From 2f2da4ad81a290f38beb1f6fad2492d341c6fd51 Mon Sep 17 00:00:00 2001 From: Eugen Wissner Date: Sun, 2 Aug 2026 23:36:09 +0200 Subject: Post Marx' Kapital --- posts/2026/07/marx-kapital.tex | 414 +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ 1 file changed, 414 insertions(+) create mode 100644 posts/2026/07/marx-kapital.tex (limited to 'posts/2026') diff --git a/posts/2026/07/marx-kapital.tex b/posts/2026/07/marx-kapital.tex new file mode 100644 index 0000000..50ed6d8 --- /dev/null +++ b/posts/2026/07/marx-kapital.tex @@ -0,0 +1,414 @@ +--- +layout: post +date: 2026-07-25 20:00:00 +tags: Aufsatz +title: Das marxsche Kapital. Eindrücke und Überlegungen aus der Perspektive eines Nicht-Ökonomen +teaser: | +

+ Das Kapital ist ein mehrbändiges Hauptwerk von Karl Marx. Marx entwickelt + Geld- und Werttheorien, spricht über die Entstehung der Kapitalisten- + und Arbeiterklassen und des Kapitals selbst, unterteilt das Kapital + in seine Bestandteile und verfolgt genau seine Zirkulation und Akkumulation, + untersucht sowohl individuelles Kapital einzelner Kapitalisten als auch + gesellschaftliches Kapital unter verschiedensten Betrachtungswinkeln, + diskutiert Werke und Ansichten anderer Ökonomen. +

+--- +\section{Einführung} + +\epigraph{% + Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, + das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; [\dots]. + Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, [\dots], so muß es der + Zivilisierte, [\dots]. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich + der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern + sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. [\dots]. Aber es bleibt + dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die + menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre + Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit + als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die + Grundbedingung. +}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[828]{marx:kapital:3}.} + +\textit{Das Kapital} ist ein mehrbändiges Hauptwerk von Karl Marx. Marx entwickelt +Geld- und Werttheorien, spricht über die Entstehung der Kapitalisten- +und Arbeiterklassen und des Kapitals selbst, unterteilt das Kapital +in seine Bestandteile und verfolgt genau seine Zirkulation und Akkumulation, +untersucht sowohl individuelles Kapital einzelner Kapitalisten als auch +gesellschaftliches Kapital unter verschiedensten Betrachtungswinkeln, +diskutiert Werke und Ansichten anderer Ökonomen. + +Das Werk ist nicht nur als \glqq{}Kritik der politischen Ökonomie\grqq{}, +wie der Untertitel des Buches verrät, interessant, sondern auch aus der +geschichtlichen Perspektive. Während der Niederschrift lebte Marx längere +Zeit in England\autocite[Vgl.][843]{marx:kapital:1}, der +\glqq{}klassischen Stätte\grqq{} der kapitalistischen +Produktionsweise\autocite[Vgl.][12]{marx:kapital:1}. Als Beispiele für +verschiedene Phänomene des Kapitalismus hat er öfters die Folgen der +industriellen Revolution für die Arbeiterklasse herangezogen, was die +industrielle Revolution in ein ganz anderes Licht rückt, und sie nicht mehr +als dieses glorreiche Ereignis erscheinen lässt, das den Menschen die Bürde +der schweren Arbeit abgenommen und zahlreiche technische Erfindungen gegeben +hat.\autocite[Vgl.][430f]{marx:kapital:1} + +\textit{Das Kapital} eröffnet nicht nur eine neue Sicht auf die Vergangenheit, +sondern gestattet es einem auch in die Zukunft zu blicken. Wer imstande +ist, eine Parallele zwischen der Industrialisierung und Digitalisierung +zu ziehen, wird sehr viel über seine Zukunft erfahren. + +Auf den Seiten seiner Bücher finden sich keine Aufrufe zur Handlung, keine +Aufforderungen, Geld und Besitz abzuschaffen o. Ä. \textit{Das Kapital} versucht +kein Manifest, sondern eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der +politischen Ökonomie zu sein, auch wenn Marx sich an der ein oder anderen +Stelle bissigen Spott gegenüber seinen Gegnern erlaubt. Aus dem, was +bemängelt wird, kann durchaus herausgelesen werden, wie gewissen Missständen +entgegengewirkt werden kann, wobei es der Gesetzgeber ist, der die +Arbeiterklasse vor Ausbeutung schützen sollte. + +\section{Grundelemente} + +\epigraph{% + Um von Zufuhr von Kapital zu sprechen, müssen wir vor allem wissen, was + Kapital ist. Woraus besteht das Kapital? Nehmen wir seine einfachste + Erscheinung: aus Geld und Waren. +}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[871]{marx:kapital:3}.