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diff --git a/themes/posts/2015/01/zum-77-geburtstag-von-w-wyssozki.tex b/themes/posts/2015/01/zum-77-geburtstag-von-w-wyssozki.tex deleted file mode 100644 index 15fcbfc..0000000 --- a/themes/posts/2015/01/zum-77-geburtstag-von-w-wyssozki.tex +++ /dev/null @@ -1,30 +0,0 @@ ---- -layout: post -date: 2015-01-25 05:22:00 -tags: Übersetzung -title: Zum 77. Geburtstag von W. Wyssozki -teaser: | - <p> - Wyssozki sang uns mal mit Kraft,<br> - wie's in den Bars und Kirchen.<br> - Dass er nicht mehr gesehen hat,<br> - wie Menschen heute stinken! - </p> - <p> - Ich sag' euch: Sein Zigeunerlied... kann ich ewig hören.<br> - Nichts ist so, so wie es soll! Das kann ich, Freunde, schwören. - </p> ---- -Wyssozki sang uns mal mit Kraft,\\ -wie’s in den Bars und Kirchen.\\ -Dass er nicht mehr gesehen hat,\\ -wie Menschen heute stinken! - -Ich sag’ euch: Sein Zigeunerlied… kann ich ewig hören.\\ -Nichts ist so, so wie es soll! Das kann ich, Freunde, schwören. - -\textit{Juri Julianowitsch Schewtschuk (DDT)} - -Es mag sein, dass ich bei der Übersetzung den Akzent von einer bedauernswerten -Situation zu sehr auf die Menschen verschoben habe, aber sie sind schließlich -das, worum es Wyssozki so oft geht. diff --git a/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich.tex b/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich.tex deleted file mode 100644 index 0099ae5..0000000 --- a/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich.tex +++ /dev/null @@ -1,586 +0,0 @@ ---- -layout: post -date: 2015-04-22 04:06:00 -tags: Aufsatz -title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 1. Die Geburt der Tragödie -teaser: | - <p> - Wie soll man mit einer Welt, aus der Gott ausgetrieben wurde und die Idee - einer sinnvollen Schöpfung erschüttert wurde, zurechtkommen? Wie soll man - das Leben in einer säkularisierten, von jeglichem Sinn befreiten Welt - ertragen, in einer Welt voller Grausamkeit, Demütigung, Verrat und Leid, in - einer Welt, wo alles Leben zum sinnlosen Sterben verurteilt ist? Auf der - Suche nach einer Antwort gelangt Nietzsche zur Kunst. In der Kunst offenbart - sich die menschliche Schaffenskraft, vielleicht kann sie einen wesentlichen - Beitrag zum Leben leisten. - </p> ---- -\subsection{Einleitung} - -\epigraph{% -[D]ie Kunst ist lang,\\ -Und kurz ist unser Leben.} -{\textbf{Faust I\\Johann Wolfgang von Goethe}\footcite[20]{faust}} - -Heutzutage wird oft und intensiv über die Fortschritte der Wissenschaft -gesprochen. Vieles, ohne was der moderne Mensch sein Leben nicht mehr vorstellen -kann, verdankt er den wissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Zeit. Die -Technik, die entwickelt wird, soll mehr Komfort in die Existenz des modernen -Menschen bringen, sein Leben einfacher, erträglicher machen. Wenn man einen -Blick in die Vergangenheit wirft, kann man sich schwer vorstellen, wie man vor -einiger Zeit ohne Elektrizität und Maschinen leben konnte. Armut und schwere -Arbeiten scheinen das Joch zu sein, unter dem das Leben zum Leid wird. Die -industrielle Entwicklung, Instrumentalisierung der Forschungsergebnisse, -Erschaffung der Maschinen haben dazu verholfen, dass diese Probleme gelöst -wurden und das Leben auf ein anderes Niveau erhoben wurde. - -In Friedrich Nietzsches Aufzeichnungen aus den Jahren 1882–1883 findet sich -ein Satz, der einen wissenschaftlichen Fortschritt zu einem Rückschritt macht: -„Der wissenschaftliche Mensch hat Ein Loos mit dem Seildreher: er spinnt seinen -Faden länger, geht aber dabei selber — rückwärts.“\footcite[105]{nietzsche:fragmente} -Man bekommt den Eindruck, dass diese Aussage der Erfahrung unserer Zeit blind -widerspricht. Wenn man jedoch das menschliche Glück nicht auf einen materiellen -Luxus reduziert und in die Tiefe des menschlichen Seins schaut, wird man -feststellen müssen, dass die eigentliche Problematik des menschlichen Seins von -der Wissenschaft nicht einmal berührt wird. Die Tatsache, dass manche Mitglieder -moderner Gesellschaften psychologische Unterstützung brauchen oder sich sogar -das Leben nehmen, zeigt eine tiefe Verzweiflung dieser Menschen am Leben, die -zwar nicht immer gleich zu sehen ist, über die man aber nicht einfach -hinwegschauen kann. Einem scheint etwas zu fehlen, ein Ziel, für welches man -kämpfen kann. Wissenschaft kann aber diese geistliche Lücke nicht mit Inhalt -füllen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist negativer Natur, die erschafft nichts -Neues, sondern strebt an, das Vorhandene, die bereits gegebene Welt, zu -analysieren. Es wird nichts Positives, absolut Neues erschaffen. Was aber ein -Mensch braucht, um seine Existenz als sinnvoll zu erfahren, ist etwas Neues, ein -Lebenssinn, etwas, was nicht in der materiellen Gegebenheit gefunden werden kann. -Was die Sinngebung betrifft, kann man deswegen, wenn auch nicht von einem -Rückschritt sprechen, so doch sagen, dass die Wissenschaft sich in dieser -Hinsicht nicht von der Stelle rührt. Eine solche existenzielle Problemstellung -kann aber philosophisch angegangen werden, da man philosophische Fragestellungen -nicht auf die wissenschaftlichen reduzieren kann. Nietzsche sieht die Versuche, -die seit Kant unternommen werden, Philosophie nur als eine Wissenschaft zu -verstehen, als eine Fehlentwicklung. So nimmt er 1884 Bezug auf die deutsche -Universitätsphilosophie: „Wenn Kant die Philosophie zur ‚Wissenschaft‘ reduzieren -wollte, so war dieser Wille eine deutsche Philisterei: an der mag viel Achtbares -sein, aber gewiß noch mehr zum Lachen.“\footcite[133]{nietzsche:fragmente} - -Dieses Verhältnis von der Philosophie und Wissenschaft wird sehr oft auf den -Kopf gestellt: Alles Philosophieren sei ein sinnloses Unternehmen, Philosophie -beschäftige sich mit Fragen, die nicht beantwortet werden können, es gebe seit -mehr als zwei Jahrtausenden keinen Fortschritt. Klaus Kornwachs schreibt: -„Philosophie stellt seit zwei Jahrtausenden Fragen und die Antwortversuche -stellen ihre Geschichte dar.“\footcite[7]{kornwachs:technik}Und die -gestellte Frage ist bereits ein Schritt nach vorne. - -Friedrich Nietzsche war sich dieser existenziellen Problematik sehr wohl bewusst, -ihm war es auch klar, dass für die von der Wissenschaft entzauberte Welt die -bisherigen Antwortversuche nicht mehr zufriedenstellend waren. Im Herbst 1881 -ruft er aus: „Wie tief-fremd ist uns die durch die Wissenschaft entdeckte -Welt!“\footcite[97]{nietzsche:fragmente} Wie soll man mit einer Welt, aus -der Gott ausgetrieben wurde und die Idee einer sinnvollen Schöpfung erschüttert -wurde, zurechtkommen? Wie soll man das Leben in einer säkularisierten, von -jeglichem Sinn befreiten Welt ertragen, in einer Welt voller Grausamkeit, -Demütigung, Verrat und Leid, in einer Welt, wo alles Leben zum sinnlosen Sterben -verurteilt ist? - -Auf der Suche nach einer Antwort gelangt Nietzsche zur Kunst. Er bemüht sich -sogar aus seinem eigenen Leben ein Kunstwerk zu erschaffen: „Der junge Nietzsche, -der auf der inneren Bühne der Tagebücher dem eigenen Leben Bedeutung verleihen -möchte, bewundert jene Genies, die nicht nur nach innen, sondern auch fürs -Publikum zu Darstellern ihres Selbst, zu Autoren des eigenen Lebens werden -konnten.“\footcite[25]{safranski:biographie} In der Kunst offenbart sich -die menschliche Schaffenskraft, vielleicht kann sie einen wesentlichen Beitrag -zum Leben leisten. - -Nietzsches Haltung zur Kunst war im Laufe seines Lebens bei weitem nicht -konstant. Er revidierte und entwickelte seine Ansichten weiter. Alles fängt -dennoch mit dem am 2. Januar 1872\footcite[Vgl.][11]{ries:geburt} -erschienenen Buch „Die Geburt der Tragädie aus dem Geiste der Musik“ an, das -„innerhalb seines Gesamtwerkes eine herausragende -Position“\footcite[11]{ries:geburt} einnimmt. - -\subsection{Die Geburt der Tragödie} - -Im Bezug auf „Die Geburt der Tragödie“ spricht Wiebrecht Ries von der Geburt -Nietzsches Philosophie, die sich in diesem Buch ereignet.\footcite[7]{ries:geburt} -Es ist aber bemerkenswert, dass das kein philosophisches Werk, sondern ein -philologisches ist. Nietzsche wurde früh ohne Promotion und Habilitation als -Professor für klassische Philologie berufen und hatte die Absicht, mit einer -schriftlichen Arbeit zu beweisen, dass er seine Berufung verdient -hat.\footcite[Vgl.][52]{safranski:biographie} Trotzdem scheint Nietzsche sich -mit der Zeit immer mehr der Philosophie zuwenden zu wollen. So bewirbt er sich -vermutlich im Jahre 1871 um Lehrstuhl für Philosophie in -Basel.\footcite[Vgl.][183]{hayman:biographie} Diese innere Spannung, in der -er sich damals befand, spiegelt sicht auch in der „Geburt der Tragödie“ wider. -So, während Ronald Hayman hervorhebt, dass das Werk „unbestritten brillant“ sei, -charakterisiert er es zugleich als „die Mischung von Philosophie und -dichterischen Parodoxon mit der klassischen Philologie“.\footcite[183]{hayman:biographie} - -Nicht nur Nietzsches Kritiker heben die Bedeutung der „Geburt der Tragödie“ -hervor,\footcite[Vgl.][12]{ries:geburt} sondern auch Nietzsche -selbst kommt in seinen späteren Jahren immer wieder auf sein Erstlingswerk -zurück. 1886 läßt er eine zweite Ausgabe erscheinen, wobei wenn die -ursprüngliche Überschrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ -lautete, die Neuausgabe mit dem Titel „Die Geburt der Tragödie. Oder: -Griechenthum und Pessimismus“ versehen wurde.\footcite[Vgl.][326]{groddeck:geburt-in-ecce} -Außerdem wurde der zweiten Ausgabe noch eine Vorrede, die mit „Versuch der -Selbstkritik“ betitelt wurde, vorangestellt.\footcite[Vgl.][11--22]{nietzsche:geburt} -Eine weitere Reflexion Nietzsches über sein Frühwerk findet man in „Ecce homo“ -im Kapitel „Die Geburt der Tragödie“.\footcite[Vgl.][309--315]{nietzsche:ecce-homo} -Unabhängig davon, wie man diese Bezugnahmen Nietzsches auf seine erste Schrift -bewertet, scheint sie für ihn niemals ganz an Bedeutung verloren zu haben. - -Wie der Titel des Buches unschwer erraten lässt, handelt es sich um die Geburt -beziehungsweise Entstehung der Tragödie und zwar der griechischen. Nietzsche -greift aus der griechischen Mythologie zwei Gottheiten heraus, die zwei -grundlegende Mächte des Seins symbolisieren, und entwickelt seine Theorie von -dem Aufstieg und Niedergang der attischen Tragödie: „An ihre [der Griechen] -beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntnis, dass -in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, -zwischen Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der -Musik, als der des Dionysus, besteht“.\footcite[25]{nietzsche:geburt} - -\subsubsection{Zwei Vorträge über die griechische Tragödie} - -„Die Geburt der Tragödie“ ist nicht die erste Arbeit, in der sich Nietzsche mit -dem dort behandleten Themenspektrum auseinandersetzt. 1870 hat Nietzsche zwei -Vortrage in Baseler Museum gehalten: einen am 18. Januar über „Das griechische -Musikdrama“ und den anderen am 1. Februar über „Socrates und die griechische -Tragödie“.