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@@ -1,12 +0,0 @@
----
-layout: post
-date: 2012-03-18 18:14:00
-tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten
-title: Zur Kindererziehung
----
-Wir verstehen, dass unsere Eltern Recht hatten, wenn es schon zu spät ist.
-Genauso geschah Sapientia Sciurus. Als sie noch klein war und Ärger gemacht hatte,
-hat ihre Mutter zu ihr gesagt: „Ich bin so müde von dir! Warum bist du nicht als
-kleines Kind gestorben!“ Sapientia wurde damals beleidigt und erst jetzt versteht
-sie ihre Mutter und stellt sich jeden Tag dieselbe Frage: „Warum bin ich nicht als
-kleines Kind gestorben?“
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+---
+layout: post
+date: 2026-07-25 20:00:00
+tags: Aufsatz
+title: Das marxsche Kapital. Eindrücke und Überlegungen aus der Perspektive eines Nicht-Ökonomen
+teaser: |
+ <p>
+ <em>Das Kapital</em> ist ein mehrbändiges Hauptwerk von Karl Marx. Marx entwickelt
+ Geld- und Werttheorien, spricht über die Entstehung der Kapitalisten-
+ und Arbeiterklassen und des Kapitals selbst, unterteilt das Kapital
+ in seine Bestandteile und verfolgt genau seine Zirkulation und Akkumulation,
+ untersucht sowohl individuelles Kapital einzelner Kapitalisten als auch
+ gesellschaftliches Kapital unter verschiedensten Betrachtungswinkeln,
+ diskutiert Werke und Ansichten anderer Ökonomen.
+ </p>
+---
+\section{Einführung}
+
+\epigraph{%
+ Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten,
+ das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; [\dots].
+ Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, [\dots], so muß es der
+ Zivilisierte, [\dots]. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich
+ der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern
+ sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. [\dots]. Aber es bleibt
+ dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die
+ menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre
+ Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit
+ als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die
+ Grundbedingung.
+}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[828]{marx:kapital:3}.}
+
+\textit{Das Kapital} ist ein mehrbändiges Hauptwerk von Karl Marx. Marx entwickelt
+Geld- und Werttheorien, spricht über die Entstehung der Kapitalisten-
+und Arbeiterklassen und des Kapitals selbst, unterteilt das Kapital
+in seine Bestandteile und verfolgt genau seine Zirkulation und Akkumulation,
+untersucht sowohl individuelles Kapital einzelner Kapitalisten als auch
+gesellschaftliches Kapital unter verschiedensten Betrachtungswinkeln,
+diskutiert Werke und Ansichten anderer Ökonomen.
+
+Das Werk ist nicht nur als \glqq{}Kritik der politischen Ökonomie\grqq{},
+wie der Untertitel des Buches verrät, interessant, sondern auch aus der
+geschichtlichen Perspektive. Während der Niederschrift lebte Marx längere
+Zeit in England\autocite[Vgl.][843]{marx:kapital:1}, der
+\glqq{}klassischen Stätte\grqq{} der kapitalistischen
+Produktionsweise\autocite[Vgl.][12]{marx:kapital:1}. Als Beispiele für
+verschiedene Phänomene des Kapitalismus hat er öfters die Folgen der
+industriellen Revolution für die Arbeiterklasse herangezogen, was die
+industrielle Revolution in ein ganz anderes Licht rückt, und sie nicht mehr
+als dieses glorreiche Ereignis erscheinen lässt, das den Menschen die Bürde
+der schweren Arbeit abgenommen und zahlreiche technische Erfindungen gegeben
+hat.\autocite[Vgl.][430f]{marx:kapital:1}
+
+\textit{Das Kapital} eröffnet nicht nur eine neue Sicht auf die Vergangenheit,
+sondern gestattet es einem auch in die Zukunft zu blicken. Wer imstande
+ist, eine Parallele zwischen der Industrialisierung und Digitalisierung
+zu ziehen, wird sehr viel über seine Zukunft erfahren.