} + +Ein Kapitalist ist nicht bloß ein Schatzbildner\autocite[Vgl.][168]{marx:kapital:1}, +sondern \glqq{}personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes +Kapital\grqq{}\autocite[168]{marx:kapital:1}. Das heißt, das Kapital +verselbständigt sich und verfolgt seinen eigenen Zweck, \glqq{}und der +Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst +verwertender Wert\grqq{}\autocite[329]{marx:kapital:1}. Das Ergebnis +dieser Verwertung ist seine Vermehrung. + +Ein wichtiges Merkmal des Kapitals ist also, dass es nicht in einer Schatztruhe +brachliegt, sondern sich ständig bewegt und seine Form ändert. Geld verwandelt +sich durch einen Kauf in Waren. Bestimmte Warensorten, wie Arbeitsmaschinen und +Rohstoffe, verwandeln sich mittels Produktion in andere Waren, welche sich +wiederrum in einer Verkaufsaktion in Geld transformieren +lassen.\autocite[Vgl.][161ff]{marx:kapital:1} + +\subsection{Konstantes Kapital und variables Kapital} + +Zunächst unterscheidet Marx zwischen dem konstanten und variablen Kapital: + +\begin{quote} + Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d. h. in + Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine + Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten + Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital. + + Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen + seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent + und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder + kleiner sein kann. [\dots]. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, + oder kürzer: variables Kapital.\autocite[224]{marx:kapital:1} +\end{quote} + +Konstantes Kapital sind Arbeitsmittel und Rohstoffe. Im Produktionsprozess +sind das Maschinen, die für die Herstellung einer Ware verwendet werden, +Rohstoffe, aus denen Gegenstände hergestellt werden, aber auch +gemietete oder gekaufte Arbeitsräume, oder auch Transportmittel, ob in +der Produktion oder beim Verkauf. + +Variables Kapital sind die Arbeitskräfte bzw. der ausgezahlte Arbeitslohn. + +Diese Unterscheidung zwischen konstantem und variablem Kapital ist für Marx +entscheidend. Wenn ich eine Ware auf den Markt bringen will, rechne ich mit +gewissen Produktionskosten. Das Kapital, das ich in der Produktion der Ware +aufbrauche, macht den Preis der Ware aus. Deswegen sind einfach zu +produzierende Waren günstiger, während aufwendig zu produzierende oder +hochwertige Waren teurer sind. Das ist nur das Grundgerüst der Wertbildung. +Es ist Marx durchaus klar, dass noch weitere Faktoren in die einzelnen Preise +eingehen, weswegen er auch unterschiedliche Begriffe wie Markt- und +Produktionspreise verwendet, was im dritten Band behandelt +wird.\autocite[Vgl.][182ff]{marx:kapital:3} Nun, wenn der Käufer mir nur die +Produktionskosten erstattet, wie profitiere ich von diesem Geschäft (selbst wenn +der bezahlte Preis geringfügig über oder unter meinen Produktionskosten liegt)? +Am konstanten Kapital kann ich nicht sparen: Ich kaufe Rohstoffe und +Arbeitsmaschinen bei anderen Kapitalisten und zahle die üblichen Marktpreise. +Aber vielleicht kann ich nur einen Teil der lebendigen Arbeit, die in die Ware +eingeht, bezahlen, während ich mir die unbezahlte Arbeit aneigne. Die unbezahlte +Arbeit bildet hier den \textit{Mehrwert}, der die primäre Quelle meines Profits ist. + +Und das ist der Kern der marxschen Kritik des Kapitalismus. Der Arbeiter, dessen +Arbeit in den Warenwert eingeht, wird nur teilweise entlohnt. Einen Teil des Lohns, +der rechtmäßig dem Arbeiter gehört, behält der Kapitalist. Dabei bedient sich der +Kapitalist aller möglichen Tricksereien um den