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Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große +Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.} +{\textit{Mai -- Juni 1888}\\ +\textbf{Friedrich Nietzsche}\footcite[283]{nietzsche:fragmente}} + +In der „Geburt der Tragödie“ steht ein bekannter Satz, der oft zitiert wird. Nietzsche +unternimmt einen neuen Versuch, dem Leben, so wie es ist, einen Sinn zu geben. Es ist keine +Rechtfertigung, die auf eine bestimmte Theologie oder ein Moralsystem stützt, sondern +dies ist die Rechtfertigung eines Künstlers. Nur als ein ästhetisches Phänomen lässt +sich das Dasein als lebenswert erfahren.\footcite[Vgl.][47]{nietzsche:geburt} +Alles andere ist hilflos gegen die Weisheit des Silen. 1878 stellt Nietzsche die Moral +der Kunst entgegen und schreibt rückblickend: + +\begin{quote} +Damals glaubte ich daß die Welt vom aesthetischen Standpunkt +aus ein Schauspiel und als solches von ihrem Dichter gemeint sei, daß sie aber als +moralisches Phänomen ein Betrug sei: weshalb ich zu dem Schlusse kam, daß nur als +aesthetisches Phänomen die Welt sich rechtfertigen lasse.\footcite[55]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Nur als Teilnahme am Traum eines göttlichen Wesens kann die menschliche Existenz +gerechtfertigt werden, nur so können die extremen Widersprüche im menschlichen Dasein +erträglich gemacht werden.\footcite[Vgl.][59 ff]{ries:geburt} + +Mithilfe der Kunst versucht Nietzsche dem Pessimismus und Nihilismus zu entkommen +und sagen: Das Leben muss bejaht werden! W. Ries nennt die Rechtfertigung des Lebens +bei Nietzsche „die letzte Bastion gegenüber einer Gegenwart […], welche durch +die universale Banalisierung ihrer reduzierten Lebensvollzüge funktionalistisch charakterisiert +werden kann, einer Gegenwart, aus welcher ‚die Götter‘ ebenso endgültig verschwunden +sind wie ‚die griechische Heiterkeit‘ und an deren Trivialität es nichts mehr zu ‚rechtfertigen‘ +gibt.“\footcite[66]{ries:geburt} + +\subsubsection{1. Die Kunst als Wahrheit oder die Kunst anstatt der Wahrheit} + +Der Grund, warum Nietzsche die alten Ideale wie Religion und Moral als nicht +lebenstauglich verwirft, liegt darin, dass sie ein objektives System von +Urteilen voraussetzen, zum Beispiel einen Gott und ein göttliches Gesetz oder +die Idee des Guten, gegenüber welchen Nietzsche sehr skeptisch ist. Erkenntnistheoretisch +besteht das Problem darin, dass man sie nicht mit voller Sicherheit begründen kann. +Im Fall mit der Religion spielt der Glaube eine enorme Rolle und die Glaubenssätze +können nicht auf die logische Ebene zurückgeführt werden, sonst würde es sich um keine +Religion, sondern um eine Wissenschaft handeln. Im Fall mit der Moral besteht die +Gefahr, dass alle Normen, die als objektiv gültig zu sein scheinen, bloß eine Folge +der kulturellen Entwicklung sind, sodass die Moral sich dann als „eine Summe von +Vorurtheilen“\footcite[67]{nietzsche:fragmente} entlarven lässt. Die +menschliche Entwicklung und die kulturellen Zusammenhänge sind oft dermaßen +kompliziert, dass es sich kaum unterscheiden lässt, was objektiv und was ein +subjektives (oder ein kollektives) Vorurteil ist. Im Sommer 1880 stellt Nietzsche +die Moral der Wissenschaft gegenüber: + +\begin{quote} +In den Wissenschaften der speziellsten Art redet man +am bestimmtesten: jeder Begriff ist genau umgrenzt. Am unsichersten wohl in der Moral, +jeder empfindet bei jedem Worte etwas Anderes und je nach Stimmung, hier ist die Erziehung +vernachlässigt, alle Worte haben einen Dunstkreis bald groß bald eng werdend.\footcite[66]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Auch der moderne Pluralismus lehrt, dass es nicht so einfach ist, eine Religion +oder ein Moralsystem in den Bereich des Absoluten zu erheben. + +Volker Gerhardt findet Nietzsches Hervorheben der ästhetischen Seite des Daseins +provokativ und fragt: „Wie weit reicht eigentlich die Provokation des moralischen +Denkens durch die Forderung nach einer ganz und gar ästhetischen Betrachtung des Seins?