+
+Auf den Seiten seiner Bücher finden sich keine Aufrufe zur Handlung, keine
+Aufforderungen, Geld und Besitz abzuschaffen o. Ä. \textit{Das Kapital} versucht
+kein Manifest, sondern eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der
+politischen Ökonomie zu sein, auch wenn Marx sich an der ein oder anderen
+Stelle bissigen Spott gegenüber seinen Gegnern erlaubt. Aus dem, was
+bemängelt wird, kann durchaus herausgelesen werden, wie gewissen Missständen
+entgegengewirkt werden kann, wobei es der Gesetzgeber ist, der die
+Arbeiterklasse vor Ausbeutung schützen sollte.
+
+\section{Grundelemente}
+
+\epigraph{%
+ Um von Zufuhr von Kapital zu sprechen, müssen wir vor allem wissen, was
+ Kapital ist. Woraus besteht das Kapital? Nehmen wir seine einfachste
+ Erscheinung: aus Geld und Waren.
+}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[871]{marx:kapital:3}.}
+
+Ein Kapitalist ist nicht bloß ein Schatzbildner\autocite[Vgl.][168]{marx:kapital:1},
+sondern \glqq{}personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes
+Kapital\grqq{}\autocite[168]{marx:kapital:1}. Das heißt, das Kapital
+verselbständigt sich und verfolgt seinen eigenen Zweck, \glqq{}und der
+Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst
+verwertender Wert\grqq{}\autocite[329]{marx:kapital:1}. Das Ergebnis
+dieser Verwertung ist seine Vermehrung.
+
+Ein wichtiges Merkmal des Kapitals ist also, dass es nicht in einer Schatztruhe
+brachliegt, sondern sich ständig bewegt und seine Form ändert. Geld verwandelt
+sich durch einen Kauf in Waren. Bestimmte Warensorten, wie Arbeitsmaschinen und
+Rohstoffe, verwandeln sich mittels Produktion in andere Waren, welche sich
+wiederrum in einer Verkaufsaktion in Geld transformieren
+lassen.\autocite[Vgl.][161ff]{marx:kapital:1}
+
+\subsection{Konstantes Kapital und variables Kapital}
+
+Zunächst unterscheidet Marx zwischen dem konstanten und variablen Kapital:
+
+\begin{quote}
+ Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d. h. in
+ Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine
+ Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten
+ Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital.
+
+ Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen
+ seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent
+ und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder
+ kleiner sein kann. [\dots]. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil,
+ oder kürzer: variables Kapital.\autocite[224]{marx:kapital:1}
+\end{quote}
+
+Konstantes Kapital sind Arbeitsmittel und Rohstoffe. Im Produktionsprozess
+sind das Maschinen, die für die Herstellung einer Ware verwendet werden,
+Rohstoffe, aus denen Gegenstände hergestellt werden, aber auch
+gemietete oder gekaufte Arbeitsräume, oder auch Transportmittel, ob in
+der Produktion oder beim Verkauf.
+
+Variables Kapital sind die Arbeitskräfte bzw. der ausgezahlte Arbeitslohn.
+
+Diese Unterscheidung zwischen konstantem und variablem Kapital ist für Marx
+entscheidend. Wenn ich eine Ware auf den Markt bringen will, rechne ich mit
+gewissen Produktionskosten. Das Kapital, das ich in der Produktion der Ware
+aufbrauche, macht den Preis der Ware aus. Deswegen sind einfach zu
+produzierende Waren günstiger, während aufwendig zu produzierende oder
+hochwertige Waren teurer sind. Das ist nur das Grundgerüst der Wertbildung.
+Es ist Marx durchaus klar, dass noch weitere Faktoren in die einzelnen Preise
+eingehen, weswegen er auch unterschiedliche Begriffe wie Markt- und
+Produktionspreise verwendet, was im dritten Band behandelt
+wird.\autocite[Vgl.][182ff]{marx:kapital:3} Nun, wenn der Käufer mir nur die
+Produktionskosten erstattet, wie profitiere ich von diesem Geschäft (selbst wenn
+der bezahlte Preis geringfügig über oder unter meinen Produktionskosten liegt)?