Arbietslohn niederzudrücken. Aber +die Hauptmethode ist die Monopolisierung der Produktionsmittel. Wenn der Arbeiter +nicht im Besitz der Produktionsmittel ist, die er braucht, um arbeiten zu können, +ist er gezwungen unter suboptimalen Bedingungen für den Kapitalisten zu arbeiten, +nur um sich ernähren zu können: \glqq{}Man hat gesehn, daß es die beständige Tendenz +und das Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise ist, die +Produktionsmittel mehr und mehr von der Arbeit zu scheiden und die zersplitterten +Produktionsmittel mehr und mehr in große Gruppen zu konzentrieren, also die Arbeit +in Lohnarbeit und die Produktionsmittel in Kapital zu +verwandeln\grqq{}\autocite[892]{marx:kapital:3}. + +Ferner wird das konstante Kapital in fixes und zirkulierendes Kapital unterteilt: + +\begin{quote} + Während seiner ganzen Funktionsdauer [als ein Teil des konstanten Kapitals] + bleibt ein Teil seines Werts stets in ihm fixiert, selbständig gegenüber den + Waren, die es produzieren hilft. Durch diese Eigentümlichkeit erhält dieser + Teil des konstanten Kapitals die Form: \textit{Fixes Kapital}. Alle andern + stofflichen Bestandteile des im Produktionsprozeß vorgeschoßnen Kapitals + dagegen bilden im Gegensatz dazu: \textit{Zirkulierendes} oder \textit{flüssiges} + Kapital.\autocite[159]{marx:kapital:2} +\end{quote} + +Hier wird differenziert, wie konstantes Kapital seinen Teil des Werts einer Ware +bildet. Zirkulierendes Kapital wird in der Produktion konsumiert und geht vollständig +in die Ware über, wie Rohstoffe, aus denen ein Produkt hergestellt wird. Fixes +Kapital hat eine eigenständige, von der Ware unabhängige Existenz, überträgt aber +einen Teil seines Werts auf die Ware; es wird schrittweise aufgebraucht. + +Bei der Anfertigung eines Hemdes sind Stoffe, Fäden und Knöpfe zirkulierendes +Kapital, weil das Material, das für ein Hemd notwendig ist, vollständig +aufgebraucht wird. Selbst wenn kleinere Stoffreste überigbleiben und +weggeschmissen werden, so ist es doch einkalkuliert, dass nicht jeder +Zentimeter physisch zu einem Teil des Hemdes wird. Die Rede ist von einem +vollständigen Übertragen des Wertes. + +Um Stoffe, Fäden und Knöpfe in ein Hemd zu verwandeln, sind Werkzeuge notwendig: +u. a. eine Nähmaschine, ein Bügeleisen. Natürlich werden aber diese Werkzeuge +nicht in der Produktion aufgebraucht. Sie können verwendet werden, um viele weiteren +Hemden herzustellen. Andererseits sind diese Werkzeuge nicht ewig und müssen +irgendwann ersetzt werden. Der Kauf und die Pflege (z. B. Reparaturen) solcher +Werkzeuge werden zu einem Wertteil der von ihnen produzierten Waren, aber +sie übertragen ihren Wert auf die Waren stufenweise, was sie zu fixem Kapital +macht. + +Und das Bindeglied zwischen dem Werkzeug und Rohstoff ist der Arbeiter, der die +Maschinen bedient. Seine Arbeit fließt in den Wert der Ware als variables +Kapital ein. + +\section{Kapitalismus heute} + +\subsection{Verwechslung des Kapitalismus mit Sozialismus} + +Einige Kritiker der modernen sozialen Ordnung verweisen zwar zurecht auf +Probleme, wie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und allgemeine +Verarmung der Bevölkerung, schieben aber gerne anderen die Schuld in die +Schuhe. Eigentlich sei der Kapitalismus so großartig und mache alle reich +und wohlhabend, aber die bösen Sozialisten oder Kommunisten hätten die Macht +ergriffen und würden den gemeinen Mann enteignen. Die erste Frage, die aufkommt, +ist: Woher kommt der Sozialismus oder Kommunismus in dieses blühende +kapitalistische Paradies? Nach einer kurzen Zeit der Prosperität geht die +Wirtschaft zunehmend den Bach runter, das Reichtum konzentriert sich in den +Händen weniger Monopolen (Kapitalisten), während andere verarmen und immer +mehr schuften müssen; aber schuld daran soll der Sozialismus sein, und nicht +das, was dazu geführt hat, nämlich die kapitalistische Produktionsweise? Und +selbst wenn sozialistische Stimmungen stärker werden, dann nicht, weil Menschen +so glücklich in ihrer Lebenssituation sind. + +Liebend gern wird immer die gleiche