“\footcite[47]{artisten-metaphysik} +Ist Nietzsches Argumentation ernst gemeint oder will er einfach in jeder Diskussion +Recht behalten, indem er moralische Urteile relativiert und an ihre Stelle ästhetische +Sichtweise erhebt? V. Gerhardt argumentiert, dass es kränkend sei, wenn jemand moralische +Argumente bringt, die von dem Opponenten nicht ernst genommen werden, sodass der Letztere +sich noch berechtigt fühlen könne, seine Untat zu rechtfertigen und zu wiederholen. +Außerdem kann man einen solchen „Künstler“ überhaupt ernst nehmen, wenn „Grausamkeiten +belächelt, fremde Qualen genossen und eigene Pflichten bloß theatralisch genommen +werden“?\footcite[Vgl.][47]{artisten-metaphysik} Darauf kann man zweierlei antworten: + +\begin{enumerate} + \item + Innerhalb eines Freundeskreises, einer Kultur oder sogar einer Epoche + würde vielleicht tatsächlich „jeder von uns empört, wenn ein ernstes moralisches Anliegen + durch Hinweis auf ästhetische Reize zurückgewiesen wird“.\footcite[47]{artisten-metaphysik} + Nun wird die Frage nach der Geltung der Moral, nach dem Vorhandensein allgemein gültiger + moralischer Regeln, von Nietzsche viel radikaler gestellt. Ihn interessiert, ob es + prinzipiell eine moralische Gesetzgebung gibt, die dieselbe Gültigkeit wie ein physikalisches + Gesetz hat, das überall auf der Erde in allen Zeiten gültig ist. Nietzsche verneint + die Möglichkeit der Existenz einer moralischen Gesetzgebung. + + Wird nicht jeder von + uns empört, wenn ein moralisches Anliegen diametral entgegengesetzt bewertet wird, + aufgrund eines anderen Wertesystems, einer andersartigen Ethikkonzeption oder eines + ungleichen kulturellen Hintergrundes? Lässt es sich in der Tat immer über die moralischen + Urteile streiten? Man denke nur an moralische Konflikte auf einer größeren, politischen, + Ebene zwischen den Ländern, deren moralische Wertesysteme durch eine Jahrhunderte + und Jahrtausende lange Geschichte geprägt sind. + + \item „Ästhetisch“ und „theatralisch“ +kann nicht einfach mit „frech“, „leichtsinnig“, „gleichgültig“, „egoistisch“ gleichgesetzt +werden. Auf der Bühne des Theaters kann sehr ernst gespielt werden (man denke nur, +welche existenzielle Bedeutung hat nach Nietzsche die griechische Tragödie). Des Weiteren +kann man sehr wohl auf Moralsysteme mit den Maximen wie „Vertraue keinem Menschen“, +„Erreiche dein Ziel um jeden Preis“, „Kümmere dich nur um dich selbst und um die Menschen, +die dir etwas bedeuten“ und so weiter stoßen. Auf der anderen Seite kann man sein +Leben ästhetisch als ein schönes und gutes Kunstwerk gestalten. Die Frage, ob die +Moral oder die Ästhetik mehr Wahres in sich hat, ist theoretischer Natur. Welche Auswirkung +auf das menschliche Handeln die Entscheidung für entweder moralische oder ästhetische +Weltbetrachtung hat, hängt allein von der Lebenseinstellung des Handelnden. +\end{enumerate} + +Alles, was „jenseits“, nicht sinnlich ist, will Nietzsche aus der Philosophie verbannen, +und wieder hat hier die Philosophie von der Kunst zu lernen: + +\begin{quote} +In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht +als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben +geht, sie liebten die Dinge ‚dieser Welt‘, - sie liebten ihre Sinne. Entsinnlichung +zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständnisß oder eine Krankheit oder eine Kur, +wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. […] Was gehen +uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an!