\footcite[Vgl.][29 f]{ries:geburt} „In ihnen ist die -Gesamtkonzeption der Tragödienschrift bereits vorgebildet, die Entstehungs- und -Verfallstheorie der Tragödie im Rahmen des Verhältnisses von Kunst und -Kultur.“\footcite[29]{ries:geburt} - -Im Vortrag „Das griechische Musikdrama“ entwickelt Nietzsche in Anlehnung an ein -Werk der zeitgenössischen Altphilologie, „Geschichte der griechischen Literatur“ -von Karl Otfried Müller, die Auffassung, dass die griechische Tragödie aus dem -Dionysoskult entstanden ist. Dionysische Feste treiben die feiernden Menschen -bis zum Exzess, ins Maßlose, sodass principium individuationis durchbrochen wird -und der Mensch sich als Individuum in der Menge verliert und sich in ihr auflöst. -Wie in einem ekstatischen Rausch glauben die dionysischen Schwärmer, die dieses -Ganze, diese verschmolzene Einheit bilden, dieselben Visionen zu sehen. Am Ende -eines Festes kommt allerdings die Zeit, dass alle wieder ihre alte Gestalt -annehmen. Und für dieses Stadium hatte der Grieche die Tragödie nötig, die das -Ritual war, das den Übergang in die Vereinzelung weniger gefährlich -machte.\footcite[Vgl.][52 f]{safranski:biographie} - -Der oben geschilderte Vorgang dionysischer Feste ist die Grundlage oder Urbild -dessen, was im griechischen Musikdrama geschieht. Nietzsche sieht die -Festlichkeit als Bestandteil der Kunst überhaupt, so notiert er 1880: - -\begin{quote} -„Einstmals muß die Kunst der Künstler ganz in das -Festebedürfniß der Menschen aufgehen: der einsiedlerische und sein Werk -überhauptausstellende Künstler wird verschwunden sein: sie stehen dann in der -ersten Reihe derer, welche in Bezug auf Freuden und Feste erfinderisch -sind.“\footcite[58]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Das entscheidende Element des attischen Theaters ist der Chor, der ursprünglich -der Satyrchor war. Während die Helden, die den dionysischen Schwärmern entstammen, -auf der Bühne untergehen, bleibt der Chor immer bestehen, sodass die Helden als -eine Vision des Chors vorgestellt werden. Das Singen des Satyrchors, die Musik, -erzeugt also die Stimmung eines dionysischen Festes, in der die Menschen -miteinander verschmelzen, und auch das Publikum wird von der Gewalt der Musik -verschlungen. Die Protagonisten lösen sich aus dem Chor und, indem sie als -Einzelne auftreten, erzeugen sie „lebende -Dissonanz“,\footcite[Vgl.][54]{safranski:biographie} wonach sie wieder im Chor aufgehen. - -Das wesentliche Element der griechischen Tragödie sieht Nietzsche demzufolge in -der Musik. Rüdiger Safranski bemerkt in diesem Zusammenhang, dass die Tragödie -das Verhältnisbvon Musik und Wort symbolisiert: „Das Wort ist Mißverständnissen -und Fehldeutungen preisgegeben, es kommt nicht aus dem Innersten und es reicht -nicht bis dorthin.“\footcite[54]{safranski:biographie} Es ist also -die Musik, die uns die Erkenntnis über die innersten Strukturen der Welt -erschließt und nicht das Wort, nicht der Logos. Der Protagonist, der mit Worten -operiert, geht im singenden Chor auf. Aus diesem Gedanken über die Macht der -Musik über dem Wort fließt unmittelbar die Idee des zweiten Vortrages über -„Socrates und die griechische Tragödie“. Sokrates war bekanntlich derjenige, der -den Menschen den Glauben eingepflanzt hat, dass die Welt intelligibel ist, dass -man die Wirklichkeit rational erkennen und erforschen kann. Die Vorstellung, die -man vom Sein hat, wird viel oberflächlicher, das Unbewusste wird ausgegrenzt, -man taucht nicht mehr in die Seinsabgründe, sondern man begnügt sich mit -ausgedachten Begriffen, die darauf angewendet werden. Der Optimismus bahnt sich -den Weg, die Hoffnung, das die dunklen Lebensmächte sich rational aufhellen und -dann lenken lassen. „Denken und Sein sind keinesfalls dasselbe. Das Denken muß -unfähig sein, dem Sein zu nahen und es zu packen.“\footcite[20]{nietzsche:fragmente} -Diese Vereinfachung des Weltbildes beeinflusst unmittelbar die Tragödie. Sie -wird dem Tod überlassen. Am Ende des Vortrages erwähnt Nietzsche allerdings, -dass die Tragödie wiedergeboren werden kann.\footcite[Vgl.][55 f]{safranski:biographie} - -Wenn der erste Vortrag sich noch in Grenzen der damaligen altphilologischen -Forschung bewegt, so ist der zweite, der nahezu vollständig in die „Geburt der -Tragödie“ übernommen wurde,\footcite[Vgl.][30]{ries:geburt} für -die Altphilologie so provokativ, dass Nietzsche sich bemüht, dass sein Lehrer -Friedrich Ritschl, dem er seine erste Professur verdankt,\footcite[Vgl.][137 f]{hayman:biographie} -nichts von dem Vortrag erfährt.\footcite[Vgl.][55]{safranski:biographie} - -\subsubsection{Schopenhauer und Wagner} - -Aus zwei Vorarbeiten zur „Geburt der Tragödie“ lässt es sich auf zwei Figuren -schließen, deren Einfluss auf die frühen Einsichten Nietzsches, was die Kunst -betrifft, maßgeblich war. Es sind Arthur Schopenhauer und Richard Wagner. - -Die zentrale Unterscheidung der nietzscheanischen Metaphysik zwischen dem -Apollinischen und dem Dionysischen geht auf Arthur Schopenhauer zurück, genauer -gesagt auf sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“, das Nietzsche -fast zufällig, vermutlich Ende Oktober 1865, kennenlernte.\footcite[Vgl.][99 f]{hayman:biographie} -Er übernimmt Schopenhauers Ideen, modifiziert sie und formt sie um. Was -Nietzsche das Dionysische nennt, ist der Wille bei Schopenhauer; das Apollinische -ist die Vorstellung.\footcite[Vgl.][17 f]{ries:geburt} Nach -Schopenhauer ist der Wille, genauso wie das dionysische Element bei Nietzsche, -eine absolute Einheit und absolute Negativität, weil er der unvernünftige Grund -der Welt ist, der im ewigen Werden und so die Ursache alles Leidens -ist.\footcite[Vgl.][19]{schulz:function-and-place}Die reinen Formen der -Sinnlichkeit, Raum und Zeit im Zusammenspiel mit der Kategorie der Kausalität -verursachen, dass das Seiende in einzelne Gestalten zerfällt und als eine -objektive Welt vorgestellt wird.\footcite[Vgl.][1]{boening:metaphysics-art-lang} -Daher ist die Bezeichnung „Vorstellung“. - -Auch die hohe Schätzung der Kunst und besonders der Musik findet man bei Schopenhauer -wieder. Schopenhauer greift auf den platonischen Begriff der Idee zurück. Die Ideen -sind jedoch nicht in einem ideellen Reich verankert, sondern sie werden in der Kunst -erst erzeugt. So erschafft die Kunst eine andere Welt, die eine gewisse Ruhe vom Werden -aufweist.\footcite[Vgl.][19 f]{schulz:function-and-place} Die Musik nimmt eine Sonderstellung -in diesem Modell ein. Sie rührt an das Wesen des Seins. Sie hat den gleichen Wert -wie die erscheinende Welt selbst. Wenn ein malerisches Kunstwerk „sekundäre“ Qualität -hat, da es nur die Abbildung einer Erscheinung, der Welt, ist, hat die Musik den gleichen -Rang mit der erscheinenden Welt, weil die Musik die Abbildung des Wesens der Welt, -des Willens, selbst ist.\footcite[Vgl.][231]{boening:metaphysics-art-lang} Nietzsche -misst der Musik allerdings noch mehr Bedeutung bei, als dies Schopenhauer tut, denn -sie wird bei dem Ersteren nicht bloß als „‚Quietiv‘, sondern \textit{Stimulans} -des Lebens“\footcite[18]{ries:geburt} verstanden. - -Seit 1868 kannten Nietzsche und Wagner einander persönlich.\footcite[Vgl.][523]{hayman:biographie} -Schopenhauer war gewissermaßen ein Bindeglied zwischen diesen beiden, da Wagner auch -von der schopenhauerschen Philosophie inspiriert war, und zwar lebenslang, im Gegensatz -zu Nietzsche, der sich mit der Zeit sowohl von Schopenhauer als auch von Wagner distanzierte.\footcite[Vgl.][20]{ries:geburt} -Wenn Nietzsche am Ende seines Vortrages über Sokrates, der die Schuld daran trägt, -dass die griechische Tragödie zugrunde geht, eindeutet, dass die Hoffnung auf die -zweite Geburt oder Wiedergeburt der Tragödie besteht, so verweist er eindeutig auf -Richard Wagner als den, der den Prozess dieser Wiedergeburt in Gang setzen kann.\footcite[Vgl.][56]{safranski:biographie} - -Wie die Tragödie aus dem Geiste der Musik geboren werden soll, lässt sich aus Wagners -Konzeption des Gesamtkunstwerkes und der absoluten Musik erklären. Zur Zeit Wagners -wurde die Musik als selbständige Kunstgattung gesehen, was nicht immer der Fall war. -Bis Ende des 18. Jahrhunderts war man oft der Auffassung, dass sie nur eine begleitende -Komponente zum Text darstellt, der Affektäußerung dient und keinen eigenständigen -Wert hat. Deswegen musste sich die instrumentelle Musik, die sich auf keinen Text -stützte, gegen diese Betrachtungsweise wehren, um nicht als sinnlos zu gelten.\footcite[Vgl.][158 f]{bruse:gesamtkunstwerk} -Demzufolge kann man die Tatsache, dass der Musik bei Schopenhauer und Nietzsche eine -herausragende gegenüber den anderen Kunstgattungen Rolle, zukommt, auch als eine Folge -dieses Kampfes innerhalb der Ästhetik ansehen. So hat man eine an sich „bedeutungslose -Tonfolge“ in eine Kunst umgewandelt, die viel tiefgründiger als alle anderen Künste ist: - -\begin{quote} -„Im Verhältniß zur Musik ist alle Mittheilung durch -Worte von schamloser Art; das Wort verdünnt und verdummt; das Wort entpersönlicht: -das Wort macht das Ungemeine gemein.“\footcite[219]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Das Verhältnis zwischen der Musik und dem Wort ist nicht mehr, dass die Musik ohne -Text ihren Wert verliert, sondern dass der Text nur eine mögliche Deutung einer musikalischen Komposition ist. - -Wagner hat selber die Instrumentalwerke zunächst dem Drama untergeordnet: Ohne dazugehöriges -Bühnengeschehen verliere die instrumentelle Musik ihre inhaltliche Füllung. Um so -eine von anderen Künsten (beispielsweise Dichtung, szenische Handlung) und vom Gesamtkunstwerk -losgelöste Musik zu bezeichnen, gebrauchte er den Begriff „absolute Musik“. Nachdem -Wagner jedoch Schopenhauers Anhänger wird, ändert er diese Konzeption. Die Musik äußert -jetzt das eigentliche Wesen der Handlung und nicht erst durch diese sinnvoll wird. -Die Idee der absoluten Musik, die bei Nietzsche autonom ist, liegt dionysischer Musik -zugrunde.\footcite[Vgl.][158--160]{bruse:gesamtkunstwerk} Dass die Musik nicht an eine -konkrete Interpretation gebunden ist, zeigt Nietzsche am Beispiel des Volksliedes. -Konstituierendes Element des Volksliedes ist die „ursprüngliche Melodie“, die mit -verschiedenen Texten versehen werden kann. Kein Text kann die „Weltsymbolik“ der Musik -vollständig zum Ausdruck bringen.\footcite[Vgl.][48 f]{nietzsche:geburt} - -\begin{quote} -„In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die -Sprache auf das Stärkste angespannt, die Musik nachzuahmen.“\footcite[49]{nietzsche:geburt} -\end{quote} - -Das Wort erleidet die Gewalt der Musik und sucht sie nachzuahmen, aber mehr vermag -es nicht. Der Text wird aus der Melodie geboren: - -\begin{quote} -„Wer eine Sammlung von Volksliedern z.B. des Knaben -Wunderhorn auf diese Theorie hin ansieht, der wird unzählige Beispiele finden, wie -die fortwährend gebärende Melodie Bilderfunken um sich aussprüht: die in ihrer Buntheit, -ihrem jähen Wechsel, ja ihrem tollen Sichüberstürzen eine dem epischen Scheine und -seinem ruhigen Fortströmen wildfremde Kraft offenbaren.