Geschichte erzählt, wie man den +Sozialismus und Kommunismus versucht habe zu verwirklichen, und wie es in der +Praxis scheiterte. Ein Glück, dass der Kapitalismus auf lange Sicht immer so gut +funktioniert, dass Menschen so sehr verzweifeln, dass sie bereit sind, das +ganze System zu stürzen. + +Diese Wirtschaftsmodelle funktionieren gleich schlecht, weil sie im Endeffekt +an der Korruptheit der leitenden Kräfte scheitern. Im Sozialismus wäre es die +Regierung, die das soziale System regulieren sollte, aber ihre Macht +missbraucht, um die eigene Clique auf Kosten der Arbeiterklasse zu +bereichern. Im Kapitalismus kommt eine kleine Klasse mit Gewalt an das +ursprüngliche Kapital, dass sich dann immer weiter akkumuliert, indem +es den anderen die Lebenskraft aussaugt. + +\begin{quote} + Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z. B. das + Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die konzentrierte + und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß + der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu + fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer + jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger + geht.\autocite[779]{marx:kapital:1} +\end{quote} + +Auch hier spielen die Regierenden eine entscheidende Rolle, weil sie die +Möglichkeit haben, diese Mächte im Austausch für eine Gegenleistung durch +die Gesetzgebung oder ihr politisches Agieren zu begünstigen.\@ \glqq{}Aber +der Krieg läßt sich nicht schlecht an. Bis alle Länder drin sind, kann er +vier, fünf Jahr dauern wie nix. Ein bissel Weitblick und keine Unvorsichtigkeit, +und ich mach gute Geschäft.\grqq{}\autocite[20]{brecht:courage} + +Auf welchem Planeten wohl die Libertären leben, die von den Märkten, die +sich selbst regulieren, faseln. + +\subsection{Digitalisierung und kapitalistische Produktionsweise} + +\epigraph{% + An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren + Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den + Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt + sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden + und sich durchsetzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land + zeigt dem minder etwickelten nur das Bild der eignen Zukunft. +}{\textit{Das Kapital}\\Karl Marx\footnotemark}\footnotetext{\cite[12]{marx:kapital:1}.} + +Eines der Aspekte der kapitalistischen Produktion ist die Aneignung der +Produktionsmittel, die aus dem Besitz der Arbeiterklasse an die +Kapitalistenklasse übertragen werden. Das heißt, um Garn zu produzieren, +brauche ich neben der Baumwolle einen Webestuhl oder eine industrielle +Spinnmaschine. Einen Webestuhl kann ich mir leisten, aber die Garnproduktion +ist viel langsamer als mit Verwendung einer Maschine, sodass ich nicht +genug produziere, damit ich davon leben kann. Andererseits sind die Maschinen +im Besitz einer Handvoll Menschen, für die ich gezwungen bin +zu arbeiten, selbst wenn die Entlohnung miserabel ist, weil ich sonst +nicht konkurrenzfähig wäre: \glqq{}Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das +Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der +zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit +zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu +produzieren, [\dots]\grqq{}\autocite[250]{marx:kapital:1}. + +Die Maschinerie erlaubt es dem Kapitalisten, den Arbeiter an sich zu binden. + +In einer digitalisierten Gesellschaft findet die Computertechnik direkt oder +indirekt Anwendung in vielen Arbeitsbereichen und Berufen. Und seit einiger Zeit +lässt sich das Bestreben feststellen, die Nützlichkeit der Computer für den +einzelnen Anwender zu verringern und die Anwender stattdessen von der Computertechnik +der IT-Giganten abhängig zu machen. + +Es hat damit angefangen, dass immer mehr Software-Anbieter zu Abonnement-Modellen +wechselten. Das heißt, die Software wird nicht gekauft und kann dann uneingegrenzt +genutzt werden, sondern die Software wird gegen eine regelmäßige Gebühr ausgeliehen +und kann genutzt werden, nur solange die Gebühr gezahlt wird. Selbst die