+Am konstanten Kapital kann ich nicht sparen: Ich kaufe Rohstoffe und
+Arbeitsmaschinen bei anderen Kapitalisten und zahle die üblichen Marktpreise.
+Aber vielleicht kann ich nur einen Teil der lebendigen Arbeit, die in die Ware
+eingeht, bezahlen, während ich mir die unbezahlte Arbeit aneigne. Die unbezahlte
+Arbeit bildet hier den \textit{Mehrwert}, der die primäre Quelle meines Profits ist.
+
+Und das ist der Kern der marxschen Kritik des Kapitalismus. Der Arbeiter, dessen
+Arbeit in den Warenwert eingeht, wird nur teilweise entlohnt. Einen Teil des Lohns,
+der rechtmäßig dem Arbeiter gehört, behält der Kapitalist. Dabei bedient sich der
+Kapitalist aller möglichen Tricksereien um den Arbietslohn niederzudrücken. Aber
+die Hauptmethode ist die Monopolisierung der Produktionsmittel. Wenn der Arbeiter
+nicht im Besitz der Produktionsmittel ist, die er braucht, um arbeiten zu können,
+ist er gezwungen unter suboptimalen Bedingungen für den Kapitalisten zu arbeiten,
+nur um sich ernähren zu können: \glqq{}Man hat gesehn, daß es die beständige Tendenz
+und das Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise ist, die
+Produktionsmittel mehr und mehr von der Arbeit zu scheiden und die zersplitterten
+Produktionsmittel mehr und mehr in große Gruppen zu konzentrieren, also die Arbeit
+in Lohnarbeit und die Produktionsmittel in Kapital zu
+verwandeln\grqq{}\autocite[892]{marx:kapital:3}.
+
+Ferner wird das konstante Kapital in fixes und zirkulierendes Kapital unterteilt:
+
+\begin{quote}
+ Während seiner ganzen Funktionsdauer [als ein Teil des konstanten Kapitals]
+ bleibt ein Teil seines Werts stets in ihm fixiert, selbständig gegenüber den
+ Waren, die es produzieren hilft. Durch diese Eigentümlichkeit erhält dieser
+ Teil des konstanten Kapitals die Form: \textit{Fixes Kapital}. Alle andern
+ stofflichen Bestandteile des im Produktionsprozeß vorgeschoßnen Kapitals
+ dagegen bilden im Gegensatz dazu: \textit{Zirkulierendes} oder \textit{flüssiges}
+ Kapital.\autocite[159]{marx:kapital:2}
+\end{quote}
+
+Hier wird differenziert, wie konstantes Kapital seinen Teil des Werts einer Ware
+bildet. Zirkulierendes Kapital wird in der Produktion konsumiert und geht vollständig
+in die Ware über, wie Rohstoffe, aus denen ein Produkt hergestellt wird. Fixes
+Kapital hat eine eigenständige, von der Ware unabhängige Existenz, überträgt aber
+einen Teil seines Werts auf die Ware; es wird schrittweise aufgebraucht.
+
+Bei der Anfertigung eines Hemdes sind Stoffe, Fäden und Knöpfe zirkulierendes
+Kapital, weil das Material, das für ein Hemd notwendig ist, vollständig
+aufgebraucht wird. Selbst wenn kleinere Stoffreste überigbleiben und
+weggeschmissen werden, so ist es doch einkalkuliert, dass nicht jeder
+Zentimeter physisch zu einem Teil des Hemdes wird. Die Rede ist von einem
+vollständigen Übertragen des Wertes.
