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authorEugen Wissner <belka@caraus.de>2025-10-14 19:15:51 +0200
committerEugen Wissner <belka@caraus.de>2025-10-14 19:15:51 +0200
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+---
+layout: post
+date: 2024-09-03 20:45:00
+tags: Aufsatz
+title: Anna
+teaser: |
+ <p>
+ Im nächsten Zug, in dem ich meine Fahrt fortführte, befand sich
+ eine Gruppe der Menschen, die untereinander gemischt Russisch und
+ Ukrainisch gesprochen haben. Als wir uns der Haltestelle näherten,
+ haben sie sich überlegt, wie sie den Rollstuhl eines ihrer Kollegen
+ durch den engen Gang im Zug zur Tür durchbringen können.
+ </p>
+ <p>
+ »Was ist mit ihm geschehen? Unfall? etwas anderes?«, fragte ein
+ Einheimischer ein Mädchen aus der Gruppe.
+ </p>
+ <p>»Ich weiß es nicht.«</p>
+ <p>»Seid ihr nicht alle zusammen?«</p>
+ <p>
+ »Oh nein, wir haben uns erst hier getroffen. Ja, ich glaube, es war ein Unfall.«
+ </p>
+---
+\epigraph{
+Manche wilde Frühlingspflanze\\
+kann ein Gärtner tief verpflanzen.\\
+Kann auch Blumen ins Wasser stecken,\\
+und sie werden bald verwelken.
+}{}
+
+»Entschuldigung, Gunzenhausen.« Anna sieht mich hoffnungsvoll an und
+zeigt in die Richtung der Bahngleise.
+
+Ich bin etwas verwirrt, weil ich den Ort, den sie sucht, nicht kenne,
+und mir überlege, wie ich ihr helfen kann.
+
+»Gunzenhausen.«, wiederholt sie nochmal.
+
+Die Bahnsteigtreppe steigt eine andere Frau hoch. Anna hat inzwischen
+verstanden, dass mit mir nichts zu gewinnen ist, und wechselt zu dieser
+Frau, die sie auf die Anzeigetafel über dem Gleis verweist, und sagt, dass es der Zug
+sei, den sie nehmen wolle. Aber der Zug kommt erst in 40 Minuten. Anna
+versucht der Frau etwas zu erklären. Ich höre einige russiche Wörter,
+die sie versehentlich in deutsche Sätze einbaut. Vielleicht kann ich mit ihr
+Russisch sprechen und herausfinden, was sie genau sucht. Das mache ich auch.
+Sie sieht, dass ich mein Handy in der Hand habe, weil ich kurz davor nachgesehen habe,
+welche Verbindungen es noch gibt, die mich meinem Zielort näher bringen, und fragt,
+ob sie mein Handy nutzen darf, um eine andere Fahrmöglichkeit nach Gunzenhausen
+zu finden. Ich gebe ihr mein Handy und bedanke mich vor der anderen Frau, die
+immer noch auf dem Bahnsteig steht und uns ansieht, ohne uns zu verstehen, und
+sage ihr, dass ich Anna helfen werde.
+
+»Kein Problem.«, verabschiedet sich die Frau und geht weiter.
+
+Wir bleiben allein. Leider finden wir keine anderen Züge als den, den die
+Anzeigetafel ankündigt. Anna findet keine Worte, um ihren Unmut zu beschreiben:
+
+»Oh nein, das kann doch nicht wahr sein! In Gunzenhausen wartet ein
+Taxi auf mich um 19:10. Mein Zug hat sich verspätet, deswegen
+habe ich die Anschlussverbindung verpasst, und jetzt werde ich erst eine Stunde
+später in Gunzenhausen ankommen als geplant. Ich hätte von dort noch
+weiterfahren müssen. Unglaublich!«
+
+»Ich wollte auch diesen Zug erwischen, du würdest dann aber auf halbem Weg
+aussteigen und ich hätte bis zum Ende der Strecke fahren müssen. Und jetzt
+wird meine Heimfahrt mindestens 2 Stunden länger dauern.«, sage ich ihr mit
+einem müden Lächeln im Gesicht, um ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht
+allein in ihrer Lage ist.