Version, die +ursprünglich bezahtl wurde, wird unbrauchbar. Man zahlt nicht dafür, dass an der +Software gearbeitet und sie aktualisiert wird, sondern für ein Nutzungsrecht. + +Wenn die Software einmal erfolgreich ist, kann nicht nur sie selbst, es können +auch Zusatzfunktionen separat nach dem gleichen Prinzip angeboten werden. + +Öfters wird die Software auch nicht mal auf dem eigenen Rechner des Anwenders +installiert, sondern kann nur in der \glqq{}Cloud\grqq{}, über das Internet, genutzt +werden. Der Anwender ist in diesem Fall komplett von der Gnädigkeit der +Software-Betreiber abhängig. Der Betreiber kann immer weiter Preise anheben +oder Bestandteile seines Produkts kostenpflichtig machen, ohne befürchten zu müssen, +viele Kunden zu verlieren, weil diese entweder keine Alterantive kennen oder +ein Umstieg einmalige Kosten verursachen würde, die der Kunde nicht tragen +will (Mitarbeiterschulung, Datenmigration). + +Wenn die Software dem Besitz des unmittelbaren Anwenders entrissen werden kann +(sei es eine Privatperson oder ein Unternehmen), kann die Hardware folgen. An +sich ist die Vermietung der Hardware nicht neu. Als Betreiber eines Internet-Dienstes +hat man besondere Anforderungen an Hardware und Erreichbarkeit eines +Server-Systems, die außerhalb eines Rechenzentrums nicht erfüllt werden können: +Stromversorgung muss rund um die Uhr gesichert sein, die Internetverbindung +ohne Unterbrechungen funktionieren, Hardware muss redundant sein, damit im Fall +eines Ausfalls einer Komponente das System weiterhin funktioniert. Inzwischen +sind aber die Preise auf einige der grundlegenden Computerkomponenten so gestiegen, +zunächst auf Grafikkarten, dann RAM und Datenträger, dass ein leistungsstarkes +Computersystem immer kostenspieliger wird. + +Während die Endverbraucher-Hardware teurer wird, wird die Software ineffizienter +und hat höhere Systemanforderungen. Niklaus Wirth hat das sogenannte Wirthsche Gesetz +formuliert: + +\begin{quote} +\begin{itemize} + \item Software expands to fill the available memory. (Parkinson) + \item Software is getting slower more rapidly than hardware becomes + faster. (Reiser)\autocite[64]{wirth:plea} +\end{itemize} +\end{quote} + +In \glqq{}A Plea for Lean Software\grqq{} spricht Wirth die Problemathik +der Komplexität der Software an und wie diese mit dem Profit der IT-Unternehmen +zusammenhängt: \glqq{}Customer dependence is more profitable than customer +education.\grqq{}\autocite[65]{wirth:plea} Statt eines Produkts, das auf einem +systematischen Konzept basiert, das erlernt werden kann, wird ein Produkt +entwickelt, das versucht, jeden einzelnen Anwendungsfall mit einer +Spezialfunktion abzudecken.\autocite[Vgl.][65]{wirth:plea} Neue Funktionen +kommen unkontrolliert hinzu mit allen Folgen wie Performanzprobleme und +Sicherheitslücken, aber sie machen den Kunden von dieser konkreten Software +abhängig. + +Und der Höhepunkt dieser Tendenz, \glqq{}Personal Computer\grqq{} unpersönlich +zu machen, ist natürlich die Bestrebung, überall Large Language Models +(LLM) aufzuzwigen. Für diese Diskussion ist es irrelevant, ob LLMs eine Zukunft +haben oder nicht. Aktuell werden sie als Zukunftstechnologie beworben, die den Mitarbeiter +effizienter mache (oder entbehrlich, wenn die Zielgruppe der Werbung +Unternehmensführung ist). Es wird gerne mit der menschlichen Angst +gespielt: wer LLMs nicht nutze, sei nicht produktiv, und wer es nicht lerne, +bleibe zurück. + +Heute gängige LLMs müssen an einer riesigen Menge Daten trainiert werden und brauchen +enorme Ressourcen, um nützlich zu sein, was viele Rechenzentren erforderlich macht, die sich +nur wenige IT-Giganten leisten können. Also profitieren die letzteren von einer +Arbeitswelt (eigentlich einer Lebenswelt), wo niemand seine Arbeit ausüben kann, +ohne in jedem Schritt ein LLM konsultieren zu müssen. Denn LLMs scheinen ihre +Anwender abhängig zu machen, -- wer sie ständig für eine bestimmte Aufgabe +verwendet, wird diese Aufgabe nicht mehr selbständig, ohne die LLM erfüllen können. + +Das ist wahrhaftig die Übetragung der