieder überschüssig wird, [\dots]. So tritt
wieder das Verhältnis ein, worin die Arbeitszufuhr niedriger als die
Arbeitsnachfrage, der Lohn steigt usw.\autocite[Vgl.][667]{marx:kapital:1}
\end{quote}

Andererseits schreibt der Herausgeber von \textit{Das Kapital}, Friedrich
Engels, dass diese periodische und temporäre Krisenbildung nicht ewig
andauert und früh oder spät in eine permanente chronische Krise umschlägt:
\glqq{}Der zehnjährige Zyklus von Stagnation, Prosperität, Überproduktion und
Krise, der von 1825 bis 1867 immer wiederkehrte, scheint allerdings abgelaufen
zu sein; aber nur um uns im Sumpf der Verzweiflung einer dauernden und
chronischen Depression landen zu lassen. Die ersehnte Periode der
Prosperität will nicht kommen; [\dots].\grqq{}\autocite[4]{marx:kapital:1}

Selbst wenn nicht jedes Element der marxistischen Theorie plausibel zu sein
scheint, fasziniert es einen zu sehen, wie viele der von Marx beschriebenen
Erscheinungen auch heute noch aktuell sind, wenn man sich vom geschichtlichen
Kontext, in dem \textit{Das Kapital} steht, abstrahiert. So bleibt Marx'
Warnung an seine Zeitgenossen über das Wesen des Kapitalismus auch für deren
Nachfolger gültig. Und genauso wie seine Zeitgenossen werden auch deren
Nachfolger sich über ihn lustig machen und diese Warnung ignorieren, bis sie
eines Tages auf die Nase fallen.