“\footcite[49]{nietzsche:geburt} -\end{quote} - -Aus demselben Geiste der Musik, aus dem die Volksdichtung geboren wird, wird auch die attische Tragödie geboren. - -\subsubsection{Das Apollinische und das Dionysische} - -Schon öfter wurden Apollo und Dionysus erwähnt, auf die Nietzsche als Vertreter zweier -Götterwelten der Griechen greift, die nach Auffassung der Romantik, die „zur Zeit -Nietzsches als kanonisch galt“,\footcite[40]{ries:geburt} in -einem Gegensatz zueinander stehen. Einerseits ist das die olympische, mit der Dichtung -Homers verbundene Religion mit ihren leuchtenden Göttern (Zeus, Apollo, Athene),\footcite[Vgl.][40]{ries:geburt} -andererseits die chthonische, die „eine ältere Schicht der griechischen Religion als -Glauben an die dunkle Mächte der Erdtiefe, wie er in der Dichtung Hesiods sichtbar -wird an den Töchtern der Nacht, den Erinyen, den weiblichen Todesgöttinnen (Kore, -Demeter, Persephone)“,\footcite[40--41]{ries:geburt} ist. Nietzsche -verwendet jedoch die Namen der beiden Götter sehr oft adjektivisch: apollinisch und -dionysisch. Daraus lässt sich schließen, dass jedes dieser Adjektive ein Sammelbegriff -für ein Bündel von Eigenschaften ist. Genauso wie die Griechen selbst sich ihrer Götter -bedient haben, um die mysteriöse, unbekannte Seite der Natur zu entschärfen, indem -man die natürlichen Erscheinungen mythisch erklärt, bedient sich Nietzsche dieser -zwei Göttergestalten, um zwei verschiedene Aspekte des Seins zu beschreiben. Diese -Aspekte stehen in einem Widerstreit miteinander, in welchem sie „durch einen metaphysischen -Wunderakt des hellenischen ‚Willens‘“\footcite[25]{nietzsche:geburt} die attische Tragödie gebären. - -Apollo ist für Nietzsche nicht nur bloß der Sonnengott, sondern Nietzsche spielt mit -dem Begriff der Sonne, die scheint, und Apollo wird aus dem scheinenden Gott der Gott -des Scheines. Der Schein hat eine gestaltende Funktion, er bringt die Schönheit der -Formen, die er erzeugt, mit sich.\footcite[Vgl.][26 ff]{nietzsche:geburt} Dieser -freie Umgang mit dem Mythos hat bereits am Anfang des Textes einen Anlass zur Kritik -seitens der Philologen gegeben. So verfasst Dr.\ phil.\ Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf -Pamphlet „Zukunftsphilologie!“. Nachdem Nietzsches Freunde, Erwin Rohde und Richard -Wagner, versucht haben, Nietzsches Schrift gegen die Angriffe zu verteidigen, veröffentlicht -Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf einen zweiten Teil. Im ersten Teil, im Bezug auf -Apollo als den Gott des schönen Scheins, schreibt er: „es gehörte freilich eine gewaltige -‚tapferkeit‘ dazu, aus Apollon, der ‚seiner wurzel nach der scheinende ist‘. (5) auf -dem wege des kalauers den ‚gott des scheins‘, d.h.\ des scheins des scheins, ‚der -höhern wahrheit des traumes gegenüber der lückenhaft verständlichen tageswirklichkeit‘ -zu machen!“\footcite[34]{zukunftsphilologie} - -Dionysus symbolisiert dagegen die entgegengesetzte Kraft. Von Lust und orgiastischen -Trieben gelenkt schafft sie nichts, sondern ist darum bemüht den Schein zu zerstören, -jede Ordnung zunichte zu machen, in den Urzustand einer ungeordneten Einheit zu bringen.\footcite[Vgl.][28 ff]{nietzsche:geburt} -Die eigentliche Äußerung findet das Dionysische in der Musik, wobei Nietzsche wiederum -von der dorischen Musik als von der apollinischen spricht.\footcite[Vgl.][33]{nietzsche:geburt} -K. O. Müller folgend stellt Nietzsche auf diese Weise der dorischen, apollinischen -Musik den dionyischen Dithyrambus entgegen.\footcite[Vgl.][47 f]{ries:geburt} - -Dennoch ist die Kunst nur als Produkt dieses Kampfes von Entstehen und Vergehen möglich. -So spricht Nietzsche im Bezug auf das Apollinische und Dionysische vom „Urwiderspruch“.\footcite[Vgl.][70]{nietzsche:geburt} -Des weiteren wendet sich Nietzsche an Euripides mit den Worten: „Und weil du Dionysus -verlassen, so verliess dich auch Apollo“.\footcite[75]{nietzsche:geburt} -Wenn jemand den Einen verlässt, so entkommt ihm auch der Andere. - -Man muss auch in Betracht ziehen, dass der junge Nietzsche einen sehr breiten Kunstbegriff -hat. Es sind nicht die physikalischen Gesetze, die die die Welt und alles Leben konstituieren, -vielmehr sind es die beiden Mächte, das Apollinische und Dionysische. „[D]ie Welt -selbst ist nichts als Kunst“.\footcite[183]{nietzsche:fragmente} Indem -Nietzsche die Welt als „sich selbst gebärende[n] Kunstwerk“\footcite[182]{nietzsche:fragmente}beschreibt, -entwirft er eine „Artisten-Metaphyisk“.\footcite[Vgl.][182]{nietzsche:fragmente} - -Alles ist in der Welt im Werden, alles kommt und vergeht, jedes Seiende entsteht, -um sich schließlich im Nichts spurlos aufzulösen. Das eigentliche Wesen, der erste -Grund der Welt ist das Leid, der Urschmerz. Dies macht verständlich, warum Nietzsche -im „Versuch einer Selbstkritik“ die Auffassung in Frage stellt, dass der Optimismus -ein Zeichen der Blütezeit ist. Vielmehr war der mit dem Namen Sokrates verbundene -Optimismus und die Hoffnung, die Welt vernünftig erkennen zu können, ein Symptom einer -unheilbaren Krankheit, ein Todeszeichen. Was die Kunst fordert, ist nicht der Optimismus, -sondern der Pessimismus.\footcite[Vgl.][12 f]{nietzsche:geburt} Das Sein selbst -ist also in seinem Innersten untrennbar mit Pessimismus verbunden und das ist das -Faktum, das nicht „das Erspriesslichste“ für den Menschen ist. Nietzsche gibt die -alte Sage wieder, nach der der König Midas den weisen Silen aufsucht, um ihn zu fragen, -was für den Menschen das Allerbeste sei. Der Silen antwortet darauf: „Das Allerbeste -ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu -sein. Das Zweitbeste aber ist für dich — bald zu sterben.“\footcite[35]{nietzsche:geburt} -Wie kann man angesichts dieses Grauens noch die menschliche Existenz rechtfertigen? -Wie kann man es ertragen, jeden Morgen die Augen zu öffnen? Das ist der Augenblick, -an dem das Apollinische, „das entzückte Verharren vor einer erdichteten und erträumten -Welt“,\footcite[180]{nietzsche:fragmente} ins Spiel kommt. Um die Wirkung -der Schönheit des Scheins auszudrücken, haben die Griechen die olympischen Götter -erdichtet, „[u]m leben zu können“\footcite[36]{nietzsche:geburt} -mussten die Bewohner des Olymps ins Dasein gerufen werden. „So rechtfertigen die Götter -das Menschenleben, indem sie es selbst leben.“\footcite[36]{nietzsche:geburt} - -Außer dem oben erwähnten Gegensatz zwischen der Kunst des Bildners und der der Musik -verwendet Nietzsche noch ein weiteres Gleichnis, um das Wesen des Apollinischen und -des Dionysischen näher zu bestimmen, und zwar spricht er vom Traum und Rausch.\footcite[26]{nietzsche:geburt} -Die Welt, wie sie uns vor unseren Augen erscheint, erscheint eben nur so, an sich -ist sie „eine einzige ununterschiedene Flut“.\footcite[216]{boening:metaphysics-art-lang} -In Dionysus, wie unter der Wirkung des Rausches, taucht der Mensch in die Selbstvergessenheit -ein, die Grenzen des Individuellen verschwimmen immer mehr, bis sie verschwinden. -Auf der anderen Seite dieses Ur-Eine selbst, in dem alles Seiende wurzelt und aus -dem Alles hervorgeht, träumt die Welt durch den Menschen und ist somit selbst der -Grund für die Erscheinung. Das ist der Unterschied zu Schopenhauers System, dem die -Prinzipien des Dionysischen und des Apollinischen entnommen sind. „Für Schopenhauer -bewirken die reinen Formen der Anschauung, Raum und Zeit, als das ‚principium individuationis‘ -die Zerteilung alles für uns Seienden in die Vereinzelung“.\footcite[216]{boening:metaphysics-art-lang} -Es ist also nicht der Wille selbst, wie es bei Nietzsche der Fall ist.\footcite[Vgl.][217]{boening:metaphysics-art-lang} - -\subsubsection{Entstehung und Verfall der griechischen Tragödie} - -\epigraph{Die tragische Kunst, an beiden Erfahrungen reich, wird -als Versöhnung des Apoll und Dionysos bezeichnet: der Erscheinung wird die tiefste -Bedeutsamkeit geschenkt, durch Dionysos: und diese Erscheinung wird doch verneint -und mit Lust verneint.} -{\textit{Herbst 1885 -- Herbst 1886}\\ -\textbf{Friedrich Nietzsche}\footcite[181]{nietzsche:fragmente}} - -Nietzsche hat die tragische Kunst als Gegenstand seiner Betrachtung ausgewählt, weil -sie die Tragik des Lebens wiedergibt. Alles Leben dreht sich selbst im ewigen Kreis -von Werden und Vergehen, und es hat ihren Ursprung in der Duplizität des Apollinischen -und Dionysischen genauso wie die griechische Tragödie. Die Griechen konnten die beiden -Gegensätze in der Tragödie vereinigen und miteinander versöhnen.\footcite[Vgl.][56]{ries:geburt} -Die Entstehung der Tragödie ist nicht so wichtig in historischer Hinsicht wie für -die Beschreibung dessen, wie die Kunst überhaupt „geboren“ wird. - -Als Vorbild eines Tragödiendichters wählt Nietzsche Archilochus, der uns „durch die -trunknen Ausbrüche seiner Begierde“\footcite[43]{nietzsche:geburt} -erschreckt, er ist also ein dionysischer Dichter. Sein Verdienst ist, dass er das -Volkslied in die Literatur eingeführt hat, wobei das Volkslied dadurch, dass sie als -„ursprüngliche Melodie“ verstanden, eine metaphysische Bedeutung bekommt.\footcite[Vgl.][48 f]{nietzsche:geburt}„ -Hier folgt Nietzsche Schopenhauer, für den es innerhalb der Musik die Melodie ist, die -als tonaler Zusammenhang dem ‚Willen‘ am nächsten kommt.“\footcite[67]{ries:geburt} - -Wie Nietzsche bereits in seinem Vortrag „Die griechische Musikdrama“ erläutert, ist -die attische Tragödie aus dem Chor entstanden und war „nur Chor und nichts als Chor“.\footcite[52]{nietzsche:geburt} -Der Chor ist wiederum ein dionysisches Element, weil Nietzsche ihn „Satyrchor“\footcite[Vgl.][55]{nietzsche:geburt} -bezeichnet, es wurde also vorgestellt, dass er aus den mythischen Wesen, die Dionysus -begleiteten, besteht. Auch das Thema der Tragödie war nichts anderes als Dionysus -und die Darstellung seiner Leiden. Nietzsche erblickt hier aber etwas, was er „metaphysischen -Trost“ nennt, und zwar besteht dieser Trost darin zu sagen, dass das Leben trotz allem -„unzerstörbar mächtig und lustvoll sei“.\footcite[56]{nietzsche:geburt} -Wiebrecht Ries bemerkt dazu, dass der metaphysiche Trost nicht der griechischen Tragödie -entstammt, sondern vielmehr Nietzsches Lebensphilosophie. Nietzsche wendet sich im -Grunde gegen den Pessimismus von Schopenhauer und behauptet das Leben als etwas Lustvolles, -etwas, was gerechtfertigt werden kann.\footcite[Vgl.][70]{ries:geburt} - -An der Stelle, an der Nietzsche über das Volkslied spricht, redet er über den Prozess -einer Entladung der Musik in Bildern.\footcite[Vgl.][50]{nietzsche:geburt} -Wie ich bereits erwähnt habe, hat das Bild gegenüber der Musik eine sekundäre Stellung, -einerseits hilft es bei der Deutung der Musik, andererseits ist die Gewalt der Musik, -deren Klang aus dem tiefsten Grund der Welt stammt, so gewaltig, dass sie eine Entladung -im Bild nötig hat, sie muss besänftigt werden.