\footcite[154]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Gegen die christlichen Vorstellungen und philosophische Systeme, die den Leib als +Kerker der Seele betrachten, setzt Nietzsche fort und sagt, dass es sogar „ein Merkmal +der Wohlgerathenheit [ist], wenn Einer gleich Goethen mit immer größerer Lust und +Herzlichkeit an ‚den Dingen der Welt‘ hängt“.\footcite[154]{nietzsche:fragmente} +Zwar nennt er diese Welt, wie oben gesagt, eine Scheinwelt, aber es gibt keine andere. +Wenn Nietzsche darüber spricht, dass wir in einer Scheinwelt leben, so verweist er +nicht auf eine wahre, reale Welt, es existiert keine „Hinterwelt“\footcite[Vgl.][93]{nietzsche:fragmente} +Er will kein Dualist sein und akzeptiert nur die Realität, die er mit seinen Sinnen +wahrnehmen kann, selbst wenn sie eine Täuschung sein soll: + +\begin{quote} +Wir finden das Umgekehrte, die Gegenbewegung gegen die +absolute Autorität der Göttin ‚Vernunft‘ überall, wo es tiefere Menschen giebt. Fanatische +Logiker brachten es zu Wege, daß die Welt eine Täuschung ist; und daß nur im Denken +der Weg zum ‚Sein‘, zum ‚Unbedingten‘ gegeben sei. Dagegen habe ich Vergnügen an der +Welt, wenn sie Täuschung sein sollte; und über den Verstand der Verständigsten hat +man sich immer unter vollständigeren M<enschen> lustig gemacht.\footcite[162]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +\subsubsection{2. Wissenschaft} + +Nicht nur Religion und Moral können uns keine Aussage über die Welt, wie sie +an sich ist, und über die Wahrheit geben, auch die Wissenschaft kann es kaum. +Wenn auch Walter Schulz Nietzsche „wissenschaftsgläubig“ nennt,\footcite[Vgl.][19]{schulz:function-and-place} +so hat Nietzsche doch die Wissenschaft zu verschiedenen Zeiten seines Lebens unterschiedlich +bewertet. Ja, die Wissenschaft mag sich auf empirische Daten stützen und deswegen +nicht so subjektiv sein, wie Metaphysik, Religion oder Moral. Es stellt sich allerdings +die Frage, ob die Wissenschaft deswegen einen Anspruch auf die Wahrheit hat. + +Besonders gut lässt sich die Berechtigung dieser Frage nachvollziehen, wenn man +einen kurzen Blick auf die moderne Wissenschaftstheorie wirft. Moderne Wissenschaften +geben heutzutage gar nicht vor, die Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen, was +vor zwei oder drei Jahrhunderten der Fall war. Die naive Vorstellung, die Wissenschaft +erforsche die Wirklichkeit, ist zwar verbreitet, aber nicht in den wissenschaftlichen +Kreisen selbst. Moderne Wissenschaften basieren auf Theorien, was bedeutet, dass sie +mit von Menschen erschaffe- nen Modellen arbeiten, die helfen, bestimmte Phänomene +zu erklären oder gewisse Berechnungen durchzuführen. + +Hatte Nietzsche nicht schon damals Recht, als er die einzig reale für den Menschen +Welt eine Scheinwelt genannt hat, denn wie sonst kann man erklären, dass der Mensch +kein Wissen über die Tatsachen der Welt hat, sondern ledigilich auf die Bildung von +Theorien angewiesen ist? Man kann jetzt die radikale Frage stellen, ob die Wissenschaft +selbst nicht eine „Kunstgattung“ ist. Die Gegenfrage würde lauten: Wenn man die Kunst +braucht, um das Leben umzulügen, es umzudichten und so erträglich zu machen, wozu +braucht man dann die Wissenschaft? + +\begin{quote} +Die Bequemlichkeit, Sicherheit, Furchtsamkeit, Faulheit, +Feigheit ist es, was dem Leben den gefährlichen Charakter zu nehmen sucht und alles +‚organisiren‘ möchte - Tartüfferie der ökonomischen Wissenschaft\footcite[135]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Wissenschaften bringen Sicherheit ins Leben. Diese Funktion hatten früher die heidnischen +Religionen. Man fühlte sich sicherer, wenn man wusste, dass man nicht der blinden, +gleichgültigen Natur ausgeliefert ist; wenn man wusste, dass eine Götterwelt sich +hinter allen Naturphänomenen verbirgt, die man anbeten kann und so bekam man das Gefühl, +dass man ein gewisses Maß an Kontrolle über die Natur hat. Deswegen schreibt Nietzsche +über die griechische Mythologie, dass die Götter des Olymps „aus tiefster Nöthigung“\footcite[36]{nietzsche:geburt} +geschaffen wurden. + +Diese Rolle der Lebensabsicherung hat später die Wissenschaft übernommen. Sie ermöglicht +einerseits Zusammenhänge zwischen den Ereignissen festzustellen und daraus auf die +Naturgesetze zu schließen, und so erscheint die Welt nicht mehr chaotisch, sondern +wird geordnet und als ein nach Gesetzen funktionierendes System vorgestellt. Andererseits +versetzt die Wissenschaft in die Lage, Voraussagen über die Zukunft zu treffen. Aufgrund +der Komplexität der physikalischen Systeme, können alle natürlichen Ereignisse in +so großen Systemen wie unser Universum nicht genau vorhergesehen werden, weshalb, +was die Auswirkung auf den Menschen betrifft, die Vorhersagemöglichkeit der Naturphänomene +analog zu Anbetung der Götter ist, weil beides mehr Sicherheit in den folgenden Tag bringt. + +Etwas andere Sicht auf die Wissenschaft bietet eine andere Aufzeichnung von Nietzsche, +die aus der Zeit zwischen dem Herbst 1885 und Herbst 1886 stammt: + +\begin{quote} +Man findet in den Dingen nichts wieder als was man nicht +selbst hineingesteckt hat: dies Kinderspiel, von dem ich nicht gering denken möchte, +heißt sich Wissenschaft? […] das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das +Hineinstecken - Kunst, Religion, Liebe, Stolz.\footcite[188]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +In diesem Modell ist es die schöpferische Kraft des Menschen die, die Welt schafft. +Die Wissenschaft hat zu ihrer Aufgabe die so erschaffene Welt zu analysieren und aus +den gewonnenen Daten ein wissenschaftliches System zu formen. Diesen Gedanken findet +man ebenfalls in der modernen Wissenschaftstheorie wieder, und zwar im Konzept der +Operationalisierung. Das ist ein wichtiges Konzept, das ermöglicht, ein Objekt unter +bestimmte Begriffe zu subsumieren. Operationalisierung sagt uns nichts über die realen +Eigenschaften eines Objektes, es besagt bloß, dass, um einem Objekt einen Begriff +zuzuordnen, eine Messmethode angegeben wieden muss. Ein Beispiel aus der Psychologie +wäre ein Intelligenztest. Empirisches Problem beim Durchführen eines derartigen Tests +ist, dass es nicht klar ist, was Intelligenz eigentlich ist, was genau unter Intelligenz +verstanden wird. Man würde den Begriff „Intelligenz“ operationalisierbar machen, wenn +man eindeutig eingeben würde, wie die Intelligenz zu messen ist (zum Beispiel anhand +eines Tests, der genauso universell für die Messung der Intelligenz ist, wie ein Lineal +für die Messung der Länge). Das hätte das Problem mit der Subjektivität und Begrenztheit +eines Intelligenztests gelöst, man hätte sie messen können und mit den Messwerten +anderer Menschen vergleichen. Dafür, dass der Begriff „Intelligenz“ nun operationalisierbar +wäre, würde man jedoch ein anderes Problem bekommen: Bevor man anfängt etwas zu messen, +muss man definieren, wie es zu messen ist. In dem Fall mit der Intelligenz bedeutet +es, dass man nicht auf die „Idee der Intelligenz“ in einem platonischen Ideenreich +zugreift, die objektiv definiert, was die Intelligenz ist, sondern man legt vorher +selbst fest, was es ist und wie es zu messen gilt. In den Naturwissenschaften ist +es nicht anders: Man misst nicht etwas aus der objektiven Wirklichkeit, sondern nur +das, was man messen will, mit Nietzsche gesagt: Man misst nur das, was man in +die Natur „hineingesteckt“ hat. + +Man kann Nietzsches Metaphysik auch auf die Wissenschaft anwenden. Wissenschaft +erscheint in diesem Licht als eine lebensnotwendige Lüge, genauso wie die Welt, die +von ihr erforscht wird. + +\subsubsection{3. Pessimismus und Optimismus in der Kunst} + +"Nietzsche legt - das Gesamt der geistigen Tätigkeiten durchmusternd - dar, daß Metaphysik, Moral, +Religion und Wissenschaft nur verschiedene Formen der Lüge sind."