+
+Um Stoffe, Fäden und Knöpfe in ein Hemd zu verwandeln, sind Werkzeuge notwendig:
+u. a. eine Nähmaschine, ein Bügeleisen. Natürlich werden aber diese Werkzeuge
+nicht in der Produktion aufgebraucht. Sie können verwendet werden, um viele weiteren
+Hemden herzustellen. Andererseits sind diese Werkzeuge nicht ewig und müssen
+irgendwann ersetzt werden. Der Kauf und die Pflege (z. B. Reparaturen) solcher
+Werkzeuge werden zu einem Wertteil der von ihnen produzierten Waren, aber
+sie übertragen ihren Wert auf die Waren stufenweise, was sie zu fixem Kapital
+macht.
+
+Und das Bindeglied zwischen dem Werkzeug und Rohstoff ist der Arbeiter, der die
+Maschinen bedient. Seine Arbeit fließt in den Wert der Ware als variables
+Kapital ein.
+
+\section{Kapitalismus heute}
+
+\subsection{Verwechslung des Kapitalismus mit Sozialismus}
+
+Einige Kritiker der modernen sozialen Ordnung verweisen zwar zurecht auf
+Probleme, wie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und allgemeine
+Verarmung der Bevölkerung, schieben aber gerne anderen die Schuld in die
+Schuhe. Eigentlich sei der Kapitalismus so großartig und mache alle reich
+und wohlhabend, aber die bösen Sozialisten oder Kommunisten hätten die Macht
+ergriffen und würden den gemeinen Mann enteignen. Die erste Frage, die aufkommt,
+ist: Woher kommt der Sozialismus oder Kommunismus in dieses blühende
+kapitalistische Paradies? Nach einer kurzen Zeit der Prosperität geht die
+Wirtschaft zunehmend den Bach runter, das Reichtum konzentriert sich in den
+Händen weniger Monopolen (Kapitalisten), während andere verarmen und immer
+mehr schuften müssen; aber schuld daran soll der Sozialismus sein, und nicht
+das, was dazu geführt hat, nämlich die kapitalistische Produktionsweise? Und
+selbst wenn sozialistische Stimmungen stärker werden, dann nicht, weil Menschen
+so glücklich in ihrer Lebenssituation sind.
+
+Liebend gern wird immer die gleiche Geschichte erzählt, wie man den
+Sozialismus und Kommunismus versucht habe zu verwirklichen, und wie es in der
+Praxis scheiterte. Ein Glück, dass der Kapitalismus auf lange Sicht immer so gut
+funktioniert, dass Menschen so sehr verzweifeln, dass sie bereit sind, das
+ganze System zu stürzen.
+
+Diese Wirtschaftsmodelle funktionieren gleich schlecht, weil sie im Endeffekt
+an der Korruptheit der leitenden Kräfte scheitern. Im Sozialismus wäre es die
+Regierung, die das soziale System regulieren sollte, aber ihre Macht
+missbraucht, um die eigene Clique auf Kosten der Arbeiterklasse zu
+bereichern. Im Kapitalismus kommt eine kleine Klasse mit Gewalt an das
+ursprüngliche Kapital, dass sich dann immer weiter akkumuliert, indem
+es den anderen die Lebenskraft aussaugt.
+
+\begin{quote}
+ Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z. B. das
+ Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die konzentrierte
+ und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß
+ der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu
+ fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer
+ jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger
+ geht.\autocite[779]{marx:kapital:1}
+\end{quote}
+
+Auch hier spielen die Regierenden eine entscheidende Rolle, weil sie die
+Möglichkeit haben, diese Mächte im Austausch für eine Gegenleistung durch
+die Gesetzgebung oder ihr politisches Agieren zu begünstigen.\@ \glqq{}Aber
+der Krieg läßt sich nicht schlecht an. Bis alle Länder drin sind, kann er
+vier, fünf Jahr dauern wie nix. Ein bissel Weitblick und keine Unvorsichtigkeit,
+und ich mach gute Geschäft.\grqq{}\autocite[20]{brecht:courage}
+
+Auf welchem Planeten wohl die Libertären leben, die von den Märkten, die
+sich selbst regulieren, faseln.
+
+\subsection{Digitalisierung und kapitalistische Produktionsweise}
+
+\epigraph{%
+ An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren
+ Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den
+ Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt
+ sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden
+ und sich durchsetzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land
+ zeigt dem minder etwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.