\footcite[Vgl.][67 f]{ries:geburt} -Für Nietzsche wird der Prozess der Entladung in der Tragödie nachvollziehbar: Das -Geschehnis der Tragödie wird in der Handlung entladen. Das ist eine Parallele zu dionysischen -Festen: Am Ende des Festes war genauso die Entladung in der tragischen Handlung vonnöten, -um in das tägliche, individuelle Leben zurückzukehren. - -Es ist wichtig anzumerken, dass es eben um ein Geschehnis, genauer gesagt um ein Erlebnis -geht. Es gibt einen Unterschied zwischen dem erzählten, ewigen (zeitlosen) Epos und -der Tragödie als Drama, die erlebt wird. Der Chor sieht die göttlichen, dionysischen -Visionen; die Zuschauer sind keine Zuschauer, sondern Zeugen; die Helden, „alle die -berühmten Figuren der griechischen Bühne Prometheus, Oedipus u.s.w.\ [sind] nur Masken -jenes ursprünglichen Helden Dionysus [\dots]“.\footcite[71]{nietzsche:geburt} -Die Tragödie wird nicht einfach gespielt, sondern immer neu erlebt.\footcite[Vgl.][71--73]{ries:geburt} -Dies erklärt unter Anderem, wieso Nietzsche im „Versuch einer Selbstkritik“ schreibt, -dass „Die Geburt der Tragödie“ ein Buch für die Künstler ist, es ist ja „aus lauter -vorzeitigen übergrünen Selbsterlebnissen“\footcite[13]{nietzsche:geburt} -aufgebaut. Es reicht nicht, etwas über die Kunst zu lesen oder sie zu besprechen. -Allein die Selbsterlebnisse haben das entscheidende Gewicht. Es ist ein Buch, die -für diejenigen geeignet sind, die mit Nietzsche gleichgesinnt sind, „für Künstler -mit dem Nebenhange analytischer und retrospektiver Fähigkeiten“.\footcite[13]{nietzsche:geburt} - -Der Verfall der Tragödie fängt mit Euripides an, „der die vernunftgeprägte Weltverhaltung -in der Tragödiendichtung und dann in der Kunst überhaupt — wesenswidrig — zur Herrschaft -gebracht haben soll“.\footcite[238]{boening:metaphysics-art-lang} Während Ulrich -von Wilamowitz-Möllendorff den alleinigen Grund Nietzsches Argumentation gegen Euripides -darin sieht, dass Nietzsche mit einem maßlosen Hass gegen den Dichter, „welcher nächst -Homer dem gesamten altertum teuer und vertraut war“,\footcite[48]{zukunftsphilologie} -erfüllt war, betrachtet W. Ries diese Entgegenstellung eines wahren, dionysischen -Tragikers, Archilochus, und „frevelndes“\footcite[Vgl.][74]{nietzsche:geburt} -Euripides als Teil einer Strategie. Nietzsche zielt damit auf die Gegenwartskritik -ab.\footcite[Vgl.][92]{ries:geburt} Hier kommt „der tiefe Hass gegen -‚Jetztzeit‘, ‚Wirklichkeit‘ und ‚moderne Ideen‘“\footcite[21]{nietzsche:geburt} -zum Ausdruck. Die Kritik wird von Nietzsches Zeit auf die Antike projiziert, das idealisierte -sechste Jahrhundert wird hervorgehoben und der Zeit des Verfalls, dem dritten und -vierten Jahrhundert entgegengestellt.\footcite[91 f]{ries:geburt} - -Aus dem Euripides spricht weder Dionysus noch Apollo, sondern „ein ganz neugeborner -Dämon, genannt Sokrates“.\footcite[83]{nietzsche:geburt} Im Folgenden -entwickelt Nietzsche das Bild eines theoretischen Menschen, dessen Hauptvertreter -Sokrates ist. Der theoretische Mensch ist auch um die Suche der Wahrheit bemüht, um -das Erkennen des Innersten des Seins, aber er sucht die Wahrheit auf einem ganz anderen -Wege. Anhand eigener Vernunft versucht der Theoretiker die kausalen Zusammenhänge -in der Natur zu erkennen. Er vertieft sich immer weiter in die theoretischen Erkenntnisse -mit dem Glauben (sogar wie Nietzsche sagt von der „Wahnvorstellung“ getrieben), „dass -das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins -reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu corrigiren -im Stande sei“.\footcite[99]{nietzsche:geburt} Das Eintreten des theoretischen -Menschen in die griechische Kultur kennzeichnet gleichzeitig den Tod der Tragödie -und damit auch den Tod der Kunst überhaupt. Die Wissenschaft sucht auf der Oberfläche, -nur in der apollinischen Erscheinung und reicht nicht bis zum dunklen Grund des Daseins, -der sich einem in der Tragödie offenbart. - -Obwohl Nietzsche im „Versuch einer Selbstkritik“ schreibt, dass er „Hoffnungen anknüpfte, -wo Nichts zu hoffen war, wo Alles allzudeutlich auf ein Ende hinwies“,\footcite[20]{nietzsche:geburt} -sah er vor seiner Enttäuschung und dem Bruch mit Wagner in 1876\footcite[Vgl.][379]{safranski:biographie} -ein Potenzial zur Wiedergeburt der Tragödie beziehungsweise zur Auferstehung der Kunst. -Bereits am Anfang schrieb Nietzsche über seine Erfahrung, dass wir bei dem „höchsten -Leben“ der Traumwirklichkeit „doch noch die durchschimmernde Empfindung ihres Scheins -haben“\footcite[26]{nietzsche:geburt} und zur Bekräftigung seiner -Worte auf Schopenhauer verwiesen hat, der behauptete, dass, wenn einem alle Dinge -manchmal als bloße Phantome vorkommen, dies ein Kennzeichen philosophischer Befähigung -ist.\footcite[Vgl.][26 f]{nietzsche:geburt}Eben Schopenhauer, der seinerseits -an Kants Erkenntniskritik anknüpft, trägt der Wiedergeburt der Tragödie und der Kunst -bei, indem er den „metaphysischen Erkenntnisoptimismus“ kritisiert.\footcite[Vgl.][113]{ries:geburt} -Auch in der deutschen Musik, wie etwa „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner, lassen -sich die Töne erkennen, die die Ketten der Erscheinung zerreißen und den Menschen -zum finsteren Grund seiner Selbst und der Welt bringen.\footcite[Vgl.][114--116]{ries:geburt} -Bezüglich Wagner findet man bei Nietzsche folgende Aufzeichnung aus dem Jahr 1871: - -\begin{quote} -„Ich erkenne die einzige Lebensform in der griechischen: -und betrachte Wagner als den erhabensten Schritt zu deren Wiedergeburt im deutschen -Wesen.“\footcite[24]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -\subsubsection{Zeitgenössische Rezeption} - -Was ist von dieser Geschichte der griechischen Tragödie, wie sie von Nietzsche dargelegt -wird, zu halten? Was hatte der Autor im Sinne als er dieses sein erstes Buch schrieb? -Das ist im Grunde ein Werk, das ein philologisches Problem behandelt. Gleichzeitig -wurde oben eine Vielfalt philosophischer Fragestellungen aufgezeigt, die der Autor -untersucht. „Die Geburt der Tragödie“ enthält die Grundzüge der gesamten späteren -Philosophie von Nietzsche. Die Themen, die er in der Tragödienschrift berührt, sind -prägend für sein gesamtes Denken, sie werden wieder aufgegriffen und weiter -entwickelt.\footcite[Vgl.][12]{ries:geburt} -Es stellt sich aber die Frage, ob diese Idealisierung der griechischen Tragödie als -eigentliche Kunst, ihr Verfall und Tod, der philologisch-historischen Realität entspricht, -zumindest dem Wissensstand Nietzsches Zeit. Wilamowitz-Möllendorff hat Nietzsche und -sein Werk „Geburt der Tragödie“ in seinem Aufsatz „Zukunftsphilologie!“ sehr scharf -angegriffen. Nach dem Versuch Wagners, Nietzsche zu verteidigen, hat Wilamowitz-Möllendorff -sogar eine Fortsetzung „Zukunftsphilologie! Zweites Stück\@. eine erwiderung auf die -rettungsversuche für Fr. Nietzsches ‚Geburt der tragödie‘“ verfasst.\footcite[Siehe][]{streit-um-geburt} - -Bereits im Titel des zweiten Aufsatzes stehen die Begriffe, die es deutlich machen, -wie Wilamowitz-Möllendorff als Philologe Nietzsches Werk bewertet. Nietzsche wurde -nicht verteitigt, sondern man versuchte ihn zu „retten“ und er konnte trotz alledem -nicht gerettet werden, weil es nur „Versuche“ waren. Im ersten Teil seiner Auseinandersetzung -mit „Geburt der Tragödie“ wirft Wilamowitz-Möllendorff Nietzsche vor, Winckelmann, -nie gelesen zu haben,\footcite[Vgl.][32]{zukunftsphilologie} Homer nicht zu -kennen,\footcite[Vgl.][35]{zukunftsphilologie} Archilochus und die Geschichte -der griechischen Musik gröblich zu verkennen\footcite[Vgl.][38]{zukunftsphilologie} -und die Tragödie überhaupt, nicht zu kennen.\footcite[Vgl.][46]{zukunftsphilologie} - -Wilamowitz-Möllendorff veweist auf Winckelmann, der gezeigt hat, „wie die allgemeinen -regeln wissenschaftlicher kritik auch für die geschichte der kunst, ja für das verständnis -jedes einzelnen kunstwerks nötig seien, [\dots]“.\footcite[32]{zukunftsphilologie} -Und der Ursprung des Missverständnisses zwischen Wilamowitz-Möllendorff und Nietzsche -scheint eben in dieser „Wissenschaftlichkeit“ zu liegen. Wenn man den Text der Tragödienschrift -sich anschaut, wird man feststellen, dass Nietzsche kaum die Quellen angibt, aus denen -er das Material für seine Überlegungen schöpft, oder die Angaben sind sehr ungenau. -An ein paar Stellen wird Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zitiert, -die aber wohl nicht so aussagekräftig für eine philologische Forschung der attischen -Tragödie ist, ansonsten werden einige moderne und antike Autoren erwähnt ohne genauere -Angaben. Die Vernachlässigung der Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens ist -kaum ein Zufall oder Unaufmerksamkeit Nietzsches. Der Grund liegt meines Erachtens -darin, dass die primäre Zielsetzung beim Schreiben der Arbeit „Die Geburt der Tragödie“ -gar nicht eine wissenschaftliche Untersuchung der Entstehung der attischen Tragödie -war. Vielmehr handelt es sich bei diesem Buch um einen modernen Mythos. Warum braucht -man aber in unserer von der Wissenschaft aufgekläre Gesellschaft Mythen? Denn wenn -die Wissenschaft an ihre Grenzen kommt, muss sie in Kunst umschlagen.\footcite[Vgl.][99]{nietzsche:geburt} -Die wichtigsten Fragen des menschlichen Seins berührt die Wissenschaft nicht, sie -stellt sie oft nicht mal auf. Was ist der Sinn dessen, dass es etwas gibt. Um die -Antwort auf diese Frage zu geben, bedarf man eines Mythos, der erzählt, wie die Tragödie -aus dem Geiste der Musik geboren wird und wie diese göttliche Musik der tragischen -Aufführung auf der Bühne des Lebens Sinn verleiht. - -Giorgio Colli nimmt Nietzsches philologische Position ernster. Er konstatiert zwar -auch die Tatsache, dass „[d]ie klassische Altertumswissenschaft [\dots] Nietzsches -Konzeption als unwissenschaftlich stillschweigend ignoriert“\footcite[901]{colli:geburt-nachwort} -hat, aber fügt hinzu, dass die Wissenschaft selbst nicht viel mehr auf diesem Gebiet -geleistet hat: „Die überlieferten Fakten sind immer noch die gleichen, dürftigen und -unsicheren.“\footcite[901]{colli:geburt-nachwort} Jedoch auch G. Colli -ist es bewusst, dass „Die Geburt der Tragödie“ „keine historische Interpretation“ -der Entstehung und des Verfalls der Tragödie ist, sondern das Werk „eine Interpretation -des gesamten Griechentums“ und „eine philosophische Gesamtschau“ entfaltet.