+
+Sie erwidert mein Lächeln und gibt mir die erste Möglichkeit, sie
+genauer anzuschauen. Sie ist mir bereits im unterirdischen Gleisübergang
+aufgefallen. Ich lief hinter ihr. Sie hat ein junges, gutwilliges Gesicht,
+das nicht zu erkennen gibt, dass sie sich gerade Sorgen macht. Ihre hellgrünen
+Augen spiegeln die Stimmung dieses hellen, sonnigen und heißen Tages wider.
+Die blonden, lockigen Haare reichen knapp bis an ihre Schultern. Der linke,
+dünne Träger ihres schneeweißen Kleides ist heruntergerutscht, sodass Annas linke
+Schulter, ob in Eile oder mit Absicht, nackt ist.
+
+»Man kann sich auf die Deutshce Bahn nicht verlassen, wenn man irgendwo
+pünktlich ankommen will. So ist es überall in Deutschland die letzten
+Jahre.«, setze ich fort.
+
+»Krass, unglaublich. Was soll dieser Unfug, ich will in die Ukraine
+zurück.«
+
+Wir gehen etwas weiter entlang des Bahnsteiges und entfernen uns von
+der Treppe. Sie beschwert sich weiter, dass sie jetzt womöglich durch
+einen Wald nach Hause laufen müsse, weil sie ihr Taxi verpassen werde. Ich
+bin auch besorgt, weil ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich heute noch
+nach Hause komme.
+
+»Du bist aus der Ukraine also?«, frage ich sicherheitshalber.
+
+»Ja.«, bestätigt sie.
+
+»Darf ich fragen, wie du heißt?«
+
+»Anna.«
+
+»Ich bin Eugen.«
+
+»Freut mich.«
+
+»Freut mich auch. Wie lange bist in Deutschland?«
+
+»Seit der Krieg ausgebrochen ist. Wie lange ist das her… 2 Jahre schon.
+Wo kommst du her?«
+
+»Aus Russland, aus dem hohen Norden.« sage ich, »Ich bin ein Russlanddeutscher,
+also ich habe sowohl deutsche als auch russische Vorfahren, und
+lebe schon länger in Deutschland.«, ergänze ich meine Antwort, als ob ich mich dafür
+rechtfertigen würde, dass ich in Russland aufgewachsen bin.
+
+In der Zwischenzeit kommt ein langer Güterzug mit ein paar leeren Waggons auf
+dem Gleis gegenüber an und bleibt stehen.
+
+»Vielleicht können wir fragen, wohin der Güterzug fährt, vielleicht kann er uns
+mitnehmen, falls er in dieselbe Richtung fährt?«, wundert sich Anna laut.
+
+Ich lache und sage, dass ich an sich nicht so abenteuerfreudig bin,
+aber hörte, dass Jelzin in seiner Jugend so manchmal gereist haben soll.
+
+Meine Anmerkung bringt Lächeln auf ihr Gesicht, das weiterhin nur
+Zuversichtlichkeit ausstrahlt. Wir machen uns auf den Weg zum Kopf
+des Güterzuges.
+
+Während wir jetzt mehr sprechen, höre ich nun auch ihre ukrainische
+Mundart deutlicher und mutmaße, dass sie aus der Westukraine stammt.
+
+Bald rührt sich auch der Güterzug und wir verstehen, dass auch aus
+dieser Idee nichts wird, und kehren zurück.
+
+»Ich will nach Hause, in die Ukraine.«, wiederholt sie, »Es gibt hier
+nichts, was wir nicht haben. Wenn du einen beliebigen Ukrainer fragst,
+ob er etwas in Deutschland bewundert, etwas, was er in seiner Heimat
+vermisste, so etwas gibt es nicht.«
+
+Tatsächlich ist ein fremdes Land manchmal wie ein Wunder, wo alles blüht
+und gedeiht, wo es alles im Übermaß gibt, und es den Menschen an nichts fehlt.
+Aber gelegentlich erlebst du einen Abend, an dem du auf einer U-Bahn-Station
+aussteigst und alles dir Angst macht.
+Die Menschen sind merkwürdig gekleidet und werfen böse Blicke in deine Richtung.