\footcite[12]{schulz:function-and-place} +Menschen haben aber das innere Streben nach der Wahrheit, sonst hätte man diese Lügen +nicht ausgedacht. Aber auch mit der Kunst steht es nicht viel anders, und Walter Schulz +schreibt an einer anderen Stelle: "Die Kunst lügt um, aber sie umlügen, weil wir sonst +nicht leben können."\footcite[11]{schulz:function-and-place}Und wenn auch die +Welt nur ein Kunstwerk ist, ist auch sie durch und durch lügnerisch. Und wenn man +diese Wahrheit niemals erreichen kann, weil es sie nach Nietzsche nicht gibt, dann +hat kann man sich fragen, was für einen Sinn das Leben überhaupt hat, und ob es ausreicht +sich ästhetisch zu betrügen, wenn man jede Sekunde weiß, dass es nur eine Lüge ist. + +Diese Frage ist entscheidend für Nietzsche, weil er sich nicht als Pessimist verstehen +will. Wenn er im „Versuch einer Selbstkritik“ dem Optimismus als dem Zeichen des Verfalls +den Pessimismus gegenüberstellt,\footcite[Vgl.][12 f]{nietzsche:geburt} so +meint er mit dem „Pessimismus“ in diesem Fall etwas anderes. Optimismus, den Nietzsche +zu bekämpfen sucht, ist der Optimismus in der Erkenntnis, sokratische Einstellung, +dass das Sein in seinem Grund vernünftig, geordnet und berechenbar ist. Das ist auch, +was heute oft als „positives Denken“ bekannt ist. Denke positiv, schließe deine geistigen +Augen und merke nicht die Probleme und die Welt um dich herum. Diese Lebenshaltung ist zu „apollinisch“. + +Der Gegenbegriff zum Optimismus ist der Pessimismus oder wie Nietzsche sagt „Pessimismus +der Stärke“.\footcite[12]{nietzsche:geburt} Es zeugt von gewisser +Stärke, die Welt in ihrem dionysischen Chaos und ihrer Absurdität anzuerkennen und +trotzdem „Ja“ zum Leben zu sagen. Es gibt aber auch das, was man analog zum „Pessimismus +der Stärke“ „Pessimismus der Schwäche“ nennen könnte. Das ist, wenn man zwar keine +Angst hat, in die Abgründe des Seins zu schauen, aber zu schwach ist, die Welt trotz alledem zu bejahen. + +Wie ich oben erwähnte hat Nietzsche die Überschrift der zweiten Ausgabe der „Geburt +der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ verändert, das Buch hieß nun „Die Geburt der +Tragödie. Oder: Griechenthum und Pessimismus“. Im „Versuch einer Selbstkritik“ beschreibt +er „Griechentum und das Kunstwerk des Pessimismus“,\footcite[12]{nietzsche:geburt} +wobei die Griechen positiv als Pessimisten beschrieben werden, da Nietzsche sie im +nächsten Satz die „zum Leben verführendste Art der bisherigen Menschen“\footcite[12]{nietzsche:geburt} +nennt. Auch in seiner Aufzeichnung zur „Geburt der Tragödie“ aus dem Herbst 1885 - +Herbst 1886 äußert er sich positiv über die „pessimistische Religion“, die an den +tragischen Mythos gebunden ist: „Ein Verlangen nach dem tragischen Mythus (nach ‚Religion‘ +und zwar pessimistischer Religion) (als einer abschließenden Glocke worin Wachsendes +gedeiht)“.\footcite[181]{nietzsche:fragmente} + +In „Ecce homo“, in dem Abschnitt, wo Nietzsche „Die Geburt der Tragödie“ reflektiert, +verdreht er allerdings die ursprüngliche Bedeutung des zweiten Teils der Überschrift +und, um anscheinend seine Opposition gegen den „Pessmismus der Schwäche“ zu betonen, +spricht er von Griechen, die im Gegenteil keinen Pessimismus kannten: „‚Griechenthum +und Pessimismus‘: das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich als erste Belehrung +darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem Pessimismus, - womit sie ihn überwunden… +Die Tragödie gerade ist der Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten +waren: Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen +hat“.