\footcite[Vgl.][902]{colli:geburt-nachwort} diff --git a/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex b/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex deleted file mode 100644 index c00b14a..0000000 --- a/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex +++ /dev/null @@ -1,125 +0,0 @@ ---- -layout: post -date: 2015-04-23 03:20:00 -tags: Aufsatz -title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 2. Gesellschaftliche Dimension der Kunst -teaser: | - <p> - Die Bedeutung der Kunst endet nicht mit der Frage, welche Position sie im Leben - eines Individuums einnimmt. Nietzsche versucht seinen Kunstbegriff auf größere Menschenmengen - zu beziehen, um damit gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse zu erklären, oder - mindestens zu schauen, welche Auswirkung die Kunst oder die einzelnen Künstler auf - die menschliche Gesellschaft und Kultur haben. - </p> ---- -Die Bedeutung der Kunst endet nicht mit der Frage, welche Position sie im Leben -eines Individuums einnimmt. Nietzsche versucht seinen Kunstbegriff auf größere Menschenmengen -zu beziehen, um damit gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse zu erklären, oder -mindestens zu schauen, welche Auswirkung die Kunst oder die einzelnen Künstler auf -die menschliche Gesellschaft und Kultur haben. - -In einer Aufzeichnung von 1885 schreibt Nietzsche Folgendes: - -\begin{quote} -„Die mathematischen Physiker können die Klümpchen-Atome -nicht für ihre Wissenschaft brauchen: folglich construiren sie sich eine Kraft-Punkte-Welt, -mit der man rechnen kann. Ganz so, im Groben, haben es die Menschen und alle organischen -Geschöpfe gemacht: nämlich so lange die Welt zurecht gelegt, zurecht gedacht, zurecht -gedichtet, bis sie dieselbe brauchen konnten, bis man mit ihr ‚rechnen‘ -konnte.“\footcite[163]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Es existiert also keine „objektive Welt“. Die Menschen erdichten ihre eigene Welt, -in der ihnen am Besten zu Mute ist, in der sie leben können und wollen. Und dies ist -genau, das was bereits für den jungen Nietzsche eine menschliche Kultur ausmacht. -Das Dionysische ist das Fundament auf dem die Kulturen entstehen, „der ungeheure Lebensprozess -selbst, und Kulturen sind nichts anderes, als die zerbrechlichen und stets gefährdeten -Versuche, darin eine Zone Lebbarkeit zu schaffen“.\footcite[59]{safranski:biographie} - -Im Zusammenhang mit der menschlichen Kultur führt Nietzsche den Krieg als ein dionysisches -Element ein, und dieses Element beinhaltet auch „die Bereitschaft zum lustvollen -Untergang“.\footcite[59]{safranski:biographie} Nietzsche, der selbst im Krieg -einige Wochen als Sanitäter beteiligt war, sieht im Krieg als zerstörerischer -Macht des Dionysus eine positive Potenz, und zwar erwartet er, dass dem -Vernichten das Werden folgt, mit anderen Worten erhofft er eine Erneuerung -der Kultur. Die Grausamkeit des Krieges um der Erneuerung der Kultur willen scheint -übertrieben und grauenvoll zu sein. Daher hat der Krieg eine Umgestaltung durch die -bildende apollinische Kraft nötig.\footcite[Vgl.][58--61]{safranski:biographie} Nietzsche -greift wieder auf das Vorbild der Griechen, die „ein Beispiel dafür, wie diese kriegerische -Grausamkeit sublimiert werden kann durch den Wettkampf, der überall stattfindet, in -der Politik, im gesellschaftlichen Leben, in der Kunst.“\footcite[62]{safranski:biographie} -„Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage: der -Krieg ist es, der jede Sache heiligt!“\footcite[109]{nietzsche:fragmente} -schreibt er im November 1882 -- Februar 1883. - -Auch auf der kulturellen Ebene balancieren die zwei grundlegenden Lebensmächte, -das Dionysische und Apollinische, einander aus. Jede Kultur benötigt apollinische -Bilder, um das Leben ertragen zu können, aber es besteht die Gefahr, dass die Kultur -erstarrt und die dionysische Dynamik verliert, und dann muss sich das Dionysische -wieder in den Weltprozess deutlicher einmischen.\footcite[Vgl.][62 f]{safranski:biographie} - -Ein anderer Grund, den Krieg als eine unabdingbare Komponente der Entwicklung anzusehen, -besteht darin, dass die Kultur für Nietzsche die oberste Position in der Pyramide -der Menschheitswerke. Alles andere ist ihr untergeordnet: Gelehrsamkeit, Religion, -Staat.\footcite[Vgl.][63]{hayman:biographie} - -Kennzeichnend dafür, welche Bedeutung die Kultur hat, ist, wie Nietzsche die Rolle -des Künstlers in einer Gesellschaft einschätzt. So heißt es am Ende 1870 -- April 1871: - -\begin{quote} -„Ich würde aus meinem idealen Staate die sogenannten ‚Gebildeten‘ hinaustreiben, -wie Plato die Dichter: dies ist mein Terrorismus.“\footcite[22]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Die Dichter, die Künstler dürfen keinesfalls aus dem Nietzsches Staat ausgetrieben -werden. Ganz im Gegenteil, für ihr Wohlergehen müssen alle Bedingungen erschaffen -werden. Auch in dieser Hinsicht ist das antike Griechenland ein Vorbild für Nietzsche. -Er verteidigt die damalige Sklaverei als notwendige Bedingung für das Wohl der „höchsten -Exemplaren“ einer Gesellschaft, die ihrerseits den Beitrag zum Aufblühen der Kultur -leisten.\footcite[Vgl.][67]{hayman:biographie} Nietzsche hat keineswegs illusionäre -Vorstellungen bezüglich der Sklaverei, vielmehr lobt er die grausame Ehrlichkeit der -Griechen, die „die letzten Geheimnisse ‚vom Schicksale der Seele‘ und Alles, was sie -über die Erziehung und Läuterung, vor Allem über die unverrückbare Rangordnung und -Werth-Ungleichheit von Mensch und Mensch wußten, sich aus ihren dionysischen Erfahrungen -zu deuten suchten: […]“.\footcite[169]{nietzsche:fragmente} Es ist -auch nicht so, dass Nietzsche die Demokratie verachtet, weil sie zu Gleichheit der -Menschen untereinander führt. Er glaubt einfach nicht, dass in einem demokratischen -Staat, das Verhältnis sich ändert. Die demokratische Gleichheit ist für ihn eine Lüge: - -\begin{quote} -In neuerer Zeit wird die Welt der Arbeit geadelt, aber das sei Selbstbetrug, -denn an der fundamentalen Ungerechtigkeit der Lebensschicksale, die den einen -die mechanischen Arbeit und den Begabteren das schöpferische Tun zuweist, ändere -auch die \underline{Begriffs-Hallucination} von der \underline{Würde der Arbeit} -nichts."\footcite[68]{safranski:biographie} -\end{quote} - -Nietzsche zieht sozusagen die dionysische Wahrheit, die besagt, dass das menschliche -Sein von vornherein ungerecht ist, der apollinischen Einbildung, dass die Demokratie -eine Gerechtigkeit gleicher Menschen garantieren kann, vor. Nietzsche idealisiert -auch die privilegierte Kaste eines derartigen Staates nicht und fragt sich, „[o]b -man nicht ein Recht hat, alle großen Menschen unter die bösen zu rechnen“.\footcite[147]{nietzsche:fragmente} -Nietzsche beschreibt diese Welt als eine „Sich-selber-widersprechendste, und dann -wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück -bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner -Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein -Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt -: diese meine -dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens“.\footcite[158]{nietzsche:fragmente} -Als dionysische Welt ist sie in sich absurd und widersprüchlich. Die Vereinigung der -Gegensätze in sich ist auch der Maßstab für die Größe des Künstlers und das ist auch -eben, was ihn „böse“ macht, denn den Tugenden wohnt der Frevel bei, die kreative Kraft -wird durch die zerstörerische vervollständigt. So antwortet Nietzsche auf seine Frage: - -\begin{quote} -„[D]ie Größten haben vielleicht auch große Tugenden, -aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem Vorhandensein der -Gegensätze, und aus deren Gefühle, gerade der große Mensch, der Bogen mit der großen -Spannung, entsteht.“\footcite[147]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Genauso wie der Krieg ein Aspekt der Kultur ist, ohne den Nietzsche ihre dynamische -Entwicklung sich nicht vorstellen kann, genauso ist die prinzipielle Ungleichheit -und Grausamkeit der Menschen gegenüber einander etwas, worauf die Kultur beruht, und -was sie apollinisch, d.h.\ für den Menschen erträglich zu gestalten sucht. Und so verwendet -Nietzsche dieselben Prinzipien des Dionysischen und des Apollinischen, die er entdeckt -hat, um das kulturelle Leben einer Gesellschaft zu beschreiben. diff --git a/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_30.tex b/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_30.tex deleted file mode 100644 index fbfeb47..0000000 --- a/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_30.tex +++ /dev/null @@ -1,456 +0,0 @@ ---- -layout: post -date: 2015-04-30 11:35:00 -tags: Aufsatz -title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 3. Die Kunst und das Leben -teaser: - <p> - Nietzsche unternimmt einen neuen Versuch, dem Leben, so wie es ist, einen - Sinn zu geben. Es ist keine Rechtfertigung, die auf eine bestimmte Theologie - oder ein Moralsystem stützt, sondern dies ist die Rechtfertigung eines - Künstlers. Nur als ein ästhetisches Phänomen lässt sich das Dasein als - lebenswert erfahren. - </p> ---- -\epigraph{Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große -Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.} -{\textit{Mai -- Juni 1888}\\ -\textbf{Friedrich Nietzsche}\footcite[283]{nietzsche:fragmente}} - -In der „Geburt der Tragödie“ steht ein bekannter Satz, der oft zitiert wird. Nietzsche -unternimmt einen neuen Versuch, dem Leben, so wie es ist, einen Sinn zu geben. Es ist keine -Rechtfertigung, die auf eine bestimmte Theologie oder ein Moralsystem stützt, sondern -dies ist die Rechtfertigung eines Künstlers. Nur als ein ästhetisches Phänomen lässt -sich das Dasein als lebenswert erfahren.\footcite[Vgl.][47]{nietzsche:geburt} -Alles andere ist hilflos gegen die Weisheit des Silen. 1878 stellt Nietzsche die Moral -der Kunst entgegen und schreibt rückblickend: - -\begin{quote} -Damals glaubte ich daß die Welt vom aesthetischen Standpunkt -aus ein Schauspiel und als solches von ihrem Dichter gemeint sei, daß sie aber als -moralisches Phänomen ein Betrug sei: weshalb ich zu dem Schlusse kam, daß nur als -aesthetisches Phänomen die Welt sich rechtfertigen lasse.\footcite[55]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Nur als Teilnahme am Traum eines göttlichen Wesens kann die menschliche Existenz -gerechtfertigt werden, nur so können die extremen Widersprüche im menschlichen Dasein -erträglich gemacht werden.\footcite[Vgl.][59 ff]{ries:geburt} - -Mithilfe der Kunst versucht Nietzsche dem Pessimismus und Nihilismus zu entkommen -und sagen: Das Leben muss bejaht werden! W. Ries nennt die Rechtfertigung des Lebens -bei Nietzsche „die letzte Bastion gegenüber einer Gegenwart […], welche durch -die universale Banalisierung ihrer reduzierten Lebensvollzüge funktionalistisch charakterisiert -werden kann, einer Gegenwart, aus welcher ‚die Götter‘ ebenso endgültig verschwunden -sind wie ‚die griechische Heiterkeit‘ und an deren Trivialität es nichts mehr zu ‚rechtfertigen‘ -gibt.