From 8a2dadcd2572fb5f472c91e8bc3957882fa48320 Mon Sep 17 00:00:00 2001 From: Eugen Wissner Date: Tue, 14 Oct 2025 19:15:51 +0200 Subject: Open the blog --- .../zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex | 125 +++++++++++++++++++++ 1 file changed, 125 insertions(+) create mode 100644 themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex (limited to 'themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex') diff --git a/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex b/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex new file mode 100644 index 0000000..c00b14a --- /dev/null +++ b/themes/posts/2015/04/zur-bedeutung-der-kunst-bei-friedrich_23.tex @@ -0,0 +1,125 @@ +--- +layout: post +date: 2015-04-23 03:20:00 +tags: Aufsatz +title: Zur Bedeutung der Kunst bei Friedrich Nietzsche. Teil 2. Gesellschaftliche Dimension der Kunst +teaser: | +

+ Die Bedeutung der Kunst endet nicht mit der Frage, welche Position sie im Leben + eines Individuums einnimmt. Nietzsche versucht seinen Kunstbegriff auf größere Menschenmengen + zu beziehen, um damit gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse zu erklären, oder + mindestens zu schauen, welche Auswirkung die Kunst oder die einzelnen Künstler auf + die menschliche Gesellschaft und Kultur haben. +

+--- +Die Bedeutung der Kunst endet nicht mit der Frage, welche Position sie im Leben +eines Individuums einnimmt. Nietzsche versucht seinen Kunstbegriff auf größere Menschenmengen +zu beziehen, um damit gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse zu erklären, oder +mindestens zu schauen, welche Auswirkung die Kunst oder die einzelnen Künstler auf +die menschliche Gesellschaft und Kultur haben. + +In einer Aufzeichnung von 1885 schreibt Nietzsche Folgendes: + +\begin{quote} +„Die mathematischen Physiker können die Klümpchen-Atome +nicht für ihre Wissenschaft brauchen: folglich construiren sie sich eine Kraft-Punkte-Welt, +mit der man rechnen kann. Ganz so, im Groben, haben es die Menschen und alle organischen +Geschöpfe gemacht: nämlich so lange die Welt zurecht gelegt, zurecht gedacht, zurecht +gedichtet, bis sie dieselbe brauchen konnten, bis man mit ihr ‚rechnen‘ +konnte.“\footcite[163]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Es existiert also keine „objektive Welt“. Die Menschen erdichten ihre eigene Welt, +in der ihnen am Besten zu Mute ist, in der sie leben können und wollen. Und dies ist +genau, das was bereits für den jungen Nietzsche eine menschliche Kultur ausmacht. +Das Dionysische ist das Fundament auf dem die Kulturen entstehen, „der ungeheure Lebensprozess +selbst, und Kulturen sind nichts anderes, als die zerbrechlichen und stets gefährdeten +Versuche, darin eine Zone Lebbarkeit zu schaffen“.\footcite[59]{safranski:biographie} + +Im Zusammenhang mit der menschlichen Kultur führt Nietzsche den Krieg als ein dionysisches +Element ein, und dieses Element beinhaltet auch „die Bereitschaft zum lustvollen +Untergang“.\footcite[59]{safranski:biographie} Nietzsche, der selbst im Krieg +einige Wochen als Sanitäter beteiligt war, sieht im Krieg als zerstörerischer +Macht des Dionysus eine positive Potenz, und zwar erwartet er, dass dem +Vernichten das Werden folgt, mit anderen Worten erhofft er eine Erneuerung +der Kultur. Die Grausamkeit des Krieges um der Erneuerung der Kultur willen scheint +übertrieben und grauenvoll zu sein. Daher hat der Krieg eine Umgestaltung durch die +bildende apollinische Kraft nötig.\footcite[Vgl.][58--61]{safranski:biographie} Nietzsche +greift wieder auf das Vorbild der Griechen, die „ein Beispiel dafür, wie diese kriegerische +Grausamkeit sublimiert werden kann durch den Wettkampf, der überall stattfindet, in +der Politik, im gesellschaftlichen Leben, in der Kunst.“\footcite[62]{safranski:biographie} +„Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage: der +Krieg ist es, der jede Sache heiligt!“\footcite[109]{nietzsche:fragmente} +schreibt er im November 1882 -- Februar 1883. + +Auch auf der kulturellen Ebene balancieren die zwei grundlegenden Lebensmächte, +das Dionysische und Apollinische, einander aus. Jede Kultur benötigt apollinische +Bilder, um das Leben ertragen zu können, aber es besteht die Gefahr, dass die Kultur +erstarrt und die dionysische Dynamik verliert, und dann muss sich das Dionysische +wieder in den Weltprozess deutlicher einmischen.