+Du gehst zitternd an ihnen vorbei, schaust nach unten, auf den schmutzigen
+Boden, und befürchtest, dass sie dich ansprechen. Dein Herz beginnt zu rasen
+und du fragst dich, ob es nur ein Alptraum ist, oder, ob alles davor ein Traum
+war.
+
+Anna unterbricht meinen Versuch, mich in ihre Gefühle einzufühlen:
+»Ich bin schon beinahe zurückgegangen, aber dann fiel eine Rakete auf ein
+Kinderkrankenhaus. Hast du davon gehört?«
+
+Ich nicke.
+
+»Das ist nicht weit von meinem Zuhause entfernt. Teile vom Krankenhaus
+sind gestürzt, und Menschen haben sich in eine Schlange gestellt, und
+räumten selbst die Steine, um den Weg freizulegen und andere zu retten.«
+
+»Ja, bei großen Überschwemmungen kommen auch hier Leute aus ganz
+Deutschland, um zu helfen, weil die Regierung nicht rechtzeitig
+reagiert.«, sage ich, um hinzuweisen, dass Menschen in Not überall
+gleich handeln.
+
+»Siehst du? auf wen soll man warten?«, stellt sie die rhetorische Frage.
+
+»Du bist aus Kiew?«
+
+»Ja. Ich frage immer ganz besorgt meine Mutter, wie sie dort mit meinem
+kleinen Bruder lebt. Aber meine Mutter schenkt dem Geschehen nicht mehr
+so viel Aufmerksamkeit. „Als ob ständig Motorräder durch den Himmel
+fahren würden“«, zitiert sie ihre Mutter lachend, »Es gibt verschiedene
+Stufen von Alarm-Signalen. Bei stärkerem Beschuss gehen Menschen in den
+Keller und kommen danach zurück.«
+
+Menschen leben ihr Leben weiter. Auch unter grausamen Bedingungen. Es
+gibt nur weniges, woran sich der Mensch nicht gewöhnt. Der Rest geht in
+den Alltag über. Ich erinnerte mich an Berichte aus der Ostukraine aus
+der Zeit des Bürgerkrieges, bevor die russische Armee einmarschiert
+ist. Wohngebiete unter Beschuss, aber Menschen stehen jeden Tag auf,
+Erwachsene gehen zur Arbeit, Kinder --- zur Schule.
+
+Ich höre Anna aufmerksam und mit Interesse zu und vermeide Beurteilungen und
+Suche nach Schuldigen. Auch Anna scheint dieses Themengebiet nicht anfassen zu
+wollen. Es ist möglicherweise die Angst, dass es unser Gespräch in
+einen sinnlosen Streit verwandeln würde. Bei näherem Betrachten, welche
+Rolle spielt das? Ich bin am bewaffneten Konflikt zwischen Russland und
+der Ukraine nicht Schuld. Sie ist es auch nicht. Sie hat nur Heimweh
+und will ihr Leben zurück haben.
+
+»Kannst du vielleicht den Taxi-Dienst anrufen und fragen, ob die Fahrt
+verschoben werden kann?«, hat Anna mich gebeten.
+
+Sie hat die Telefonnummer des Taxi-Unternehmens rausgesucht. Ich habe mehrmals
+versucht, konnte aber niemanden erreichen. Während ich wartete,
+dass jemand ans Telefon geht, haben wir angefangen über unser Alter zu
+sprechen. Ich bin fast 15 Jahre älter als sie.
+
+»Du siehst 7 Jahre jünger aus als du bist.«, sagt sie mir, nachdem ich
+ihr Alter beim zweiten Versuch richtig raten konnte.
