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diff --git a/posts/2026/06/robocop.tex b/posts/2026/06/robocop.tex new file mode 100644 index 0000000..bc8a8eb --- /dev/null +++ b/posts/2026/06/robocop.tex @@ -0,0 +1,90 @@ +--- +layout: post +date: 2026-06-25 21:26:00 +tags: Aufzeichnungen eines Pessimisten +title: Anthropologische Identitätsvorstellung des RoboCops +teaser: | + <p> + Es gibt 3 Originalfilme „RoboCop“ aus den Jahren 1987, 1990 und 1992. + Es gibt auch einen modernen Film (2014), der zwar das Auge mit anspruchsvoller + Grafik erfreut, aber ansonsten viel weniger Hintegrundgeschichte und + Tragik bietet. Deswegen tue ich im Foglenden so, als ob ich den neuen + „RoboCop“ niemals gesehen hätte. + </p> +--- +Es gibt 3 Originalfilme „RoboCop“ aus den Jahren 1987, 1990 und 1992. +Es gibt auch einen modernen Film (2014), der zwar das Auge mit anspruchsvoller +Grafik erfreut, aber ansonsten viel weniger Hintegrundgeschichte und +Tragik bietet. Deswegen tue ich im Foglenden so, als ob ich den neuen +„RoboCop“ niemals gesehen hätte. + +„RoboCop“ berichtet über einen Polizisten aus Detroit, Alex Murphy, +der infolge der Verbrecherjagd von diesen geschnappt und übel +zugerichtet wird. Da Murphy keine Überlebenschancen hat, gelangen Reste seines +beinahe leblosen Körpers in die Hände eines Robotikunternehmens, das aus ihm +einen Roboter mit menschlichem Gehirn macht. Neben Gehirn behält RoboCop sein +menschliches Gesicht, das aber im Einsatz fast vollständig durch einen Helm +verdeckt wird. Eine frühe Konfiguration des RoboCops hatte außerdem Murphys +linken Arm, der aber auf Anweisung eines Vorgesetzen durch einen mechanischen +Arm ersetzt wurde. Der rechte Arm ist ein Symbol des menschlichen Tuns (wie +die Stirn des Denkens) --- eventuell ist es eine Anspielung darauf, dass RoboCop +nun ein Computer ist, der nicht mehr menschlich handeln kann, da er sich +ursprünglich auch seiner selbst nicht erinnert, sondern einprogrammiert wird, +Befehle zu befolgen. + +Die erste Frage, die diese Filme stellen, ist: Was macht eine Person identisch +mit sich selbst? welcher Teil des menschlichen Daseins macht aus einer Person +genau diese Person, die von allen anderen unterschieden wird? Derjenige, der +keine mystische oder metaphysische Substanz als Grundlage des menschlichen Seins +annehmen will, sucht nach greifbaren, essenziellen Faktoren. Der erste Kandidat +ist die Körperlichkeit. Allerdings durchgeht der Körper massive Veränderungen +im Laufe des Lebens, dennoch jemand, der aus einem Säugling einen erwachsenen +Menschen heranwachsen sah, erkennt im Erwachsenen immer noch dieselbe Person +wie im Säugling. Der zweite Kandidat ist das Gedächnis und Erinnerungen. Damit +ich mich mit meinem früheren Ich identifizieren kann, muss die Kontinuität der +Erinnerung vorhanden sein. Aber auch falls eine Person Gedächtnisverlust erleidet, +wird sie nicht als eine andere Person erkannt, sondern bleibt dieselbe Person, die +sie vor dem Gedächtnisverlust war. + +Weder RoboCop selbst noch seine Freunde erkennen in ihm nach seiner Transformation +Murphy. Alex Murphy hat einen Trick aus dem Fernsehen, das Drehen der Waffe, für +seinen Sonn nachgemacht. Als RoboCop diesen Trick auf dem Schießstand nach ein paar +Schüssen wierderholt, erkennt seine Partnerin, Anne Lewis, Murphy in ihm, und +spricht ihn auf seine Vergangenheit an. Zunehmend gewinnt RoboCop mehr Erinnerungen +zurück, was ihn immer menschlicher aussehen lässt, weil diese Erinnerungen seinen +eigenen Willen zum Vorschein bringen, der auf Basis eigener Vergangenheit +Entscheidungen treffen kann, welche Verbrechen er aufklären will. Dennoch ist +RoboCop nicht vollständig frei in seinem Handeln, so ist er zum Beispiel so +programmiert, dass er andere Polizisten unter keinen Umständen angreifen kann. +Andererseits widersetzt er sich im dritten Film einem direkten Befehl, um seine +Kollegen zu retten. So vermischt sich seine menschliche Intelligenz mit seiner +Software. + +Auf diese Weise suggerieren die Filme das Verständnis des Menschen als eines +Gehirns in einem biologischen oder mechanischen Körper, der vom Gehirn nur +gesteuert wird, aber sonst keine weitere Bedeutung hat (Krang aus +„Teenage Mutant Ninja Turtles“). Diese Vorstellung passt +gut in die heutige Manier den Menschen mit seinem Gehirn gleichzusetzen: +Dein Gehirn reagiert so und so, deswegen \dots; Dein Gehirn denkt \dots; +u.\,Ä. Eine persönliche Ansprache mit „Du“ wird durch die +Drittperspektive „dein Gehirn“ ersetzt, als ob der Mensch nur +ein Beobachter der Aktivität seines Gehirns wäre. Das ist eine eigenartige +Erscheinung, weil der Mensch sich selbst als ein ganzheitliches Wesen erfährt +und nicht als ein im Schädel eingesperrtes Gehirn. Ich erfahre meine Teilnahme +am Sein, nehme die Außenwelt mit meinen Sinnesorganen wahr, verarbeite diese +Sinneseindrücke, die ihrerseits beeinflussen, wie ich mich in meiner +Umgebung bewege. Jedes Organ und jede Extremität trägt der Bildung der +Persönlichkeit bei, genauso wie das Verlieren oder die Krankheit dieser, weil +der Mensch eben ein ganzheitliches Geschöpf ist. Im Grunde ist ein solches Sprechen +vom Gehirn der banale Reduktionismus, der mentale Zustände auf physikalische +Zustände reduziert, der alles andere als neu ist und nicht erst gestern entstand. + +Auch wenn ich sage, dass die Filme ein bestimmtes Menschenbild +„suggerieren“, lassen sie Freiraum für Interpretationen. Schließlich +ist Murphy nach der Reimplantation des Gehirns nicht mehr derselbe. Er zeigt +keine Emotionen, wir wissen nicht, wieviel er von seinem Gedächnis +wiederherstellen konnte, und insgesamt ist sein Handeln viel mechanischer, ihm +fehlt die alltägliche Lebendigkeit. Und das zeigen die Filme auch, dass das +Verschieben des Gehirns aus einer natürlichen in eine hochentwickelte Hülle nicht +das gleiche Wesen auferstehen lässt. Das ist, was diese Filme so spannend macht: +Ist RoboCop nun mit Alex Murphy identisch oder nicht? |