\footcite[Vgl.][62 f]{safranski:biographie} + +Ein anderer Grund, den Krieg als eine unabdingbare Komponente der Entwicklung anzusehen, +besteht darin, dass die Kultur für Nietzsche die oberste Position in der Pyramide +der Menschheitswerke. Alles andere ist ihr untergeordnet: Gelehrsamkeit, Religion, +Staat.\footcite[Vgl.][63]{hayman:biographie} + +Kennzeichnend dafür, welche Bedeutung die Kultur hat, ist, wie Nietzsche die Rolle +des Künstlers in einer Gesellschaft einschätzt. So heißt es am Ende 1870 -- April 1871: + +\begin{quote} +„Ich würde aus meinem idealen Staate die sogenannten ‚Gebildeten‘ hinaustreiben, +wie Plato die Dichter: dies ist mein Terrorismus.“\footcite[22]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Die Dichter, die Künstler dürfen keinesfalls aus dem Nietzsches Staat ausgetrieben +werden. Ganz im Gegenteil, für ihr Wohlergehen müssen alle Bedingungen erschaffen +werden. Auch in dieser Hinsicht ist das antike Griechenland ein Vorbild für Nietzsche. +Er verteidigt die damalige Sklaverei als notwendige Bedingung für das Wohl der „höchsten +Exemplaren“ einer Gesellschaft, die ihrerseits den Beitrag zum Aufblühen der Kultur +leisten.\footcite[Vgl.][67]{hayman:biographie} Nietzsche hat keineswegs illusionäre +Vorstellungen bezüglich der Sklaverei, vielmehr lobt er die grausame Ehrlichkeit der +Griechen, die „die letzten Geheimnisse ‚vom Schicksale der Seele‘ und Alles, was sie +über die Erziehung und Läuterung, vor Allem über die unverrückbare Rangordnung und +Werth-Ungleichheit von Mensch und Mensch wußten, sich aus ihren dionysischen Erfahrungen +zu deuten suchten: […]“.\footcite[169]{nietzsche:fragmente} Es ist +auch nicht so, dass Nietzsche die Demokratie verachtet, weil sie zu Gleichheit der +Menschen untereinander führt. Er glaubt einfach nicht, dass in einem demokratischen +Staat, das Verhältnis sich ändert. Die demokratische Gleichheit ist für ihn eine Lüge: + +\begin{quote} +In neuerer Zeit wird die Welt der Arbeit geadelt, aber das sei Selbstbetrug, +denn an der fundamentalen Ungerechtigkeit der Lebensschicksale, die den einen +die mechanischen Arbeit und den Begabteren das schöpferische Tun zuweist, ändere +auch die \underline{Begriffs-Hallucination} von der \underline{Würde der Arbeit} +nichts."\footcite[68]{safranski:biographie} +\end{quote} + +Nietzsche zieht sozusagen die dionysische Wahrheit, die besagt, dass das menschliche +Sein von vornherein ungerecht ist, der apollinischen Einbildung, dass die Demokratie +eine Gerechtigkeit gleicher Menschen garantieren kann, vor. Nietzsche idealisiert +auch die privilegierte Kaste eines derartigen Staates nicht und fragt sich, „[o]b +man nicht ein Recht hat, alle großen Menschen unter die bösen zu rechnen“.\footcite[147]{nietzsche:fragmente} +Nietzsche beschreibt diese Welt als eine „Sich-selber-widersprechendste, und dann +wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück +bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner +Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein +Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt -: diese meine +dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens“.\footcite[158]{nietzsche:fragmente} +Als dionysische Welt ist sie in sich absurd und widersprüchlich. Die Vereinigung der +Gegensätze in sich ist auch der Maßstab für die Größe des Künstlers und das ist auch +eben, was ihn „böse“ macht, denn den Tugenden wohnt der Frevel bei, die kreative Kraft +wird durch die zerstörerische vervollständigt. So antwortet Nietzsche auf seine Frage: + +\begin{quote} +„[D]ie Größten haben vielleicht auch große Tugenden, +aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem Vorhandensein der +Gegensätze, und aus deren Gefühle, gerade der große Mensch, der Bogen mit der großen +Spannung, entsteht.“\footcite[147]{nietzsche:fragmente} +\end{quote} + +Genauso wie der Krieg ein Aspekt der Kultur ist, ohne den Nietzsche ihre dynamische +Entwicklung sich nicht vorstellen kann, genauso ist die prinzipielle Ungleichheit +und Grausamkeit der Menschen gegenüber einander etwas, worauf die Kultur beruht, und +was sie apollinisch, d.h.\ für den Menschen erträglich zu gestalten sucht. Und so verwendet +Nietzsche dieselben Prinzipien des Dionysischen und des Apollinischen, die er entdeckt +hat, um das kulturelle Leben einer Gesellschaft zu beschreiben. -- cgit v1.2.3