“\footcite[66]{ries:geburt} - -\subsubsection{1. Die Kunst als Wahrheit oder die Kunst anstatt der Wahrheit} - -Der Grund, warum Nietzsche die alten Ideale wie Religion und Moral als nicht -lebenstauglich verwirft, liegt darin, dass sie ein objektives System von -Urteilen voraussetzen, zum Beispiel einen Gott und ein göttliches Gesetz oder -die Idee des Guten, gegenüber welchen Nietzsche sehr skeptisch ist. Erkenntnistheoretisch -besteht das Problem darin, dass man sie nicht mit voller Sicherheit begründen kann. -Im Fall mit der Religion spielt der Glaube eine enorme Rolle und die Glaubenssätze -können nicht auf die logische Ebene zurückgeführt werden, sonst würde es sich um keine -Religion, sondern um eine Wissenschaft handeln. Im Fall mit der Moral besteht die -Gefahr, dass alle Normen, die als objektiv gültig zu sein scheinen, bloß eine Folge -der kulturellen Entwicklung sind, sodass die Moral sich dann als „eine Summe von -Vorurtheilen“\footcite[67]{nietzsche:fragmente} entlarven lässt. Die -menschliche Entwicklung und die kulturellen Zusammenhänge sind oft dermaßen -kompliziert, dass es sich kaum unterscheiden lässt, was objektiv und was ein -subjektives (oder ein kollektives) Vorurteil ist. Im Sommer 1880 stellt Nietzsche -die Moral der Wissenschaft gegenüber: - -\begin{quote} -In den Wissenschaften der speziellsten Art redet man -am bestimmtesten: jeder Begriff ist genau umgrenzt. Am unsichersten wohl in der Moral, -jeder empfindet bei jedem Worte etwas Anderes und je nach Stimmung, hier ist die Erziehung -vernachlässigt, alle Worte haben einen Dunstkreis bald groß bald eng werdend.\footcite[66]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Auch der moderne Pluralismus lehrt, dass es nicht so einfach ist, eine Religion -oder ein Moralsystem in den Bereich des Absoluten zu erheben. - -Volker Gerhardt findet Nietzsches Hervorheben der ästhetischen Seite des Daseins -provokativ und fragt: „Wie weit reicht eigentlich die Provokation des moralischen -Denkens durch die Forderung nach einer ganz und gar ästhetischen Betrachtung des Seins?“\footcite[47]{artisten-metaphysik} -Ist Nietzsches Argumentation ernst gemeint oder will er einfach in jeder Diskussion -Recht behalten, indem er moralische Urteile relativiert und an ihre Stelle ästhetische -Sichtweise erhebt? V. Gerhardt argumentiert, dass es kränkend sei, wenn jemand moralische -Argumente bringt, die von dem Opponenten nicht ernst genommen werden, sodass der Letztere -sich noch berechtigt fühlen könne, seine Untat zu rechtfertigen und zu wiederholen. -Außerdem kann man einen solchen „Künstler“ überhaupt ernst nehmen, wenn „Grausamkeiten -belächelt, fremde Qualen genossen und eigene Pflichten bloß theatralisch genommen -werden“?\footcite[Vgl.][47]{artisten-metaphysik} Darauf kann man zweierlei antworten: - -\begin{enumerate} - \item - Innerhalb eines Freundeskreises, einer Kultur oder sogar einer Epoche - würde vielleicht tatsächlich „jeder von uns empört, wenn ein ernstes moralisches Anliegen - durch Hinweis auf ästhetische Reize zurückgewiesen wird“.\footcite[47]{artisten-metaphysik} - Nun wird die Frage nach der Geltung der Moral, nach dem Vorhandensein allgemein gültiger - moralischer Regeln, von Nietzsche viel radikaler gestellt. Ihn interessiert, ob es - prinzipiell eine moralische Gesetzgebung gibt, die dieselbe Gültigkeit wie ein physikalisches - Gesetz hat, das überall auf der Erde in allen Zeiten gültig ist. Nietzsche verneint - die Möglichkeit der Existenz einer moralischen Gesetzgebung. - - Wird nicht jeder von - uns empört, wenn ein moralisches Anliegen diametral entgegengesetzt bewertet wird, - aufgrund eines anderen Wertesystems, einer andersartigen Ethikkonzeption oder eines - ungleichen kulturellen Hintergrundes? Lässt es sich in der Tat immer über die moralischen - Urteile streiten? Man denke nur an moralische Konflikte auf einer größeren, politischen, - Ebene zwischen den Ländern, deren moralische Wertesysteme durch eine Jahrhunderte - und Jahrtausende lange Geschichte geprägt sind. - - \item „Ästhetisch“ und „theatralisch“ -kann nicht einfach mit „frech“, „leichtsinnig“, „gleichgültig“, „egoistisch“ gleichgesetzt -werden. Auf der Bühne des Theaters kann sehr ernst gespielt werden (man denke nur, -welche existenzielle Bedeutung hat nach Nietzsche die griechische Tragödie). Des Weiteren -kann man sehr wohl auf Moralsysteme mit den Maximen wie „Vertraue keinem Menschen“, -„Erreiche dein Ziel um jeden Preis“, „Kümmere dich nur um dich selbst und um die Menschen, -die dir etwas bedeuten“ und so weiter stoßen. Auf der anderen Seite kann man sein -Leben ästhetisch als ein schönes und gutes Kunstwerk gestalten. Die Frage, ob die -Moral oder die Ästhetik mehr Wahres in sich hat, ist theoretischer Natur. Welche Auswirkung -auf das menschliche Handeln die Entscheidung für entweder moralische oder ästhetische -Weltbetrachtung hat, hängt allein von der Lebenseinstellung des Handelnden. -\end{enumerate} - -Alles, was „jenseits“, nicht sinnlich ist, will Nietzsche aus der Philosophie verbannen, -und wieder hat hier die Philosophie von der Kunst zu lernen: - -\begin{quote} -In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht -als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben -geht, sie liebten die Dinge ‚dieser Welt‘, - sie liebten ihre Sinne. Entsinnlichung -zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständnisß oder eine Krankheit oder eine Kur, -wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. […] Was gehen -uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an!\footcite[154]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Gegen die christlichen Vorstellungen und philosophische Systeme, die den Leib als -Kerker der Seele betrachten, setzt Nietzsche fort und sagt, dass es sogar „ein Merkmal -der Wohlgerathenheit [ist], wenn Einer gleich Goethen mit immer größerer Lust und -Herzlichkeit an ‚den Dingen der Welt‘ hängt“.\footcite[154]{nietzsche:fragmente} -Zwar nennt er diese Welt, wie oben gesagt, eine Scheinwelt, aber es gibt keine andere. -Wenn Nietzsche darüber spricht, dass wir in einer Scheinwelt leben, so verweist er -nicht auf eine wahre, reale Welt, es existiert keine „Hinterwelt“\footcite[Vgl.][93]{nietzsche:fragmente} -Er will kein Dualist sein und akzeptiert nur die Realität, die er mit seinen Sinnen -wahrnehmen kann, selbst wenn sie eine Täuschung sein soll: - -\begin{quote} -Wir finden das Umgekehrte, die Gegenbewegung gegen die -absolute Autorität der Göttin ‚Vernunft‘ überall, wo es tiefere Menschen giebt. Fanatische -Logiker brachten es zu Wege, daß die Welt eine Täuschung ist; und daß nur im Denken -der Weg zum ‚Sein‘, zum ‚Unbedingten‘ gegeben sei. Dagegen habe ich Vergnügen an der -Welt, wenn sie Täuschung sein sollte; und über den Verstand der Verständigsten hat -man sich immer unter vollständigeren M<enschen> lustig gemacht.\footcite[162]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -\subsubsection{2. Wissenschaft} - -Nicht nur Religion und Moral können uns keine Aussage über die Welt, wie sie -an sich ist, und über die Wahrheit geben, auch die Wissenschaft kann es kaum. -Wenn auch Walter Schulz Nietzsche „wissenschaftsgläubig“ nennt,\footcite[Vgl.][19]{schulz:function-and-place} -so hat Nietzsche doch die Wissenschaft zu verschiedenen Zeiten seines Lebens unterschiedlich -bewertet. Ja, die Wissenschaft mag sich auf empirische Daten stützen und deswegen -nicht so subjektiv sein, wie Metaphysik, Religion oder Moral. Es stellt sich allerdings -die Frage, ob die Wissenschaft deswegen einen Anspruch auf die Wahrheit hat. - -Besonders gut lässt sich die Berechtigung dieser Frage nachvollziehen, wenn man -einen kurzen Blick auf die moderne Wissenschaftstheorie wirft. Moderne Wissenschaften -geben heutzutage gar nicht vor, die Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen, was -vor zwei oder drei Jahrhunderten der Fall war. Die naive Vorstellung, die Wissenschaft -erforsche die Wirklichkeit, ist zwar verbreitet, aber nicht in den wissenschaftlichen -Kreisen selbst. Moderne Wissenschaften basieren auf Theorien, was bedeutet, dass sie -mit von Menschen erschaffe- nen Modellen arbeiten, die helfen, bestimmte Phänomene -zu erklären oder gewisse Berechnungen durchzuführen. - -Hatte Nietzsche nicht schon damals Recht, als er die einzig reale für den Menschen -Welt eine Scheinwelt genannt hat, denn wie sonst kann man erklären, dass der Mensch -kein Wissen über die Tatsachen der Welt hat, sondern ledigilich auf die Bildung von -Theorien angewiesen ist? Man kann jetzt die radikale Frage stellen, ob die Wissenschaft -selbst nicht eine „Kunstgattung“ ist. Die Gegenfrage würde lauten: Wenn man die Kunst -braucht, um das Leben umzulügen, es umzudichten und so erträglich zu machen, wozu -braucht man dann die Wissenschaft? - -\begin{quote} -Die Bequemlichkeit, Sicherheit, Furchtsamkeit, Faulheit, -Feigheit ist es, was dem Leben den gefährlichen Charakter zu nehmen sucht und alles -‚organisiren‘ möchte - Tartüfferie der ökonomischen Wissenschaft\footcite[135]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Wissenschaften bringen Sicherheit ins Leben. Diese Funktion hatten früher die heidnischen -Religionen. Man fühlte sich sicherer, wenn man wusste, dass man nicht der blinden, -gleichgültigen Natur ausgeliefert ist; wenn man wusste, dass eine Götterwelt sich -hinter allen Naturphänomenen verbirgt, die man anbeten kann und so bekam man das Gefühl, -dass man ein gewisses Maß an Kontrolle über die Natur hat. Deswegen schreibt Nietzsche -über die griechische Mythologie, dass die Götter des Olymps „aus tiefster Nöthigung“\footcite[36]{nietzsche:geburt} -geschaffen wurden. - -Diese Rolle der Lebensabsicherung hat später die Wissenschaft übernommen. Sie ermöglicht -einerseits Zusammenhänge zwischen den Ereignissen festzustellen und daraus auf die -Naturgesetze zu schließen, und so erscheint die Welt nicht mehr chaotisch, sondern -wird geordnet und als ein nach Gesetzen funktionierendes System vorgestellt. Andererseits -versetzt die Wissenschaft in die Lage, Voraussagen über die Zukunft zu treffen. Aufgrund -der Komplexität der physikalischen Systeme, können alle natürlichen Ereignisse in -so großen Systemen wie unser Universum nicht genau vorhergesehen werden, weshalb, -was die Auswirkung auf den Menschen betrifft, die Vorhersagemöglichkeit der Naturphänomene -analog zu Anbetung der Götter ist, weil beides mehr Sicherheit in den folgenden Tag bringt. - -Etwas andere Sicht auf die Wissenschaft bietet eine andere Aufzeichnung von Nietzsche, -die aus der Zeit zwischen dem Herbst 1885 und Herbst 1886 stammt: - -\begin{quote} -Man findet in den Dingen nichts wieder als was man nicht -selbst hineingesteckt hat: dies Kinderspiel, von dem ich nicht gering denken möchte, -heißt sich Wissenschaft? […] das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das -Hineinstecken - Kunst, Religion, Liebe, Stolz.