\footcite[Vgl.][309]{nietzsche:ecce-homo} + +Es gibt „das Kunstwerk des Pessimismus“,\footcite[12]{nietzsche:geburt} +das dem Menschen offenbart, was der Pessimismus der Stärke ist, aber es gibt keine +pessimistische Kunst im Sinne des Pessimismus der Schwäche. + +Das Verständnis von Pessimismus ist der Punkt, in dem Nietzsche sich von seinem geistigen +Lehrer Schopenhauer absetzt, wie man es aus dem letzten Zitat aus „Ecce homo“ sieht. +Schopenhauer hat den dunklen, in sich widersprüchlichen Kern des Daseins entdeckt. Nietzsche +geht einen Schritt weiter und behauptet, dass das Dasein zu bejahen ist. 1888 antwortet +Nietzsche auf die Frage „Pessimismus in der Kunst?“, die in der Überschrift seiner +Aufzeichnung steht, folgendermaßen: + +\begin{quote} +Kunst ist wesentlich Bejahung, Segnung, Vergöttlichung +des Daseins…\\-: Was bedeutet eine pessimistische Kunst?.. Ist das nicht +eine contradictio? - Ja.\\Schopenhauer irrt, wenn er gewisse Werke der Kunst in +den Dienst des Pessimism stellt. Die Tragödie lehrt nicht ‚Resignation‘…\\- +Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen ist selbst schon ein Instinkt der +Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht… Es giebt keine pessimistische +Kunst.. Die Kunst bejaht. Hiob bejaht.\footcite[250]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +\subsubsection{4. Ästhetische Rechtfertigung des Daseins} + +Wenn man nach dem Sinn des Lebens fragt, dann fragt man: „Welchen Zweck hat +das Leben?“. Die Möglichkeit einer vernünftigen +Antwort auf diese Frage setzt also voraus, dass es eine Zweckmäßigkeit in der Natur +gibt, dass sie nach einem Prinzip funktioniert. Nun ist der dionysische Grund in dieser +Hinsicht nicht anders als dessen Vorbild, der Wille bei Arthur Schopenhauer, er „hat +kein Ziel und ist kein Prinzip, er begründet nichts, richtet nicht und kann folglich +auch nichts ‚rechtfertigen‘“.\footcite[55]{artisten-metaphysik} Wenn +die Welt das menschliche Dasein nicht rechtfertigen kann, so kann es nur der Mensch +selbst. Der Mensch projiziert aber sein Bedürfnis nach einem Sinn in die Welt, um +sich von der Last, sein Dasein rechtfertigen zu müssen, zu befreien. Dies führt zur +Entstehung großer Systeme wie die Moral oder Religionen. Wenn man aufhört nach dem +Sinn in der Außenwelt zu suchen, weil die menschliche Erkenntnis nicht zuverlässig +ist, so ist das Einzige, was übrig bleibt, in sich selbst zu suchen, weil man die +Grenzen seiner Selbst nicht sprengen kann.\footcite[Vgl.][55]{artisten-metaphysik} +Da Nietzsche das bis zum Ende konsequent durchdenkt, kommt er zu dem Schluss, dass +die Rechtfertigung des Daseins nur von dem Menschen selbst ausgehen kann, wenn +sie überhaupt möglich sein soll. + +Volker Gerhardt setzt den Gedanken über die Rechtfertigung des Lebens fort und +verbindet ihn mit den Bedingungen des menschlichen Handelns. Ein mit Sinn erfülltes +Leben ist die Voraussetzung für das menschliche Handeln, weil, wenn man keinen Grund +zu leben hat, man auch keinen Grund zu handeln hat, woraus folgt, dass es Nietzsche +nicht nur um die theoretische, sondern auch um die praktische Philosophie geht.\footcite[Vgl.][52--54]{artisten-metaphysik} +Deswegen hat die Lösung des Problems, ob das Dasein für den Menschen befriedigend +gerechtfertigt werden kann, weitreichende Konsequenzen für das individuelle und gesellschaftliche +Leben, das aus handelnden Subjekten besteht, obwohl Nietzsche nichts über den möglichen +funktionalen Zusammenhang von ästhetischen und theoretischen (oder praktischen) Einsichten"\footcite[Vgl.][56]{artisten-metaphysik} +sagt. + +V. Gerhardt unterscheidet zwischen der Rechtfertigung der Welt und des individuellen +Daseins. Der Mensch als handlungsfähiges Subjekt ist auf die Interaktion mit den anderen +Menschen und der Umwelt angewiesen, das heißt, um das eigene Leben und Handeln als +sinnvoll zu erfahren, muss das menschliche Subjekt sein eigenes Dasein im „Lauf der +Dinge“\footcite[Vgl.][56]{artisten-metaphysik} verstehen. Bei Nietzsche ist +es nicht möglich, weil die Rechtfertigung der Welt und des eigenen Daseins verschmelzen, +es ist schließlich nur