+
+»Eltern sagen öfters, dass wir für sie immer klein, immer Kinder
+bleiben. Aber auch sie bleiben in meiner Erinnerung im selben Alter,
+vielleicht 40--50 Jahre alt, im Alter, in dem ich sie als Kind kannte.«
+Ich erzähle das und gebe mir dabei die Mühe, nicht zu ernst zu sein,
+weil ich nicht weiß, ob sie meine Aussage absurd findet oder das ähnlich
+wie ich empfindet. »Vielleicht altern wir heutzutage nicht so schnell,
+weil das Leben nicht mehr so hart ist.«
+
+»Ich habe einen Freund, 25 Jahre alt. Er ist, naja…«, sie macht eine kurze
+Pause, »er hat militärischen Hintergrund. Er ist plötzlich und
+rasch viel älter geworden, machte den Eindruck, sehr erschöpft zu sein.«
+
+Es gibt eine andere Dimension des Alterns. Man hört gelegentlich, dass
+manch ein Mensch einfach nicht erwachsen wird. Nur sein Körper wird
+älter. Aber auch hier gibt es Unterschiede. Die einen handeln kindisch,
+die anderen haben die Seele eines Kindes; eine Seele, die verzeihen
+kann, die keine Angst hat zu vertrauen und zu lieben. Hat Christus
+nicht gesagt, dass das Himmelreich den Kindern gehört?
+
+Und es gibt Menschen, die alt geboren werden. Schon in frühen Jahren
+lernen sie, dass alles Weltliche vergeht, dass jede Freundschaft und
+jede große Liebe ein Ende haben. Dass man sich auf die Worte seines
+Gegenübers niemals verlassen kann, denn süße Worte wie Zucker auf der
+Zunge zergehen und nur einen Nachgeschmack aus unreinen Absichten
+hinterlassen.
+
+»Wann ist der Krieg schon endlich zu Ende?«, sagt Anna traurig.
+
+»In der Tat. Kriege enden leider nicht. Kaum endet der eine, beginnt
+irgendwo ein anderer. Sie sind die treuesten Begleiter der
+Menschengeschichte, genauso wie Krankheiten und Hunger.«
+
+»Ich habe gehört, dass der Krieg bald endet. Aber manche sagen, dass, wenn
+er endet, in 10 Jahren ein neuer beginnt. Die anderen behaupten
+wiederum, dass es zu einem dritten Weltkrieg kommt.«
+
+Ich habe nicht verstanden, ob nach 10 Jahren der Ukraine-Konflikt sich erneut
+entfachen soll, oder, ob sie allgemein Kriege meint. Im letzteren Falle wären
+10 Jahre sehr großzügig. »Die Lage ist weltweit sehr angespannt, und es gibt
+mehrere Regionen, wo es jederzeit zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen
+kann, die wiederum das Potenzial haben, die halbe Welt in Brand zu setzen.«
+
+Abgehobene Wahrheiten, die Frage nach dem Übel in der Welt und die globale
+geopolitische Lage scheinen sie nicht des Atems zu berauben. Sie wolle nach Kiew.
+
+Ab einem bestimmten Moment lief die Zeit schneller. Wir
+mussten uns immer wieder ein neues Gesprächsthema überlegen, und
+Themenwechsel wurde immer wieder von größeren Pausen begleitet. Dann
+kam schon der Zug, auf den wir sehnsüchtig gewartet haben. Anna konnte
+ihr Handy aufladen und ihre Bekannte kontaktieren, die sie mit Auto von
+Bahnhof abholen sollten. Das hat sich also geregelt.
+
+Im Zug sprachen wir über unsere Berufe und Freizeitbeschäftigungen,
+über Kleidergeschäfte und Technik, über dies und jenes.
+
+Als die Zeit kam, haben wir uns voneinander verabschiedet und einander eine
+gute Wieterfahrt gewünscht, und sie stieg aus. Ich blieb sitzen und schaute nicht
+zur Tür zurück.
+
+Im nächsten Zug, in dem ich meine Fahrt fortführte, befand sich
+eine Gruppe der Menschen, die untereinander gemischt Russisch und
+Ukrainisch gesprochen haben. Als wir uns der Haltestelle näherten,
+haben sie sich überlegt, wie sie den Rollstuhl eines ihrer Kollegen
+durch den engen Gang im Zug zur Tür durchbringen können.
+
+»Was ist mit ihm geschehen? Unfall? etwas anderes?«, fragte ein
+Einheimischer ein Mädchen aus der Gruppe.
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Seid ihr nicht alle zusammen?«
+
+»Oh nein, wir haben uns erst hier getroffen. Ja, ich glaube, es war ein Unfall.«