\footcite[188]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -In diesem Modell ist es die schöpferische Kraft des Menschen die, die Welt schafft. -Die Wissenschaft hat zu ihrer Aufgabe die so erschaffene Welt zu analysieren und aus -den gewonnenen Daten ein wissenschaftliches System zu formen. Diesen Gedanken findet -man ebenfalls in der modernen Wissenschaftstheorie wieder, und zwar im Konzept der -Operationalisierung. Das ist ein wichtiges Konzept, das ermöglicht, ein Objekt unter -bestimmte Begriffe zu subsumieren. Operationalisierung sagt uns nichts über die realen -Eigenschaften eines Objektes, es besagt bloß, dass, um einem Objekt einen Begriff -zuzuordnen, eine Messmethode angegeben wieden muss. Ein Beispiel aus der Psychologie -wäre ein Intelligenztest. Empirisches Problem beim Durchführen eines derartigen Tests -ist, dass es nicht klar ist, was Intelligenz eigentlich ist, was genau unter Intelligenz -verstanden wird. Man würde den Begriff „Intelligenz“ operationalisierbar machen, wenn -man eindeutig eingeben würde, wie die Intelligenz zu messen ist (zum Beispiel anhand -eines Tests, der genauso universell für die Messung der Intelligenz ist, wie ein Lineal -für die Messung der Länge). Das hätte das Problem mit der Subjektivität und Begrenztheit -eines Intelligenztests gelöst, man hätte sie messen können und mit den Messwerten -anderer Menschen vergleichen. Dafür, dass der Begriff „Intelligenz“ nun operationalisierbar -wäre, würde man jedoch ein anderes Problem bekommen: Bevor man anfängt etwas zu messen, -muss man definieren, wie es zu messen ist. In dem Fall mit der Intelligenz bedeutet -es, dass man nicht auf die „Idee der Intelligenz“ in einem platonischen Ideenreich -zugreift, die objektiv definiert, was die Intelligenz ist, sondern man legt vorher -selbst fest, was es ist und wie es zu messen gilt. In den Naturwissenschaften ist -es nicht anders: Man misst nicht etwas aus der objektiven Wirklichkeit, sondern nur -das, was man messen will, mit Nietzsche gesagt: Man misst nur das, was man in -die Natur „hineingesteckt“ hat. - -Man kann Nietzsches Metaphysik auch auf die Wissenschaft anwenden. Wissenschaft -erscheint in diesem Licht als eine lebensnotwendige Lüge, genauso wie die Welt, die -von ihr erforscht wird. - -\subsubsection{3. Pessimismus und Optimismus in der Kunst} - -"Nietzsche legt - das Gesamt der geistigen Tätigkeiten durchmusternd - dar, daß Metaphysik, Moral, -Religion und Wissenschaft nur verschiedene Formen der Lüge sind."\footcite[12]{schulz:function-and-place} -Menschen haben aber das innere Streben nach der Wahrheit, sonst hätte man diese Lügen -nicht ausgedacht. Aber auch mit der Kunst steht es nicht viel anders, und Walter Schulz -schreibt an einer anderen Stelle: "Die Kunst lügt um, aber sie umlügen, weil wir sonst -nicht leben können."\footcite[11]{schulz:function-and-place}Und wenn auch die -Welt nur ein Kunstwerk ist, ist auch sie durch und durch lügnerisch. Und wenn man -diese Wahrheit niemals erreichen kann, weil es sie nach Nietzsche nicht gibt, dann -hat kann man sich fragen, was für einen Sinn das Leben überhaupt hat, und ob es ausreicht -sich ästhetisch zu betrügen, wenn man jede Sekunde weiß, dass es nur eine Lüge ist. - -Diese Frage ist entscheidend für Nietzsche, weil er sich nicht als Pessimist verstehen -will. Wenn er im „Versuch einer Selbstkritik“ dem Optimismus als dem Zeichen des Verfalls -den Pessimismus gegenüberstellt,\footcite[Vgl.][12 f]{nietzsche:geburt} so -meint er mit dem „Pessimismus“ in diesem Fall etwas anderes. Optimismus, den Nietzsche -zu bekämpfen sucht, ist der Optimismus in der Erkenntnis, sokratische Einstellung, -dass das Sein in seinem Grund vernünftig, geordnet und berechenbar ist. Das ist auch, -was heute oft als „positives Denken“ bekannt ist. Denke positiv, schließe deine geistigen -Augen und merke nicht die Probleme und die Welt um dich herum. Diese Lebenshaltung ist zu „apollinisch“. - -Der Gegenbegriff zum Optimismus ist der Pessimismus oder wie Nietzsche sagt „Pessimismus -der Stärke“.\footcite[12]{nietzsche:geburt} Es zeugt von gewisser -Stärke, die Welt in ihrem dionysischen Chaos und ihrer Absurdität anzuerkennen und -trotzdem „Ja“ zum Leben zu sagen. Es gibt aber auch das, was man analog zum „Pessimismus -der Stärke“ „Pessimismus der Schwäche“ nennen könnte. Das ist, wenn man zwar keine -Angst hat, in die Abgründe des Seins zu schauen, aber zu schwach ist, die Welt trotz alledem zu bejahen. - -Wie ich oben erwähnte hat Nietzsche die Überschrift der zweiten Ausgabe der „Geburt -der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ verändert, das Buch hieß nun „Die Geburt der -Tragödie. Oder: Griechenthum und Pessimismus“. Im „Versuch einer Selbstkritik“ beschreibt -er „Griechentum und das Kunstwerk des Pessimismus“,\footcite[12]{nietzsche:geburt} -wobei die Griechen positiv als Pessimisten beschrieben werden, da Nietzsche sie im -nächsten Satz die „zum Leben verführendste Art der bisherigen Menschen“\footcite[12]{nietzsche:geburt} -nennt. Auch in seiner Aufzeichnung zur „Geburt der Tragödie“ aus dem Herbst 1885 - -Herbst 1886 äußert er sich positiv über die „pessimistische Religion“, die an den -tragischen Mythos gebunden ist: „Ein Verlangen nach dem tragischen Mythus (nach ‚Religion‘ -und zwar pessimistischer Religion) (als einer abschließenden Glocke worin Wachsendes -gedeiht)“.\footcite[181]{nietzsche:fragmente} - -In „Ecce homo“, in dem Abschnitt, wo Nietzsche „Die Geburt der Tragödie“ reflektiert, -verdreht er allerdings die ursprüngliche Bedeutung des zweiten Teils der Überschrift -und, um anscheinend seine Opposition gegen den „Pessmismus der Schwäche“ zu betonen, -spricht er von Griechen, die im Gegenteil keinen Pessimismus kannten: „‚Griechenthum -und Pessimismus‘: das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich als erste Belehrung -darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem Pessimismus, - womit sie ihn überwunden… -Die Tragödie gerade ist der Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten -waren: Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen -hat“.\footcite[Vgl.][309]{nietzsche:ecce-homo} - -Es gibt „das Kunstwerk des Pessimismus“,\footcite[12]{nietzsche:geburt} -das dem Menschen offenbart, was der Pessimismus der Stärke ist, aber es gibt keine -pessimistische Kunst im Sinne des Pessimismus der Schwäche. - -Das Verständnis von Pessimismus ist der Punkt, in dem Nietzsche sich von seinem geistigen -Lehrer Schopenhauer absetzt, wie man es aus dem letzten Zitat aus „Ecce homo“ sieht. -Schopenhauer hat den dunklen, in sich widersprüchlichen Kern des Daseins entdeckt. Nietzsche -geht einen Schritt weiter und behauptet, dass das Dasein zu bejahen ist. 1888 antwortet -Nietzsche auf die Frage „Pessimismus in der Kunst?“, die in der Überschrift seiner -Aufzeichnung steht, folgendermaßen: - -\begin{quote} -Kunst ist wesentlich Bejahung, Segnung, Vergöttlichung -des Daseins…\\-: Was bedeutet eine pessimistische Kunst?.. Ist das nicht -eine contradictio? - Ja.\\Schopenhauer irrt, wenn er gewisse Werke der Kunst in -den Dienst des Pessimism stellt. Die Tragödie lehrt nicht ‚Resignation‘…\\- -Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen ist selbst schon ein Instinkt der -Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht… Es giebt keine pessimistische -Kunst.. Die Kunst bejaht. Hiob bejaht.\footcite[250]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -\subsubsection{4. Ästhetische Rechtfertigung des Daseins} - -Wenn man nach dem Sinn des Lebens fragt, dann fragt man: „Welchen Zweck hat -das Leben?“. Die Möglichkeit einer vernünftigen -Antwort auf diese Frage setzt also voraus, dass es eine Zweckmäßigkeit in der Natur -gibt, dass sie nach einem Prinzip funktioniert. Nun ist der dionysische Grund in dieser -Hinsicht nicht anders als dessen Vorbild, der Wille bei Arthur Schopenhauer, er „hat -kein Ziel und ist kein Prinzip, er begründet nichts, richtet nicht und kann folglich -auch nichts ‚rechtfertigen‘“.\footcite[55]{artisten-metaphysik} Wenn -die Welt das menschliche Dasein nicht rechtfertigen kann, so kann es nur der Mensch -selbst. Der Mensch projiziert aber sein Bedürfnis nach einem Sinn in die Welt, um -sich von der Last, sein Dasein rechtfertigen zu müssen, zu befreien. Dies führt zur -Entstehung großer Systeme wie die Moral oder Religionen. Wenn man aufhört nach dem -Sinn in der Außenwelt zu suchen, weil die menschliche Erkenntnis nicht zuverlässig -ist, so ist das Einzige, was übrig bleibt, in sich selbst zu suchen, weil man die -Grenzen seiner Selbst nicht sprengen kann.\footcite[Vgl.][55]{artisten-metaphysik} -Da Nietzsche das bis zum Ende konsequent durchdenkt, kommt er zu dem Schluss, dass -die Rechtfertigung des Daseins nur von dem Menschen selbst ausgehen kann, wenn -sie überhaupt möglich sein soll. - -Volker Gerhardt setzt den Gedanken über die Rechtfertigung des Lebens fort und -verbindet ihn mit den Bedingungen des menschlichen Handelns. Ein mit Sinn erfülltes -Leben ist die Voraussetzung für das menschliche Handeln, weil, wenn man keinen Grund -zu leben hat, man auch keinen Grund zu handeln hat, woraus folgt, dass es Nietzsche -nicht nur um die theoretische, sondern auch um die praktische Philosophie geht.\footcite[Vgl.][52--54]{artisten-metaphysik} -Deswegen hat die Lösung des Problems, ob das Dasein für den Menschen befriedigend -gerechtfertigt werden kann, weitreichende Konsequenzen für das individuelle und gesellschaftliche -Leben, das aus handelnden Subjekten besteht, obwohl Nietzsche nichts über den möglichen -funktionalen Zusammenhang von ästhetischen und theoretischen (oder praktischen) Einsichten"\footcite[Vgl.][56]{artisten-metaphysik} -sagt. - -V. Gerhardt unterscheidet zwischen der Rechtfertigung der Welt und des individuellen -Daseins. Der Mensch als handlungsfähiges Subjekt ist auf die Interaktion mit den anderen -Menschen und der Umwelt angewiesen, das heißt, um das eigene Leben und Handeln als -sinnvoll zu erfahren, muss das menschliche Subjekt sein eigenes Dasein im „Lauf der -Dinge“\footcite[Vgl.][56]{artisten-metaphysik} verstehen. Bei Nietzsche ist -es nicht möglich, weil die Rechtfertigung der Welt und des eigenen Daseins verschmelzen, -es ist schließlich nur der Mensch selbst, der allem Sinn gibt. Man kann also sein -Dasein nicht in den „Lauf der Dinge“ integrieren, sondern nur in seine eigene Einbildung -oder in den vom Zufall gesteuerten Traum eines höheren Wesens. Kann so etwas als „Rechtfertigung“ -und „Sinngebung“ gelten, oder wäre es ehrlicher mit dem Schopenhauers Pessimismus zu bleiben? - -Dazu muss man sagen, dass, wenn man den Geist aus der Welt vollständig ausklammert, -als etwas, was empirisch nicht nachgewiesen werden kann (und es ist das Ziel Nietzsches, -ohne eine Hinterwelt auszukommen), es keine bessere Lösung gibt. Eine physische, von -den Naturgesetzen gelenkte Welt ist uns genauso fremd wie der absurde Traum des Dionysus. -Wenn wir unser Dasein als ein Glied in der Geschichte der Menschheit verstehen können, -dann nimmt diese Geschichte ihren Anfang im Nichts und sie wird sich am Ende im Nichts -auflösen. Die individuelle Existenz ist in diesem Modell absolut sinnlos, obwohl es -in ein größeres Ganzes eingebaut werden kann. Das Letzte, was dem Menschen bleibt, -sich und seiner Umwelt selbst einen Sinn zu geben. Und da ist man schon wieder bei -Nietzsche. Dass er die Rechtfertigung des Daseins und diejenige der Welt nicht auseinanderhält, -ist ein richtiger Schachzug von ihm: Die Existenz der Welt ist sowieso sinnlos (oder -wird als solche erfahren), wenn es die menschliche Existenz ist. - -Ein anderes Argument, das V. Gerhardt bringt, ist, dass die Kunst, die das Leben -rechtfertigen soll, an Voraussetzungen gebunden ist, die sie dann zu erklären -versucht. In einem anderen Artikel, „Nietzsches ästhetische Revolution“ spricht -er von der „Dequalifizierung des Kunstbegriffs“: - -\begin{quote} -Erstens geht der Begriff der Kunst dem des Lebens methodisch -voraus. Allein das vorgängige Verständnis der Kunst ermöglicht, wenn überhaupt noch, -das Leben zu verstehen. Alle anderen Modelle, die von den Wissenschaften bereitgestellt -worden sind - bis hin zur mechanischen Erklärung der Lebensprozesse -, hält Nietzsce -für gescheitert. Nur als Analogon der Kunst ist das Leben noch sinnvoll mit den historisch -inzwischen unumgänglich gewordenen Erfahrungen zu -verbinden.