Produktionsmittel in die Hände einiger weniger, +welche auf diese Weise dazu befähigt werden, die Arbeiterklasse auszubeuten, +die auf diese Mittel angewiesen ist. + +\subsection{Arbeitsmoral des Kapitalismus} + +Um mehr Mehrarbeit und Mehrwert aus den Arbeitern herauszuschlagen kann einerseits +der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung vergrößert werden (siehe \glqq{}Aneignung +zuschüssiger Arbeitskräfte durch das Kapital. Weiber- und +Kinderarbeit\grqq{}\autocite[Vgl.][416ff]{marx:kapital:1}). Bei einer gegebenen +Arbeiterzahl kann dann \glqq{}Verlängerung des +Arbeitstags\grqq{}\autocite[Vgl.][425ff]{marx:kapital:1} und \glqq{}Intensifikation +der Arbeit\grqq{}\autocite[Vgl.][431ff]{marx:kapital:1} angestrebt werden. +In die moderne Sprache übersetzt, heißen diese 3 Wege zur Exploitation der Arbeitskraft: + +\begin{enumerate} + \item Gleichberechtigung + \item Viel arbeiten + \item Produktiv sein +\end{enumerate} + +Und hier wird deutlich, woher die Wertvorstellungen stammen, die den modernen +Menschen von klein auf beigebracht werden. Billionäre erzählen denen, die nur +Brotkrümel von ihres Herren Tisch sammeln, dass jeder reich, berühmt und +erfolgreich werden könne, wenn er nur viel und fleißig arbeite. An jeder Ecke +wird für Methoden und Hilfsmittel, eigene Produktivität zu steigern, geworben. + +\section{Rückblick} + +Amerikaner sprechen heute gerne vom \glqq{}late-stage capitalism\grqq{}. Ich +finde diesen Begriff irreführend, weil der Abgrund, in den die +Gesellschaft blickt, leider noch um einiges tiefer sein könnte. Marx betrachtet +den Kapitalismus nicht zu jeder Zeit als einen monotonen Prozess. Entwickelte +kapitalistische Produktion ist gekennzeichnet durch regelmäßig wiederkehrende +Krisen, \glqq{}worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung, +mittleren Lebendigkeit, Überstürzung, Krise +durchmacht\grqq{}\autocite[185f]{marx:kapital:2}. Die Produktion wird +gesteigert, bis der Markt überfüllt ist, und die Produktion unter die vorher +erreichte Stufe sinkt; Ab dieser Stufe entwickelt sie sich weiter, bis +es wieder in die Überproduktion mündet.\autocite[Vgl.][506f]{marx:kapital:3} +Ein anderes Beispiel: + +\begin{quote} +Nach demselben [ökonomischen Dogma] steigt infolge +der Kapitalakkumulation der Arbeitslohn. Der erhöhte Arbeitslohn spornt zur +rascheren Vermehrung der Arbeiterbevölkerung, und diese dauert fort, bis der +Arbeitsmarkt überfüllt, also das Kapital relativ zur Arbeiterzufuhr unzureichend +geworden ist. Der Arbeitslohn sinkt, und nun die Kehrseite der Medaille. Durch +den fallenden Arbeitslohn wird die Arbeiterbevölkerung nach und nach dezimiert, +so daß ihr gegenüber das Kapital wieder überschüssig wird, [\dots]. So tritt +wieder das Verhältnis ein, worin die Arbeitszufuhr niedriger als die +Arbeitsnachfrage, der Lohn steigt usw.\autocite[Vgl.][667]{marx:kapital:1} +\end{quote} + +Andererseits schreibt der Herausgeber von \textit{Das Kapital}, Friedrich +Engels, dass diese periodische und temporäre Krisenbildung nicht ewig +andauert und früh oder spät in eine permanente chronische Krise umschlägt: +\glqq{}Der zehnjährige Zyklus von Stagnation, Prosperität, Überproduktion und +Krise, der von 1825 bis 1867 immer wiederkehrte, scheint allerdings abgelaufen +zu sein; aber nur um uns im Sumpf der Verzweiflung einer dauernden und +chronischen Depression landen zu lassen. Die ersehnte Periode der +Prosperität will nicht kommen; [\dots].\grqq{}\autocite[4]{marx:kapital:1} + +Selbst wenn nicht jedes Element der marxistischen Theorie plausibel zu sein +scheint, fasziniert es einen zu sehen, wie viele der von Marx beschriebenen +Erscheinungen auch heute noch aktuell sind, wenn man sich vom geschichtlichen +Kontext, in dem \textit{Das Kapital} steht, abstrahiert. So bleibt Marx' +Warnung an seine Zeitgenossen über das Wesen des Kapitalismus auch für deren +Nachfolger gültig. Und genauso wie seine Zeitgenossen werden auch deren +Nachfolger sich über ihn lustig machen und diese Warnung ignorieren, bis sie +eines Tages auf die Nase fallen. -- cgit v1.2.3