der Mensch selbst, der allem Sinn gibt. Man kann also sein +Dasein nicht in den „Lauf der Dinge“ integrieren, sondern nur in seine eigene Einbildung +oder in den vom Zufall gesteuerten Traum eines höheren Wesens. Kann so etwas als „Rechtfertigung“ +und „Sinngebung“ gelten, oder wäre es ehrlicher mit dem Schopenhauers Pessimismus zu bleiben? + +Dazu muss man sagen, dass, wenn man den Geist aus der Welt vollständig ausklammert, +als etwas, was empirisch nicht nachgewiesen werden kann (und es ist das Ziel Nietzsches, +ohne eine Hinterwelt auszukommen), es keine bessere Lösung gibt. Eine physische, von +den Naturgesetzen gelenkte Welt ist uns genauso fremd wie der absurde Traum des Dionysus. +Wenn wir unser Dasein als ein Glied in der Geschichte der Menschheit verstehen können, +dann nimmt diese Geschichte ihren Anfang im Nichts und sie wird sich am Ende im Nichts +auflösen. Die individuelle Existenz ist in diesem Modell absolut sinnlos, obwohl es +in ein größeres Ganzes eingebaut werden kann. Das Letzte, was dem Menschen bleibt, +sich und seiner Umwelt selbst einen Sinn zu geben. Und da ist man schon wieder bei +Nietzsche. Dass er die Rechtfertigung des Daseins und diejenige der Welt nicht auseinanderhält, +ist ein richtiger Schachzug von ihm: Die Existenz der Welt ist sowieso sinnlos (oder +wird als solche erfahren), wenn es die menschliche Existenz ist. + +Ein anderes Argument, das V. Gerhardt bringt, ist, dass die Kunst, die das Leben +rechtfertigen soll, an Voraussetzungen gebunden ist, die sie dann zu erklären +versucht. In einem anderen Artikel, „Nietzsches ästhetische Revolution“ spricht +er von der „Dequalifizierung des Kunstbegriffs“: + +\begin{quote} +Erstens geht der Begriff der Kunst dem des Lebens methodisch +voraus. Allein das vorgängige Verständnis der Kunst ermöglicht, wenn überhaupt noch, +das Leben zu verstehen. Alle anderen Modelle, die von den Wissenschaften bereitgestellt +worden sind - bis hin zur mechanischen Erklärung der Lebensprozesse -, hält Nietzsce +für gescheitert. Nur als Analogon der Kunst ist das Leben noch sinnvoll mit den historisch +inzwischen unumgänglich gewordenen Erfahrungen zu +verbinden.\footcite[25]{revolution} +\end{quote} + +Aber andererseits wird das Leben oder bestimmte Erfahrungen im Leben vorausgesetzt, weil +„wenig so stark an ein Gegenteil gebunden ist wie gerade die Kunst. Die ästhetische +Erfahrung braucht, um Stimulans zu sein, die Not und die Enge des +Lebens“,\footcite[64]{artisten-metaphysik} weil die Welt uns sich +selbst nicht als ein Kunstwerk präsentiert.\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik} + +Dazu kommen noch erkenntnistheoretische Voraussetzungen. Nietzsche erklärt die +Erkenntnis mithilfe der Kunst, aber zunächst muss man \textit{erkennen}, was die +Kunst ist.\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik} + +Aber leider auch in diesem Fall bleibt einem nichts Besseres übrig. Sagen wir, +ich werde anerkennen, dass die theoretische Erkenntnis ist, was die Kunst begründet +und nicht umgekehrt. Was gibt mir aber die Sicherheit, dass meine Erkenntnis keine +Illusion, keine Einbildung ist? Was gibt mir die Sicherheit, dass meine Erkenntnis +nicht an andere Voraussetzungen gebunden ist, zum Beispiel an die Kunst. Woher kann +ich wissen, dass es nicht die Kunst ist, die die Erkenntnis möglich macht? V. Gerhardt +hat recht, dass die logische Erkenntnis und die Logik der Kunst methodisch vorausgehen, +was aber nicht bedeutet, dass sie ihr auch ontologisch übergeordnet sind. Die Natur +der menschlichen Erkenntnis ist so, dass sie immer reflexiv ist. Erst in der Reflexion +kann man die Frage stellen, ob die theoretische Erkenntnis die Kunst begründet oder +umgekehrt. Wenn man überhaupt keine Voraussetzungen machen will, landet man im Skeptizismus, +aus dem man nicht mehr rauskommt. + +Wenn Nietzsche alles der Kunst unterordnet und sagt, dass man sein Leben selbst +künstlerisch gestaltet und es so etwas wie Wahrheit nicht gibt, so bleibt er seinem +Wort treu, egal wie absurd es klingen mag. So schreibt er im Sommer 1883: + +\begin{quote} +Man sucht das Bild der Welt in der Philosophie, bei +der es uns am freiesten zu Muthe wird; d.h.