+}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[12]{marx:kapital:1}.}
+
+Eines der Aspekte der kapitalistischen Produktion ist die Aneignung der
+Produktionsmittel, die aus dem Besitz der Arbeiterklasse an die
+Kapitalistenklasse übertragen werden. Das heißt, um Garn zu produzieren,
+brauche ich neben der Baumwolle einen Webestuhl oder eine industrielle
+Spinnmaschine. Einen Webestuhl kann ich mir leisten, aber die Garnproduktion
+ist viel langsamer als mit Verwendung einer Maschine, sodass ich nicht
+genug produziere, damit ich davon leben kann. Andererseits sind die Maschinen
+im Besitz einer Handvoll Menschen, für die ich gezwungen bin
+zu arbeiten, selbst wenn die Entlohnung miserabel ist, weil ich sonst
+nicht konkurrenzfähig wäre: \glqq{}Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das
+Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der
+zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit
+zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu
+produzieren, [\dots]\grqq{}\autocite[250]{marx:kapital:1}.
+
+Die Maschinerie erlaubt es dem Kapitalisten, den Arbeiter an sich zu binden.
+
+In einer digitalisierten Gesellschaft findet die Computertechnik direkt oder
+indirekt Anwendung in vielen Arbeitsbereichen und Berufen. Und seit einiger Zeit
+lässt sich das Bestreben feststellen, die Nützlichkeit der Computer für den
+einzelnen Anwender zu verringern und die Anwender stattdessen von der Computertechnik
+der IT-Giganten abhängig zu machen.
+
+Es hat damit angefangen, dass immer mehr Software-Anbieter zu Abonnement-Modellen
+wechselten. Das heißt, die Software wird nicht gekauft und kann dann uneingegrenzt
+genutzt werden, sondern die Software wird gegen eine regelmäßige Gebühr ausgeliehen
+und kann genutzt werden, nur solange die Gebühr gezahlt wird. Selbst die Version, die
+ursprünglich bezahtl wurde, wird unbrauchbar. Man zahlt nicht dafür, dass an der
+Software gearbeitet und sie aktualisiert wird, sondern für ein Nutzungsrecht.
+
+Wenn die Software einmal erfolgreich ist, kann nicht nur sie selbst, es können
+auch Zusatzfunktionen separat nach dem gleichen Prinzip angeboten werden.
+
+Öfters wird die Software auch nicht mal auf dem eigenen Rechner des Anwenders
+installiert, sondern kann nur in der \glqq{}Cloud\grqq{}, über das Internet, genutzt
+werden. Der Anwender ist in diesem Fall komplett von der Gnädigkeit der
+Software-Betreiber abhängig. Der Betreiber kann immer weiter Preise anheben
+oder Bestandteile seines Produkts kostenpflichtig machen, ohne befürchten zu müssen,
+viele Kunden zu verlieren, weil diese entweder keine Alterantive kennen oder
+ein Umstieg einmalige Kosten verursachen würde, die der Kunde nicht tragen
+will (Mitarbeiterschulung, Datenmigration).
+
+Wenn die Software dem Besitz des unmittelbaren Anwenders entrissen werden kann
+(sei es eine Privatperson oder ein Unternehmen), kann die Hardware folgen. An
+sich ist die Vermietung der Hardware nicht neu. Als Betreiber eines Internet-Dienstes
+hat man besondere Anforderungen an Hardware und Erreichbarkeit eines
+Server-Systems, die außerhalb eines Rechenzentrums nicht erfüllt werden können:
+Stromversorgung muss rund um die Uhr gesichert sein, die Internetverbindung
+ohne Unterbrechungen funktionieren, Hardware muss redundant sein, damit im Fall
+eines Ausfalls einer Komponente das System weiterhin funktioniert. Inzwischen
+sind aber die Preise auf einige der grundlegenden Computerkomponenten so gestiegen,
+zunächst auf Grafikkarten, dann RAM und Datenträger, dass ein leistungsstarkes
+Computersystem immer kostenspieliger wird.