\footcite[25]{revolution} -\end{quote} - -Aber andererseits wird das Leben oder bestimmte Erfahrungen im Leben vorausgesetzt, weil -„wenig so stark an ein Gegenteil gebunden ist wie gerade die Kunst. Die ästhetische -Erfahrung braucht, um Stimulans zu sein, die Not und die Enge des -Lebens“,\footcite[64]{artisten-metaphysik} weil die Welt uns sich -selbst nicht als ein Kunstwerk präsentiert.\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik} - -Dazu kommen noch erkenntnistheoretische Voraussetzungen. Nietzsche erklärt die -Erkenntnis mithilfe der Kunst, aber zunächst muss man \textit{erkennen}, was die -Kunst ist.\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik} - -Aber leider auch in diesem Fall bleibt einem nichts Besseres übrig. Sagen wir, -ich werde anerkennen, dass die theoretische Erkenntnis ist, was die Kunst begründet -und nicht umgekehrt. Was gibt mir aber die Sicherheit, dass meine Erkenntnis keine -Illusion, keine Einbildung ist? Was gibt mir die Sicherheit, dass meine Erkenntnis -nicht an andere Voraussetzungen gebunden ist, zum Beispiel an die Kunst. Woher kann -ich wissen, dass es nicht die Kunst ist, die die Erkenntnis möglich macht? V. Gerhardt -hat recht, dass die logische Erkenntnis und die Logik der Kunst methodisch vorausgehen, -was aber nicht bedeutet, dass sie ihr auch ontologisch übergeordnet sind. Die Natur -der menschlichen Erkenntnis ist so, dass sie immer reflexiv ist. Erst in der Reflexion -kann man die Frage stellen, ob die theoretische Erkenntnis die Kunst begründet oder -umgekehrt. Wenn man überhaupt keine Voraussetzungen machen will, landet man im Skeptizismus, -aus dem man nicht mehr rauskommt. - -Wenn Nietzsche alles der Kunst unterordnet und sagt, dass man sein Leben selbst -künstlerisch gestaltet und es so etwas wie Wahrheit nicht gibt, so bleibt er seinem -Wort treu, egal wie absurd es klingen mag. So schreibt er im Sommer 1883: - -\begin{quote} -Man sucht das Bild der Welt in der Philosophie, bei -der es uns am freiesten zu Muthe wird; d.h.\ bei der unser mächtigster Trieb sich -frei fühlt zu seiner Thätigkeit. So wird es auch bei mir -stehn!\footcite[111]{nietzsche:fragmente} -\end{quote} - -Ist es ein Selbstwiderspruch? Genau. Das ist die naive Ehrlichkeit, die Nietzsches -Schriften kennzeichnet. Er scheint keine Angst zu haben, sich selbst zu widersprechen, -und tat es absichtlich, weil er von dem Sein wusste, das in sich selbst widersprüchlich -ist, weil er es als Solches erlebt hat. Er versuchte diese Widersprüche in sich zu -vereinigen um dem Sein gerecht zu werden.\footcite[Vgl.][187]{ries:geburt} -Es ist nicht so, wie V. Gerhardt behauptet, dass nur die Kunst das Leben oder bestimmte -Lebenserfahrungen voraussetzt, weil die logische Erkenntnis es auch tut, sie ist an -dieselben Bedingungen gebunden. Das Vorhandensein solcher Menschen wie Friedrich Nietzsche -ist gerade der Beweis dafür, dass man im Leben auch Erfahrungen sammeln kann, die -zu einem ästhetischen Weltbild führen und nicht zu einem logischen. V. Gerhardt fragt, -warum die Welt uns nicht als ein Kunstwerk erscheine?\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik} -Man kann auch die Gegenfrage stellen: Warum erscheint uns die Welt nicht als ein logisches -System? Warum stellt Philosophie, wie Klaus Kornwachs sagt, seit zwei Jahrtausenden -Fragen, die sie und keine Wissneschaft beantworten kann?\footcite[Vgl.][7]{kornwachs:technik} -Vielleicht, weil die Welt ein Kunstwerk ist, in das wir unsere logischen Denkgesetze -übertragen? Von dem Standpunkt des Lebens betrachtet kann die Welt nicht nur als ein -logisches, sondern auch als ein ästhetisches Werk gedeutet werden. - -Das Problem einer ästhetischen Rechtfertigung der Welt bleibt trotzdem sehr schwer -zu lösen. Das endliche Dasein auf der Erde kann Einem sinnvoll erscheinen, weil nur -wenn jemand begrenzte Zeit im Leben hat, man mehr zu erreichen versucht, und sich -mehr um sein Leben kümmert. Für den Anderen kann es umgekehrt zwecklos sein, sich -um etwas zu bemühen, wenn alles eines Tages sowieso untergeht. Aber ist es nicht bereits -eine ästhetische Rechtfertigung, mit der man versucht seinem Leben Sinn zu erteilen, -indem man entweder sein Leben als eine kurze Theateraufführung versteht, oder ein -geistiges Reich erschafft, in dem man ewig leben kann. - -Es stellt sich auch die Frage, warum man sein Dasein überhaupt rechtfertigen soll? -Warum muss man das eigentlich in der Kunst umlügen? Man kann in Schopenhauers Pessimismus -Schwäche sehen, weil er nicht stark genug war, das Ekelhafte und Grauenvolle zu beja- -hen. Man kann aber genauso Nietzsches Pessimismus als eine Schwäche interpretieren, -eine Schwäche, sich der Grausamkeit, Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit Gesicht zu -Gesicht zu stellen. Die Antwort auf diese Frage ist auch nicht von der Erfahrung zu -trennen, die der Mensch im Leben macht. Theoretisch wollte Nietzsche die Kunst als -Stimulans des Lebens begreifen. Aber inwieweit ist es möglich für ein Wesen, das nach -der Wahrheit strebt (und Nietzsche strebt auch nach Wahrheit des Dionysus), an eine -Lüge zu glauben, über die man weiß und die man sich sogar selbst ausgedacht hat. Ist -es möglich auch auf der praktischen Ebene sich dermaßen zu belügen, oder ist die Kunst -doch nur ein Quietiv und hilft nur, das Leben etwas zu verschönern, um nicht an der -Wahrheit zu Grunde zu gehen? Es ist also die Frage, ob man eine theoretische Einstellung -zum Leben auch in der Praxis realisieren kann, wo einem so viele Hindernisse im Wege stehen. diff --git a/themes/posts/2015/05/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich.tex b/themes/posts/2015/05/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich.tex deleted file mode 100644 index eea756f..0000000 --- a/themes/posts/2015/05/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich.tex +++ /dev/null @@ -1,49 +0,0 @@ ---- -layout: post -date: 2015-05-07 18:17:00 -tags: Aufsatz -title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 4. Abschließende Bemerkungen -teaser: | - <p> - Der Welt, aus der die Wissenschaft die Geistigkeit vertrieben hat, die - genauso wie ihr Gott „getötet“ und zu einem physischen Mechanismus gemacht - wurde, schenkt Friedrich Nietzsche ein neues Leben, neue Dynamik, die - Dynamik eines Kunstwerkes, das noch nicht vollendet ist und niemals - vollendet sein wird. - </p> ---- -\epigraph{Eigentlich sollte ich einen Kreis von tiefen und zarten -Menschen um mich haben, welche mich etwas vor mir selber schützten und mich auch zu -erheitern wüßten: denn für einen, der solche Dinge denkt, wie ich sie denken muß, -ist die Gefahr immer ganz in der Nähe, daß er sich selber zerstört.} -{\textit{Herbst 1885 -- Frühjahr 1886}\\\textbf{Friedrich Nietzsche}\footcite[170]{nietzsche:fragmente}} - -Der Welt, aus der die Wissenschaft die Geistigkeit vertrieben hat, die genauso -wie ihr Gott „getötet“ und zu einem physischen Mechanismus gemacht wurde, schenkt -Friedrich Nietzsche ein neues Leben, neue Dynamik, die Dynamik eines Kunstwerkes, -das noch nicht vollendet ist und niemals vollendet sein wird. Seine Theorie von der -ästhetischen Rechtfertigung des Lebens hat er in die Praxis umgesetzt, er komponierte -sein schriftliches Werk: „Sie hätte singen sollen, diese ‚neue Seele‘ --- und nicht -reden!“,\footcite[15]{nietzsche:geburt} klagt er im „Versuch einer Selbstkritik“ -darüber, dass er nicht gewagt hat, in seinem Erstlingswerk „als Dichter“\footcite[15]{nietzsche:geburt} -zu sprechen. Und Wiebrecht Ries bemerkt, dass in der „Zarathustra-Dichtung“ erfüllt -ist, „daß die Rede Musik wird, und dies in gleicher Weise wie der Gedanke Seele wird.“\footcite[138]{ries:geburt} -Nietzsches Leben wurde wie eine Tragödie aus dem Geiste der Musik, die ihn sein Leben -lang inspirierte,\footcite[Vgl.][18]{ries:geburt} geboren. - -„Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ vernichtet Nietzsches Karriere, weil die Behauptungen -wie, dass die Existenz nur eine „Theateraufführung“ im Bewusstsein eines mythischen -Wesens, „provozierend gemeint [sind], aber sie […] einen unbeabsichtigten Zweifel -an der Nüchternheit und Zuverlässigkeit des Autors als humanistischen Gelehrten“\footcite[187]{hayman:biographie} -provozieren. „Die Wahrheit ist häßlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der -Wahrheit zu Grunde gehn.“,\footcite[279]{nietzsche:fragmente} heißt es 1888. -Dennoch geht er an der dionysischen Wahrheit zu Grunde und erleidet einen Zusammenbruch.\footcite[Vgl.][439]{hayman:biographie} -„Das Finale im Wahnsinn verlieh dem Werk rückwirkend eine dunkle Wahrheit: da war -offenbar jemand ins Geheimnis des Seins so tief eingedrungen, daß er darüber den Verstand -verloren hatte.“\footcite[331]{safranski:biographie} Nietzsches Schwester Elisabeth, -die noch zu Lebenszeiten seines Bruders alle Rechte auf seine Werke bekommen hat, -hat sich nach seinem Zusammenbruch um die Ausgabe seiner Schriften gekümmert\footcite[Vgl.][537 f]{hayman:biographie} -und ein Nietzsche-Archiv eröffnet.\footcite[454]{hayman:biographie} Bereits -1893 war die Nachfrage nach Nietzsches Büchern „sprunghaft angestiegen“.\footcite[454]{hayman:biographie} - -Also hat die dionysische Selbstzerstörung eines Philosophie-Künstlers etwas Neues hervorgebracht: sein Werk. diff --git a/themes/posts/2015/11/niemals-hat-die-mutter-ruhe.tex b/themes/posts/2015/11/niemals-hat-die-mutter-ruhe.tex deleted file mode 100644 index 35360ce..0000000 --- a/themes/posts/2015/11/niemals-hat-die-mutter-ruhe.tex +++ /dev/null @@ -1,28 +0,0 @@ ---- -layout: post -date: 2015-11-01 21:51:00 -tags: Gedicht -title: Niemals hat die Mutter Ruhe… -teaser: | - <p> - Niemals hat die Mutter Ruhe,<br> - die ihre Tochter sah im Grab.<br> - Die Liebeskummer, die ich hab’<br> - sei nur unbequem wie neue Schuhe. - </p> - <p> - Ich bedauere Ihr’n Verlust sowie,<br> - dass Sie noch nie entbrannten,<br> - nie in 60 Jahren kannten,<br> - was sie ist, die Liebeslust. - </p> ---- -Niemals hat die Mutter Ruhe,\\ -die ihre Tochter sah im Grab.\\ -Die Liebeskummer, die ich hab’\\ -sei nur unbequem wie neue Schuhe. - -Ich bedauere Ihr’n Verlust sowie,\\ -dass Sie noch nie entbrannten,\\ -nie in 60 Jahren kannten,\\ -was sie ist, die Liebeslust. |