\ bei der unser mächtigster Trieb sich +frei fühlt zu seiner Thätigkeit. So wird es auch bei mir +stehn!\footcite[111]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Ist es ein Selbstwiderspruch? Genau. Das ist die naive Ehrlichkeit, die Nietzsches +Schriften kennzeichnet. Er scheint keine Angst zu haben, sich selbst zu widersprechen, +und tat es absichtlich, weil er von dem Sein wusste, das in sich selbst widersprüchlich +ist, weil er es als Solches erlebt hat. Er versuchte diese Widersprüche in sich zu +vereinigen um dem Sein gerecht zu werden.\footcite[Vgl.][187]{ries:geburt} +Es ist nicht so, wie V. Gerhardt behauptet, dass nur die Kunst das Leben oder bestimmte +Lebenserfahrungen voraussetzt, weil die logische Erkenntnis es auch tut, sie ist an +dieselben Bedingungen gebunden. Das Vorhandensein solcher Menschen wie Friedrich Nietzsche +ist gerade der Beweis dafür, dass man im Leben auch Erfahrungen sammeln kann, die +zu einem ästhetischen Weltbild führen und nicht zu einem logischen. V. Gerhardt fragt, +warum die Welt uns nicht als ein Kunstwerk erscheine?\footcite[Vgl.][65]{artisten-metaphysik} +Man kann auch die Gegenfrage stellen: Warum erscheint uns die Welt nicht als ein logisches +System? Warum stellt Philosophie, wie Klaus Kornwachs sagt, seit zwei Jahrtausenden +Fragen, die sie und keine Wissneschaft beantworten kann?\footcite[Vgl.][7]{kornwachs:technik} +Vielleicht, weil die Welt ein Kunstwerk ist, in das wir unsere logischen Denkgesetze +übertragen? Von dem Standpunkt des Lebens betrachtet kann die Welt nicht nur als ein +logisches, sondern auch als ein ästhetisches Werk gedeutet werden. + +Das Problem einer ästhetischen Rechtfertigung der Welt bleibt trotzdem sehr schwer +zu lösen. Das endliche Dasein auf der Erde kann Einem sinnvoll erscheinen, weil nur +wenn jemand begrenzte Zeit im Leben hat, man mehr zu erreichen versucht, und sich +mehr um sein Leben kümmert. Für den Anderen kann es umgekehrt zwecklos sein, sich +um etwas zu bemühen, wenn alles eines Tages sowieso untergeht. Aber ist es nicht bereits +eine ästhetische Rechtfertigung, mit der man versucht seinem Leben Sinn zu erteilen, +indem man entweder sein Leben als eine kurze Theateraufführung versteht, oder ein +geistiges Reich erschafft, in dem man ewig leben kann. + +Es stellt sich auch die Frage, warum man sein Dasein überhaupt rechtfertigen soll? +Warum muss man das eigentlich in der Kunst umlügen? Man kann in Schopenhauers Pessimismus +Schwäche sehen, weil er nicht stark genug war, das Ekelhafte und Grauenvolle zu beja- +hen. Man kann aber genauso Nietzsches Pessimismus als eine Schwäche interpretieren, +eine Schwäche, sich der Grausamkeit, Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit Gesicht zu +Gesicht zu stellen. Die Antwort auf diese Frage ist auch nicht von der Erfahrung zu +trennen, die der Mensch im Leben macht. Theoretisch wollte Nietzsche die Kunst als +Stimulans des Lebens begreifen. Aber inwieweit ist es möglich für ein Wesen, das nach +der Wahrheit strebt (und Nietzsche strebt auch nach Wahrheit des Dionysus), an eine +Lüge zu glauben, über die man weiß und die man sich sogar selbst ausgedacht hat. Ist +es möglich auch auf der praktischen Ebene sich dermaßen zu belügen, oder ist die Kunst +doch nur ein Quietiv und hilft nur, das Leben etwas zu verschönern, um nicht an der +Wahrheit zu Grunde zu gehen? Es ist also die Frage, ob man eine theoretische Einstellung +zum Leben auch in der Praxis realisieren kann, wo einem so viele Hindernisse im Wege stehen. |