+
+Während die Endverbraucher-Hardware teurer wird, wird die Software ineffizienter
+und hat höhere Systemanforderungen. Niklaus Wirth hat das sogenannte Wirthsche Gesetz
+formuliert:
+
+\begin{quote}
+\begin{itemize}
+ \item Software expands to fill the available memory. (Parkinson)
+ \item Software is getting slower more rapidly than hardware becomes
+ faster. (Reiser)\autocite[64]{wirth:plea}
+\end{itemize}
+\end{quote}
+
+In \glqq{}A Plea for Lean Software\grqq{} spricht Wirth die Problemathik
+der Komplexität der Software an und wie diese mit dem Profit der IT-Unternehmen
+zusammenhängt: \glqq{}Customer dependence is more profitable than customer
+education.\grqq{}\autocite[65]{wirth:plea} Statt eines Produkts, das auf einem
+systematischen Konzept basiert, das erlernt werden kann, wird ein Produkt
+entwickelt, das versucht, jeden einzelnen Anwendungsfall mit einer
+Spezialfunktion abzudecken.\autocite[Vgl.][65]{wirth:plea} Neue Funktionen
+kommen unkontrolliert hinzu mit allen Folgen wie Performanzprobleme und
+Sicherheitslücken, aber sie machen den Kunden von dieser konkreten Software
+abhängig.
+
+Und der Höhepunkt dieser Tendenz, \glqq{}Personal Computer\grqq{} unpersönlich
+zu machen, ist natürlich die Bestrebung, überall Large Language Models
+(LLM) aufzuzwigen. Für diese Diskussion ist es irrelevant, ob LLMs eine Zukunft
+haben oder nicht. Aktuell werden sie als Zukunftstechnologie beworben, die den Mitarbeiter
+effizienter mache (oder entbehrlich, wenn die Zielgruppe der Werbung
+Unternehmensführung ist). Es wird gerne mit der menschlichen Angst
+gespielt: wer LLMs nicht nutze, sei nicht produktiv, und wer es nicht lerne,
+bleibe zurück.
+
+Heute gängige LLMs müssen an einer riesigen Menge Daten trainiert werden und brauchen
+enorme Ressourcen, um nützlich zu sein, was viele Rechenzentren erforderlich macht, die sich
+nur wenige IT-Giganten leisten können. Also profitieren die letzteren von einer
+Arbeitswelt (eigentlich einer Lebenswelt), wo niemand seine Arbeit ausüben kann,
+ohne in jedem Schritt ein LLM konsultieren zu müssen. Denn LLMs scheinen ihre
+Anwender abhängig zu machen, -- wer sie ständig für eine bestimmte Aufgabe
+verwendet, wird diese Aufgabe nicht mehr selbständig, ohne die LLM erfüllen können.
+
+Das ist wahrhaftig die Übetragung der Produktionsmittel in die Hände einiger weniger,
+welche auf diese Weise dazu befähigt werden, die Arbeiterklasse auszubeuten,
+die auf diese Mittel angewiesen ist.
+
+\subsection{Arbeitsmoral des Kapitalismus}
+
+Um mehr Mehrarbeit und Mehrwert aus den Arbeitern herauszuschlagen kann einerseits
+der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung vergrößert werden (siehe \glqq{}Aneignung
+zuschüssiger Arbeitskräfte durch das Kapital. Weiber- und
+Kinderarbeit\grqq{}\autocite[Vgl.][416ff]{marx:kapital:1}). Bei einer gegebenen
+Arbeiterzahl kann dann \glqq{}Verlängerung des
+Arbeitstags\grqq{}\autocite[Vgl.][425ff]{marx:kapital:1} und \glqq{}Intensifikation
+der Arbeit\grqq{}\autocite[Vgl.][431ff]{marx:kapital:1} angestrebt werden.
+In die moderne Sprache übersetzt, heißen diese 3 Wege zur Exploitation der Arbeitskraft:
+
+\begin{enumerate}
+ \item Gleichberechtigung
+ \item Viel arbeiten
+ \item Produktiv sein
+\end{enumerate}
+
+Und hier wird deutlich, woher die Wertvorstellungen stammen, die den modernen
+Menschen von klein auf beigebracht werden. Billionäre erzählen denen, die nur
+Brotkrümel von ihres Herren Tisch sammeln, dass jeder reich, berühmt und
+erfolgreich werden könne, wenn er nur viel und fleißig arbeite. An jeder Ecke
+wird für Methoden und Hilfsmittel, eigene Produktivität zu steigern, geworben.
+
+\section{Rückblick}
+
+Amerikaner sprechen heute gerne vom \glqq{}late-stage capitalism\grqq{}. Ich
+finde diesen Begriff irreführend, weil der Abgrund, in den die
+Gesellschaft blickt, leider noch um einiges tiefer sein könnte. Marx betrachtet
+den Kapitalismus nicht zu jeder Zeit als einen monotonen Prozess. Entwickelte
+kapitalistische Produktion ist gekennzeichnet durch regelmäßig wiederkehrende
+Krisen, \glqq{}worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung,
+mittleren Lebendigkeit, Überstürzung, Krise
+durchmacht\grqq{}\autocite[185f]{marx:kapital:2}. Die Produktion wird
+gesteigert, bis der Markt überfüllt ist, und die Produktion unter die vorher
+erreichte Stufe sinkt; Ab dieser Stufe entwickelt sie sich weiter, bis
+es wieder in die Überproduktion mündet.\autocite[Vgl.][506f]{marx:kapital:3}
+Ein anderes Beispiel:
+
+\begin{quote}
+Nach demselben [ökonomischen Dogma] steigt infolge
+der Kapitalakkumulation der Arbeitslohn. Der erhöhte Arbeitslohn spornt zur
+rascheren Vermehrung der Arbeiterbevölkerung, und diese dauert fort, bis der
+Arbeitsmarkt überfüllt, also das Kapital relativ zur Arbeiterzufuhr unzureichend
+geworden ist. Der Arbeitslohn sinkt, und nun die Kehrseite der Medaille. Durch
+den fallenden Arbeitslohn wird die Arbeiterbevölkerung nach und nach dezimiert,
+so daß ihr gegenüber das Kapital wieder überschüssig wird, [\dots]. So tritt
+wieder das Verhältnis ein, worin die Arbeitszufuhr niedriger als die
+Arbeitsnachfrage, der Lohn steigt usw.\autocite[Vgl.][667]{marx:kapital:1}
+\end{quote}
+
+Andererseits schreibt der Herausgeber von \textit{Das Kapital}, Friedrich
+Engels, dass diese periodische und temporäre Krisenbildung nicht ewig
+andauert und früh oder spät in eine permanente chronische Krise umschlägt:
+\glqq{}Der zehnjährige Zyklus von Stagnation, Prosperität, Überproduktion und
+Krise, der von 1825 bis 1867 immer wiederkehrte, scheint allerdings abgelaufen
+zu sein; aber nur um uns im Sumpf der Verzweiflung einer dauernden und
+chronischen Depression landen zu lassen. Die ersehnte Periode der
+Prosperität will nicht kommen; [\dots].\grqq{}\autocite[4]{marx:kapital:1}
+
+Selbst wenn nicht jedes Element der marxistischen Theorie plausibel zu sein
+scheint, fasziniert es einen zu sehen, wie viele der von Marx beschriebenen
+Erscheinungen auch heute noch aktuell sind, wenn man sich vom geschichtlichen
+Kontext, in dem \textit{Das Kapital} steht, abstrahiert. So bleibt Marx'
+Warnung an seine Zeitgenossen über das Wesen des Kapitalismus auch für deren
+Nachfolger gültig. Und genauso wie seine Zeitgenossen werden auch deren
+Nachfolger sich über ihn lustig machen und diese Warnung ignorieren, bis sie
+eines Tages auf die Nase fallen.